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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 27
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
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X.

Man studirt sich zum Prediger. Gut, ruft nicht auch eine gesprungene Glocke die Gemeinde Gottes zur Andacht?

Pique Dame.

 

Er soll in dem vollen und festen Glauben gestorben sein, baß sein Volk das herrlichste auf Erden und trotz all' seiner Entartung und all' den Drangsalen doch das einzige und auserwählte Volk Gottes sei.

»Der alte Rabbiner«, Novelle von Bh. Ingemann.

Wenn eine Herrschaft Jemanden in den Dienst nimmt, so sieht sie nicht blos auf seine wesentliche Brauchbarkeit, sondern auch ob er nichts Lächerliches in seinem Aeußern oder in seiner Aussprache hat. Wer öffentlich auf der Bühne auftritt, muß ein Aeußeres haben, das zu den Charakteren paßt, welche dargestellt werden sollen, um auf würdige Weise des Dichters Werk zu geben. Das Organ namentlich ist von Wichtigkeit. Der Geistliche dagegen, der doch das Organ Gottes selbst ist, er darf bei uns mit der elendesten Rednerstimme, dem lächerlichsten Vortrag auftreten. Wir haben singende, näselnde, affectirte Prediger, die gewöhnlich die Fehler der Hauptstadt-Prediger aufgegriffen, welche zu ihrer Zeit glänzten. Wie man in alten Zeiten nicht glaubte, daß die Bibel in die Sprache des eignen Landes übersetzt werden könne, so glauben manche vom Volk auf dem Lande, daß die Bibel laut nur mit affectirter Betonung gelesen werden dürfe, wie sie den Prediger Gottes theures Wort haben vortragen hören. Statt natürlich von Brust und Herz weg zu sprechen, seiner Gemeinde als Mann fest ins Auge zu blicken, stehen sie wie ein kalekuttischer Hahn da und werfen den Kopf nach der einen Seite und die Augen nach der andern. Gottes Wort soll wie der heilige Abendmahlswein aus dem reinen, offnen Silberpokal gereicht werden.

Alle diese Eigenschaften, welche ein Geistlicher nicht besitzen sollte, fanden sich bei dem Prediger des Gutes, Herrn Patermann, der nach der alten Gräfin Wunsch Naomi confirmiren sollte. Nicht umsonst lag der Honig und das Zischeln der schleichenden Schlange in seinen Worten; etwas Weichliches, Süßes, Einschmeichelndes ruhte auf den beständig lächelnden Lippen; er kehrte, wie der Elfenkönig seine Schönheit den Leuten zu, war aber wie jener ein hohler Bruder. Nach dem dänischen Volksglauben sind die Elfen hinten hohl, wie ein Mehltrog. Die Gouvernante fand, daß er ein Apostelgesicht habe, fand, daß sein Umgang, wie sie es nannte, Poesie in der Prosa des Lebens sei. Wir können nicht ihrer Ansicht sein. Höchst seltsam wandte er gute Einfälle an, da diese nie bei ihm durch den Augenblick hervorgerufen wurden. Er verstand es nicht, die Gedanken Anderer mit den seinigen zu multipliciren und das Produkt zu geben, eher subtrahirte er sein Minus von einem gegebenen Plus. Der Mann gefiel Naomi nicht.

»Herr Patermann soll also einen Menschen aus mir machen!« sagte sie und durchlief in Gedanken alle seine hervortretenden Eigenschaften. Er war ihr lächerlich und das darf der, welcher das Heilige vorträgt, am allerwenigsten sein. Sie achtete ihn nicht und es bot sich also genug Gelegenheit für ihren Oppositionsgeist. Die Konfirmationsvorbereitungen wurden auf solche Weise Disputationsübungen, aber alles in gebührender Demuth gegen das herrschaftliche Fräulein, dafür ging es über die sündige Dorfjugend los. Er benahm sich wie jener Lehrer, der den Sohn des Reichen mit seinem eignen unterrichtete und wenn jener einen Fehler, gemacht, seinen eignen mit der Versicherung schlug: »Du bist mein eigen Fleisch und Blut, dich darf ich schlagen!«

Gewöhnlich ritt Naomi zum Pfarrhof hinab und der ehrwürdige Lehrer hob das gnädige Fräulein selbst vom Pferde. Der Knabe des Hirten sprang heute hinzu, um es zu halten, denn er hatte von der Häuslersfrau den Auftrag, das Fräulein zu ersuchen, etwas bei ihr einzutreten, es liege ein Mann im Sterben, der darum bitte.

