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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Ade! Ich fliege nun davon,
Weit! weit!
Reis' ich noch heut'.

L. Tieck.

Im Volke herrscht der Glaube, daß der Blütenstaub der Berberitzen Gift für das Korn sei; die schwere Aehre wird von dem fressenden Rost angekränkelt. Der edelste, der weißeste Mohn verändert nach einem Jahre seine Farbe, wenn er zwischen dem bunten steht. Umgebung heißt die unsichtbare Hand, welche den Grundstoff in seiner Entwicklung umformt.

Während der Bildhauer den weichen Lehm formt, sehen wir nicht sogleich, welches Werk er schaffen wird. Es braucht Zeit und Arbeit, ehe der Gipsabguß entsteht und nach diesem der Marmor durch des Meisels Schläge auflebt. Wie viel schwieriger ist es da, von dem Menschen als Kind auf seine Entwickelung und Schicksale als Mann zu schließen. Wir sehen hier den armen Knaben in Svendborg; der Instinct in ihm und die Einwirkung von außen deutet wie die Magnetnadel nach zwei einander ganz entgegengesetzten Richtungen. Er muß entweder ein seltener Künstler oder ein jämmerlich verschrobenes Geschöpf werden. Der Blumenstaub der Umgebung wirkt bereits auf Duft und Farbe ein.

Der Gott der Töne küßte ihn schon in der Wiege; ob wol der Gesang der Zeitgöttinnen Begeisterung oder Wahnwitz bringt? Zwischen beiden ist die Grenze nur ein schmaler Weg. Wird er vielleicht die Bewunderung von Tausenden werden oder in einem elenden Wirthshause mit der Geige unter dem Arm als alter Mann vor der wilden rohen Jugend spielen und mit seinen Traumen als Halbverrückter verspottet werden, er, dessen Seele unsichtbar die Taufe der Töne erhielt?

Vom Herzog von Reichsstadt weiß man, daß er todt geboren war; vergebens wandte man alle Mittel an, ihn zum Leben zu bringen; da donnerten die hundert Kanonschüsse, er öffnete die Augen und der Puls schlug. Das war des großen Kaisers Sohn, deshalb bekam die Welt davon zuhören; Niemand weiß dagegen das ganz Aehnliche von dem Kinde der Armuth; auch dieses war eine Leiche, eine neugeborene Leiche, bereits auf denn Tisch neben der zerschlagenen Scheibe gelegt; da ertönten draußen Geigen und Flöten, welche herumwandernde Musikanten spielten; eine Frauenstimme erklang wehmüthig, stark, und der Kleine schlug die Augen auf und rührte die kleine Hand. Ob das die Töne waren, die die Seele zurücktrieben, um hier auf Erden zu wirken oder nur der Zufall, dieses salomonische Schwert des Vernunftmenschen?

Ein seltner Künstler mußte er werden, oder ein jämmerlicher Stümper, ein Sperling mit Goldschaum auf den Flügeln, den die andern Sperlinge deshalb blutig beißen. Und wenn er es nun würde? was für einen Trost gibt es für ihn? Was für einen Trost für ein Menschenkind mit Stolz im Herzen? Es wird weggewischt und vergessen wie die Schneeflocke, die in den rinnenden Strom fällt; nur eines Einzelnen Werk und Namen geht auf neue Jahrhunderte über. Beneidenswerthes Loos! Aber künftige Freuden können uns in unserem neuen Dasein erwarten, wo das Glück seiner Berühmtheit weit fort in einer Welt blüht, in der er nicht auftreten, au der er nicht theilnehmen kann. Was nützt es, wie hoch wir stehen, wenn wir nur gut stehen! Das ist der Trostgesang der Welt, das ist der großen Menschenwoge dröhnender Selbsttrost, indem er sich der Küste der Ewigkeit zuwälzt.

