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Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Der Schmetterling, der mit dem Fuß stampfte

Zeicnung R. Kipling

Dieses, o mein Liebling, ist eine Geschichte – eine neue und eine wunderhübsche Geschichte – eine Geschichte, ganz verschieden von allen anderen Geschichten – eine Geschichte von dem sehr weisen Herrscher Suleiman-ben-Daud-Salomo, dem Sohn von David.

Es gibt dreihundertundfünfundfünfzig Geschichten von Suleiman-ben-Daud; aber dies ist keine davon. Es ist nicht die Geschichte von dem Kibitz, der das Wasser fand; auch nicht von dem Wiedehopf, der Suleiman-ben-Daud vor der Hitze schützte. Es ist nicht die Geschichte von dem Pflaster von Glas oder von dem Rubin mit dem schiefen Loch oder von den Goldbarren von Balkis. Es ist die Geschichte von dem Schmetterling, der stampfte.

Nun hör zu und paß gut auf!

Suleiman-ben-Daud war weise. Er verstand, was die Tiere sprachen, was die Vögel sprachen, was die Fische sprachen und was die Insekten sprachen. Er verstand, was die Felsen tief unter der Erde sagten, wenn sie sich zueinanderneigten, und was die Bäume sagten, wenn sie morgens rauschten. Und Balkis, seine Oberste Königin, die wunderschöne Königin Balkis, war beinahe ebenso weise wie er.

Suleiman-ben-Daud war stark. An dem dritten Finger seiner rechten Hand trug er einen Ring. Wenn er ihn einmal umdrehte, kamen Afrits und Djinns (Dämonen) aus der Erde, um zu tun, was immer er befahl. Wenn er ihn zweimal drehte, kamen Feen vom Himmel herab, um zu tun, was immer er befahl, und wenn er ihn dreimal drehte, kam der mächtige Engel Azrael mit dem Schwert selbst, als Wasserträger gekleidet, und erzählte ihm die Neuigkeiten aus den drei Welten – Oben, Unten und Hier.

Und doch war Suleiman-ben-Daud nicht stolz. Er tat selten groß, und wenn er es getan hatte, tat es ihm leid. Einmal versuchte er, alle Tiere in der ganzen Welt an einem Tage zu füttern; als aber das Essen fertig war, kam ein Tier von tief unten aus dem Meer und aß es in drei Mundvoll auf. Suleiman-ben-Daud war sehr erstaunt und sagte: »O Tier, wer bist du?«

Und das Tier sagte: »O König, lebe für immer! Ich bin der kleinste von dreißigtausend Brüdern, und unser Haus ist auf dem Grunde des Meeres. Wir hörten, du wolltest alle Tiere in der ganzen Welt füttern, und meine Brüder schickten mich her, um zu fragen, wann das Mittagessen fertig sein würde.«

Suleiman-ben-Daud war noch mehr erstaunt und sagte:

»O Tier, du hast das ganze Mittagessen aufgegessen, das ich für alle Tiere in der ganzen Welt zurechtgemacht hatte.«

Und das Tier sagte:

»O König, lebe für immer! Aber nennst du das wirklich ein Mittagessen? Woher ich komme, da essen wir zweimal soviel als das zwischen den Mahlzeiten.«

Da fiel Suleiman-ben-Daud platt auf sein Gesicht und sagte:

»O Tier! Ich gab das Mittagessen, um zu zeigen, was für ein mächtiger und reicher König ich bin, und nicht, um wirklich gut gegen die Tiere zu sein. Nun bin ich beschämt, und das geschieht mir recht.«

Suleiman-ben-Daud war wirklich ein richtig weiser Mann, Liebling. Nach diesem vergaß er nie, daß es dumm ist, großzutun; und jetzt fängt der richtige Geschichtenteil meiner Geschichte an.

Er heiratete viele, viele Frauen außer der wunderschönen Balkis, und sie lebten alle in einem großen, goldenen Palast in der Mitte eines lieblichen Gartens mit Springbrunnen. Er hatte nicht gerade neunhundertneunundneunzig Frauen nötig; aber in jenen Tagen heiratete jeder wer weiß wie viele Frauen, und der König hatte natürlich noch so viel mehr zu heiraten, just um zu zeigen, daß er König war.

