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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

– Wir waren Kinder,
Zwei Kinder klein und froh
– Vorbei sind die Kinderspiele,
Und Alles rollet vorbei.

H. Heine

Erst in den letzten Jahren hat unser Auge das Pferd in seiner natürlichen Schönheit auf dem Rennplatz schätzen lernen. Dadurch wurde uns das Bild der wilden Flucht über die Steppen lebendiger. Eine der anschaulichsten Schilderungen dieses Thieres in seinem Naturzustand haben wir in Washington Irvings, »a tour on the prairies«. Er führt uns in die Urwälder, wo sich die wilden Ranken von Baum zu Baum schlingen und ein meilenlanges Gehege bilden, von welchem man aus die ungeheuren Steppen herausblickt, wo das hohe Gras wie em See wogt und die wilden Pferde in großen Horden mit flatternder Mähne, funkelndem Blick und kühnen Sprüngen über die Steppen dahinjagen. Da drängt sich uns der Wunsch auf, daß sie doch immer in diesem stolzen Freiheitszustand blieben. Die Jäger werfen ihre Schlingen über das stolze freie Thier und es erhebt sich mit all' seiner Kraft, um das Band zu zersprengen, aber kräftigere Hände halten es fest; der erste Peitschenschlag fällt auf des Thieres Rücken und schäumend und dampfend versucht es zum letzten Male seine ganze Kraft, vergebens! Es wirft sich wie todt zu Boden, ein neuer Schlag der Peitsche fällt und geduldig erhebt es sich; mit einem Stricke gebunden, folgt es dem Packpferde. Der Steppenkönig ist ein Sklave geworden.

Es liegt etwas Wehmüthiges in diesem Uebergang. Von dem wilden Pferd auf der Steppe bis zu dem elenden Arbeitsgaul vor des Bauern Wagen ist ein unendlicher Sprung und doch ist es ein Geschlecht und auf den meist glänzenden Anfang kann ein solcher Schluß folgen. Kein Thier hat in dem Schicksalswechsel soviel Ähnlichkeit mit dem Menschen. Das Pferd, das einst einen König trug, von seiner Rechten gestreichelt und auf das Beste gepflegt wurde, sank oft durch einen Unstern herab zum Dragonerpferd und endete zuletzt vor dem Karren des Abdeckers.

Erfüllt von diesen Betrachtungen, versetzt es uns in eine eigne Stimmung, wenn wir an einem klaren Wintertage, während der Schnee fest und funkelnd die Erde bedeckt, im Mondscheine über den großen Platz in Kopenhagen gehen, der den Namen Königs Neumarkt trägt. Rings um die Königsstatue zu Pferde, wo die colossalen Erzfiguren sitzen, jagt eine Reihe von Schlitten, die man dort miethen kann. Gassenjungen und das geringe Volk geben ihre zwei Schillinge, um, wie man's nennt, eine Tour zweimal um das Pferd zu machen. Die Schlitten sind gewöhnlich alt und höchst elend, aber das arme Pferd davor ist noch jämmerlicher; wenn der Karrenfuhrmann es nicht mehr vor dem Lastwagen brauchen kann, wird es vor den Schlitten gespannt; das abgejagte Thier wird nun gepeitscht und kommt schäumend und triefend naß zurück, um in der schneidenden Kälte dazustehen, bis ein neuer Kutscher es abjagt; das endet oft damit, daß das Thier zusammenbricht, und das ist sicher das Beste für das Thier.

Es war gegen Abend, als die besagten Schillingsschlitten wieder einmal um das eherne Pferd jagten; die Glöckchen klangen, die Peitschen knallten und Hurrahruf und Jubel der schlittenfahrenden Jungen mischten sich mit dem Knallen. Die meisten Spaziergänger machten einen großen Umweg; nur wenige wagten es, den Weg mitten über den Markt zu nehmen; die Kühneren warfen spähende Blicke umher und machten rasche Sprünge über die in Kreisen und Ellipsen gezogenen Bahnen. Unter diesen Verwegenen befand sich ein Herr in einem großen Mantel, es war der Graf. An mehreren Schlitten war er leicht vorbei gekommen, aber nun kam einer mit zwei jubelnden Matrosen und einem Jungen; vergebens blieb er stehen, daß sie vorüber kommen könnten, der Schlitten wandte sich gegen ihn und das Pferd war schon so nahe, daß der Schaum ihn bespritzte, aber im selben Augenblick lag das Thier an der Erde, und der Schlitten, der so plötzlich anhielt, schleuderte auf die Seite; das arme Thier ächzte ein paar Mal, schlug seine Augen seltsam schmerzlich auf und war todt. Das Volk strömte hinzu, ein paar der Ausleiher mit der Peitsche in der Hand fanden sich ein.

