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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV

Leb wohl, – ich wandre von hier!
Vergebens! Es regt sich keine Gardine;
Sie liegt noch und schläft und träumt von mir.

H. Heine

Durch die dichten Blätter der Blumen bricht das Licht in Farben, hier roth, dort blau, in allen Farben, die wir kennen: mit derselben Kraft leuchtet das Göttliche aus allem Geschaffenen; wie das Licht in der Blume strahlt seine Allmacht in die ganze Schöpfung aus. Alles ist ein Wunderwerk, das wir nicht begreifen, an das wir uns aber gewöhnen, und das wir zuletzt gewöhnlich finden. Die gedichteten Märchen machen nur durch die Unterbrechung der Kette, durch den Mangel der weisen Ordnung, die wir in dem größeren göttlichen Märchen, in dem wir leben, täglich vor Augen haben, jenen übernatürlichen Eindruck.

»Hier in der Welt ist es nicht wie in den Geschichten, die man mir erzählt hat!« seufzte Christian. »Hier sind keine mächtigen Feen! Aber hier ist ein Gott, der mächtiger ist, von seiner Weisheit erzählt die Schöpfung rings um uns, von seiner Güte die Schöpfung in mir.«

»In vierzehn Tagen,« sagte Peter Wik, »wollen wir sehen, die Mutter wieder in Bewegung zu bringen! Nun hat sie Wintervergnügen genug in Kopenhagen gehabt.«

Nach Svendborg sollten sie wieder zurück. Es war bereits der erste März. Christian empfand eine seltsame Angst, eine brennende Unlust bei dem Gedanken, die Heimat wieder zu sehen. Die Erinnerung daran erschien ihm wie ein häßlicher Traum. In Kopenhagen mußte er bleiben, hier kam ihm das Glück gewiß einmal entgegen. »Wenn ich ans Land gehe und hinein in das Getümmel der Straßen, wie soll man da mich finden können? Das muß ich am letzten Tage thun, wenn keine Zeit mehr ist, mich zu suchen. Aber wer sollte sich denn auch meiner annehmen? Wenn ich ganz verlassen bin, kann man mich doch nicht sterben lassen, das will Gott auch nicht!«

Während dieser Entschluß mehr und mehr in seiner Seele reifte, fühlte er zugleich recht peinlich, wie undankbar er gegen Peter Wik sei, der so gut und freundlich gegen ihn gewesen. Diese Reue veranlaßte ihn, sich dem Manne noch diensteifriger und gefälliger zu zeigen.

»Vielleicht waltet der Graf nur darauf, daß ich einen solchen Schritt thue, um sich recht zu überzeugen, wie groß meine Lust ist. Thue ichs, so wird er mir helfen!« Dieser Gedanke war ein wichtiger Vernunftsgrund. So kam er denn zu dem Entschlusse, daß er in der Nacht, ehe das Schiff ausgeholt werden sollte, es verlassen wolle. Der Herr im Himmel werde für das Uebrige sorgen.

Es war der letzte Nachmittag, daß das Schiff im Hafen lag; Christian stand am Anker und blickte nach dem Hause hinauf, wo Naomi wohnte. Die prächtigen Frühlingsblumen füllten das Fenster. Südafrika's Prachtgewächse haben keine reicheren Farben für den Fremden, als diese für unsern kleinen Seefahrer hatten. Mitten in seiner Armuth, im Begriffe, noch verlassener zu werden, als er bereits war, malte er sich aus, welch' prächtig Schloß er sich bauen wollte, wenn er reich würde, wie jedes Fenster, gleich diesen, mit Blumen prangen müsse und Naomi auf Seide und Gold in all' dieser Herrlichkeit sitzen sollte. Dann dachte er wieder an Peter Wik, und daß es der letzte Abend, den sie zusammen seien. Es lag ihm wie ein Stein auf dem Herzen.

»Hast du den Pips, wie die Hühner?« fragte Peter Wik. »Jetzt kommst du ja wieder heim nach Svendborg, Und Lucie wird dich vergnügt empfangen. Du hast sie ja so gerne.«

»Ja, sehr!« sagte Christian und die Aufregung, in der er sich befand, machte sich in Thränen Luft.

»Was zum Teufel weinst du denn?« fragte Peter Wik. »Du bist förmlich mit Salzwasser beladen. Ich kann dich nicht auf dem Schiffe brauchen, das habe ich schon oft gedacht.«

Christian wurde es glühend heiß; Peter Wik zu verlassen, daran hatte er wol gedacht, aber daß dieser ihn verlassen, ihm den Abschied geben wollte, nein, das wäre ihm nie eingefallen. Die Worte jagten ihm deshalb einen großen Schreck ein.

