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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III.

Wirbelnd steigt des Rauches Säule durch der Mauern Riß empor,
Und der Schreckensruf um Hilfe gellt in das entsetzte Ohr.

Gaudy's Kaiserlieder.

Es war Nacht, als Christian wieder erwachte; ein seltsamer rother Schein, wie der im Gartenhaus durch das gefärbte Glas, erhellte die Stube. Er steckte den Kopf aus dem Bette. Ja, die Fensterscheiben hatten dieselbe Feuerfarbe, der Himmel jenen brennenden Glanz, die dunkle Pappel schien zu glühen. Es war ein rechtes Vergnügen, diese Feuerspracht wieder zu sehen.

Da hörte man plötzlich draußen Geschrei, die Eltern sprangen auf, der Feuerruf ertönte. Des Juden ganzes Haus stand in Flammen; ein Regen von Feuerfunken fiel in den Nachbarhof; der Himmel glänzte roth; die Flamme schlug in wunderlichen Zungen zum Himmel empor. Maria übergab den Knaben den Nachbarn, und nahm in Eile die besten Stücke der Wohnung, die sie gerne gerettet hatte, zusammen, denn das Feuer hatte bereits das Nebengebäude ergriffen, auf dessen Dach das Storchennest stand.

Der alte Jude hatte sein Schlafzimmer auf dem oberen Stock nach dem Garten zu, aber er schlief noch, während die Flamme ihn bereits mit dem rothen Todesnetze umspannte. Mit der Axt in der Hand schlug der Schneider ein Loch in die Mauer zum Garten und drang mit einigen Nachbarn hinein. Es war warm dort, wie in einem Ofen, aber der Wind trieb die Funken über ihre Häupter hin. Noch tönte keine Brandglocke vom Thurme, die Wächter schrieen, aber ihre Pfeifen hörte man nicht; der Eine hatte die seine zu Hause liegen lassen, da sie ja nie gebraucht wurde; der Andere hatte die seine wol bei sich, als er jedoch hineinblies, hatte sie, wie er sagte, »die Luft verloren«.

Die Thür wurde aufgebrochen. Keine Seele zeigte sich. Da klirrte plötzlich eine Fensterscheibe, eine Katze bahnte sich wild und schreiend einen Weg hinaus, fuhr an einem Baum hinauf und verschwand auf dem Nebenhaus.

Drei Menschen, wußte man, waren drinnen, der alte Jude mit seiner kleinen Enkelin Naomi, – die Beiden waren die Herrschaft; der alte Joel, der Schacherjude, wie man ihn nannte, bildete die ganze Dienerschaft; zwar hatten sie auch eine weibliche Bedienung, Simonia, welche Joel zur Hand ging, aber sie schlief bei Nacht zu Hause und war also nicht da.

»Schlagt das Giebelfenster ein!« riefen einzelne Stimmen und die Leiter wurde angesetzt. Der Rauch wälzte sich schwarz und dick über das Fenster hin; die Dachziegel sprangen vor Hitze; die Lohe brach immer ungestümer durch die brennenden Balken und Sparren.

»Joel!« riefen sie Alle, als dieser mit einem alten Schlafrock um die gelben, magern Glieder aus der Thüre stürzte; die langen Finger klammerten sich um einen Silberpokal; unter dem Arme trug er ein kleines Kästchen von Papier, wie man sie zu weiblicher Arbeit hat. Das war Alles, was er, wie aus Instinct, in der Flucht ergriffen. »Großvater und das Kind!« – stammelte er und hielt sich, überwältigt von Schreck und Hitze an der Mauer, und deutete nach dem Giebelfenster. Dort öffnete sich das Fenster und der alte Jude, halb nackt, mit der kleinen Naomi auf dem Arm, stieg heraus. Das Kind klammerte sich fest an ihn, ein paar Zuschauer sprangen hinzu und hielten die Leiter fest. Der Alte hatte bereits beide Füße fest aufgesetzt, der Oberkörper beugte sich mit dem Kinde vor, als er plötzlich innehielt, einen seltsamen Schrei ausstieß und plötzlich mit der Kleinen umkehrte, wieder in das Fenster hineinstieg und verschwand. Der schwarze Rauch und die Feuerfunken verbargen einen Augenblick die Oeffnung.

»Herr Jesus!« riefen die Untenstehenden, »wo will er hin? Er verbrennt drinnen mit seinem Kinde! – Es ist sein Geld, was er vergessen hat!«

»Macht Platz!« rief eine kräftige Stimme und ein Mann mit einem dunkeln, ausdrucksvollen Gesicht drängte sich durch, eilte die Leiter hinauf, und faßte den Fensterpfosten, dessen obern Theil die Flamme bereits versengt hatte. Drinnen glühte das Feuer, der Schein bewegte sich unter der sich senkenden Decke. Der Mann stieg hinein.

