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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX.

Les passions sont les vents, qui font aller notre vaisseau, et la raison est le pilote, qui le conduit. Le vaisseau n'irait point sans les vents et se perdrait sans le pilote.

Esprit des esprits.

Ein schöner Wintertag, wenn der Reif auf den Baumzweigen liegt, und die schwarzen Krähen im klaren Sonnenschein über den Schnee hinfliegen, kann die Reiselust wecken. Ein ganz anderes Aussehen hatte der Tag, als Christian nach Odense fuhr. Ein feuchter Nebel lag über der Gegend, schwarze, kühle Hecken mit großen Wassertropfen ragten aus dem schmutzigen Schnee hervor und doch reizte gerade dieser Anblick seine Reiselust, sein Sehnen nach romantischen Abenteuern. Ein magischer Kreis von Regen und Kälte erschien ihm die Heimat; nur fort, hinaus, und Alles war Sonnenschein und Warme.

»Hier würde sich mein Glück, wie der Sommer nur langsam entwickeln; ich will der Heimat entfliehen, dem Glücke entgegen.«

Eine Nacht Schlaf unter dem heimischen Dache, wo keine Naomi ihn begeisterte, brachte wieder Ruhe in sein Blut. Er dachte an Peter Wik, erinnerte sich, wie viel dieser Mann für ihn gethan und fühlte nun, wie häßlich er ihm lohnte.

»Aber wenn ich nun als ein ausgezeichneter Mann zurückkäme, welche Ueberraschung, welche Freude! Doch wie beginne ich das? Die Bibel soll mein Orakel sein.« Er schlug das heilige Buch auf und las im Evangelium Jesu Wort an den Gichtbrüchigen: »Steh' auf und nimm dein Bett und gehe heim.« – »Ja, Gott will es! Durch seine heilige Schrift spricht er zu mir. Ich habe ja auch Naomi's Geld! Welche ungeheure Summe! Ich bin reicher, als ich jemals war. Ich gehe nach Deutschland.«

Am wenigsten ließ sich Herr Knepus in den Sinn kommen, was seinen Eleven beschäftigte, wenn dieser ihn nach Goslar, Braunschweig und seinen Reisen durch Norddeutschland fragte. Es wurde eine Art Plan entworfen, nur mangelten zwei wesentliche Dinge, nämlich zu wissen, wohin er eigentlich wollte, und dann ein Paß, der diese Reise ermöglichte. Was jedoch den Paß betraf, so besaß Naomi in dieser Hinsicht mehr Umsicht und größere Klugheit; einen Paß glaubte sie beschaffen zu können.

Der blonde Ludwig, des Polizeidirectors Sohn, dessen Blicke nach ihr die Noten ungefähr ausdrückten, nach welchen Persiens Nachtigall ihre Lieder an die Rose singt, er mußte einen Paß schaffen. Er war ja die linke Hand auf dem Bureau, wo der Vater die rechte war, und weshalb soll die Rechte wissen, was die Linke thut. Er mußte einen Paß schaffen und dieser sollte auf »verschiedene europäische Länder« lauten. Es war Naomi's erste Bitte an ihn und der blonde Ludwig mußte sie erfüllen. Er war ja verliebt und besaß jugendlich Blut –! kühne Schlingpflanzen, welche tragen und nicht brechen; aber zwischen den Folianten des Rathstuben-Archivs, unter den staubigen Balken des Verhörzimmers wuchs ein drittes Kraut: die Vorsicht, und an dieses dachte sie gar nicht. Der blonde Ludwig trank dies jeden Morgen und jeden Abend im Thee und deshalb gab er ihr zwar in aller Heimlichkeit einen Paß, lautend auf verschiedene europäische Länder und giltig für einen jungen Musikus von 16 Jahren, auch stand Christians Name darin, aber um das Ganze todt und werthlos zu machen, war Naomi beschrieben: die braunen funkelnden Gazellenaugen, der feine, schlanke Bau, das kohlschwarze Haar. Niemand als sie konnte auf diesen Paß reisen. Daß ihr und nicht Christians Aeußeres darin stand, konnte er damit entschuldigen, daß sie ihm vorgeschwebt, daß sie allein ihn erfülle und darum sei sie und nicht der, für den er eigentlich bestimmt war, beschrieben worden. Mit diesem Paß konnte Christian nicht einmal durch Jütland kommen.