Man kann an den Ringen des Fichtenbaums setzen, wie viele Jahre er schon wächst; ein Menschenleben hat auch seine sichtbaren Glieder. Ein wichtiger Uebergangspunkt, eine Art Hauptmoment in Christians Jugend bildete dieser Sommer durch die Bekanntschaft mit Naomi, den Musikunterricht und den Besuch auf Thorseng.

Wie die Blume Blatt und Zweig dem Sonnenlichte zuwendet, so sehnte sich seine Seele nach den Tönen, Die Musik der Orgel zog ihn hin zur Kirche, der einfache Choral wurde ihm ein Miserere Allegri's. Er beneidete die Gefangenen aus dem Rathhause, daß sie am Geburtstag des Königs und der Königin die ganze Nacht die Musik über sich hören konnten, wo getanzt wurde. Sowie die Nerven empfindlicher wurden, öffnete sich auch das Ohr für die Sprache der Töne. Die unglücklichen Krampfanfalle kamen öfter wieder und hinterließen ein seltsames Zucken in den Augenlidern, einen Schmerz in den Augen selber, während alle Gegenstände sich in bunten, beständig wechselnden Farben zeigten. Der Körper kränkelte und das Leben der Seele war ein Schweben zwischen Phantasieen und Träumen. Auf eine solche Natur war des Vaters starke Sehnsucht nach dem Reiseleben und die Bizarrerie des Pathen von derselben Wirkung, wie Luft und Wasser in den Thälern der Cretins für die Kinder, die dort geboren und erzogen werden. Das Schulleben allein hätte jetzt durch sein strenges, vernünftiges Uebergewicht einige Kühlung in den Scirocco dieser Phantasie wetzen können, welcher seinen Geist und Körper ermattete, aber zu jener Zeit gab es noch keine ordentliche Schule in der ganzen Stadt. Ein alter braver Mann, Herr Sevel, mit seiner tauben Frau waren die Einzigen, welche Unterricht gaben; sie wohnten in dem alten verfallenen Klosterbau, der jetzt sammt den Ruinen der Kirche niedergerissen ist.

Die Mönche wußten, im Norden wie im Süden, die hübschesten Gegenden zum Bau ihrer Klöster zu wählen. Dicht an der Bucht mit der Aussicht nach Thorseng und Thurö lag hier das Kloster der grauen Brüder; die gewölbte Kammer, welche vielleicht einmal als Speisesaal diente, war jetzt die Schule; in der kleinen Nische in der Mauer, wo das Crucifix gestanden, hatten nun Ruthe und Strickstrumpf ihren Platz. Unter der gewölbten Decke saß auf Schemeln und Bänken das jüngere Geschlecht mit Luthers Katechismus; waren auch die Bilder drin, der Chinese mit seiner langen Pfeife und die Jungfrau mit dem Kinde, nicht so ganz lutherisch, so hatten sie doch das meiste Interesse. Die wenigen schmalen Fenster befanden sich ziemlich hoch oben; es war deshalb nicht zum Verwundern, daß, wenn Herr Sevel oder die Lehrmutter einen Augenblick fortgingen, die Jugend auf Bänke und Tische sprang, um auf den grünen Wald und die großen Schiffe hinauszusehen.

Dicht an der Schulstube lag die alte, öde Klosterkirche, wo die Epitaphien niedergerissen und der Altar fort war, aber an der Mauer standen noch halbverwischte Frescobilder mit Mönchsschrift rings herum. Die Leichensteine lagen noch in den Gängen, die Fensterscheiben waren zerschlagen, aber das Vogelgras schlang seine Ranken zwischen die Risse hinauf, und die Schwalben bauten ihre Nester, wo früher die großen Messingkronleuchter gehangen. Jesus hominum salvator stand noch mit Eisenbuchstaben auf der alten Kirchenthür, die bisweilen geöffnet wurde, und war dann die Schuljugend in der Nähe, so strömte sie hinein und verführte ein vandalisches Geschrei, das bei der starken Resonanz von eigenthümlicher Wirkung war.