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild von dem Tier, das aus dem Meer herauskam und das ganze Essen aufaß, das Suleiman-ben-Daud für alle Tiere in der ganzen Welt zurechtgemacht hatte. Es war wirklich ein ganz nettes Tier, und seine Mammi hatte es recht lieb, ebenso wie seine neunundzwanzigtausendneunhundertundneunundneunzig Brüder, die auf dem Grund des Meeres lebten. Du weißt, daß es von allen Brüdern der kleinste war, und sein Name war Däumling-Goldfisch. Er aß all die Schachteln und Pakete und Ballen und alles auf, was für alle Tiere zurechtgemacht war, ohne einmal die Deckel abzunehmen oder die Stricke loszumachen, und das tat ihm gar keinen Schaden. Die spitzigen Masten hinter den Schachteln und Ballen gehören zu Suleiman-ben-Dauds Schiffen. Die brachten noch mehr Futter, als Däumling-Goldfisch an Land kam.

Die Schiffe aß er nicht, denn die hörten augenblicklich auf auszuladen und kehrten in die See zurück, bis Däumling-Goldfisch fertig mit essen war. Du kannst einige von den Schiffen wegsegeln sehen neben Däumling-Goldfischens Schulter. Suleiman-ben-Daud habe ich nicht gezeichnet. Er ist gleich neben dem Bild, aber sehr erstaunt. Das Bündel, das an dem Mast des Schiffes an der Ecke hängt, ist wirklich ein Kolli nasser Datteln, zum Essen für die Papageien. Die Namen der Schiffe weiß ich nicht. Das ist alles, was auf dem Bild ist.

Manche von den Frauen waren nett, aber manche waren einfach greulich, und die greulichen zankten mit den netten, bis die auch greulich wurden, und dann zankten sie alle mit Suleiman-ben-Daud, und das war schrecklich für ihn. Aber Balkis, die Wunderschöne, zankte nie mit Suleiman-ben-Daud. Sie liebte ihn zu sehr. Sie saß in ihren Gemächern in dem goldenen Palast oder spazierte in dem Palastgarten und war wirklich betrübt um ihn.

Wäre es ihm in den Sinn gekommen, den Ring an seinem Finger umzudrehen und die Djinns und Afrits herbeizurufen, so würden die natürlich die neunhundertundneunundneunzig zänkischen Weiber verzaubert und vielleicht in weiße Wüstenmaulesel oder Windhunde oder Granatapfelkerne verwandelt haben; doch Suleiman-ben-Daud dachte, das hätte aussehen können, als wollte er großtun. Wenn sie aber zu viel zankten, dann ging er ganz für sich allein in einem Teil des wunderschönen Palastgartens herum und wünschte, daß er nie geboren wäre.

Eines Tages, als sie drei Wochen gezankt hatten – alle neunhundertneunundneunzig Weiber auf einmal –, ging Suleiman-ben-Daud wieder hinaus wie gewöhnlich, um Ruhe und Frieden zu haben; und zwischen den Orangenbäumen begegnete er Balkis, der Wunderschönen, die ganz traurig war, weil Suleiman-ben-Daud sich geärgert hatte. Und sie sagte:

»O mein Herr und Licht meiner Augen, drehe den Ring an deinem Finger um, und zeige diesen Königinnen von Ägypten und Mesopotamien und Persien und China, daß du der mächtige und furchtbare König bist.«

Aber Suleiman-ben-Daud schüttelte sein Haupt und sagte:

»O meine Herrin und Entzücken meines Lebens, erinnere dich des Tieres, das aus der See kam und mich beschämte vor allen Tieren in der ganzen Welt, weil ich großtun wollte. Wenn ich nun jetzt großtun wollte vor diesen Königinnen von Persien und Ägypten und Abessinien und China, nur deshalb, weil sie mich ärgern, so könnte ich vielleicht noch ärger beschämt werden als damals.«

Und Balkis, die Wunderschöne, sagte: »O mein Herz und Schatz meiner Seele, was willst du denn aber anfangen?«

Und Suleiman-ben-Daud sagte: «O meine Herrin und Inhalt meines Herzens, ich werde fortfahren, mein Schicksal zu ertragen, an der Hand dieser neunhundertneunundneunzig Königinnen, die mich ärgern mit ihrem ewigen Gezänk.«

So spazierte er weiter zwischen den Lilien und Mispeln und Rosen und Cannas und den stark riechenden Ingwerpflanzen, die in dem Garten wuchsen, bis er zu dem großen Kampferbaum kam, der genannt wurde: der Kampferbaum des Suleiman-ben-Daud.

Balkis aber verbarg sich zwischen den hohen Schwertlilien und gefleckten Bambusen hinter dem Kampferbaum, um ihrem herzallerliebsten Suleiman-ben-Daud nahe zu sein.

