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Gutenberg > Rudyard Kipling >

Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Die Katze, die allein spazierenging

Zeicnung R. Kipling

Hör zu und paß gut auf: denn dies geschah und passierte und war, mein Liebling, in der Zeit, als die zahmen Tiere wild waren. Der Hund war wild, und das Pferd war wild, und die Kuh war wild, und das Schaf war wild, und das Schwein war wild – so wild, wie ein Tier nur wild sein kann –, und sie liefen im nassen, wilden Wald umher auf ihren eigenen wilden Wegen. Aber das wildeste von allen wilden Tieren war die Katze. Sie ging allein spazieren, und es war ihr ganz gleich, wo.

Der Mensch natürlich war auch wild. Er war schrecklich wild. Und er fing nicht eher an zahm zu werden, als bis er die Frau traf, und die sagte ihm, daß sie nicht in der wilden Weise leben möchte wie er. Sie suchte eine hübsche, trockene Höhle aus, um darin zu schlafen statt auf einem Haufen nasser Blätter; und sie streute reinen Sand auf den Boden und machte ein hübsches Holzfeuer hinten in der Höhle und hängte die getrocknete Haut eines wilden Pferdes – Schwanz nach unten – vor den Eingang der Höhle, und dann sagte sie:

»Tritt dich ab, Lieber, wenn du nach Hause kommst, und nun kann die Wirtschaft hier ihren Anfang nehmen.«

Den Abend, Liebling, aßen sie wildes Schaffleisch, auf heißen Steinen geröstet und mit wildem Knoblauch und wildem Pfeffer gewürzt; und wilde Ente mit wildem Reis und wildem Bockshornklee und wildem Anis gefüllt und Markknochen von wilden Ochsen und wilde Kirschen und wilde Granadillfrucht. Dann legte der Mann sich am Feuer schlafen und war wer weiß wie froh; aber die Frau blieb sitzen und kämmte ihr Haar. Sie nahm den Knochen von einer Hammelschulter, den großen, platten Schulterknochen, und betrachtete die merkwürdigen Zeichen darauf, und sie warf mehr Holz ins Feuer und machte dann einen Zauber. Sie machte den ersten Sangeszauber in der Welt.

Draußen in den nassen, wilden Wäldern sammelten sich alle die wilden Tiere auf einem Platz, von dem sie das Licht des Feuers weither sehen konnten, und sie wunderten sich, was es bedeutete.

Da stampfte das wilde Pferd mit seinem wilden Fuß und sagte:

»O meine Freunde und o meine Feinde, warum haben der Mann und die Frau das große Licht in der großen Höhle gemacht, und was wird es uns Schlimmes antun?«

Der wilde Hund hob seine wilde Nase auf und schnüffelte und schnüffelte nach dem gerösteten Hammel und sagte:

»Ich will hingehen und sehen und schauen und sagen, denn mich dünkt, es ist gut. Katze, komm mit!«

»Nee, nee!« sagte die Katze. »Ich bin die Katze, die allein spazierengeht, und mir ist es gleich, wo. Ich gehe nicht mit.«

»Dann können wir nie wieder Freunde werden«, sagte der wilde Hund, und er trottete weg nach der Höhle. Aber als er ein Weilchen fort war, sprach die Katze zu sich selbst:

»Mir sind alle Plätze gleich. Warum soll ich nicht auch gehen und sehen und schauen und wieder weggehen, wenn es mir beliebt?« So schlüpfte sie hinter dem wilden Hund her und verbarg sich da, wo sie alles hören konnte.

