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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Natur tractirt den Armen schlecht,
Er darf sich wol drob grämen,
Euer Gnaden machens wieder recht,
Indem sie sie beschämen.

Carl Bagger.

In der französischen Literatur findet sich eine geniale Abhandlung über » les mansardes«, worin der Verfasser sagt, daß wie beim Menschen Geist und Genialität ihren Sitz zu oberst im Menschen, nämlich im Kopf haben, dies auch der Fall sei mit den Schriftstellern und Künstlern in Paris: sie wohnen in den Dachkammern. Scribe hat ein Vaudeville über das Künstlerleben in Paris geschrieben und ihm den Titel: la mansarde des artistes gegeben. In allen großen Städten, wie in Paris, ist des armen Künstlers Loos nur mit Hinsicht auf die Wohnung hochzustellen.

So war Christian in Kopenhagen im fünften Stock in eine kleine Dachstube auf den Hof hinaus bei der Wittwe einquartiert, bei der er mit Lucie und ihrer Mutter das Jahr zuvor die vierzehn Tage gewohnt, die er dort zugebracht. Die Aussicht erstreckte sich über Schornsteine und Dächer bis zu dem hohen Kirchthurm, auf dem der Wächter herumspazierte. Hatten die reichen Leute unter ihm, die im Parterre und in der Beletage wohnten, die lustige Straße vor sich, so hatte er das große Himmelszelt, an dem die Sterne Abends angezündet wurden.

Was sein Zimmer betrifft, so war es weit kleiner als das bei Herrn Knepus; es bildete eigentlich mit der Decke ein Dreieck, denn von der Thüre, durch die man eintrat, ging das Dach schräg herab mit einem einzigen vorspringenden Fenster; das Bett war eine Art von Alkoven; im Dache gerade gegenüber befand sich ein Fenster, durch das er Nachts Mond und Sterne sehen konnte.

Dankbaren Herzens pries er den guten Gott für sein seltenes Glück; er hatte vier Musikstunden bekommen und für zwei von diesen bekam er eine Mark, für die beiden andern, die in wöchentlich zwei Stunden bestanden, erhielt er vier Tage Mittagessen: so blieben also nur drei Tage, wo er von Butterbrod leben mußte. Aber nun mußte man gut aussehen, und deshalb bürstete und nähte er sein Zeug selbst; kam dann ein weißer Faden zum Vorschein, so wurde er rasch mit Tinte bestrichen. Die Stiefel wurden mit Nadel und Faden zusammengenäht; daß die Sohlen durchlöchert waren, machte nichts, wenn nur das Oberleder gut aussah. Die Bewegungen waren etwas linkisch und sie wurden es noch mehr, denn bald gab's ein kleines Loch, das verdeckt werden mußte, bald besann er sich, daß sein Rock keine kecken Armbewegungen gestattete; es war ihm lieber, wenn man es als einen Mangel seines Wesens ansah, als wenn man seine Armuth merkte. Daß er an drei Tagen in der Woche kein Mittagsmahl hatte, verheimlichte er der Wirthin und that, als wenn er speisen ginge; statt dessen wandelte er außerhalb des Castelles der See entlang und speiste dort sein Brod, oder saß er in des Königs Garten und sah mit Ammen und Kindern den unschuldigen Springbrunnen zu.

Bei dem Kriegsrath, der einmal mit Peter Wik nach Kopenhagen gesegelt war, speiste er Sonntag und Freitag. Das war ein vornehmes Haus, aber am vornehmsten war der älteste Sohn, der Student, der durch seine hübschen Kleider sehr hübsch aussah und durch seine Tractamente bei den Kameraden in einem gewissen Ansehen stand. Niemals sprach er mit Christian, niemals grüßte er, wenn er kam oder ging. Die Mutter rühmte seine Tugend, während die Nähjungfer darüber erröthete. Waren mal Fremde da, so wurde Christian abgesagt. Es konnte ihm kein Vergnügen machen, mit Leuten zusammen zu sein, die er nicht kannte. Er hätte ja auch seinen Rock nicht so bürsten können, daß er hübsch genug für die übrige Gesellschaft gewesen wäre.

Dienstag und Donnerstag speiste er bei Lakai's, dem königlichen Lakai, eine Bekanntschaft, von der er hoffte, sie würde ihn zu Glück und Ruhm führen, denn der Mann konnte bei den Großen für ihn sprechen, wie die Frau des Lakai jeden Augenblick rühmte, ihr Mann könne aus- und eingehen, wo Kriegsräthe und weit vornehmere Leute draußen stehen und warten müßten. Er sagte auch nie, daß er Lakai sei, sondern, »er sei um die hohen Herrschaften«.

