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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
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II.

– Ladislaus! Ladislaus! tönt es aufs Neu',
Und dieselbe Stimme ruft hinterdrein
Noch lauter: »Nein!«

Castelli.

 

Es ist eine seltsame Sache:
Ich sprach deutsch und dänisch du,
Und doch verstanden wir uns im Nu.
Ja Freund! im Aug' liegt die Sprache
Und im Herzen der Schlüssel dazu.

Stammbuchblatt für H. C. Andersen von Castelli.

»Ich will fort!« sagte Naomi zu Josephinen, der Kunstreiterin mit der wehenden Feder. »Ich will fort! Entweder finde ich Brod oder den Tod!«

Josephine lachte. Wir fahren heute Vormittag zusammen nach Josephsdorf und Kloster Neuburg, wir Zwei, in dem kleinen Gig mit dem blässigen Orlando. Ich setze mich um deinetwillen dem Gerede aus. Ich fahre allein mit dem jungen flammenden Jockey. Du bekommst wieder deine gute Stimmung, Ladislaus küßt die Stelle, wo dich die Peitsche berührte und wir haben die Versöhnungsscene.«

»Nie« sagte Naomi.

»Also kein Menschenhaß und Reue!« sagte Josephine und lachte. »Das nimmt sich auch lustiger aus.«

»Verschaffe mir heimlich einen Paß,« bat Naomi, »nach Ungarn oder Baiern, wohin du willst. Nur, daß ich fortkomme, daß ich ihn nicht mehr sehe.«

»Erst machen wir eine Spazierfahrt,« antwortete Josephine, »wir kosten die Chocolade von Josephsdorf und sehen dort vom Berge aus, ob die Donauebene uns nicht verlocken kann, zu bleiben! Man muß sich nie übereilen, nie zu große Schritte machen, sie kleiden ein Frauenzimmer nicht gut.«

»Es ist nicht das erste Mal, daß er mir Gift ins Herz gegossen!« sagte Naomi. »In Teplitz, vierzehn Tage, nachdem ich meine Heimat verlassen hatte, verstand ich ihn wie ein aufgeschlagen Buch, aber damals war er noch der Kluge, der Vorsichtige; ich habe meinen Entschluß gefaßt.«

Der Wagen hielt, sie fuhren ab. In den langen Alleen der Vorstadt begegneten sie manchem Wagen, manchem Reiter. Die jungen Herren nickten Josephinen zu, ein paar Damen hatten ein Lächeln für Naomi. Der Weg ging den Berg hinan, von welchem man die Aussicht über die üppig grüne Donauebene hat.

»Sieh' mal,« sagte Josephine, »wie prächtig nehmen sich nicht die vielen Alleen aus zwischen der Stadt und den Vorstädten. Der Stephansthurm ragt kühn über die andern Gebäude hervor, und sieht die Donau mit all' den hübschen, waldbewachsenen Inseln. Die blauen Berge dort in der Ferne liegen in Ungarn. Diese Aussicht ist es, die immer vor mir steht, wenn ich singen höre: »Noch einmal die schöne Gegend!« In Oesterreich ist es weit hübscher als in Dänemark.«

»Sie gleichen einander!« sagte Naomi. »In Jütland haben wir Hügel, so hoch wie dieser Berg, und der kleine Belt und der Sund sind weit schöner als die Donau. Ich weiß nur einen Vorzug, den Wien vor Kopenhagen hat, es ist die mildere Luft und daß es näher an Italien liegt.«

»Der Finnländer sehnt sich nach seinen Sümpfen, der Eskimo nach seinem Schnee,« sagte Josephine lächelnd.

»Ich sehne mich nicht nach Dänemark, komme nie mehr dahin zurück. Aber hier will ich eben so wenig bleiben. Ich bin ein freies Weib; ich bin kein Oesterreicher, man muß mich frei reisen lassen.«

»Aber Ladislaus wird es verhindern!« sagte Josephine, »es verhindern, nur weil es dich quält, wenn er in der Laune ist.«

Sie wurden unterbrochen. Der Todtengräber des kleinen Ortes kam und lud sie ein, sich die Kirche anzusehen. Im Keller lägen Leichen, sagte er, die über hundert Jahre alt seien und doch sähen sie aus, als wenn sie erst gestern begraben wären.

