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Nur so Märchen

Rudyard Kipling: Nur so Märchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorRudyard Kipling
titleNur so Märchen
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorRudyard Kipling
year1989
isbn3371002187
translatorSebastian Harms
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created2015
projectid091817b0
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Wie das Alphabet entstand

Eine Woche, nachdem Taffimai Metallumai (wir wollen sie aber wieder Taffy nennen, Liebling) den kleinen Irrtum gemacht hatte mit dem Speer ihres Papas und dem fremden Mann und dem Bilderbrief und allem, ging sie wieder mit ihrem Väterchen zum Karpfenfischen. Ihre Mammi wollte, daß sie zu Hause bliebe, um ihr zu helfen, Häute zum Trocknen aufzuhängen, draußen vor ihrer urweltlichen Höhle an den großen Trockenstangen, aber Taffy schlüpfte fort, ganz früh, zu ihrem Papa, und sie fischten. Auf einmal fing sie an zu kichern, und ihr Papa sagte:

»Sei nicht albern, Kind.«

»Aber war es nicht drollig?« sagte Taffy. »Weißt du noch, wie der Oberste Häuptling die Backen aufpuffte und wie närrisch der fremde Mann mit dem Schmutz im Haar aussah?«

»Wohl weiß ich es«, sagte Tegumai. »Ich hatte dem fremden Mann zwei Rentierfelle zu bezahlen – zarte, mit Fransen – für alles, was wir ihm angetan hatten.«

»Wir haben ihm nichts getan«, sagte Taffy. »Es war Mammi und die anderen Damen von unserem Stamm – und der Schmutz.«

»Wir wollen nicht mehr davon sprechen«, sagte ihr Papa. »Wir wollen frühstücken.«

Taffy nahm einen Markknochen und saß ganze zehn Minuten mäuschenstill, während ihr Papa mit einem Haifischzahn auf Stückchen von Birkenrinde herumkritzelte. Plötzlich sagte sie:

»Papachen, ich habe mir eine geheime Überraschung ausgedacht. Du machst ein Geräusch – irgendeine Art Geräusch.«

»Ah! Ist das genug für den Anfang?«

»Ja«, sagte Taffy. »Du siehst gerade aus wie ein Karpfen, der den Mund offen hat. Sag das noch einmal, bitte!«

»Ah! Ah! Ah!« machte ihr Papa. »Sei nicht unartig, meine Tochter.«

»Ich wollte nicht unartig sein, wirklich und wahrhaftig nicht«, sagte Taffy. »Es gehört zu meiner geheimen Überraschung. Bitte sag ›a‹ Papachen, und halt den Mund vorn offen und gib mir den Zahn. Ich will einen Karpfenmund, weit offen, malen.«

»Wozu?« frug ihr Papa.

»Siehst du nicht? Das soll unsere kleine Überraschung werden«, sagte Taffy und kritzelte lustig auf der Rinde. »Wenn ich hinten in unserer Höhle, wenn Mammi nichts dagegen hat – einen Karpfen hinmale, der im Rauch den Mund aufsperrt, so wirst du an den Ah-Laut denken. Dann können wir so spielen, als spränge ich aus dem Rauch heraus und überraschte dich mit dem Geräusch – wie ich es letzten Winter am Bibersumpf machte.«

»Wirklich!« sagte ihr Papa mit einer Stimme, die erwachsene Leute haben, wenn sie ordentlich zuhören. »Fahr fort, Taffy.«

»O schade!« rief sie. »Ich kann keinen ganzen Karpfen malen; aber ich kann etwas malen, das aussieht wie ein Karpfenmund. Weißt du nicht, wie sie auf ihren Köpfen stehen und im Schlamm wühlen? Nun, dies soll so was wie ein Karpfen sein.«

»Wir können so spielen, als ob der ganze Karpfen gemalt wäre. Dies ist gerad sein Mund, und das heißt ›ah‹«. Und sie malte dies.

Zeicnung R. Kipling

»Das ist nicht übel«, sagte Tegumai und kritzelte nun auch auf seiner Rinde.

