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Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Wie der Walfisch seinen Schlund bekam

Zeicnung R. Kipling

Es war einmal im Meere, o mein Liebling, ein Walfisch, und der aß Fische. Er aß den Sternfisch und den Hornfisch und den Krebs und den Plattfisch und den Weißfisch und den Goldbutt und die Makrele und die Pickerele (Hecht) und dessen Frau und den wirklichen und wahrhaftigen, zittrigen, schlickrigen Aal. Alle Fische, die er finden konnte in der großen See, aß er mit seinem Maul – so! –, bis zuletzt nur noch ein kleiner Fisch in der ganzen See war, und das war ein kleiner Buttfisch, und der schwamm hinter des Walfisches rechtem Ohr, damit er nicht zu Schaden käme. Und der Walfisch stellte sich auf seinen Schwanz und sagte: »Ich bin hungrig.« Und der kleine Butt sagte mit einer kleinen Buttstimme: »Edler und großmütiger Cetacee, hast du jemals Menschen geschmeckt?«

»Nein«, sagte der Walfisch. »Wie schmecken die?«

»Gut«, sagte der kleine Butt, »aber ein bißchen knubberig sind sie.«

»Dann hol mir ein paar«, sagte der Walfisch und schlug mit seinem Schwanz das Meer ganz schäumig.

»Einer ist genug auf einmal«, sagte der Buttfisch. »Wenn du fünfzig Grad nördliche Breite und vierzig Grad westliche Länge schwimmst (das ist Zauberei), findest du mitten in der See einen schiffbrüchigen Seemann, der sitzt auf einem Floß und hat nichts weiter an als eine Hose von blauem Segeltuch, ein Paar Hosenträger (Du mußt die Hosenträger nicht vergessen, mein Kleines) und ein Klappmesser; er ist aber, das muß ich dir doch sagen, furchtbar klug und scharfsinnig.«

So schwamm denn der Walfisch, und schwamm nach fünfzig Nord und vierzig West, so schnell er nur schwimmen konnte, und fand mitten in der See einen einzigen einsamen, schiffbrüchigen Seemann auf einem Floß, der hatte nichts weiter an als blaue Segeltuchhosen, ein Paar Hosenträger (Du mußt besonders auf die Hosenträger achten, Liebling) und ein Klappmesser und plätscherte mit seinen Zehen im Wasser. (Er hatte Erlaubnis von seiner Mammi, zu plantschen, sonst würde er es nicht getan haben, denn er war furchtbar klug und scharfsinnig.)

Da öffnete der Walfisch seinen Rachen, rückwärts und rückwärts und rückwärts, bis beinahe an den Schwanz, und er verschlang den schiffbrüchigen Seemann und das Floß, auf dem er saß, und seine blauen Segeltuchhosen und die Hosenträger (die Du nicht vergessen mußt) und das Klappmesser. Er schlang alles hinunter in seinen inwendigen, warmen, dunklen Speiseschrank, und dann schmatzte er mit den Lippen – so! – und drehte sich dreimal um seinen Schwanz herum.

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild von dem Walfisch, der den furchtbar klugen und scharfsinnigen Seemann verschluckt, zusammen mit seinem Floß und seinem Klappmesser und seinen Hosenträgern, die Du ja nicht vergessen darfst. Die Dinger, die so aussehen wie Knöpfe, sind die Hosenträger, und ganz nahe bei ihnen siehst Du das Messer. Er sitzt auf dem Floß, aber dies ist seitlich umgekippt, und deshalb siehst Du nicht viel davon. Das weiße Ding nahe bei des Seemanns linker Hand ist ein Stück Holz, mit dem er das Floß rückwärts zu rudern versuchte, als der Walfisch herankam. Der Walfisch hieß Lachemund, und der Seemann hieß Herr Heinrich Albert Seetüchtig oder, was dasselbe ist, Baccalaureus. Der kleine kluge Fisch steckt hinter des Walfisches Ohr, sonst hätte ich ihn auch gezeichnet. Der Grund, warum die See so wirblich, quirrlich aussieht, ist der, daß der Walfisch sie ganz in seinen Schlund hineinsaugt, so daß er auch den Herrn Heinrich Albert Seetüchtig und das Floß und das Klappmesser und die Hosenträger mit hineinsaugt. Du darfst niemals die Hosenträger vergessen.

Sobald aber der Seemann, der furchtbar klug und scharfsinnig war, sich wirklich und wahrhaftig in des Walfisches inwendigem warmen, dunklen Speiseschrank befand, fing er an zu rumpeln und zu pumpeln und zu puffen und zu knuffen und zu trampeln und zu stampfen und zu rucken und zu zucken – und er biß und er schmiß und er knuffte und er puffte und er hoppte und er kloppte und er spie und er schrie und er schleckte und er leckte und er sang und er sprang, und der Walfisch fühlte sich sehr unglücklich. (Du hast doch die Hosenträger nicht vergessen?)

