Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/andersen/geiger/geiger.xml
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121005
projectidd9aa3192
Schließen

Navigation:

VII.

Paris mit seinen Parisern ist der schönste Aufenthalt hienieden; Paris ist der einzige Ort der Welt, wo es erlaubt ist, nach seinen Neigungen zu leben.

Cavalier-Perspective.

 

Alles taumelt und sinkt unter
In der Leidenschaften Meer,
Bald von Hoffnungen geblendet,
Bald von Träumereien schwer.

H. Hertz.

Wir sind in Paris! Komm! wir verlassen unser Zimmer und steigen die glatte, gebohnte Treppe des Hotels hinab. Flinke Kellner eilen an uns zur Bedienung vorbei. Hübsche Grisetten begegnen uns auf dem Hofe, denn hoch oben wohnen einige Studenten, und ihre Freundinnen wohnen bei ihnen im Hôtel. Sie müssen nun ausgehen, um am Ladentisch zu bedienen oder Putz zu machen; Abends kehren sie jedoch wieder heim. Der Portier grüßt uns und wir befinden uns auf der wimmelnden Straße, wo die Häuser bis zu den topfförmigen Schornsteinen hinauf mit Namen, Schilden und klafterlangen Buchstaben bunt wie eine Harlekinstracht bemalt sind. Die Wagen brausen dicht an den Häusern vorbei; die Straßensängerin singt Berangers Lieder; ein Unbekannter steckt dir ein Billet in die Hand, welches du am besten entweder fortwirfst oder rasch einsteckst. Ringsumher hängen prächtige Kupfer, bist du aber schamhafter Natur, so siehst du sie lieber nicht an; bist du ein großer Royalist, so wird es dir grauen vor den kecken Carricaturen, die hier öffentlich aushängen. Wir treten in eine Passage, das ist eine Straße mit einem Glasdach darüber, und Läden in zwei Etagen zu beiden Seiten. Kleinere Passagen laufen wieder wie Straßen von dieser aus. Bei Regen und Schnee kannst du trockenen Fußes darin herumwandern und ist es Abend, so strahlen die Gaslampen mit blendendem Lichte vor den köstlichen Läden, wo Alles zum Kaufe ausgelegt ist; Alles, was der Mensch sich nur wünschen kann. Ermüdet dich dies Umherwandern, so rollen Omnibusse durch die Straße; hinten vom Wagen herab hängen Treppen, über die du in die lange, rollende Stube steigst, wo die Gäste in langen Reihen sitzen und aus- und einsteigen. Jede Straßenecke ist eine neue Station. In raschem Fluge erreichst du den Père Lachaise, und bist du ein Romantiker, so wirst du an Abälards und Heloisens Grab knieen. Bist du Fabrikant, so fährst du zu den Gobelins; bist du ein fromm Gemüth, so wanderst du nach der Seineinsel, auf der die alte Notre-Dame liegt. Aber du findest sie leer; nur ein halbes Dutzend Priester wandern darin mit dem Rauchfasse umher und ein armer Bettler an der Thüre ist die ganze Gemeinde. Paris hat im Augenblicke keine Religion; man hat die Madonna vergessen, ja beinahe Vater und Sohn, der Geist ist der alleinherrschende. Du siehst keinen Mönch auf der Straße, keine Procession. Von der Bühne selbst predigen die Dichter den Protestantismus. In der katholischen Stadt stehst du in »Robert« die Ruinen eines Nonnenkloster«. Der Mond scheint in die düstern Gassen, wo verfallene Grabdenkmäler stehen. Um Mitternacht werden plötzlich die Lichter in den alten Messingkronleuchtern angezündet, die Sarkophage öffnen sich und die todten Nonnen steigen heraus. Zu Hunderten erheben sie sich vom Kirchhofe und schweben herein; sie scheinen die Erde kaum zu berühren. Wie Nebelbilder gleiten sie an einander vorüber; plötzlich fällt das Leichentuch ab, sie stehen alle in üppiger Nacktheit da und ein Bacchanal beginnt, wie es im Geheimniß der Klostermauern oft zu ihren Lebzeiten stattgefunden. Zwei spielen Würfel auf ihrem Sarge, eine Andere sitzt auf dem Sarkophage und schmückt ihr langes Haar; eine Schaar stößt an und trinkt, Andre lassen die Strickleiter herabgleiten, um den Liebhaber zum entweihenden Rendezvous einzuladen. Das siehst du in der katholischen Stadt: ein bedeutsames Zeichen der Zeit. Sich' dir das Gewimmel auf der Straße an! Frauen rufen Lakritzensaft aus, Knaben bieten dir Stöcke an, aber Alle, Groß und Klein, tragen die dreifarbige Fahne. Selbst Henri IV, der Erzkönig auf der Brücke, muß die Bürgerfahne tragen, die von den Thürmen und Fassaden weht. La Liberté ist das große Feldgeschrei.