»Doch du hast den Fühler vergessen, der quer durch seinen Mund geht.«

»Aber ich kann ja nicht malen, Papachen.«

»Du brauchst nichts weiter von ihm zu malen als nur den offenen Mund und den Fühler quer durch; dann wissen wir, es ist ein Karpfen, denn die Forellen und der Barsch haben keine Fühler bekommen. Schau her, Taffy.« Und er malte dies.

Zeicnung R. Kipling

»Nun will ich das abschreiben«, sagte Taffy. »Wirst du dies verstehen, wenn du es siehst?« Und sie malte dies.

Zeicnung R. Kipling

»Vollkommen«, sagte ihr Papa. »Und ich werde ebenso erstaunt sein, wenn ich das irgendwo sehe, als wenn du hinter einem Baum hervorsprängest und riefest: ›Ah‹!«

»Nun mach ein anderes Geräusch«, sagte Taffy, sehr stolz.

»J-a!« machte ihr Papa, sehr laut.

»Hm«, sagte Taffy, »das ist ein Mischmaschgeräuch. Der Schlußteil ist ›a‹ – Karpfenmund. Aber was fangen wir mit dem Vorderteil an? Ja – Ja – Ja – und ah! Ja!«

»Es ist sehr ähnlich dem Karpfenmundlaut. Laß uns ein anderes bißchen vom Karpfen malen und es zusammenpassen«, sagte ihr Papa. Er war auch ganz aufgeregt.

»Nein, wenn wir es zusammenpassen, weiß ich es nicht. Male es einzeln. Mal einen Schwanz. Wenn er auf dem Kopf steht, kommt der Schwanz zuerst. Und Schwänze kann ich besser malen«, sagte Taffy.

»Eine gute Idee«, sagte Tegumai. »Hier ist ein Karpfenschwanz für den J-a-Laut.«

Und er malte dieses.

»Nun will ich's versuchen«, sagte Taffy.

Zeicnung R. Kipling

»Bedenke Papachen, ich kann nicht so malen wie du. Ist es gut genug, wenn ich den gespaltenen Teil vom Schwanz male und eine halbgerade Linie herunter, wo er wieder zusammengeht.« Und sie malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

Ihr Papa nickte, und seine Augen waren glänzend hell vor Entzücken.

»Das ist wunderhübsch geworden«, sagte sie. »Nun mach ein anderes Geräusch, Papachen.«

»Oh!« machte ihr Papa, sehr laut.

»Das ist ganz leicht«, sagte Taffy. »Du machst deinen Mund ganz rund, wie ein Ei oder wie ein Stein. Ein Ei oder ein Stein ist ja gut genug dafür.«

»Du kannst nicht immer Eier oder Steine finden. Wir müssen etwas Rundes malen, das so aussieht.«

Und er malte dies.

Zeicnung R. Kipling

»Ach du meine Güte«, sagte Taffy, »welche Menge Lautbilder haben wir schon gemalt – Karpfenmund, Karpfenschwanz und Ei! Nun mach ein anderes Geräusch, Väterchen.«

»Ssch!« machte ihr Papa und runzelte die Stirn, aber Taffy war zu aufgeregt, um es zu bemerken.

»Das ist ganz leicht«, sagte sie und kritzelte auf der Rinde.

»He, was!« rief ihr Papa. »Ich war in Gedanken und wollte nicht gestört werden.«

»Es war aber doch ein Geräusch. Es war ein Geräusch, das eine Schlange macht, Papachen, wenn sie in Gedanken ist und nicht gestört sein will. Laß uns den Ssch-Laut wie eine Schlange malen. Ist's so gut genug?« Und sie malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

»Da«, sagte sie. »Das ist eine neue geheime Überraschung. Wenn du eine Zischschlange an die Tür deiner kleinen Hinterhöhle malst, wo du deine Spieße flickst, weiß ich, daß du tief in Gedanken bist; und ich werde mäuschenleise hereinkommen. Und wenn du eine an den Baum am Flusse malst, wo du fischst, weiß ich, daß ich sehr, sehr mäuschenleise auftreten muß, damit ich das Ufer nicht erschüttere.