»Wir sehen am liebsten die Lebenden!« sagte Josephine.

Aber es gebe recht hübsche Merkwürdigkeiten, versicherte der Alte. Vor einer Stunde habe er einen polnischen Herrn darin herumgeführt, und der Herr habe Alles höchst merkwürdig gefunden und es sich in sein Buch aufgezeichnet. Das Buch sei inzwischen liegen geblieben, aber noch heute werde er es auf die Polizei bringen, die Herren wüßten dort mit jedem Fremden Bescheid, so daß das Buch noch heute Abend in den Händen des Polen sein könne. Er zeigte es Josephinen.

Das Geschriebene war dänisch. Die Hand kam Naomi bekannt vor; sie blätterte hastig darin und las. Die Aufzeichnungen waren gerade nicht für Jedermann.

»Der Fremde ist aus Dänemark!« sagte Naomi.

»Vom König von Dänemark?« fragte der Alte; »dessen erinnere ich mich vom Kongreß her: er hatte weißes Haar und war freundlich und höflich, wie unser guter Kaiser Franz. Ich muß immer, wenn ich an Stock am Eisen Dort war, wie früher bemerkt, eines der Ladenbilder mit dem Portrait Friedrich des Siebenten von Dänemark. vorüber komme, den dänischen König Friedrich ansehen.« Der Alte wurde sehr gesprächig, aber Naomi hörte nicht darauf. Sie las begierig in dem Buch, erröthete und lächelte.

»Vor einer Stunde war der Fremde hier?« fragte sie.

»Ja, eine Stunde mag es her sein! Ich weiß nicht, welchen Weg er genommen, aber ich glaube, daß er nach der Stadt ging.«

»Lassen Sie uns die Kirche sehen,« sagte Naomi, und sie gingen dahin. Aber sie hatte beinahe mehr um den Fremden zu fragen als um die Gegenstände, die sie sah. Das Buch des Fremden schien ihre Gedanken mehr zu beschäftigen als die historischen Erklärungen, welche der Todtengräber von den wohlerhaltenen Todten gab.

Sie saßen wieder in dem kleinen Gig, der blässige Orlando warf den Kopf in die Höhe und lief im Trabe mit ihnen nach dem Kloster hinab, dessen hohe Kuppel mit der kaiserlichen Krone sich prächtig in der blauen Luft ausnahm.

Sie traten beide in den gewölbten Klostergang. Hier stand ein Fremder. Naomi zitterte; ihm hätte sie in diesem Augenblick am wenigsten begegnen mögen. Ja, er war es, dessen Nähe ihr das Buch angekündigt, sie hatte sich nicht geirrt, es war der Graf, den sie Vater nannte.

Er grüßte und sprach Josephinen flüchtig an. Naomi ging vorbei, ohne daß er sie genauer betrachtete.

»Hier ist es nicht so reich und prächtig, wie im Kloster Mölk!« sagte Josephine, »aber ich habe doch diesen alten Bau lieb von meiner Kindheit an. Wie oft bin ich nicht von hier nach dem Leopoldschlosse gelaufen. Dort oben von dem Fenster, erzählt man, soll der Schleier der Herzogin niedergeweht sein und sich in einen Dornbusch verwickelt haben, der da stand, wo das Kloster jetzt steht.«

»Ich habe keinen Sinn für deine Geschichten!« sagte Naomi und ihre Stimme zitterte. »Komm, aber rasch! rasch! Wir können nicht hier bleiben! Der Fremde ist mein Verwandter!« Sie zog eilends Josephinen nach dem Wagen, der draußen wartete. Sie waren im Begriff einzusteigen, als der Graf aus der Kirche trat.

