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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI.

Link.
Bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim,
Bim bim, bim bim, bim bim, bim.

Hammer.
Er wird der Glocke Klang gedenken.
Nein.

Vaudeuille von J. L. Heiberg.

»Wenn ich mal nach Thorseng gehe, soll Christian mitkommen!« hatte der Pathe gesagt.

Es war mitten im August, als dieser Festtag mit den Worten angekündigt wurde: morgen reisen wir. Das Wetter versprach gut zu werden, die Sonne war ja bei hellem Himmel untergegangen; nicht eine Wolke stand im Westen.

»Ist es lange bis morgen?« fragte der Kleine, als er zu Bette kam. »Schließe nur die Augen und sieh zu, daß du schläfst, so ist es morgen, ehe du es weißt!« antwortete die Mutter; aber mitten in der Nacht rief er sie wieder, um zu fragen, wie lange es bis morgen sei.

»Soll ich aufstehen und dir eine Tracht Prügel geben?« lautete die Antwort und keine Frage durfte weiter gethan werden.

In der Dämmerung stand er dann auf, zog das reine wergleinene Hemd an, dessen Kragen von feinem Linnen war, die Sonntagskleider und neue Schnürstiefel, die damals weiße Nähte hatten.

Der Pathe stand bereits an der Thüre und sie gingen von dannen, aber nicht nach der Schiffsbrücke, denn es war nicht der bestimmte Wochentag, an welchem die Fähre die Leute aus der Stadt frei überführt; sie gingen nach dem naheliegenden Fischerdorf bei St. Jörgenshof. Es war ein starker Thau gefallen, so daß die Felder wie ein See leuchteten; die Vögel sangen und der Pathe wußte sie durch Pfeifen nachzuahmen. Es war keine Zeit, Blumen zu pflücken, nur eine lange Ranke mit weißen Winden wurde abgebrochen und wie ein Kranz um Christians Mütze geschlungen; ein Farrenblatt wurde sein wehender Federbusch.

Im Hohlweg, wo noch aus katholischen Zeiten das alte Kreuz steht, saß eine Gruppe lustiger Mäher bei ihrem Frühstück; die Kanne mit Bier ging im Kreise herum.

»Ein Feder am Hut trägt mein Liebster fein,
Dient dem König in Kopenhagen drein!«

sang eines der Mädchen, indem sie die Hände nach Christian ausstreckte, aber der Pathe schlang seine Arme um sie und drückte ihr einen Kuß auf den Mund.

Durch den kleinen Wald, der zum Pfarrhof gehört, kamen sie zu der alten Kirche und dem Klosterhofe, welche sich auf der südlichsten Spitze von Fünen erheben, dicht an der tiefen Meerbucht. Zur Linken unterhalb der Hügel liegt das Fischerdorf mit seinen roth angestrichenen Schornsteinen; die Garne hingen zwischen den Pfosten ausgehängt. Ein Fischerboot schaukelte sich an dem niedern Steindamm. Es waren zwei Männer im Boote, der Eine schöpfte das Regenwasser aus, der Andere band das Seil fest. Sie warteten auf die Kommenden.

»Den Knaben da wollt Ihr mitnehmen?« fragte der eine Mann mit ernster Miene.

»Es ist mein kleiner Packesel!« antwortete der Pathe lachend. »Er soll Thorseng sehen. Ins Schloß und auf den Breininger Thurm soll er. Bist du nicht ein guter kleiner Esel?«

Er ergriff nun selbst das eine der Ruder, denn man mußte rudern, der Wind war zu schwach, als daß man das Segel hätte brauchen können. Das Boot mit schäumendem Kielwasser hinter sich flog hin über das klare, grüne Wasser. Christian saß hinten beim Steuermann. Die gelblichen Medusen lagen wie große durchsichtige Blumen auf dem Wasserspiegel und brachten durch ihre leisen Bewegungen Leben in das windstille Wasser. Der sichtbare grüne Sandboden verschwand, der Kleine sah nichts mehr, als das Bild des Bootes und sein eigenes Antlitz, das nickte wieder, wenn er nickte. Nun durchschnitten sie die Strömung und glitten in den Schlagschatten, den das Land von Thorseng über das Wasser hin warf. Der Pathe lüftete den Hut, es schien zufällig, aber es war ein alter Aberglauben aus der Heimat, ein Gruß, der dem Nix gebracht wurde, dessen Herrschaft am stärksten ist, so lange die Felsen Schatten werfen.

