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Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Die Entstehung des Gürteltiers

Zeicnung R. Kipling

Dies, mein Liebling, ist eine neue Geschichte aus den weitentfernten Zeiten. Gerade in der Mitte dieser Zeiten gab es einen sticklichen, pricklichen Igel, und er lebte an den Ufern des stürmischen Amazonenstromes, und er aß Schalenschnecken und so was. Und er hatte einen Freund, eine langsame und gediegene Schildkröte, die lebte an den Ufern des stürmischen Amazonenstromes und aß grünen Lattich und so was. Und so war alles gut, Liebling, siehst Du!

Aber zu derselben Zeit, in den weitentfernten Zeiten, da gab es einen Gefleckten Jaguar, und er lebte auch an den Ufern des stürmischen Amazonenstromes, und er aß alles, was er erwischen konnte. Wenn er keine Affen oder Wild erwischen konnte, aß er Frösche und Käfer; und wenn er keine Frösche oder Käfer erwischen konnte, ging er zu seiner Mutter Jaguar, und die erzählte ihm, wie man Igel und Schildkröten ißt.

Sie sagte ihm wer weiß wie oft und ihren Schwanz anmutig schwenkend:

»Mein Sohn, wenn du einen Igel findest, mußt du ihn ins Wasser werfen, dann wird er sich auseinanderrollen, und wenn du eine Schildkröte erhaschst, mußt du sie mit deiner Pfote aus ihrer Schale herausscharren.«

Und so war alles gut, Liebling.

In einer schönen Nacht fand der Gefleckte Jaguar an den Ufern des stürmischen Amazonenstroms den sticklichen, pricklichen Igel und die langsame und gediegene Schildkröte unter dem Stumpf von einem gefallenen Baum sitzend. Fortlaufen konnten sie nicht, und so rollte Stickel-Prickel sich zu einer Kugel zusammen, denn er war ein Igel; und Langsam-Gediegen zog ihren Kopf und ihre Füße in ihre Schale hinein, so weit es ging, denn sie war eine Schildkröte; und so war alles gut, siehst Du, Liebling.

»Nun, paßt auf«, sagte der Gefleckte Jaguar, »denn dies ist sehr wichtig! Meine Mutter sagte: Wenn ich einen Igel fände, sollte ich ihn ins Wasser werfen, dann würde er sich auseinanderrollen, und wenn ich eine Schildkröte fände, sollte ich sie mit meiner Pfote aus ihrer Schale herausscharren. Wer von euch ist nun Igel und wer Schildkröte? Denn, bei meinen Flecken!, ich kann's nicht sagen.«

»Weißt du ganz sicher, was deine Mammi Dir sagte?« fragte Stickel-Prickel-Igel. »Weißt du es ganz sicher? Vielleicht sagte sie: Wenn du eine Schildkröte abwickelst, mußt du sie mit einer Schaufel aus dem Wasser schälen, und wenn du einen Igel herausscharrst, mußt du ihn auf die Schale werfen.«

»Weißt du sicher, was deine Mammi dir sagte?« fragte Langsam-Gediegen. »Weißt du es ganz sicher? Vielleicht sagte sie: Wenn du einen Igel auswässerst, mußt du ihn in deine Pfote nehmen, und wenn du eine Schildkröte triffst, mußt du sie schälen, bis sie abwickelt?«

»Ich glaube, es war gar nicht so«, sagte Gefleckter Jaguar; doch er wurde ein bißchen verwirrt; »aber bitte, sagt es noch einmal, und deutlicher.«

»Wenn du Wasser mit deiner Pfote schaufelst, wickelst du einen Igel ab«, sagte Stickel-Prickel. »Behalte es wohl, denn es ist wichtig.«

»Aber«, sagte die Schildkröte, »wenn du dein Fleisch herausscharrst, wirfst du es mit einer Schaufel in eine Schildkröte. Kannst du das gar nicht begreifen?«

»Meine Flecke schmerzen mich ordentlich vor Anstrengung«, sagte Gefleckter Jaguar, »und euren Rat habe ich gar nicht verlangt. Ich wollte nur wissen, wer Igel ist und wer Schildkröte ist.«

»Ich sage es dir nicht«, sagte Stickel-Prickel. »Aber du kannst mich aus meiner Schale herausschaufeln, wenn es dir Spaß macht.«

