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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 39
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
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IX.

O, dieses Leben ist eine ewige Entsagung! – Und wofür? Nicht Vielleicht für eine Täuschung? Eine Dornenkrone für einen Glauben, der Vielleicht falsch berechnet ist? Wenn nun Alles, was ihr dachtet, ihr blassen Männer, die grausame Laune eines Traumes wäre? – O, vergebt mir diesen grausamen Zweifel!

Gutzkow, Oeffentliche Charaktere.

 

Der Storch sitzt auf des Bauern Dach
Schaut über Feld und Wiesen,
Den heißersehnten jungen Tag
Die Frühlingszeit zu grüßen.

B. S. Ingemann.

In Dänemark auf dem Gut des Grafen saß die alte Gräfin mit Arzneiflaschen und Pulvern, noch eben so nahe am Sterben, wie vor zwölf Jahren. »Sie ist zähe,« sagten die Leute, »nicht mal die Apotheke kann sie umbringen.« Die Dorfkirche hatte einen neuen Thurm bekommen und die Schule war neu gebaut; die blendend weißen Gardinen hinter den hellen Glasscheiben nahmen sich gut aus. Zwei kleine Knaben spielten vor der Thüre. Die dürren Stäbchen, die sie in die Erde gesteckt hatten, waren für sie ein ganzer, blühender Garten. In der Thüre saß eine Frau von etlichen und dreißig Jahren, das Nähzeug lag auf ihrem Schooß; mit liebevollem Blick nickte sie den Knaben zu, so oft diese sie um etwas fragten und Stille winkend hob sie die Hand, denn der Vater las ihr die Zeitung vor. Es war Lucie und ihr Mann.

»Morgen ist doch Sonntag?« fragte der jüngste Knabe, der mit seinen lebendigen braunen Augen und hübschen Zügen des altern Bruders Mangel an Schönheit noch deutlicher zeigte.

»Morgen ist Sonntag, dann kommt der Geiger mit Weißbrod oder Bildern; vorigen Sonntag war er nicht da.«

»Ja, morgen kommt Christian,« sagte der Mann und legte die Zeitung weg; »er könnte wol jeden Sonntag kommen, den Prediger hier hören und nicht in die Versammlung gehen. Herr Patermann sprach kürzlich mit mir davon. Die Obrigkeit verbietet solche pietistische Zusammenkünfte. Sie kommen bei Peer Hansen zusammen und bisweilen liest Christian aus der Bibel vor. Das ist ein Unwesen! Man sagt, sie hätten in einem Topf einen jungen Hund, den sie küssen, um ihre Demuth zu zeigen.«

»Das ist Verleumdung!« sagte Lucie. »Christian kommt hin und da weiß ich. daß keine solche Albernheit geschehen kann. Wenn wir nur alle so gute Christen wären, wie er. Ich habe mit ihm darüber gesprochen und da beichtete er mir und sagte, daß er seine beste Erbauung in der Bibel und in dem Zusammenkommen mit guten Menschen finde. War ein Judas unter den zwölf Aposteln, wie sollten da nicht auch in einer kleinen christlichen Gemeinde Mehrere seines Schlags sein, die Grund zu böser Nachrede geben? Es ist besser, zu viel zu glauben, als zu wenig. Wer von der Welt so viel Widerwärtiges erfährt, der kann leicht nebenaus schreiten und es geht noch am glücklichsten, wenn er dann auf den Weg der Bibel und Gottes Wort geräth.«

»Was für Widerwärtigkeiten erfuhr denn Christian?« sagte der Mann. »Er war ja ein armes Kind, dein Ohm war wie ein Vater gegen ihn. Daß es ihm etwas ärmlich in Kopenhagen ging, das ist manchen Leuten schon begegnet und daß er seine Mutter zu sich nahm, das war unüberlegt von Beiden. Deiner Mutter Bruder hat mir erzählt, wie er sie in Noth und Elend gefunden; aber nun ist es ja vorbei. Er brachte sie herüber und bei jedem Feste muß Christian spielen. Wer etwas recht versteht in der Welt, dem kann es nicht schlecht gehen. Ruf jedem Herrenhof muß er die Musik leiten, bei jeder Hochzeit will mau ihn haben. Er hat sein gutes Auskommen!«