Alsbald flogen zwei Schmetterlinge unter den Baum, und die zankten sich.

Suleiman-ben-Daud hörte den einen zum andern sagen: »Mich wundert deine Dreistigkeit, so zu mir zu sprechen. Weißt du nicht, daß, wenn ich mit meinem Fuß aufstampfe, hier der ganze Palast und Garten des Suleiman-ben-Daud gleich mit einem Donnerschlage verschwinden würde?«

Da vergaß Suleiman-ben-Daud seine neunhundertneunundneunzig unangenehmen Weiber und lachte über des Schmetterlings Prahlerei, bis der Kampferbaum wackelte. Und er hielt seinen Finger hin und sagte: »Kleiner Mann, komm her!«

Der Schmetterling war furchtbar bange, aber er brachte es doch fertig, auf Suleiman-ben-Dauds Hand zu fliegen, und da saß er und fächerte sich. Suleiman-ben-Daud neigte sein Haupt und wisperte ganz leise:

»Kleiner Mann, weißt du, daß all dein Stampfen nicht einmal einen Grashalm bewegen würde? Warum flunkerst du so kolossal vor deinem Weib? – Denn ohne Zweifel ist sie dein Weib.«

Der Schmetterling sah Suleiman-ben-Daud an und sah des höchst weisen Königs Augen glitzern wie Sterne in einer Frostnacht, und er nahm seinen Mut mit beiden Flügeln zusammen und legte den Kopf auf eine Seite und sagte:

»O König, lebe für immer! Sie ist mein Weib, und du weißt, wie die Weiber sind.«

Suleiman-ben-Daud lächelte in seinen Bart und sagte: »Ja, ich weiß es, kleiner Bruder.«

»Man mußte sie doch auf irgendeine Weise in Respekt halten«, sagte der Schmetterling, »und sie hat den ganzen Morgen mit mir gezankt. Ich sagte das nur, um sie zu beruhigen.«

Und Suleiman-ben-Daud sagte: »Möge es sie beruhigen! Geh zurück zu deiner Frau, kleiner Bruder, und laß mich hören, was du ihr sagst.«

Zurück flog der Schmetterling zu seinem Weibchen, das in voller Aufregung unter einem Blatte saß, und es sagte: »Er hörte dich! Suleiman-ben-Daud selbst hat dich gehört!«

»Hörte mich! Natürlich hörte er mich!« sagte der Schmetterling. »Ich wollte, daß er mich hören sollte.«

»Und was sagte er? Oh, was hat er gesagt?«

»Nun«, sagte der Schmetterling, sich würdevoll fächernd, »unter uns gesagt, meine Liebe – ich begreife es wohl, denn sein Palast muß viel Geld gekostet haben, und die Orangen werden bald reif – er bat mich, nicht zu stampfen, und ich versprach ihm, es nicht zu tun.«

»Ach du meine Güte!« sagte sein Weib und saß ganz, ganz still; aber Suleiman-ben-Daud lachte über die Unverschämtheit des kleinen Schmetterlings, daß ihm die Tränen über die Backen flossen.

Balkis, die Wunderschöne, stand hinter dem Baum, zwischen den roten Lilien, und lächelte, denn sie hatte die ganze Unterhaltung mit angehört. Sie dachte: Wenn ich es klug anfange, kann ich meinen Herrn nun doch vor den Belästigungen dieser zänkischen Königinnen schützen.

Und sie hielt ihren Finger hin und wisperte der kleinen Frau Schmetterling zu: »Kleine Frau, komm hierher.« Auf flog das Schmetterlingsweib, ziemlich bange, und setzte sich auf Balkis' weiße Hand.

Balkis beugte ihren wunderschönen Kopf herab und flüsterte: »Kleine Frau, glaubst du, was dein Mann eben gesagt hat?«

Des Schmetterlings Frau sah Balkis an und sah die Augen der wunderschönen Königin leuchten wie Sternenlicht in tiefen Teichen, und sie nahm ihren Mut mit beiden Flügeln zusammen und sagte:

»O Königin, bleibe lieblich für immer! Du weißt, wie Männer sind.«

Und die Königin Balkis, die weise Königin Balkis, legte ihre Hand auf die Lippen, um ein Lächeln zu verbergen, und sagte:

