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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121005
projectidd9aa3192
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II.

Sie gingen zwischen Blumen, –
Sie gingen Arm in Arm.
Und bebten tief vor Lust.

Oehlenschläger.

In den Provinzialstädten hat gewöhnlich jedes Haus einen kleinen Garten, dieses Haus hatte keinen, aber man mußte doch einen haben, wenn auch nicht größer als für eine Hand voll Schnittlauch und etwas Portulak. Ein solcher war auch zu Wege gebracht und war so zu sagen einer von den hängenden Gärten des Nordens, wie sie die Armuth besitzt. Eine große Holzkiste, gefüllt mit Erde, bildete ihren Garten; er stand hoch oben auf der Dachrinne zwischen dem Nachbarhause, wo die Eulen nicht zukommen und ihm Schaden bringen konnten.

Wollte man nun etwas pflücken, dann holte man die Leiter und stellte sie in der Küche auf zwischen dem Schüsselbret und dem Schornstein; Eins hielt die wackelnde Leiter, während das Andere an die Decke hinaufstieg, wo die Luke geöffnet wurde und man mit dem Oberleib zu dem Kasten hinausreichte.

Das war ein Fest für den Jungen, wenn er da hinaus durfte; einmal hatte er sogar die Erlaubniß erhalten, zwischen den Händen der Mutter schwebend, zur Luke hinaus, die Füße auf den Rand der Kiste zu stellen.

»Wir haben vielleicht ebenso viel Freude mit unserm Bischen Grün,« sagte Maria, »als der Jude von seinem prächtigen Garten!«

»Aber wir möchten ihn doch gerne haben!« antwortete der Mann. »Er soll prächtig mit Blumen sein! Seltene Gewächse, wie sie in keinem andern Garten in Svendborg sich finden. An Sommerabenden, wenn der Wind herüberweht, kann man den Jasmin riechen. Manchmal hatte ich schon Lust, die Leiter an das Dach zu setzen, zum Storchennest hinauf zu klettern, und in den Garten hinabzusehen, Maria. Der hübsche Pappelbaum, der so hoch über das Dach ragt, kann mich auf ganz wunderliche Gedanken bringen. In der Sommernacht, wenn der Vollmond scheint, hebt er sich so dunkel ab von der blauen Luft, ganz, wie ich in Italien die großen Cypressen sah. Oft wenn du geschlafen, bin ich aufgestanden und habe das Fenster geöffnet; trug dann ein mildes Lüftchen den Jasmin zu mir herüber, dann konnte ich mir einbilden, ich sei wieder draußen in dem schönen Italien.«

»Muß ich den Schnack schon wieder hören!« sagte, Maria und ging weg, aber der kleine Junge lauschte mit großen Augen den Worten des Vaters. Wie gern würde er nicht auch mit dem Storche nach fremden Ländern ziehen, ja wie glücklich wäre er, könnt' er nur in dem Neste sitzen und in des Juden Garten hinabschauen. Eine geheimnißvolle Welt bewegte sich darin. Einmal war er mit seiner Mutter in dem Hause dort gewesen und hatte das Laubhüttenfest mit angesehen; nie konnte er die grüne Wölbung von Tannen und Spargelbüschen, den prächtigen Granatapfel an der Decke und das feine ungesäuerte Brod vergessen. In den langen Winterabenden las der Vater leise in »Tausend und Eine Nacht«, seine eigenen Reisen klangen dem Knaben ebenso abenteuerlich. Der Storch war ihm ein Wunderthier, wie der Vogel Roc und des Juden Garten, den er nie gesehen, war ihm ein Hesperien, Scheherazadens Heimat mit dem goldenen Springbrunnen und dem redenden Vogel.