»Aber es liegt nicht so viel dran, wie wir es um uns, sondern wie wir es in uns haben, darauf kommt es in der Welt an!« sagte Lucie. »Er setzte sein Glück darein, einen Namen zu bekommen und sich in der Welt umzuthun; aber er hatte Niemand, der ihm den Weg dazu gebahnt hätte und ein Geiger auf dem Lande zu werden, darnach trachtete er wahrlich nicht. Aber ich glaube, er ist ruhiger geworden. Als die Hoffnung dieser Welt schwand, griff er zu der himmlischen.«

»Ja, aber mit denselben blinden Vorstellungen!« sagte der Mann. »Er sollte sich verheirathen, das wäre das Beste für ihn; ein Junggeselle ist ein trauriges Geschöpf; eine gute Frau, wie du, Lucie, würde einen froheren Menschen aus ihm machen, denn recht glücklich ist er doch nicht; wenigstens kommt bisweilen eine Stimmung über ihn, die für einen Menschen nicht gut ist. Ich hatte einst etwas wider ihn, weil ich glaubte, er habe dich lieb. Peter Wik sah es gerne! Er hätte gewünscht, daß ihr einander geheirathet hättet.«

»Christians Gedanken waren in dem Punkt immer weit von mir,« sagte Lucie; »als Knabe war er in die kleine Naomi verliebt, und zu dem erwachsenen Fräulein stand vollends gar sein Sinn. Aber sie paßten eben nicht zu einander. Hübsch wir sie und das war's, was ihn bethörte. Ich erzählte ihm das Gerücht, das ging und das auch gewiß und wahr war, daß sie mit einem Kunstreiter entflohen sei. Das machte einen so furchtbaren Eindruck auf ihn, daß ich von der Zeit an nie wieder ihren Namen vor ihm genannt habe; er hat auch seitdem nie wieder von ihr gesprochen. Aber er denkt doch an sie, davon bin ich überzeugt.«

»Aber nun sagt man ja von ihr,« versetzte der Mann, »daß sie eine vornehme Frau in Frankreich sei. Ich habe es selbst auf dem Schlosse gehört; sie sagen, baß sie nächsten Sommer zum Besuche komme. So war das alte Gerücht doch falsch oder vielleicht gehörte der Kunstreiter zu einer der emigrirten Familien, die in der Revolution auswanderten und nun wieder zu Glanz und Herrlichkeit gekommen sind. Das kann ganz gut sein und damit kommt Sinn und Zusammenhang in beide Gerüchte!« –

Es war Sonntag. Christian kam, der Geiger, wie er genannt wurde und er küßte die Kinder, namentlich das jüngste, das hübscheste mit den dunkelbraunen Augen. Das Aeußere ist es, was uns ergreift, das fühlte er selber. »Ja, wäre ich hübsch gewesen wie du,« dachte er, »dann wäre Alles anders gegangen. Selbst der Edelste, der Beste huldigt dem Schönen. O, welche Gottesgabe, welche Quelle, sich zufrieden zu fühlen liegt nicht in der Schönheit, für sie ist die Welt ein Liebesparadies. Jedermann begegnet der Schönheit mit einem Lächeln auf dm Lippen, man drängt sich um sie. Das Gesicht da nimmt für sich ein, es muß vortrefflich sein! Das Gesicht kann nicht täuschen! Hier ist Geist, hier ist Seele! O, Schönheit ist auf der Erde eine glücklichere Gabe als Genie und Geisteskraft!« Er küßte das hübscheste von Luciens Kindern; es bekam das schönste Bild und das größte Stück Kuchen, das er mitgebracht.

»Sollst du uns nicht von deinem Storche grüßen?« fragte der kleinste Knabe.

