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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/andersen/geiger/geiger.xml
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidd9aa3192
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Zweiter Band.

I.

– Ich will fahren
Ueber's Meer so weiß und glatt –
– Sicher kannst du ihm vertrauen
Glaube mir getrost:
Eine Brücke dir zu bauen
Schafft schon lang der Frost.

Christian Winter.

 

Das Eis zerschellt an der Felsenwand
Und drüben schäumt es wild zum Strand,
Hoch schnaubt des Meeres Woge.

Oehlenschläger.

Es war ein strenger Winter in jenem Jahr, das Eis lag dick und fest zwischen Seeland und Schonen. Der schwedische Bauer, der immer der Erste ist, welcher den Weg über die von der Kälte geschlagene Brücke wagt, fuhr in seinem Schlitten nach Dänemark; das Vieh wurde hinübergetrieben, obgleich das Eis, wie man sagte, nicht so ganz sicher draußen an der Stelle der Strömung war. Zwischen Kopenhagen und der eine halbe Viertelstunde davon liegenden »Dreikronen«-Batterie zog sich ein breiter Weg hin, der von dem Verkehr der Fahrenden so schmutzig war, als wäre es eine wirkliche Landstraße; Fußpfade für die Gehenden zogen sich nebenher. Da, wo vor ein paar Monaten große Dreimaster in dem tiefen Gewässer sich sicher geschaukelt, saßen nun alte Frauen mit ihren gedeckten Tischen und verkauften Weizenbrod und Getränke; Zelte waren aufgeschlagen, von denen die dänische Flagge in der blauen Winterluft herabwehte und bei Tage wimmelte es hier von Menschen; die Schiffe lagen im Eise eingefroren, so fest, wie in den Sand gebohrte Wracke. Gegen die Küste von Schweden hin, so weit hinaus, als man sehen konnte, bewegten sich da und dort, wie schwarze Punkte, Fahrende und Gehende, die ihr Nachbarland besuchten.

Ein Schnee- und Eisfeld von vier Meilen, wie hier, hat etwas Eigenthümliches bei dem Gedanken an die Tiefe, welche unten gähnt; ein Sturm in Verbindung mit einer veränderten Richtung der Strömung kann in wenigen Minuten das Eis brechen; aber wie der Winzer seine Reben auf die heiße Lava pflanzt und dicht am Rande des Kraters schläft, so fährt hier der Bauer ruhig hin über das Eis und tröstet sich damit, daß er in Gottes Hand stehe.

Wie wir wissen, war Peter Wik's verstorbene Frau eine Schwedin, aus Malmö gebürtig; da wohnte ihre Verwandtschaft. Ein Schiffer, dessen Schiff im Hafen eingefroren liegt und dort überwintert, hat nicht viel zu thun. Nun war die Landstraße nach Schweden gebahnt, man kam von dort, man ging dahin, Peter Wik hatte Lust, die Tour zu machen, und Christian sollte mit, hatte er gesagt.

Es war am Vormittage bei klarem Sonnenschein, als die Wanderung begann. Der Sund war ein Schneefeld; an einzelnen Punkten hatte der Wind den Schnee zu hohen Haufen zusammengewirbelt, an andern war er wie fortgefegt, und der blanke Eisspiegel kam wie Weiher und Binnenseen zum Vorschein.

»Nun kommt alles darauf an,« sagte Peter Wik, »ob die Decke hält, damit wir nicht auf den Grund des Topfes kommen, wo weder Sonne noch Licht scheint. Aber wir sind Seejungens, wir gehen, ob es weich oder hart ist.«

Sie waren bereits eine Meile von Seelands Küste entfernt, da begann es stark zu blasen, schwere Wolken zogen sich zusammen, aber Peter Wik war die Lustigkeit selbst. Sie begegneten einem Trieb Vieh, der Treiber versicherte, daß das Eis fest und gut sei, daß das Wetter sich jedoch sicher im Laufe des Tages ändern werde.