»Ich werfe dich nicht über Bord,« sagte Peter Wik und zog ihn freundlich an sich, »Du bist ein guter Junge. Ich habe dich lieb gewonnen, aber an der See hast du keine Freude, das habe ich wohl gemerkt.«

Christian hätte gewünscht, ihm widersprechen zu können.

»Du solltest eigentlich einen Wischer haben,« sagte Peter Wik, »denn du konntest mir wol sagen, worüber du brütest. Ich habe schon lange mit dir darüber sprechen wollen, aber ich war nicht dazu aufgelegt. Nun sollst du's so warm bekommen, wie mir's um's Herze ist.«

Wußte Peter Wik Alles? Wußte er, daß Christian sich diese Nacht vom Schiffe fortstehlen wollte? Der Sünder mit dem schweren Herzen sah zu Boden.

»In jener Nacht auf Saltholm,« fuhr Peter Wik fort »als du im Feuer stöbertest und mit dem Grafen schwatztest, da schlief Peter Wik nicht, obgleich er die Augen geschlossen hatte. Ich hörte wohl all' den Unsinn, den er dir in den Kopf setzte, und an den zu glauben du dumm genug warst. Ich hörte auch wohl, wie du beichtetest und betteltest; das war herzlich dumm von dir! Da bekamst du auch deinen Abschied von mir. Ich kann dich nicht brauchen. Aber darum sollst du doch nicht am Hungertuche nagen und kalt Wasser trinken. Zu deinen Eltern mag ich dich auch nicht schicken, nein, ich will dich zu Herrn Knepus in Odense bringen. Er ist ein Mann, der dich etwas lehren kann; er versteht sich auf die Musik und wir werden dann sehen, wozu du taugst.«

Christian drückte seine Hand.

»Wenn du nur das Geflenne lassen könntest!« sagte Peter Wik. »Kann etwas aus dir werden, so soll es mich freuen, aber zum Matrosen taugst du nicht.«

Christian mußte weinen bei dem Gedanken, was er diese Nacht beinahe gethan; es lag ihm schwer auf dem Herzen, aber er wagte es doch nicht, seine Sünde zu bekennen. Musik sollte er lernen, der Musik sollte er leben! Sein höchster Wunsch sollte erfüllt werden, und die Hilfe kam von Peter Wik, gerade ihm, bei dem er sie nie gesucht. Er kniete nieder in dem dunkeln Winkel, warf Küsse in die Luft und dankte dem guten, liebevollen Gott.

Bei Tagesgrauen lief das Tau über das Bollwerk, Lucie wurde aus dem Hafen geholt. Christian sah mit einem frohen und doch wehmüthigen Blick hinauf nach Naomi's Fenstern. »Heute spricht sie und der Graf und Alle gewiß nur davon, daß wir fort sind!« dachte er. »Die arme Steffen Karreet, die so gerne mit uns heimgesegelt wäre!«

Und das Schiff fuhr zum Hafen hinaus.

»Unser Schiffer ist fort!« sagte die Gouvernante, als sie aus dem Fenster sah. »Da liegt ein neues Schiff mit bornholmer Uhren.«

»Das ist gut,« sagte Naomi, »so ist doch der Junge auch mit. Er war so aufdringlich, so naseweis! Ich hab' ihn als kleines Kind gesehen; seine Eltern wohnten dicht neben uns, da spielte er mal mit mir. Nun sind viele Jahre drüber hingegangen und er stürzt hier mir nichts dir nichts ins Zimmer. Es ist sicher nicht ganz richtig mit ihm. Du weißt nicht, wie er mich auf dem Eise quälte, als wir von Schonen kamen. Es hat mir wirklich leid gethan, daß ich so unfreundlich gegen ihn sein mußte, aber ich konnte nicht anders.«

»Es wäre doch interessant, wenn er ein großes Genie wäre und es ihm gelänge, Proben davon zu geben. Claus Schall, der die hübsche Musik zu Galeotti's Balleten componirt hat, war ein armer Knabe, der auf die Tanzschule des Theaters kam, Figurant wurde und nun ein berühmter Komponist ist.«

»Das ist ja ein wahrer Roman!« sagte Naomi, »aber ich will haben, daß sie am Ende ihres Lebens unglücklich werden Zollen. Das ist so interessant.«

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