»Ja, vielmal,« antwortete er. »Er ist jetzt frisch und stark und kann mit den andern um die Wette fliegen. Der Storch und die Schwalbe sind gute Thiere, deshalb dürfen sie nach den warmen Ländern ziehen, wenn die Kibitze und Sperlinge frieren. Habe ich dir die Geschichte vom Storche und der Schwalbe erzählt? Es war am Charfreitag; unser Herr hing am Kreuze, da kamen drei Vögel über ihn hingeflogen. Der Kibitz schrie: »Peinigt« Dänisch Piin, wie das Kibitzgeschrei klingt; auch Sval ham – labe ihn, ist ein solches Wortspiel, weil die Schwalbe auf dänisch Svale heißt. ihn, peinigt ihn!« deshalb schreit er es noch jetzt. Aber der andere Vogel rief: »Labe ihn, labe ihn!« und so bekam er den Namen Schwalbe. Der Storch rief: »Stärke ihn, stärke ihn!« Deshalb ist Glück und Segen bei diesen Vögeln, und kein guter Mensch thut ihnen etwas zu Leide!« Während er dies erzählte, weilten seine Gedanken bei dem Storche, der wunderlich in seinen Erinnerungen herumflog: dem Storche auf des Juden Dach, dem Storche auf der Wiese, der ihn in die Welt hinauslockte, und nun dem Storche, dem einzigen lebenden Geschöpfe, das er zu Hause in seiner Einsamkeit um sich hatte. Im letzten Jahre, als die Störche fort wanderten, hörte er eines Abends im Schornstein ein seltsames Geräusch. Es war ein Storch, der herabgefallen und im Sturze das Bein gebrochen; er verband ihn so gut er konnte, pflegte ihn und im Verlauf des Winters wurden sie so gute Bekannte, daß nun, als die andern Störche zurückkamen, dieser ihn nicht verließ, sondern vom Felde durch die offne Thür hereinhüpfte und jeden Abend seinen Holzschuppen suchte, wo er sein Nest hatte. Luciens Kinder hängten sich an Christian und sprangen mit ihm auf der Wiese umher, wo er ihnen aus Schilf Grenadiermützen machte. Eine Mütze, sagte er, müsse auch die Mutter haben. An dieser bog er die Spitze um und füllte sie mit hübschen Feldblumen. Es war ein sehr schönes Füllhorn, deshalb hing es Lucie über den Spiegel.

Der Mittagstisch war gedeckt; das Tischtuch war glänzend weiß und heute kam noch etwas Apartes, wußten die Kinder. Jeden zweiten Sonntag, wenn der Geiger sie besuchte, hatte die Mutter immer noch etwas, was sie sonst nicht bekamen. Er könnte wol jeden Sonntag kommen, meinten sie, es seien ja nur zwei Meilen, die er zu machen habe.

Er war ein Kind mit Kindern und lauschte wie ein Kind auf des Schulmeisters Neckereien, in denen ein Stachel der Wahrheit lag.

»Du wirst ein reicher Mann!« sagte er. »Du mußt Geld zurücklegen können. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Nimm dir eine Frau, wer soll sonst bekommen, was du in der Kiste sparst? Doch nicht die Versammlung, die den Katholicismus ins Land bringen will?« Und nun war der Mann in seinem Element, das heißt gegen den Papst und die Geistlichkeit dieser Confession zu eifern.

»Der Katholicismus hat sehr viel Gutes ausgerichtet!« sagte Christian. »Die Saat ist zur Frucht herangereift, hat uns Nahrung und Stärke gebracht. In einer barbarischen Zeit hütete er Wissenschaft und Kunst, er nährte schöne Gedanken von einer großen Menschengesellschaft, er hob das Geistige gegenüber der rohen Kraft!«

»Aber nun ist er ausgeartet!« sagte der Schulmeister, »er ist der Unterdrücker des Geistes und der Freiheit geworden.«

»Ich glaube,« antwortete Christian, »daß wir ihn eher als ein Treibhaus betrachten sollten, das in der Winterskälte des Mittelalters ein Segen war! In den Klöstern schossen die Wissenschaften üppig empor und waren geschützt gegen die rohe Kraft, die draußen herrschte; sie entwickelten sich für eine künftige Sommerszeit. Und das ist nun die, in der wir leben. Der Geist und die Freiheit haben nun warmen Sonnenschein draußen. Alles grünt und treibt hier weit anders, als in dem katholischen Treibhaus. Die Wärme, das fühlen wir, ist dort künstlich, sie ist schwül und das Grün ist krankhaft grün. Wir haben es hier außen besser, drinnen ist es dagegen wie früher, ja es gibt sogar weniger edle Bäume, da diese ihren Platz draußen im Sonnenschein bekommen haben.«

»Streitet ihr euch nun wieder?« sagte Lucie halb scherzend.

