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Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Wie das Rhinozeros seine Haut bekam

Zeicnung R. Kipling

Es lebte einmal auf einer unbewohnten Insel an den Küsten des Roten Meeres ein Perser, von dessen Hut die Sonnenstrahlen reflektierten in mehr als orientalischer Pracht. Und der Perser lebte an dem Roten Meer, mit nichts weiter als seinem Hut und seinem Messer und einem Kochofen von der Art, die Du besonders niemals berühren darfst. Und eines Tages nahm er Mehl und Wasser und Korinthen und Pflaumen und so was und machte sich einen Kuchen, der war zwei Fuß lang und drei Fuß dick. Es war wirklich ein wundervoller Kuchenpudding. (Das ist Magie und heißt gutes Essen.) Und er legte den Kuchen auf den Ofen, denn er durfte auf dem Ofen kochen, und er buk ihn, bis er ganz braun war und prachtvoll duftete. Aber gerade als er anfangen wollte zu essen, kam aus dem ganz und gar unbewohnten Innern herunter an das Ufer ein Rhinozeros mit einem Horn auf der Nase, mit zwei Schweinsaugen und wenig Manieren. In jenen Tagen paßte dem Rhinozeros seine Haut ganz genau. Es waren nirgends Falten darin. Es sah gerade so aus wie ein Rhinozeros in einer Arche Noah, nur natürlich viel größer. Es hatte damals keine Manieren und hat auch jetzt keine Manieren und wird auch nie Manieren haben. Es sagte: »Hau!«, und der Perser ließ seinen Kuchen im Stich und kletterte in den Wipfel eines Palmbaumes mit nichts weiter an als seinem Hut, von dem die Sonnenstrahlen immer reflektierten in mehr als orientalischer Pracht. Und das Rhinozeros warf den Petroleumofen mit seiner Nase um, und der Kuchen rollte in den Sand, und es spießte den Kuchen auf das Horn seiner Nase, und es fraß ihn, und es ging fort und schwenkte seinen Schwanz und kehrte zurück in das öde und gänzlich unbewohnte Innere, das angrenzt an die Inseln Mazanderan, Sokotra und die Vorgebirge des Äquators. Dann kam der Perser von seinem Palmbaum herunter, stellte den Ofen wieder auf die Füße und sang den folgenden Vers (und da Du ihn nie gehört hast, will ich versuchen, ihn zu wiederholen):

»Wer dem Parsen stiehlt Kuchen,
Wird nie wieder juchen,
Wird sich kratzen und fluchen.«

Und da war mehr darin, als Du jetzt denkst. Denn – fünf Wochen später kam eine Hitzewelle in das Rote Meer, und alle Leute zogen alle Kleider aus, die sie anhatten. Der Perser zog seinen Hut aus; aber das Rhinozeros zog seine Haut aus und hängte sie über die Schulter, als es zum Baden an das Ufer kam. In jenen Tagen wurde die Haut von unten mit drei Knöpfen zugeknöpft und sah aus wie ein Gummirock. Es sagte kein Wort von dem Kuchen, denn es hatte ihn ja ganz aufgefressen und hatte niemals Manieren, damals nicht und später nicht, und wird niemals Manieren haben. Es patschte gleich in das Wasser hinein und prustete Blasen durch seine Nase, und seine Haut hatte es auf dem Ufer liegenlassen. Gleich kam der Perser herbei und fand die Haut und lächelte zweimal, mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum anderen ging. Dann tanzte er dreimal um die Haut herum und rieb sich die Hände. Dann ging er nach seinem Lager und füllte seinen Hut voll mit Kuchenkrumen, denn der Perser aß nichts als Kuchen und fegte nie sein Lager aus. Er nahm die Haut, und er schruppte die Haut, und er rüttelte die Haut, und er schüttelte die Haut und knüllte und füllte so viel alte, trockene, kitzliche Kuchenkrumen und verbrannte Korinthen in die Haut, wie sie nur hineingingen. Dann kletterte er in den Gipfel des Palmbaumes und wartete, bis das Rhinozeros aus dem Wasser kommen und die Haut anziehen würde.

