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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III.

Blum
Nun ist sie da?

Brand
Die Feenkönigin – nun ja, die Feenkönigin.

Das leidende Weib, Trauerspiel von Linz.

 

Prie pour vierges voilées
Pour le prisonnier dans sa tour,
Pour les femmes échevelées,
Que vendent le doux nom d'amour!

Viktor Hugo

Die Extreme sind wie die Kreise; wo sie sich am meisten von ihrem Ausgang entfernen, da begegnen sie sich. Bei dem Grab eines lieben Verstorbenen glauben wir gerade an Unsterblichkeit.

Gerade hier, wo die Wirklichkeit zerstörend in alle Hoffnungsblasen Christians eingriff, wurde das Vertrauen auf diese am stärksten. Die Künstler, von denen der Graf in jener Nacht, da sie zusammen auf Saltholm waren, ihm erzählt hatte, spukten in seinem Hirn.

Zwei Bücher hatte er diesen Winter gelesen: Albertus Julius und das alte Testament; beide waren für ihn der Wahrheit unfehlbares Wort und in beiden wurde Kampf und Widerwärtigkeit mit Glück belohnt. Albertus Julius fand dieses auf seiner Felseninsel, die biblischen Geschichten, die ja Gottes eignes Wort waren, sangen den gleichen Trost. Der Hirtenknabe, der arme David, wurde Israels König, Hiob bekam Gesundheit und Reichthum. wie vordem, der böse Haman kam an den Galgen, während Esther an der Seite ihres königlichen Herrn die goldene Krone trug.

»Das wahre Genie bahnt sich immer den Weg!« hatte der Graf gesagt. »Guter Gott!« betete Christian mit kindlichem Sinne, »gib mir wahres Genie, ich werde es nur zu deiner Ehre brauchen!«

Manche Stunde stand er an den sternenklaren Abenden und schaute mit Andacht und Vertrauen nach den glänzenden Punkten droben. Die Astrologen meinten, die Sterne hätten Einfluß auf uns, die wir unter ihnen wandeln. Der Glaube hat sich freilich verloren; es ist nur der Stern auf des Menschen Brust, der eine solche Kraft besitzt. Christian hoffte auf Hilfe von beiden, von dem droben und vom Grafen, dessen Sterne so prächtig blitzten, aber sie blieb leider aus.

Eines Abends saß er in solche Gedanken versunken in der dunkeln Kajüte; er sank in Schlaf und träumte wunderbar lebendig von Einer, die wir beinahe vergessen haben, oder die Meisten vielleicht gerne vergäßen: Steffen Karreet. Sie führte ihn an der Hand über eine dürre Oede, wo die Erde tiefe Risse bekommen hatte, so daß sie bei jedem Schritte beinahe fielen; dann kamen sie in einen schönen blühenden Garten, wo Alles Musik und Freude war. Sie gab ihm eine silberne Geige und als der Bogen über die Saiten strich, klang es lauter als die tausend andern Instrumente. Er wachte auf bei dem starken Klang und fand Trost und Freude in seinem Traume. Sie, deren Bild der Graf verdrängt hatte, schwebte ihm wieder wie ein guter Engel vor der Seele. Sie hatte ihm zwar nicht Geld gegeben wie der Graf, aber sie hatte ihm herzlich die Hand gedrückt und liebevoll ins Auge gesehen. Es ergriff ihn wunderbar, im selben Augenblick auf der Kajütentreppe eine Stimme zu hören, die ganz wie die ihrige klang. Erschien sie bereits als die gute mächtige Fee, ihn zu Ehre und Glück zu führen? Er hätte ihr entgegenstürzen mögen, aber sie war nicht allein; der Matrose begleitete sie. Dieser fragte laut, ob Jemand drinnen sei; aber eine seltsame Angst band Christian die Zunge.

»Was hast du mir zu sagen?« fragte der Matrose.