»Das wäre hübsch, wenn die See klar würde, während wir drüben sind,« sagte Peter Wik. »Dann sparten wir auf dem Rückwege unsere Beine, und wir schaukelten wieder! Meinetwegen, hier kriecht man ja doch wie ein Floh auf einer Leimruthe.«

Die Luft wurde grauer, es fielen einzelne Flocken; unsere Reisenden waren noch nicht halbwegs. Mit einem Male schüttelte die Wolke den weißen Schnee in fegendem Wirbel herab.

»Zieh' das Halstuch über die Ohren herauf!« sagte Peter Wik; »es ist nur ein Schlingern, was wir bekommen.«

Sie gingen gesenkten Hauptes gegen den Schneesturm. Hoch in der Luft sauste der Wind wie ein herumwirbelndes Tau.

»Na, will es sich nicht legen!« sagte Peter Wik, richtete den Kopf auf und stand einen Augenblick still. Da erscholl unter ihnen ein Krachen, wie der stärkste Kanonendonner. »So lange es kracht, hält es!« sagte er, nahm Christian bei der Hand und ging rasch vorwärts. »Wir müssen in gerader Linie gehen, dann stoßen wir auf ein Haar auf die Schiffsbrücke von Malmö. Nun, wie das doch heute von oben herabrieselt!« sagte er und hustete gegen die Schneeflocken. Da hörte man wieder tief drunten den donnernden Ton der starken Strömungen, welche Risse in das Eis brachen, ohne daß diese indeß noch sichtbar wurden. »Das sind ein paar tüchtige Kanonen, die sie drunten haben!« sagte Peter Wik, »mit denen hätten sie an der Königin Geburtstag schießen sollen!«

Einen Augenblick fielen die Schneeflocken weniger dicht; ein seltsam seufzender Ton, verschieden von dem, den sie zuvor gehört, ertönte unter ihnen; es war, als wenn die verschlossene Tiefe aufathmete. Peter Wik stand still, seine Augen sahen durchdringend vor sich hin. »Wir haben noch nicht den halben Weg hinter uns,« sagte er. »Ich glaube, wir thun am besten, heute Schweden Schweden sein zu lassen.« Er stand noch immer da und horchte.

Als Seemann war es ihm klar, daß das starke Eis bei veränderter Strömung und südöstlichem Winde, wie solche nun eingetreten waren, in Kurzem brechen und nordwärts treiben konnte. Es ist das eine der interessantesten Naturscenen, die unser Land bietet. Des Eises Stärke, der Strömung Kraft, namentlich bei Helsingör, wo der Sund zwischen beiden Ländern nur eine halbe Meile breit, ist von großartigem Effect. Mächtige Eisblocke pressen sich gegen einander, die Strömung hebt sie hoch empor, und wie ringsum geschraubt, steigen die glasartigen, schwimmenden Felsen in die Höhe. Der Sund erscheint wie ein vorüberschwimmender Gletscher.

Noch zeigte sich keine sichtbare Spur einer solchen Naturscene, aber das Zeichen war gegeben; das Höllenpferd der Tiefe hatte denen droben Tod zugewiehert. Wieder fielen die Schneeflocken. Peter Wik kehrte um und nun war der Weg leichter, denn sie hatten Wind und Schnee im Rücken. Plötzlich erscholl dicht hinter ihnen ein schwacher, aber durchdringender Angstschrei, er sah sich um und gerade noch zeitig genug, um nicht von einem kleinen, leichten Schlitten mit vier Menschen überfahren zu werden; er fuhr in gerader Richtung zwischen den beiden Ländern. Peter Wik stieß ein Halloh aus, das beantwortet wurde und der Schlitten hielt still.

Ein vornehmer dänischer Herr saß bei seinem Diener auf dem Vordersitz; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, hatten den bessern Platz; die Jüngste war es, welche weinte, die Aeltere zog den Mantel dicht um sich.

»Wie weit glauben Sie, daß wir von Seeland entfernt sind?« fragte der Herr.

»Ungefähr zwei Meilen!« antwortete Peter Wik, »fährt die Herrschaft aber in der Richtung, in der sie jetzt steuert, so gibt das einen langen Weg. Der Curs geht nach Preußen. Hier liegt Schweden, da liegt Seeland« – und er zeigte in beider Richtung.

»Ist daß gewiß?« fragte der Herr.

»Ich gehe mit dem Kompaß im Kopfe!« antwortete Peter Wik.

