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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III.

Leb' wohl! – Du schlingst den Arm um meinen?
Du hältst mich fest, ich soll nicht gehn?

Castelli.

 

Kennst du das Land, wo die Citronen blühn?
– Dahin! –

Goethe.

Am andern Morgen, als Naomi zum Theetisch hinabkam, reichte ihr der Dichter freundlich die Hand; sein Hund wedelte mit dem Schwanz vor ihr und sie streichelte ihn. Des Hundes Gebell am vorigen Abend war ja doch die Einleitung zu der Bekanntschaft gewesen.

»Das ist ein treues, mir sehr ergebenes Thier!« sagte der Dichter, »stürbe er vor mir, würde es mich tief betrüben.«

Ein Cabriolet rollte im selben Augenblick durch die Gasse und hielt vor dem Eingang zum Garten. Ein Morgenbesuch. Es war der junge Arzt, Naomi's Landsmann, von dem Castelli gesprochen; ein Fremder begleitete ihn, ebenfalls ein Däne, der des Dichters Bekanntschaft machen wollte. Es war der Graf, den Naomi ihren Vater nannte.

Der Arzt besaß, was im Ausland den Dänen charakterisirt, eine lebhafte Empfänglichkeit für alles Neue, verbunden mit einer großen Liebe für die Heimat, welche eine gewaltige Portion Heimweh erzeugte. Namentlich zeigte er eine große Lust Vergleiche anzustellen, und wo gibt es mehr Gelegenheit dazu als in Wien. Die Einwohner Wiens haben sowol im Guten als im Schlimmen so viel Gemeinsames mit den Kopenhagenern, nur daß die Wiener damit eine größere Lebendigkeit verbinden. Der Prater mit seinen Schaukeln und Kunststücken wurde zu unserm Thiergarten. Das Schloß Schönbrunn war ja leibhaftig unser Frederiksberg. Die Stephanskirche mit ihrem hohen Thurm war freilich etwas Apartes, aber sie erinnerte ihn doch an unsern Erlöserthurm; das sei doch auch ein eigner Bau, meinte er, da könne man auf der Wendeltreppe mit dem vergoldeten Geländer außen an dem Thurm bis zur obersten Spitze hinaufgehen und habe man vom Stephansthurme die Aussicht auf die Berge Ungarns, so seien sie nicht minder prächtig vom Erlöserthurm, wo man über den Sund hinüber Schwedens Küsten erblicke. Von allen fremden Städten, die er kannte, behagte ihm Wien am meisten, hier sei alles so anheimelnd. Jägers und Sonnenleitners Häuser Zwei Häuser in Wien, wo die Dänen immer die freundlichste Aufnahme gefunden. versetzten ihn ganz zurück in das dänische Familienleben, aber wie oft sei nicht gerade dadurch ein wehmüthig Gefühl in ihm erweckt worden, da er schon so lange von seiner jungen Frau und ihrem liebenswürdigen, kleinen Töchterchen fort sei. Es geschehe nicht selten, daß, wenn er in den Straßen Wiens Jemand mit einem kleinen Mädchen von dem Alter seiner Tochter begegne, ihm die Thränen in die Augen träten. Das sei gerade diesen Morgen der Fall gewesen, als sie beim Schlagbaume hielten, wo ein junges Mädchen mit ihrer kleinen Schwester eine Ziege hütete, die dort graste und gemolken wurde, so oft ein Spaziergänger einen Labetrunk wollte. Der Graf erzählte scherzend von des jungen Mannes Sentimentalität, wie er es nannte.

»Sie wissen nicht, was es ist, Kinder zu haben!« sagte der Arzt. »Hätten Sie eine Tochter wie ich, so ginge es Ihnen gerade so wie mir. Eine ganze neue Welt von Freude würde Ihnen aufgehen. Es liegt eine Glückseligkeit für uns in eines Kindes Lächeln. Sie sollten sehen, wie es die kleinen Hände ausstreckt, Sie sollten das erste Geplauder hören –! O, ich möchte Ihnen eine kleine Tochter wie die meine wünschen.«

Der Graf heftete seinen Blick seltsam auf Naomi. »Ich hatte eine,« sagte er, »sie ist todt!« Er schwieg und der Arzt wurde verlegen; es war nicht seine Absicht gewesen, ihn zu verletzen.

Das Gespräch drehte sich nun um den kurzen Aufenthalt des Herrn Grafen in Wien und seine bevorstehende Reise nach Italien, von wo er später die Rückreise über Frankreich machen wollte.

Der Dichter begleitete ihn hinaus in seinen Garten, Naomi ging nicht mit; nichts war natürlicher, als daß er ihren Landsleuten anvertraute, was er gehört und wie er selbst in dies Abenteuer verwickelt worden. Der Arzt lachte, der Graf war ernst und nachdenklich.

Sie spazierten außerhalb des Gartens auf der grünen Ebene, die sich nach den Bergen hinzieht; ein kleiner Fußweg zog sich längs den Gärten hin; die Wegbreitblätter zeigten, daß er nicht erst in dem letzten Jahre angelegt worden war.

Auf diesem Pfade war es, wo der Graf und Naomi kaum eine halbe Stunde später allein mit einander gingen und sich in der Sprache der Heimat unterhielten. Die Sperlinge zwitscherten lustig dazu, die Blumen standen so duftig am Wege, als wäre Alles Friede und Freude; die Schnecken badeten sich im Sonnenschein.