»Vollkommen richtig«, sagte Tegumai. »Und in diesem Spiel ist mehr, als du denkst, Taffy, mein Liebling, ich habe die Idee, daß deines Väterchens Tochter auf das vortrefflichste Ding gestoßen ist, das es je gegeben hat, seit der Stamm von Tegumai anfing, Haifischzähne anstatt Feuersteine zu Lanzenspitzen zu verwenden. Ich glaube, wir haben das große Geheimnis der Welt gefunden.«

»Wie denn?« frug Taffy, und ihre Augen strahlten vor Aufregung.

»Ich will es dir zeigen«, sagte ihr Papa. »Was ist ›Wasser‹ in der Tegumaisprache?«

»›J-a‹ natürlich, und es heißt auch ›Fluß‹.«

»Was ist ›schlechtes Wasser‹, von dem du Fieber bekommst, wenn du es trinkst – schwarzes Wasser – Sumpfwasser?«

»›Jo‹ natürlich.«

»Nun sieh«, sagte ihr Papa. »Nimm an, du sähest dieses auf einen Pfahl neben dem Bibersumpf gekritzelt«, und er malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

»Karpfenschwanz und rundes Ei. Zwei Geräusche gemischt! ›Jo – schlechtes Wasser‹«, sagte Taffy. »Gewiß würde ich das Wasser nicht trinken, weil ich wüßte, du sagtest, es wäre schlecht.«

»Aber ich brauchte ja gar nicht nahe am Wasser zu sein. Ich könnte Meilen weit fort auf der Jagd sein und doch ...«

»Doch würde es ebensogut sein, als wenn du da ständest und sagtest: ›Mach, daß du wegkommst, Taffy, sonst kriegst du Fieber. Und das ist alles in einem Karpfenschwanz und einem runden Ei! O Papachen, wir müssen es gleich Mammi erzählen!« Und Taffy tanzte rund um ihn herum.

»Noch nicht«, sagte Tegumai. »Wir müssen erst etwas weiter sein. Laß sehen. ›Jo‹ ist ›schlechtes Wasser‹, aber ›So‹ ist ›Essen, das auf dem Feuer gekocht wird‹, nicht wahr?« Und er malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

»Ja, Schlange und Ei«, sagte Taffy. »So, das bedeutet: ›Essen ist fertig.‹ Wenn du das an einen Baum gekratzt sähest, wüßtest du, es wäre Zeit, nach der Höhle zu kommen, und ich wüßte es auch.«

»Potz Blitz!« rief Tegumai, »das ist wieder richtig. Aber warte einen Augenblick. Ich sehe eine Schwierigkeit. ›So‹ bedeutet ›Komm zu Tisch!‹, aber ›Scho‹ bedeutet ›die Trockenstangen, auf die wir unsere Häute hängen‹.«

»Abscheuliche alte Trockenstangen!« sagte Taffy. »Ich mag nicht die schweren, heißen, haarigen Häute aufhängen. Wenn du eine Schlange und ein Ei gemalt hättest, und ich dächte, das bedeutete, ich sollte zu Tisch kommen, und ich käme hinein und fände, es bedeutete, ich sollte Mammi helfen, Häute auf die Trockenstangen zu hängen, was würde ich wohl anfangen!«

»Du würdest verdrießlich werden. Und Mammi auch. Wir müssen ein neues Bild für ›Scho‹ machen. Wir müssen eine fleckige Schlange malen, die ›Sch-Sch‹ zischt, und müssen spielen, daß die glatte Schlange nur ›SSSS‹ zischte.«

»Ich weiß nicht gewiß, ob ich die Flecke malen könnte«, sagte Taffy. »Und du könntest sie in der Eile vielleicht vergessen, und ich könnte meinen, es wäre ›So‹, wenn es ›Scho‹ wäre, und dann würde Mammi mich doch festhalten. Nein! Ich denke, wir malen ein Bild von den scheußlichen, hohen Trockenstangen ganz genau, daß wir uns nicht irren können. Ich will sie gleich gerade hinter die Zischschlange malen, und da hängt noch ein Strick, den Mammi daran vergessen hat. Sieh!« Und sie malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

»Vielleicht ist das sicherer«, sagte ihr Papa lachend. »Es ist jedenfalls unsern Trockenstangen sehr ähnlich. Nun will ich ein neues Geräusch machen, mit einem Schlangen- und Trockenstangenlaut darin. Ich will sagen ›Schi‹. Das ist Tegumai und bedeutet ›Speer‹, und der Laut ist ähnlich und doch anders als der vom Karpfenschwanz, Taffy.« Und er lachte noch einmal.

