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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V.

L'archet allait toujours, comme le balais du sorcier, qui apporte de l'eau dans notre ballade allemande. Le violon et l'archet allaient toujours, toujours de nouveaux sons, des chants inconnus.

Contes fantastiques par Jules Janin.

Svendborg trägt noch das Gepräge der kleinen Städte im vorigen Jahrhundert; man findet jene unregelmäßigen Gebäude, wo häufig der obere Stock über den untern hervorragt und auf freistehenden Balken ruht, Erker, welche dem Nachbar die Aussicht versperren, breite Freitreppen mit Stein- oder Holzbänken, um draußen zu sitzen. Ueber mehrern Thüren las man in Holz ausgeschnitten Inschriften, theils auf dänisch, theils auf lateinisch. Die unebenen Gassen scheinen gepflasterte Hügel, indem man in gebrochenen Linien, bald aufwärts bald abwärts wandert.

An einzelnen Stellen dieses Orts glaubt man sich in eine Bergstadt versetzt, namentlich ist das der Fall bei der sogenannten Hulgasse, die in unsrer Zeit als Forum der Schmuggelei und der geheimen Zusammenkünfte bekannt sein soll. Wenn man von der hochliegenden Hauptstraße hier herabsieht, so ist der Anblick ein höchst malerischer. Gewaltige Feldsteine, über einander geschichtet, bilden den Sockel des nächsten Hauses, und dieses ist, bei dem raschen Abfall der Straßen gerade so hoch, wie die Wand des tiefer liegenden Hauses. So sieht man denn von der Hauptstraße über die Schornsteine und Dächer in der kleinen Seitengasse und erblickt einen großen Theil der Meeresbucht, die ganze waldbewachsene Küste mit den hochstämmigen Bäumen und Theilen der Inseln Langeland und Thurö.

In dieser Gasse wohnte Christians Pathe; der Knabe stand schon an der Ecke und blickte über sein Haus hin, das so tief lag, daß der Wasserspiegel sich dem Auge ein gutes Stück höher zeigte: der Dreimaster draußen schien gerade über den Schornstein hinzusegeln.

Wie gewöhnlich war die Hausthüre verschlossen, aber drinnen erklang eine Geige. Jedes für Töne empfängliche Ohr würde bei dem Hören dieser Klange gestutzt haben. Es war jenes melodische Klagen, das von Paganini's Violine die Sage schuf, er habe seine Mutter ermordet und ihre Seele zittere nun durch die Saiten.

Bald gingen die Töne in sanfte Wehmuth über; des Nordens Amphion, Ole Bull, nannte dieses Thema auf seiner Violine: »Einer Mutter Schmerz beim Tode des Kindes.« Wol war es nicht die Vollendung, welche diese beiden Meister unsrer Zeit in der Kunst Jubals besitzen, aber es deutete auf Beide hin, wie der grüne Zweig in allen Einzelnheiten auf den ganzen Baum hinweist, dem er angehört.

Wie Ole Bull war auch dieser ein Norweger, wir hörten ihn als solchen bei dem Brande bezeichnen, wo er Naomi rettete. Zwischen Felsen mit Wasserfällen und Gletschereis hatte seine Wiege gestanden. Häufig erzählte er Christian von dieser Heimat, von dem Nix, der in den Bergströmen wohne, und oft bei Mondschein mit seinem langen weißen Bart im Wasserfalle sitze und so hübsch spiele, daß man Lust bekomme, sich hineinzustürzen. Der arme Nix, wenn er am schönsten spielte, spotteten ihn die Knaben. »Du kannst ja doch nicht selig werden,« sagten sie und da weinte der Nix und verschwand im Strom.

»Der Nix hat wol deinen Pathen spielen lehren!« sagte einmal einer von den Nachbarn zu Christian und von der Zeit an mußte der Knabe immer, wenn er des Pathen Geige hörte, an den Nix im brausenden Wasserfalle denken und versank in stummes Träumen.

Deshalb setzte er sich heute an die verschlossene Thür, lehnte den Kopf gegen dieselbe, und lauschte den seltsamen Tönen; erst als die Geige schwieg, pochte er mit dem Fuße.