Nun zogen sie die Ruder ein und stiegen auf Thorseng ans Land. Der Pathe und die Fischer sprachen heimlich zusammen, aber Christian hörte nichts wovon. Das Fremde, das er hier sah, die ganze Ueppigkeit rings umher überwältigte ihn. Sie gingen beständig zwischen den Häusern und Gärten aufwärts. Die Obstbäume waren mit Früchten beladen, große Stützen waren unter die herabhängenden Aeste gestellt. Wilder Hopfen schlang sich üppig über die Zäune hin und tief unten an einem Abhang lag ein strohbedecktes Bauernhaus, wo die Hopfenstangen in schräger Richtung so gestellt waren, daß sie zum Theil auf dem Dache ruhten, und der Hopfen wie das reichste Weinlaub seine blätterreichen Ranken daran hinaufschlang und eine Laube zu bilden schien. Vor jedem Hause war ein Blumengarten. Die Stockrose trieb Blume an Blume von rother und gelber Farbe, bis zur Höhe des halben Hauses. Hier, wo alles geschützt war, war auch die Sonnenwärme um so fühlbarer. Ein Fremder, plötzlich in diese milde Luft und in diese Ueppigkeit versetzt, würde glauben, er befinde sich in einem südlicheren Lande. Der Sund von Svendborg erinnerte ihn sicher an die Donau. Ja, hier war Sommer, herrlicher Sommer. Die wilde Krausemünze duftete in den Gräben, beschattet von den blutrothen Berberitzen und vom Hollunder, welcher Früchte angesetzt hatte.

»Das wird eine warme Tour!« sagte der Pathe, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß sie wol einen Wagen treffen würden.

Nicht ein Wölkchen zeigte sich am Himmel. Ein Raubvogel flog schwer und mit trägem Flügelschlage über den Wald hin. Es war, als wenn die ganze Hitze des Tages auf des Vogels Rücken läge. Der Pathe war ungewöhnlich aufgeräumt; er schnitt für Christian aus dem Stiele des Schierlings eine klangvolle Trompete, stieß das Mark aus einem Hollunderzweig und machte eine hübsche Flöte daraus. All' das, während sie vorwärts schritten und über das, was sie sahen, plauderten.

Da rollte ein Wagen heran, daß der Staub wie der Dampf einer abgeschossenen Kanone aufwirbelte, er schien in der stillen Luft förmlich auszuruhen. Der Wagen hielt, sie stiegen hinein und Christian bekam sogar ein großes Kohlblatt voll reifer, schwarzer Kirschen, ein Geschenk des Bauern, der den Pathen gut zu kennen schien.

Im nächsten Augenblick hatten sie Reisegesellschaft. Zwei Männer zu Pferd holten sie ein.

Auf unseren friedlichen kleinen Inseln gibt es keine Räuber und doch sahen die Beiden sehr verdächtig aus. Jeder hatte ein Pistol in der Brusttasche und ein geladenes Gewehr im Arme. Sie befahlen dem Bauer mit seltsam durchbohrendem Blick, er solle halten, durchsuchten das Stroh im Wagen und als sie nichts fanden, entschuldigten sie sich flüchtig und ritten rasch weiter, wie sie gekommen waren.

Während dieser ganzen Verhandlung hatte sich der Pathe vollständig passiv verhalten; der Bauer dagegen zeigte ein selbstzufriedenes Grinsen. »Diesmal haben sie nichts gefischt!« meinte er spöttisch. »Das muß ein saures Leben sein!« sagte der Pathe. »Jetzt in der Sommerzeit geht es noch an; aber wenn die weißen Bienen schwärmen, wenn der Wind über die See pfeift, muß es doch hart sein, sich bei Nacht hier herum zu treiben und blos, um von klügeren Burschen für Narren gehalten zu werden. Paßt nur auf, Anders Hansen, sie haben ein gutes Auge auf Euch! ich könnte fast,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, »in schlechten Ruf kommen, daß ich mit Euch fahre!«

