Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/andersen/geiger/geiger.xml
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121005
projectidd9aa3192
Schließen

Navigation:

VI.

Glaubst du, ich zöge mit so frohem Sinne fort, als ich gekommen bin? – – Ich habe nichts mehr, – keine Frau, kein Kind, Niemand, der für mich sorgen kann in meinen alten Tagen! – – noch einen Kuß, es ist der letzte ... Fort! – Ich werde dich nie mehr sehen, nie! O Gott, wache du über meinem Kinde!«

Das Schauspiel: Der Matrose,

Es war heller Morgen, als Christian erwachte, indem er seinen Namen nennen hörte; er schlug die Augen auf. Peter Wik stand vor ihm und hinter diesem erkannte er die Gestalt von gestern. Ja, es war sein Vater. Sein Vater, welcher todt war.

»Ich bin es,« sagte Peter, »und wo du mich siehst, gibt es keine Gespenster! Dein Vater ist nicht todt, hier haben wir ihn ganz und lebendig. Ich durfte ihn nicht allein zu dir kommen lassen, du bist kein Held, es steckt Schneiderblut in dir! Bitte um Vergebung –!« sagte er zu dem Schneider und ergriff seine Hand.

Der Vater schloß den Sohn an sein Herz und weinte, wie an jenem Morgen, da sie von einander schieden.

Beim Mittagstisch erfuhr man erst recht den Zusammenhang der Dinge. Die Bemannung der beiden Kanonen war wirklich gefallen, wie der Feldwebel an Maria geschrieben.