»Er hält's mit den Katholischen!« sagte der Mann. »Es ist kein Auskommen mit ihm.«

»Ich will nur den Mantel der Liebe über alle Glaubensbekenntnisse ausgebreitet wissen,« sagte Christian. »Ich will euch einmal ein katholisches Lied bringen, das ich von einem Italiener bekommen habe und das von den Bauern aus den Bergen an Ostern gesungen wird. Darin ist wahres Christenthum, wie in unsern alten Kirchenliedern.«

Die Sonne war untergegangen und die Kinder zu Bette, ehe Christian sich nach seiner einsamen Heimat, zwei Meilen von da begab. Es war einer jener schönen Mondscheinabende, die der Maler auf seine Leinwand fesselt und der Dichter einathmet, die durch seine Lieder so schön und ergreifend werden. Auch auf Christian wirkte der Schönheitsduft dieses Abends. Es war einer von den Augenblicken, in dem er noch fühlte, daß ein großer geistiger Schatz in ihm ruhe und daß er nur auf die günstige Stunde der Mitternacht warten dürfe, um ihn zu heben; aber plötzlich war Alles wieder verschwunden und nur die Hoffnung blieb, daß seine Stunde in einer andern, der Welt des Geistes kommen werde. Er hatte noch nicht den halben Weg nach der Heimat zurückgelegt, und schon wieder war er nicht mehr still und roh, wie es die Natur haben wollte. Konnte er ja doch glücklich sein! Kein Herz hatte mit ungetheilter Liebe an ihm gehangen und dann sich treulos von ihm losgerissen. Man liebte ihn und er konnte sorgenfrei dem kommenden Tage entgegensehen. – Er war keine Creatur, die durch einen Mächtigen hervorgezogen worden und nun aus Dankbarkeit seine Herablassung ertragen muß, nicht der Arme, der nur war, was er durch ihn war. Er sah ja auch nicht täglich die, die er liebte, von einem Andern küssen, träumen von einem Andern, während sie doch gegen ihn mild und gut war. Er brauchte nicht dazu zu lächeln, um sein Leiden zu verbergen. Sein Leben hatte keine großen, erschütternden Unglücksfälle. Der Geistliche konnte an seinem Grabe sagen: »Still und glücklich gleiteten seine Tage hin! Keine Gewitterwolke ging schwer und feurig über seinem Haupte hin!« Nein, es war gleichmäßig grau, immer grau, und wenn man unverwandt darauf hinsah, konnte man sich einbilden, es sei blauer Himmel.

Niemand war daheim, der ihm ein Willkommen bieten konnte. Es war einsam dort; er hatte es einsam, wie alle Menschen einst in ihrem Grabe. Er zündete sich Licht an, machte sich ein wenig zu schaffen, schloß die inwendigen Läden und sah in die Kammer hinein nach dem Storche; er schlief. Nun öffnete er die große, blau angemalte Kiste; in einer Lade lagen zwei schwere Beutel. Er leerte sie sachte auf den Tisch, zählte die blanken Silberstücke, legte sie in Düten und lächelte, wie er Luciens Kinder angelächelt.

»So viele habe ich schon!« dachte er. »Welch' ein Schatz! Er gehört ihr. Ja, in ihrer höchsten Noth wird sie einst zurückkehren. Die Andern werden sie nicht kennen, aber ich werde ihr ein Bruder sein. Sie soll nicht mehr leiden!« und er lächelte wieder, denn er dachte an Naomi.

Der leichte Sinn der Jugend hatte sie in die Welt hinausgerissen; es konnte kein gutes Ende nehmen. Sicher kommt sie einst arm und krank mit einer Wandertruppe in ihre Heimat zurück. Das hatte er geträumt, und das war sein fester Glaube. Wie oft war er nicht nach dem Wirthshause oder nach dem nächsten Dorfe gegangen, wenn er hörte, es sei eine wandernde Gauklertruppe da. Er suchte Naomi; für sie sammelte er das blanke Silber.