Wer waren diese Männer? Was suchten sie? Die ganze Begebenheit beschäftigte Christian lange, wurde aber später durch die bunte Anschauung, die dieser Tag brachte, wieder verscheucht. Er sah das alte Schloß Thorseng wieder, wo er früher einmal mit seinen Eltern gewesen. Es war der größte Bau, den er jemals gesehen, er war ja größer als Svendborg's Kirchen. Er kannte freilich nur das Aeußere, hatte nur durch die Fenster hineingeguckt. Nun traf es sich glücklich, daß gerade Reisende da waren, und deshalb stieg er mit dem Pathen die hohe Treppe hinauf, und wanderte durch die langen Gänge und die großen Zimmer. Die vielen Portraits aus alten Zeiten, Bilder Derer, die das Grab zu Staub gemacht hatte, schauten auf sie herab. An jedes Stück knüpften sich Geschichten oder Sagen, durch welche solche alte Bilder eine wirkungsvolle Beleuchtung erhalten, wie die Marmorstatue, wenn wir sie bei Fackelschein betrachten. Das Bild der in vollster Gesundheit blühenden Frau, die im Bewußtsein der Macht ihrer Schönheit lächelt, berührt uns wehmüthig, wenn wir uns erinnern, daß es Jahrhunderte her ist, seit sie lebte.

Nicht um das Gold der ganzen Welt hätte Christian in dem alten Himmelbett mit den rauschenden Gardinen schlafen mögen, in der Nacht traten sicher die Bilder aus den Rahmen und Tapeten und Niels Juul mit dem Schwert in der Hand nahm in dem bunten Lehnstuhl mit dem hohen Rücken Platz. Selbst die großen Spiegel, wo man sich vom Kopf bis zum Fuße sehen konnte, hatten etwas Unheimliches für ihn, der sein kleines Gesicht nur in des Vaters Barbierspiegel zu sehen gewohnt war.

Er athmete darum weit leichter, als er wieder in der freien Luft stand und fühlte sich doppelt froh, als er an den Strand hinab zu der Fischerhütte kam, wo die Frau ihm die übrigen Stachelbeerbüsche zur freien Verfügung stellte, und die Fischerkinder ihr Schiff hervorholten, das aus des Vaters Holzschuh gemacht, aber mit Mast und Wimpel geschmückt war; das segelte durch das salzige Wasser wie die alten wohlbemannten Schiffe. Ein großes glänzendes Insect flog zufällig um das kleine Fahrzeug, setzte sich auf den Saum des schwellenden Segels und schlug mit seinen glänzenden, durchsichtigen Flügeln in die Luft. Es war ein lebendiger Passagier, den sie an Bord hatten, und deshalb klatschten die Kinder in die Hände.

Dicht vor Thurö, der Insel, wo Balder Rune schlug, wie es im Weihnachtsspiel heißt, lag ein Fährschiff; der Pathe ruderte zu ihm hinaus. Er hatte viel mit den Leuten auf demselben zu sprechen; Christian war ihm gefolgt.

Die See war ruhig; die Sonne brannte.

»Nun sollst du auch einmal ins Wasser kommen!« sagte der Pathe. »Heute vergaßen sie es uns zu verbieten, da es nur einer Landreise galt!«

Christian lächelte, er wollte gerne in dem klaren, frischen Wasser umherschwimmen; zu Hause in der Stadt erhielt er nur die Erlaubniß, die Strümpfe auszuziehen und bis an die Knie ins Wasser zu gehen.

»Das ist ein anderes Bad, als zu Hause in der Mutter Waschkufe zu stehen und eine Gelte Wasser über den Kopf zu bekommen! Die Kleider herunter, mein Junge!«

Es geschah. Er selbst stand, eine athletische Gestalt, im Wasser, hob den Kleinen hoch auf seine Schultern, und ließ ihn die Beine zwischen seinen Armen durchstecken. Es war das Bild des heiligen Christoph mit dem Kinde.

Ein gewaltiges Plätschern erscholl aus dem Wasser, und es schloß sich über ihnen, spielte in großen Ringen, und schäumte hoch auf, wo sie verschwanden. Einen Augenblick später zeigte sich wieder des Pathen dunkles Gesicht, das glänzend schwarze Haar hing über Stirn und Wangen, aber Christian war nicht zu sehen, er war im Sprunge herabgeglitten. Der Pathe vermißte ihn sofort und tauchte im selben Moment unter und hob ihn wieder über den Wasserspiegel, das salzige Wasser lief dem Kleinen aus dem Munde und er begann zu weinen.