»Lache mich nicht aus«, sagte Taffy. Sie dachte an ihren Bilderbrief und den Schmutz in des fremden Mannes Haar. »Mal du es, Papachen.«

»Biber und Hügel wollen wir diesmal nicht haben, he?« sagte ihr Papa. »Ich male eine gerade Linie für einen Speer.« Und er malte dieses.

Zeicnung R. Kipling

»Selbst Mammi könnte hieraus nicht schließen, daß ich tot gespießt wäre, wie?«

»Bitte, Papachen, sprich nicht so. Es macht mich unbehaglich. Mach noch ein paar Geräusche. Wir kommen so prachtvoll vorwärts.«

»Rr-hum!« machte Tegumai und blickte aufwärts. Wir wollen sagen ›Schu‹. Das bedeutet ›Wolke‹.«

Taffy malte die Schlange und die Trockenstange. Dann hielt sie inne.

»Wir müssen ein neues Bild machen für den Endlaut, nicht wahr?«

»Schu-schu-u-u-u!« sagte ihr Papa. »Das ist gerade wie der runde Eilaut, nur dünner.«

»Dann, was meinst du, malen wir ein rundes Ei ganz dünn, und tun so, als ob es ein Frosch wäre, der jahrelang nichts gegessen hätte.«

»N-nein«, sagte ihr Papa. »Wenn wir das in Eile malten, könnten wir es für das runde Ei selbst halten. Schu-schu-schu. Ich will dir sagen, was wir tun wollen. Wir machen eine kleine Öffnung am Ende von dem runden Ei, zu zeigen, wie das O-Geräusch ganz dünn herauskommt – ooo-oo-oo- so.« Und er malte dieses.

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»Oh, das ist reizend«, sagte Taffy. »Viel besser als der dünne Frosch. Weiter!« Und sie brauchte ihren Haifischzahn.

Ihr Papa fuhr fort zu malen, und seine Hand zitterte vor Aufregung. Er fuhr fort, bis er dieses gemalt hatte.

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»Blick nicht aufwärts, Taffy,« sagte er. »Sieh zu, ob du herausfindest, was das in der Tegumaisprache bedeutet. Wenn du das kannst, haben wir das Geheimnis gefunden.«

»Schlange – Stange – zerbrochenes Ei – Karpfenschwanz und Karpfenmaul«, sagte Taffy. »(Schu = ja) Wolken – Wasser (Regen).«

Gerade da fiel ein Tropfen auf ihre Hand, denn der Tag war bedeckt geworden.

»O Papachen, es regnet. War es das, was du mir sagen wolltest?«

»Natürlich«, sagte ihr Papa. »Und ich sagte es dir, ohne ein Wort zu sprechen, nicht wahr?«

»Nun, ich denke, in einer Minute würde ich es selbst gewußt haben, aber der Regentropfen machte mich ganz sicher. Ich werde nun immer daran denken. ›Schu-ja‹ bedeutet ›Regen‹ oder ›Es wird regnen‹. He! Papachen!« Sie sprang auf und tanzte um ihn herum.

»Wenn du nun ausgingest, ehe ich wach bin, und maltest ›Schu-ja‹ auf den Rauch an der Wand, dann wüßte ich, es würde regnen, und würde meine Biberfellkappe aufsetzen. Wie Mammi erstaunt sein würde!«

Tegumai sprang auf und tanzte. (In jenen Tagen machten die Papas sich nichts daraus, so was zu tun.)

»Mehr als das, mehr als das«, rief er. »Nimm an, ich wollte dir sagen, es würde nicht viel regnen, und du solltest an den Fluß hinunterkommen, was müßten wir malen? Sage die Worte erst in der Tegumaisprache.«

»Schu-ja-las, ja maru« (Himmel, Wasser hört auf. Komme zum Fluß). Welch eine Menge neuer Laute! Weiß gar nicht, wie wir sie alle malen sollen.«

»Aber ich weiß es, ich weiß es!« sagte Tegumai. »Paß noch einen Augenblick auf, Taffy, dann wollen wir für heute aufhören. Wir haben ›Schu-ja‹ ganz richtig, nicht wahr? Aber dies ›las‹ ist eine Plage. La-la-la!« und er bewegte seinen Haifischzahn.