Die Bibel, die Geige und der Storch waren seine drei Freunde. Das Thier hüpfte vom Garten in die Stube, flog dann nach dem Walde jenseits der Wiese, kehrte aber immer wieder zurück.

»Ob du wol bei mir überwintern wirst?« sagte Christian, »nicht mit deinen Brüdern nach den warmen Ländern fliegen? O fliegen! Wer fliegen konnte wie du! Ich hatte auch einmal daran gedacht, weit fortzukommen, aber ich bin hier geblieben und komme nicht mehr fort. – – Du wirst sie vielleicht sehen! Du fliegst vielleicht über meines Vaters Grab!« Und er nahm ein rothes Band, schrieb darauf: »Gruß von Dänemark!« band es um das Bein des Storches und sagte: »Fliege nun mit den andern fort, aber komm im Frühjahr wieder. Dreizehn Jahre ist es nun, seitdem ich sie gesehen. Sie hat sich gewiß sehr verändert! In meiner Erinnerung steht sie jung und schön, mit dem stolzen Blicke da! O, wäre ich schön gewesen, wie der Kunstreiter!« Und seine Gedanken flogen weit hinaus in die Welt.

Wie oft sehen wir nicht Kinder, Knaben sowol als Mädchen, die in ihrem jugendlichen Alter häßlich sind; junge Jahre vergehen, die Züge und Formen entwickeln sich und wir sehen Schönheit, wo wir früher keine gefunden und wir müssen sie um dieser willen lieben. So nach dem Tode, im neuen Leben wird der, der hier durch sein Aeußeres uns abstieß, uns gewinnen, von uns geliebt werden, indem jene harten Formen sich gerade zu Linien der Schönheit entwickelt haben. Unsere menschliche Larve ist ja doch nur eine Kleidung; der elende Bettler kann schön sein wie der Adelige, wenn die Tracht der Armuth wegfällt. Das waren Christians stille Träume. – –

Man war im September, der schönsten Zeit der dänischen Natur. Da träumte er von Naomi einen seltsamen Traum; er stand so klar vor ihm, als er plötzlich erwachte, aber in der Morgenstunde war die Erinnerung wieder ausgelöscht, nur das stand deutlich vor ihm, daß sie ihr Haupt an seine Brust gelegt und gesagt: »Ich sterbe, begrabe mich in deinem kleinen Blumengarten!«

Der Traum versetzte ihn in eine wunderliche Stimmung, er las einen Psalm und suchte das Wort des Trostes in der Bibel.

Als er Nachmittags durch das Dorf ging, hörte er vor sich den Ton einer Trompete, ein lustig Rufen und das Geschrei der Bauernjungen, Hinter der Hecke eines der kleinen Gärten standen einige alte Frauen und sahen den Weg hinab.

»Was ist das?« fragte er.

»Comödianten, die im Wirthshause Künste machen wollen.«

Und nun sah er einen Mann in Bajazzotracht, aber arm und schmutzig; er ritt auf einem armseligen Pferde und hatte vor sich ein kleines Mädchen mit hübschen dunkeln Augen, welches ein Tamburin in der Hand hielt. Der Mann kündigte an, daß die prächtigste Comödie mit beweglichen Puppen Nachmittags im Wirthshause aufgeführt werde, nebst andern höchst wunderbaren Kunststücken, die jedoch alle natürlich zugingen. Der Mann war im Gesichte weiß bemalt und machte schreckliche Grimassen. Das kleine Mädchen sah kränklich aus. Sie schlug das Tamburin, so oft der Vater die Trompete blies.

Christian dachte an seinen Traum, dachte an Naomi: war es ihr Mann, ihr Kind? Er ging nach dem Wirthshaus.

