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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI.

Margot,
Sie war's,
Louison.
Und sie erkannt' uns nicht!

Schiller's Jungfrau von Orleans.

»Heute Abend wollen wir ins Theater gehen!« sagte Peter Wik und nahm Christian mit sich.

Man erzählt von einem Mann vom Lande, der zum ersten Male in seinem Leben ins Theater kam, in der Vorhalle sogleich nach der Kasse ging, den Kopf in das viereckige Loch steckte und glaubte, daß das das Perspectiv sei, durch das er das Theater sehen sollte. Christian hätte beinahe dasselbe gethan, denn er war noch nie im Theater gewesen. Alles war ihm ein Schauspiel, von den in der Vorhalle aufgestellten Soldaten an bis zu dem Gewimmel, das sich die Treppen hinausdrängte.

»Nun wirst du eine Kommode sehen, in die wir hineingehen,« sagte Peter. »Wir kommen nach der obersten Schublade. Siehst du, die unterste ist etwas herausgezogen, damit die Damen ihren Staat nicht zerknüllen.«

Sie setzten sich auf die erste Bank. Christian war andächtig und stumm; das Ganze kam ihm wie eine große Kirche vor.

In das Himmelbett zu beiden Seiten kommt der König und die Königin hinein!« sagte Peter Wik. »Das große Gemälde uns gegenüber geht in die Höhe, wie ein Schiffsseil, und dann kommen die Frauenzimmer hervor und strecken die Beine aus, zuerst das eine, dann das andere, wie eine Fliege in einem Topf Sahne.«

Die Lichter strahlten hell über die vergoldeten Logen hin, wo die reich gekleideten Damen saßen. Nun kam der König und der ganze Hof. Christian empfand eine seltsame Angst und doch auch eine große Freude; er war ja im selben Hause wie der König, er brauchte nur laut zu rufen, so mußte es der König hören und würde gewiß fragen: »Wer ruft da?«

Nun wurde es ganz stille und ein Meer von Tönen wogte durch das Haus. Das Stück begann und er hörte Gesang, wie er noch nie welchen gehört. Das Wasser stürzte ihm aus den Augen; er suchte es zu verbergen, denn man würde ihn sicher ausgelacht haben. Die Freude des Himmels konnte nicht größer sein, dünkte ihm, als immer hier zu sitzen und doch war das Stück, wie die Leute sagten, etwas langweilig. Jetzt erst käme das Wahre, das Ballet: Rolf Blaubart.

Die Musik klang wie Menschenstimmen, ja wie die ganze Natur. Ihm war, als hörte er das Gewitter jener Nacht bei der Quelle, als die Bäume sich wie Halme bogen und das Laub um ihn her wirbelte. Er hörte den Wind, wie wenn er um Mast und Tauwerk sauste, aber melodisch schön. Es war weit herrlicher als die Geige des Pathen und doch erinnerte es ihn daran.

Der Vorhang rollte empor. Rolf Blaubart's ermordete Frauen schwebten in weißen Gewändern um ihres Mörders Lager. Die Musik war die gewaltige Sprache der Todten und seine Phantasie folgte mit starkem Flügelschlag der ganzen romantischen Dichtung. Die glücklichen kleinen Kinder, die vor Isaura tanzten! O, wäre er doch unter ihnen! Ein glücklicheres Loos, als das ihre, konnte Niemand auf Erden haben! O dürfte er doch seinen Wunsch, sein Verlangen dem König hinabrufen; er würde es gewiß hören und ihm helfen. Aber er wagte es nicht. Das Theaterleben schien ihm das Zauberbild des Glücks und der Schönheit zu sein. Mancher träumt wie er davon.