»Um Vergebung,« sagte er, »das Kloster soll ja wegen seines Weinkellers berühmt sein. Auch soll sich ein Faß hier befinden, das zu den Merkwürdigkeiten der Gegend zählt.«

»Ich habe davon gehört,« sagte Josephine, »aber ich habe es nie gesehen!«

»Hier ist das Faß, Euer Gnaden!« rief neben der offenen Thüre der Küfer, der mit seinen Gesellen Reife schnitt und um die Fässer band.

»Sie haben keine Lust, es zu sehen?« fragte der Graf.

Josephine sah Naomi verlegen an, diese war rasch gefaßt. Sie verbeugte sich vor dem Grafen und trat mit Josephinen in die Küferwerkstatt, Es war ein großes gemauertes Gewölbe; rings umher lagen große und kleine Fässer. Aber das größte von allen war das berühmte große Faß, das seine tausend und vier Eimer faßt. Mit Hilfe einer Leiter konnte man oben hinaufkommen. Die Oeffnung ist so weit, daß Jedermann bequem hindurchkommen und in das Faß gelangen kann, wo der Raum so groß ist, daß mehrere Personen Hand in Hand einen Rundtanz machen können.

»Wir haben es gereinigt!« sagte der Küfer. »Der Kellermeister hat den schönen Vers darauf gesetzt:

»Einhundert dreißig Jahre alt,
War's mir im Keller nun zu kalt,
Dort rutschten tausend über'n Rücken,
Auch hier wird man mich nicht zerdrücken.«

las der Graf.

»Ja,« sagt« der Küfer, »Tausende sind hinaufgesprungen; nun liegen sie vergessen in ihren Gräbern. Das Faß dagegen ist stark und blank, es kann noch unserer Enkel Kinder Urgroßvater und Urgroßmutter werden sehen. Aber wollen Sie gefälligst hineinsteigen, sonst haben Sie das Ganze nicht recht gesehen.«

Naomi machte einen Sprung auf die Leiter und hinein ins Faß, der Graf folgte nach, aber mit einem seltsam durchbohrenden Blick auf Naomi, denn die Art, wie sie hineinstieg, verrieth so ganz das Weib.

Josephine steckte nur den Kopf in das große Faß, es schien eine ganze Stube. Naomi tanzte um den Grafen herum, »während ihre Gedanken weit, weit waren«, wie es im Liede heißt.

Bald saß sie wieder mit Josephinen in dem leichten Wagen und sie fuhren davon.

»Kannten Sie die Beiden?« fragte der Graf den Küfer. Dieser schüttelte den Kopf.

»Es waren Kunstreiter vom Prater,« sagte einer von den Gesellen. »Fräulein Josephine und der kleine Jockey. Ja, sie kann reiten und Kunststücke machen, seine Sache ist nicht viel.«

Das leichte Gig schlug den Weg unten an den Bergen längs der Donau ein.

»Fort muß ich und will fort!« sagte Naomi. »Du hast ja einen Verwandten in München, Josephine, gib mir einen Brief mit, ich habe noch einige Sachen von Werth. Die ersten acht Tage bin ich noch keine Bettlerin und in acht Tagen kann viel geschehen.« –

Ganze Folianten sind über Liebe geschrieben; alle Grade, alle Nuancen sind ausgesungen, aber nur wenige haben den Haß erschöpft, und dieser ist ebenso reich, ebenso stark. Es ist eine teuflische Wollust, aber doch eine Wollust, hassen zu können, glühend den zu hassen, der unsere besten Gefühle, unsere unschuldigste Freude niedertritt. Alle kennen den Haß: es ist ein Infusionsthier, das in unserm Blute lebt. Naomi war gekränkt und wie die Sylphide auf der Bühne bei der ersten sinnlichen Umarmung ihre Psycheflügel verliert, hatte bei ihr die erste rohe Behandlung die Liebe ertödtet. Diese war wie der Wein im Tantalusbecher; wenn er geschüttelt wird und ein Tropfen verschüttet, so strömt er ganz aus und der Becher leert sich bis auf den Boden.