»Was ist das für ein Geschwätz!« sagte der Pfarrer. »Sie ist ja Wittwe. Das ist Lüge, Bettelei und Erfindung!« Damit führte er Naomi in die große Stube. Sie kamen gerade, als von dem barmherzigen Samariter gelesen wurde.

»Das war eine schöne Handlung, die wir nachahmen sollen!« sagte der Pfarrer.

»Also hätte ich gleich heute zur Häuslersfrau gehen müssen!« antwortete Naomi.

»So muß man es nicht anwenden!« sagte Herr Patermann, »Hier zu Lande sind die armen Leute Lumpenpack, zusammengesetzt aus Lüge und Kniffen. Hier kann man nicht handeln wie in den orientalischen Geschichten!« und er lachte, denn er glaubte, etwas Witziges gesagt zu haben.

In dem ärmlichen Hinterhaus der Häuslersfrau, wo die einzige Kuh an die Krippe gebunden stand, lag ein Sterbender auf der Streu; ein alter Sack lag über seinen Füßen. Niemand war bei ihm außer der Kuh, welche den Kopf über den Verschlag streckte. Die magern Hände spielten kraftlos mit einander.

Die Thüre ging auf und die Häuslersfrau kam mit einem kleinen Topf Wasser, stellte sich vor ihn hin und klagte halb scheltend, halb weinend: »Herr Jesus, nun liegt er da und stirbt mir noch, der elende Mensch! Das hab' ich davon, daß ich ihm erlaubte, heute hier über Nacht zu bleiben. Der Tod sah ihm ja schon aus den Augen, als er gestern kam. Gott steh' mir bei!«

Der Sterbende hob den Kopf etwas und lächelte, dann schloß er die Augen wieder.

»Das Fräulein wird nicht kommen!« sagte die Frau. »Das wußte ich wohl und der Pfarrer wurde bös darob! Ich werde das schon noch hören müssen.«

Der Sterbende seufzte tief. Plötzlich richtete er sich halb auf, deutete auf die zusammengebundene Kiste und sah die Frau an.

»Soll ich sie öffnen?« fragte sie.

»Ja!« flüsterte er.

Plötzlich erhellten sich seine Augen, er streckte seine Hände aus, denn Naomi stand vor ihm; sie war durch die offne Thür eingetreten.

»Ich habe dich früher gesehen!« sagte sie; »immer wenn wir uns begegneten, grüßtest du mich so ehrerbietig. Immer sahst du mich so wunderlich an. Ist das Wasser, was du ihm gibst?« fragte sie die Frau. »Schaffe etwas Besseres herbei!«

»Ja, ein Tropfen Branntwein könnte ihm gut thun!« sagte die Frau; »aber es ist seit vierzehn Tagen keiner in mein Haus gekommen.«

»Hole Wein!« sagte Naomi und gab der Frau Geld. Diese sah sie mit verwirrten dummen Blicken an und verweilte noch einige Augenblicke.

Die Sperlinge flogen auf den Steinboden herein und flogen zwitschernd wieder hinaus. Der kalte Wind blies durch die Mauerspalten. Es war, als wenn der Sterbende wieder auflebte und Worte auf seine Lippen kämen.

»Soll ich dich also doch wiedersehen, Naomi!«

»Du weißt meinen Namen?«

»Ich wußte ihn, ehe du ihn selbst kanntest!« Dabei sah er sie mit kummervollem Blicke an. »Ich habe dich auf meinen Armen getragen, aber du kannst dich des armen Joel nicht mehr entsinnen.«

»Ich sah dich früher!« sagte Naomi. »Aber du kamst nie auf das Schloß!«

»Ich durfte nicht,« sagte er, »und ich wollte auch nicht.«

»Was hast du mir zu sagen?«

Er zeigte auf das offne Kistchen. Was barg er darin? Was hatte er zu sagen? Könntest du das Zwitschern des verachteten Sperlings verstehen, so würdest du verstehen, was dieser und Naomi zu hören bekamen! Könntest du die Töne erfassen, die der kalte Frühjahrswind auf seiner Pansflöte, der baufälligen Pflockmauer, bläst, da wüßtest du, was Naomi nachdenklich machte, weshalb sie auf dem Heimweg im Schritte durch das Gehölz nach dem Schlosse zurück ritt.