»Aha!« sagte Gefleckter Jaguar, »nun weiß ich es, du bist Schildkröte.«

Der Gefleckte Jaguar streckte schnell seine weiche Pfote aus, gerade als Stickel-Prickel sich zusammenrollte, und natürlich war Jaguars weiche Pfote gleich voll von Stacheln. Noch schlimmer aber, er stieß Stickel-Prickel weg, immer weiter weg, in den Wald und in die Büsche, wo es zu dunkel war, um ihn zu sehen. Dann steckte er seine weiche Pfote in sein Maul, und natürlich taten die Stacheln noch weher. Sobald er reden konnte, sagte er:

»Nun weiß ich es, er ist gar nicht Schildkröte. Aber« – und er kratzte sich den Kopf mit seiner unstacheligen Pfote – »aber, wie soll ich wissen, ob das andere Ding Schildkröte ist?«

»Aber ich bin Schildkröte«, sagte Langsam-Gediegen. »Deine Mutter hatte ganz recht. Sie sagte, du solltest mich mit deiner Pfote aus meiner Schale herausscharren. Fang an!«

»Vor einer Minute sagtest du, sie hätte das nicht gesagt«, sagte Gefleckter Jaguar, die Stacheln aus seiner weichen Pfote aussaugend. »Du sagtest, sie hätte ganz was anderes gesagt.«

»Gut, nimm an, du sagst, ich hätte gesagt, daß sie ganz was anderes sagte, so sehe ich nicht ein, daß das einen Unterschied macht. Denn wenn sie sagte, was du sagst, ich hätte gesagt, sie sagte, so ist es ganz dasselbe, als wenn ich sagte, sie hätte gesagt, was ich sagte. Und auf der anderen Seite, wenn du denkst, sie sagte, du solltest mich mit einer Schaufel abwickeln, anstatt mich mit einer Schale in kleine Stücke zu schlagen, so kann ich nichts dafür, nicht wahr?«

»Aber du sagtest, du wolltest mit meiner Pfote aus deiner Schale gescharrt werden«, sagte der Gefleckte Jaguar.

»Wenn du dich besinnst, wirst du finden, daß ich nichts derart sagte. Ich sagte, daß deine Mutter sagte, du solltest mich aus meiner Schale herausschaufeln«, sagte Langsam-Gediegen.

»Und was wird passieren, wenn ich es tue?« sagte Jaguar, sehr vorsichtig und sehr schnüffelig.

»Ich weiß es nicht, denn ich bin noch nie aus meiner Schale geschaufelt worden; aber ich sage dir getreulich, wenn du mich schwimmen sehen willst, brauchst du mich nur ins Wasser zu werfen.«

»Ich glaube es nicht«, sagte Gefleckter Jaguar, »du hast alles durcheinandergemischt, was meine Mutter mir sagte und was du mich fragtest, ob sie es mir nicht gesagt hätte – ich weiß nicht mehr, ob ich auf meinem Kopf oder auf meinem bunten Schwanz stehe; und nun sagst du mir etwas, das ich verstehen kann, und das bringt alles noch mehr durcheinander. Meine Mutter sagte mir, ich sollte einen von euch ins Wasser werfen, und da du durchaus ins Wasser geworfen sein willst, so glaube ich nicht, daß du der rechte bist. Na, ja meinetwegen! Spring in den stürmischen Amazonenfluß, aber spute dich!«

»Ich glaube, das wird deiner Mammi nicht gefallen«, sagte Langsam-Gediegen. »Sage nur nicht, daß ich es dir nicht gesagt hätte!«

»Wenn du noch ein Wort sagst von dem, was meine Mutter gesagt ...«, antwortete Gefleckter Jaguar, aber ehe er aussprechen konnte, tauchte Langsam-Gediegen still in den stürmischen Amazonenstrom, schwamm eine lange Strecke unter dem Wasser fort und kam an der Stelle heraus, wo Stickel-Prickel auf sie wartete.