Wir sind mitten in Paris, mitten im Palais Royal, dessen Bogengänge uns umschließen; eine Anzahl Landsleute sitzen hier. Sie vergleichen den Prospect mit dem, den wir auf unserer Bühne im Vaudeville haben. Die Aehnlichkeit ist überraschend. Die Blumenmädchen verkaufen Rosen, Damen mit wehenden Federn, begleitet von ihren Müttern, wofür sie sie ausgeben, theilen Blicke aus. Unter den Dänen ist Einer, der erst jüngst angekommen und den wir kennen. Jeder theilt mit, was zu sehen das Wichtigste sei.

»Die Taglioni,« sagt der Eine, »müssen Sie als Natalie und als Sylphide sehen, das heißt Tanz! Sie erhebt sich wie ein Vogel und sinkt wie eine schwebende Seifenblase herab!«

»Sie müssen nach Versailles gehen,« sagt ein Anderer, »Sie müssen hinaus, wenn die Wasser springen! – Versäumen Sie das Théâtre français nicht.«

»Alles will ich sehen,« antwortet der Fremde, »namentlich freue ich mich auf die öffentlichen Debatten in der Deputirten- und in der Pairskammer. Ich habe einen Empfehlungsbrief an den Grafen Rebard. Ist Ihnen dieser Herr bekannt?«

»Ich komme dahin,« sagt Einer. »Seine Frau ist eine Dänin, so viel ich weiß, aber von ächt französischem Wesen, eine Weltdame, höchst liebenswürdig, höchst interessant. Ich bin heute Abend von dem Marquis in seine Loge in der großen Oper eingeladen. Ich nehme Sie mit, wenn Sie Lust haben.«

»Ich bin Ihnen unendlich verbunden, aber da ich schon ein Billet in das Théâtre du palais royal habe, wo ich die Dejazet in dem Vaudeville: Sous clef sehen soll –!«

»Das läßt sich Beides vereinigen. Erst sehen wir Sous clef, dann gehen wir in die große Oper.«

Die Landsleute brachen auf. Einer wollte sich das Vergnügen machen, die Grist, la bella divina wie er sich ausdrückte, zu hören, ein Anderer wollte in das Théâtre de M. Comte gehen, wo ein niedlich Kind spielte, das bald zum Mädchen zu reifen und sein Herz zu beglücken versprach. Unsere beiden Herren wanderten ins Palais-Royal-Theater, um die jugendliche Dejazet in einem Vaudeville zu sehen, das man bei uns nicht geben dürfte. Der sich zum Führer anbietende Landsmann war übrigens ein dänischer Officier.

Die Logen ringsum waren mit geputzten Damen geschmückt. Schon in » La fille de Dominique« zeigte sich die anmuthige Pariserin, welche die jungen Herren in jenes Theater lockte; sie bezauberte Alles, aber in Sous clef hatten sie sie ganz allein. Sie spielt das ganze Stück; sie gibt nämlich ein junges Mädchen, das die Eltern, während sie fort sind, eingeschlossen haben. Der Liebhaber muß draußen stehen; sie neckt ihn, als wenn sie einen Andern bei sich hätte; aber sie versöhnen sich wieder; er schickt ihr Champagner, sie trinkt, wird lustig, will zuletzt zu Bette gehen: das ist die Pointe. Sie legt ihre Kleider auf den Stuhl, setzt den Fuß auf das Bette, da springt plötzlich das Fenster über der Thüre auf und ein junger Officier, der Liebhaber zeigt sich; sie stößt einen Schrei aus, zieht die Bettdecke über sich und der Liebhaber springt herein. Da fällt der Vorhang und das ist recht schamhaft vom Maschinenmeister.