Die Osterferien hatte er als Zeitpunkt für seine Flucht bestimmt und diese wollte er dadurch verdecken, daß er sich die Erlaubniß erbat, seine Mutter und seinen Stiefvater zu besuchen, die er ja seit seiner Flucht aus der Heimat nicht mehr gesehen. Die Leidens- und Gefangenschaftstage des Herrn sollten für ihn die der Freude und Freiheit werden.

Was konnte er denn auch lernen bei Herrn Knepus? Wozu sollte sein Aufenthalt hier führen?

Er schrieb an Naomi und benachrichtigte sie von dem Tage, an welchem er seine Wanderung beginne und bat sie deshalb aufs Inständigste um eine Begegnung in dem Wirthshause, das eine halbe Meile von dem Gute des Grafen lag: dort wollten sie sich zum letzten Male sehen und einander Lebewohl sagen. Der Brief wurde abgesandt und nun stand sein Entschluß fest, wie der des Cäsar am Rubikon. O, daß er sich doch hatte Lucien vertrauen dürfen, aber ihre Gedanken gingen nicht so hoch; sie hätte ihn ausgelacht oder die Ausführung seines Entschlusses zu verhindern gesucht.

Der wichtige Tag näherte sich und er schnürte sein kleines Bündel zusammen, löste es aber wieder auf; immer gab es etwas, was er noch mitnehmen sollte, und die früher eingepackten Sachen mußten dann immer wieder heraus. Nur von der Geige und der Bibel konnte er sich nicht trennen.

Alles, was Peter Wik für ihn gethan, drängte sich seinem Dankbarkeitsgefühl immer lebendiger auf; die Thränen flossen ihm über die Wangen. Er ergriff Feder und Papier, schrieb seinen Abschied und bat ihn um Verzeihung. Aber kaum war er geschrieben, so wurde er auch wieder zerrissen. Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke, die Augen funkelten, seine Hände falteten sich, es wurde ein Entschluß gefaßt. Rasch schrieb er einen langen Brief, las ihn durch und jubelte: »Ja, so! Nun habe ich Ruhe in meiner Seele. Naomi wird auch zufrieden sein. Der gute Gott hat es mir eingegeben!« Er legte sich froh zur Ruhe und schlief ohne Traume.

In früher Morgenstunde fuhr er mit guter Gelegenheit nach Nyborg.

Naomi hatte seinen Brief empfangen und war ganz erfüllt von dem kühnen Abenteuer, zu dem sie den Anstoß gegeben, deshalb wollte sie mit ihm im Wirthshause zusammentreffen, aber Niemand durfte etwas davon erfahren. Sie konnte leicht fortkommen; sie durfte ja nur einen Ausritt machen. Aber sie wollte nicht gern im Wirthshause erkannt sein, da es ja nur ein einfacher Knabe war, mit dem sie da zusammentreffen sollte.

In aller Eile machte sie einen Besuch beim Gärtner, einem schlanken, kleinen Manne, der für seinen Stand hübsch gekleidet ging.

»Ich habe einen Scherz vor!« sagte sie, »leihe mir deine Sonntagskleider.«

Dann schlich sie sich in den Stall, sattelte selbst das Pferd und eine Viertelstunde später jagte sie als Gärtner verkleidet durch die Pappelallee, ein kleiner kühner Reiter; er schwang den Hut vor dem Viehhüter, der damit beschäftigt, Sohlen an seine Strümpfe zu nähen, die Gitterthür öffnete.

»Sorgt für mein Pferd und gebt mir das beste Zimmer!« sagte Naomi im Wirthshause.

O, wie oft sah sie nicht den Weg entlang und er kam nicht! Wie genau studirte sie nicht alle Namen, die in die Scheibe geritzt waren! Das war über drei Stunden ihre einzige Unterhaltung.

»Man wird sehen, er kommt nicht. Er hat nicht den Muth!«

Und doch kam der Held, aber spät, sehr spät; er war müde und warm von einer langen Wanderung.