Auf Christian hatte dagegen die Kirche eine ganz andere Wirkung, er wurde seltsam still und gedankenvoll; doch war ihm kein Ort lieber als dieser: hier fand er Nahrung für seine Träumereien und kam der Sagen- und Geisteswelt näher. Er konnte so lange die verblaßten Bilder anstarren, daß es ihm war, als bewegten sie die Augen; er konnte so lange auf den Grabsteinen knieen und die Inschriften buchstabiren, daß er die Todten drunten an den Stein pochen und ihn verjagen zu hören meinte. Wenn beim Luftzug das Vogelgras an den zerbrochenen Scheiben raschelte oder eine Schwalbe unruhig unter der Decke hin- und herflog, dachte er an die unsichtbaren Geister, die mit dem hohen Gras spielten oder die Vögel aus ihrer Schlafkammer jagten.

Der Körper kränkelte; die unglücklichen Krämpfe kehrten öfter wieder. Die Hilfe des Arztes suchte man nicht, denn der Mann aus dem Volk hat keinen rechten Glauben an ihn, auch kostet es ja Geld. Maria meinte auch, man könnte von dem Zeug krank werden, das sie aufschrieben; nein, sie hatte gegen alle inneren Krankheiten ein Radicalmittel: Wachholderbeertropfen in Branntwein genommen, sie vertheilten und stärkten. Diese Arznei bekam Christian.

Die Zeit verging und es wurde nicht besser; so wird es sicher das Beste sein, meinte die Mutter, daß man mit der klugen Frau in Qvaerudrup spricht; aber bei Gelegenheit. Diese kam, und nun wurde zu mehreren sympathetischen Mitteln gerathen. Er wurde mit einem wollenen Faden an Arm und Bein gemessen und mußte geweihte Erde und ein Maulwurfsherz auf der Herzgrube tragen: das war ein unfehlbares Mittel.

So vergingen Wochen und Tage in fast zwei Jahren. Die kluge Frau rieth zu einem Besuch der Frörupquelle, sie hatte schon so manchem Kranken geholfen, wo die Doctoren nicht mehr helfen konnten. Maria vertraute auf ihre Kraft, wie auf das Wort der Bibel. Man findet noch, daß der Aberglaube des Volkes einzelnen Quellen in Dänemark, wie zur Zeit des Katholicismus eine große Heiligkeit zuschreibt. Der Fühne glaubt, daß die St. Regissenquelle Der Bauer auf Fühnen sagt Reisequelle, eine Zusammenziehung von Regissenquelle. bei dem Dorfe Frörup die größte Kraft habe, und da ein sogenannter Brunnenmarkt damit verbunden ist, so strömt die Menge dahin; von mehreren Meilen im Umkreis, ja sogar von jenseits Odense und Svendborg kommen die Kranken in der Nacht vor dem St. Johannisabend; sie trinken von dem Wasser, baden darin und übernachten unter freiem Himmel. Drei Jahre hintereinander muß der Kranke kommen; wird er da nicht gesund und frisch, sagt das Volk, so wird er es nie.

»Geht nur zur Quelle!« hatte das Orakel gesagt, »geht nur zur Quelle, dann werdet ihr eine Veränderung erfahren!«

Es lag unbewußt eine Prophezeiung darin: nicht blos dem Knaben, auch der ganzen kleinen Familie stand bei dieser Reise eine große Veränderung bevor, wenigstens wurde eine solche beschleunigt. Wie oft sagte Maria seitdem nicht: »Ja, wären wir damals nicht zur Quelle gegangen, wer weiß, vielleicht würde alles anders geworden sein!« Vielleicht! Aber wir sind ja frei in unsern Handlungen.

Maria meinte, man solle um des Knaben willen die Quelle besuchen; es schien ihr eine große Verantwortung vor unserem Herrn, wenn sie es nicht thun würden. Der Glaube des Mannes war nicht so stark wie der ihre, aber er ergriff gerne die Gelegenheit, ins Freie hinauszukommen. Sein Freund, der Feldwebel, war gerade in der Stadt, um einen Besuch von einigen Tagen zu machen, denn er lag mit seinem Regiment in Odense.