Der Mann, den wir Alle einmal gesehen, und der nicht viel über seine besten Jahre hinaus war, schloß auf; die gelbbraune Gesichtsfarbe, das kohlschwarze glänzende Haar deuteten auf einen Südländer oder die jüdische Abstammung, gegen welche freilich die seltsam blaßblauen Augen sprachen; es waren so ganz die des Nordländers; ihre klare, lichte Farbe bildete einen wunderlichen Contrast mit den schwarzbuschigen Augbrauen. Man hätte auf den ersten Blick geglaubt, daß Gesicht und Haar nur eine gemalte Maske seien und daß nur der ganz Blonde so helle Augen haben könne.

»Bist du es, Christian?« sagte der Mann mit einem seltsam schielenden Blicke.

Der Knabe sah ihn mit einer Mischung von Furcht und Ergebung an, denn seine Nähe hatte eben etwas von dem, was man dem Spiel des Nixen und dem Blick der Schlange zuschreibt. Wenn Christian zu Hause war, da war seine Sehnsucht, sein höchster Wunsch, zum Pathen zu kommen; und doch hatte er bei Niemand, wie bei ihm, jenes unheimliche Gefühl, das uns anwandelt, wenn wir allein in einer kleinen Grabcapelle oder in einem großen Walde sind, wo wir Weg und Steg verfehlt haben. Bei jedem Besuch erhielt Christian seine zwei Schillinge, »Sildeskjäl« (Häringsschuppen) nannte sie das Volk, eine kleine, dünne Kupfermünze, von welcher sechs auf einen Schilling gingen; aber es waren nicht diese, welche ihn anzogen, nein, es waren die wunderbaren Geschichten von dunkeln Tannenwäldern, von Eisbären, Nixen und Kobolden, und vor allem die Musik. Die Geige erzählte in ihrer Weise ebenso wunderbare Dinge, wie des Pathen Zunge.

Die Thür wurde wieder zugeschlossen, sobald sie drinnen waren. Hier hingen an der Wand ein paar Bilder, die ein eigenes Interesse für Christian hatten; es waren fünf Stücke aus dem Todtentanz, illuminirte Bilder nach Gemälden in der Marienkirche zu Lübeck.

Alle müssen sie mit in den Tanz, Papst und Kaiser, alle, bis herab zum Kinde in der Wiege, das sich wundernd singt:

»O Tod, wie soll ich das verstehn?
Ich soll tanzen und kann nicht gehn!« O Dot, wo schal ik bat vorstan?
Ik schal danssen! un kan nich gahn!

Christian sah zu den Bildern empor, sie kehrten die Rückseite heraus. Er fragte: »Weshalb?«

»Sie haben sich im Tanze umgedreht!« sagte der Pathe und brachte sie wieder in Ordnung. »Hast du lange draußen gesessen?«

»Nein, nicht lange. Du spieltest und da hörte ich zu! Wäre ich hier innen gewesen, so hätte ich sehen können, wie der Tod herumtanzte, daß die Bilder sich drehten, denn es ist doch wahr, was du mir erzählst?«

»Sie sollen dein sein!« sagte der Pathe und nahm sie herab, »Sage deinem Vater, daß du sie bekommen! Glas und Rahmen behalte ich selbst! Es sind hübsche Bilder. Hast du mich nun lieb? Bin ich nicht gut? Sag es nur.«

Der Kleine wiederholte es, während ihm doch bei des Pathen Blick ängstlich zu Muthe war.

»Warum ist deine kleine Spielkameradin nicht bei dir? Naomi heißt sie, nicht wahr? Ihr hättet wol zusammen kommen können.«

»Sie ist fort!« sagte Christian, »sie fuhr mit dem vornehmen Kutscher!« und er erklärte, so gut er konnte, ihre plötzliche Abreise. Der Pathe hörte mit einer Art Interesse auf seine Erzählung und lächelte. Der Geigenbogen tanzte über die Saiten; wenn diese sangen, was der Pathe bei seinem Lächeln dachte, so waren es gewiß fieberhafte und böse Gedanken.

»Du sollst auch darauf spielen lernen!« rief er. »Das kann für dich ein Reichthum werden! Du kannst dir Geld erspielen und deine Sorgen fortspielen, wenn du mal solche bekommst! Hier ist meine alte Geige, meine beste bekommst du noch nicht! Die Finger so!« Er stellte diese auf die Saiten und schob nun selbst den Bogen in des Knaben Hand.