In Paris sieht man in dem Ballet: le diable boiteux das Gegentheil von dem, was die Zuschauer sonst zu sehen gewöhnt sind. Man wird selbst auf die Scene versetzt und sieht von da auf einen eingebildeten Zuschauerraum hinab. Die Coulissen zeigen die unbemalte Seite; der Hintergrund, welcher aufrollt, ist ein Vorhang, man sieht die Reihen der Zuschauer, welche klatschen und pfeifen. Die Tanzenden auf der Scene lehren den wirklichen Zuschauern den Rücken. Man wird auf diese Art mitten in das Scenische hineinversetzt. Könnten wir ebenso leicht in das Menschenherz sehen, welche Schattenwelt voll Leidenschaft und Thränen würde sich uns da offenbaren. Diese Schaar lustiger, tanzender Mädchen kennt zu Hause nur Armuth. Da steht Einer im Chore, der den ersten Platz auf der Scene einnehmen könnte, aber die Direction versteht ihn nicht und der Regisseur mag ihn nicht leiden. Im Theaterstaat steht man unter den dreißig Tyrannen; wird der Künstler schlecht belohnt, so kann er und die Familie um ein Billet bei der Armenspeiseanstalt nachsuchen. Der Dichter erhält keine Pension, vielleicht damit der Gedanke an die nackte Zukunft ihn hübsch in tragischer Laune erhalte.

»Da sitzt Naomi!« rief Christian plötzlich mitten in seinem Entzücken. »Ja, das ist sie!« und sein Blick flog von der Zauberwelt, von Isaura's Kampf und dem rettenden Goldschlüssel hinweg; er sah nur das schlanke hübsche Mädchen mit den kohlschwarzen Gazellenaugen und dem südlichen Teint. Sie saß im ersten Rang unter den andern geputzten Damen. »Wir haben zusammen gespielt!« sagte er zu Peter Wik und sein Interesse war zwischen dem Ballet und Naomi getheilt.

Nur allzubald war das herrliche Prachtschauspiel zu Ende, Alles stürmte eilig fort, als wenn es etwas Unangenehmes wäre, dem man zu entrinnen suchte. Vergebens spähte Christian in dem Gedränge nach Naomi, sie war nicht zu sehen; vielleicht war sie es, die in dem rollenden Wagen vorüberfuhr.

Die Töne klangen noch in ihrer ganzen Fülle vor seinen Ohren, das ganze Spiel schwebte ihm so lebendig vor der Seele; so steht das Sternbild noch vor dem menschlichen Auge lange nachdem es zu sein aufgehört. Nun begriff er, daß es noch etwas Höheres, etwas Edleres als das Treiben des Alltagsmenschen gab; das Genie war bei ihm durch Töne zum Leben erweckt und strebte nach einer Art Verkörperung. Er ahnte die Perle in seiner Seele, die heiligen Perlen der Kunst; er wußte nicht, daß diese wie die Perle im Meere auf den Taucher warten muß, der sie an das Licht bringt, oder an Muscheln und Austern festkleben muß, um so zur Beachtung zu kommen.

»Na, du hättest wol gerne mitspringen mögen!« sagte Peter Wik.

»Ja!« antwortete Christian in begeistertem Tone.

»Das ist ein trauriges Loos, mein Junge!« antwortete er, »wenn du oder ich unsere drei Mark geben, so müssen sie uns ihre Späße vormachen!«

Nein, so konnte er es nicht auffassen; der König und tausend Menschen hatten ja mit Andacht zugesehen und zugehört, wie man auf den Pfarrer in der Kirche steht und hört. Nichts hatte er vergessen und mitten in dieser Lebensherrlichkeit schwebte ihm das Bild Naomi's, der theuren Spielgenossin vor.

Uebervoll von Gedanken lag er in seiner kleinen Koje in der niedern dunkeln Kajüte; der rauhe Spätherbstnebel breitete sich über das Deck und verbarg das Schiff, wie er in demselben vor der ganzen großen Stadt verborgen und von ihr vergessen war. Vielleicht war das Ganze ein Bild seiner Zukunft, wie es das so vieler begabten Geister ist. Das Genie ist ein Ei, es drängt nach der Wärme, zur Befruchtung des Glücks, oder es wird ein Windei.

Es war weit über Mitternacht, ehe der Schlaf in die Augen des Knaben kam.

