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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Jetzt noch, mein Püppchen, ist goldene Zeit,
Später, ach später ist's nimmer wie heut.

Wiegenlied.

Wie leicht und rasch vergißt nicht das Kind hier seine Sorgen, vielleicht so leicht und rasch, als wir die unseres Erdenlebens vergessen werden, wenn wir einst in jener neuen Welt athmen.

Naomi hatte so viel um ihren Großvater geweint, als er gestorben; nun stand das Lächeln, wo einst die Thränen gestanden; die große blühende Erde hatte sich bereits einmal um ihre Achse gedreht, und das ist für des Kindes Trauer, was für die Eltern Wochen und Monate sind. In der kleinen Stube des Schneiders, bei dem freundlichen Spielgenossen hatte sie ein Heim gefunden. Ein Trauerkleid war ihr gesandt worden, das war hübsch, beinahe neu und machte ihr große Freude.

»Darf ich das jeden Tag tragen?« fragte sie. »Soll es nicht geschont werden? Sonst ist es nicht neu, wenn ich wieder trauern muß!« Nach ihrem hübschen Spielzeug, dem Puppenhaus mit Küche und Stube fragte sie ganz anders, als nach dem Großvater. Es war das nichts Besonderes bei ihr, sie sprach, wie die Kinder eben immer sprechen. Sie saß vergnügt auf der hohen Thürstufe und hielt ein großes Klettenblatt in der Hand, das stellte Fächer, Gartenhaus und Garten vor; ja den ganzen hübschen Blumengarten mit Farben und Duft ersetzte ihr das große grüne Blatt.

Unförmliche Feldsteine, mehr über einander hingeworfen, als ordentlich aufgebaut, bildeten die hohe Treppe zur Straßenthüre, auf deren Schwelle Naomi saß. Die Oeffnungen zwischen den Steinen nannte sie ihre Mühle und der Sand, den Christian hinein streute, war das Korn, das gemahlen wurde. Sie mußten spielen, so gut es eben ging, denn all' sein eigentliches Spielzeug beschränkte sich auf einen Kreisel, der vor ihr schnurren mußte, aber das war auch schön; ein Messingnagel glänzte mitten drin und außen herum war er mit rothen und blauen Farben bemalt.

»Das ist eine Blume, die tanzt!« sagte Naomi.

»Nein!« sagte Christian, »soll das nicht unser Kobold sein; er dient in der Mühle und will nicht gut thun, wenn er nicht die Peitsche bekommt; höre wie er brummt! sieh, wie er springt.«

»Nun soll er sterben!« sagte Naomi. »Dann begraben wir ihn, wie meinen Großvater, und dann spielen wir Trauern und halten Begräbniß, das war so lustig!« Und Christian agirte zugleich Chorknaben und Küster. Die Kinder legten den Kreisel in ein Loch in der Treppe, streuten Gras darüber und spielten dann Feuersbrunst, wo die Glocken läuteten und die Leute retten wollten. Ein paar Nachbarskinder kamen hinzu und das Spiel nahm eine neue Gestalt an; man verstand einander so gut, war gleich wie alte Freunde und Bekannte, obgleich Naomi früher nie mit ihnen gespielt hatte; aber es geht dem Kind bei seinen Altersgenossen, wie uns Aelteren, wenn wir Blumen einer bekannten Art sehen: wir grüßen sie wie alte Bekannte, obgleich die Blume, die wir gerade sehen, uns zum ersten Male vor Augen kommt.

Das Spiel, auf das die Kinder nun verfielen, würde Niemand von uns Aelteren so leicht errathen. Sie zogen ihre Schuhe aus, stellten diese an die Mauer und gingen dann auf und nieder. Das war eine Illumination, die sie sich ansahen. Damals war es bei Hochzeiten in Svendborg Mode, daß die Gäste das Paar von dem Haus der Braut nach dem des Bräutigams mit Fackeln und Laternen begleiteten, deshalb nahm nun auch jedes der Kinder seinen Schuh, das war die Laterne, und begleitete so Christian und Naomi, die Brautleute, wie man sie nannte. Niemals hatte sie so gespielt: was waren dann Puppenhaus, Bilder und Blumen gegen die lebendigen Spielgenossen! Liebevoll hing sie sich an Christian, der seinen Arm um ihren Hals schlang und sie auf den Mund küßte; sie gab ihm das Medaillon, das sie auf der Brust trug, damit sollte er geschmückt werden, dann wäre er ein Graf, sagte sie, und sie küßten sich wieder, während die andern umherstanden und mit den Schuhen leuchteten.