»Schäme dich!« sagte der Pathe und that als ob alles wäre, wie es sein sollte, aber sein Puls schlug ungestümer als gewöhnlich; es war gut, daß das Abenteuer so endigte; er ahnte nicht, daß ein noch weit wichtigeres am kommenden Abend bevorstand. Eine der weitesten Aussichten im Lande hat man vom Kirchthurm von Breininge; man findet dort, wie im Gasthaus auf dem Brocken und an solch besuchten Orten ein Buch, worein der Fremde seinen Namen, bisweilen auch eine gewöhnliche Herzensergießung in schlechten Versen, oder einen Witz schreibt, der nur den Autor selbst amüsirt.

Es war in den Kriegszeiten und deshalb hier oben ein Telegraph angebracht, dessen schwarze Flügel magisch durch die Luft ihre todte, aber bedeutungsvolle Sprache flüsterten. Die Sonne war noch nicht untergegangen, als der Pathe mit Christian auf den Thurm stieg, um den Telegraphenlenker zu besuchen.

Die Bucht, die Inseln und das Meer lagen wie eine Landkarte unten ausgebreitet. Ueber Thurö und Langeland hinaus, die wie Blumenbeete auf dem Wasser schwammen, sah man Seeland. Einige Segelboote fuhren vorüber; Schiffe lagen vor Anker und Fischerboote bewegten sich rings umher durch die gewundene Bucht. Doch weit mehr als diese ganze Aussicht zogen die schwarzen Flügel Christians Aufmerksamkeit auf sich. Er wußte ja, daß sie sprechen konnten, wie Taubstumme sprechen; wie oft hatte er sie nicht sinken, steigen und die verschiedensten Stellungen annehmen sehen.

Der Pathe saß an dem gedeckten Tische; Christian war dagegen mitten in einem Spiel mit den Söhnen des Telegraphenverwalters, zwei munteren Knaben. Sie verließen das Zimmer und es wurde Versteckens gespielt.

Christian kroch in eine Oeffnung der Mauer hinauf, durch welche man zu den beiden großen Glocken hineinkam. Zwischen diesen lag auf dem Boden ein großer, fester Querbalken, auf welchem man zum Schauloch hinüberkommen konnte, das sich in einer Vertiefung der gegenüberstehenden Mauer befand; die Sonne warf ihre langen Strahlen hinein, Staubatome drehten sich im Kreise. Durch das Schauloch mußte man Hinuntersehen können; das war eine Unterhaltung mehr, während sie nach ihm suchten; deshalb hüpfte Christian auf den Balken zwischen den Glocken und konnte nun über die ganze Insel und das Meer setzen, wo die Schiffe lagen. Er hörte schon den einen der Knaben, welcher suchte, die Treppe heraufkommen und sah seinen Kopf durch die Oeffnung hereinkommen, durch die er selbst gekrochen war.

»Bist du hier?« fragte der Knabe. »Hier dürfen wir nicht hinein, die Glocken könnten uns todtschlagen!«

Christian antwortete nicht; sollte er sich schrecken lassen? Die Glocken hingen ja still, als wenn sie festgemauert wären. Sie konnten auch nicht bis da hereinkommen, wo er stand. Der Knabe, welcher suchte, ging wieder fort.

Die Sonne stand dicht am Horizont und schien nun bald verschwinden zu wollen. Christian konnte deutlich sehen, wie sie hinabtauchte und verschwand; die Abenddämmerung breitete sich aus; er sah nach der großen Glocke, welche vor der Nische am Schallloch hing, wo er stand; plötzlich zitterte sie und machte eine ganz leise Bewegung; er wollte fort, aber im selben Augenblick hob sich die Glocke mehr und mehr und der ganze hohle Kelch wandte sich gegen ihn. Erschrocken drückte er sich gegen die Mauer. Der erste Glockenschlag dröhnte in seine Ohren.

Hier, wie in allen dänischen Dorfkirchen, wurde bei Sonnenuntergang geläutet; Niemand hatte eine Ahnung, daß droben ein menschlich Wesen war.