Die Töne durchbebten den Kleinen; er hatte sie ja hervorgebracht! Seine Ohren faßten jeden derselben auf und die kleinen Finger bogen sich geschmeidig Aber die Saiten.

Beinahe eine Stunde dauerte der erste Unterricht, da ergriff der Pathe selbst die Geige und spielte; es war ein Spiel mit Tönen, wie der Jongleur mit Goldkugeln und scharfen Messern spielt.

»O spiele, wie der Tod tanzt!« bat der Kleine und der Pathe that einige kräftige Striche und während die tiefste Saite noch zitterte, erklangen auf der Quinte die feinsten Töne. »Hörst du den Kaiser? Er kommt mit Trompetenklang, aber nun kommt der Tod, er kommt wie der pfeifende Wind! Hörst du den Papst? Er singt Psalmen und der Tod schwingt seine Sense! Schön Fräulein schwebt in wirbelndem Walzer, aber der Tod, ja, kannst du ihn hören? Es ist als wenn das Heimchen zirpt!« Und der Pathe preßte selbst seine Augen zusammen und große Wassertropfen standen auf seiner Stirne.

Nun legte er die Geige nieder und öffnete die Thür zum Garten, der nach der Bucht hinabführte; dort schwammen die waldbewachsenen Inseln in dem windstillen Wasser. Die Sonne ging eben unter.

Der ganze kleine Garten war zu Kohlpflanzung benutzt; Christian betrachtete namentlich den, der eben anfing, Köpfe anzusetzen.

»Die würde gewiß der Scharfrichter gerne haben!«

»Was sagst du, Knabe?« fragte der Pathe in barschem Tone.

»Ich meinte, der Scharfrichter würde gewiß den großen Kohl gerne haben,« sagte Christian, »meine Mutter erzählte mir's voriges Jahr, als wir an seinem Hause und Garten vorüber fuhren, wo ebenfalls solcher Kohl wächst. Sie sagte zu mir, wenn ich Scharfrichter werden wollte, so sollte ich in die Lehre bei ihm gehen und jedesmal so oft wir Kohl speisten, würde ich gelehrt werden, mit einer Art den Kohlstock abzuhauen, wo der Meister zuerst seinen Einschnitt gemacht!«

»Schweig!« rief der Pathe mit ungewöhnlicher Heftigkeit und stieß den Knaben, daß er zwischen die Kohlpflanzen fiel. Das kleine Medaillon, das Naomi ihm um den Hals gehängt, glitt heraus.

»Was hast du da?« fragte der Pathe mit einem seltsamen Ausdruck, indem er beim Aufheben des Knaben das Medaillon gewahr wurde. Er betrachtete die darin liegende Haarlocke und lächelte, wie das Haupt des Hingerichteten lächeln mag, wenn die galvanische Stange seine Zunge berührt. Plötzlich ging er in das Haus, kam aber bald mit den zusammengepackten Bildern und den zwei Sildeskjäl, wie die Kupfermünzen genannt wurden, sorgfältig eingewickelt, zurück. Er öffnete die Thür nach der Hulgasse und der Besuch war für heute zu Ende; aber Christian hörte, wie die Geige wieder erklang: es war eine Lustigkeit, die aus den Saiten strömte, wie die Lustigkeit auf dem Sclavenschiffe, wenn die Sclaven um der Bewegung willen mit der Peitsche gezwungen werden auf dem Deck zu tanzen.

Am folgenden Tage machte der Pathe seinen Besuch bei Christians Eltern; er brachte ein frisches Kohlblatt und Vogelgras mit für den Kanarienvogel, dessen Bauer nun in ein grünes Gewölbe verwandelt wurde; die geschmeidigen grünen Samenstengel steckte er zwischen die Stahldrähte und der kleine Vogel stimmte sein Freuden- und Danklied an. Der Pathe lauschte mit einem seltsam lauernden Blicke auf die jubelnden kühn ansteigenden Töne, es war als ob er sie ihm ablauschen wollte, um sie seiner Geige einzuhauchen. Der Schneider hörte gerne das Spiel des Pathen; es weckte Erinnerungen an die Wanderschaft in fremden Ländern; Maria jedoch fand, daß etwas Hexenartiges darin sei und beinahe müssen wir ihr Recht geben.

