Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudyard Kipling >

Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
Schließen

Navigation:

Wie das Kamel seinen Buckel bekam

Zeicnung R. Kipling

Dies ist nun die nächste Geschichte und erzählt, wie das Kamel seinen Buckel bekam.

Im Anfang der Jahre, als die Welt so neu war und alles und die Tiere eben anfingen, für die Menschen zu arbeiten, war ein Kamel da, und es lebte in der Mitte einer heulenden Wüste (das soll heißen, die Wüste war mit Tiergeheul erfüllt), weil es keine Lust hatte zu arbeiten, und außerdem war es selbst ein Heuler. So aß es denn Stöcke und Dornen und Tamarinden und Gänsedisteln und war unverschämt faul. Und wenn jemand es anredete, sagte es:

»Hm-buck!« Just »Hm-buck!« und weiter nichts.

Am Montag morgens kam das Pferd zu ihm, hatte einen Sattel auf dem Rücken und einen Zaum im Maul und sagte:

»Kamel, o Kamel, komm heraus und trabe wie wir anderen.«

Zeicnung R. Kipling

Dieses Bild zeigt Dir die Djinn, wie sie den Zauber anfängt, der dem Kamel seinen Buckel brachte. Dann zog sie mit ihrem Finger eine Linie in die Luft, und die Linie erstarrte, und dann machte sie eine Wolke und dann ein Ei – Du kannst dies alles am Fuß des Bildes sehen –, und dann entstand da ein magischer Kürbis, der sich zu einer riesigen weißen Flamme verwandelte. Darauf nahm die Djinn ihren Zauberfächer und fächelte damit die Flamme, bis diese selbst ein Zauber wurde. Es war ein tüchtiger Zauber und ein sehr freundlicher Zauber, wirklich, trotzdem er dem Kamel zur Strafe für seine Faulheit den Buckel brachte. Die Djinn aller Wüsten ist nämlich eine der reizendsten von allen Djinns und hätte niemals etwas wirklich Unfreundliches getan.

»Hm-buck!« sagte das Kamel; und das Pferd ging fort und sagte es dem Mann.

Da kam der Hund mit einem Stock in seinem Maul und sagte: »Kamel, o Kamel, komm und apportiere wie wir anderen.«

»Hm-buck!« sagte das Kamel, und der Hund ging fort und erzählte es dem Mann.

Da kam der Ochs mit dem Joch auf dem Nacken und sagte: »Kamel, o Kamel, komm und pflüge wie wir anderen.«

»Hm-buck!« sagte das Kamel, und der Ochs ging fort und sagte es dem Mann.

Am Ende des Tages rief der Mann das Pferd und den Hund und den Ochsen zusammen und sagte:

»Drei, o ihr drei, es tut mir leid um euch (wo die Welt so neu ist und alles); aber das Hm-buck-Ding in der Wüste kann nicht arbeiten, sonst würde es jetzt hier sein; so will ich es zufriedenlassen, und ihr müßt die doppelte Arbeit tun, um es zu ersetzen.«

Das machte die drei sehr verdrießlich (wo die Welt so neu war und alles), und sie hielten an dem Rande der Wüste ein Palaver und eine Untersuchung und ein Fünfmännergericht und ein Pau-Wau ab. Und das Kamel kam und kaute Gänsedisteln und war unverschämt faul und lachte sie aus. Dann sagte es »Hm-buck!« und ging wieder fort.

Da kam die Djinn daher, die die Aufsicht über alle Wüsten hat, und sie rollte heran in einer Wolke von Staub (Djinns reisen immer auf die Art, weil es Zauberei ist), und sie hielt an bei dem Palaver und dem Pau-Wau der drei.

»Djinn aller Wüsten!« sagte das Pferd, »ist es in der Ordnung, daß einer faul ist, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Gewiß nicht«, sagte die Djinn.