Als der wilde Hund den Eingang der Höhle erreichte, hob er mit seiner Nase die getrocknete Pferdehaut in die Höhe und schnüffelte den wunderschönen Geruch des gebratenen Hammels ein, und die Frau, die gerade den Schulterknochen betrachtete, hörte ihn und lachte und sagte: »Da kommt der erste! Wildes Ding aus den wilden Wäldern, was willst du?«

Der wilde Hund sagte: »O mein Feind und Weib meines Feindes, was ist das, was so prachtvoll riecht in den wilden Wäldern?«

Da hob die Frau einen gerösteten Hammelknochen auf und warf ihn dem wilden Hund hin und sagte: »Wildes Ding aus den wilden Wäldern, schmecke und versuche.«

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild der Höhle, in der der Mann und die Frau zu allererst lebten. Es war wirklich eine sehr hübsche Höhle und viel wärmer, als sie aussieht. Der Mann hatte ein Kanoe; es liegt halb im Fluß, um Wasser einzusaugen, damit es sich wieder ausdehnt. Das zerlumpte Ding mitten im Fluß ist das Lachsnetz des Mannes, mit dem er Lachse fängt. Da liegen nette, reine Steine vom Fluß aufwärts zum Eingang der Höhle, damit der Mann und die Frau Wasser holen können, ohne Sand zwischen die Zehen zu bekommen. Die Dinger fernab auf dem Ufer, die wie schwarze Käfer aussehen, sind in Wirklichkeit Stämme von abgestorbenen Bäumen, die im Fluß heruntertrieben, aus den nassen, wilden Wäldern am andern Ufer. Der Mann und die Frau pflegten sie herauszuziehen und zu Brennholz zu zerschneiden. Die Gardine von Pferdehaut am Eingang der Höhle habe ich nicht gezeichnet, weil die Frau sie gerade abgenommen hatte, zum Reinmachen. All die kleinen Klexereien zwischen der Höhle und dem Fluß sollen die Fußspuren der Frau und des Mannes sein.

Der Mann und die Frau sind inwendig in der Höhle. Sie essen gerade zu Mittag. Als das Baby ankam, bezogen sie eine andere, behaglichere Höhle, denn das Baby krabbelte öfter hinunter an den Fluß und fiel hinein, und der Hund mußte es wieder herausholen.

Der wilde Hund nagte den Knochen, und der war delikater als alles, was er bisher geschmeckt hatte, und er sagte: »O mein Feind und Weib meines Feindes, gib mir noch einen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den wilden Wäldern, hilf meinem Manne am Tage zu jagen und bewache seine Höhle in der Nacht, und ich will dir soviel gebratene Knochen geben, wie du nötig hast.«

»Ah!« sagte die Katze, horchend, »das ist eine kluge Frau; aber sie ist nicht so klug wie ich.«

Der wilde Hund kroch in die Höhle und legte seinen Kopf auf den Schoß der Frau und sagte: »O mein Freund und Weib meines Freundes, ich will deinem Manne am Tage helfen zu jagen, und in der Nacht will ich euere Höhle bewachen.«

»Ah!« sagte die Katze, horchend, »das ist ein närrischer Hund.« Und sie ging zurück in die nassen, wilden Wälder, schwenkte ihren wilden Schwanz und spazierte auf ihren wilden Wegen. Aber sie sagte keinem ein Wort.

Als der Mann aufwachte, sagte er: »Was will das wilde Ding hier?« Und die Frau sagte:

»Sein Name ist nicht mehr Wilder Hund; sein Name ist Erster Freund, denn er wird unser Freund sein für immer und immer und immer. Nimm ihn mit dir, wenn du auf die Jagd gehst.«

Den nächsten Abend schnitt die Frau viele Armvoll frisches, grünes Gras von den Wasserwiesen und trocknete es vor dem Feuer, und es duftete wie frisch gemähtes Heu, und sie saß am Eingang der Höhle und flocht einen Halfter aus Pferdehaut, und sie betrachtete den Hammelschulterknochen, den großen, breiten Schulterknochen – und sie machte einen Zauber. Sie machte den zweiten Sangeszauber in der Welt.