»Kleine Schwester, ich weiß es.«

»Sie werden ärgerlich über die geringste Kleinigkeit«, sagte Frau Schmetterling, sich hastig fächelnd, »aber wir müssen ihnen den Willen tun, o Königin. Sie meinen nicht die Hälfte von dem, was sie sagen. Wenn es meinem Mann beliebt, zu glauben, daß ich glaube, er könne Suleiman-ben-Dauds Palast verschwinden lassen durch Aufstampfen mit dem Fuß, was kümmert's mich! Bis morgen hat er alles vergessen.«

»Kleine Schwester«, sagte Balkis, »du hast ganz recht; aber das nächstemal, wenn er wieder prahlt, halt ihn beim Wort. Fordere, daß er stampft, und sieh, was folgt. Wir wissen, wie Männer sind, nicht wahr? Er wird sich schämen.«

Weg flog Frau Schmetterling zu ihrem Mann, und nach fünf Minuten zankten sie sich ärger als je.

»Denk daran! Denk daran, was ich tun kann, wenn ich mit dem Fuß stampfe«, sagte der Schmetterling.

»Ich glaube dir nicht so viel«, sagte des Schmetterlings Weib. »Ich möchte es wohl sehen. Wie wär's, wenn du gleich stampftest!«

»Ich versprach Suleiman-ben-Daud, es nicht zu tun«, sagte der Schmetterling, »und ich will mein Wort nicht brechen.«

»Es würde keinem Schaden tun, wenn du es tätest. Du könntest mit deinem Stampfen keinen Grashalm bewegen. Ich verlange, daß du es tust«, sagte sie. »Stampfe! Stampfe! Stampfe!«

Suleiman-ben-Daud, unter dem Kampferbaume sitzend, hörte jedes Wort und lachte, wie er noch nie in seinem Leben gelacht. Er vergaß seine Königinnen; er vergaß das Tier, das aus der See kam; er vergaß Großtuerei und alles. Er lachte vor Vergnügen, und Balkis hinter dem Baume lächelte, weil ihr Herzliebster so vergnügt war.

Sogleich kam der Schmetterling an, sehr erhitzt und keuchend. Er flatterte unter dem Schatten des Kampferbaumes hin und her und sprach zu Suleiman:

»Sie will, daß ich stampfe. Sie will sehen, was dann passiert, o Suleiman-ben-Daud! Du weißt, ich kann nichts tun; und nun wird sie mir nie wieder glauben. Sie wird über mich lachen bis ans Ende meiner Tage.«

»Nein, kleiner Bruder«, sagte Suleiman, »sie wird nie wieder über dich lachen.«

Und er drehte seinen Ring – just um des kleinen Schmetterlings willen, nicht um großzutun, und – sieh da! Vier ungeheure Djinns kamen aus der Erde herauf.

Zeicnung R. Kipling

Dies ist das Bild von den vier Djinns mit Seeschwalbenflügeln, die den Palast Suleiman-ben-Dauds aufhoben in dem Augenblick, da der Schmetterling stampfte. Der Palast und der Garten und alles wurde in einem Stück wie eine Tischplatte aufgehoben. Es blieb ein großes Loch in der Erde, ganz voll Rauch und Staub. Wenn Du in den Winkel schaust, nahe bei dem Ding, das wie ein Löwe aussieht, siehst Du Suleiman-ben-Daud mit seinem magischen Stab und die beiden Schmetterlinge hinter ihm. Das Ding, das wie ein Löwe aussieht, ist wirklich ein Löwe, in Stein gehauen; und das Ding, das wie eine Milchkanne aussieht, ist wirklich ein Stück von einem Tempel oder einem Haus oder so etwas. Suleiman-ben-Daud stand so da, um fern von dem Staub und Rauch zu sein, als die Djinns den Palast aufhoben. Die Namen der Djinns weiß ich nicht. Sie waren die Diener von Suleiman-ben-Dauds magischem Ring, und ihre Namen wechselten jeden Tag. Sie waren eben ganz gewöhnliche Djinns mit Seeschwalbenflügeln.