Draußen auf dem Hofe stand der Wagen des Gauklers mit einem Verdecke darüber, auf welchem ein altes Bett lag, das gesonnt wurde. Drinnen im Nebengebäude war das Theater errichtet, die Puppen lagen und hingen durch einander in ihrer zerlumpten Tracht. Ein fettes, dunkelbraunes Weib mit bloßem Kopfe und schwarz und weiß gemischtem Haare saß mit einem kleinen Knaben auf dem Schooße da; die Kleider hingen ihr lose und unordentlich am Leibe; sie gab dem Kinde zu essen. Eine etwas jüngere Frau nähte einen Papierstern auf die Brust einer großen Holzpuppe. Christian sprach mit ihnen; seine Stimme zitterte, aber er sah, daß keines von diesen Naomi war.

Wie oft war er nicht so getäuscht worden, und doch fühlte er sich glücklich dabei. Der Anblick dieser Menschen, die Erinnerung an seinen Traum bewegte ihn tief.

Als er nach Hause kam, vermißte er den Storch. »Er kommt wol noch!« dachte er und ließ deshalb die Thüre nach dem Holzschuppen offen stehen. »Wer weiß, vielleicht ist er auch schon über das Meer mit den Andern! Das Laub wird schon gelb.«

Er schlief die ganze Nacht unruhig; bei Sonnenaufgang war er schon in den Kleidern und draußen in seinem kleinen Garten, wo Naomi im Traume gesagt hatte, er sollte sie begraben. Plötzlich hörte er ein seltsames Geräusch draußen auf der Wiese und er sah die Störche zu Hunderten durcheinander flattern. Sie prüften ihre Kräfte, wie der Bauer sagt. Er sah, daß einzelne von den andern überwältigt und mit den starken Schnäbeln zusammengehauen wurden. Unter lautem Klappern stieg ein großer Schwarm hoch in die Luft und verschwand.

Er ging hinaus ins Freie; da lagen sieben todte Störche, ihre ausgerissenen Federn flogen über das Gras.

»Die Natur gab euch keine Kräfte, und deshalb mußtet ihr sterben, ihr armen Thiere! Ihr durftet nicht mit ins warme Land ziehen!« sagte er und beugte sich herab. Da lag einer mit einem rothen Band um das Bein. Er nahm ihn in seine Arme, er war noch warm. Das Blut befleckte die weißen Federn, der lange Hals hing todt herab; es war sein Storch; er drückte ihn an seine Brust.

»So erfüllt sich mein Traum! Dich und nicht sie halte ich todt in meinen Armen! Du sollst dein Grab unter den Blumen im Garten haben!« Und er küßte den todten Vogel, nahm eine weiße und eine schwarze Feder aus dem Flügel, steckte sie über den Spiegel, grub ein Grab, fütterte es mit grünen Blättern aus und legte den Storch hinein. Der Rosenbaum stand mit gelbgrünen Hagebutten auf dem Grab des Vogels.

»Nun bin ich wieder allein! Du kehrst nicht wieder mit dem Frühling zu mir zurück. Todt! Alles soll sterben! Alles sollen wir verlieren! Weshalb ergreifen wir nicht den Augenblick? Weshalb wollen wir nicht glücklich sein? Ich will den letzten Sonnenschein dieses Jahres recht einschlürfen, ich will mich des klaren Frostwinters und des kommenden Frühjahrs freuen!«

– – Aber der Winter brachte nur Regen, Thauschnee und graue Tage; der Wald stand mit triefend nassen Stämmen da; die schwarzen Neste schienen im Nebel wie in Spinnennetze eingehüllt; ja, die ganze Natur glich einer Puppe, welche erst nach Monaten vor den Sonnenstrahlen ihre Hülle abstreift.

Christian kränkelte, doch war er jeden andern Sonntag ein sicherer und willkommener Gast bei Lucien, aber nur jeden andern Sonntag, deshalb überraschte es sie, ihn eines Werktages kommen zu sehen; er sah bleicher aus als gewöhnlich.

»Es geht mir gut!« sagte er, »aber ich hatte nicht viel zu thun und ich sehnte mich nach den Kindern, des halb komme ich.«

Er hatte eigentlich eine Neuigkeit gehört, aber mit dieser kam er erst später heraus. Der Gärtner aus dem Herrenhofe hatte ihm erzählt, daß man im Frühjahr Fremde erwarte: einen vornehmen französischen Herrn mit seiner Frau, nämlich Naomi; sie sei seit vielen Jahren mit ihm verheirathet und sei reich und vornehm. Die Thränen standen Christian in den Augen. »Nein, ich bin doch nicht wohl,« sagte er, »es greift mich alles so sehr an.«

Lucie drückte ihm die Hand.