»Das verdammte Wetter!« sagte der Fremde. »Es war so klar, als wir Schweden verließen! Wir sind hier nun unter Hveen.«

»Nein, das liegt weiter oben. Erlaubt der Herr, daß ich den Steuermann mache? Es geht nicht an, daß man im Galopp fährt, es könnte eine kleine Ritze kommen!«

»Lieber Schiffer, sind Sie es?« fragte die ältere Dame, »werden wir nur auch lebend ans Land kommen?«

Peter Wik sah sie an, sie kannte ihn ja. »Ach ja, liebes Fräulein,« sagte er, »man geht nicht gleich unter, wenn man die Augen offen behält. Nun klärt es sich auch.«

Die Dame seufzte tief auf. Es war die Gouvernante, die mit ihm nach Kopenhagen gefahren. Er ergriff die Zügel, der Diener stieg ab, Christian bekam seinen Platz. Der Fremde war ein Mann von einigen und dreißig Jahren, er gehörte zu den höhern Ständen, das zeigte sein ganzes Wesen. Vor zwei Tagen war er mit seiner Pflegetochter, wie er das junge Mädchen nannte, und ihrer Lehrerin nach Schonen gefahren, das Eis war ja stark und fest. Heute wollten sie wieder zurück, als plötzlich die Wetterveränderung eintrat und in dem Schneegestöber waren sie, statt auf die Höhe von Hveen zu kommen, Amager zu gefahren.

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Da hörte man aufs Neue unter ihnen einen seufzenden durchdringenden Ton; sie wurden sanft in die Höhe gehoben und sanken wieder, die Pferde blieben stehen und Christian sprach ein stilles Gebet.

»Wir sind in des Herrn Hand!«

Das junge Mädchen umschlang ihren Pflegevater fest mit den Armen.

»Es ist das Beste, ich steige aus!« sagte er.

»O nein!« bat sie, »wir sterben. Das Eis bricht!« Sie schlug den Mantel zurück und sah, todesbleich, vor sich hin, während das lange kohlschwarze Haar über ihre blassen Wangen niederfiel. Christian sah sie an; das war ja Naomi, die er erblickte, aber er wagte es nicht, ihren Namen zu nennen. Die Ueberraschung ließ ihn alle Gefahr vergessen.

Da und dort in der grauen Luft zeigten sich hellere Punkte, aber das Eis hinter ihnen, keine hundert Schritt entfernt, hob sich hoch in die Höhe, ein dunkler Streifen mit seltsamen Verzweigungen breitete sich nach der Seite aus. Keines sprach ein Wort. Da vernahm man vor ihnen einen wunderlichen Ton, er kam nicht von der See, nicht aus der Luft: hohl und klagend klang er, wie man von der Seekuh erzählt, die sich zwischen den Felsen auf den Vorderbeinen erhebt und gegen das Land brüllt, wo die nahe verwandten Thiere grasen, wo sie aber nicht hinaufkommen kann.

»Was war das?« sagte der Fremde, und heftete seinen Blick fest in die Ferne. Peter Wik blieb stumm.

Wieder wankte das Eis unter ihnen und der weiße Schnee bekam von dem hervorschießenden Wasser eine grauliche Farbe.

»Was ist das dort rechts vor uns?« fragte Peter Wik und wandte die Pferde. Eine Stange ragte aus dem Eise hervor. »Da ist gewiß ein Loch, das die Fischer aufgehauen haben; das sieht aus wie ein Warnsignal.«

»Da liegt ja etwas wie ein Haus!« sagte der Diener.

»Wir können nicht am Lande sein!« antwortete Peter Wik mit gedämpfter Stimme.

»Hov!« ertönte es in der Nähe und in ihre Ohren drang derselbe brüllende Ton, den sie früher gehört.

Nicht weit davon, wo sie hielten, stand eine Art Holzschuppen, halb vom Schnee bedeckt. Hier fanden sie den Treiber mit seinem Vieh, das in der kalten Luft brüllte.