»Ich fühlte mich so hoch über allen Andern!« dachte Naomi, »und bin zum Zigeunersohne herabgestiegen, dessen Adel nur das falsche Naturspiel in seinen Körperformen ist. Jetzt sind mir diese zuwider wie die Haut der Schnecke.«

»Du gleichst mehr einem Manne als einem Weibe!« sagte Josephine.

»Dann werde ich auch im Stande sein, mir selbst durch die Welt zu helfen,« sagte Naomi. »Ladislaus glaubt wol, ich sei wie die andern Weiber, die drei, vier Tage ein Herz voll Haß mit sich herumtragen, und dann um so weicher und nachgiebiger werden. Ich will nicht! Wir haben ein Sprichwort in Dänemark, das für alle Länder paßt: »Ein Unglück kommt nie allein!« Ich habe heute meinem Vater begegnet; er war's, den wir heute in Kloster Neuburg sprachen. Ob er mich wol gekannt hat? Ich habe immer den verlorenen Sohn verachtet, nicht weil er mit den Schweinen aß, sondern weil er heimkehrte. Er muß gewußt haben, daß sein Vater ein schwacher Mann war. Eine Gnade, eine Wohlthat empfangen, heißt Lösegeld dafür nehmen, daß man gekränkt worden. Ob die Welt wol einen Wohlthäter besitzt, der nicht auf Grund seiner Wohlthat den Empfänger verwundet oder verächtlich behandelt hätte? Lieber zu Grunde gehen! Fort will ich! Ladislaus ist mir so fremd als der Postillon, mit dem ich eine Stunde gefahren bin. Meine Schwäche für ihn war ein Traum, ein thörichter Traum im Postwagen.«

Die Polizei in Wien weiß von jedem Fremden Bescheid, sagte ja der Todtengräber in Josephsdorf, und deshalb hatte er das Buch, das der Fremde vergessen, dahin gesandt. Vor Abend noch war es in den Händen des Grafen. »Die Polizei weiß von jedem Fremden Bescheid,« deshalb erfuhr er auch vor Abend, daß bei den Kunstreitern im Prater ein junger Landsmann war, der Christian genannt wurde, er sei von feinem, beinahe weiblichem Wuchs und man heiße ihn allgemein den kleinen Jockey. Aber daß es ein Frauenzimmer sei, davon sagte die Polizei nichts. Der Graf wollte heute Abend der Vorstellung anwohnen.

Diese begann. Josefine schwebte mit den wehenden Fahnen auf des Pferdes Rücken. Bajazzo mit seiner Großmutter schlug im stärksten Trab ein Rad. Ladislaus erschien als Grieche in reichem dunkelrothem Atlasanzuge. Der hohe Fez kleidete das stolze Gesicht reizend. Die kohlschwarzen Augen funkelten unter den langen, dunkeln Wimpern, nm die antikgeformten Lippen spielte das höhnische Lächeln, das ihn besonders charakterisierte. Kein Gladiator in der Arena besaß größere männliche Schönheit. Beifallsklatschen erscholl, es waren für ihn gewohnte Klänge, wie die der Musik, zu der er durch die Bahn jagte. In seinen Gedanken lag das Gift, welches das Lächeln um seine Lippen andeutete. Er wußte, daß Naomi, die er bei Beginn der Vorstellung gesehen, während derselben fortreisen wollte, er war davon unterrichtet, wußte, daß sie einen Paß erhalten, der zur Reise nach München ausgestellt war. Es war das erste Weib, das ihm Trotz zu bieten wagte. Das mußte gerächt werden! Sie sollte gemartert werden und das ließ sich so leicht ausführe. Sicher jagte sie in diesem Augenblick mit Extrapost oder zu Pferde auf dem Weg nach Linz dahin, aber die Diligence machte diesen Abend denselben Weg, ein Platz wurde in diesem Augenblick für ihn bestellt. Er wollte sie einholen, sie mußten sich treffen, und wenn er auch bezweifelte, daß sie mit ihm zurückkehren würde, so war er doch im Stande, ihr bei dieser Begegnung höchst unangenehme Scenen zu bereiten. Sie war ja ein Weib und ihr Paß lautete auf einen Mann, das war schon genug; deshalb lächelte er noch kecker, und sprang hoch in die Luft auf dem fliegenden Rosse, das seinen Reiter kannte und das Beifallsklatschen erscholl von Neuem.