Das Stück machte stürmisches Glück! Die Damen lachten und schwenkten die Tücher. C'est la liberté! sagte der dänische Officier. Der Fremde fand es auch sehr charakteristisch und nun wanderten sie von dem kleinern zum größern Theater: Académi royal de musique, wo Nouxxit und Damoreau mit ihren Stimmen entzückten und wo die eben angekommenen Dänen dem Marquis und seiner Frau, der Landsmännin präsentirt werden sollten; er lächelte ganz eigen dabei.

In der großen Oper gab man, wie so oft, kein ganzes Stück, sondern Akte aus verschiedenen. Der zweite Akt von Wilhelm Tell war vorüber; man spielte eben den Schluß des Comte d'Ory; nun sollte der zweite Akt des Ballets la Tentation gegeben werden.

Die beiden Dänen schritten die breite luftige Treppe hinauf, durch das prächtig erhellte Foyer, wo die Lichter von den Spiegelwänden widerstrahlten, über den großen Corridor zur Loge des Marquis. Mehrere elegante Herren, wie aus dem Modekupfer herausgesprungen, standen mit Handschuh und Hut hinter den Damen im Ballanzug. Der letzte Chor des Graf Ory ging zu Ende, der Vorhang fiel und die Verkäufer wanderten schreiend in Logen und Parterre mit dem Rufe: Lorgnet de marchand! voilà l'Entr' acte! Vert – vert! Die Uhr über dem Proscenium zeigte auf neun.

Der Marquis, zwölf Jahre älter, als da wir ihn in Rom sahen, empfing die beiden Fremden mit französischer Galanterie. Eine hübsche, volle Frau mit klugen, dunkeln Augen und königlicher Haltung, grüßte den Fremden, der ihr als Chef eines dänischen Regimentes vorgestellt wurde, mit dem Fächer. Es war ein Holsteiner von Geburt. Die Marquise kannte ihn, sie hatte einst in Dänemark seine Huldigungen empfangen, war mit ihm vor das Thor gefahren, um den hübschen Ladislaus zu sehen, der jetzt vergessen war. Dieselben Erinnerungen erwachten sicherlich bei Beiden; aber die Conversation drehte sich natürlich um ganz anderes. Jedes kannte das Andre nun bei Namen. Ein krampfhaftes Zittern im Augenlide war die einzige Bewegung bei Naomi, aber sofort war sie wieder die Marquise, die Weltdame; vielleicht war auch dieses Zittern zufällig, aber dem deutschen früheren Bewerber fiel es auf. Die ganze Conversation wurde französisch geführt; er bat Naomi ihn mit dem Bruchstück des Ballets bekannt zu machen, das nun beginnen sollte.

»Die Hauptsache ist die Augenweide,« sagte sie, »die Handlung ist unbedeutend. Es ist die Geschichte des heiligen Antonius, seine Versuchung. Wir bekommen den zweiten und dritten Akt. Sie werden die Taglioni sehen.«

