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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidd9aa3192
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XI.

Schöne Bilder, schöne Sachen,
Halb zum Weinen, halb zum Lachen,
Wie sich's dreht und geht und steht;
Kommt und seht!

Fr. Rückert.

Wie die arme Frau der Bequemlichkeit halber immer einen kleinen Faden auf der Spule hat, an den sie ihr neues Gespinnst anknüpfen kann, so hat der gemeine Mann in seinem Briefstyl immer einen bestimmten Faden, um damit zu beginnen und weiter zu spinnen, wie: »Ich bin frisch und wohl und hoffe, dasselbe von dir zu hören!« obgleich dieser Anfang mit dem Folgenden gar häufig im Widerspruch steht. So begann denn auch des ehrlichen Peter Wik's Antwort auf Christians Schreiben; das Uebrige lautete wie folgt:

– »Wann nahmst Du denn etwas ein, um toll zu werden?« schrieb er. »Setze mir nicht alle Lappen bei, ehe die Ladung an Bord ist. Gib wohl Acht, daß Du das Bischen bewahrst, was Du im obern Stockwerk hast. Im Uebrigen bin ich bis zum Tode Dein treuer Freund

Peter Wik,
Eigner und Führer des Schiffes Lucie.«

Des Freundes Hand schlägt härter als die des Feindes, und hatte Peter Wik nicht Recht? Christian konnte es nicht ganz läugnen und er war verletzt, nicht gekränkt, gerade wie damals, als Naomi ihn im Zorne verließ, weil er nicht blind ihren abenteuerlichen Planen folgte. Sein Selbstgefühl erwachte und es verdroß ihn tief, daß er ihr nicht ihr Geld vor die Füße geworfen. Jetzt hatte er hundert kecke Antworten, die er ihr hätte geben können. Am andern Morgen erblickte er nur einen Schutthaufen, wo die Heimat gewesen, er hörte die Klage der verlassenen Mutter und gab ihr die Hälfte des Geldes, das wol durch Gunst und Talent, durch eignen Fleiß ersetzt werden konnte; das war sein augenblicklicher Gedanke. Nimm Rath von deinem Freunde, aber nie eine Gabe, die du nicht ersetzen kannst. Er fühlte die Wahrheit dieses Wortes tief und rief es sich ins Gedächtniß zurück, wie oft ihm Naomi kalt und hart entgegengetreten war. »Ich liebe sie nicht mehr!« sagte er. »Sie ist hübsch, aber das ist Alles!« und doch weilten seine Gedanken immer bei ihr, er träumte davon, wie sie an seinem Bette gesessen, ihm die Hand gereicht und wie er einmal einen Kuß auf ihre Wangen gedrückt. Es war ein schöner Traum, die Hälfte von Naomi's Geld hatte er seiner Mutter gegeben; es war die Kette, welche ihn drückte und sie lag doppelt schwer auf ihm, denn seine Mutter war nicht glücklicher geworden.

In der ärmlichen Stube des Häuslers saß sie mit ihrem kleinen Kinde. Die reiche Verwandtschaft des Mannes war ihr nie gut gewesen, jetzt war das Band gelöst, meinten sie; das Kind wollten sie zu sich nehmen, aber das wollte sie nicht lassen, und deshalb mußte sie harte Worte in ihrer Armuth ertragen. Niels saß am Tische und hörte zu.

»Du kannst ja deinen Schneider wieder nehmen!« sagte er. »Mit hundert Reichsthalern ging er davon –!«

»Er bekam weit mehr!« sagte Maria, »aber er gab sein Leben und Blut dafür.«

»Da hat er sich wohl gehütet!« sagte Niels. »Du wirst doch nicht glauben, daß er todt ist; ich habe ihn vor Jahr und Tag gesehen. Er kam eines Abends auf den Hof und der Vater gab ihm einen Hundert- oder Fünfzig- Thalerschein, um ihn aus dem Lande zu schaffen. Wein' deshalb nicht um ihn, du kannst noch Madame werden!«

»Herr Jesus! was sagst du, Kind?« sagte Maria mit gefalteten Händen.

»Ich sage, daß du nichts Schlimmes von meiner Verwandtschaft sagen sollst, weil sie dich nicht füttern will! du hast ja nichts ins Haus gebracht, so kannst du wol auch ohne Etwas gehen! Dein erster Mann lebt und du kannst dich mit ihm begnügen!«

»Der Herr sei uns gnädig!« sagte Maria und lauschte mit schwerem Athem auf das, was Niels erzählte. »Du bist ein böser Mensch!« sagte sie. »Kein wahres Wort geht aus deinem Munde!« und sie brach in heftiges Weinen aus.

In Odense war eine Kunstreitergesellschaft angekommen, welche nach Kopenhagen gehen wollte. Die hübschen Menschen, die prächtigen Pferde wurden viel besprochen: Christian und mehrere Liebhaber unterstützten sie.