Draußen in den wilden Wäldern wunderten alle die wilden Tiere sich, was wohl aus dem wilden Hund geworden wäre, und zuletzt stampfte das wilde Pferd mit seinem wilden Fuß und sagte:

»Ich will gehen und sehen und sagen, warum ist der wilde Hund nicht zurückgekommen? Katze, geh mit mir!«

»Nee, nee!« sagte die Katze, »ich bin die Katze, die allein spazierengeht, und mir ist es gleich, wo. Ich will nicht mit.«

Aber trotzdem folgte sie dem wilden Pferd leise, ganz leise, und verbarg sich da, wo sie alles hören konnte.

Als die Frau das wilde Pferd trampeln und über seine lange Mähne stolpern hörte, lachte sie und sagte: »Da kommt der zweite. Wildes Ding aus den wilden Wäldern, was willst du?«

Das wilde Pferd sagte: »O mein Feind und Weib meines Feindes, wo ist der wilde Hund?«

Die Frau lachte und hob den Schulterknochen auf und betrachtete ihn und sagte:

»Wildes Ding aus den wilden Wäldern, du bist nicht hergekommen wegen des wilden Hundes; du bist hergekommen wegen des guten Heus.«

Und das wilde Pferd, trampelnd und über seine lange Mähne stolpernd, sagte: »Das ist wahr; gib es mir zu fressen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den wilden Wäldern, beuge deinen wilden Kopf und trage, was ich dir gebe, und du sollst das prachtvolle Heu fressen, dreimal jeden Tag.«

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild von der Katze, die allein spazierenging durch die nassen, wilden Wälder, wie sie ihren wilden Schwanz schwenkte und auf wilden Wegen spazierte. Es ist nichts weiter auf dem Bild als ein paar Giftpilze. Das lumpige Ding an dem niedrigen Zweig ist kein Vogel. Es ist Moos, das da wuchs, weil die wilden Wälder so naß waren.

Unterhalb des wirklichen Bildes ist ein Bild der behaglichen Höhle, die der Mann und die Frau bezogen, als das Baby gekommen war. Es war ihre Sommerhöhle. Vorn vor der Höhle wächst Weizen. Der Mann reitet auf dem Pferd. Er sucht die Kuh, die in der Höhle gemolken werden soll. Er hält seine Hand in die Höhe, um dem Hund zu winken, der an die andere Seite des Flusses geschwommen ist, um hinter Kaninchen herzujagen.

»Ah!« sagte die Katze, horchend, »das ist eine ausgezeichnet kluge Frau; aber nicht so klug, wie ich bin.«

Das wilde Pferd beugte seinen wilden Kopf, und die Frau legte ihm den Halfter aus geflochtener Haut an, und das wilde Pferd schnaufte zu den Füßen der Frau und sagte:

»O meine Herrin und Weib meines Herrn, ich will euer Diener sein um des prachtvollen Grases willen.«

»Ah!« sagte die Katze, horchend, »das ist ein sehr närrisches Pferd.«

Und sie ging zurück in die nassen, wilden Wälder und schwenkte ihren wilden Schwanz und spazierte auf ihren wilden Wegen. Aber sie sagte keinem ein Wort.

Als der Mann und der Hund von der Jagd kamen, sagte der Mann: »Was will das wilde Pferd hier?« Und die Frau sagte: »Sein Name ist nicht mehr Wildes Pferd, sein Name ist der Erste Diener, denn es wird uns tragen von Ort zu Ort, für immer und immer und immer. Reite auf seinem Rücken, wenn du auf die Jagd gehst.«

Am nächsten Tage ging die Wilde Kuh, ihren wilden Kopf hoch haltend, damit ihre wilden Hörner nicht in den wilden Bäumen festhakten, nach der Höhle, und die Katze folgte ihr und verbarg sich genauso wie vorher; und alles passierte genauso wie vorher, und die Katze sagte dasselbe wie vorher. Und als die wilde Kuh versprochen hatte, der Frau jeden Tag ihre Milch zu geben, im Austausch für das prachtvolle Gras, ging die Katze zurück in die nassen, wilden Wälder, schwenkte ihren wilden Schwanz und spazierte auf ihren wilden Wegen, genauso wie vorher. Aber sie sagte keinem ein Wort. Und als der Mann und das Pferd und der Hund von der Jagd kamen, stellte er dieselbe Frage wie vorher. Und die Frau sagte:

»Sie heißt nicht mehr Wilde Kuh; sie heißt Geberin guter Nahrung. Sie wird uns die warme, weiße Milch geben für immer und immer, und ich will für sie sorgen, während du mit dem Ersten Freund und dem Ersten Diener auf die Jagd gehst.«

Am nächsten Tage paßte die Katze auf, ob irgendein anderes wildes Ding nach der Höhle gehen würde, aber keins ging fort aus den nassen, wilden Wäldern; und so ging die Katze allein. Und sie sah die Frau die Kuh melken und sah das Licht vom Feuer in der Höhle und roch den Geruch von der warmen, weißen Milch.

Katze sagte: »O mein Feind und Weib meines Feindes, wo ist die wilde Kuh?«

Die Frau lachte und sagte: »Wildes Ding aus den wilden Wäldern, gehe zurück in die Wälder, denn ich habe mein Haar geflochten und habe den magischen Schulterknochen weggelegt, weil wir weder Freunde noch Diener mehr brauchen in unserer Höhle.«

Katze sagte: »Ich bin kein Freund, und ich bin kein Diener. Ich bin die Katze, die allein spazierengeht, aber ich möchte gern in eure Höhle kommen.«

Frau sagte: »Warum kamst du dann nicht mit dem Ersten Freund in der ersten Nacht?«

Katze wurde sehr bös und sagte: »Hat der wilde Hund Geschichten von mir erzählt?«

Da lachte die Frau und sagte: »Du bist die Katze, die allein spazierengeht, und es ist dir gleich, wo. Du bist weder ein Freund noch ein Diener. Du hast es selbst gesagt. Geh fort, und geh allein spazieren, da alle Plätze dir gleich sind.«

Da tat die Katze so, als wäre sie betrübt und sagte:

»Darf ich niemals in die Höhle kommen? Darf ich niemals bei dem warmen Feuer sitzen? Darf ich niemals weiße, warme Milch trinken? Du bist so weise und so schön. Du solltest nicht grausam sein, nicht einmal gegen eine Katze.«

Frau sagte: »Daß ich weise war, wußte ich, aber ich wußte nicht, daß ich schön war. So will ich denn einen Vertrag mit dir machen. Wenn jemals ich ein Wort zu deinem Lob sage, dann darfst du in die Höhle kommen.«

»Und wenn du zwei Worte zu meinem Lobe sagst?« frug die Katze.

»Das wird nie geschehen«, sagte die Frau, »aber wenn ich zwei Worte zu deinem Lob sage, darfst du beim Feuer in der Höhle sitzen.«

»Und wenn du drei Worte sagst?« frug die Katze.

»Das wird nie geschehen«, sagte die Frau. »Aber wenn ich drei Worte zu deinem Lobe sage, darfst du von der warmen, weißen Milch trinken, dreimal am Tage, für immer und immer und immer.«

Da machte die Katze einen Buckel und sagte: »Nun laß die Gardine am Mund der Höhle und das Feuer im Hintergrund der Höhle und die Milchtöpfe, die neben dem Feuer stehen, sich erinnern, was mein Feind und das Weib meines Feindes versprach.«

Und sie ging weg in die nassen, wilden Wälder und schwenkte ihren wilden Schwanz und spazierte auf ihren wilden Wegen.

Als am Abend der Mann und das Pferd und der Hund heimkamen von der Jagd, erzählte die Frau ihnen nichts von dem Vertrag, den sie mit der Katze gemacht, weil sie fürchtete, daß sie nicht damit zufrieden sein würden.

Katze ging weit, weit weg und verbarg sich in den nassen, wilden Wäldern auf ihren wilden Wegen, so lange, daß die Frau sie ganz vergessen hatte. Nur die Fledermaus – die kleine Das-Oberste-zu-unterst-Fledermaus – die inwendig in der Höhle hing, wußte, wo die Katze sich verbarg; und jeden Abend flog Fledermaus zur Katze und erzählte ihr, was passierte.