»Da sind wir noch mit knapper Not davongekommen«, sagte Stickel-Prickel, »ich mag Gefleckter Jaguar gar nicht leiden. Was sagtest du ihm, daß du wärest?«

»Ich sagte ihm ganz wahrhaftig, daß ich eine wahrhaftige Schildkröte wäre, aber er wollte es nicht glauben, und er ließ mich in den Fluß springen, zu sehen, ob ich es wäre, und ich war es, und er verwunderte sich. Nun ist er hingegangen, es seiner Mammi zu erzählen. Hör ihn!«

Sie hörten den Gefleckten Jaguar zwischen den Bäumen und Büschen an der Seite des stürmischen Amazonenstroms herumbrüllen, bis seine Mammi kam.

»Sohn, Sohn!« sagte seine Mutter wer weiß wie oft und schwenkte anmutig ihren Schwanz, »was hast du getan, das du nicht tun solltest?«

»Ich versuchte etwas herauszuscharren mit meiner Pfote, das sagte, es wollte herausgescharrt werden, und meine Pfote ist voll von Stacheln.«

»Sohn, Sohn!« sagte seine Mutter wer weiß wie oft und schwenkte anmutig ihren Schwanz, »an den Stacheln in deiner weichen Pfote sehe ich, daß das ein Igel gewesen sein muß. Du hättest ihn ins Wasser werfen sollen.«

»Das tat ich mit dem andern Ding; und es sagte, daß es Schildkröte wäre, aber ich glaubte es nicht; und es war doch wahr, und es tauchte in den stürmischen Amazonenstrom und wird nicht wieder heraufkommen; und ich habe nichts zu essen, und ich glaube, wir sollten anderswo Logis suchen. Hier an dem stürmischen Amazonenstrom sind sie zu klug für mich armen kleinen Kerl.«

»Sohn, Sohn!« sagte seine Mutter wer weiß wie oft und schwenkte anmutig ihren Schwanz. »Nun paß auf und behalte wohl, was ich sage. Ein Igel rollt sich auf zu einer Kugel, und seine Stacheln prickeln überall auf einmal. Daran kannst du den Igel erkennen.«

»Diese alte Dame mag ich nicht ein kleines bißchen leiden«, sagte Stickel-Prickel im Schatten eines breiten Blattes. »Mich soll wundern, was sie sonst noch weiß.«

»Eine Schildkröte kann sich nicht aufrollen«, sagte Mutter Jaguar wer weiß wie oft und schwenkte anmutig ihren Schwanz. »Sie zieht nur ihren Kopf und ihre Beine in ihre Schale hinein. Daran kannst du eine Schildkröte erkennen.«

»Ich mag diese alte Dame durchaus nicht, durchaus nicht leiden«, sagte Langsam-Gediegen ebenfalls unter einem Blatt. »Selbst der Gefleckte Jaguar muß solche Anweisungen im Kopf behalten. Es ist sehr schade, daß du nicht schwimmen kannst, Stickel-Prickel.«

»Rede nicht so«, sagte Stickel-Prickel. »Denke lieber, wie viel besser es sein würde, wenn du dich aufrollen könntest. Dies ist eine böse Geschichte. Hör nur den Gefleckten Jaguar!«

Gefleckter Jaguar saß auf dem Ufer des stürmischen Amazonenstroms, saugte Stacheln aus seiner weichen Pfote und sprach zu sich selbst:

»Stickel-Prickel kann nicht schwimmen,
Gediegen-Langsam sich nicht krümmen,
Dran erkenn ich diese Schlimmen.«

»Das wird er nie vergessen, an allen Sonntagen des Monats nicht«, sagte Stickel-Prickel. »Halte mein Kinn über Wasser, Langsam-Gediegen, ich will versuchen, ob ich schwimmen lerne. Es kann nützlich werden.«

»Ausgezeichnet«, sagte Langsam-Gediegen; und sie hielt Stickel-Prickels Kinn empor, während Stickel-Prickel in den Wassern des stürmischen Amazonenstroms herumpatschte.

»Du kannst noch ein guter Schwimmer werden«, sagte Langsam-Gediegen. »Wenn du nun meine Rückenpanzerung ein bißchen, lose machen wolltest, will ich das Zusammenrollen versuchen. Es könnte nützlich werden.«

Stickel-Prickel half Langsam-Gediegen, die Rückenplatten lose machen, und mit Drehen und Winden kam sie so weit, sich ein niedliches, kleines Stück zusammenzurollen.