»Was ist das für ein Kasten, der da aufgeschlagen ist?« fragte Peter Wik. »Wollt Ihr hier bleiben?«

»Freilich, denn es ist das Klügste, was ein Mensch thun kann!« antwortete der Treiber. »Hier hat man doch das Trockene unter sich und unsern Herrn über sich! Die Herrschaft wird am besten thun, wenn sie hier bleibt. Da liegt ja der Hof« – und er deutete auf ein Gebäude, das wie ein Bauernhaus aussah und einige Schritte entfernt lag.

Es war die kleine flache Insel Saltholm; nur die höchsten Punkte stehen im Winter über dem Wasser und werden von den Jägern wegen der vielen Hasen besucht. Im Sommer bietet die Insel herrliche Weide, weshalb die Amager ihr Vieh hinüber führen. Schon in Kriegszeiten war hier ein kleines Gebäude, das in spätem Zeiten zu einem recht ansehnlichen Hof erweitert wurde und von einer Familie bewohnt wird.

Der Treiber sagte, im Winter sei ein Mann dort im Hause, es war jedoch keiner zu finden; er mußte wol zu Besuch auf Amager oder in Schweben und nicht zeitig genug zurückgekehrt sein; das Haus stand leer.

Unsere kleine Carawane machte Halt. Die verlassene Insel war für sie ein Freihafen des Glücks.

Vier nackte Wände, glänzend von der gefrorenen Feuchtigkeit, bot das Innere. Küche und Stube waren eins. In einer Ecke auf dem gepflasterten Fußboden stand ein ungemachtes, schlechtes Bett, welches man eilig bei Seite schaffte. In der Kammer dicht nebenan lag eine Menge Torf; mit einem Theil von diesem und mit Hilfe einiger alter Bretter machte Peter Wik Feuer an. Die Wagensitze wurden hereingebracht; sie erschienen ihnen wie prächtige Divans.

Das Ganze machte einen Eindruck wie die einsamen Stationen auf dem Simplon, wenn das Schneetreiben und Unwetter die Reisenden nöthigt, dort ein Unterkommen zu suchen. Die Kälte war groß genug, um sich in Gedanken nach jenen Berghöhen zu versetzen, und schaute man in die graue Schneeluft hinaus auf die dahingleitenden Eismassen, die in seltsam beweglichen Gestalten auf dem Strome hinglitten, so war das den Wolkenmassen nicht unähnlich, welche an den Bergseiten hinschweben.

»Das hätte ich nicht geglaubt,« sagte Peter Wik lachend, »daß ich zwischen Seeland und Schonen ein Abenteuer erleben sollte wie Albertus Julius. Kennt der Herr das Buch? »Verschiedener Seefahrer wunderliche Schicksale«, Ich habe es in meiner Kajüte. Verhungern kann man hier nicht, solange Kuh und Kalb da ist, und dürsten auch nicht, wenn der Schnee ellenhoch liegt. Entweder es wird offene See, so daß die Schiffe vorbeikommen, oder friert es zusammen, dann können wir nach Amager kommen und die grünen Kräuter essen, die wir jetzt nicht auf der Suppe haben.«

Der Fremde, Herr Graf nannte ihn die Gouvernante, schien ebenso aufgeräumt, wie der lustige Schiffer. Die Gouvernante nahm thätig daran Theil, Alles auf das Beste einzurichten. Hoch oben auf dem Gesimse standen zwei alte irdene Gesäße, welche sie mit Schnee reinigte, und die nun als Melkbottich und Kochtopf dienen mußten. Der Viehtreiber brachte frische Milch und aus den Wagentaschen kamen kalte Küche und zwei Weinflaschen. Das Feuer knisterte lustig und verbreitete Wärme, während der Wind an den Fenstern rüttelte und der Schnee in wirbelndem Flug dahinfegte.

Christian ging mit großem Eifer zur Hand, legte Teppiche und Mantel dichter um Naomi, die noch immer ihren Schreck nicht recht verwinden konnte; sie saß wie ein Marmorbild da und heftete ihre großen dunkeln Augen auf ihn. Sie zeigten, daß das stärkste Feuer kohlschwarz sein kann.

Peter Wik saß vor dem Feuerherde und nickte der Gouvernante bekannt zu.