Sie hatten einen Weg von vier Meilen bis zur Quelle, aber die große Landstraße ging gerade daran vorbei; die Mutter und der Knabe konnten also mit der Retourkutsche fahren, welche nach Nyborg ging; beide Freunde wanderten zu Fuß, da hatten sie ihre Freiheit und konnten den Weg über Wiesen und durch Wälder nehmen. Der Maler mag uns wol das Farbenspiel eines schönen Frühlingstages geben, ja uns die warme Luft sogar fühlen lassen, aber er ist nicht im Stande, den aromatischen Duft hervorzuzaubern, der ebenso angenehm auf unser Wohlbehagen einwirkt, als der Gegenstände Form und Farbe, den aromatischen Duft, der den Blüten des Flieders und des Weißdorns, wie den grünen Blättern der Rosenhecken entströmt. Die Sperlinge zwitscherten, und der Schneider sang mit, wie er in fremden Landen gesungen.

»Reise zu Fuß, reise zu Fuß!
Da verstehst du Menschengruß!
Reise zu Fuß!«

jodelte er wieder lustig und war bald mitten drin in der Erzählung von seinem Wanderleben jenseits der Donau und des Po.

»Ei seht, da fliegt der Storch,« unterbrach er sich selbst. »Ach, mein armer Storch kam doch nicht mehr zurück! Ob er wol aus Kummer über das Weibchen und die Jungen gestorben, oder gar noch unterwegs ist, um sie zu vergessen! Gott verzeih es mir, aber ich glaube, auf der Wanderung kann man jeden Verlust verwinden!«

»Das glaube ich auch!« sagte der Feldwebel. »Deshalb habe ich auch nie recht meine Meinung sagen mögen, wenn Eure Frau zuhörte; sie hätte sonst einen Haß auf mich bekommen können. Ihr solltet ein tausend Thaler nehmen, so viel gibt heute mancher Bauernbursche, um seine theure Heimat nicht verlassen zu müssen; Einer muß ja doch an seine Stelle treten. Von dem Gelde, das Ihr bekämt, könnten Maria und der Knabe gut leben! Du würdest Unterofficier, kämest wieder in fremdes Land, und das ist doch das, wonach all' dein Sinnen und Trachten steht. Es ist eine unruhige Zeit; kein Soldat weiß, wohin er kommen kann; Frankreich ist uns so nahe, wie Deutschland.«

Der Schneider schüttelte den Kopf, »Das vergäbe mir Maria nie!« sagte er und fügte etwas wehmüthig hinzu: »Ich glaube auch nicht, daß ich ohne sie leben könnte. Nein, nein! Laß uns nicht weiter daran denken.«

Sie schritten kräftig aus nach dem Edelhofe Broholm. Die Blätter des Waldes schimmerten durchsichtig, die Veilchen wuchsen in ganzen Büschen, die Waldlilien standen in der Blüte und zwischen den Bäumen hatte man die Aussicht über den Belt und nach Langeland, das mit seinen Wäldern und Windmühlen hervordämmerte.

Lesen wir in Pückler-Muskau's »Briefen eines Verstorbenen«, gewiß dem Besten dieses Schriftstellers, so treten Englands Parks und Landhäuser wunderbar vor unser Auge und wir sehen so deutlich diese Alleen mit großen alten Bäumen, die gerade zum Herrenhofe hinaufführen. Eine solche Allee führt auch nach Broholm. Wilhelm Müller's Lieder sind lauter kleine Bilder; wir sehen wie die Mühlenräder sich drehen, das Wasser über das größte Rad rauscht; eine solche Mühle liegt hart an der erwähnten Allee, aber so tief, daß die schöne Müllerin zu denen, die auf der Straße fahren, hinaufsehen muß. Aus unsern eigenen dänischen Volkssagen schweben uns kleine Binnenseen vor, in deren Mitte einst eine Insel mit einer alten Ritterburg lag; aber sie versank und der Schwan rudert nun über die Thurmspitze hin. Ein solcher See liegt dicht bei der Mühle und der Allee, aber die Insel mit der alten Burg taucht mitten daraus empor; der große runde Thurm mit seinem Kupferdach und seiner Spitze spiegelt sich im Wasser: das ist Broholm. Noch sieht man die Schießscharten in der Mauer, noch strömt das Wasser frisch und klar durch die doppelten Gräben.