Es war im Juli. Der Kleine spielte in dem leeren Torfhaus, das die Grenze zwischen dem Heim und seiner Feenwelt bildete. In der Ecke waren einige Steine losgebrochen; der Kleine legte sich nieder und sah durch die Risse, aber alles, was er sah, waren nur die grünen Blätter, welche die Sonne durchsichtig machte. Mit zitternder Hand, wie wenn es ein Geheimniß wäre, das er lösen wollte, wagte er einen Mauerstein heraus zu ziehen; der darüberliegende glitt schief herab; das Herz des Knaben pochte, er wagte sich nicht zu rühren. Nach einigen Minuten bekam er wieder Muth. Die Oeffnung war größer, doch konnte er nicht mehr überschauen, als einen Fleck so groß, wie ein einzelner Erdbeerbusch; aber für die Kindesphantasie lag darin ein Reichthum, bot sich ein Anblick, wie ihn dem Erwachsenen der üppigste Obstgarten bietet, dessen Zweige die reifen Früchte zur Erde niederziehen. Die Erdbeerblätter waren so groß und saftig, durch einzelne schienen die Sonnenstrahlen, andere dagegen traten dunkel in den Schatten und mitten in dieser Ueppigkeit hingen zwei große rothe Beeren, so frisch und voll! Canaan's Traubenbüschel erweckte keine üppigeren Gedanken von Fruchtbarkeit, als diese beiden Beeren. In dem Anschauen lag auch die Verlockung, sie zu pflücken, aber das ließ sich nicht wagen! Den einen Stein aus der Mauer zu nehmen, war Sünde genug für den ersten Tag.

Am folgenden Nachmittag lagen die Steine noch unberührt. Die grünen Blätter wehten beim Luftzug durch die Oeffnung. Da saßen die Beeren; die kleine Hand streckte sich ängstlich aus, berührte die Beeren, ohne sie zu pflücken; als die Hand indeß wieder hineinkam, krümmten sich die Finger um den grünen Stiel, aber im selben Augenblick begegnete eine kleine Kinderhand der seinen und er zog sie so rasch zurück, daß ein Stein herabglitt und er selbst auf die Seite sprang; erst nach einigen erwartungsvollen Augenblicken wagte er sich wieder näher und schaute durch die erweiterte Oeffnung.

Ein paar große braune Kinderaugen begegneten den seinen. Sie verschwanden ebenso rasch, kamen aber bald wieder zum Vorschein. Es war ein hübsches kleines Mädchen, neugierig sah es in vorsichtigem Abstand von der Oeffnung herüber.

Es war Naomi, die Enkelin des Juden, ungefähr ein Jahr jünger als der Knabe. Er hatte sie früher schon oben in ihres Großvaters Fenster stehen sehen; da hatte sie gelbe Saffianstiefeln an; diese hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf den Knaben gemacht.

Die Kinder stierten sich einen Augenblick an.

»Kleiner Knabe!« sagte Naomi, »Du darfst wol zu mir hereinkommen! Mach' die Oeffnung größer!«

Und wie wenn eine mächtige Fee befohlen hätte, glitten zwei Steine heraus.

»Wie heißt du?« fragte sie.

»Christian!« antwortete der Knabe und steckte den Kopf in den sonnenbeleuchteten, duftenden Garten. Naomi schob die Weinranken, welche ihre reichen Schatten über die Mauer warfen, auf die Seite. Er stand im Lande der Träume, ganz in Anschauung verloren.

Der Erwachsene würde hier nur einen hübschen Blumengarten in reichem Flor erblicken, mit manchen seltenen Blumen, Weinranken an den Mauern entlang, einem Pappelbaum und etwas weiter zwei Akazien; wir müssen ihn aber mit den Augen des Eintretenden sehen, müssen mit ihm den Blumenduft einathmen, fühlen die warmen Sonnenstrahlen, beschauen die reiche Pracht.

Ueppige breitblätterige Weinranken, duftendes Geisblatt und die blauen und rothen Winden schlangen sich an den Mauern hinauf und bildeten eine Tapete. Ein Bosquet von Moosrosen schloß sich in einem Halbmond um die prächtigsten Levkojen, von den schwarzblauen bis zu den schneeweißen; ihr Duft schien jeden andern zu verdrängen. Bei der Pappel, um welche der dunkelgrüne Epheu seine festen Blätter schlang, stand die kleine Naomi mit den klugen Gazellenaugen und dem braunen Teint, der auf die asiatische Abstammung deutete; aber das Blut leuchtete frisch und anmuthig durch die runden Wangen, die von schwarzem Haar umwogt wurden. Ein dunkles Kleid mit einem Ledergürtel schloß sich um die hübsche Kindergestalt.