»Niemand wußte,« sagte der Schneider, »daß ich in dem Gedränge von meinem Platze und gegen ein schwedisches Pferd gedrängt worden, das seinen Reiter verloren hatte; ich stand so eingeklemmt, daß ich nur die Finger am Sattelgurt bewegen konnte, Alles ringsum war eine Masse. Da begann es schwarz vor meinen Augen zu werden und in diesem Moment suchten die Schweden durch Zurückgehen Luft zu bekommen; ich war nahe daran in meine Knie zu sinken, wäre ich gestürzt, so hätte ich sicher sein können, zertreten zu werden. Ich mußte all' meine Kräfte anwenden, aber es gelang mir, auf das Pferd zu kommen. Nun, Reiter bin ich nie gewesen, nur der Trieb zum Leben brachte mich dazu. Die schwedischen Reiter sprengten dem Graben entlang davon, während du Unserigen auf sie schossen; mein Pferd folgte den übrigen. Meine eignen Kameraden ließen mir die Kugeln um die Ohren sausen. Ehe ich es wußte, war ich hinter der Höhe mitten unter den Schweden, meine Landsleute hatten sie nicht geschont, sie schonten meiner, was das Leben anbetrifft Die Kosacken hatten einige Gefangene gemacht; ich wurde unter diese geworfen; sie knebelten uns an den Daumen zusammen und trieben uns fort wie das Schlachtvieh. Nach dem Süden hinab hatte ich gewollt, aber ich kam auf einen andern Weg; ich mußte die Winterkälte auf den russischen Steppen kosten, eine Kälte, wie wir sie hier in Dänemark nicht kennen. Ja, man könnte einen ganzen Roman daraus machen, aber ich erzähle nur, wie ich fortkam; und ich will nun sagen, wie es mir gelang, zurückzukommen. Ich lernte draußen, wie gut es hier in der Heimat ist; ja, Dänemark ist ein sommerliches Land, wenn man in Rußlands Föhren-Wäldern gefroren hat. Am Ende des Krieges erhielt ich meine Freiheit und ich schrieb es nach Hause, aber mein Brief muß nicht angekommen sein. Ich begab mich auf die Wanderung, aber ich hatte das Fieber im Leibe, beinahe neun Monate lag ich im Krankenhause in Mitau. Von dort sandte ich durch einen Handwerksburschen einen Brief nach Liebau, damit er mit dem ersten dänischen Schiffer abgehe; aber er ist ebenfalls verloren gegangen. Ich dachte an Fühnen, ich dachte an alle frohen Stunden dort, ich sehnte mich nach Maria und nach dir, mein Junge. Ich empfand eine schmerzliche Reue, daß ich euch verlassen hatte. Bald drei Jahre hatte ich nicht ein Wort von euch gehört. Ich wanderte zu Fuß von Mitau nach Libau, da lag kein Schiff. Ich ging nach Memel und später nach Königsberg. Es war als ob ich zur Strafe nicht zu Euch kommen sollte. Wohin ich kam, war immer gerade das letzte Schiff kurz vor meiner Ankunft abgegangen. So ging ich denn mit dem ersten, das in die Nordsee stach, kam nach Helsingör, wanderte durch Seeland und erreichte Fühnen. O, ich war glücklich wie ein Kind! Sie sollten zu Hause von der Schlacht von Bornhöved erzählen hören, von dem Marsch nach Rußland und was ich dort gesehen und gelitten. O, wie ich mich nach Maria und dir sehnte, mein Junge. Ich erreichte Oerebäk, war müde und hungerig; ich wollte zu dem reichen Bauer, für dessen Bruder ich eingetreten; er könnte mir doch wol, dachte ich, sagen, wie es in Svendborg stünde. Ich trat in die Stube: da saß der Bauer und wiegte ein neugebornes Kind. »Guten Abend!« sagte ich und er fragte, wer ich sei. – »Ein todter Mann!« antwortete ich, »aber wenn ihr fühlt, daß er warmes Fleisch und Blut hat, so werdet ihr euch nicht vor ihm fürchten;« und ich erzählte, wie falsch das Gerücht von meinem Tode gewesen. »Herr Jesus!« sagte er so seltsam, daß ich selbst darüber erschrak. »Ist meine Frau todt?« fragte ich. Da nahm er mich bei der Hand und bat mich, sofort das Haus und das Land zu verlassen. »Da hast du Geld!« sagte er und gab mir fünfzig Reichsthaler. »Wie konnte Jemand glauben, daß du noch leben würdest?« sagte er. »Maria ist nun meine Frau. Das Kind da in der Wiege gehört ihr und mir. Da kommt sie! Daß sie dich nicht sieht!« Und er zog mich aus der Thüre nach dem Garten. Sie bekam mich nicht von Angesicht zu sehen, denn ich wandte mich nicht um. So bald hatte sie sich wieder verheirathet! Ich weiß, was ich fühlte, aber ich sagte es nicht. Ich fragte nach dir, mein Junge, und hörte, was unser Herr dir Gutes that, für das, was ich gelitten. Dich wollte ich noch einmal sehen, und dann hinaus in die Welt, nach dem Süden, wo es mir schon einmal so wohl ergangen. Ich kam gestern nach Odense und suchte dich, aber die Thüre war verschlossen und Alles fort nach dem Schützenfest. Als ich auch hinausging, kam gerade der Zug zurück. Du trügest den Königsgewinnst, sagten sie und ich sah dich mit dem Pokale in der Hand. Kanntest du mich? Ich nickte dir zu. Heute Nacht habe ich in der Herberge geschlafen, da traf ich zwei Gesellen. Sie gehen morgen nach Deutschland und diese begleite ich, wir sehen uns dann wol nie mehr, mein lieber Sohn. Hierher komme ich nicht wieder! Sei ehrlich, und fleißig; mache den guten Menschen, die dir armen Burschen helfen, Freude. Erfährt deine Mutter nicht durch Fremde, daß ich lebe, so sage du es ihr nie. Es würde ihr doch schwer aufs Herz fallen, und ich habe sie noch lieb.« Mit diesen Worten schloß er Christian in seine Arme.

»Man muß die Welt nehmen, wie sie ist und nicht wie sie sein sollte,« sagte Peter Wik, »kommt sie mir so, so komm ich ihr so! Man muß vor dem Winde kreuzen. Was den Knaben angeht, so kann noch etwas Tüchtiges aus ihm werden. Für meine See-Lucie taugte er nicht, aber meine Land-Lucie, das hübsche Mädchen, hat den Burschen lieb. Ich will einen braven Mann aus ihm machen, dann kann sie ihn später nehmen, wenn sie will. Sie schreiben einander bereits Briefe. Sie hat von ihrem Vater Deutsch und Geschichte gelernt und nun soll sie ins Nähen, Ich gebe sie hier in Odense in Kost und Unterricht, in sechs Wochen ist sie hier.«

Christian lächelte; ihm wurde ganz warm ums Herz. Die gute, liebe Lucie war also seine Geliebte, daran hatte er früher nie gedacht. Sie war doch schuld an seinem Glück; ohne ihre Bitte hätte es für ihn ganz anders traurig ausgesehen. Die Geschichte des Vaters veranlaßte ihn, mehr an seine eigne zu denken; aber in diesem ging der Glücksstern auf, während er in dem des Vaters unterging. Doch Aufgang und Niedergang sind im Unglück etwas Relatives, wie der Sonne und der Sterne Auf- und Niedergang. Das Ganze beruht darauf, von wo man in seiner Anschauung ausgeht.

