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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 38
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
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VIII.

Elle seigna tout ce sang du coeur, qu'on appelledes larmes.

Nouvelles Impressions de voyage par Alexander Dumas

Kennst du Tivoli? Nicht die malerische Stadt, die du von Roms Campagna auf den Bergen stehst, nein, den Garten in der Vorstadt von Paris, zu welchem dich die Plakate, diese taubstummen Sirenen, hinauszulocken suchen. Fiaker, Kuku und Omnibus fahren dich für einige wenige Sous vor den Eingang, und für deine drei Franken findest du dort einen Niagara von Vergnügen. Musard's Orchester spielt dir Galopaden aus Gustav und la Tentation, Walzer von Strauß und Quadrillen aus le philtre, Robert und Pré aux clercs. Für die gleiche Ausgabe stehen dir zwei Theater offen: auf dem kleineren siehst du physikalische Experimente und auf dem größeren ein ganzes Vaudeville. Die Schlitten fliegen die Rutschbahn hinab, mehrere tausend Lämpchen brennen zwischen dem Grün und auf den Ruf: feu d'artifice! folgst du dem Menschenstrom nach dem dunkeln Zuschauerplatz, wo bald dreifarbige Raketen die Nacht zum Tage machen.

Begeben wir uns hinaus in den Malstrom. Siehst du die hübschen Damen? Sicher sind sie vom hohen Adel, von blauem Blut? Ja, das Blut, das warme Blut gibt ihnen diese reiche Tracht, zu ihrer Kaste gehörten Lais und Aspasia, weltberühmte Frauennamen. Die dreifarbigen Lampen warfen einen falschen Regenbogenschein zwischen die dunkeln Zweige, die Musik klang etwas entfernt, es war der Gesang der Dämonen aus la Tentation und die Töchter des Staubes wirbelten mit den Söhnen des Blutes im Tanz.

Es ist ein eigenthümlicher Anblick, den man hier genießt, wenn man seitab in das dichte Gebüsch tritt und von dort die bunte Beleuchtung, die wirbelnden Gestalten und die Schlitten auf der Rutschbahn hoch von den Gipfeln der Bäume herab betrachtet. Unwillkürlich fällt uns der Hexensabbath auf dem Brocken ein.

Ob er wol daran denkt, der, der zwischen den Bäumen dicht bei dem dunkeln Schauplatz sitzt, wo das Feuerwerk abgebrannt werden soll. Er hat gerade seine letzte Rakete festgebunden. Er sitzt im Grase und die magern kleinen Hände zittern, das Gesicht ist gelblich blaß, die blauen Ringe unter den kohlschwarzen Augen, die schlaffen Züge zeigen, daß die Seele wie eine Fledermaus nur noch in den Ruinen eines Körpers spukt.

Er, von dem unser Auge sich gerne abwenden möchte, hat einst die Töchter der Schönheit erröthen machen Diese geschwundenen Formen waren einst das Modell für einen Helden; dieser böse Ausdruck im Auge war der Blick des Stolzes. Er, der die große Menge in Jubel versetzt, lag hier krank, verachtet und vergessen; Raketen an das drehende Rad binden war nun seine wichtige Beschäftigung. Sohn des Paria, Ladislaus!

Wenn der Lebensgenuß deine Nerven ausspannt, dann erklingen sie in erschütternden Melodieen. Diese waren es, die ihm ein altes Lied sangen, das kommende Geschlechter wiederholen werden.

»Meine Gedanken wollen nicht in den Raum hinaus schweifen, sie kehren zu ihrem Körper zurück, der träge und schmerzvoll darniederliegt; er fühlt den feuchten, nassen Thau sich an seine Schwingen hängen, daß er in Schlaftrunkenheit versinkt. Er fühlt den erfrischenden Wind, aber dieser bringt eine Todeskälte mit sich; die geschwächten Nervensaiten beben, meine Beine schwanken, mein Kopf schwindelt. Es ist als ob der Wind in eine Ecke bliese und in ein leeres Schneckenhaus sauste. Ich fühle nur Lust zum Schlafen und dieser faßt meine schlaffen Glieder kraftlos an. Die warmen Sonnenstrahlen dörren mich aus. Schweift einmal mein Gedanke hinaus, so gleicht er einem Kranken auf Krücken. Die Auen mögen noch so freundlich lächeln, die Sonne ihn noch so gut erwärmen, er denkt doch im selben Moment an seine Krücken!«

Es war ein glänzender, ein lustiger Abend im Tivoli. Der Reiche gab seine Louisd'ors, der Arme seine Sous und die Jugend ein paar von ihrer Gesundheit Rosenblättern, um einst zu singen, wie der Rabe Ladislaus an der einsamen Hecke.