»Ausgezeichnet«, sagte Stickel-Prickel. »Aber du solltest jetzt Pause machen. Du wirst ganz schwarz im Gesicht. Hilf mir gütigst noch einmal ins Wasser hinein, ich will den Seitenstoß einüben, der, wie du sagst, so leicht ist.« Und so übte sich Stickel-Prickel, und Langsam-Gediegen schwamm nebenher.

»Ausgezeichnet«, sagte Langsam-Gediegen. »Noch ein bißchen Übung, dann kannst du wie ein Walfisch schwimmen. Wenn ich dich nun bemühen dürfte, meine Hinter- und Vorderplatten zwei Stiche weiter loszumachen, so möchte ich das interessante Umbiegen versuchen, das, wie du sagst, so leicht ist. Wie wird Gefleckter Jaguar sich wundern!«

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild von der ganzen Geschichte des Jaguars, des Igels, der Schildkröte und des Gürteltiers, alles auf einmal. Es sieht immer gleich aus, Du magst es drehen, wie Du willst. Die Schildkröte ist in der Mitte; sie lernt gerade, sich zu biegen, deshalb sind die Schalenplatten auf ihrem Rücken etwas seitwärts geschoben. Sie steht auf dem Igel, der darauf wartet, schwimmen zu lernen. Der Igel ist ein japanischer Igel, weil ich unsere eignen Igel im Garten nicht finden konnte, als ich sie zeichnen wollte. (Es war heller Tag, und sie hatten sich unter den Georginen zu Bett gelegt.) Fleckiger Jaguar schaut über den Rand, und seine weiche Pfote ist von seiner Mutter sorgfältig verbunden, denn er stach sich, als er den Igel herausschaufeln wollte. Er sieht sehr erstaunt zu, was die Schildkröte macht, und seine Pfote tut ihm weh. Das schnauzige Ding mit dem kleinen Auge, über das Fleckiger Jaguar wegklettern will, ist das Gürteltier, zu dem Igel und Schildkröte werden wollen, wenn sie Schwimmen und Biegen gelernt haben. Es ist ein sehr magisches Bild; und das ist einer der Gründe, weshalb ich dem Jaguar keinen Backenbart gezeichnet habe. Der andere Grund ist: weil er so sehr jung war und noch keinen Backenbart hatte. Der Kosename, mit dem Jaguars Mammi ihn rief, war: Stoffel.

»Ausgezeichnet«, sagte Stickel-Prickel, noch ganz naß vom stürmischen Amazonenfluß. »Ich muß sagen, ich könnte dich kaum von meiner eigenen Familie unterscheiden. Zwei Stiche, glaube ich, sagtest du? Nur noch ein bißchen mehr Ausdruck im Gesicht, bitte! Und grunze nicht so viel; der gefleckte Jaguar könnte es hören. Wenn du fertig bist, will ich das Untertauchen versuchen, das, wie du sagst, so leicht ist. Wird Gefleckter Jaguar sich wundern!«

Und so tauchte Stickel-Prickel, und Langsam-Gediegen tauchte ihm zur Seite.

»Ein bißchen mehr den Atem anhalten, und du wirst auf dem Grund des stürmischen Amazonenstroms haushalten können. Nun will ich mich üben, meine Hinterbeine um die Ohren zu wickeln, was, wie du sagst, so besonders behaglich ist. Wird Gefleckter Jaguar sich wundern!«

»Ausgezeichnet«, sagte Stickel-Prickel. »Aber es bringt deine Rückenplatten ein bißchen in Unordnung. Sie liegen alle übereinander anstatt nebeneinander.«

»Oh, das kommt von der Bewegung«, sagte Langsam-Gediegen. »Ich habe auch bemerkt, daß deine Stacheln ganz ineinandergeraten sind, und du siehst mehr wie ein Tannenzapfen als wie ein Igel aus.«

»Wirklich?« sagte Stickel-Prickel. »Das kommt vom Wasser-Einsaugen. Oh, wie wird Gefleckter Jaguar verwundert sein!«

Sie fuhren fort, sich zu üben, bis der Morgen kam, und eins half dem anderen; und als die Sonne hoch stand, ruhten sie sich aus und trockneten sich. Und dann sahen sie, daß sie ganz anders geworden waren, als sie gewesen.