Der Graf saß dicht an der Barriere und vergaß für einen Augenblick sie, die sein Auge vergebens suchte. Sein Bravoruf mischte sich mit dem der Menge, als Ladislaus die Bahn verließ.

Beim Schluß der Vorstellung, als draußen die Laternen schon hell brannten, fuhr Ladislaus mit einem der Bedienten in dem kleinen Gig nach Wien.

Im Posthof war die Diligence bereits angespannt; man stieg ein. Einer der Reisenden wollte nach Kloster Neuburg, ein anderer nach Salzburg, ein dritter nach Paris u. s. w. In der hintersten Ecke saß ein junger Mann mit verbundenem Kopfe, die Mütze über die Ohren gezogen; er hatte Zahnweh und wollte nach München. Gegenüber von diesem saß Ladislaus. Jeder arrangirte nun mit seinem Gegenüber die Beine, um es sich so behaglich als möglich zu machen. Es war Naomi und Ladislaus, die hier das Schicksal zusammenführte. Sie erkannte ihn, traute jedoch ihren Augen nicht; aber er sprach und nun war sie überzeugt, daß er es war.

Sie hatte es für das Sicherste gehalten, mit der Diligence zu reisen, da diese ohne Unterbrechung fuhr. Ladislaus' Anwesenheit prophezeite ihr nichts Gutes; sie fühlte wohl, daß er um ihretwillen gekommen. Wie sollte das enden?

Der Postillon knallte, Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht und der Wagen fuhr über den Stephansplatz und durch die beleuchteten Straßen. Im Burgtheater, wo sie vorüberkamen, war das Schauspiel zu Ende; die Leute strömten heraus. Jeder der Passagiere schaute hinein, ob er nicht einen Bekannten sah. Naomi legte den Kopf mehr zurück und wandte sich nach einer Seite, damit das Lampenlicht nicht auf ihr Gesicht falle. Bald hatten sie die grüne Allee hinter sich und befanden sich in der Vorstadt Mariahilf. Alles plauderte luftig im Wagen, Naomi that, als ob sie bereits schlummere, aber Niemand war so ganz Aufmerksamkeit, wie sie. Sie erwog ihre Lage und was sie thun sollte. Die Nacht konnte sie wol im Wagen zubringen und brauchte nicht auszusteigen, sie konnte ja schlafen; aber morgen, wenn der Tag anbrach, wenn man sich beim Kaffee in St. Pölten sah, was dann? Ladislaus sprach sie an, sie antwortete jedoch nicht. Sie zitterte am ganzen Körper, er mußte es merken, ihre Beine berührten sich ja fast.

Sie waren bereits eine Stunde gefahren, seit sie Wien verlassen und befanden sich in dem kleinen Orte Hütteldorf, das wie Hietzing eine Sommerfrische der Wiener ist. Aber Hietzing liegt näher bei Wien und dem kaiserlichen Sommerschloß; hier ist also eine Sommerhauptstadt, Staub und Getümmel. Hütteldorf ist mehr ländlich und hat eine freiere Aussicht auf die niedern, grünen Berge. Die Landhäuser, welche hier einige Schritte von der Landstraße zurück liegen, mit der Façade gegen diese und die Berge, sind ganz idyllisch.

Beim Wirthshaus machte die Diligence einen Augenblick Halt. Einige Herren stiegen aus, Naomi folgte ihrem Beispiel. Ihr Entschluß war gefaßt, rasch bog sie in die erste kleine Gasse, die nach dem Freien führte und lief dann, was sie konnte. Am Ende der Gasse lag zur Rechten ein kleines Landhaus; sie versteckte sich in den Graben vor dem Garten. Ihr Herz pochte. Sie lauschte, ob Jemand käme.