Wenn der Weg zu der Seligkeit, welche sowol unsre natürliche als die positive Religion lehrt, von der Erde zu einem höheren Sterne und von diesem zu einem noch entwickelteren und für uns mehr homogenen geht, so ist das ganze sich entfaltende Leben eine große Erziehungsreise, eine Wanderung von Stadt zu Stadt nach dem himmlischen Jerusalem. Unsere Reisen hier auf der Erde sind ein geringes, aber anschauliches Bild dieses größeren Fluges. Man macht Bekanntschaften, erwirbt Freunde, von denen man sich mit Thränen trennt, weil man bitter schwer empfindet, daß man sich nie wieder finden soll. Wir werden genöthigt, Stunden und Tage mit Menschen zusammen zu sein, die uns zur Plage sind und später, nach der Trennung stehen sie vor uns als luftige Originale. Was uns die größten Sorgen und Beängstigungen macht, das werden gerade die Glanzpunkte. Von der himmlischen Stadt, dem Ziele unseres Strebens, sehen wir vielleicht den Sternenhimmel, wo wir zwischen den glänzenden Punkten auch unsere Erde finden; wir erkennen sie als die Heimat unseres ersten Daseins und alle Erinnerungen schweben uns als Jugenderinnerungen vor der Seele. Wo sie nur sein mögen, mit denen meine besten Stunden unzertrennlich waren? Nun, wo sie auch sein mögen, sie erinnern sich derselben Stunde und freuen sich wie ich des Wiedersehens. Wir deuten auf einen andern Erdball, eine höhere Erziehungswelt, und erinnern uns der Lebensjahre dort. So sehen wir schon hier auf Erden zurück auf eine sogenannte große Reise, und sagen, wenn wir die Erde betrachten: »Paris, ja, da war ich vier Monate! Rom, da war ich ein halbes Jahr!« und wir fühlen die Sehnsucht nach Denen, die wir dort lieb gewonnen und von denen wir uns trennen mußten, aber diese Sehnsucht stört uns nicht im Glück des Augenblicks. Auf der großen Reise der Ewigkeit sollen wir nicht blos Einzelne auf eine bestimmte Zeit lieben lernen, wir sind nicht Erden-, sondern Himmelsbürger; das Menschenherz soll nicht ein Komet sein, dessen Strahlen nur in einer Richtung deuten, sondern eine Sonne, die nach allen Richtungen gleich hell strahlt.

Diese Gedanken, nur mit geringerer Klarheit, erfüllten Christians Vater und gaben ihm eine Art Resignation.

Spät am Abend sagte er Lebewohl, Christian begleitete ihn bis in die Straße, wo die Herberge lag.

»Lebe wohl, mein Junge! Wenn du den Storch fortfliegen oder kommen siehst, denke an mich. Jedesmal, so oft ich das Thier sehe, werde ich an unsere kleine Stube in Svendborg denken, wo wir nach dem Neste hinaufsahen. Ich will den Storch bitten, daß er meinen Sohn von mir grüße, wo ich auch in der Welt sein mag. Lebe wohl, mein süßer Junge!« und er küßte ihn mit thränenerfüllten Augen. »Nein, du sollst nicht allein zurückkehren, ich will noch die paar Minuten, die ich habe, mit dir zusammen sein!« und er begleitete ihn bis zum Kirchhof zurück, wo Herrn Knepus' Haus lag. Es war der letzte Abschied.

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang gingen drei Handwerksburschen aus dem Westthore der Stadt. Sie wollten nach Affens, um von dort mit der Fähre nach dem Schleswigschen zu fahren. Einer der Drei war Christians Vater.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.