Naomi und die alte Gräfin waren in Odense. Sie waren beide sehr befriedigt. Die einzige Dame der Gesellschaft hatte etwas so Anständiges, wie die Gräfin es nannte, daß man durchaus nicht verlegen würde, wenn man ihre schönen Beine betrachtete. Sie stand mit wehender Feder auf dem Hute und der Fahne in der Hand so sicher auf dem Pferde, das zu fliegen schien! Naomi beneidete sie um diesen Augenblick. Die Männer waren alle so herrlich entwickelt, muskelstark und kräftig; die schwersten Kunststücke erschienen bei ihnen wie ein Spiel, doch behauptete man, Einer unter ihnen zeichne sich ganz besonders aus: Ladislaus, ein Pole von 21 Jahren. Sein Muth gehe bis zur Verwegenheit, versicherte man, er sei erst kürzlich von einer schweren Krankheit aufgestanden, deshalb könne er sich noch nicht öffentlich zeigen. Er führte eines von den Pferden vor und Aller Aufmerksamkeit war auf den wirklich idealschönen Mann gerichtet, dessen Gesicht durch die Krankheit mager und gelb geworden war, aber die Züge hatten etwas Keckes, man konnte sagen Uebermüthiges. Die schwarzen Augenbrauen erhöhten den kühnen Ausdruck, aber die Augen hatten etwas innerlich Melancholisches, vielleicht Spuren des leidenden Zustands, in dem er sich befunden. Man nahm allgemein das größte Interesse an ihm, obgleich man noch keine Proben seiner Kunst gesehen. Das Gerücht versäumte nicht, Geschichten von ihm auszusprengen: daß er von Adel sei, durch einen unvorsichtigen Schuß seine Braut getötet habe; Andere wieder wollten wissen, er habe wegen eines Duells sein Vaterland fliehen müssen; ein Dritter sagte, er habe aus Liebe zu einer hübschen Reiterin seine reiche Heimat verlassen und seine Braut sei kürzlich gestorben! Alles war Vermuthung, welche das Gerücht zur Gewißheit machte, aber wie dem nun auch sein mochte, interessant war der blasse, ernste Kunstreiter.

»Ja, er war sehr krank gewesen!« sagte die Gräfin, »und was mag der arme Mensch für eine Pflege gehabt haben? Ich fühle es, denn ich weiß, was Krankheit ist. Das muß ein schreckliches Leben sein, kein Heim zu besitzen, von Land zu Land zu ziehen, nicht mal etwas Haferschleim haben zu können!«

»Das ist ein glücklich Leben!« sagte Naomi. »Ich könnte sie um die wehenden Fahnen und die wogende Feder beneiden!«

»Zuletzt brechen sie aber doch einen Arm oder ein Bein!« sagte die Gräfin, »sie werden unglückliche Krüppel, wenn sie nicht sterben!«

Naomi schüttelte den Kopf und dachte beständig an den hübschen Kunstreiter Ladislaus. Mit Christian hatte sie seit jenem Abend, als sie im Zorne vom Wirtshaus weggegangen, nicht gesprochen; wenn ihre Augen auf dem Kunstreiter ruhten, heftete er seinen Blick auf sie. »Amor et melle et felle est fecundissimus!« sagt Plautus; in Christians Herz stand der Beweis davon.

Naomi und die alte Gräfin hatten den Platz dicht neben dem Orchester. Herr Knepus sprach mit der gnädigen Frau, Christian mußte sein Compliment machen, aber zu Naomi sagte er nicht ein Wort. Die Vorstellung war beinahe zu Ende, da beugte sie sich halb zu ihm herüber. »Gehe mit dieser Gesellschaft als Capellmeister!« flüsterte sie. »Das ist eine gute Gelegenheit.«

»Was gewinne ich dabei?« fragte er mit hartem Tone, denn sein Herz war bereits weich wie Wachs. Er hätte sich im nächsten Augenblick herabbeugen mögen, um ihr die Hand zu küssen und für jeden bösen Gedanken um Verzeihung zu bitten.

»Du gewännest wenigstens, daß du das Klima wechseltest!« sagte sie kalt und sprach nicht mehr mit ihm.