»Hier am Ende ist die Zischschlange und der Karpfenmund ist vor der Schlange – as-as-as. Wir haben nur ›la-la‹ nötig«, sagte Taffy.

»Ich weiß es, aber wir haben das ›la-la‹ zu machen. Und wir sind die ersten Leute in der Welt, die versuchen, das zu machen, Taffy.«

»Ah!« machte Taffy gähnend, denn sie war sehr müde. »›Las‹ bedeutet ›Fertigmachen‹ so gut wie ›Schluß machen‹, nicht wahr?«

»So ist's,« sagte Tegumai. »›Jo-las‹ bedeutet: ›Es ist kein Wasser zum Kochen im Tank für Mammi‹ gerade wenn ich fort muß auf die Jagd.«

»Und ›Schi-las‹ bedeutet, daß dein Spieß zerbrochen ist. Wenn ich daran nur gedacht hätte, statt dumme Biberbilder zu malen für den fremden Mann!«

»La! La! La!« sagte Tegumai, seinen Stock schwenkend und die Stirn runzelnd. »O Plage!«

»Ich würde ›Schi‹ ganz leicht malen können,« fuhr Taffy fort. »Ich würde deinen Speer ganz zerbrochen gezeichnet haben – so!« Und sie zeichnete.

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»Das ist gerade das Rechte«, sagte Tegumai. »Das ist ›La‹ ganz und gar. Es ist auch anders als alle anderen Zeichen.« Und er malte dies.

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»Nun zu ›Ja‹. Oh, das haben wir schon früher gemacht. Nun zu ›maru‹ Mum-mum-mum. Mum schließt einem den Mund zu, nicht wahr? Gut, wir malen einen geschlossenen Mund – so!« Und er malte

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»Dann den Karpfenmund offen. Das macht Ma-ma-ma. Aber was machen wir mit diesem Rrrrr-Ding, Taffy?«

»Es lautet ganz rauh und eckig, wie dein Haifischzahn, wenn du eine Planke zu dem Kanoe schneidest«, sagte Taffy.

»Du meinst ganz scharf an den Kanten wie dies?« Und er zeichnete.

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»Genau so«, sagte Taffy. »Aber wir brauchen nicht alle die Zähne, mach nur zwei.«

»Ich will nur einen machen«, sagte Tegumai. »Wenn unser Spiel das wird, was ich hoffe, dann ist es besser für jedermann, wenn wir die Lautbilder so einfach wie möglich machen.« Und er zeichnete.

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»Nun haben wir's«, sagte Tegumai und stand auf einem Bein. »Ich will sie alle an einer Schnur zeichnen wie Fische.«

»Wär's nicht besser, wir stecken ein bißchen Holz oder so was zwischen jedes Wort, damit sie sich nicht gegeneinanderreiben oder anstoßen, als wenn sie Karpfen wären?«

»Oh, ich werde einen Zwischenraum lassen«, sagte ihr Papa. Und sehr aufgeregt zeichnete er alle, ohne aufzuhören, auf ein neues Stück Birkenrinde.

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»Schu-ja-las-ja-maru«, sagte Taffy, Laut nach Laut.

»Das ist genug für heute«, sagte Tegumai. »Du bist auch müde, Taffy. Schadet nichts, Liebling, morgen wollen wir alles fertig machen. Und dann wird man an uns denken für Jahre und Jahre, ja noch, wenn die dicksten Bäume, die du sehen kannst, zu Brennholz zerhackt sind.«

So gingen sie heim, und den ganzen Abend saß Tegumai an der einen Seite des Feuers und Taffy an der andern, und sie zeichneten Jas und Jos und Schus und Schis auf den Rauch an der Wand und kicherten zusammen, bis die Mammi sagte:

»Wirklich, Tegumai, du bist schlimmer als meine Taffy.«

»Bitte, laß gut sein, Mammi«, sagte Taffy. »Es ist nur unsere geheime Überraschung, und wir wollen dir alles sagen, gleich, wenn es fertig ist; aber bitte frag mich jetzt nicht wieder, sonst muß ich es gleich sagen.«

Und ihre Mammi frug nicht. Am hellen nächsten Morgen ging Tegumai an den Fluß hinunter, um neue Lautbilder auszudenken, und als Taffy aufstand, sah sie »Ja-las« (Wasser ist zu Ende oder fließt weg) mit Kreide auf die Seite des großen, steinernen Wassertanks geschrieben.