»Ist nicht das Judenthum der Vater des Christenthums, ein umherwandernder Odysseus, der von dem jüngeren Geschlechte verspottet wird?« War es das, worüber sie grübelte, oder vielleicht der Vortrag des Geistlichen über den barmherzigen Samariter? Ihre seinen Finger blätterten in einem Buche und das Auge starrte mit jener Begierde hinein, wie der Goldmacher in den Schmelztiegel starrt, wo die Pulver gemischt werden. War es Balles Lehrbuch oder das Psalmbuch, die neue, verbesserte Ausgabe, aus der prosaische Hände die duftenden Blätter der Poesie gepflückt? Das Format war zu groß, der Einband zu alt und die Blätter nur Papier mit verblaßter Schrift. Es war des vornehmen Fräuleins Erbtheil von mütterlicher Seite. Darin standen Verse und Gedanken und zwischen den Blättern lagen einzelne lose Papiere.

»Ist es eine Schande, einem weltberühmten Volke anzugehören?« war ihr Gedanke. »Meiner Mutter Vater war reich gewesen. Joel war sein Diener, sein alter, treuer Diener. Als ich verlassen war, als Alles in Feuer und Asche lag, gab er mir ein Heim, hier, wo es ist und sein soll. Das alte treue Herz!« Die Thränen drangen aus ihren Augen, wurden aber unter den dunkeln Wimpern zerdrückt.

»Fräulein, er ist todt!« rief die Bauersfrau, die ihr auf den Strümpfen nachgelaufen kam.

Naomi hielt inne.

»Ist er todt?« sagte sie. »Sprich, was sagte er zu Euch, als Ihr nach mir schicktet?«

»Er sagte nur, ich sollte Euch holen, sonst könne er nicht sterben. Ich wußte, daß Ihr heute bei Pfarrers waret –«

»Ihr habt ihn nicht verstanden!« sagte Naomi kalt. »Deshalb habt Ihr Euch so thöricht benommen. Ihr schickt nach mir, die niemals zuvor mit ihm gesprochen hatte. Ich kenne ihn nicht. Ihr werdet wenig Dank davon haben, wenn man es auf dem Schlosse hört. Aber ich werde schweigen, das verspreche ich Euch, seid nur selbst davon still. Sagt dem Vogt, daß der Mann todt ist.«

»Herr Gott, Ihr kanntet ihn nicht?«

»Ich?« sagte Naomi und sah sie mit einem eiskalten Ausdruck an. »Woher sollte ich den alten Juden kennen?«

Und sie ritt fort, aber ihr Herz pochte heftig.

»Armer Joel! Gott hat dein Volk verläugnet, so kann wol auch ich dich verläugnen!« Und sie zog das Buch heraus, das sie versteckt hatte und las darin, spornte dann das Pferd und jagte fort nach Hause.

Der ärmste Bauer hat sein Grab in der geweihten Erde des Kirchhofs; kann seine arme Verwandtschaft ihm nicht ein Kreuz auf sein Grab schenken, so spannt sie doch ein Stück Leinwand zwischen Weidenzweigen auf und schreibt mit Tinte seinen Namen und Todestag darauf. Der ehrliche Joel, welcher den verkohlten Leichnam seines Herrn forttrug, um ihm ein geweihtes Grab zu geben, bekam selbst eines außerhalb der Steinmauer des Kirchhofes, wo die Kuh der armen Häuslersfrau am Raine graste. Nach vier Tagen sah man nur noch Spuren des weißen Sandes, den sie auf das Grab gestreut hatte. Später aber warf die Jugend, in der noch etwas von dem bösen Thier steckt, Steine darauf, denn sie wußten, daß dort ein Jude lag. Und die verachteten Sperlinge setzten sich aus die Steine und zwitscherten ihr Lied und die kalten Frühjahrswinde bliesen aus ihrer Pansflöte: dem verfallenen Zaun.

Es liegt etwas Magnetisches im Lesen, wir blicken auf die schwarzen Buchstaben und durch das Auge zieht ein lebendiges Bild in die Seele; das ergreift uns wie die mächtige Wirklichkeit. Naomi las in dem Buche und in den Briefen und das Haus, das einst in Kohle und Asche gesunken, stand wieder vor ihr mit den alten geschnörkelten Schränken und der Inschrift an dem Thürpfosten: »Jerusalem, vergesse ich deiner, so werde ich meiner Rechten vergessen.« Die hübschen Levkojen dufteten und die Sonne schien durch das rothe Glas des Gartenhauses herein, in dem das Straußenei unter der Decke hing.