Ja, das Klima war das ewige Hilfsthema in den Streitconcerten der Conversation im gräflichen Hause. Die Dichter und Patrioten mochten soviel sie wollten von der Schönheit Dänemarks sagen, Naomi erklärte doch, daß wir in einem schlechten Klima wohnen. »Hätte der Himmel gedacht,« sagte sie, »daß unser Bewunderungssinn für die Natur sich zu dieser Höhe erheben würde, wären wir sicher wie die Schnecke mit einem Haus auf dem Rücken geschaffen worden, und wären des ewigen Aufpassens auf Mütze, Mäntel und Schirme enthoben gewesen, die jetzt einen so kostbaren Theil unserer Person ausmachen. Unser Jahr besteht, wie in den tropischen Ländern, aus der trocknen und der nassen Zeit, nur mit dem Unterschied, daß die trockene bei uns im Winter ist und die Kälte es ist, welche bindet, die nasse Zeit dagegen nennen wir Sommer und diese gibt uns frische, duftende Wälder, auf die wir mit Recht stolz sind; sie schafft die hübschen Wolkenformationen, die nicht genug bewundert werden, weil die Menge nicht so hoch sieht. Wir können noch schöne Sommertage bekommen, heißt es im September, kommt aber keiner, so tröstet man sich damit, daß es nun zu spät im Jahre sei, um noch ein beständiges Wetter verlangen zu können. Es ist gut, daß das Rauhe herunterkommt. »Wenn der liebe Gott uns nur einen tüchtigen Regen geben wollte, sonst sieht es traurig um den Landmann aus!« Dieser unser eigentlicher Nationalgesang wird jedes Jahr gesungen, wenn die Erde nicht wie ein Brei aussieht. Den Menschen, der zwei- oder dreimal im Leben seinen Nächsten betrügt, nennen wir und mit Recht einen schlechten Menschen; den Sommer aber, der tüchtig an unserer Gesundheit nagt, den Sommer, auf den nicht ein Paar Tage zu trauen ist, so daß man immer sein Schneckenhaus mit sich führen muß, den dürfen wir nicht schlecht heißen. Wir sollen an den Vortheil des Bauern und nicht an unsre Freude denken! sagt man immer zu mir, aber der Bauer ist ja auch nicht zufrieden. Ist es wirklich ein schlechtes Jahr für ihn, so sagt er und hat Grund dazu: »Herr Gott, heuer bekommen wir nichts!« Ist der Herbst dagegen gesegnet, so sagt er wieder: »Herr Gott, nun gibt es so viel im ganzen Lande, daß man nichts dafür bekommt!« Er klagt eben immer! Sollte uns das nicht auch vergönnt sein, uns, die wir Sinn für Naturschönheit haben? Ach, diese vergeht ja so rasch wie der Regenbogen, wenigstens sehen wir beide unter denselben Bedingungen – immer mit einem kleinen Schauer!«

Das waren Naomi's Anschauungen. Vaterlandsliebe besitze sie keine, sagte die alte Gräfin und Christenthum habe sie auch nicht, versicherte Herr Patermann. Konnte er sie auch nicht gerade zum Antichristen machen, so erklärte er sie doch im Verhältniß zu diesem für einen weiblichen Täufer Johannes, der auf dessen baldiges Erscheinen hinweise. In religiöser Hinsicht war ihre Anschauung weder ascetisch noch hellenisch, eher war sie eine vorauseilende Parteigängerin des »jungen Deutschlands«. Man wird dagegen einwenden, daß sie keinen Einblick in die Philosophie hatte, aber man braucht sie nur ganz homöopathisch genossen zu haben, um so gut wie der größte Theil dieser Schule zu sein, wenn man nur eine gewisse Beredtsamkeit besitzt und das sogenannte elfte Gebot zu befolgen weiß.

Herr Patermann brummte die alte Weise: »ein schlechter Christ!« und die alte Gräfin sang ihr: »Dänemark, schönste Au' und Wiese!« und meinte, kein Land übertreffe das unsrige; sie kannte freilich kein anderes.

»Ich bin kein Dichter, der singt, um den Dannebrogsorden zu bekommen!« sagte Naomi, »ich bin kein patriotischer Redner, der einen Platz im dänischen Standesbuch: dem Staatskalender, haben will; was hübsch ist, erkenne ich an, und machten die Andern nicht so viel Wesens davon, würde ich vielleicht auch begeistert sein.« Es war die Wahrheit; sie bewunderte vielleicht mehr als jene den grünen, duftenden Wald, die kühn geformten Wolken, das Meer und die Hünengräber mit den blühenden Brombeersträuchern, aber sie wußte auch, daß es größere Schönheiten in Gottes Welt gab, und daß das Klima bei uns elend ist.

»Du solltest eben dahin reisen, wo es besser ist.« Das war der ewige Refrain der Gräfin auf Naomi's Klimaweise.

»Ich denke auch daran!« lautete die Antwort.

So ging der Sommer 1819 hin; eine Reise, freilich eine ganz kleine, ein Winteraufenthalt in Kopenhagen stand bevor. Naomi sollte sich in einem dem gräflichen verwandten adeligen Hause aufhalten, wo alles Reiche und Glänzende sich zusammenfand, wohin natürlich auch die Schöngeister des Landes kamen, deren Humor und Geist meist in solchen Häusern als eine Art öffentlicher Springbrunnen betrachtet wird; sie werden eingeladen, um ihn vor den andern Gästen springen zu lassen. Naomi freute sich besonders auf dieses geistige Schaugericht, ja war schon glücklich bei dem Gedanken an den Uebergang von der Krankenstube zum Gesellschaftssaal, von Herrn Patermanns Reden zu Schauspiel und Oper. Nun war sie ja Dame; sie sah ihre Schönheit, sie begriff ihren Verstand, aber es fiel ihr doch nicht ein, daß sie in dem vornehmen Hause sich auf diese beiden stützen könne, weil der Stammbaum fehlte.

»Endlich soll ich zu leben beginnen!« jubelte sie. »Endlich entkomme ich aus der Bastille!« Ob wir um ihres Glückes willen auch hätten wünschen sollen, daß sie wenigstens noch ein Jahr geblieben wäre – das wird die Zeit lehren.

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