Du, der du Europa's große Städte besuchtest, und in Paris die Quintessenz aller Eigenthümlichkeiten derselben fandest, du hast sicher oft Naomi begegnet. Die öffentlichen Gerichtsverhandlungen sind dir ein Ersatz für Spaniens Stiergefechte, wo dasselbe Gedränge, dasselbe Gewimmel reichgekleideter Damen herrscht; dort wirst du sie oft gesehen haben als eine der eifrigsten Zuhörerinnen. Wenn in Bicetre die verurtheilten Verbrecher zusammengekettet nach den Galeeren geführt wurden, mußtest du unter den hübschen Equipagen, die dort halten, damit die Herrschaften den schauerlichen Anblick genießen können, die Marquise leicht wieder erkennen. In der einsamen Nacht, wenn nur die rothe Laterne mit der Inschrift: ici on loge à la nuit, vor dem Fenster brennt, wenn der tagesscheue Chiffonnier in den Kehrichthaufen wühlt, nahm Naomi einen Platz an dem Tisch mit den Feldern ein, wo das Gold klingt und die Leidenschaften durch den Blick leuchten.

Louis Philipp ließ vor Paris Forts anlegen, um die Stadt zu befestigen, die Pariser aber sagten, diese seien nur dazu da, um sie selbst zu beschießen. Die Gegner des Bürgerkönigs begannen ihre Stimmen zu erheben. Das Julifest näherte sich; kecke Carricaturen mit bedeutungsvollen Hindeutungen auf die Festtage wurden ausgehängt. Der kluge Regent verhielt sich ruhig dabei und ließ die Gemüther in dergleichen Brandblasen sich Luft machen. Man hatte bei diesem Feste erwartet, daß der ägyptische Obelisk auf dem Platze Ludwig XV. errichtet werden würde, aber sie war noch nicht eingetroffen. Ein Holzmodell wurde deshalb aufgestellt. Alles wurde arrangirt, um, die weltberühmten Tage so festlich als möglich zu machen. Der Glanzpunkt war die Enthüllung der Napoleonsstatue auf der Vendomesäule. Die Gerüste waren schon errichtet und die Handwerker zeigten großen Eifer. Bei Nacht wurde die Statue aufgerichtet. Ein blauer Schleier mit silbernen Bienen bedeckte sie bis zu dem festlichen Augenblicke.

Naomi gehörte zu den Vielen, die voraussahen, daß in den nächsten drei Tagen ein politisches Gewitter ausbrechen müsse und sie sehnte sich darnach. Nur in den Revolutionstagen, wo nicht das Freiheitsphantom, sondern die Freiheitsgöttin selbst das französische Volk anführte, hatte sie sich ruhig gefühlt; kühn feuerte sie ihr Pistol aus dem Fenster auf die königlichen Gardisten. Ihre Seelenunruhe bedurfte äußerer Bewegung.

Die drei Tage brachen an und brachten einzelnen von den Töchtern der gefallenen Helden Freude: eine prächtige Brautaussteuer. Schon bei Sonnenaufgang ertönte die Ouvertüre zum Feste; die Kanonenschüsse vom Hôtel de Ville und dem Invalidenhaus. Die dreifarbigen Fahnen wehten auf dem Pont neuf und flatterten von allen Kirchthürmen. Das Hôtel de Ville sammt dem Pont d'Arcôle waren mit Trophäen geschmückt.

Schlaflos lauschte Naomi den Schüssen, leidend wie in jener Nacht im Prater, jener Nacht in Rom und ach so mancher Nacht in dem unruhigen Paris. Große Summen, die sie auf ihre Einnahmen im Voraus aufgenommen, waren verspielt, Ladislaus und ein Landsmann war hier, der ihre Abstammung kannte.

Auf dem Bastilleplatz an der Fontaine des Innocens und vor dem Louvre waren Traueraltäre errichtet, geschmückt mit Flor und Fahnen, Immortellenkränzen und berühmten Namen; Trauermusik ertönte und bei jedem Viertelschlag fiel ein Kanonenschuß. Eine seltsame Stille lag auf dem sonst so geräuschvollen Paris. Schritt für Schritt fuhren die Wagen, wie bei einer Trauerprocession; langsam schritten die Fußgänger über den Trauerplatz und warfen ihr Bouquet auf die Gräber.