Die alte Gräfin hatte doch die Wahrheit von ihrer Mutter gesagt, aber sie hatte nichts von dem Norweger erzählt, der ihre Zusammenkünfte belauschte und in der Dunkelheit der Nacht selbst statt des Grafen zu der Wartenden hineinschlich, wo es still war, wie wenn der Wurm den Stengel zernagt, der die reife Eichenfrucht trägt Da kam der rechte Buhle und das Flüstern der Verleumdung wurde zu giltigem Beweise. Der Liebe Glück ist groß, aber der Liebe Schmerz ist noch größer Die hübsche Sara weinte wie Susanna, Hilkias Tochter, aber kein Daniel zeugte: »Ich bin unschuldig an ihrem Blute!« Die Papiere boten manchen inhaltreichen Commentar darüber, aber Lectüre für eine Konfirmandin war es nicht.

»Der Norweger ist Naomi's Vater,« stand mit zitternder blasser Schrift da; der alte Joel hatte es geschrieben. »Es war ein Meuchelmord deines unbefleckten Rufes, arme Sara! Verstoßen, erfüllt von Haß gegen den Vater deines Kindes, hattest du doch nur ihn, in seine Arme fielst du mit Verwünschungen und er drückte Todtenstille auf deine Lippen. Aber deine Klagen hatten den bösen Geist in ihm geweckt; du bist von ihm ermordet. Israels Gott ist ein strenger, ein rächender Gott an den Kindern bis ins vierte Glied!«

»Der Norweger ist mein Vater!« sagte Naomi, »Ist das gewiß? O, meine Mutter! Durch dich gehöre ich jenem verstoßenen Volke an. Diese Gewißheit kann nichts erschüttern!« Sie stellte sich vor den Spiegel. »Ich habe nicht die blonden Haare und blauen Augen des Nordländers, ich habe nichts, was darauf deutet, daß ich unter dem Nordlicht und unter Nebeln geboren bin. Mein Haar ist schwarz, wie das der Kinder Asiens. Meine Augen und mein Blut sagen, daß ich einer wärmeren Sonne angehöre!«

Und sie las in dem alten Testament mit einer Begierde, wie der Adelsstolze in seiner Stammtafel liest. Ihr Herz schlug laut bei den kühnen Frauen, von denen die Schrift spricht: der muthigen Judith und der klugen Esther.

»Meiner Mutter Volk war ein erleuchtetes, siegreiches Volk, als der Norden nur wilde Horden kannte. Das Rad hat sich gedreht!«

»Das gnädige Fräulein ist eine Antichristin im Glauben!« sagte Herr Patermann beim Unterricht und wirklich hätten ihre Fragen einen bessern Geistlichen als er war, in Verlegenheit bringen können. Sich selbst überlassen, schossen ihre Gedanken kühn, oft nur zu kühn hervor. Ihre Umgebung übersah sie und es war ihr eine große Freude, dem frommen Seelsorger zu opponiren und ihn aus dem Texte zu bringen, wie es oft der Fall war. Sie wollte Wissen, was Mohammed sein Volk gelehrt, sie wollte die Weisheit der Braminen hören, wie sie an den Ufern des Ganges verkündet wurde. »Alles muß man kennen, um das Beste zu wählen!« sagte sie. »Den Kranken und Schwächlingen darf man nur ihr bestimmtes Gericht geben, aber ich bin stark genug, um von Allem zu kosten.« Bei solchen Worten verneigte sich Herr Patermann tief und dachte bei sich: »Kommt Jemand ins ewige Feuer, so ist sie es.« Und Alles, was nicht recht an Naomi war, wurde der alten Gräfin hinterbracht; und sie meldete wieder Alles dem Sohne. Die Gouvernante, die gar nicht dazu paßte, Naomi zu leiten und zu entwickeln, war in der Gräfin Dienst als Vorleserin, Pflegerin und Conversationsperpendikel übergetreten. Lange Zeit hatte sie Naomi lieb gehabt, als diese jedoch sich über ihre deutschen Poesien lustig machte, ging sie zur Gegenpartei über. Der Engel des Herrn, der Hagar von dem Sohne prophezeit hatte, den sie gebären würde, schien auf Naomi zu ruhen, wie er auf Ismael geruht hatte: »Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wird gegen Alle und Alle gegen ihn sein!« Was die Gräfin, den Pfarrer und die Gouvernante betraf, so waren sie sehr hart gegen sie. »Ich weiß wohl,« sagte Naomi, »daß, wenn die Moore dampfen, sich leicht dunkle Wolken sammeln. Aber ich habe gerade meine Freude am Unwetter, namentlich an einem solchen arrangirten Unwetter. Meine Herren wollen sie sein! Der Graf allein ist mein königlicher Herr. Werden sie mir zu unerträglich, spielen sie Haman's schlimme Rolle, so werde ich kühn wie Esther und wenn man es am wenigsten erwartet, trete ich vor ihn. Es war eine mächtigere Hand denn die des blonden Ludwig, welche die Feder führte, als meine Person auf dem Passe beschrieben wurde, welchen der Jammerpeter, der Bube in Odense haben sollte!« Und sie las wieder von Abrahams reichen Heerden von Davids Siegen und Salomo's Pracht. Auf Roms Forum steht die Ruine eines heidnischen Tempels, und mitten in diesem zwischen den hohen Marmorsäulen ist eine christliche Kirche erbaut; das Alte und das Neue stützen sich hier gegenseitig, aber des Beschauers Blick ruht vorzugsweise auf den Resten des Tempels: so auch weilten Naomi's Gedanken beim Judenthum, indem sie es als mit dem Christenthum zusammengebaut betrachtete. Während im Allgemeinen bei der Jugend die Phantasie jede Mythe in Wirklichkeit verwandelt, begann bei ihr die Straußische Verdunstung, die alles Historische in Mythen auflöst. Es entwickelte sich in ihr eine Anschauung in Religionssachen, wie sie sich in unserer Zeit bei Einzelnen in Deutschland auszusprechen beginnt, eine Art Freigeisterei. Sollte man übrigens genauer bestimmen, was sie eigentlich im Confirmationsjahre war, so würde man sie richtiger eine Jüdin nennen, als ihr den Namen einer Christin geben. Prächtiger schwebte ihr der donnernde, streng richtende Jehova vor, als der milde Geist, dem wir ein »Abba, Vater!« zurufen können. Was sie davon im alten Testamente las, das verknüpfte sie mit den Erinnerungen ihrer Jugend, und sie dachte an Joel, an das letzte Gespräch mit ihm.