In La Tentation ist man im eisten Akte in einer wilden Berggegend, wo der heilige Antonius seinen Wohnsitz aufgeschlagen; eine Schilfmatte ist sein Lager. Nun sieht man hoch oben auf den Bergen einen Hochzeitszug und hört den Gesang. Antonius lauscht und denkt zurück an die Menschenwelt und ihr Glück. Ein weiblicher Pilger bringt ihm Früchte und Wein; er schlägt es anfangs aus, aber Hunger und Durst nöthigen ihn, davon zu genießen. Der Wein erwärmt sein Blut, er trinkt noch einmal und die Lust ist geweckt; er leert den Becher bis zum Grunde und wird halb berauscht; sein Blut glüht; er greift nach der frommen Schönheit, die erschreckt; seine Leidenschaft wächst, sie flieht, aber er erfaßt sie; ohnmächtig sinkt sie auf die Strohmatte. Seine Augen glühen, er breitet die Arme nach ihr aus. Da hebt das Madonnenbild seinen Arm, ein Blitz schmettert Antonius zu Boden. Nun steigen auf schwarzen und feuerrothen Wolken die Geister der Tiefe aus dem Abgrund, um seine Seele zu ergreifen, aus der Höhe aber sinken silberweiße Wolken mit knieenden Engeln, in deren Mitte St. Michael mit dem Schilde steht. Ein Kampf beginnt zwischen den guten und bösen Geistern, da hebt St. Michael den Schild, gebietet Ruhe und gestattet der Seele in den todten Körper zurückzukehren. Die Geister des Abgrundes dürfen den zum Leben Zurückgekehrten versuchen, können sie ihn aber nicht verleiten, gegen das Heilige zu sündigen, so gehört er dem Himmel an. »Er ist unser!« jubeln die bösen Geister, »wir werden ihn zur Sünde verführen.« Die guten Engel stimmen Hymnen an und Antonius erhebt sich von der Erde. Das ist der erste Akt. Die folgenden Akte bilden die Darstellung der Versuchung und Antonius' Siege. So ungefähr führte ihn Naomi in das Ballet ein.

Der Vorhang ging auf. Der zweite Akt, welcher sich durch seine Pracht am längsten auf der Bühne erhalten, begann. Man befand sich in einem Krater, tief unten in einem ausgebrannten Vulkan, eine riesige Treppe von der ganzen Höhe der Bühne nahm den Hintergrund ein. Ein Marsch begann und mehrere hundert Dämonen in den barocksten, phantastischsten Gestalten stiegen herab. Hier war eine wandernde Hand, der Torso von einem Dämon, ein rollendes Auge, gräuliche Thiergestalten. Ein Sabbath begann; der Kessel kochte über dem Feuer und jeder Dämon warf seine Gabe hinein. Der Dampf bildete dämonenartige Gestalten und nun erhob sich aus diesen ein nacktes, schönes Weib, das Kind des Abgrundes, bestimmt, den Heiligen zu besiegen. Es war das Bild der Schönheit, wie es des Meeres Schaum geboren, und der Künstler es in Marmor geschaffen. Die Taglioni schwebte aus ihrer Mitte empor, die Dämonen schmückten ihr Kind, lehrten ihr den Gebrauch der Sinne; wie ein Kind der Luft schwebte sie zwischen diesen wilden Gestalten; die schwarze Haarlocke auf ihrer Brust deutete allein auf den dämonischen Ursprung. Im Triumph stiegen sie mit ihrem Geschöpf zur Oberwelt hinan.

Naomi saß wie im Traume und stierte darauf hin. Das Blut stieg ihr in die Wangen und plötzlich wurde sie wieder bleich; ihre Augen schlossen sich.

»Es wird Ihnen unwohl!« flüsterte der Däne; sie schlug die Augen auf und athmete tief.

»O, es ist nichts!« sagte sie. »Ich fühlte einen leichten Schwindel, der jetzt vorüber ist.« Sie lächelte. »Es ist so viel Phantastisches in diesem dämonischen Sabbath, daß man es nicht fassen kann. Es scheint ein ganzer Fiebertraum zu sein.«

