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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII.

La jeneusse est le temps des illusions.

Voltaire.

 

Schön bist du,
Das weißt du
Nur leider zu sehr;
O wüßtest
Du's minder,
So wär'st du es mehr.

F. Rückert.

Draußen vor dem Schloßgarten von Odense schlängelt sich ein Weg, der von einem Ende der Stadt nach dem andern führt. Diesen Weg gingen Christian und Lucie oft, wenn sie einander besuchten. Es war gegen Ende August, als sie nach Peter Wik's Bestimmung sich zum Nähen einige Zeit in der Stadt aufgehalten hatte.

Die Sonne stand nahe am Horizonte, man konnte in sie hineinschauen, ohne geblendet zu werden.

»Das sieht gerade aus, als ob sie zu uns auf das Feld herabkäme!« sagte Lucie. »Käme sie wirklich und wäre sie nicht größer, als sie aussieht, so würde ich sie mir wol mal näher ansehen gehen.«

»Und ich liefe darum tausend Meilen weit!« sagte Christian. »Aber ich möchte der Erste sein und nicht viele dürften mir's nachmachen! Dann würde die ganze Welt von mir sprechen und mein Name stände in allen Zeitungen!«

»Was könnte dir das helfen?« sagte Lucie. »Du bist im Grunde doch recht eitel.«

»Nein, das ist nicht Eitelkeit, wie kannst du so etwas sagen? Ich möchte in einem Ballon sitzen und so hoch fliegen, als noch kein Mensch gewesen. Ich würde Entdeckungen machen. Wäre ich Seemann geworden und hätte selbst bestimmen können, wohin ich segeln will, so hätte ich Entdeckungsreisen im großen Weltmeer gemacht, oder wäre zu den Polen vorgedrungen und über das ewige Eis gegangen.«

»Wenn dir die Finger blau gefroren wären, würdest du wol umgekehrt sein!« sagte Lucie.

»Du kennst mich gar nicht. In kleinen Dingen bin ich kein Held, und dessen schäme ich mich auch nicht, aber du darfst mir glauben, wenn es etwas Wichtiges gilt, so habe ich Muth. Ich fürchte mich freilich in einem kleinen flachgebauten Boot über den Canal zu setzen, aber ich würde mich nicht fürchten, in demselben auf dem großen Weltmeer zu fahren, wenn es etwas gilt. Ich fürchte mich vor einer Kuh, welche stoßen will, aber käme ich nach Afrika, ich ritte mit den Andern hinaus in den Wald auf die Tigerjagd, denn da gilt es das Leben für Etwas zu wagen. Er ist im Odense-Canal ertrunken! Eine Kuh hat ihn niedergestoßen! – da ist nichts Großes dabei. Ich scheue mich nicht mein Leben zu wagen, sobald sich's um etwas Ungewöhnliches handelt.«

»Aber weshalb willst du anders als andere Menschen sein?« sagte Lucie und hielt in ihrer Rede ein, als sie nach der Vorstadt auf der andern Seite der Stadt gekommen waren. Der Weg drehte sich und sie sahen an der Steige eine alte Frau mit einem gewöhnlichen Männerhut sitzen, in dem eine Feder von einem Soldatentschako steckte; außerdem war der Hut mit alten gemachten Blumen geschmückt. Ein Haufen Kinder riefen ihr nach und lachten.

»Das ist die verrückte Schustersfrau,« sagte Christian. »Jetzt hat sie die Jungen hinter sich drein.«

»Die Unglückliche!« seufzte Lucie und erröthete, die Erinnerung an ihren frühern Seelenzustand drängte sich ihr auf, doch ohne daß es ihr einfiel, daß er Christian bekannt war.

»Die arme Frau!« sagte er, »aber sie fühlt gewiß ihr Unglück nicht!«

Lucie schüttelte den Kopf. »Laß uns Gott dafür danken, was er uns gegeben!« sagte sie, »laß uns bitten, daß wir es nie verlieren. Das ist wichtiger, als zur Sonne zu fliegen oder nach dem Nordpol zu kommen. Unser Herr hat uns Allen so viel gegeben, daß es gewiß eine Sünde ist, mehr zu wünschen als seine gewöhnliche Gabe.«

»Aber das will ich doch!« sagte Christian in jugendlicher Laune. »Ich will berühmt werden, sonst liegt mir nichts am Leben.«

»Was du doch kindisch bist!« versetzte Lucie, und sie sagten einander Lebewohl.