In der gewölbten Gesindestube, die auf starken Mauerpfeilern ruht, saßen unsere beiden Reisenden an dem langen hölzernen Tisch, in dessen Platte jeder vom Gesinde seinen Namen eingeschnitten hatte. Es war ein dritter Fremder anwesend, ein junger Bauer von Oerebäk, der Bruder von Maria's erstem Freier.

Noch heutigen Tages ist des Edelhofes Aeußere unverändert. Die Hirschgeweihe prangen über des Jägers Thüre und der Eingang zu den Zimmern der Herrschaft geht durch den hohen Thurm, wo die Wendeltreppe von mächtigen übereinander gelegten Balken zur Spitze hinaufführt. Längs der Gartenmauer wachsen im innern Hofe in einer Reihe die alten blühenden Lindenbäume.

Bei allem, was das Gepräge einer älteren Zeit trug, mußte der Schneider unwillkürlich an das denken, was er in der Fremde gesehen, und er machte seine Vergleichungen. So prächtige Linden, wie diese, hatte er nur in Böhmen gesehen, wo er in dem Schatten der langen Alleen gewandelt und sein » krasna holga!« (hübsches Mädchen) gesungen. Den alten Bau selbst mit seinem hohen Thurme glaubte er in weiter Ferne, an der Donau gesehen zu haben, wo das Schiff lustig mit ihm über Schlund und Wirbel gefahren. Ja, das kühle Gewölbe, wo sie nun zwischen den hohen Mauerpfeilern saßen und tranken, erinnerte ihn an die Klosterhallen. Was das Herz dachte, davon mußte der Mund schwatzen, ob das nun den Andern Spaß machte oder nicht.

»Nun, so reise eben wieder!« lautete der Refrain der Andern.

»Ich soll den rothen Rock anziehen,« sagte der junge Bauer, »ehe ein Monat vergeht, aber ich habe Lust mir einen Ersatzmann zu kaufen! Tausend Reichsthaler in Zetteln lege ich baar auf den Tisch! Hättet Ihr Lust?«

Tausend Reichsthaler in Zetteln! Welcher Duft lag nicht in diesen weißen Blättern, ein Duft, der das Herz mit den Träumen des Reichthums erfüllen konnte. Der arme Schneider schlug die Augen auf und sah durch das Fenster nach den grünen Kronen der Lindenbäume. Ob es die grünen Blätter dort oder die weißen hier waren, die am stärksten auf sein Herz wirkten?

Vor dem Edelhofe, nicht weit davon, wo die Schmiede steht, steht man noch den mächtigen Knorren einer großen Eiche. Damals stand noch der ganze alte Baum; ein großes eisernes Kreuz war aus den Zeiten des Katholicismus in seinem Stamme befestigt. Als die Spanier 1808 in Fünen lagen, war dieser Baum ihnen ein heiliges Crucifix am Wege, ein Altar unter freiem Himmel, vor welchem sie niederknieten und ihre Andacht verrichteten. Die sonnenverbrannten Gestalten lagen hier auf dem frischen Gras und hefteten trosterfüllt ihre dunkeln Augen auf das heilige Zeichen, der Priester stand davor und der Gesang ertönte in der fremden melodischen Sprache. Nun war der Baum nicht mehr, was er einst gewesen, der Blitz hatte in den letzten Jahren seine Lebenskraft vernichtet, nur ein einziger grüner Zweig ragte zwischen den andern blätterlosen und verdorrten hervor. Der Weg sollte verbessert werden, der alte Baum mußte fort; die Axt war schon tief eingedrungen, ein langer Strick um seinen Stamm geschlungen und in gehörigem Abstand davon Pferde angespannt. Bald mußte der Baum fallen.