»Naomi,« sagte der Graf, »wie konntest du dich so vergessen, mir Schande und dir Schmach bereiten.«

»Schon meine Geburt weihte mich dazu,« antwortete sie. »Man kann mich tadeln, aber ebenso viel spricht zu meinen Gunsten, wenn es der Vertheidigung bedarf. Mein Dasein ist eine Jugendsünde und wie die Saat, so wird die Frucht.«

»Was soll deine Zukunft werden?« fragte er.

»Die von Tausenden!« antwortete sie, »ein Leben, das zu leben nicht der Mühe werth ist. Aber ich habe doch gelebt, wenn es auch nur wenige Tage war. Ich habe mich frei gefühlt und das selbst da, wo man mich am tiefsten verletzte. Nur in diesem Augenblick hat Ihr Auge eine Macht über mich, die meinen Willen bindet. Die Welt hält mich nicht für Ihre Tochter, Sie glauben ja selbst nicht, daß ich es bin. Ja, ich bin nur eine Fremde, Sie haben mir wohlgethan und so können Sie fordern, daß ich Ihnen gehorsam sein soll. Aber ich bin es nicht gewesen und Sie geben mich auf. Unsere Wege gehen auseinander. Jeder Fehltritt, jede Sünde trägt die Strafe in sich, lassen Sie mich die meine tragen. Nur eine einzige Wohlthat bitte ich Sie noch zu den früheren zu fügen und diese ist: daß Sie mich nicht kennen.«

Sie waren unter einem Baume stehen geblieben, die Stimme des Arztes rief sie wieder zurück.

»Ich kümmere mich nicht um das Urtheil der Welt!« sagte Naomi, »aber um das Ihre; ja, vor Ihnen möchte ich gerne so stehen, wie vor meinem Gewissen.«

»Man kommt!« sagte der Graf, als sich der Dichter und der Arzt näherten.

»Wir waren uneins!« rief Naomi mit lächelndem Gesicht, »der Herr Graf nennt die kleine blasse Blume ein Veilchen, ich nenne sie ein wildes Stiefmütterchen!« Dabei zeigte sie auf ein solches, das dicht nebenan wuchs.

»Im Garten,« sagte Castelli, »kann es eine seltene Schönheit erreichen. Ich weiß nicht, woher es seinen Namen hat, es ist nicht stiefmütterlich behandelt.«

»Die Blume drückt das aus, was ihr Name besagt,« versetzte Naomi und pflückte sie. »Sehen Sie, hier sind fünf Blätter, die zwei untersten bedeuten die Stiefkinder, die sitzen beide auf einem Stuhl.« Sie zeigte auf das Grüne, welches die Blätter hält. »Die beiden auf jeder Seite sind der Mutter eigene Kinder, sie haben jedes seinen Stuhl, worauf sie sitzen, und dieses große Blatt da oben ist die Stiefmutter selbst: sie sitzt auf zwei Stühlen,« und Naomi zeigte dies an der Blume.

»Das ist eine sinnreiche Erklärung!« sagte der Dichter und lächelte, »die habe ich nie gehört.«

»So heißt es in Dänemark!« sagte der Arzt. »Wunderlich ist es übrigens, daß immer die Stiefmütter für so schlimm angesehen werden, man hört das nie von den Stiefvätern.«

»Ihr Fehler ist vielleicht die Schwäche!« sagte der Graf.

Ob wir ihm eine solche vorwerfen, wird auf unserer eigenen Lebensanschauung beruhen, wenn wir einen Sprung aus dem Garten des Dichters mehr gegen Süden machen, in die Berge Tyrols, wo des Landes junge Burschen mit Blumen auf den Hüten in der frischen Morgenlust jodelten und von Hofer sangen, wie die Schweizer von Tell und Winkelried.

Es sind noch nicht fünf Tage, seit wir Zeuge der Begegnung des Grafen mit Naomi waren, ihr Gespräch hörten und hörten von bösen Stiefmüttern und guten Stiefvätern. Die Wirklichkeit vor uns zeigt uns einen vergebenden Stiefvater.

Die Landstraße entlang rollt der leichte Reisewagen. Fahrende und Gehende kommen vorüber, sie begegnen sich zum ersten und einzigen Male auf dieser Erde und doch schließt der Graf die Augen, um zu schlummern. An seiner Seite sitzt eine junge Dame in weiblicher Reisetracht; Italiens Karte liegt auf ihrem Schooß und »Mariane Starke« die bekannte Führerin für Reisende in Italien, daneben. Tief unter dem Wege schäumt ein brausender Fluß, die Wolken hängen wie Flocken um die hohen Bergkuppen, die Dame schaut hinaus in die wilde Gegend und wir erkennen in ihr Naomi. Ihre Gedanken träumen von Italien, darum genießt sie aber nicht weniger den Augenblick; sie stiegen zur Fata Morgana der Wirklichkeit: Italien, den heiligen Hallen der Kunst. Die Alpen sind ihr Portal, der Adler der Sperling, der in dem Karniese baut, die Pinien erheben ihre schlanken Säulen mit den ewig grünen Kapitalen. Hier hat die Melodie ihre Heimat, hier blühen die Rosen zur Winterszeit. Die Erde unter deinem Fuß ist geheiligt durch des Edeln Blut, durch den Marmor der Tempel des Alterthums. Der Stein wird Fleisch und Blut, ein Schönheitsbild, das deine Gedanken berauscht. Das Meer ist blau wie das Blatt der Kornblume, durchsichtig wie der Tropfen der Quelle. Huris, schön wie in Mohammeds Paradies, lächeln dich an. Das Land der Töne, die Heimat der Farben: Italia! »Dahin!« sang der Dichter der Mignon und tausend Herzen wiederholen wie ein klagendes Echo die bittersüße Sehnsucht, die nie gestillt wird!

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