Christian wanderte heim. Da zupfte ihn Jemand am Aermel, es war die Schusters-Frau. »Sind Sie nicht ein Sohn des heiligen Lazarus?« fragte sie, und unserm Helden, der gerade kein Held war, aber doch gern auf die Tigerjagd in Afrika gegangen wäre, Entdeckungsreisen über den Wolken und droben am Pole gemacht hätte, wurde glühend heiß bei der Nähe der alten Frau: er sah sie einen Augenblick an – und lief davon. Es war gut, daß es Niemand sah.

Kühne Gedanken sind die Sache der Jugend; verwegen stürzt sie sich in den Strom, lernt schwimmen und erreicht oftmals auch das Ziel; der Aeltere dagegen grübelt, untersucht und kommt zu spät; er benimmt sich wie der Mann in der Parabel, der das ihm anvertraute Geld in die Erde begrub, aus Furcht es zu verlieren, während der Kühne wagt und gewinnt. Glückliche Jugend, vor deinem Auge liegen hundert Wege zu Ehre und Glück!

Mancherlei seltsame Gedanken stiegen in Christians Seele auf; aber jede neue, jede kühne Idee ließ er wie ein Rennpferd erst vor Luciens Blicken vorübergehen, zum eigentlichen Laufe kam es nicht. Gewöhnlich schüttelte sie lächelnd den Kopf und sagte, er sei ein Kind, und sie erzählte ihm, wie sie selbst als kleines Mädchen darauf gedacht, einen ungeheuren Schatz zu finden, durch den sie die Reichste in der Welt geworden wäre; und da habe sie den Spaten genommen und gegraben, bald im Garten, bald auf dem Felde, in der Meinung, daß sie möglicherweise auf einen Schatz stoßen könnte. Ebenso kindisch fand sie seine hoch fliegenden Ideen.

Nach einem solchen Gespräch ging Christian immer weniger freundlich gegen sie gestimmt fort, aber nach einigen Stunden war Alles wieder beim Alten. Er sah ein, daß sie doch gewissermaßen Recht gehabt und das ärgerte ihn. Jeder übermüthige Gedanke, den er ausgesprochen, wie: »Ich will berühmt werden, oder nicht leben!« lag ihm wie eine Sünde auf dem Herzen. In der Einsamkeit bat er Gott um Vergebung und fühlte auch eine Art Beruhigung in sich, aber dann begann er aufs Neue, wie mancher Katholik nach erhaltener Absolution, in die alten Sünden zu verfallen.

Eine Freude stand ihm bevor. Ganze Monate vorher war davon die Rede. »Die Grafenreise«, wie Madame Knepus sie nannte, sollte diesen Winter unternommen werden. Es war fünf Jahre, seit der hochadelige Herr einen Winter auf seinem Gute in Fühnen zugebracht, und somit auch fünf Jahre, seit die Künstler und Honoratioren der Umgegend den festlichen Geburtstag auf dem prächtigen Edelhofe gefeiert.

Herr und Madame Knepus hatten beide das Oeconomische im Auge, und darauf wurde Rücksicht genommen. Man miethete eine alte, abgenutzte Kutsche. In diese stopfte man zuerst den Proviant, dann den Violinkasten und endlich kamen der Herr und die Madame. Christian bekam den Platz zwischen Beiden. Gegenüber saß ein Beamter mit seiner Frau, einem Kindermädchen und Kind und über Aller Schooß war eine Federdecke gelegt, um warm zu halten. Eine kleine Laterne wurde oben im Wagen aufgehängt, gerade über Christians Kopf, so daß ihm beinahe der Nacken angebrannt wäre. Auf der Decke lag ein Beutel mit Lottonnummern, denn man wollte sich die Zeit mit Lottospielen vertreiben. Man hatte die Nacht zum Fahren gewählt, um Morgens auf dem Edelhofe zu sein, und da man am folgenden Abend wieder fort wollte, so gab es kein Uebernachten. Dadurch ersparte man das Trinkgeld und hatte auch Wagen und Pferde um zwölf Stunden kürzer, das war lauter Ersparniß.

In einem geschlossenen Wagen schlief sich's ja so hübsch und bei solcher nächtlichen Fahrt erinnerte sich Herr Knepus an seine Reisen durch Norddeutschland, die er vor vielen Jahren mit der Fahrpost gemacht hatte.