Zeicnung R. Kipling

In diesem Bilde siehst Du den Perser, wie er anfängt, seinen Kuchen zu essen auf der unbewohnten Insel in dem Roten Meer und an einem sehr heißen Tag; und das Rhinozeros, wie es aus dem ganz unbewohnten Innern kommt, das, wie Du genau sehen kannst, ganz felsig ist. Die Haut des Rhinozeros ist ganz weich, und die drei Knöpfe, mit denen sie zugeknöpft wird, sind unten, deshalb kannst Du sie nicht sehen. Die aalartigen Dinger auf des Persers Hut sind die Sonnenstrahlen, die in mehr als orientalischer Pracht reflektieren, denn wenn ich wirkliche Strahlen gezeichnet hätte, so würden sie das ganze Bild ausfüllen. Auf dem Kuchen sind Streifen, und das Rad, das vorn auf dem Sand liegt, gehörte einst zu einem Wagen Pharaos, mit dem er durch das Rote Meer zu fahren versuchte. Der Perser fand es und behielt es als Spielzeug. Des Persers Name war Pestonji Bomonji und der des Rhinozeros war Strorks, weil es immer durch den Mund statt durch die Nase atmete. Nach dem Kochofen würde ich überhaupt nicht fragen, wenn ich Du wäre.

Zeicnung R. Kipling

Dieses Bild zeigt den Perser Pestonji Bomonji, der auf dem Palmenbaum sitzt und auf das Rhinozeros Strorks aufpaßt, das nahe der Bucht bei der ganz und gar unbewohnten Insel badet und seine Haut auf dem Land gelassen hat. Der Perser hat Kuchenkrumen in die Haut gestreut und verrieben, und er lacht jetzt bei dem Gedanken, wie sie Strorks kitzeln werden, wenn Strorks sie wieder anzieht. Die Haut liegt gerade unter dem Felsen am Fuße des Palmenbaumes an einer kühlen Stelle. Deshalb kannst Du sie nicht sehen. Der Perser trägt einen neuen Hut von mehr als orientalischer Pracht, von der Art, wie die Perser sie tragen, und in seiner Hand hat er ein Messer, um seinen Namen in die Palmenbäume einzuritzen. Die schwarzen Dinger auf den Inseln draußen im Meer sind Stücke von Schiffen, die im Roten Meer gescheitert sind. Aber alle Passagiere sind gerettet worden und nach Haus gegangen.

Das schwarze Ding im Wasser nahe dem Ufer ist nicht etwa ein Wrack, sondern ist Strorks, das Rhinozeros, das ohne seine Haut badet. Er war gerade so schwarz unter seiner Haut wie zuvor, da er in seiner Haut steckte. Nach dem Kochofen würde ich überhaupt nicht fragen, wenn ich an Deiner Stelle wäre.

Und das Rhinozeros kam und nahm die Haut und knöpfte sie zu mit den drei Knöpfen, und die Kuchenkrumen kitzelten es wie Kuchenkrumen im Bett. Dann fing es an zu kratzen, aber das machte es noch schlimmer, und dann legte es sich in den Sand und rollte und rollte und rollte sich, und jedesmal, wenn es sich rollte, kitzelten die Kuchenkrumen schlimmer und schlimmer und schlimmer. Dann rannte es nach dem Palmbaum und rieb und rieb und rieb sich dagegen. Es rieb so lange und so fest, daß es seine Haut über seinen Schultern in eine große Falte rieb und eine andere Falte nach unten hin, wo die Knöpfe saßen (aber die Knöpfe rieb es ab). Und es rieb noch ein paar Falten über seinen Beinen. Und es wurde furchtbar wütend, aber die Kuchenkrumen kehrten sich nicht daran. Sie waren inwendig in seiner Haut und kitzelten. So ging es endlich heim, furchtbar kratzig; und von dem Tage an bis heute hat das Rhinozeros große Falten in seiner Haut und ein sehr böses Temperament, alles wegen der Kuchenkrumen inwendig.

Aber der Perser kletterte von seinem Palmbaum herab und hatte seinen Hut an, von dem die Sonnenstrahlen reflektieren mit mehr als orientalischer Pracht. Er packte seinen Kochofen auf und ging fort, nach der Richtung von Oretavo, Amygdala, den Hochlandwiesen von Anantarivo und den Marschen von Sonaput.

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