Der Schneider mit seiner Gesellschaft stand auf dem Wege, als die Peitsche knallte und die Pferde mit aller ihrer Kraft einen Ruck vorwärts thaten. Der alte Baum schüttelte seine Krone, aber der Stamm stand fest. Noch ein Ruck und er sank mit furchtbarem Krachen und hohlem Dröhnen zu Boden, er drehte sich im Fallen und das alte Eisenkreuz kam nach oben zu liegen. Da lag die stolze Eichenleiche mit ihrem Orden auf der Brust.

Der Feldwebel machte eine ähnliche Bemerkung. Der Schneider sah gedankenvoll vor sich nieder: worüber er grübelte, wurde ihm immer klarer: »Mit Ehren fallen im Kriege, ist doch der schönste Tod. Und man kann ja auch am Leben bleiben! Ach, wenn nur Maria auch so dächte, wie ich!«

»Na, wollt Ihr nicht Euer Glück probiren?« fragte der Feldwebel. »Das Leben im Freien ist doch etwas Anderes, als zu Hause sitzen auf dem Tische. Heute Morgen sah't Ihr zum ersten Male in diesem Jahre den Storch; und zwar im Flug, das bedeutet: Ihr sollt auch fort!«

Der Schneider blieb stumm.

Ueber dem Wege lag der alte mächtige Baum, in dessen Wipfel schon vor hundert Jahren der Storch an warmen Sommertagen sein Evangelium gepredigt hatte. Der alte Edelhof spiegelte sich im Wasser. Der Schein und die Wirklichkeit bildeten em schönes Ganze. Ort und Umgebung wirkten hier auf die träumerische Seele, wie der Bogenstrich auf der Glasplatte des Physikers; es entstanden bedeutungsvolle Klangfiguren.

Der Tropfstein, die Flügel des Schmetterlings und die schwimmenden Wolken haben alle ihre seltsamen Naturhieroglyphen, die zu lesen dem Menschen nicht gegeben ist und doch verkünden sie eine sich entwickelnde Weltkraft. Der Hang des Menschen hat in einzelnen Augenblicken ähnliche Ziffern, die er selbst nicht begreift. Der unsichtbare Lenker schreibt darauf sein » mene, mene, tekel upharsin,« und eine Nothwendigkeit erwacht, ein unerklärliches: »Ich muß!« ist die Wirkung.

»Habt Ihr nie,« fragte der Träumende, »von dem Venusberge sprechen hören? Alte Geschichten erzählen davon. Mancher stattliche Ritter, »an auch der arme Handwerksbursche mit dem Ränzel auf dem Rücken, kam in dieses Zauberreich und kehrte nie mehr zurück; geschah es, daß ein Einzelner herauskam und wieder zu den Seinen zurückkehrte, da war er nie recht bei Sinnen, er litt an Sehnsucht, mußte wieder zurück oder sterben. Das ist freilich nur ein Märchen, wie man wohl weiß, es ist gewiß von Einem oder dem Andern erfunden, der sich recht in fremden Ländern herumgetrieben und später all' die Schönheit verlassen und zu Hause sitzen mußte, weit weit davon entfernt. Die fünf Jahre, die ich wanderte, war ich auch im Venusberg, denn etwas anderes als dieser Welt Schönheit ist es nicht. Nun bin ich wieder zu Hause und deshalb leide ich an Unruhe: Sehnen ist mein Tagewerk Reiselust mein Kopfpolster und wollte Maria –! aber sie muß wollen –!« Seine Augen funkelten er ergriff die Hand des Feldwebels: »Ich werde Soldat!«

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