Von dem andern Ehepaar im Wagen war nichts Charakteristisches zu sagen, außer, daß die Frau einmal ein Nervenfieber gehabt und sich deshalb alle ihre Erinnerungen »vor« oder »nach meiner großen Krankheit« datirten. Von dem Manne war nicht einmal so viel zu sagen; wir müssen mehrere Jahre überspringen, um nur einen Zug zu finden, nämlich den, daß er ein Bewunderer von Nicolai's Reise: »Italien, wie es wirklich ist«, war.

Der Schnee lag hoch und wärmte den Acker des Landmannes in dem strengen Frostwetter, aber die Landstraßen waren nach dem üblichen Ausdruck glatt wie ein Stubenboden. Rasch ging es in der dämmernden Nacht weiter. Christian war glückselig.

In der Dorfschenke, welche ein Paar Meilen von dem Edelhofe lag, fütterte man mehrere Stunden, um doch nicht als Gast allzu früh am Morgen zu kommen.

Die rothen Morgenwölkchen, der Schnee und die Tannenanlagen boten einen belebenden Anblick. Dicht bei der Schmiede, oben auf einer abgesägten Pappel stand ein leeres Storchennest. Der Eigenthümer trank vielleicht in diesem Augenblick seinen Morgentrunk aus den Quellen des Nils in Afrika's warmem Sonnenschein. Christian schaute nach dem Neste mit jener Wehmuth der Erinnerung, mit der man in seinem Gesangbuche die vertrocknete Blume erblickt, die man vor Jahren an einer geliebten Stelle gepflückt.

Nun lag der Edelhof vor ihnen mit all' seinen Nebengebäuden und Scheunen. Er theilte sich in zwei Theile, den alten Hof und den Neubau. Der Weg schlängelte sich um die alten Wallgräben, die nun zugefroren waren, aber dennoch zeigten, daß sie in gutem Stande gehalten wurden. Der alte Edelhof mit seinen dicken, rothen Mauern, wenigen Fenstern, dem Thurm und den Schießscharten deuteten nicht gerade auf großen Comfort; desto mehr versprach dagegen der Neubau mit seinen zwei modernen Etagen. Man betrat denselben über eine breite Steintreppe, auf deren unterster Stufe zwei mächtige Sphinxe lagen. Der Hauptgang glich einem großen Treibhaus; südliche Gewächse, Bäume und Blumen standen zu beiden Seiten und auf dem kalten Steinboden lagen wollene Teppiche; hier war es so warm, so duftig.

Alles, was man zu den Winterfreuden eines dänischen Edelhofes rechnet, war hier zu finden. Auf dem Wallgraben bewegten sich die Schlitten im Kreise um die hohe Stange, auf der die dänische Flagge wehte. In der schmalen Haselallee, den steilen Berg hinab war eine prächtige Rutschbahn und auf dem großen Grasplatz standen zwei colossale Schneemänner mit Augen von Kohlen und Schilden von Eisstücken. Eine gewaltige Hopfenstange, mit Wasser übergossen, bildete den glänzenden Eisspieß. Zwischen Beiden wurde die Kanone abgebrannt, als man den Willkommstoast trank.

Dilettanten, unter denen sich Geistliche und ein Bürgermeister befanden, spielten unter der Leitung des Herrn Knepus in einem Seitenzimmer, hinter einer prächtigen Portière verborgen. Auf dem Tische lagen reiche Geschenke, und mitten unter diesen stand ein Blumenstück von Naomi, das heißt componirt, nicht nach der Natur, sondern nach drei andern Blumengemälden. Naomi selbst war nicht im Zimmer, sie stand draußen auf dem Hofe und bildete dort die Hauptfigur in einem weit interessanteren Gemälde. Das feine sylphenartige Mädchen, das sich auf dem Uebergang vom Kind zur Dame befand und schon im Besitz der Schönheit beider war, stand bei dem einen Kettenhund, einem großen, wilden Thiere, das ihr besonderer Liebling war; dieses legte seine schwarzen Pfoten auf ihre weiße Schulter, während die lange rothe Zunge ihm aus dem Maule hing; sie schien nur ein paar Bissen für das Thier zu sein, aber es wedelte mit dem Schweife und ihre kleine feine Hand streichelte das zottige Thier, während sie lachte; sie und das Thier waren die besten Freunde.