»Wohl«, sagte das Pferd, »da ist ein Ding in der Mitte deiner heulenden Wüste (und es ist selbst ein Heuler), und es hat einen langen Hals und lange Beine, und es hat nicht ein Strämel Arbeit getan seit Montag morgen. Es will nicht traben.«

»Whuif!« sagte die Djinn und pfiff, »das ist mein Kamel, um alles Gold in Arabien! Was sagt es denn?«

»Es sagt ›Hm-buck!‹« sagte der Hund, »und es will nicht apportieren.«

»Sagt es sonst noch was?«

»Nur ›Hm-buck!‹, und es will nicht pflügen«, sagte der Ochse.

Die Djinn wickelte sich in ihren Staubmantel und machte eine Luftschiffahrt durch die Wüste und traf das Kamel, unverschämt faul, und es sah nach seinem Spiegelbild in einem Wasserpfuhl.

»Mein langer und blasender Freund«, sprach die Djinn, »was muß ich von dir hören! Du willst keine Arbeit tun, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Hm-buck!« sagte das Kamel.

Die Djinn setzte sich nieder, stützte das Kinn in die Hand und begann, einen großen Zauber zu bedenken, während das Kamel sein eigenes Spiegelbild in dem Wasserpfuhl betrachtete.

Zeicnung R. Kipling

Hier dieses Bild zeigt die Djinn aller Wüsten, wie sie den Zauber mit ihrem Zauberfächer leitet. Das Kamel frißt einen Akazienzweig und hat gerade »Hm-buck« gesagt, aber einmal zu oft (die Djinn hatte ihm das vorhergesagt), und so entsteht der Buckel. Das große, strickartige Ding, welches aus dem zwiebelartigen herauswächst, ist der Zauber, und auf seiner Schulter kannst Du den Buckel sehen. Dieser Buckel paßt genau auf den flachen Teil von des Kamels Rücken. Das Kamel ist viel zu sehr damit beschäftigt, sein eigenes schönes Selbst in dem Wassertümpel zu sehen, als daß es merken sollte, was mit ihm vorgeht.

Unter diesem wahrhaftigen Bild ist ein anderes Bild von der Welt, die so neu war, und alles. Du siehst zwei rauchende Vulkane darin, einige andere Berge und einige Steine, einen See, eine schwarze Insel, einen gewundenen Fluß, viele andere Dinge und sogar eine Arche Noah. Ich konnte nicht alle Wüsten zeichnen, die die Djinn verwaltet, deshalb zeichnete ich nur eine; sie ist aber sehr wüst.

»Du hast den dreien Extra-Arbeit gemacht, schon seit Montag morgen, durch deine unverschämte Faulheit«, sagte die Djinn; und sie fuhr fort, Zauber zu bedenken, mit dem Kinn in der Hand.

»Hm-buck!« sagte das Kamel.

»Ich würde das nicht noch einmal sagen, wenn ich du wäre«, sagte die Djinn; »du könntest es einmal zu oft sagen, Blaser, ich will, daß du arbeitest.«

Und das Kamel sagte wieder »Hm-buck!« Aber kaum hatte es »Hm-buck« gesagt, so sah es seinen Rücken, auf den es so stolz war, sich aufpuffen zu einem großen, dicken, wackelnden Höckerbuckel.

»Siehst du das?« sagte die Djinn, »das ist nun dein eigener Hm-buck, den du über deine eigene werte Person gebracht hast durch deine unverschämte Faulheit. Heute ist Donnerstag, und seit Montag morgen, wo die Arbeit anfing, hast du nichts getan. Jetzt geh an die Arbeit.«

»Wie kann ich«, sagte das Kamel, »mit diesem Hm-buck auf meinem Rücken?«

»Der ist mit Absicht gemacht«, sagte die Djinn, »eben weil du drei Tage verbummelt hast. Du kannst nun drei Tage arbeiten, ohne zu essen, du kannst von deinem Hm-buck leben; und sag nur nicht, daß ich nichts für dich getan hätte! Komm heraus aus der Wüste und geh zu den dreien und benimm dich anständig. Hm-buck dich selber!«

Und das Kamel hm-buckte sich selbst und ging fort mit Hm-buck und allem, zu den dreien. Und von dem Tage an bis heute trägt das Kamel einen Buckel. Aber die drei Tage, die es verbummelte, als die Welt so neu war und alles, hat es nie nachgeholt, und nie hat es gelernt, sich anständig zu benehmen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.