Ihrer kleinen Tochter gab Christian Unterricht; sie hatte von jeder der königlichen Damen einen Namen erhalten und war: Maria Caroline Wilhelmine Charlotte Amalie Juliane Friederike getauft; gewöhnlich wurde sie Mikke genannt, eine Abkürzung von Maria Friederike.

Behaglich war ihm nur in seiner kleinen engen Kammer, obwol sie kalt war, als der Winter kam. Torf und Brennholz kaufte er schillingsweise ein und an seinem Fenster bildeten sich große Eisblumen. Auch reichte es nicht alle Abende zu einem Talglichte, aber im Dunkel phantasirt sich's ja vortrefflich auf der Geige.

»Da steht eine Jungfrau für Sie an der Scheibe!« sagte das Mädchen, das aufräumte, und deutete auf die Eisbilder am Fenster. Die Wirthin schüttelte den Kopf. Accurat solch' eine Jungfrau hatte vor sieben Jahren am Fenster gestanden, wo ihr Mann saß und Stiefel nähte. Er hatte damals gesagt: »Siehst du, Mutter, was da für eine schöne Jungfrau steht und mir winkt,« und zwei Monate drauf lag er in seinem Grabe. Es war die kalte Todtenjungfrau, die ihn holte. Hier konnte es das freilich nicht bedeuten, denn Christian war ja noch ein junger Mensch. Aber er mußte daran denken und mitten unter den Entbehrungen des Augenblicks und einer Zukunft ohne Hoffnungen wurde die Lebenslust geweckt; er griff zur Geige, und Hunger und Kälte war unter den süßen Melodien vergessen.

An manchem einsamen Abend waren die Töne sein Abendbrod, bis die Kälte zuletzt die Finger zu bewegen verbot. Seele und Geist lag in diesen Phantasien, aber Niemand hörte sie; das Glück, das allein entscheidende Glück wollte nicht so viele Treppen hinaufsteigen, um das Genie in der Dachkammer zu finden.

Mendelssohn-Bartholdy hat uns einige musikalische Compositionen unter dem Titel: »Lieder ohne Worte« geschrieben, jede verwandte Seele wird den Text zu diesen schreiben. Christians Spiel können wir auch Worte unterlegen. Daß es doch im Saal der Mächtigen gehört würde! Daß doch in jedem Jahrhundert ein wahres Talent vor Mangel und Entbehrung geschützt würde! Die Mächtigen! Du schätzest die Werke des Malers und des Bildhauers, denn diese schmücken deine Säle. Aber des Dichters Schöpfungen, des Tonkünstlers Werke sind dir nur ein Spiel. Des Geistes reichste Tapeten, die weder Motten noch Rost fressen, begreifst du nicht, ein Jahrhundert muß dir erst die Göttlichkeit bewiesen haben. Laß das wahre Talent nicht irdisch zu Grunde gehen! Diese Worte (hört man wol), ja gewiß, gerade wie Christians Geigenspiel gehört wurde.

Im Hause des Lakaien, in das er kam, herrschte eine gewisse Eleganz, das heißt, in den Möbeln. Er besaß eine brillante Büchersammlung, alle Bücher waren in Saffian mit Goldschnitt; nahm man sie freilich heraus, so waren es mehrere Jahrgänge des Bürgerfreundes, die so eingebunden worden.

Die Frau las gerne, sie war deshalb in einer Leihbibliothek abonnirt, von der sie zwei Bücher auf einmal erhielt, immer eine gräuliche Räubergeschichte, die sie bei Tage las und eine Liebesgeschichte, die sie bei Nacht las. Sie spielte Comödie in einer deutschen dramatischen Gesellschaft, denn sie war deutsch confirmirt.

Uebrigens schätzte sie Christians Talent; jeder Künstler hat wie Goethe seine Bettina, aber sie schreiben nicht alle; sie war es, die ihn am meisten bewunderte, oder richtiger, die einzige, die sein Lob aussprach. Hatte sie Gesellschaft, so wurde er immer eingeladen, das heißt mit der Geige, damit er ihnen vorspiele und sie spät in der Nacht nach Hause begleite, ein Frohndienst, der noch nicht ganz bei uns abgeschafft ist. Oft, wenn er etwas wehmüthig gestimmt war, versicherte sie ihn: »O, Sie sind ein glücklicher Mensch. Hier leben tausend Arme, die es ganz anders haben.«

Man sagt sehr bezeichnend von gewissen Recensenten, daß sie »ein Buch durchkauen, um zu sehen, ob nicht einige kleine Steine unter den Zähnen knirschen«. Dieses Durchkauen war dem Kriegsrath zum Bedürfniß geworden; da es jedoch der Magen, nicht das Herz war, welches schwach, so theilte er die Bücher in zwei Sorten, die, welche bei mildem Wetter durchkaut wurden, wo er dann freundlich gestimmt war und die, welche bei schlechtem Wetter gelesen wurden. Kränkender Persönlichkeiten machte er sich nie schuldig. Der Kriegsrath ärgerte sich und ärgerte viele Andere; sie vergaßen, daß, wenn wir in der andern Welt alle recensirt, unsere Druckfehler berichtigt und die unrichtigen Lesarten verbessert werden, wir Hand in Hand stehen und sicher über unfern gemeinsamen Eifer in den Jugendjahren des Erdenlebens lächeln. Eine Kritik ist eines einzelnen Mannes Meinung, die uns oft nur zeigt, ob der Beurteilende über oder unter dem steht, den er beurtheilt.