»Das wilde Mädchen!« sagte die alte Gräfin. »Sie wird mich wol noch einmal zu Tode erschrecken, mein Leben hängt ohnedem nur an einem Faden. Bald löst sie das wilde Thier los, das Menschen fressen kann, bald jagt sie ohne Sattel auf dem tollsten Pferde über Feld und Wiesen! Unser Herrgott muß sie besonders lieb haben, sonst wäre sie längst ein Krüppel! Hätte ich den vierten Theil von ihrer Natur, es wäre mir besser als alle Tropfen und Mixturen!« Und die bleiche alte Dame setzte sich in das Sopha und sprach mit der Frau aus Odense, deren Erinnerung nur von » vor« oder » nach meiner großen Krankheit« datirte.

»Jetzt soll es ja eine ganz neue Krankheit geben,« sagte sie, »man nennt sie den rothen Hund.«

»Die habe ich sicher gehabt,« sagte die Gräfin, »ganz sicher: ich habe alle Krankheiten gehabt und das in einem Grade, wie kein anderer Mensch; ich kenne die Apotheke auswendig. Ich kann Ihnen einen ganzen Schrank voll Büchsen und Flaschen zeigen. Ich koste nur davon, denn es hilft zu nichts. Ach, sogar auf den kleinen Touren, die ich schwache Person machen kann, muß ich Medicamente bei mir haben. Ich war vorige Woche auf der großen Soirée bei Amtmanns und unterhielt mich auch, aber ich versichere Sie, ich war mit einem Senfteig unter den Füßen dahin gefahren, und so saß ich beim Spieltisch. Ich bin sehr krank und dennoch lacht der Arzt. –! Er weiß jetzt, daß ich nicht hergestellt werden kann und deshalb hat er nicht die Attention, die er für mich haben sollte. Mir wird schwindelig, wenn, ich eine Windmühle geben sehe!«

Während dieses gedämpften Gespräches spielte die Musik fort. Naomi wurde ebenfalls angelockt und stand am Fenster, damit beschäftigt, die Tulpen der Gräfin aus Knospen zu Blumen anzublasen. Ein Geigensolo begann; der seltsam kühne Bogenstrich weckte die Aufmerksamkeit.

»Charmant!« rief die alte Gräfin und vergaß, für wie krank sie sich hielt.

Naomi zog die Portiere zur Seite und gerade vor derselben an dem niedern Pulte stand Herrn Knepus' Eleve, Christian, mit der Geige unter dem Kinn.

»Wir haben einander früher schon gesehen!« sagte der Graf. »Aber wo?«

»In Kopenhagen,« antwortete Christian mit gedämpfter Stimme.

»Man hat ihn meiner Leitung anvertraut,« sagte Herr Knepus.

Rings erscholl Beifall und Aufmunterung. Naomi selbst lächelte unsagbar einnehmend und sprach lange mit ihm, nur nicht von alten Zeiten.

Welch' ein Freuden- und Glückstag war das für ihn!

Man ging nach der Rutschbahn im Garten; Naomi war ausgelassen wie ein Knabe; Christian hielt sich zurück.

»Sie dürfen nicht?« sagte Naomi zu ihm. Er stieg in den Schlitten, warf jedoch um, ohne weitere Folgen zwar, aber er hörte doch, wie Naomi zu ihrem Nachbar sagte: »Er ist sehr unbeholfen.« Das machte ihn stumm, er wagte nicht weiter mit ihr zu sprechen, aber desto mehr hingen seine Augen »n ihr.

Vor Tische, mußte er noch einmal spielen, und das setzte ihn wieder ins rechte Licht. Die alte Gräfin unterhielt sich mit ihm und als sie hörte, wer er war, wußte sie genau um seine früheren Krankheitsumstände, die nun gehoben schienen; auch von Lucie sprach sie. »Ja, alle Kranke, mehrere Meilen in der Runde,« sagte sie, »sind mir nicht fremd. Ich will gerne einräumen, daß es Einzelne geben kann, welche Schmerzen empfunden haben, die an und für sich größer als die meinen sind, aber das sind gröbere Naturen, die weniger dabei leiden, als die Empfindlichen bei geringeren Schmerzen. Und ich bin so unendlich feinfühlig!«

Man darf beinahe glauben, daß das Interesse für Christian mehr durch den Gedanken an seine frühere Kränklichkeit geweckt war, als durch sein Spiel; er mußte und sollte bei ihnen auf dem Edelhofe bleiben, drei, vier Tage. Es war ja eine gute Gelegenheit für ihn, wieder heim nach Odense zu kommen: der Herr Graf wollte in vier Tagen dahin, wenn er nach England reiste.