»Das wird auf dich ankommen,« sagte sie, »ob ein Körper und eine Seele in das ewige Schlammgrab gehen sollen.«

»Bist du Eine von den Heiligen geworden?« fragte der Matrose lachend.

»Ich muß dir Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe,« sagte sie mit seltsam gebrochener Stimme. Christian lauschte, denn sie wollte gewiß von ihm sprechen.

Wir wollen uns nicht abwenden und brauchen es auch nicht. Gehen wir in den Gartenwegen eine der häßlichen großen Kröten mit ihrem schleimigen Körper schwerfällig an der Erde forthüpfen, da ekelt uns vor diesem Geschöpfe, wenn sie aber von einem Feinde verfolgt oder mißhandelt ihren einförmigen Schrei ausstößt, dann werden wir gerührt und der Ekel geht in Mitleid über. Wie mächtig müssen diese beiden Extreme sein, wenn von einem Geschöpf unserer eigenen Art die Rede ist! Wende dich nicht ab, weil ich sie dir nicht in der Reihe der tanzenden Odalisken, unter dem Schatten der Palme an dem wogenden Ganges zeige. Wende dich nicht ab, weil es in der niedern Kajüte eines Kauffarttheischiffes geschieht und nicht an einem glänzenden Hofe, wo Grafen und Herzoge um den Blick einer königlichen Geliebten buhlen. Es ist das Laster auf seiner niedrigsten Stufe, weil Armuth sein Gewand ist; nicht in Gold und Seide sollst du es sehen, sondern in seinem Elende, es sehen, wenn es wie der Basilisk sich selbst im Spiegel steht und jeder Nerv berstet. Es ist etwas Tragisch-Erschütterndes darin, die menschliche Natur zum Thier herabgewürdigt zu sehen und in ihrem Untergang noch zu erkennen, daß sie nach Gottes Bild geschaffen war. Glückselig du, der du eine Heimat hattest, wo die Schamhaftigkeit dich nicht verließ. Eine solche besaß sie nicht. Welches Gift kann nicht des Mannes süßes Wort in die Seele der Frau träufeln, der sie in die Schande erweckt. Hättest du vor achtzehn Jahren das schlanke vierzehnjährige Mädchen gesehen, mit der reinen Lebenslust in den klaren Augen, so würdest du an Semele gedacht haben. – Ja, Semele harrte Jupiters in all' seiner Majestät und der Liebende kam, – aber nicht, wie die Sonne, die wärmt, sondern wie das Feuer, das brennt, und sie wurde Staub in seinen Armen, erzählt die Mythe. Staub, Erde wurde das Schönheitsbild.

Wir glauben nicht mehr an Gespenster, wir glauben nicht mehr dran, daß die Todten um Mitternacht in ihren weißen Gewändern um uns Lebende schweben. Wir sehen sie in den großen Städten. Im Mondschein, wenn der scharfe Wind über den Schnee bläst und wir uns fester in den Mantel hüllen, sehen wir weibliche Wesen, weiß gekleidet, in des Sommers leichter Tracht, winkend an uns vorüberschweben. Des Grabes giftigen Dunst athmen tiefe Gestalten: glaube nicht an die Rosen der Gesundheit auf den Wangen, der Todtenkopf ist gemalt; das Lächeln ist das der Verzweiflung oder des Rausches. Sie sind todt, aber furchtbarer todt als unsere Todten Die Seele begruben sie, aber der Körper geht wie ein Spuk um; gleich dem Vampyr sucht er nach Menschenblut, um sich daran zu nähren, deshalb hängen sie sich selbst an den Berauschtesten aus dem Volke, an den rohesten Kerl, bei dessen Anblick selbst dem Manne ekelt. Es sind furchtbar unglückliche Geister, die nur bei Tagesgrauen in ihr Grab steigen; nein, dann kommen erst die Träume der Verzweiflung, setzen sich ihnen wie ein Alp auf die Brust und singen ihnen von der Verachtung des Menschen vor, von einem bessern Leben schon hier auf Erden, und die Thränen strömen über die gemalten Wangen, und um die Träume zu verscheuchen, greifen sie zum Becher. Die Todeszeichen des Giftes sieht man dann nur um so deutlicher, wenn sie wieder spuken. Rette mich! noch bin ich nur scheintodt, in einzelnen Augenblicken fühle ich, wie meine Seele noch in wir lebt, ruft bisweilen eine von den Unglücklichen, aber erschrocken fliehen die fort, welche die Stimme aus dem Grabe hören, und sie, die Halbtodte, hat nicht die Kraft, den Sargdeckel der Verhältnisse und die schwere Erde der Sünde, die sie drückt, zu heben.