Naomi fuhr im offnen Wagen, die Fußgänger wurden gegen die sich drehenden Räder gedrängt, Einzelne hielten sich deshalb am Wagen selbst. Naomi fühlte eine Hand die ihrige berühren, ein kleines Papier wurde ihr zugesteckt. Die Gesichter rings umher waren ihr unbekannt.

Am Abend, während die langen schwarzen Schleier von den Häusern wehten, wo die Verwandten und Freunde der gefallenen Helden wohnten und die blauen Feuer über den Gräbern brannten, las Naomi den Brief; er war von Ladislaus. Er hatte sie in ihrem Hôtel aufgesucht, war jedoch abgewiesen worden; er verlangte dringend eine Unterredung mit ihr und erinnerte boshaft an glückliche Minuten.

»Wie viele fand man im letzten Jahre in Paris und den Vorstädten ermordet?« fragte Naomi ihre Kammerfrau.

»Dreiundzwanzig, glaube ich! Ermordet und in die Seine geworfen. Es ist grauenhaft.«

»Die Pariser haben südliches Blut!« sagte Naomi. »Ist Alles ruhig?«

»Alles; aber mir graut vor dem morgigen Festtage.«

»Mir auch!« antwortete Naomi nachdenklich und ihre Gedanken waren bei Ladislaus.

In »Tausend und Eine Nacht« wird eine Art Palme beschrieben, die ihren Schatz in der Krone bergen soll; Jeder kann hinaufklettern. Die breiten Blättern biegen sich geschmeidig wie Schilf nach oben; siehst du aber zurück, willst du wieder herunter, so ist jedes Blatt ein ungeheures Messer, scharf und fest, und sie dringen in deinen Leib, wenn du nicht rein und unschuldig bist; dieses Bild schwebte Naomi vor.

»Jede kleine Sünde war ein grünes, duftendes Blatt, das sich vor meiner Hand beugte!« seufzte sie; »jetzt, da ich zurückschaue, sind es des Henkers Messer. O, ich bin krank, wie die alte Gräfin in Dänemark, krank in der Einbildung, und das ist die schlimmste Krankheit.«

Es war der zweite Tag des Festes. Der eine halbe Meile lange Boulevard war der Paradeplatz für die Nationalgarde. Längs den grünen Alleen standen die schmucken Reihen, und dahinter in den Häusern waren alle Fenster und Balkon«, wie der Boulevard selbst, mit Menschen angefüllt. Mutwillige Jungen hingen in den Aesten der Bäume, andre balancierten auf dem Steingeländer der Springbrunnen. Ueberall war ein Gedränge, als befände man sich in einer der besuchtesten Passagen von Paris.

Louis Philipp erschien, umgeben von seinen Söhnen und Generalen; er reichte seinen Bürgern grüßend die Hand; ein vive le roi! ertönte, vermischt mit dem Rufe: à bas les forts!

Der blaue Teppich mit den silbernen Bienen bedeckte noch immer die Napoleonsstatue auf der hohen Vendomésäule. Fenster und Dächer waren mit Menschen angefüllt. Der König und des Reiches erste Männer standen mit entblößtem Haupte vor der Säule; das Zeichen ertönte und der Teppich fiel. » Vive la mémoire de Napoléon!« lautete der Ausbruch des Staunens.

Où roulent les canons, où les légions passent! Le peuple est un mer aussi. Ode à la colonne par V. Hugo.

Naomi's Blick fiel auf die wogende Menge hinab und unter dem Fenster, zwischen den aufgestellten Tonnen, welche die Besitzer als kostbare Plätze vermieteten, stand Ladislaus, der ausgezehrte, kranke Ladislaus. Sein Auge war auf sie geheftet! er lächelte wie der Dämon im Ballet, breitete seine Hand aus und zeigte mit den Fingerspitzen in die Fläche, als wenn er schriebe.

Naomi trat vom Fenster zurück. Die Revue mußte mehrere Stunden dauern und der Hauptmoment war ja vorbei. Sie nahm den Arm des Marquis und sie verließen das Haus, aber nur durch das Hintergebäude war es möglich hinauszuschlüpfen; sie nahmen diesen Weg. Auf dem Gang ging eine alte Frau an ihnen vorüber; sie steckte dem Marquis ein Billet in die Hand, das er verbarg. Naomi sah es.