Eines Abends sagte die Fledermaus: »Es ist ein Baby in der Höhle. Es ist neu und rosa und fett und klein, und die Frau hat es sehr lieb.«

»Ah!« sagte Katze, »aber was hat das Baby lieb?«

»Das Baby mag gern Dinger leiden, die weich sind und kitzeln«, sagte Fledermaus. »Es mag gern warme Dinger in seinen Armen halten, wenn es einschlafen will. Es mag gern, daß man mit ihm spielt. All so was mag es gern.«

»Ah!« sagte die Katze, aufhorchend, »dann ist meine Zeit gekommen.«

In der nächsten Nacht ging die Katze durch die nassen, wilden Wälder und verbarg sich nahe der Höhle, bis es Morgen wurde und der Mann und der Hund und das Pferd auf die Jagd gingen. Die Frau mußte an dem Morgen kochen, und das Baby störte sie unaufhörlich. So trug sie es denn vor die Höhle und gab ihm eine Handvoll Steinchen zum Spielen. Aber das Baby schrie noch immer.

Da streckte die Katze ihre weiche Pfote aus und tappte das Baby auf die Backe, und es girrte freudig; und die Katze rieb sich gegen seine fetten Knie und kitzelte es mit dem Schwanz unter seinem fetten Kinn. Und das Baby lachte; und die Frau hörte es und lächelte.

Da sagte die Fledermaus, kleine Das-Oberste-zu-unterst-Fledermaus, die am Eingang der Höhle hing:

»O meine Gastgeberin und Weib meines Gastgebers und Mutter von meines Gastgebers Sohn, ein wildes Ding aus den wilden Wäldern spielt wunderhübsch mit deinem Baby.«

»Ein Segen über das wilde Ding, was immer es sein mag«, sagte die Frau, sich aufrichtend. »Ich hatte so viel zu tun heute, und es hat mir einen Dienst geleistet.«

Zur selben Minute und Sekunde, Liebling, fiel die getrocknete Pferdehautgardine, die, Schwanz nach unten, am Eingang der Höhle hing, herunter – Wuusch! –, denn sie erinnerte sich des Vertrages, der mit der Katze gemacht war; und wie die Frau hinging, um sie aufzuheben – sieh da! –, da saß die Katze ganz behaglich inwendig in der Höhle.

»O mein Feind und Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes«, sagte die Katze, »ich bin es! Denn du hast ein Wort zu meinem Lob gesagt, und nun kann ich in der Höhle sitzen für immer und immer und immer. Aber doch bin ich die Katze, die allein spazierengeht, und es ist mir gleich, wo.«

Die Frau ärgerte sich, schloß die Lippen fest, nahm ihr Spinnrad und spann.

Aber das Baby schrie, weil die Katze fortgegangen war, und die Frau konnte es nicht beruhigen, und es strampelte und trat und wurde schwarz im Gesicht.

»O mein Feind und Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes«, sagte die Katze, »nimm einen Faden von dem Garn, das du spinnst, und knote ihn an deine Spinngabel und ziehe ihn über den Boden, und ich will dir einen Zauber zeigen, der dein Baby so laut lachen macht, wie es jetzt schreit.«

»Ich will es tun«, sagte die Frau, »denn mir steht der Verstand still; aber bedanken tue ich mich nicht bei dir.«

Sie band den Faden an die kleine Tonspindelgabel und zog ihn über die Erde, und die Katze rannte hinterher und machte klipp, klapp mit ihren Pfoten und kugelte kopfüber, kopfunter, und warf ihn rückwärts über ihre Schulter und jagte ihn zwischen ihre Hinterfüße und tat so, als wenn sie ihn verloren hätte, und schoß wieder drauflos, bis das Baby so laut lachte, wie es geschrien hatte; und es strampelte nach der Katze hin und jauchzte, daß man es durch die Höhle hörte, und wurde müde und legte sich hin und schlief ein und hielt die Katze in seinen Armen.

