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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 36
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
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VI.

Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!«

Goethe.

An jenem Abend war es zum ersten und letzten Male, daß Naomi mit den Künstlern in der Osterie zusammentraf; es schien ihr, als wenn die Lustigkeit dort nichts als eine zweite Ausgabe des deutschen Burschenwesens wäre. Weit herrlicher fand sie die römische Kunst in deutscher Uebersetzung, wie sie ein paar Vorstellungen nannte, die im Hause des österreichischen Gesandten gegeben wurden und da diese Einfluß auf ihr Leben hatten, so müssen wir bei einer derselben verweilen; wir wählen die erste.

Jedes berühmte Gemälde in Roms Kirchen, Klöstern und Galerien hatte sie besucht; ganze Stunden hatte sie in der Kirche Maria della Pace bei der Betrachtung von Raphaels Sibyllen zugebracht. Sie erschienen ihr vollendet; stand sie aber wieder in der sixtinischen Capelle, da vergaß sie sie im Anblick derer, welche Michel Angelo auf der Wand hervorgezaubert.

Schon von ihrer Kindheit an hatte die Malerei sie angezogen, die Bildhauerei aber war ihr, wie den meisten Dänen fremd; in unserm Lande war damals noch keine Gelegenheit, seinen Sinn für diese Art der Kunst auszubilden; Wiedevelt war ein Johannes in der Wüste.

In Wien, Lucca und Bologna hatte Naomi wol herrliche Kunstsachen in Marmor gesehen, aber sie begriff sie nicht: sie schätzte das Schöne an ihnen noch nicht. Erst in Florenz sank es wie ein Schleier von ihren Augen, als sie in dem großen Saale stand, der ganz von der Niobegruppe angefüllt ist. Mitten im Saale stehen Apollo und Diana und versenden die Pfeile des Todes; rundumher sinken und ruhen die sterbenden Kinder der Niobe, von ihren Pfeilen getroffen; zur Rechten am entferntesten steht die verzweifelnde Mutter und breitet ihr Gewand über die letzte Tochter; man sieht an der Hand des Kindes, daß der Pfeil kommt, und die Stellung der Hand zeigt, daß der Pfeil treffen muß. Man befindet sich solchergestalt selbst mitten in der Gruppe, man wird von Staunen und Bewunderung ergriffen. Das war es, was Naomi's Auge die geistigere Sehkraft gab. Ganze Stunden hatte sie hier verweilt. Diese ergreifende Größe sprach sie weit mehr an als die mediceische Venus mit ihrer reinen, idealen Schönheit. Als sie später in Rom die Schätze des Vatikans sah, war sie zu der Ansicht gelangt, die Werke des Bildhauers stehen höher als die des Malers. Es lag nun einmal so in ihrem Charakter, daß sie das stark Charakteristische Domenichino's dem Sanften, Hingehauchten Raphaels vorzog. So fesselte sie weit mehr der heilige Hieronymus Jenes, als die anmuthige Psyche Dieses.

Man gab im Hause des österreichischen Gesandten eine Mischung von tableaux parlants und was Fetis den Parisern gab und concert historique nannte, das heißt Musikstücke aus mehrern Jahrhunderten, im Costüme der Zeitalter, in denen sie componirt wurden. Von den Bildern machte namentlich Wirkung das bekannte aus dem Palazzo Rospigliosi: Domenichino's David, der mit dem Haupte Goliaths siegreich heimkehrt; ein Page trägt dieses und die Töchter des Landes kommen dem Helden mit Cymbeln und Saitenspiel entgegen.

Als der Vorhang wieder zur Seite gezogen wurde, stand Naomi allein da, weißgekleidet, mit einem großen, lichten Schleier in der Hand, um sich damit zu drapiren, und als eine zweite Pythia Händel zeigte sie nun, wie herrlich sie die Werke des Bildhauers aufgefaßt, welche Körperschönheit und Geisteskraft sie besaß, diese wiederzugeben.

Sie ergriff das Tamburin, der Schleier umwogte sie, sie erhob den einen Fuß; Jedes erkannte und bewunderte Terpsichore, wie sie im Vatikan in der Reihe der Musen steht.

Nun breitete sie schützend ihren Schleier aus; der Schreck und Schmerz des Todes stand in diesem Blick, Es war Niobe, nur jugendlicher, als der Künstler sie schaffen durfte.