Der dritte Akt begann. Die Dämonen hatten ihr Schloß erbaut. Durch die Fenster sah man in die prächtigen Säle. Kleine Dämonen, als Köche verkleidet, kochten und brieten im Keller; obendrauf tanzten niedliche kleine Damen. Nun kam der heilige Antonius; erschöpft und hungerig, bettelte er um eine Krume Brod und einen Tropfen Wasser. Der Koch lachte, deutete auf ein großes Kreuz, das draußen vor dem Schloß am Wege stand und bat ihn, dies umzustürzen, dann sollte er mit ihm zu Tische kommen. Er schlug es ab. Dämonen in Jägertracht erschienen mit dem Weibe, das sie geschaffen, vor dem Schlosse und zogen hinein. Auch bei diesen begegnete Antonius derselben Zumuthung, demselben Versprechen. Die schöne Frau versprach ihm all' die reiche Herrlichkeit, die er sah, wenn er das Kreuz umstürze. Er aber kniete vor demselben nieder, während der Dämonen wilder Gesang und Becherklang vom Schlosse herabtönte. Durch die Fenster sah man ihr Trinkgelage. Die Frau näherte sich Antonius, aber seine Worte wirkten auf sie, wie das Sonnenlicht auf das giftige Gewächs. Die Zauberlocke wurde kleiner; staunend lauschte das Geschöpf der Tiefe, das menschliche Gedanken, menschliche Gefühle besaß, den Worten, und als er knieend das Kreuz umarmte, sank sie zu Boden und das Schloß mit Allem darin stürzte in die Tiefe und rothe Flammen schlugen aus dem Abgrund empor.

Nur diese beiden Akte des Ballets wurden gegeben. »Der heilige Mann,« sagte Naomi lächelnd, »wirkt auf das dämonische Kind, so daß selbst dieses für den Himmel gewonnen wird. Sie sollten den Schluß des Ballets sehen, wo Antonius dem Himmel angehört und sie sogar mit in seine Glückseligkeit hineinzieht. Die Geister des Abgrundes in glühenden Schwefelwolken erfüllen den ganzen untern Theil der Scene, weiße Wolken heben sich und alles ist mit Engeln angefüllt. Millionenweis sieht man knieende Gruppen. Zuerst erwachsene Menschen, weißgekleidet, mit großen weißen Flügeln, dann Kinder und hinter diesen Gruppen ins Unendliche, auf den hintern Vorhang gemalt und beleuchtet, so daß man die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit nicht erkennen kann, sondern in den unendlichen Himmel schaut, der, je mehr sich die Wolken heben, um so größer und größer wird, bis plötzlich der Vorhang fällt.«

Man verließ das Theater. Es war zwölf Uhr vorüber und im Haus des Marquis war Gesellschaft; dort warteten Wirth und Wirthin.

»Sie werden bei der Soirée Alexander Dumas und einige von den jungen Malern finden, die sich durch die Decorationen in la Tentation Eduard Bertin, Eugène Lamy, Camille Roqueplan, Feuchères und Paul Delaroche betheiligten sich an den Decorationen dieses am 20. Juni 1832 zum ersten Mal gegebenen Ballets. einen Namen gemacht haben.« Sie grüßte mit dem Fächer.

Man fuhr nach dem Hôtel des Marquis. Prächtige Zimmer empfingen sie. In dem vordersten waren zwei neue Gemälde aufgestellt, die man von jungen Künstlern gekauft und hier in vortheilhafte Lampenbeleuchtung gebracht hatte. Das eine war eine Scene aus Victor Hugo's Notre Dame. Man sah Quasimodo an den Schandpfahl gebunden, von Hunger und Durst gequält und die schlanke anmuthige Esmeralda dem Mißgeschöpf einen Trunk Wasser reichend. Das andere war eine Darstellung der Schlußscene in Casimir Delavigne's Tragödie: Les enfants d'Edouard, die erschütternde Schlußscene, in der beide Kinder angekleidet auf ihrem Bette sitzen und lauschen. Sie wissen, die Mörder kommen, um sie zu tödten, aber sie wissen auch, daß an ihrer Rettung gearbeitet wird. Hören sie das Lied God save the king ertönen, dann ist die Befreiung nahe, und das Lied ertönt wirklich; man sieht es an dem Lächeln auf dem Gesicht des jüngeren Bruders. Aber im selben Augenblicke öffnet sich die Thüre und die Mörder dringen ein und ermorden sie, während das Lied noch forttönt. Die beiden Söhne Eduards waren die Portraits der beiden Künstlerinnen Menjaud und Anais.