»Es war der »Sonderling«, der sich gelegt hat!« sagten sie, »der hat ausgearbeitet.«

»Sonderling«, der Name rief eine langst vergangene Zeit in des Grafen Seele zurück; lebendig stand vor ihm das alte Familienhaus in der Stadt, wo die gnädige Frau Mama für Lafontaine's Romane schwärmte; das hübsche Füllen wurde deshalb nach dem Romane »der Sonderling« genannt und der junge Graf erhielt es an seinem Geburtstag. Es war ein stolzes hübsches Thier; wenn er durch Svendborg's Straßen ritt, kamen alle Leute an die Fenster und Reiter und Pferd gewannen Aller Beifall. Die hübsche Sara, des Juden Tochter, streichelte es mit ihrer seinen Hand und das Thier hielt große Stücke auf die Gouvernante, wie man sie auf dem Schlosse nannte. Es wieherte laut, wenn sie es auf den Kopf küßte, der Reiter hielt jedoch noch größere Stücke auf die hübsche Gouvernante und deshalb mußte sie fort. Es war eine traurige Geschichte! Als der junge Graf später ins Ausland reiste, ging auch Sonderlings Glücksstern nieder, er wurde auf dem St. Kanuts-Markt verkauft.

Konnte es und mußte es nicht dasselbe abgemagerte, gepeinigte Thier sein, das hier lag? Alle diese Gedanken schlugen in einem mächtigen Erinnerungsfunken aus der Seele des Grafen bei dem Namen Sonderling, das Einzige, was er noch aus glücklicheren Tagen behalten hatte. Deshalb verweilte er länger, als er es sonst wol gethan, und bemerkte auch nichts von dem größeren Unglücke, das geschehen war; der Knabe, welcher in dem Schlitten gesessen, war sicher zu Schaden gekommen, er wurde zu einem Barbier gebracht.

Von der kalten Abendscene wollen wir mit dem Grafen in sein behagliches Haus treten, vor dem das Schiff mit Schnee auf dem Tauwerk lag. Eine warme, von Räucherwerk durchwürzte Luft strömte dem Eintretenden entgegen, Wachslichter in silbernen Armleuchtern erhellten das Innere, dessen Boden mit bunten Teppichen belegt war, welche die dicke Unterlage weich und elastisch machte. Bilder von Juul und Gebauer schmückten die Wände. Gypsabgüsse des sterbenden Fechters und des dornausziehenden Knaben standen zu beiden Seiten eines Bücherschrankes aus Mahagoni, in welchem sich nur vornehme Schriftsteller befanden, wie Goethe, Racine, Swift, aber nicht ein einziges dänisches Buch, wie man dies häufig bei unsern sogenannten höheren Schichten findet, eine Art Schaubibliothek, die Geschmack zeigt, aber ob dieser wirklich existirt, zeigt sich erst durch die Konversation. Daß außerdem eine ganze Reihe »Taschenbücher« dastand, waren keine guten Auspicien. In das nächste Zimmer führte keine Thür; auf orientalische Weise hingen hier Seidenteppiche, die man zurückschlug. Das Zimmer war kleiner, wunderliche Schlingpflanzen hingen von den Pyramiden zwischen den Damastgardinen herab. Die blauen und blaßrothen Glocken der Hyacinthe klingelten mit Tönen von Duft. Am Theetisch, welchen die Gouvernante besorgte, saß Naomi und ein ältlicher Herr; es war ein Kammerherr. Thorwaldsen begann damals einen europäischen Namen zu erlangen; der Kammerherr sprach davon.

»Ich habe ihn gekannt,« sagte er. »Als ich Kammerjunker war, war er noch ein Nichts. Aber er besitzt Genie und die Zeitungen sprechen von ihm. Ja, bei Gott, da lese ich seinen Namen sogar im Journal des Débats! Der Mensch wird célèbre, aber zur Tafel des Königs kann er nicht kommen, da er nicht Etatsrath ist.«

Auf einem Tische daneben lagen seine Kupferstiche und Ansichten: meist italienische Gegenden, die der Graf besucht hatte.