»Sklaven«, sagte Suleiman-ben-Daud, »wenn dieser Herr auf meinem Finger (das war der unverschämte Schmetterling) mit seinem linken Vorderfuß stampft, sollt ihr meinen Palast und diese Gärten mit einem Donnerschlag verschwinden lassen. Und wenn er wieder stampft, sollt ihr alles wieder sorgsam an seinen Platz stellen.«

»Nun, kleiner Bruder«, sagte er, »geh zurück zu deiner Frau und stampfe nach Herzenslust.«

Weg flog der Schmetterling zu seiner Frau, und die schrie:

»Ich will, daß du es tust! Ich will, daß du es tust! Stampfe! Stampfe! Stampfe!«

Balkis sah die vier ungeheuren Djinns sich niederbücken auf die vier Ecken des Gartens mit dem Palast in der Mitte, und sie klatschte leise in die Hände und sagte:

»Endlich will Suleiman-ben-Daud für einen kleinen Schmetterling tun, was er längst hätte für sich selbst tun sollen, und die zänkischen Königinnen werden sich fürchten.«

Dann stampfte der Schmetterling.

Mit einem Ruck stießen die Djinns den Palast und den Garten tausend Meilen hoch in die Luft, es kam ein schrecklicher Donnerschlag, und alles wurde so schwarz wie Tinte. Des Schmetterlings Weib flatterte im Dunkeln hin und her und rief:

»Oh, ich will gut sein! Ich bin so betrübt, daß ich so sprach! Bring nur den Garten wieder her, mein lieber, lieber Mann. Nie wieder will ich streiten.«

Der Schmetterling war beinahe ebenso in Angst wie seine Frau, und Suleiman lachte so, daß es einige Minuten währte, bis er Atem genug hatte, dem Schmetterling zuzuwispern:

»Stampfe noch einmal, kleiner Bruder. Gib mir meinen Palast zurück, höchstmächtiger Zauberer.«

»Ja, gib ihm seinen Palast zurück«, sagte Frau Schmetterling, noch immer im Dunkel herumfliegend wie eine Motte. »Gib ihm seinen Palast zurück, und höre auf mit der schrecklichen Zauberei.«

»Nun, meine Liebe«, sagte der Schmetterling, so mutig wie er konnte, »du siehst, wohin dein Keifen geführt hat. Natürlich macht es mir nichts aus – ich bin an so etwas gewöhnt – aber aus Gnade für dich und Suleiman-ben-Daud will ich alles wieder in Ordnung bringen.«

So stampfte er wieder, und in demselben Augenblick ließen die Djinns den Palast und die Gärten wieder nieder, selbst ohne einen Ruck. Die Sonne schien auf die dunkelgrünen Orangenblätter, die Springbrunnen plätscherten zwischen den roten ägyptischen Lilien; die Vögel sangen wieder, und Frau Schmetterling lag auf der Seite unter dem Kampferbaum, bewegte zitternd die Flügel und seufzte: »Oh, ich will gut sein! Ich will gut sein!«

Suleiman-ben-Daud konnte vor Lachen kaum sprechen. Er hatte sich verschluckt, lehnte sich ganz matt zurück, schüttelte den Finger gegen den Schmetterling und sagte:

»O mächtiger Zauberer, was nützt es, daß du mir meinen Palast zurückgibst, wenn du zur selben Zeit mich durch Lachen umbringst!«

Da fing ein schrecklicher Spektakel an, denn alle die neunhundertundneunundneunzig Königinnen stürzten schreiend und kreischend und nach ihren Babys rufend aus dem Palast. Sie eilten über die breiten Marmorstufen bei der Fontäne, immer hundert in einer Reihe, und die sehr weise Balkis schritt ihnen stattlich entgegen und sagte:

»Was macht euch Verdruß, o Königinnen?«

Sie standen auf den Marmorstufen, immer hundert in einer Reihe, und schrien:

»Was ist unser Verdruß? Wir lebten friedlich in unserem goldenen Palast, wie gewöhnlich, als plötzlich der Palast verschwand und wir in schwarzer und lärmender Dunkelheit saßen; und es donnerte, und Djinns und Afrits trieben sich in der Finsternis umher! Das ist unser Verdruß, o Oberste Königin, und wir sind außerordentlich verdrießlich wegen dieses Verdrusses, denn es war ein verdrießlicher Verdruß, so schlimm wie noch kein anderer.«

Da sagte Balkis, die wunderschöne Königin – Suleiman -ben-Dauds Vielgeliebte –, die Königin war von Scheba und Saba und von den Goldflüssen des Südens, von der Wüste Zinn bis zu den Türmen von Zimbabwe –, Balkis, die beinahe so weise war wie Suleiman-ben-Daud selbst:

»Es war nichts, Königinnen! Ein Schmetterling hatte Klage erhoben gegen seine Frau, weil sie mit ihm zankte; und es hat unserem Herrn Suleiman-ben-Daud gefallen, ihr eine Lektion zu geben in Leisesprechen und Demut, denn diese beiden Dinge hält man für eine Tugend bei Schmetterlingsfrauen.«