Sie zog ihn zu der Bank unter dem Akazienbaume, wo die blaßrothen Blumen in dichten Büscheln hingen. Die schönsten Erdbeeren mit dem saftigen Fleisch wurden gekostet. Der Knabe sah sich rings um; es war ihm, wie wenn er in eine hesperische Welt versetzt worden, fern von seiner gewöhnlichen Heimat. Da klapperte der Storch hoch oben, und er kannte das Nest und die Jungen, die darin standen und ihre klugen Augen auf ihn zu heften schienen. Da dachte er an seiner Eltern kleinen Hof, an die Kiste mit Schnittlauch und Portulak droben in der Rinne und er wunderte sich darüber, daß das Alles so nahe sei. Der Storch konnte seinen Norden und seinen Süden überblicken.

Nun nahm Naomi ihn bei der Hand und sie gingen in das kleine Gartenhaus, das nur für vier Personen Raum hatte, aber den Kindern erschien es wie ein großer Saal: die Kinderphantasie braucht ja nur mit einem Stabe in den Boden zu ritzen, um sich ein Schloß mit Sälen und Gängen zu schaffen.

Ein einziges Fenster mit dunkelrothem Glas warf ein wunderbares Licht auf die bunte Tapete, wo Thiere, Vögel und Blumen sich in einander schlangen; ein Straußenei, das durch die rothe Beleuchtung eine seltsame Feuerfarbe bekam, hing unter der Kuppel. Naomi deutete auf das Fenster, Christian schaute durch und alles draußen lag in der seltsamsten Beleuchtung; er mußte an den brennenden Berg denken, von dem sein Vater gesprochen. Alles stand in Feuerglanz! jeder Busch, jede Blume glühte; die Wolken schienen Feuer in einer Feuerluft; der Storch selbst, das Nest und die Jungen flammten.

»Es brennt!« rief Christian, aber Naomi lachte und klatschte in die kleinen Hände. Sobald die Kinder durch die offene Thür sahen, hatte alles wieder seine frische grüne Farbe, ja, diese schien sogar noch stärker, als da sie draußen im Grünen standen. Der Farbenunterschied der Blumen war wieder da und der Storch stand weiß und mit rothen Füßen wie immer droben.

»Wollen wir Geldverkaufen spielen?« fragte die kleine Naomi, indem sie einen Grashalm durch drei Blätter zog. Das stellte eine Waage vor. Gelbe, rothe und blaue Blätter waren Geld.

»Die rothen sind die kostbarsten!« sagte sie. »Du sollst kaufen, aber du mußt mir etwas geben! Das soll ein Pfand sein. Du kannst mir deinen Mund geben! Wir spielen nur so, ich nehme ihn nicht wirklich. Du sollst mir deine Augen geben.«

Sie machte mit der Hand eine Bewegung, als wenn sie sie wirklich nähme, und Christian bekam von den rothen und den blauen Blättern. Niemals zuvor hatte er so hübsch gespielt.

»Du mein Gott! Christian, bist du da drinnen?« rief Maria und steckte den Kopf halb durch die Oeffnung, der die Kinder sich genähert hatten.

Erschrocken ließ er Naomi's Hand los, verlor die bunten Blumenblätter und kroch durch die Oeffnung zurück, wo sein Empfang in ein paar fühlbaren Schlägen über den Rücken bestand. Die Steine wurden, so gut es ging, wieder eingefügt, und dergleichen Künste, wie es Maria nannte, auf das Strengste verboten; aber sie zögerte etwas mit der Arbeit und betrachtete den Garten; auch pflückte sie die nächsten Erdbeeren und aß sie.

Am folgenden Tage waren auf der Gartenseite dicke Bretter befestigt; vermuthlich hatte Naomi von dem Besuche geplaudert. Vergebens drückte Christian die Steine gegen die Bretter, ja er wagte sogar, daran zu pochen. – – Der Eingang zu dem schönen Blumenland war verschlossen.

Reich und lebendig stand vor ihm die ganze Pracht, Bäume und Blumen, das rothe Fensterglas und die hübsche Naomi. Daran dachte er am Abend, bis er einschlief.

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