»Nun«, sagte die Katze, »will ich dem Baby ein Lied singen, das es eine Stunde im Schlaf erhalten soll.« Und sie fing an zu schnurren, laut und leise, leise und laut, bis das Baby fest schlief. Die Frau lächelte, als sie auf die beiden niederschaute, und sagte: »Das war prachtvoll gemacht! Keine Frage, Katze, du bist sehr geschickt.«

Zur selben Minute und Sekunde, Liebling, kam der Rauch des Feuers hinten in der Höhle in Wolken herab von der Decke – Puff! –, denn er erinnerte sich des Vertrages, der mit der Katze gemacht war; und als er sich verzogen hatte – sieh da! –, da saß die Katze ganz behaglich am Feuer.

»O mein Feind und Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes«, sagte die Katze, »ich bin's! Denn du hast ein zweites Wort zu meinem Lobe gesagt, und nun kann ich bei dem warmen Feuer hinten in der Höhle sitzen für immer und immer und immer. Aber doch bin ich die Katze, die allein spazierengeht, und es ist mir gleich, wo.«

Da ärgerte die Frau sich noch mehr und ließ ihr Haar herunter und legte mehr Holz ans Feuer und nahm den breiten Schulterknochen von der Hammelschulter und fing an, einen Zauber zu machen, der sie davor bewahren sollte, ein drittes Wort zum Lob der Katze zu sagen. Es war kein Sangeszauber, Liebling; es war ein stiller Zauber, und nach und nach wurde es so still in der Höhle, daß eine kleine Liliputmaus aus einem Loch kam und über den Boden lief.

»O mein Feind und Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes«, sagte die Katze, »ist die kleine Maus ein Teil von deinem Zauber?«

»Hu! Hu! Nein, nein!« schrie die Frau und warf den Schulterknochen hin und sprang auf eine Fußbank vor dem hellen Feuer und flocht schnell ihr Haar hoch, aus Furcht, daß die Maus daran herauflaufen könnte.

»Ah!« sagte die Katze lauernd, »dann wird es mir ja keinen Schaden tun, wenn ich sie fresse.«

»Nein«, rief die Frau, ihr Haar aufflechtend, »friß sie schnell, und ich werde dir immer dankbar sein.«

Katze machte einen Sprung und fing die kleine Maus, und die Frau sagte:

»Danke hundertmal. Selbst der Erste Freund ist nicht flink genug, um kleine Mäuse zu fangen, so wie du. Du mußt sehr geschickt sein.«

Zur selben Minute und Sekunde, o Liebling, krachte der Milchtopf, der am Feuer stand, in zwei Stücke – ffft! –, denn er erinnerte sich des Vertrages, der mit der Katze gemacht war; und als die Frau von der Fußbank heruntersprang – sieh da –, da schlappte die Katze die warme, weiße Milch, die noch in einem der zerbrochenen Stücke war.

»O mein Feind und Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes«, sagte die Katze, »ich bin's! Denn du hast drei Worte zu meinem Lobe gesagt, und nun kann ich die warme, weiße Milch trinken, dreimal am Tage für immer und immer und immer. Aber doch bin ich die Katze, die allein spazierengeht – und es ist mir gleich, wo.«

Da lachte die Frau und stellte der Katze eine Schale warmer, weißer Milch hin und sagte:

»O Katze, du bist so geschickt wie ein Mann, aber erinnere dich, daß dein Vertrag nicht mit dem Mann und nicht mit dem Hund gemacht wurde, und ich weiß nicht, was sie tun werden, wenn sie heimkommen.«

»Was kümmert das mich?« sagte die Katze. »Wenn ich meinen Platz in der Höhle bei dem Feuer habe und meine warme, weiße Milch dreimal am Tage, dann frage ich nicht danach, was der Mann oder der Hund tun werden.«