»Stickel-Prickel«, sagte Langsam-Gediegen nach dem Frühstück, »ich bin nicht, was ich gestern war; aber ich denke, ich werde dem Gefleckten Jaguar noch gefallen.«

»Ich dachte gerade dasselbe«, sagte Stickel-Prickel. »Ich finde, daß Stacheln über Schalen eine ungeheure Verbesserung sind – abgesehen von dem Vorteil, schwimmen zu können. Oh, wird Gefleckter Jaguar erstaunt sein! Laß uns gehen, ihn zu suchen.«

Nach und nach fanden sie Gefleckten Jaguar, der noch immer die weiche Pfote leckte, die die Nacht vorher verwundet worden war; und er war so verwundert, daß er dreimal nacheinander rückwärts über seinen eignen bunten Schwanz fiel.

»Guten Morgen«, sagte Stickel-Prickel. »Und wie befindet sich deine anmutige Mammi heute?«

»Sie ist ganz wohl, danke sehr«, sagte Gefleckter Jaguar, »aber ihr müßt verzeihen, daß ich mich im Augenblick nicht auf euern Namen besinnen kann.«

»Das ist nicht höflich von dir«, sagte Stickel-Prickel, »da du gestern um diese Zeit versuchen wolltest, mich mit deiner Pfote aus meiner Schale herauszuscharren.«

»Aber du hattest keine Schale, nur Stacheln. Ich weiß es ganz gewiß. Sieh nur meine Pfote an.«

»Du befahlst mir, in den stürmischen Amazonenstrom zu tauchen und zu ertrinken«, sagte Langsam-Gediegen. »Warum bist du heute so grob und so vergeßlich?«

»Weißt du nicht mehr, was deine Mutter dich lehrte?« sagte Stickel-Prickel:

»Stickel-Prickel kann nicht schwimmen,
Gediegen-Langsam sich nicht krümmen,
Dran erkenn ich diese Schlimmen.«

Da rollten sie sich alle beide zusammen und rollten und rollten rund um den gefleckten Jaguar herum, bis seine Augen so groß wie Wagenräder in seinem Kopf wurden.

Dann lief er fort und holte seine Mutter.

»Mutter«, sagte er, »es sind zwei neue Tiere angekommen; und das eine, von dem du sagtest, es könnte nicht schwimmen, schwimmt; und das andere, von dem du sagtest, es könnte sich nicht zusammenrollen, rollt sich zusammen; und in die Stacheln haben sie sich, glaube ich, geteilt, denn beide sind über und über panzerig anstatt, daß das eine glatt und das andere sehr stachelig war; und noch dazu rollen sie beide rund und rund im Kreise herum, und ich fühle mich nicht behaglich.«

»Sohn, Sohn!« sagte Mutter Jaguar wer weiß wie oft und schwenkte anmutig ihren Schwanz. »Ein Igel ist ein Igel, und kann nichts anderes als ein Igel sein; und eine Schildkröte ist eine Schildkröte, und kann nichts anderes sein.«

»Aber es ist kein Igel, und es ist keine Schildkröte; es ist ein kleines bißchen von beiden, und einen Namen hat es nicht.«

»Unsinn«, sagte Mutter Jaguar. »Jedes Ding hat einen Namen. Ich würde es Gürteltier (Armadill) nennen, bis ich einen richtigeren Namen fände, und ich würde es in Ruhe lassen.«

So tat Gefleckter Jaguar, wie ihm gesagt wurde, besonders mit dem »in Ruhe lassen«. Aber von dem Tage bis heute, o mein Liebling, hat keiner am Ufer des stürmischen Amazonenstroms Stickel-Prickel und Langsam-Gediegen anders genannt als Gürteltier. Es gibt natürlich Igel und Schildkröten an anderen Orten (es sind auch einige in meinem Garten); aber die wirkliche, alte, kluge Art, mit den Schalen, die lipperig-lapperig übereinanderliegen wie Tannenzapfenschuppen und die in den fernen Tagen an den Ufern des stürmischen Amazonenstroms lebte, wird immer »Gürteltier« genannt, weil sie so klug ist. So ist alles gut, siehst Du, Liebling.

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