Man hat aus Paris mehre Kupferstiche, welche die Ueberschrift » Diabolique« tragen: alles Dämonische, was eine reiche Phantasie schaffen kann, sprudelt in diesen Bogen. Auf einem sieht man eine Richtstatt; der Pfahl, an den der Verbrecher gebunden werden soll, ragt einsam empor; oben drauf sitzt der Teufel. Er verbirgt die Arme, aber beide Beine hat er in rechtem Winkel gegen den Pfahl ausgestreckt, auf dem er sitzt und so bildet er und dieser ein Golgathakreuz. Ein junges Mädchen kniet davor in dem Glauben, daß es der Heilige sei, vor dem sie sich beugt, während ringsum spottende Dämonen hervorschauen. Beim ersten Anblick möchten wir glauben, sie bete das Kreuz an, aber bald sehen wir, daß es der Teufel ist. Ein ähnliches Bild in Tönen bot des Pathen Spiel.

Der Unterricht, den er gestern mit dem Pathen begonnen, sollte ein paarmal in der Woche fortgesetzt werden. Denn er hatte Finger und Kopf für die Geige.

»Das kann ihm vielleicht sein Brod erwerben,« sagte Maria.

»Es kann ihm dazu helfen, sich in der Welt umzusehen!« sagte der Vater.

»Na, es soll wol gar ein Landstreicher werden!« rief die Mutter. »Du hättest ihn zu dem Seiltänzer bringen sollen, der hier war, dann hätte er herumschweifen können.«

»Du sagst da etwas Gescheidtes, Maria!« antwortete der Vater. »Vielleicht wäre es ein Glück für ihn gewesen. Christian, möchtest du nicht so leicht sein, wie der Vogel, über das dünne Seil hintanzen und hören, wie alle Leute wegen deiner mit den Händen klatschen? Da dürftest du von Land zu Land reisen und bekämst etwas zu sehen und zu hören'«

»Ja, Prügel bekäme er!« sagte Maria. »Oel bekäme er zum Essen! Das ekelhafte fette Oel, von dem ihr Leib geschmeidig wird. Nein, davon wollen wir nichts! Laß ihn nur die Geige lernen, darum ist er noch lange kein Gaukler!«

»In die Herzen der Mädchen soll er sich hineinspielen!« sagte der Pathe. »Ich seh's ihm an, er wird ein loser Vogel.«

»Ja,« sagte Maria, »laß ihn werden, was er will, wenn er nur nicht lügt und stiehlt. Uebrigens hilft ihm die Schönheit nicht! Unser Herr weiß, von wem er sein Gesicht hat«

Aller Eltern Kinder sind schön, aber Maria gehörte zu den seltenen Ausnahmen, sie erkannte, daß ihr Sohn nicht hübsch war, aber niemand konnte ihn auch häßlich finden, sein Portrait aus jener Zeit kann man noch heutigen Tages in Svendborg sehen, wenn man in die St. Nicolaikirche geht. Dort hängt im Mittelschiff zur Linken ein großes Bild: ein Christen Morsing, Pfarrer auf Thorseng, stiftete es, als seine Frau starb; er ist mit ihr, seinen beiden Töchtern und sieben Söhnen, sämmtlich in Lebensgröße, abgebildet. Drei kleine in der Wiege liegen todt vor ihnen. Der Kinder Zahl ist somit zwölf, und alle haben sie sehr hübsche Gesichter, mit Ausnahme eines, welches das Jüngste scheint und im Verhältniß zu den Andern nicht schön ist. Der Maler hat ihm eine Rose in die Hand gegeben, als wollte er ihm durch dieselbe wenigstens etwas Schönes geben. Das Gesicht des Knaben war ganz, als wär's ein Portrait von Christian. Die Aehnlichkeit war selbst seinen Eltern aufgefallen und darauf deutete auch des Pathen Wort: »Die Geige soll ihm eine Rose in der Hand werden, wie auf dem Bilde in der Kirche.«

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