»Es geht doch besser,« sagte er, »als es zuletzt ging, da wir zusammen zur See waren, und da hatte man doch wirkliches Wasser unter sich; damals sah das Fräulein weit elender aus und nun geht es besser. Ich hätte mir nichts weniger gedacht, als daß wir uns so bald zur See treffen sollten.«

»Auf dem Lande sind wir doch nicht weit auseinander,« antwortete sie. »Dicht unter unsern Fenstern liegt ja das Schiff; manchen Morgen habe ich Sie auf dem Deck gesehen und Abends kann ich Ihre Geige hören.«

»So sind wir Nachbarn im Hafen!« sagte Peter Wik.

»Ist das Ihre Geige, die ich gehört?« fragte der Graf. »Sie sind ein sehr origineller Musiker. Es scheinen Phantasien; ich war einige Male Ihr stummer Zuhörer.«

»Ja, das ist meine Geige!« sagte Peter Wik; »aber mit Phantasien habe ich mich nie abgegeben. Das ist der Junge dort, den Sie gehört. Er kann kein ordentliches Stück, und so springt er von dem Einen aufs Andere über! Es ist, wie ich das nenne, Samstagsgericht, von der ganzen Woche zusammengekocht.«

»Er ist es?« fragte der Graf und sah Christian mit einem gewissen Interesse an. »Du hättest die musikalische Laufbahn wählen sollen; da hättest du vielleicht dein Glück gemacht.«

»Ja wol!« sagte Peter Wik. »Aber sehen Sie, Herr, wenn man nur Salz und Brod im Hause hat, so nützt es nichts, hinzusitzen und darüber zu brüten, welcher Braten wol besser schmecken würde!« und nun erzählte er auf seine Weise, wie er den jungen Menschen an Bord bekommen.

»Du bist ja ein kleiner Abenteurer!« sagte der Graf mit einem Lächeln, indem er ihm zunickte. Christian fühlte sein Herz stärker pochen, während er von dem fremden, vornehmen Herrn betrachtet wurde, aber er wagte es nicht, ein einziges Wort zu sprechen, obgleich von ihm die Rede war. Hätte doch Naomi nur gesagt: »Ich kenne ihn auch! Wir spielten zusammen!« Aber sie blieb stumm sitzen und heftete ihre schwarzen Augen auf ihn.

Die Mahlzeit, welche nun gehalten wurde, war nach Peter Wik's Behauptung so prächtig wie ein Martinsschmaus.

Die Sonne war nahe am Untergehen, sie verbrämte die zerrissenen Wolken mit rothem Rande. Der Blick über die See hatte etwas ganz Eigenes. Nach Seeland zu war die weiße Eisfläche nach den verschiedensten Richtungen geborsten; sie sah aus wie eine große, nicht illuminirte Landkarte, wo Flüsse, Berge und politische Grenzen durch dunklere Striche angedeutet sind. Ein fortwährendes Krachen in Verbindung mit der leisen Bewegung kündigte eine Veränderung an wie die, welche die See gegen Schweden zu bereits darbot; hier wurden große Eisblöcke, mächtige Platten, welche wie Glasstaub aussahen, zusammengepreßt, hoch gegen einander aufgestaut und segelten dann auf der grünen, wogenden See dahin.

Die dem Lande nächste Eisscholle riß sich los und du Strömung wälzte sie hinaus.

»Da ist ein Thier darauf!« rief Naomi.

Es war ein armer Hase, ängstlich stand er dicht am Eisrand und maß gleichsam den Abstand von dem festen Lande, von dem er sich mehr und mehr entfernte. Er fuhr auf seinem Todesschiffe.

»Es ist lustig anzusehen, wie er springt!« sagte Naomi. »Er kann nicht ans Land kommen!« Selbst geschützt lächelte sie, wie die Spanierin in der Arena lächelt.

Drinnen im Hause war indeß Alles aufs Beste für die Nacht in den Stand gesetzt. Naomi und die Gouvernante bekamen jede ihren Wagensitz, um darauf zu schlafen; die Männer mußten eben zusehen wie es ging. Der Treiber war draußen geblieben, wo er, die Mütze über die Ohren herabgezogen, geschützt und warm mitten unter seinem Vieh königlich, wie Pharao, von fetten und magern Kühen träumte. Der Graf kam von seiner Abendwanderung zurück; Alles schlief, mit Ausnahme von Christian, welcher das Feuer unterhielt.