»Magnifique! magnifique!« sagte der Kammerherr. »Das ist Genua! da war ich vor siebenundzwanzig Jahren. Hübsche Frauenzimmer gibt es dort! und in Bologna –! ach ja! die Bologneserinnen! welche Augen!« Die Gouvernante schlug die ihrigen nieder. Der Kammerherr flüsterte halblaut: »Hübsche Frauenzimmer, das ist es ja, weshalb man reist.«

Der Graf erzählte nun, wie nahe er diesen Abend daran gewesen, überfahren zu werden und sagte, der arme Junge sei gewiß zu Schaden gekommen. »Das kleine musikalische Genie!« fügte er hinzu.

»Hier im Hause hat er Concert gegeben!« sagte Naomi lächelnd. »Die Dienstleute ließen ihn zu sich kommen, er spielte ihnen vor und sie klatschten ihm zu; aber der Kutscher Hans war witzig und hing ihm einen Treffbuben als Orden auf die Brust,« fügte Naomi hinzu, »das verstand er doch, daß man ihn damit für Narren halten wollte und es traten ihm Thränen in die Augen; in diesem Moment kam Elisa hinzu,« sie deutete auf die Gouvernante, »und Alles kehrte zum schuldigen Respect zurück!«

»Armer Junge!« sagte der Graf, »nun kommt er in das Spital.«

»Nein, ich glaube ihn geigen zu hören!« sagte die Gouvernante und lauschte. »Es ist ganz dieselbe Musik, die wir immer hören.«

Der Diener wurde hereingerufen.

»Sieh' nach, wer da spielt!« sagte der Graf. »Frage, ob der kleine Schiffsjunge bei der Schlittenfahrt zu Schaden gekommen.«

Der Diener kehrte bald zurück und erzählte, daß der Junge allerdings sich das Bein verrenkt, daß es aber wieder eingerichtet sei; er stehe draußen vor der Thüre mit der Geige, die er ihm mitzunehmen besohlen.

»Das war nicht meine Meinung,« sagte der Graf. »Es ist nur gut, daß es ihm nichts geschadet hat.«

»Sollen wir das kleine Kunstwerk nicht sehen?« sagte der Kammerherr. »Fräulein Naomi sagt mit ihren hübschen Augen, daß sie den kleinen Künstler aufmuntern will.«

Der Graf lächelte und einen Augenblick später stand Christian auf Strümpfen, die Geige hinter dem Rücken, in dem hellen Gemach. Wie warm und duftend, wie reich und hübsch war doch alles um ihn her! Blumen und Naomi, recht, wie wenn er durch die Mauer in des Juden Garten kröche. Sie wollten sein Spiel hören! Er bebte vor Freude.

Da trat im selben Augenblick ein hoher magerer Herr mit ernstem strengem Gesichte ein. Finster und fragend sah er Christian an, als wenn er sagen wollte: »Was will der arme Knabe da?«

»Das ist ein kleines musikalisches Genie!« sagte der Graf und erklärte mit wenigen Worten die Bekanntschaft Der Fremde sah noch ernster auf den Knaben herab, den der Graf damit abfertigte, daß er ihn ein andermal hören wolle; es wurde ihm ein Thaler in die Hand gedrückt, aber nur halb glücklich damit verließ er die prächtigen Zimmer.

Der Diener nahm ihn in die Gesindestube und nun mußte er da wie gestern vor den Leuten spielen. Es fielen allerlei Witze, aber seine Eitelkeit fühlte sich doch geschmeichelt und auch hier bekam er Geld. Er war sehr froh als er die Treppe hinabging. Der ernste Herr mit dem strengen Blick begegnete ihm, »Sie haben dich ja zum Narren,« war alles, was er sagte und es fiel wie ätzendes Gift in seinen Freudenbecher.

Auf dem Schiff empfing ihn Peter Wik mit finsterer Miene.

»Wo zum Teufel treibst du dich herum?« fragte er. »Bist du Stadtmusikant geworden? Du kannst da unten im Kasten kratzen, aber nicht droben vor den Tellerleckern sonst setzt es eine Ohrfeige! Das ist Peter Wik's Meinung!«

Still und betrübt stieg er in seine Koje hinab.

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