Der Tisch war festlich gedeckt; die blendend weißen Servietten standen wie Flügel in den langen Champagnergläsern. Die Lichter strahlten aus soliden, prächtigen silbernen Armleuchtern. Jeder von den Herren nahm sich eine Dame; Naomi flatterte wie ein Vogel hin und her; sie trat auf Christian zu.

»Will der Künstler mein Cavalier sein?« fragte sie,, legte ihren Arm in den seinen und führte ihn zu Tische. Das Blut schoß ihm in die Wangen; er benahm sich linkisch.

Naomi flüsterte der Gouvernante zu: »So sollten wir in der andern Welt sitzen, Paradiesvogel und Krähe neben einander! – Aber Sie müssen Ihre Dame unterhalten!« sagte sie zu Christian, »oder wollen Sie Dame sein, so bin ich Cavalier!« und sie sorgte nun für sein Glas.

Er fühlte, daß sie ihm an Freiheit und Munterkeit, ja in Allem überlegen war. Es lag Spott, aber doch auch eine Art Zuneigung in dem, was sie zu ihm sagte. Mit ganzer Seele gehörte er ihr an und mehr und mehr wurde er sich dessen bewußt. Beständig schenkte sie ihm ein und er trank gedankenlos Glas auf Glas. Das Blut rollte ihm rascher durch die Adern, er wurde beredt, »er machte sich«, wie das Naomi nannte. In ihrer Nahe saß der blonde Ludwig, der Sohn des Polizeidirectors, und von der Eifersucht gequält aß er für Drei, das vernünftigste Mittel gegen unglückliche Liebe, und Naomi ließ ihn recht fühlen, wie sie Christian bevorzugte.

»Sie soll leben, an die Sie denken!« flüsterte sie ihm zu und stieß mit ihm an.

»Das sind Sie!« sagte Christian; der Wein hatte ihm die Zunge gelöst.

Man erhob sich: Naomi entschlüpfte ihm. Verlegen zog er sich zurück, er wagte es nicht, sich ihr zu nähern; er fühlte tief, daß ihm viel mangelte, nm sich in der Welt bewegen zu können.

Es wurde getanzt; auch daran konnte er nicht theilnehmen; er verstand ja nicht einen Schritt zu machen. Naomi durchflog wie ein Schmetterling den Saal. Die Bewegung machte sie doppelt schön; das Blut leuchtete durch die feinen Wangen; ihr dunkler Teint gewann noch durch die Beleuchtung. Sie war sehr schön: ein hübsche Mignon, nur zu fein gebaut für eine Tochter des Südens.

»Sie tanzt sich ein Fieber an!« sagte die alte Frau.

Herr Patermann, der Seelsorger des Gutes, mit einem widersüßlichen Lächeln um den Mund, war ganz der gleichen Meinung wie die gnädige Frau. Es ging ihnen beiden mit dem Tanz, wie den Hunden mit dem Wasser: sie entbehren dasselbe solange, bis sie endlich einen Abscheu davor bekommen.

Naomi schien nicht auf Christian zu achten, der blonde Ludwig war der Glückliche, aber Christian konnte ja auch nicht tanzen. Plötzlich stand sie vor ihm, legte ihre Arme um seine Schultern und nun ging's im wirbelnden Walzer davon. Alles drehte sich mit ihm herum, aber entschlüpfen konnte er nicht. Er trat ihr auf die Füße und stieß sie mit den Knieen an.

Mir wird so unwohl!« seufzte er und sie ließ ihn auf einen Stuhl sinken, lachte ihn aus und schwebte mit einem neuen Tänzer durch den Saal.

Ein amerikanischer Schriftsteller erzählt uns, wenn das Elen vom Jäger tödtlich verwundet ist, verläßt es seine Gefährten, um abseits zu sterben; ein ähnlicher Instinct trieb Christian fort, er war ja ein Vogel mit verwundeten Schwingen mitten unter den andern Hochfliegenden.