Da trat eine ägyptische Königin, die Tochter eines Pharaonen, vor und sprach:

»Unser Palast kann nicht mit den Wurzeln ausgerissen werden wie ein Blutegel, um eines kleinen Insektes willen. Nein! Suleiman-ben-Daud muß tot sein, und was wir hörten, war die Erde, die donnerte und sich verdunkelte bei diesem Ereignis.«

Da winkte Balkis dieser kecken Königin, ohne sie anzusehen, und sprach zu ihr und den anderen:

»Kommt und seht!«

Sie kamen von den Marmorstufen herab, immer hundert in einer Reihe, und sie sahen den höchst weisen König Suleiman-ben-Daud unter dem Kampferbaum sich vor Lachen hin und her wiegen, mit einem Schmetterling auf jeder Hand, und sie hörten ihn sagen:

»O Weib meines Bruders in der Luft, vergiß nie, was heute geschah, sei deinem Mann gefällig in allen Dingen, damit er nicht zornig wird und mit dem Fuß stampft; denn er sagt, daß ihm dieser Zauber geläufig sei, und er ist jedenfalls ein eminent mächtiger Zauberer, einer, der selbst den Palast Suleiman-ben-Dauds wegzaubern kann. Geht in Frieden, kleines Volk.«

Und er küßte sie auf die Flügel, und sie flogen fort.

Da fielen alle Königinnen, mit Ausnahme von Balkis – der wunderherrlichen Balkis – platt auf ihr Gesicht und sagten:

»Wenn solche Dinge geschehen, weil ein Schmetterling unzufrieden mit seiner Frau ist, was wird dann uns geschehen, die wir unseren König gereizt haben durch Lautsprechen und Lautzanken so viele, viele Tage?« Dann zogen sie die Schleier über ihre Köpfe, hielten sich die Hände vor den Mund und gingen auf den Fußspitzen, ganz mäuschenstill, in den Palast zurück.

Nun schritt Balkis, die Wunderschöne, durch die roten Lilien in den Schatten des Kampferbaumes, legte ihre Hand auf Suleiman-ben-Dauds Schulter und sagte:

»O mein Gebieter und Schatz meiner Seele, freue dich, denn wir haben diesen Königinnen von Ägypten und Äthiopien und Abessinien und Persien und Indien und China eine große und denkwürdige Lehre gegeben.«

Und Suleiman-ben-Daud, noch immer den Schmetterlingen nachblickend, die im Sonnenschein spielten, sagte:

»O meine Herrin und Juwel meiner Glückseligkeit, wann geschah das? Ich habe mit einem Schmetterling gescherzt, seit ich in den Garten kam.«

Balkis, die zärtliche und liebliche Balkis, sagte: »O mein Herr und König meines Daseins, ich war hinter dem Kampferbaum verborgen und sah alles. Ich riet der Schmetterlingsfrau, dem Schmetterling zu befehlen, daß er stampfe, denn ich hoffte, daß mein Herr um dieses Scherzes willen irgendeinen großen Zauber machte und daß die Königinnen ihn sehen und sich fürchten würden.«

Und dann erzählte sie, was die Königinnen gesehen, gedacht und gesagt hatten.

Da stand Suleiman-ben-Daud auf von seinem Sitz unter dem Kampferbaum, breitete die Arme aus und freute sich und sagte: »O meine Herrin und Versüßerin meiner Tage, wisse, wenn ich einen Zauber gegen meine Königinnen gemacht hätte aus Ärger oder um des Stolzes willen, wegen dessen ich das Mahl für alle Tiere machte, so würde ich sicher beschämt worden sein. Mittels deiner Weisheit aber machte ich Zauber um eines Scherzes willen, um eines kleinen Schmetterlings willen, und – siehe da! Er hat mich auch befreit von dem Ärger über meine zänkischen Weiber! Sage mir, o meine Herrin und Herz meines Herzens, wie bist du so weise geworden?«

Und Balkis, die Königin, schön und schlank, blickte auf in Suleiman-ben-Dauds Augen und neigte den Kopf auf eine Seite, gerade wie der Schmetterling, und sagte:

»Zuerst, o mein Gebieter, weil ich dich liebte, und zweitens, zweitens, o mein Gebieter, weil ich weiß, wie Weiber sind.«

Dann gingen sie in den Palast und lebten glücklich immerfort.

Aber war Balkis nicht gescheit?

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