Da sagte der Walfisch zu dem Buttfisch: »Dieser Mensch ist sehr knubberig, und ich kriege einen Schluckauf davon. Was soll ich anfangen?«

»Sag ihm, er soll herauskommen«, sagte der Butt.

Da rief der Walfisch in seinen Schlund hinunter dem schiffbrüchigen Seemann zu: »Komm heraus, und betrage dich anständig. Ich habe den Schluckauf gekriegt.«

»Nee, nee«, sagte der Seemann. »So tue ich es nicht. Trag mich erst an meine heimatliche Küste und nach den weißen Dünen von Holstein, dann will ich es mir überlegen.« Und er trampelte ärger als je zuvor herum.

»Du tust besser, ihn heimzutragen«, sagte der Butt zu dem Walfisch. »Ich habe es dir vorher gesagt, daß er furchtbar klug und scharfsinnig ist.«

So schwamm der Walfisch denn, und schwamm mit beiden Flossen und dem Schwanz, so schnell er es mit dem Schluckauf konnte; und endlich sah er die Heimatküste des Seemannes und die weißen Dünen von Holstein, und er schob sich halbwegs auf das Ufer hin und öffnete seinen Rachen weit und weit und weit und sagte:

»Umsteigen hier nach Kiel, Lübeck, Hamburg, Bremen, Mölln und den Stationen der Itzehoer Straße.«

Und gerade als er »Itze-hoe« sagte, sprang der Seemann aus seinem Rachen. Er war wirklich furchtbar klug und scharfsinnig; denn denke nur, während der Walfisch schwamm, hatte er sein Klappmesser genommen und das Floß in kleines Gitterwerk verschnitten, das so kreuz und quer ging, und hatte es mit seinen Hosenträgern (nun weißt Du, warum Du die Hosenträger nicht vergessen durftest) fest zusammengebunden, und er zwängte das Gitterwerk flink und fest in des Walfisches Kehle, und da steckte es nun. Darauf sang er folgenden Vers (Du kennst ihn noch nicht? Da will ich mir Mühe geben, ihn zu wiederholen):

»Stopft in die Kehl' dir 'ne hölzerne Falle,
Nun ist es mit dem Schlingen alle.«

Und dann schritt er hinaus über den Kies und ging heim zu seiner Mutter, die ihm erlaubt hatte, im Wasser zu plantschen; und er heiratete und lebte glücklich immerfort. Das tat der Walfisch auch. Aber von dem Tage an, mit dem Gitterwerk in der Kehle, das er nicht aushusten und auch nicht niederschlucken konnte, vermochte er weiter nichts zu essen als sehr, sehr kleine Fische; und das ist der Grund, weshalb heutzutage Walfische niemals Männer oder kleine Jungen oder kleine Mädchen essen.

Zeicnung R. Kipling

Hier ist der Walfisch, der sich nach dem kleinen klugen Fisch umschaut, der sich unter der Türschwelle des Äquators versteckt. Der kleine kluge Fisch hieß Immersatt. Er verbirgt sich zwischen den Wurzeln des mächtigen Seetangs, der vor dem Tor des Äquators wächst; hier habe ich auch das Tor des Äquators gezeichnet. Es ist geschlossen. Es ist immer geschlossen, weil eine Tür immer geschlossen sein sollte. Das Ding, das so aussieht wie ein Strick und quer durch das Bild geht, ist der Äquator selbst, und die beiden anderen Dinger, die so aussehen wie Felsen, sind die beiden Riesen Moar und Koar, die den Äquator in Ordnung halten. Sie sind es, die die Schattenbilder auf dem Tor des Äquators gezeichnet haben und auch alle diese verschnörkelten Fische unter dem Tor. Die geschnäbelten Fische sind Delphine, und die anderen mit dem sonderbaren Kopfe sind Hammerfische, Vettern der Haifische. Der Walfisch hat den kleinen klugen Fisch aber erst gefunden, nachdem sein Zorn vorüber war, und da wurden sie wieder gute Freunde.

Der kleine Butt schwamm fort und versteckte sich im Schlamm unter der Türschwelle des Äquators. Er fürchtete, daß der Walfisch ihm böse wäre.

Der Seemann nahm das Klappmesser mit nach Haus. Die blauen Segeltuchhosen hatte er an, aber keine Hosenträger; denn sieh!, die hatte er gebraucht, um das Gitterwerk zusammenzubinden. Und das ist das Ende von der Geschichte.

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