»War das nicht der Norweger von der Hulgasse?« fragten Einige.

»Freilich! das ist ein kecker Bursche!«

Das Feuer erhellte jeden Winkel im Zimmer, wo er stand. Naomi lag am Boden. Der alte Großvater war nicht zu sehen, aber ein dicker, qualmender Rauch drang von dem Nebenzimmer herein durch eine eben geöffnete Thür. Der Mann ergriff das Kind und sprang hinaus auf die schwankende Leiter. Naomi war gerettet, aber der Großvater lag bereits betäubt vom Rauche in dem Zimmer, in das er zu der eisenbeschlagenen Kiste gedrungen.

Das Dach stürzte krachend zusammen. Eine Säule von Funken, unzählig wie die Sterne der Milchstraße, stieg in die Luft empor.

»Jesus, erbarme dich!« lautete das kurze Miserere über eine Seele, die in diesem Augenblicke durch Flammen zum Leben des Todes einging.

Es war unmöglich etwas zu retten, Alles war in Flammen gehüllt. Die alte Hausdienerin Simonia streckte mit verzweiflungsvollem Schluchzen die Hände zu dem Scheiterhaufen empor, auf dem ihr Herr verbrannte und wo sie noch gestern ein Heim gehabt. Joel hatte Maria zu sich hineingenommen, dahin kam auch Naomi.

»Der Storch, der arme Storch!« riefen Alle. Das Nest wurde von den Flammen ringsum beleuchtet. Die Storchenmutter stand droben, breitete ihre großen Schwingen über die Jungen und suchte sie gegen die Glühhitze zu schützen. Der Storch dagegen war nicht zu sehen, er mußte früher fortgeflogen sein. Die Jungen duckten sich fest zusammen, als ängstigten sie sich, herauszufallen, die Mutter schwang die Flügel und streckte Hals und Kopf weit vor. »Mein Storch! mein lieber Vogel!« rief der Schneider. »Das arme Thier darf nicht verbrennen.«

Er setzte die Leiter an die Wand, während die Andern durch Rufen und durch Werfen kleiner Steine nach dem Neste sie fortzujagen suchten, aber er blieb. Ein dicker kohlschwarzer Rauch schlug an die Mauer, der Schneider mußte den Kopf tief niederbeugen, während Funken und Feuerklumpen wie Schneegestöber dahin fegten. Die Lohe zündete die dürren Zweige an, aus denen das Nest bestand, das aufflammte, und mitten im Feuer stand die Storchmutter und verbrannte mit ihren Jungen.

Gegen Tag war das Feuer gelöscht. Des Juden Haus war nun ein dampfender Kohlen- und Aschenhaufe, in dem man seine fast unkenntliche Leiche fand.

Gegen Abend stand der Schneider mit seinem kleinen Jungen auf der Brandstätte; der da und dort aufsteigende Rauch zeigte, daß es unter dem Schutte noch fortbrannte. Der ganze schöne Garten war eine niedergetretene Einöde. Ringsumher lagen schwarze, verbrannte Balken; die Weinranken und die hübschen Winden waren von der Wand losgerissen und hingen nun zerfetzt und niedergetreten herab. Die hübschen Levkojen waren fort, und die Rosenhecke abgeknickt und mit Erde beschmutzt; die eine Seite der Akazienbäume war versengt, und statt des erquickenden lieblichen Blumenduftes athmete man nur Rauch und Brandgeruch. Das Gartenhaus war niedergerissen. Ein viereckiges Stück des rothen Fensterglases war alles, was Christian von alten Erinnerungen fand; er sah hindurch und die Luft glühte, wie damals als er und Naomi durch die Scheibe schauten. Aber droben auf dem Dach der Eltern stand ein Storch, es war das Männchen, das zurückgekommen war und weder Nest, noch Haus, worauf dieses gestanden, gefunden hatte. Wunderlich drehte dieser Kopf und Hals, als suchte er etwas.

»Das arme Thier!« sagte der Schneider, »es ist heute unaufhörlich, seit dem Augenblicke, da es zurückkam, über die Brandstätte hin- und hergeflogen, nun ruht es sich etwas aus. Ich will ein Kreuzholz hinaufstecken, vielleicht baut es sich ein neues Nest; wie es sich nach den Jungen und der Mutter umschaut! Sie ziehen nie mehr nach den warmen Ländern!«

In dem beinahe leeren Hinterhaus, wo das Loch zu dem öden Garten in die Mauer gebrochen war, stand der Joel; seine magere Hand hielt sich an der verrosteten Eisenklammer in der Wand fest, während seine schwarzen finstern Augen auf einen Gegenstand geheftet waren, den eine alte, zerrissene Schürze in der großen, leeren Bettstelle verbarg; seine schmalen, bleichen Lippen bewegten sich und kaum hörbar sagte er vor sich hin:

»Eine Schachtel wurde also dein Sarg, du reicher Sohn aus Salomo's Stamm! Der armen Frau Schürze wurde dein kostbares Leichentuch! Ach! Keine Tochter Israels wird deine Leiche waschen, die rothen Flammen haben es gethan! Das Feuer war trockner als die Kräuter, rother als die Rosen, die wir in das Bad unserer Todten thun. Aber auf dem »Bet achaim« Der Lebenden Haus, so nennen die Juden ihren Kirchhof. soll dein Grabstein doch sich erheben! Der alte Joel wird dein ganzes Gefolge bilden! Aber du sollst in dein geweihtes Grab kommen, wo der schwarze unterirdische Strom dich einst nach Jerusalem führt.«

Er hob die Schürze auf und nahm den Deckel von der Schachtel, in der die zu Kohlen verbrannten Ueberreste des Juden lagen. Joels Lippen bewegten sich noch rascher, wie im Krampfe, die Thränen flossen ihm über die Wangen, aber die Worte blieben dumpf und unverständlich.

»Unser Herr Jesus sei ihm gnädig!« rief Maria, indem sie eintrat, aber eine Röthe überflog sie im selben Augenblicke; sie glaubte durch die Nennung des heiligen Mannes, den Joel nicht anerkannte, den Trauernden zu kränken. »Unser Herr,« wiederholte sie deshalb rasch und mit Nachdruck, »unser Herr wird ihm gnädig sein!«

»Sein Grabstein soll neben dem der Tochter stehen!« antwortete Joel, indem er die verbrannten Ueberreste zudeckte.

»Sie liegt ja in Fridericia begraben,« sagte Maria. »Das ist weit weg, wohin Ihr sie führen müßt, um ein Grab zu finden. Ich erinnere mich wol noch der Nacht, als sie fortgeführt wurde. Der Sarg wurde zwischen Stroh und Heu gestellt; ihr Vater, der nun in Kohlen und Asche liegt und Ihr, Joel, fuhret fort. Der Regen goß herab! Das arme Kind dort blieb zurück. Der Großvater war das Einzige, was es besaß.«

»Ihre Mutter war von unserm Volk,« sagte Joel und fügte in etwas stolzem Tone hinzu: »Unsere Gemeinde läßt keins von den Ihrigen Noth leiden. Ich alter Mann bekomme auch mein Brod, und ich werde es mit ihr theilen, wenn sie keinen Platz an eines Reichen Tische findet. In das Haus des Christen gehört ja des Christen Kind!« fügte er so leise hinzu, daß es unmöglich war, es zu hören.

»Das Kind ist bei uns!« sagte Maria, »laßt es in Gottes Namen dort bleiben, bis sie es besser bekommen kann. Kocht die Grütze für Drei, so kocht sie auch für den Vierten mit.«

Am folgenden Abend, als es dunkel und still in den Gassen war, bewegte sich durch die Stadt hinab nach der Schiffsbrücke eine kleine Schaar: voran ging der Schneider mit seiner Laterne, ihm folgte Joel, das Bündel im Nacken und die Schachtel unter dem Arm. Maria ging hinterdrein mit Christian und Naomi. Das kleine Mädchen weinte, Joel küßte ihr Hand und Stirn und stieg dann an Bord der Jacht. Nur wenig wurde gesprochen, stumm standen sie nun am Bollwerk, wo die Taue gelöst wurden.

Und Christian sah bei dem abnehmenden aufsteigenden Mond, wie die weißen Segel sich entfalteten, wie das Schiff den Strom hinabglitt, und Joel draußen mit der Schachtel unter dem Arme stand; alles war so fest umrissen in dem unsichern Mondlichte.

Der Dichter erzählt von Zigeunern, die ihren todten Häuptling vom Galgen lösten, ihm Krone und Purpurmantel gaben und seine Leiche in den tiefen Strom legten, daß er sie nach Egypten führe, wo sie in der großen Pyramide sitzen sollte; ein ähnlicher Gedanke erfüllte die Seele des Knaben, es war ihm als zöge Joel mit dem Todten in ein fernes fernes Phantasieland, vielleicht lag dies nicht weit von Jerusalem, der Juden Königsstadt.

»Wie das dem Rhein bei Mainz gleicht!« rief der Schneider und deutete über die Bucht nach der naheliegenden Insel Thorseng.

»Herr Gott!« rief Maria, »wie kannst du nur an so etwas denken! Wir sollten doch etwas anders gestimmt sein, wenn es auch ein Jude ist, den wir begraben! Die armen Leute, selbst nicht im Tode haben sie Ruhe! Sie müssen reisen, um unter die Erde zu kommen!« Schwermüthig sah sie dem Schiffe auf der Bucht nach.

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