Ein einziger Gast stand vor den Bildern; größer war die Gesellschaft jedoch in dem großen Conversationssaal, wo der Marquis und Naomi die Gäste empfingen. Ein junger Officier sprach von den Befestigungen bei der Belagerung von Antwerpen, eine andere Gruppe von den letzten Verhandlungen in der Pairskammer. Es fand keine gegenseitige Vorstellung statt, man kam und ging. Das Ganze hatte mehr den Charakter eines öffentlichen, als eines Privatsalons.

Ein junger Schöngeist ließ sich in eine Conversation mit dem Holsteiner ein und da er wußte, daß es ein Däne war, so sprach er von der Oper Gustav, die ihn ja schon um der Landsmannschaft willen interessiren mußte. Er sprach von Bernadotte, der in den letzten Tagen in dem Vaudeville Le camarade de lit auf die Bühne gebracht worden war: er nannte ihn den dänischen König welcher französischer General gewesen war. Was seine Kenntnisse betraf, so waren diese etwas apokalyptischer Natur; Frankreich hatte damals noch keinen Marmier ausgesandt, der so schön und lebendig von Islands Geyser und den scandinavischen Reichen mit ihren Bergen, Wäldern und duftenden Ebenen, Schwedens Macht in der Politik und Dänemarks in den Wissenschaften sprechen konnte. In englischer und italienischer Literatur dagegen war der Franzose zu Hause. Naomi's Exanbeter dagegen stand hier, wir wollen nicht die gemeine Redensart brauchen, wie der Ochse am Berge, sondern die hübschere, wie Moses mit einem Blick auf das gelobte Land, das er nie betreten sollte. Um endlich doch etwas Tiefsinniges zu sagen, nannte er den Namen Goethe's. Die Augen des Franzosen funkelten bei dem Namen von Deutschlands Corneille, der die philosophische, ideenreiche Dichtung Faust geschaffen.

Naomi stand dicht dabei und lächelte, indem sie versicherte, daß auch sie den Faust bewundere. »Das Fragment,« sagte sie, »kommt mir wie ein staunenerregender Komet vor, ein Komet mit dem Kerne, aber da kommt ein schlimmer Schweif nach: »ist fortzusetzen«, wie dort steht. Uebrigens glaube ich, daß man viel mehr in die Dichtung hineinlegt, als der Dichter selbst sich dabei gedacht. Wenn Europa damit fertig ist, seine Commentare darüber zu schreiben, dann wird es wol Zeit bekommen, auch an andere ebenso gute Dichtungen zu denken. Ich glaube, ein deutscher Schriftsteller hat eben dasselbe, wie ich, gesagt!« fügte sie hinzu.

»Goethe ist todt!« sagte der Landsmann. »De mortui nihil nisi bene.«

»Ein wahrer und großer Dichter stirbt nie!« sagte sie, »deshalb kann man gut auch von seinen Fehlern sprechen.« Dabei sah sie ihren ehemaligen Anbeter höhnisch lächelnd an.

Man sprach wieder von Dänemark, von Scandinavien, und sehr geistreich entwickelte Naomi, daß gerade der Norden das Land der Romantik sei. Sie erzählte von Norwegens melancholischen Gebirgen, von den brausenden Wasserfällen, die sich mit denen der Schweiz messen könnten, den einsamen Sennhütten und den dunkeln Tannenwäldern. Sie veranschaulichte, wie schön die dänischen Inseln lägen, wie eine blühende Lagune zwischen der Ost- und Nordsee; erzählte von den alten Gesängen, die dort noch ertönten, von dem Zigeunervolk der jütländischen Haide und den einsamen Grabhügeln auf den duftenden Kleefeldern.

»Ihre Schilderung,« sagte der Franzose, »würde, genau so wie Sie dieselbe geben, eine Perle für unsere Revue du Nord sein.«

Naomi lächelte.

Ein decorirter Herr gab der Konversation eine politische Richtung, und Naomi sprach keck ihre Anschauungen von der Sumpfstadt Petersburg bis zu den luftigen Zelten der Araber aus. Nur vor dem Heros des Zeitalters, Napoleon, beugte sich ihr stolzes Herz.