Auf seinem Grabe graste die Kuh der Häuslersfrau, als sie das erste Mal an dem Orte vorüberging. Sie sah über die Steinmauer hinein und lächelte.

»Drinnen oder draußen? Die Würmer nagen gleich gut. Die Bibel verkündet die Auferstehung und die Bibel ist Gottes eignes Wort, sagt man mir; aber in demselben Buche steht auch: »Eine Wolke vergeht und fahret dahin, also wer in die Hölle hinunterfährt, kommt nicht wieder herauf.« Hiob 7,9. Das muß ja auch wahr sein, denn das steht in der Bibel. Ich muß das Eine glauben wie das Andere. Es gibt keine Unsterblichkeit, steht da. Jehova's vollkommenstes Geschöpf muß gleich Menschenwerk in Staub fallen, früher selbst aufhören, als die Statue welche der Staub gebildet hat. Alle Geschöpfe, alle Himmelskörper zerfallen; wenn auch Millionen Jahre vergehen, sie müssen fallen. Einsam schwebt Jehova über den Ruinen seiner Werke, einsam über einem Chaos, wie er es ja von Ewigkeit gethan! »Wie die Wolke hinfährt und verschwindet, so wird auch Keiner aus dem Grabe aufstehen,« hat mir die Bibel gesagt. »Meine Tage fliegen dahin wie ein Weberschifflein und sind hoffnungslos verschwunden.« Also lebe rasch, aber lebe! Athme Freude ein und zerbrich in einem Nu.«

Am folgenden Sonntag rauschte der Atlas über den Boden der geschmückten Kirche, wo die Zweige in Guirlanden herabhingen und die rothen Altarlichter brannten. Naomi nahm den ersten Platz ein; sie war die Erste unter den Confirmanden, also auch die Beste. Keine antwortete wie sie, Keines gab besser als sie den Beweis, daß sie ihr Christenthum gelernt habe.

Der Wagen rollte von der Kirche weg, die Radspur ging über Joels Grab.

»Heute habe ich zur Fahne der Christen geschworen!« sagte Naomi gedankenvoll. »Sie haben mich dazu aufgezogen, sie haben mir zu speisen und zu trinken gegeben, daß ich Eine der Ihrigen werde. Ein Ueberläufer wird gestraft, daß weiß ich. Ob man bei der Reiterei oder der Infanterie steht, kommt auf eins heraus, wenn es nur ein König ist, dem man dient!« Sie wurde nachdenklich. »O Gott, ich bin auch so allein in dieser Welt!« sagte sie und das Wasser drang ihr in die dunkeln Wimpern.

Der Diener rief sie zu der festlichen Mahlzeit. Herr Patermann führte die alte Gräfin zu Tisch. Naomi war in Atlas und trug eine rothe Rosenknospe an dem pochenden Herzen.

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