Am Abend, als der Mann und der Hund in die Höhle kamen, erzählte die Frau die Geschichte von dem Vertrag; die Katze aber saß am Feuer und schmunzelte. Da sagte der Mann:

»Ja, sie hat aber keinen Vertrag mit mir gemacht und mit keinem richtigen Mann nach mir.«

Dann zog er seine zwei ledernen Stiefel aus und nahm seine kleine steinerne Axt auf (das macht drei) und holte ein Stück Holz und Beil (das macht fünf, alles zusammen) und legte alles in einer Reihe hin und sagte:

»Nun wollen wir unseren Vertrag machen. Wenn du keine Mäuse fängst, während du in der Höhle bist für immer und immer und immer, so werde ich diese fünf Dinge nach dir werfen, sooft ich dich sehe, und das wird jeder richtige Mann nach mir tun.«

»Ah!« sagte die Frau, horchend, »sie ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie mein Mann.«

Die Katze zählte die fünf Dinge (und sie sahen sehr knorrig aus), und sie sagte: »Ich will Mäuse fangen, wenn ich in der Höhle bin für immer und immer und immer; aber doch bleibe ich die Katze, die allein spazierengeht, und es ist mir ganz gleich, wo.«

»Nicht, wenn ich hier bin«, sagte der Mann. »Wenn du dies letzte nicht gesagt hättest, würde ich alle diese Sachen wieder weggelegt haben für immer und immer und immer; nun aber werde ich meine zwei Stiefel und meine kleine Steinaxt (das macht drei) nach dir werfen, wo immer ich dich treffe. Und so werden es alle richtigen Männer nach mir tun.«

Da sagte der Hund: »Wart einen Augenblick. Sie hat keinen Vertrag mit mir gemacht, auch nicht mit allen richtigen Hunden nach mir.«

Und er zeigte seine Zähne und sagte:

»Wenn ich in der Höhle bin, und du bist nicht nett mit Baby für immer und immer und immer, so will ich dich jagen, bis ich dich packe; und wenn ich dich packe, will ich dich beißen, und so werden es alle richtigen Hunde nach mir machen.«

»Ah!« sagte die Frau horchend, »sie ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie der Hund.«

Katze zählte die Zähne des Hundes (und die waren sehr spitz), und sie sagte:

»Ich will nett mit Baby sein, wenn ich in der Höhle bin, so lang es mich nicht zu fest am Schwanz zieht, für immer und immer und immer; aber doch bin ich die Katze, die alleinspazieren geht, und es ist mir ganz gleich, wo.«

»Nicht, wenn ich hier bin«, sagte der Hund. »Wenn du dies letzte nicht gesagt hättest, würde ich mein Maul zugehalten haben für immer und immer und immer; nun aber will ich dich einen Baum hinauf jagen, wenn immer ich dich treffe, und so werden es alle richtigen Hunde nach mir machen.«

Dann warf der Mann seine zwei Stiefel und seine kleine Steinaxt (das macht drei) nach der Katze; und die Katze rannte aus der Höhle, und der Hund jagte sie auf einen Baum hinauf. Und von dem Tage an bis heute, Liebling, werden drei richtige Männer von fünfen immer Sachen nach der Katze werfen, wenn immer sie sie treffen, und alle richtigen Hunde werden sie den Baum hinaufjagen. Aber die Katze hält auch an ihrem Teil des Vertrages fest. Sie wird Mäuse fangen und wird nett gegen Babys sein, genauso lang, wie sie sie nicht zu fest am Schwanz ziehen. Aber wenn sie das getan hat und von Zeit zu Zeit und wenn der Mond aufgeht und die Nacht kommt, dann ist sie die Katze, die allein spazierengeht und der alle Plätze gleich sind. Und dann geht sie hinaus in die nassen, wilden Wälder oder auf die nassen, wilden Bäume oder auf die nassen, wilden Dächer, und sie schwenkt ihren wilden Schwanz und spaziert auf ihren wilden Wegen.

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