»Rette mich!« war auch das erste Wort, das Christian in der Kajüte von ihr hörte, von ihr, die er für eine vermögende edle Dame gehalten, und die wir als eine jener Gestalten der Nacht kennen. »Ich bin im Schlamm!« sagte sie. »Niemand achtet mich! rette mich, Sören! Ich habe dir ehrlich von meinem Gelde gegeben. Achtzig Thaler besitze ich noch. Heirathe mich! Nimm mich fort aus dem Elende hier, führe mich an einen Ort, wo mich Niemand kennt, wo du dich meiner nicht zu schämen brauchst. Ich will arbeiten für dich, daß mir das Blut aus den Nägeln springt. O, nimm mich mit dir! In einem Jahre kann es zu spät sein!«

»Dich sollte ich zu meinen alten Eltern bringen?« sagte der Matrose.

»Ich will ihre Füße küssen, sie mögen mich schlagen und ich werde jeden Schlag geduldig ertragen. Ich bin freilich alt, ich weiß es, bereits achtundzwanzig, aber es ist ein barmherzig Werk, um das ich dich bitte. Thust du es nicht, so thut es Niemand, und ich muß mich dem Trunke ergeben, daß mir der Kopf berstet, und ich so vergesse, wie elend ich mich selbst gemacht.« Sie hing sich an den schmutzigen Matrosen.

»Ist das das Wichtige, was du mir mitzutheilen hattest?« rief er und stieß sie von sich.

Diese Thränen, diese Seufzer, vermischt mit den Worten der Verzweiflung, durchbohrten Christians Herz; ein Traumbild erlosch und er sah die Schattenseite einer Wirklichkeit.

Er war wieder allein.

Einige Tage später sollte das Eis im Canal aufgehauen werden. Der Matrose und Christian hieben die Axt tief in das feste Eis ein und es sprang in große Stücke. Etwas weißes Zeug hing sich in der Eismasse fest. Der Matrose machte die Oeffnung größer, und da lag em Frauenzimmer, weiß gekleidet wie zum Ball, Bernsteinperlen um den Hals, goldne Ringe in den Ohren und die Hände fest über der Brust gefaltet: es war Steffen-Karreet.

Christian konnte diesen Anblick nicht vergessen; es war das Schlußbild der Geschichte jenes Abends. Was hatte einst der Pathe ihn in der letzten Stunde gelehrt, welche sie in Svendborg zusammen waren. »Genieße die Freude, so lange du kannst, damit du nicht in deinem Alter darüber zu weinen brauchst, daß du keine Sünden hast. Besser ist es, das Leben zu viel genossen zu haben, als später in der Einsamkeit darüber seufzen zu müssen, daß man es nicht genoß, solange man konnte!« Er verstand nun das Dämonische in diesen Worten, klammerte sich an seinen Gott und betete: »Erlöse uns vom Uebel!«

An jenem Abend nach dem Besuche hatte sie sich in die Furche zwischen dem Eis und dem Schiffe niedergleiten lassen. Der Brand der Verzweiflung war in dem kalten Strom erstickt. Christian hoffte nichts mehr von seinen Träumen. In der Welt gab es keine Feen, wie im Märchen.

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