Es war ein eigenthümliches Genrebild; die kleinen Schwalben über ihnen waren gewissermaßen symbolisch ebenso emsig mit ihrer Brautkammer unter dem Dachvorsprung beschäftigt und in der blauen Luft schienen die Wolken sich zu begegnen und zu verschmelzen; aber sie wurden gerade wieder getrennt, die niederern zogen nach Osten, die höheren nach Westen, wie der Luftstrom sie nach den physischen Gesetzen der Weltordnung führte.

Das Spiel der Kinder wurde plötzlich unterbrochen. Eine Kalesche, wie sie noch vor einigen und zwanzig Jahren im Brauch war, eine plumpe Maschine von Holz, blau bemalt und inwendig mit blauem Moulton bezogen, rollte lärmend über das unebene Steinpflaster hin. Noch heute, doch nur in kleinen Städten und auf dem Lande bei wohlhabenden Geistlichen sieht man solche Wagen, die nebst dem Kutscher und dem Pferdegeschirr auf ein anderes Geschlecht hinweisen und sich überlebt zu haben scheinen. Die Pferde selbst waren in gutem Zustand und trugen Büsche, der Kutscher in seiner altväterischen Livree machte ein Gesicht, das sagen zu wollen schien, er wisse, daß es eine adelige Herrschaft sei, die er führe. Der Wagen hielt vor der Apotheke, wo eine ganze Menge von kleinen Schachteln, Krügen und Medicinflaschen abgeliefert, und neue dagegen in Empfang genommen wurden, alles in größter Eile; nun fuhr der Wagen weiter, hielt jedoch wieder vor der Thüre, wo die Kinder spielten. Außer dem Kutscher und Diener sah man noch zwei Damen, eine jüngere, untergeordnete, wol eine Art Kammerjungfer, und eine ältere, große, vornehme Dame mit einem magern, kränklichen Gesichte; sie war in Shawl und Mantel eingehüllt und roch beständig an einem silbernen Riechfläschchen.

Es war die Sache eines Augenblicks, so stand auch schon Maria da und verneigte sich; unterthänigst küßte sie der alten adeligen Dame die Hand und versicherte, daß ihr Verlangen in der Minute erfüllt werden sollte.

Ringsum in der Nachbarschaft wurden die Fenster sogleich halb geöffnet; selbst aus den Thüren schauten ein paar Kaufmannsfrauen herüber; nicht wie jetzt in Seide und Krepflor, nein, wie es die damalige Zeit mit sich brachte, in rothwollenen Jacken und mit Hauben. Die Kinder, welche zu spielen aufgehört hatten, standen mit offenen Augen, die Arme einander um den Hals geschlungen, längs der Mauer da. Von dem Allen verstand Christian nur soviel, daß Naomi in größter Eile ein Tuch um den Hals bekam und in den Wagen zu der fremden Dame gesetzt wurde; es war, als wenn gar nichts Ueberraschendes geschähe. Maria verneigte sich und der Schneider stand in der Thüre mit der Mütze in der Hand.

»Ich will nicht fahren!« sagte Naomi. Aber sie mußte, ob sie wollte oder nicht, und deshalb weinte sie und streckte die Arme heraus, während der Wagen davonrollte. Da brach der Knabe ebenfalls in Weinen aus; die Trennung war so plötzlich, so unerwartet gewesen.

»Nun schweigst du!« sagte Maria, »oder ich werde dir etwas zum Weinen geben!«

»Wo soll denn meine Frau hin?« fragte er.

»Hinaus, um die Welt kennen zu lernen. Danke du unserem Herrn, daß du Vater und Mutter hast! Du wirst das schon noch einmal einsehen lernen. Wenn du so mit fremden Leuten fortfahren müßtest!« Sie sah seltsam sinnend auf den Knaben herab und preßte ihn zugleich heftig an ihre Brust. »Nun, du sollst die Erlaubniß haben, deinen Pathen in der Hulgasse zu besuchen! Mach', daß du fortkommst.« Damit zog sie ihn in die Stube hinein.

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