Instinctmäßig fühlte er, daß, ging er nur einen Schritt vor, ihm die Glocke den Kopf zerschlug. Stärker und stärker tönten die Schläge von dem hohlen Metall. Die erschütterte Luft zusammen mit dem Schrecken wirkte heftig auf ihn ein; ihm strömte der Schweiß von den Gliedern. Er wagte nicht, sich umzuwenden, die Augen starrten unverwandt in die hohle Glocke, so oft sie dröhnend zu ihm heranschwebte. Er stieß einen lauten Hilfeschrei aus. aber Niemand konnte ihn hören; er fühlte, daß sein Schreien von dem Schlag der Glocke übertönt wurde.

Erschüttert bis ins Innerste, erschien sie ihm wie der ungeheure Rachen einer Schlange; der Klöppel war der Stachel, der gegen ihn löckte. Wirre Bilder drängten sich ihm auf; es war ein Gefühl, verwandt mit jenem, das er am selben Tag gehabt, als der Pathe mit ihm ins Wasser tauchte; aber es sauste noch stärker in seinen Ohren, die wechselnden Farben vor den Augen vermischten sich zu grauenhaften Gestalten. Die alten Bilder vom Schlosse schwebten vorüber, aber mit verzogenen Mienen und rasch wechselnden Formen, langen und eckigen, gallertartig klaren und zitternden; sie schlugen mit Becken und auf Trommeln und gingen dann plötzlich in den Feuerglanz über, in dem er Alles gesehen, als er mit Naomi durch das rothe Fensterglas schaute. Es brannte, das fühlte er! Er schwamm durch einen Feuersee, und immer gähnte die Schlange vor ihm mit ihrem zischenden Stachel. Er fühlte ein seltsam krampfhaftes Verlangen, mit beiden Händen den Klöppel zu ergreifen, als es plötzlich um ihn her stille wurde; in seinem Kopfe aber dauerte das schreckliche Brausen mit gleicher Kraft fort. Er fühlte, daß die Kleider ihm fest am Leibe klebten und daß seine beiden Hände wie an die Wand festgemauert waren. Vor ihm hing der Kopf der Schlange todt und gesenkt; die große Glocke schwieg; er schloß seine Augen und fühlte, daß er einschlief. Es war eine Ohnmacht.

Seine erste Lebensempfindung war wie ein Traum, ein häßlicher Traum. Alles war dunkel und mußte es sein, denn er lag im Bauch der Schlange. Die Schlange hatte ihn doch verschluckt; sie war also nicht todt, er fühlte alle ihre Bewegungen; er fühlte, wie sie mit ihm zappelte, seine Glieder fest zusammendrückte, ihn hoch empor hob und wieder sinken ließ. Es war ein gewaltiger Kampf. »Stecke ihm den Kirchenschlüssel in den Mund!« hörte er sagen, aber in weiter Entfernung; wieder erstarb der Laut, aber mit ihm auch sein gräulicher Traum; er erwachte und fühlte sich sehr entkräftet.

Eine fremde Frau und der Pathe standen bei ihm, er lag auf dem Bett.

Man hatte ihn vermißt und gefunden. Heftige Krämpfe oder richtiger eine Art Schlaganfall, den er nie zuvor gekannt, war das, was ihn betroffen. Nun war er wieder bei Besinnung, nur die Augen schmerzten ihn. Er erinnerte sich klar alles Geschehenen.

»Unser Herr schütze seinen Verstand!« seufzte die Frau.

»Prügel sollte er haben!« sagte der Pathe, »Prügel, daß ihm das Blut von den Fersen liefe!«

»Ja, meine Buben haben die ihrigen bekommen,« versicherte die Frau, »obgleich sie, weiß Gott, nichts dafür konnten!«

Eine Kringel und etwas Honig erhielt Christian um sich zu stärken und seinen Geist aufzufrischen. Der Pathe nahm ihn auf den Rücken und ging mit ihm an die Küste hinab, denn nach Hause mußten und sollten sie noch diesen Abend. Die Lichter schimmerten über die Bucht von Svendborg herüber; draußen an der Küste lag der Fischer mit dem Aalfeuer auf dem Wasser; jedes Lüftchen schlief in der schwülen Sommernacht.

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