Der Diener führte ihn mit brennender Leuchte über den Hof nach dem alten Bau; im neuen waren alle Gastzimmer besetzt. Durch ein schmales Thor traten sie in einen kleinen viereckigen Hof, der einst der Hofplatz des ganzen Herrensitzes gewesen; über eine spiralförmige Thurmtreppe und durch mehrere alterthümliche hohe Gemächer gelangten sie nach dem kleinen Zimmer, das in der Eile zum Schlafen eingerichtet worden war. Büchsen von der verschiedensten Form und eine unendliche Menge Reitpeitschen hingen rings an den Wänden.

»Hier ist das Schlafzimmer!« sagte der Bursche und zündete das Licht an. »Dort hängt die Ahnfrau, die Sie bewachen wird, wenn Sie schlafen,« fügte er lächelnd hinzu, indem er das Portrait einer alten Dame in mittelalterlicher Tracht beleuchtete; besonders seltsam war es, daß sie um den Hals eine eiserne Kette trug, die ihr über Schulter und Brust hing.

»Das war eine mannhafte Frau!« sagte der Bursche, »sie hatte sicher keine so große Apothekerrechnung, wie die alte Gräfin. Sie lag ihrer Zeit in Streit mit einem benachbarten Edelmann und er machte sie zur Gefangenen, legte ihr Fesseln um den Hals und ließ sie an die Hundehütte schmieden. Das war zu jener Zeit! Dann trank und schwärmte er drauf los, während deß die Frau entkam; sie entfloh, brachte ihre Leute auf die Beine und überfiel den Feind. Deshalb hat sie sich mit der Hundekette malen lassen!« Der Bursche ging und Christian war allein mit seinen Gedanken und dem Bilde der mannhaften Frau.

Sie hatte dunkle Augen wie Naomi. So keck und kühn wäre Naomi sicher auch. Er sah durch die Fensterscheiben hinaus; das Glas war dick und blind geworden von der Sonne, er konnte nur die hellen Fenster in dem neuen Bau sehen, und er dachte an jenen Abend in Kopenhagen, da er als Schiffsjunge in dem nassen Tauwerk hing und Naomi ebenfalls im Tanz und Glück schwebte, er dachte an die eben verflossene Stunde, an alle seine Mängel, an alle seine zerstörten Hoffnungen.

Noch nach Mitternacht war er wach; er hörte Herrn Knepus und die Madame fortfahren und war nichts weniger als glücklich, daß er dableiben sollte.

Aber welche Heilkraft besitzt nicht der Schlaf, wenn es ein junges Herz ist, das geheilt werden soll.

Die Sonne beschien das Bild der Ahnfrau, als Christian erwachte. Die schwere Eisenkette um ihren Hals beschäftigte seine Gedanken.

»Auch ich trage eine solche Kette! Ich bin nicht besser, als ans Hundehaus gekettet, während die Andern lustig im Saale sind. Aber auch ich werde die Kette sprengen. Einst werde ich als ein großer Künstler vor sie hintreten und sie werden sich beugen vor der Macht des Genies. Wie in Josephs Traum alle Garben der Andern sich vor der seinen beugten, so soll es mit mir gehen; und dann will ich mich malen lassen, aber nicht mit dem Male des Joches, das ich getragen, nein, Hand in Hand mit Naomi will ich dastehen. Sie ist so hübsch, so hübsch, wie die guten Engel bei Gott, aber nicht so gut, – doch wer kann das auch sein!« Und er beugte seine Knie, sprach sein Morgengebet und betete, daß sein schöner Traum sich erfüllen möge.

Am Vormittag wollte die alte Gräfin alle die zurückgebliebenen Gäste bei sich sehen. Im alten Hof, wo nur sie und die zu ihrer Bedienung bestimmten Diener wohnten, wartete die Chocolade.

Durch den Thurm, über die Wendeltreppe kam man nach ihren Zimmern, die wenigstens in den letzten Jahrhunderten keine großen Veränderungen erlitten hatten. Gewebte grüne Tapeten, ein Urwald, wo da und dort zwischen den Zweigen ein Hirschkopf hervorsah, schmückten die Wände. Ein großer Thonkachelofen stand vor dem zugemauerten Kamin, der mit großen Sphinxen aus Granit geschmückt war. Durch einen großen Schrank, dessen Thüren mit Teppichen verhangen waren, kam man nach den untern Zimmern. Stühle und Divan hatten die gleiche altväterische Form; das einzige Moderne war ein Gyps-Napoleon, der in einer alten Pyramide Platz hatte, von welcher jeder Absatz Mixturflaschen, Büchsen, Pillenschachteln und ähnliche Trophäen von Krankheiten zeigte, welche die gnädige Frau überwunden hatte. Der Held, zwischen den Trophäen der Frau aufgestellt, war gar keine unglückliche Idee. Man macht es eben, so gut man kann.