»Hm!« machte Taffy, »diese Bilderlaute sind eigentlich eine Plage! Es ist gerad so gut, als stünde Papa selbst hier und sagte: Hol Wasser zum Kochen für Mammi.«

Sie ging zur Quelle hinter der Höhle und füllte den Tank mit einem Rindeneimer. Aber dann rannte sie hinunter an den Fluß und zupfte ihr Papachen am linken Ohr – das Ohr durfte sie zupfen, wenn sie artig gewesen.

»Nun komm«, sagte ihr Papa. »Wir werden all die übrigen Lautbilder noch machen.«

Und sie hatten einen sehr aufregenden Tag, aber ein prachtvolles Frühstück dazwischen, und zwei Spiele, um sich gehörig auszutoben. Als sie an »T« kamen, sagte Taffy: da ihr Name und Papas und Mammis alle mit demselben Laut anfingen, so wollten sie lieber eine Familiengruppe malen und daß sie sich alle an den Händen hielten. Das ging recht hübsch, um es ein- oder zweimal zu malen, aber als sie es zum sechsten und siebenten Male tun wollten, wurde es kritzlicher und kritzlicher, bis zuletzt der T-Laut nur ein langer Teschumai wurde, der seine Arme ausstreckte und Taffy und Tegumai hielt. Du kannst an diesen drei Bildern sehen, wie es nach und nach wurde.

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Viele andere Bilder waren viel zu schön, um damit anzufangen, besonders vor dem Frühstück. Als sie aber wieder und wieder auf Birkenrinde gemalt wurden, wurden sie immer einfacher und leichter, bis zuletzt Tegumai selbst keinen Fehler mehr fand. Sie drehten die Zischschlange nach der anderen Seite um, um den Z-Laut zu machen und um zu zeigen, daß sie rückwärts zischte in sanfter Weise;

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und sie machten eine leichte Drehung für's »E«, weil es so oft in den Bildern vorkam, und für den

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B-Laut malten sie Bilder von dem heiligen Biber der Tegumais, und für den N-Laut malten sie Nasen,

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weil es ein häßlicher, nasiger Laut war, bis sie ganz milde waren. Und dann malten sie noch ein Bild

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von dem großen Seehechtmaul für den gefräßigen Ge-Laut; und sie malten das Hechtmaul noch

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einmal, mit einem Speer dahinter für den kratzigen, harten K-Laut; und sie malten ein kleines bißchen

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von dem gewundenen Wagaifluß, für den hübschen, gewundenen We-Laut

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und so fort und so weiter, bis sie alle die Lautbilder, die sie brauchten, gemacht und gemalt hatten, und da war das Alphabet ganz vollständig.

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Dieses Bild erzählt die ganze Geschichte, wie Taffy und Tegumai das Alphabet machten. Die Bilder der einzelnen Laute sind alle auf eine starke Schnur aus Rentiersehnen aufgezogen. Sie sind eingeritzt auf Zähne des Elches und Narwals und Elefanten und auf Hörner vom Hirsch und Rentier. Bitte Du nur Deine Mammi, die Zeichen mit Dir durchzusehen. Ihr werdet sie finden, alle, von deren Entstehung hier die Rede war. Und damit Ihr sie besser erkennen könnt, habe ich sie auf ein schwarzes Band gelegt.

Und nach tausend und tausend und tausend Jahren und nach Hieroglyphen und Keilschriften und Runenschriften und all den anderen kam das feine, alte, faßliche und verständliche Alphabet – A B C D E und die übrigen alle – wieder in seine gehörige Gestalt, für alle Lieblinge, die es lernen wollen, wenn sie alt genug dazu sind.

Aber ich entsinne mich Tegumai Bopsulais und Taffimai Metallumais und ihrer Mammi Teschumai Tewindrows und all der vergangenen Tage. Und es war so – gerade so – vor langer Zeit – an den Ufern des großen Wagai!

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