»Willst du nicht schlafen, mein Junge?« fragte der Graf.

»Ich kann nicht!« antwortete er und blickte auf die Feuerbilder hin, die ihm seine Phantasie in der Glut zeigte. So hatte der Hof gebrannt, als Naomi aus dem Feuer getragen wurde, so hatte die Pappel und das Storchennest geglüht. Er erinnerte sich an Alles, als wenn es gestern gewesen wäre, nur Naomi hatte es so ganz und gar vergessen. Nicht ein Wort hatte sie davon gesagt, daß sie einander kennen, und doch begegneten sich ihre Augen, wie damals, als sie mit den bunten Blättern gespielt. »Erinnerst du dich meiner nicht mehr?« bebte auf seinen Lippen, als sie ihm »gute Nacht!« sagte, aber die Worte blieben ein todter Laut, Und doch kannte sie ihn; ihre Gedanken hatten bei denselben Stellen geweilt wie die seinen. Sie erinnerte sich gut, daß sie auf der hohen Treppe gesessen, und daß er ihr dort das große Klettenblatt gebracht und sie auf Mund und Wangen geküßt, aber jetzt – war er ein armer Schiffsjunge.

Der Graf rückte näher zu ihm hin.

»Du bist es also, der Abends in der dunkeln Kajüte spielt? Hast du eine größere Vorliebe für das Meer oder für die Musik?«

»Für die Musik!« sagte er mit leuchtenden Augen.

»Nun, hast du Genie, wie ich wol glaube, so wird es sich durchringen. Laß es dich nicht kümmern, daß du ein armer Knabe bist! Das sind die meisten Künstler gewesen! Aber werde nicht stolz, wenn du dich einmal zu diesen erhoben! Wenn Tausende dir Beifall klatschen, könntest du leicht schwindlich werden; ja,« fügte er ernster hinzu, »man muß viel Genie haben, um sich aus der Armuth emporzuarbeiten und viel muß man lernen!«

»O, Alles würde ich thun!« rief Christian. »Alles, was man verlangte!«

Das Gespräch schien den Herrn Grafen zu unterhalten; er erzählte von ausgezeichneten Künstlern, wie schwer ihr Loos gewesen, ja, wie manche niemals auf dieser Welt die Freude oder Anerkennung ihrer Größe genossen; und Christian war es, als schwebte seine eigene Zukunft in wunderbaren, aber anschaulichen Gestalten an seinem Auge vorüber.

»O Herr,« rief er mit gedämpfter Stimme und konnte seine Thränen nicht zurückhalten. »Ich kenne gar Niemand in der ganzen Stadt, der mir helfen würde. Musik möchte ich lernen. O, ich würde Tag und Nacht über das nachdenken, was man mir sagte!« Und er erzählte von seiner Heimat, von seiner ganz verlassenen Stellung.

Der Graf sah ihn mit theilnehmendem Blicke an und Christian drückte seine Hand an seine Lippen, netzte sie mit seinen Thränen und erbot sich, ihm zu dienen, seine Schuhe und Stiefel zu reinigen, zu gehen, wohin er ihn schicke, wenn er ihm nur helfen wollte zu lernen, was er lernen müsse, um ein Künstler wie du zu werden, von denen er ihm erzählt habe.

»Ja, mein guter Junge,« sagte der Graf, »das ist nicht so leicht, wie du glaubst. Auch müßtest du viel Genie haben und das kann erst die Zeit zeigen, üb du welches hast. Du darfst nicht vergessen, daß du ein armer Junge bist. Steckt Genie in dir, so kommt es sicher heraus, wenn du dich auch noch ein Paar Jahre auf der See herumtummeln mußt. Per aspera ad astra! Es braucht der Widerwärtigkeiten, um geläutert zu werden! Soll etwas aus dir werden, so hilft eine höhere Schickung, davon kannst du überzeugt sein. Ich bin leider außer Stande, etwas für dich zu thun, ich habe so manche Andre!« Und er öffnete seinen Geldbeutel, gab ihm einen Silberthaler mit dem wiederholten Trost, daß das wahre Talent sich immer den Weg bahne, zog den Mantel fester um sich und lehnte seinen Kopf an die Wand, um zu schlafen.