»Sie haben den prächtigen Vulkan aus der Entfernung gesehen,« sagte der Hofmann, der den welterfahrenen Louis Philipp schätzte und ihn für den ersten aller Regenten erklärte, die das neuere Zeitalter der Menschheit bilden. »Hätten Sie, gnädige Frau, zu den Müttern Frankreichs gehört, die durch Napoleon ihre Söhne der Heimat entrissen sahen, hätten Sie gesehen, wie sie an den Daumen geknebelt wie Vieh durch das Land getrieben wurden, Sie würden seinen Namen nie gesegnet haben. Er war eitel und kalt; und nicht blos in seinem Aeußern glich er Nero.«

»Der Gott, den wir Alle anbeten,« sagte Naomi, »scheint in seiner Weltregierung auch Schattenseiten zu bieten, aber ob diese wirklich vorhanden sind? Napoleon war der Cherub mit Feuer und Schwert; er schied die neue Zeit von der alten. Wenn die Pflugschar durch das. Feld geht, werden die Wurzeln der Blumen zerschnitten, das Gras herausgerissen und der unschuldige Wurm zerstückelt, aber es ist eine Nothwendigkeit und später wogt das gesegnete Korn über der Todesfurche. Millionen haben gewonnen!«

Die Conversation ging auf die Politik des Augenblickes über und Naomi sprach sich immer interessanter aus. Die Spieltische riefen, Karten wurden präsentirt, Naomi spielte mit Leidenschaft und war die personificirte Beredtsamkeit. Es wurden Calembourgs gemacht, Wortspiele flogen hin und her. Man huldigte der Marquise und sie verdiente es wirklich. Witz und Lebensglück strahlte aus ihren dunkeln Augen.

Es war drei Uhr in der Nacht, als die Lichter im Hotel gelöscht wurden. Naomi saß im Nachtgewande in ihrem Zimmer, auf den vollen Arm das Kinn stützend. Ihr langes Haar floß über die Schultern, ihre Wangen glühten. Wie eine Fiebernde stürzte sie ein Glas Wasser hinab.

»Wie mein Blut glüht!« sagte sie zu dem Kammermädchen, »ich bin müde und kann doch nicht schlafen, aber gehe du nur in dein Zimmer.«

Und sie war allein; ihre Brust hob sich, tief holte sie Athem.

»Wie ich unglücklich bin! Und weshalb soll ich leiden? Weshalb soll ich in dieser eingebildeten Qual schweben, die mit jedem Jahre wächst?« Und sie dachte an das Geschöpf der Dämonen in la Tentation, jenes Wesen, dem sie Leben und menschliche Gefühle gaben, und es kam ihr vor, als wenn sie selbst mit ihm verwandt wäre. »Ja, die Dämonen haben mich in dieses Leben gerufen. O, daß alles Vergangene ins Nichts versänke, wie wir's selbst im Tode sollten! Das ist eine Krankheit, nichts Anderes! Jeder Landsmann ist mir ein Torturwerkzeug und mein Henker ist hier! Läge doch seine Leiche in der Tiefe der Seine. Ladislaus!« seufzte sie und schwieg plötzlich. »Ich will mich nicht selbst quälen. Ich will den Duft dieses falschen Lebens genießen.« Sie heftete ihren Blick auf das Portrait des Marquis, das an der Wand hing. »Er lächelt,« dachte sie. »Ja, auch ich will es. Meine Jugendsünden sind nicht größer als die seinen und doch – vielleicht küßt er in diesem Augenblick eine blonde Locke, die ein unbedeutender Kopf trägt. Grassot hat es mir gesagt! – O, daß ich ihn nicht liebte!« Sie beugte ihr Haupt, saß lange stumm da und athmete tief. Die Lampe brannte. Sie schlummerte.

Das Tageslicht schien durch die Gardinen, als sie aus ihrem unruhigen Schlummer erwachte. Nun warf sie sich auf das Bett und die Traumbilder rollten über die Schlafende hin.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.