Am Abend war ein großes allgemeines Concert im Tuilleriengarten, fünfhundert Musiker, dreihundert Trommler. Auf der Seine war ein Kampf zwischen illuminirten Schiffen. Die Kirchtürme und Kuppeln standen mit Feuercontouren in der blauen Luft. Ein prächtiges Feuerwerk wurde abgebrannt.

»Lärmend, wie diese Töne, auflodernd wie diese künstlichen Lichter ist das Leben!« dachte Naomi. »Warum sich da selbst quälen. Mein Mann ist ein größerer Sünder als ich. Er soll mir von dem Briefe Bescheid geben. Eine Minute meiner Qual, will ich, soll er fühlen.«

Draußen war Alles nur Jubel, brausender Ton und blendende Flamme. Naomi war zu Hause und schaute über die Seine hinüber nach der Kuppel des Invalidendoms, der wie St. Peter am heiligen Osterabend strahlte. Sie athmete tief auf.

»Ich zeige dir das Billet nicht,« wiederholte sie sich selbst, »es könnte dir deine Ruhe stören. Das war sein Wort, als ich ihn nach dem Inhalt des Briefes fragte. Er war verlegen, das sah ich. Die hübsche Schrift der Blondine durfte die Marquise nicht lesen. Alle Männer sind wie er, nun will ich auch einmal allen Frauen gleichen.«

Die Kammerfrau brachte die festliche Ballkleidung. Am nächsten Abend war ja Banket und Ball im Hôtel de Ville, wo alle Stände von der Fischerfrau bis zu des Landes Königin anwesend waren.

»Hübsch will ich morgen sein!« sagte Naomi, »wende deine ganze Kunst auf. Meinen reichsten Schmuck, alle meine Perlen mußt du anzubringen suchen. Der Blondkopf kommt wol auch auf den Ball?« dachte sie, »einfach, anmuthig und unschuldig, wie in den Romanen steht.«

Es war der dritte und letzte Festtag. Naomi und der Marquis fuhren nach den Champs Elysées, die in ihrer ganzen Ausdehnung bis zum Arc de l'étoile mit Menschen angefüllt waren. In der Stadt Paris war am Tage freies Schauspiel in allen Theatern. Die Champs Elysées boten Musik, Schaukeln und Künste, Alles umsonst. Unter freiem Himmel befanden sich hier zwei Kunstreitergesellschaften mit ihrem Circus; abwechslungsweise gaben sie ihre Vorstellungen, seit manchem Jahr hatte Naomi keine Kunstreiterbande mehr gesehen; auch diese wollte sie nicht sehen. Aber der Marquis wünschte es, er rühmte ganz besonders eine Kunstreiterin, die kaum sechzehn Jahre alt sei! Naomi fühlte sich peinlich gestimmt; sie lachte und spielte scherzend auf das heimliche Billet von gestern an, indem sie äußerte: »Eheleute brauchen nichts vor einander zu verbergen, selbst wenn es eine kleine Sünde wäre!«

Der Marquis sah sie fest an; sie lächelte und fand, daß er verlegen wurde. Nun hatte ihre Beredsamkeit das erwünschte Thema. Rings war alles Festlichkeit und Freude; vier Orchester spielten. Das arme Volk kletterte vergeblich an der glatten Schlaraffenstange hinauf. Ein Tournier auf der Seine zog die Aufmerksamkeit der Menge auf sich: Boote manövrirten mit einander. Vorn in jedem stand ein blau oder roth gekleideter Matrose mit einer langen Lanze, an deren Spitze sich ein Knopf befand und mit diesem stieß er seinen Gegner über Bord. Der, welcher ins Wasser fiel, mußte nach dem Ufer schwimmen, wo die Zuschauer dem Sieger zujubelten.

Naomi's Blick irrte unruhig unter der Menge umher; sie hatte keine Gedanken für das ganze Schauspiel. Den Marquis interessirte es um so mehr; sein Auge folgte jeder Wendung, welche die Boote machten.

»So ruhig mit der Sünde im Herzen!« dachte Naomi und suchte ringsum nach einer blonden und vielleicht auch einer schwarzen Locke, aber sie sah nichts.

Beim Mittagstisch trank Naomi das Wohl der Blondinen und lachte dazu.

Nun wartete die Toilette. Die Paradiesvogelfeder wehte von dem glänzenden Turban, die Edelsteine funkelten auf der wogenden Brust; sie betrachtete sich mit einem stolzen Lächeln in dem Spiegel.