»Hier ist meine Residenz!« sagte sie. »Den ganzen Winter steht der neue Bau leer; alles steht dann unter meiner Regierung und dann scheinen die Lichter hier, leider Lichter an einem Krankenbett!«

Die Gäste waren noch nicht gekommen; Naomi stand auf einem Stuhl und durchstöberte die oberste Schublade eines alten kunstvoll geschnitzten Kastens.

»Du bist ein Eulenspiegel!« sagte die alte Frau, »steig doch herab, die Gäste kommen.«

»Das geschieht nicht alle Tage, daß das Allerheiligste geöffnet wird,« antwortete Naomi schelmisch. »Du hast mir erlaubt hineinzusehen.«

»Das ist altes Gerümpel.« sagte die Frau, »halbhundertjährige Souvenirs.«

»Und dies Damenportrait,« fragte Naomi, »weshalb liegt das hier? Wie schön sie ist! Aber sie sieht einer Jüdin ähnlich.«

Die alte Frau heftete ihre Augen fest auf das Bild, wandte sich dann an Naomi und sagte ernst: »Das ist deine verstorbene Mutter!«

Sie schwiegen beide. Naomi war die Erste, welche das Wort nahm.

»Meine Mutter? Sie soll nicht zwischen Gerümpel liegen!« und sie verbarg das Bild an ihrer Brust.

»Steige doch herunter, schließe die Schublade, die Gäste kommen!« sagte die Frau. »Du bringst mein Blut in Wallung, und das kann ich nicht ertragen, wie du weißt.«

»Erzähle mir von meiner Mutter,« sagte Naomi ernst.

»Was fällt dir ein, Kind!« antwortete die Alte. »Das wäre nicht sehr belustigend für dich!« Damit wandte sie ihr den Rücken. Die Fremden traten ein und das Gespräch war abgebrochen.

Christian mußte vor ihnen spielen; es waren eigene Phantasien, die er spielte, denn Herr Knepus war j« fort. Naomi stand in Gedanken versunken da, ihre Augen schienen träumerisch auf ihm zu ruhen. So hatte sie ihn nie gesehen. »Sie bewundert mich!« dachte er und das begeisterte ihn. Nie hatte man auch Naomi so wenig sprechen so seltsam nachdenklich gesehen, als heute.

Es sollte Federball drüben im großen Saal im neuen Bau gespielt werden. Die Gesellschaft begab sich dahin. Naomi blieb bei der alten Frau zurück, ergriff ihre Hand und sagte mit einer Entschiedenheit, die über ihr Alter ging: »Erzähle mir von meiner Mutter. Ich muß es wissen, ich will es wissen!«

»Du erschreckst mich zu Tode mit deiner Heftigkeit,« sagte die Alte. »Ich weiß nichts. Geh' zu den Andern hinüber und spiele Federball.«

»Du behandelst mich immer wie ein Kind und das bin ich nicht mehr. Deshalb will ich etwas mehr von mir selbst wissen. Ich bin nicht eine Fremde, gegen die ihr aus Gnade gut gewesen seid! Ich bin, was ich nur scheinen soll, deines Sohnes Tochter. Du bist meine Großmutter. Leichtsinnig bin ich und deshalb konnte ich vergessen, um meine Mutter zu fragen. Nur zweimal habe ich sie vor meinem Vater genannt, und beide Mal wurde er zornig und ging weg. Auch du hast mir nichts sagen wollen und ich habe in meinem kindischen Wesen es gehen lassen und beinahe vergessen. Aber heute habe ich meiner Mutter Bild bekommen! Heute will ich mehr wissen und du sollst es mir sagen!«

»Naomi, du weißt, wie schwach ich bin!« sagte die alte Frau. »Plage mich nicht. Ich kann und werde dir nicht nachgeben. Auch ist das gar keine Geschichte für dein Alter. Nein, in ein paar Jahren, wenn ich längst unter der Erde liege, wird mein Sohn es dir wol sagen. Geh' nun ins Vorzimmer und hole mir meinen braunen Mantel –!«