Das Posthorn klang, sie hörte den Wagen fortfahren und sagte bei sich, wie Riquebourg's Frau, aber mit einer ganz andern Betonung: »Nun ist er fort.«

Da hörte man Gelächter und Sprechen im Garten dicht daneben; Damen und Herren traten aus der kleinen Thüre ins Freie und gingen vorüber. Es war eine lustige Gesellschaft und alle Namen, die sie hörte, waren ihr bekannt. Frau von Weißenthurn, die geistreiche Dichterin, und der Schauspieler Costenoble befanden sich unter ihnen.

»Grillparzer, nicht wahr, Sie lesen morgen Ihre Sappho bei mir?« sagte die Dame und Alle sprachen lebhaft und heiter mit einander.

»Gute Nacht! gute Nacht! schlafen Sie wohl!« ertönte es von dem andern Ende der Gasse und einer von den Herrn kehrte zurück; wahrscheinlich der Wirth, der die Andern begleitet hatte. Ein Hund war bei ihm; dieser fuhr plötzlich auf den Graben los, wo Naomi saß, spitzte die Ohren und begann zu bellen. Der Herr kam näher.

»Wer ist da?« fragte er.

Naomi erhob sich.

»Das ist ein wunderliches Nachtlager!« sagte er. »Der Thau fällt ja bereits, Sie wollen doch nicht hier schlafen?«

»Vergeben Sie!« sagte Naomi, »mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

Der Herr lächelte.

»Ich heiße Castelli,« sagte er, »und du, mein Freund?«

»Castelli,« wiederholte Naomi, »der Dichter?«

»Ja, der bin ich.«

»Ich kenne Sie schon seit mehreren Jahren!« sagte sie »Ihre Gedichte haben mir so viele Freude bereitet. Als kleines Mädchen lernte ich Ihr »Lob der Kleinen«. Sie haben mich in weiter Ferne beschäftigt, ich hätte nicht gedacht, daß wir uns einst und so begegnen würden.« »Sie sind kein Deutscher,« sagte der Dichter, »darf ich nach Ihrer Aussprache schließe, sind Sie ein Däne.

»Allerdings.«

»Dachte ich mir's doch. Heute Abend war ein junger Arzt bei mir, ein Landsmann von Ihnen.«

»Ich habe großes Vertrauen zu Ihnen!« sagte Naomi; »immer war ich des Glaubens, ein Dichter müsse wärmer edler und besser als andere Menschen fühlen –!«

»Darin darf ich Ihnen nicht Recht geben. Die meisten Dichter haben nur den Vorzug vor andern Menschen, daß sie besser beobachten und anwenden, besser aussprechen können, was sie fühlen und denken.«

Er öffnete das Pförtchen und sie traten in den kleinen Blumengarten.

»Der Zufall führt mich zu Ihnen!« sagte sie. »Sie müssen mir rathen, Sie müssen mir helfen!« Und sie erzählte nun, daß sie ein Mädchen sei, sie sagte ihm, daß sie eine Dänin und ein ruhiges und sorgenfreies Leben verlassen habe, um selbst in ihren bescheidensten Hoffnungen betrogen zu werden. Und nun theilte sie ihm ihre Erlebnisse mit.

Der gutmüthige vortreffliche Mann fühlte sich, wie es wol Jedermann gewesen, durch diese Vertraulichkeit etwas in Verlegenheit gesetzt; was sollte er von einem solchen Weibe denken! Er meinte, der dänische Gesandte müßte der sein, an den sie sich am besten und sichersten wenden könnte. Indessen war es jetzt spät in der Nacht, sie war so schön, sie war verlassen, und ihre Lippen athmeten Beredsamkeit. Der Dichter rief seine Haushälterin herein und Naomi wurde nach dem kleinen Gastzimmer geführt, das nach den Bergen hinaussah.

In der stillen Nacht öffnete sie das Fenster; der abnehmende Mond stand tief am Himmel; ehe sein Horn ganz verschwunden, mußte ein wichtiger Schritt gethan sein. Träumend schaute sie in die klare Luft, aber ihre Gedanken waren thätig; sie entwarf Pläne für den Tag, der kommen sollte.

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