Da wurde an die Thüre gepocht. Das Mädchen empfing einen Brief an Ihro Gnaden; er war vom Herrn Marquis. Nur zwei Zeilen standen darin, nur Naomi's eigne Worte von diesem Vormittag: »Eheleute brauchen nichts vor einander zu verbergen, selbst wenn es eine Sünde wäre!« Eingeschlossen war ein Billet, gerade dasselbe, das sie den Marquis hatte verbergen sehen: es war von Ladislaus. Alles stand darin, von dem ersten Kuß bis zum Peitschenschlag; boshaft lüftete er jedes Geheimnis. »Es geschieht aus Rache,« schrieb er selbst, »sie hat mich von ihrer Thüre weggewiesen; sie ist glücklich, ich bin elend, wie man es nennt. Himmel Sacrament, jedes Wort ist wahr.«

Naomi's Lippen wurden weiß. »Alles muß nun brechen!« dachte sie.

»Der Wagen hält vor der Thüre!« wurde gemeldet. »Der Herr Marquis wartet.«

Sie war nahe daran umzusinken. Der Atlas rauschte, die Diamanten funkelten. Der Marquis führte sie zum Wagen, zwei Herren, Freunde des Hauses, fuhren mit. Die Conversation drehte sich um Allgemeines, der Marquis nahm lebhaft Theil daran.

Die Straßen hallten vom Jubel wieder. Alle Thürme und Kuppeln waren, wie am Abend zuvor, illuminirt. Der Wagen hielt am Hôtel de Ville. Die Treppen waren mit bunten Teppichen und duftenden Blumen geschmückt. Beide Tanzsäle in der zweiten Etage waren über den Hof durch einen hängenden Garten verbunden, der mit Orangenbäumen und bunten Lampen geschmückt war. In der Mitte sprudelte ein Springbrunnen mit Eau de Cologne. In dem größten Saale, wo der königliche Thron errichtet war, erhoben sich zu beiden Seiten Terrassen mit Taboureten, die eine Reihe höher als die andere. Hier saßen die Damen festlich gekleidet; alle Stände, die Bürgersfrau sowol als die Frau des Pairs. ein bunter Anblick, ein üppiges Blumenbeet. Die Musik brauste von dem reichbesetzten Orchester herab. Auf dem Tanzboden selbst war das größte Gedränge und ringsum funkelten die Lorgnetten, durch welche die Damen betrachtet wurden. Zwar konnte Naomi nicht mehr zur Jugend gerechnet werden, aber sie besaß eine Schönheitsfülle, die, im Verein mit der geschmackvollen Toilette, Jung und Alt sie zu betrachten und ihr zu huldigen zwang, und sie lächelte glücklich, blendend in ihrer Pracht, wie der zappelnde Schmetterling an der Nadel.

Die breiten Flügelthüren öffneten sich. Der König, die Königin und ihre Kinder traten ein. In dem dichten Gedränge war es ihnen nur möglich, Schritt für Schritt sich dem Throne zu nähern. Die Musik spielte eine Galopade aus der Oper Gustav, gerade die, während welcher der König erschossen wird. Es war wol zufällig, daß diese gespielt wurde, aber man sah den peinlichen Eindruck den es auf die Königin machte. Aus ihren leidenden Zügen sprach die Angst, in der sie immer für ihren Gemahl und ihre Kinder lebte. Manche von den nächsten Zuschauern merkten wohl, was sie litt, sie, die mit Edelsteinen und der Paradiesvogelfeder geschmückte Frau. Ungefähr denselben Schmuck trug Naomi, die lächelnde, lebensfrohe Schöne, wie man sie nannte, und Jedermann wünschte, daß die Königin so glücklich wäre, wie diese.

Es war zwei Uhr in der Nacht, als man zum Mahle rief. Der Marquis und Naomi fuhren fort. Noch war Leben auf der Straße; die Illumination dauerte fort.

»Du hast mir einen Brief gesandt!« sagte sie. »jedes Wort darin ist Wahrheit; was ist nun dem Entschluß?«

»Ihn dir vorzulesen, so oft du zwischen mich und die Freuden trittst, die jeder Ehemann in Paris kennt. Küsse ich eine blonde Locke, so denke an den Brief. Im Uebrigen werde ich dafür sorgen, daß kein Scandal geschieht. Im nächsten Sommer besuche ich den Norden; ich will das duftende Grün sehen, von dem du und deine Landsleute mir so oft gesprochen haben. Es kann eine interessante Tour für uns beide werden, denke ich, aber nimm den Brief mit, nimm den Brief mit, ich könnte ihn möglicherweise noch brauchen!«

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