Sie kniete nieder, während der Schleier über den Rücken wallte, so daß die Füße verborgen waren, indeß die Brust auf den schönen Armen ruhte; jeder Zug war starr und unbeweglich, es war die ägyptische Sphinx, aber nicht wie der Marmor sie gibt, nein, es war die lebendige Sphinx selbst, doppelt furchtbar durch ihren marmorkalten Blick.

Jede Darstellung weckte einen Beifallsjubel, ein Entzücken, dem nämlichen Drang, sich Luft zu machen, entsprungen. Der Graf selbst war erstaunt über Naomi's Talent, das sich so in der Stille entwickelt hatte. Der Marquis liebte und war sich dessen bewußt. Sein Auge strahlte, aber seine Bewunderung war stumm.

Nun richtete sie sich auf, erhob Arme und Schultern und beugte das Haupt vor: es war die Karyatide, das schwere Gewicht lag deutlich auf ihren Schultern.

Nun war sie wieder Galathea, ehe Pygmalions Kuß ihr Leben gab. Der Uebergang war täuschend; das Auge ohne Sehkraft wurde lebendig, die erste leise Bewegung zeigte sich, der Lippen Lächeln war ein Zauber.

Der Vorhang fiel.

O, welch' ein Abend voll Glück und Freude! Sie umwogten Naomi wie des Südens milde Lüfte. – – Ueber Dänemark aber blies der kalte Nordwind, der Schnee fegte um Christians Kammer, wo die Mutter krank lag, wo die Sorge wohnte, die Sorge, die sie alle kannten! Aber kennst du die der Armuth, wo die abgezehrte Hand die Wunde verbergen will und die hungrige Lippe lächelt und nicht betteln kann?

»Ich habe Freunde!« dachte Christian. »Bei Freunden findet sich Hilfe!« Ja, im Frühjahr, wenn die Erde reich an Feuchtigkeit ist, hat der Bach Wasser genug, aber im heißen Sommer, wenn die Erde desselben bedarf, da ist der Bach trocken, da findest du nur harte, brennende Steine.

Im Hause des Lakaien auf der Treppenflur stand ein Bursche, Armuth in den Kleidern, Armuth auf den Wangen; ein Topf mit Essen stand neben ihm. Er ordnete die Gerichte auf dem Teller, um sie besser tragen zu können. Ein niedliches Damenhündchen mit gesticktem Halsband, gut gewaschen und geputzt, hüpfte die Treppe hinauf, blieb stehen und schnüffelte an dem Topfe. Der Bursche wandte sich mit bitterer Wehmuth im Tone nach ihm um und sagte: »Das ist kein Fressen für dich, vornehmer Hund, du bist an Besseres gewöhnt! Das ist Bettleressen!« und damit nahm er den Topf, barg ihn in einem Tuche und stieg hoch unters Dach zu der kranken Mutter.

»Mein Christian, ich sterbe!« sagte sie. Aber der Tod ist launisch, wie das Glück, er kommt nicht, wenn man auf sein Kommen hofft. Und die Welt ist so schön! Das Leben ist eine gesegnete Gottesgabe! Es ist nicht des Schmerzens Thal, die Heimat des Elends, es sei denn für den, der nur bei den dunkeln Flecken weilt, dem zertretenen Wurm, der geknickten Blume. Ach was, ein einzelner Wurm mag zertreten, eine einzelne Blume geknickt werden! Wir müssen die ganze Natur betrachten und da scheint die Sonne auf Millionen Glückliche. Die Vögel jubeln, die Blumen duften!

Wir wollen den Jammer und die Noth nicht sehen, und eilen fort, weit fort, in ferne Zeiten! Einen kühnen Sprung wollen wir in Naomi's und Christians Geschichte machen, nicht um einzelne Punkte zu übergehen, sondern um sie zu sammeln und von einem bessern Standpunkte zu betrachten.

Hörst du das sausende Rad? Wie die Jahre sich drehen. Jahre rollen dahin, zwölf lange Jahre. So lange ist es, seit Christian in der Dachkammer bei seiner kranken Mutter saß. Zwölf Jahre sind dahingejubelt, seit Naomi als Sphinx, Galathea, Karyatide entzückte. Wir sind in Paris. Die dreifarbige Fahne weht auf der Vendomesäule. In den Läden hängen bereits die Carricaturen des selbstgewählten Bürgerkönigs, des klugen welterfahrenen Louis Philipp. Wir befinden uns am Anfang des Jahres 1833.

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