»Du willst mich hinaus haben,« sagte Naomi, »dann schiebst du den Riegel vor die Thür und ich komme nicht wieder herein. So hast du's früher schon gemacht. Großmutter, du kennst meine Festigkeit. Draußen auf dem Wallgraben ist ein Loch ins Eis geschlagen, da spring' ich hinein, erzählst du mir nicht gleich, was ich will.«

»Du schreckliches Mädchen!« sagte die alte Gräfin. »Du gehst schlimm mit mir armen Frau um! Ich werde dir nachgeben, aber du drückst nur den Stachel in dein eigen Herz!« Die Wangen der alten Frau, die sonst so krankhaft blaß waren, bekamen eine starke Fieberröthe, sie sprach rascher: »Du bist nicht mein Blut, nicht das meines Sohnes! Es ist eine Thorheit, eine Schwäche, daß er es bisweilen glaubt.« Das Gift, das die Bitterkeit in unserm Blute hervorbringt, trat wie elektrische Funken in der Betonung der Worte zu Tage. »Der alte Jude in Svendborg ist dein Großvater!« sagte sie, »seine Tochter war schön, schöner, als du werden wirst. Sie war Gouvernante hier auf dem Schlosse, sie diente hier, du verstehst mich, sie diente! Aber sie hatte Verstand, sie war belesen und wir behandelten sie wie unseres Gleichen. Mein Fritz verliebte sich in sie, sein Vater kam dahinter, und deine Mutter mußte fort, heim zu ihrem Vater. Fritz ging auf Reisen, wir thaten das Unserige; aber sie schrieben einander, schwärmten für einander, obgleich gewisse Leute nicht gut von deiner Mutter sprachen. Da war ein Musikant, ein Norweger in Svendborg, er kam dort ins Haus und ward der Vertraute, ja, war nur zu vertraut. Fritz kam heim; wir dachten, Alles sei vergessen, er ging fleißig auf die Jagd, aber die Jagd war so viel wie Besuch in Svendborg. Ich erfuhr darum, wußte, welch' sündliches Leben sie führten, schlimmer, als du begreifst. Aber es ist thöricht, mit dir davon zu sprechen. Ich sagte Fritz, was ich wußte, aber er baute auf die Liebe deiner Mutter, bis er selbst einst den Vertrauten traf! Von dänischem Adel bist du nicht, vielleicht von norwegischem. Mein Fritz ward überzeugt und wurde ein vernünftiger Mensch. Als du geboren wurdest, schrieb deine Mutter elegische Briefe über dich und zuletzt nahm sie sich das Leben, weil Fritz nicht auf die Fictionen eingehen wollte. Das hatte Wirkung, das half: Sie stieg ins Grab und du kamst zu uns. Ich habe dich selbst in Svendborg geholt.«

»Ich danke dir für deine Erzählung!« sagte Naomi ruhig, aber blaß, wie sie niemals gewesen. »Ich bin also von norwegischem Adel, nicht von dänischem. Oehlenschlägers Hakon Jarl hat mir auch immer besser gefallen als sein Palnatoke. Wollen wir nun gehen und Federball spielen!«

»Kind!« sagte die Gräfin, »bist du nicht exaltirt! Ich habe deines Gleichen nie gekannt. Aber du begreifst das Ganze nicht. O, es wird eine Zeit kommen, wo du blutige Thränen über das weinst, was du in dieser Stunde gehört.«

»Ich hörte, daß meine Mutter schön war,« sagte Naomi, »ich hörte, daß sie Verstand hatte und daß sie den Muth besaß zu sterben, als man sie zu tief kränkte! – Ihr Bild soll in meinem Zimmer hängen, mit Blumen geschmückt werden und alle meine Küsse haben! – Nun gehe ich hinaus und spiele Federball.«

Mit lächelndem Antlitz verließ sie die Gräfin, aber auf der Treppe im Thurm blieb sie stehen und weinte bittere Thränen. Fünf Minuten später sah man die ausgelassene, lachende Naomi beim Ballspiel. Der Instinkt sagte ihr, daß Thränen nur Mitgefühl bei denen finden, welche glauben, daß man wie sie selbst leidet.

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