Das waren die Icarusflügel, die er an die Schultern des Genies band; kühn geformte Schwingen, aber von Blei. Die Worte waren ein altes Thema, das von Geschlecht zu Geschlecht vor den Ohren des Künstlers tönt und mit Variationen noch Jahrtausende fortklingen wird, solange die Welt dieselbe ist, wie da sie Sokrates Gift und Christus eine Dornenkrone reichte.

Erst gegen Tag schlief Christian ein, aber bald wurde er wieder von Peter Wik geweckt, welcher verkündete, daß der Wind sich gedreht, das Eis zusammengefroren sei und man den günstigen Augenblick benutzen sollte, um nach Amager zu kommen. Der Schlitten wurde angespannt und Alles zur Abreise geordnet. Der Viehtreiber trieb sein Vieh voran, denn worüber dieses gehen konnte, da mußte das Eis auch den leichten Schlitten mit der Gouvernante und Naomi tragen können.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Eis krachte ringsumher. An mehreren Stellen mußte man einen Umweg machen, um den gähnenden Rissen auszuweichen, an andern Stellen stand Wasser, das durchwatet werden mußte. Naomi drückte vor Angst die Augen zu.

»Wir sinken!« jagte sie zu Christian, der hinten auf dem Schlitten Platz genommen.

»O nein, Gott will nicht, daß wir jetzt sterben sollen!« sagte er.

Der Schlitten schlingerte einige Male; das Eis schwankte gleichsam, das Wasser spritzte hoch auf von den Tritten des Pferdes, und Naomi schlang zuletzt ihre Hände um Christians Arm. Die Gouvernante neigte sich nach der entgegengesetzten Seite des Schlittens. Endlich kamen sie auf eine ebene und feste Eisfläche.

»Seht, nun sind wir wieder auf dem neuen Landweg,« sagte Peter Wik. »Es wird kein Sterbelied auf uns gemacht, wenn ich es nicht selbst mache, aber das ist nicht mein Handwerk. Ich habe nur eine solche Schreiberei geliefert und die steht draußen auf dem Holms-Kirchhofe auf meinen treuen Freund: »1801 stand er und blieb stehen, 1807 lag er und blieb liegen.«

»Erinnerst du dich meiner nicht?« flüsterte Christian Naomi zu. Denn die Kirche von Amager schien sich zu nähern und dort sollten sie scheiden.

»O ja!« sagte Naomi, »bei ebenso leise. Ihre blassen Wangen wurden roth. »Du kamst ja an meinem Geburtstag zu uns in den Saal.«

»Ich meine in Svendborg?« entgegnete er.

»Ja, damals!« sagte sie, »Ich erinnere mich wohl, das ist lange her!« Sie wandte sich plötzlich an die Gouvernante. »Nun sind wir bald am Lande. – Du sprichst nicht mit mir. – Wie kalt es ist!« und sie zog das Halstuch dicht um die Wangen.

Christian stieg ab und folgte dem Schlitten. Ohne sich den Grund klar zu machen, fühlte er sich so tief betrübt; er hatte Luft sich auf das Eis zu legen und so viele Jahre zu schlafen, wie der Siebenschläfer im Märchen. Nun sahen sie Menschen an der Küste und bald war alle Furcht zu Ende. Sie befanden sich auf festem Grund. Der Graf bot Peter Wik Geld.

»Mein Herr!« sagte dieser, »Sie waren nicht auf meinem Fahrzeug und gilt es zu bezahlen, so wäre es an mir und dem Jungen, die wir's uns als Ehre anrechnen müssen, in so vornehmer Gesellschaft gewesen zu sein.«

Die Gouvernante reichte dem Schiffer die Hand und Naomi folgte ihr und des Grafen Beispiel. Christian stand mit dem Hut in der Hand da und sah zum zweiten Male in seinem Leben, wie seine Spielschwester stolz in die Welt hinausfuhr

»Wir fahren auf des Schusters Rappen nach!« sagte Peter Wik.

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