Wie einsam war es nun bei ihm zu Hause! Wie oft hatte er nicht seinen Schatz in dem Gedanken an Naomi gezählt; nun wurde die Lade nie mehr aufgeschlossen, kam das Silber nie mehr zum Vorschein.

Der Winter war so lang, so grau – aber es war ein guter Winter für die Armen, wie man sagte, es fror nicht stark, aber es regnete immer und der Himmel war grau, immer grau! Es war em Spätjahr, das bis weit in das Frühjahr hinein dauerte.

Es war mitten im Mai, der erste hübsche sonnige Tag. Luciens Kinder standen betrübt an dem Bette, in dem Christian krank lag; ihre Mutter pflegte ihn.

»Dank dir für alle deine Liebe, Lucie!« sagte er, »hier ist es doch gut in dieser Welt, und die Menschen sind gut. Ich erinnere mich wohl, was du vor vielen Jahren zu mir gesagt hast. Gottes gewöhnliche Gaben für uns Menschen sind so groß, daß es eine Sünde ist, sich mehr zu wünschen. – Der, welcher hoch steht, der steht im scharfen Wind, nicht wir hier unten. Erinnerst du dich des schönen Liedes:

»Roserne voxe i Dale,
Der faae vi vor Jesum i Tale!«

Der ausgezeichnete Mann sieht im Sonnenstrahl, aber die Strahlen verzehren ihn. Wir könnten es ihm mißgönnen, daß er eine größere Empfänglichkeit für alles ihn Umgebende hat, aber dabei fühlt er auch mehr als wir das Zerstörende. Er gibt mit seiner warmen Seele, was wir Andern mit einer kältern empfangen; er ladet uns zu einem Mahl zu Gast, das er anrichtet und wir kommen wie die bösen Vögel, von denen ich gelesen, die Harpyen, es zu besudeln!« Unbewußt tadelte er nun die ganze Menschheit, die er einige Minuten zuvor gut und liebevoll genannt hatte.

»Unsere Gedanken sind eitel, unsere That ist nichts!« sagte er. »Was wir groß und unsterblich nennen, steht einst vor einem andern Geschlecht nur wie die Kohleninschriften an der Wand von Gefängnissen; Neugierige besuchen sie und betrachten sie sich. – Gib den Kindern, wenn ich todt bin, meine Bibel. In ihr ist der Schlüssel zu einem Schatze, den nicht Motten noch Rost fressen. – Ich werde Naomi sehen, ehe ich sterbe!« sagte er mit verklärtem Blicke, »ja, ich werde sie sehen, das fühle ich!«

»Sprich nicht vom Sterben!« sagte Lucie. Du stirbst jetzt nicht; wir werden noch manches Jahr zusammen leben!«

 

– – Die Schwalbe war zurückgekehrt; der Storch saß in seinem Neste. Der Däne fühlte sich stolz auf seine grünen Wälder, da faltete Lucie des Todten Hände, schloß seine Augen und zeigte den Kindern zum letzten Male den lieben Christian und die Kleinen weinten.

»Er hat es gut!« sagte Lucie, »gut, wie er es niemals hier gehabt!«

Der Deckel wurde geschlossen, und die Bauern trugen den einfachen Sarg aus dem Hause; Lucie mit ihrem Mann und den Kindern folgten. Der Weg nach dem Kirchhof war schmal; da kam ein Herrschaftswagen mit vier Pferden ihnen rasch entgegengefahren. Es waren Gäste für den Herrenhof, es war der französische Marquis und Ihro Gnaden Naomi.

Die Bauern mit dem Sarg traten in den Graben, damit die fremde Herrschaft vorüber konnte, entblößten ihr Haupt und die gnädige Frau, Naomi, mit dem stolzen Blick, dem einnehmenden Lächeln beugte den Kopf heraus und grüßte. Es war ein armer Mann, den sie begruben. Nur ein Geiger!

 

Ende

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