Der Kriegsrath war gütig gegen Christian und deshalb liebte ihn dieser. Durch des Kriegsrathes Einfluß wurde er, wie es hieß, mit der Einladung »beehrt«, sich eines Abends in den Zwischenacten in der dramatischen Gesellschaft, von der der Kriegsrath einer der Directoren war, hören zu lassen. Es sollte ein großer, ein entscheidender Schritt für Christians Glück sein, er hoffte dadurch bei Vielen Interesse zu gewinnen.

»Ich habe für Sie bei meinen Mitdirectoren gesprochen,« sagte der Kriegsrath, »sie sind alle dafür, selbst der Regisseur und er hat ebenso viel zu sagen, wie ein Director.«

Auf einer schmutzigen Hintertreppe stieg man zum vierten Stock hinauf, wo Thalias Tempel stand und wo die Spielenden aussahen, als wenn sie auf einem Präsentirteller gingen. Hier war eben Probe und also große Uneinigkeit. Der Liebhaber drohte damit, sofort seiner Wege zu gehen, wenn er nicht extemporiren dürfe, wo ihn das Gedächtniß verlasse. Das, was er sage, sei eben so gut, wie das, was im Buche stehe und er meinte, er habe so gut das Recht, etwas einzulegen, als der Kriegsrath. Die dreißigjährige Dame, welche die Großmutter spielen sollte, wollte sich nicht älter malen lassen; sie sehe gewiß alt genug aus, meinte sie schnippisch, es war jedoch natürlich gar nicht ihre Ansicht. Alles war Streit und Verwirrung.

Endlich kam der Freitag Abend; Christian bekam schwarze Kleider geliehen und seine Wirthin brannte ihm die Haare. Seine Wangen glühten, sein Herz schlug laut, als der Vorhang aufrollte und das zum größern Theil spießbürgerliche Publikum ihn anstierte.

Er spielte gut und die Directoren empfingen ihn in den Coulissen, drückten ihm die Hände und sagten ihm Angenehmes. Ein Barbiergehilfe, der selbst geigte und ein Lotteriecollecteur, der die Pauke schlug, kamen herbeigestürzt und dankten, erhoben ihn in den siebenten Himmel wegen seiner Flageoletttöne und seines Bogenstrichs in der Applicatur.

»Mein Glück ist gemacht,« dachte er, »heute Abend wird gewiß Alles nur von mir sprechen, nur an mich denken.« Jeder der Mitspielenden bis zum Trabanten hinab, der nur das einzige Wort: »zurück!« zu sagen hatte, schwelgte in demselben süßen Traum. Erst Punkt halb Zwölf war die Vorstellung vorbei und das ist der einzige Grund, weshalb man sagen kann, diese Freuden dauern lange.

Christian konnte nicht schlafen, als er heimkam, er sah in die sternenklare Nacht hinaus, dachte an sein Glück, an Lucie und Peter Wik, an warme Sommertage und Naomi.

Jeder Brief, den er in die Heimat schrieb, athmete nur Freude und Jugendmuth, jede Hoffnung sprach sich lebendig darin aus. Seine Mutter machte sich bereits den Gedanken, sein Glück sei zur Hälfte erreicht, er kam ja in große Häuser und hatte auf einem Theater die Geige gespielt. Bei ihrer Armuth erblickte sie darin ein glänzendes Loos. Sie kannte sein gutes Herz und als nun der liebe Gott ihr kleines Kind zu sich nahm, setzte sie sich als blinder Passagier zum Postillon und obgleich etwas kränklich, fuhr sie zur Winterszeit nach Kopenhagen, um bei ihrem Christian, von dessen Glück sie den Nachbarn und Freunden erzählt hatte, zu wohnen.

Das sollte eine Ueberraschung geben, daß sie zu ihrem süßen Jungen kam, und das war es auch.

Da saßen nun Mutter und Sohn in der kleinen, engen Dachkammer. Der Schnee fegte an den Scheiben und die Wirthin sah mürrisch drein.

»Dir geht es gut!« sagte Maria. »Mir geht es schlecht, aber du bist eine gute Seele, ich danke unserm Herrn für dich!«

Sie schlummerte auf seinem Bette und Christian weinte an den gefrorenen Scheiben und betete: »Du Gott der Gnade, erbarme dich unser!«

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