»Endlich kommst du!« sagte sie. Er stutzte, als er das verkleidete Mädchen sah, aber bald begannen die gegenseitigen Mittheilungen. Er erzählte, was ihn so ganz erfüllt und beschäftigt hatte und reichte ihr dann den Brief, den er geschrieben, um ihn Peter Wik zu senden. Es war kein Lebewohl, es war ein ehrliches Geständnis; seines ganzen Plans, doch Naomi blieb dabei verschwiegen. Er sprach darin seine ganze phantastische Anschauung von der Welt aus, seine feste Ueberzeugung, daß er sein Künstlerglück draußen versuchen müsse und welch' ein großer Mann er da werden würde. Er bat Peter Wik um die Erlaubniß zu reisen, ohne diese würde ihm sein Gewissen keine Ruhe lassen. Den Brief sollte Naomi zuerst lesen, dann wollte er ihn absenden, und zu Hause bei seinen Eltern die Antwort abwarten.

»Ist das dein Ernst?« fragte Naomi. »Das konnte ich erwarten! Du wirst nie ein großer Mann werden!« Und sie ging aus dem Zimmer, wollte nichts mehr mit ihm zu thun haben, verlangte ihre Rechnung und jagte in dem dunkeln Abend heim.

Christian blieb allein zurück; ohne Abschied hatte sie ihn verlassen. Ihr Geld hatte er noch; das brannte ihn wie Feuer.

Den Schleier der Nacht durchwebt der Traumgott mit Arabesken, den seltsamsten, welche die Phantasie schaffen kann. Sie besitzen zu gleicher Zeit die Kraft Michel Angelo's, die sinkenden Seelen am Tage des jüngsten Gerichtes zu malen und Raphaels weiche Schönheit in der Darstellung des Himmlischen. Dieselbe Kühnheit in der Ausmalung der Extreme: Verzweiflung und Hoffnung liegen im Jugendherzen und die Uebergänge sind hier ebenso plötzlich, nur daß das Jugendherz sich mehr an das Lichte hält; malt es auch einen Augenblick in seinem tiefen Schmerz ein dunkles feuchtes Grabgewölbe, wo nur Salpeterschwämme fortkommen, und nennt dies Erdenleben, ja, zeigt es uns, um noch stärker sein Leiden anschaulich zu machen, eine auf dem Boden liegende weggeworfene Rosenknospe, die verdorren und entblättern muß, als ein Bild seiner selbst, so setzen wir nach und nach, wie es Wurzel faßt, Zweige und Knospen treibt und das ganze Gewölbe eine Rosenlaube wird, wo bald zwischen Knospen und Grünem die warme Frühlingssonne scheint, und der blaue Himmel hervorschaut.

Eine solche Veränderung ging in dieser Nacht auch in Christians Seele vor sich, während er auf gut Glück die labyrinthischen Nebenwege ging, die in der Richtung von Oerebäk führten.

Das Grüne ist die Farbe der Hoffnung. Man hat das Bild vom Frühling entlehnt, wo das erwachende Leben sich so in Au und Wald offenbart. Aber ist nicht die Wiedergeburt des Morgens aus der Nacht weit mehr allegorisch? Hier ist die Farbe der Hoffnung Purpur. Die rothen Streifen im Osten verkünden des Lebens und des Lichtes Wiedergeburt, wenn sie nicht, wie des Menschen Hoffnung, nur ein falscher Glanz, der Schein eines brennenden Dorfes sind.

Christian sah, wie es im Osten leuchtete; der Morgen wollte anbrechen, aber wie hell auch der Horizont war, die Sonne stieg doch nicht empor.

Das war ein Brand. Es war Feuer in Oerebäk, Feuer auf des Stiefvaters Hof. Aber drinnen schlief Alles und deshalb reckte die rothe Flamme kühner ihre Polypenarme durch Dach und Läden hinaus. Die Luft und der Schnee wurden dadurch geröthet. Die eingesperrten Pferde wieherten und die Kühe und Rinder brüllten in der stillen Morgenstunde. Die Menschen schliefen, und wer schläft, ist ja glücklich.

Christian wußte nicht, wessen Hof brannte; er betrachtete das Feuer mit dem Interesse, womit die Jugend eines Fremden Hof brennen sieht, aber später –? Ja, in der Dämmerung war's vorbei; die Ernte des letzten Jahres war verbrannt, das Vieh war verbrannt und der Besitzer –? mit zerschmettertem Kopfe lag er unter einer herabgestürzten Mauer. Zwei dem Stürzen nahe Schornsteine ragten aus dem rauchenden Haufen empor. Bauern und Spritzenleute lärmten und schrieen durcheinander.

Dahin kam Christian mit dem Bündel in der Hand, die Geige eingepackt auf dem Rücken. Es war die Heimat, vor der er stand.

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