Manchen folgenden Abend saß er allem in der kleinen dunkeln Kajüte; im Hafen darf kein Schiff Licht an Bord haben, er spielte dann Reminiscenzen aus Rolf Blaubart, er suchte aus den Saiten die verwandten Töne zu greifen, welche der Wind im Tauwerk des Schiffes sang. Von den Musikstücken, die er täglich von der Hauptwache hörte, hefteten sich ganze Tacte in seiner Erinnerung fest und er gab sie in einem bunten Potpourri wieder zum Besten. Oft hoffte er, die freundliche Dame, die Fee seines Glücks, werde plötzlich an Bord kommen und eine Aenderung in seiner Stellung bewirken. Er dachte an Naomi, er hatte sie lieb, hatte sie doch geweint, als sie sich trennen mußten.

Wie er so eines Abends ganz allein auf dem Schiffe saß, strahlten die Lichter prächtig aus dem großen Hofe dicht nebenan und er hörte Musik, so jubelnd und schön! Es wurde getanzt. Das Ganze erinnerte ihn an jenen Abend auf Glorup. Er stand an den Mast gelehnt und sog den Duft der Töne ein.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke; er kletterte hinauf ins Tauwerk und kam in gleiche Linie mit dem Saale, in welchem getanzt wurde. Eins von den obersten Fenstern war offen und er sah durch dasselbe die ganze geputzte Gesellschaft. Sie bestand meist aus Kindern; es war ein hübscher Kinderball. Alles war so froh und festlich geschmückt. Große Gemälde hingen an den Wänden; zwei Marmorstatuen standen hoch auf einer glänzenden Console und ringsherum blitzten Lichter und Spiegel, die alles in doppeltem Glanze zeigten. Nun schwebte ein feineres, niedliches Mädchen hin über den Boden; ihr kohlschwarzes Haar wogte um die hübschen Kinderschultern; aus den dunkeln Augen strahlten Leben und Freude. »Naomi!« rief Christian mit lauter Stimme und er sah, wie sie stutzte, nach der Seite sah und lachte. Seine Augen waren nur auf sie geheftet, sein Gedanke war bei ihr und er glitt herab aus dem Tauwerk, sprang vom Schiffe und in das Haus hinein, die Treppe hinauf, von wo die Musik erklang, öffnete die Thür und stand nun mitten in dem hell erleuchteten prächtigen Saal, mitten unter den geputzten Kindern, die erstaunt auf den armen Schiffsjungen sahen, der, geblendet von den Lichtern und der ganzen Pracht jetzt erst zu einer Art Besinnung kam und verlegen mitten im Saale stand.

»Was willst du?« fragten ein paar halberwachsene Knaben, in deren Augen man deutlich sah, daß ihr Vater ein Vermögen oder ein Amt besaß, das ihnen Ansehen gab. Sie waren von den vielen Nullen, die zwar einer Familie keinen Werth geben, aber durch den Strich, hinter dem sie stehen, Ansehen bekommen.

Naomi hatte sich auch genähert und sah ihn neugierig an. Sie lächelte – ja sie kannte ihn gewiß. Christian bot ihr die Hand und stammelte: »Naomi!« Sie wurde blutroth.

»Schmutziger Knabe!« rief sie und riß sich los. Im selben Augenblick trat ein Diener hinzu.

»Was willst du?« fragte er und stieß ihn unsanft in die Schultern. Christian stammelte einige unverständliche Worte, wahrend der Diener sagte, daß er fehl gegangen »hier habe er nichts zu thun.« Er führte ihn nach der Treppe und ohne Antwort, aber bis zum Tode betrübt, eilte er hinab und auf das Schiff. Er umklammerte den Mast und weinte schwere große Thränen, während die Musik in wogenden Tanzmelodien jubelte.

Der tiefe Schmerz einer Kinderseele ist so groß, wie der größte, den der Erwachsene kennt; das Kind hat in seinem Schmerze keine Hoffnung, die Vernunft reicht dem Kinde die stützende Hand nicht, es hat im Augenblick nichts als seine Sorge, an die sie sich klammert. Sie hatte ihn nicht kennen wollen, sie, die er geliebt, wie eine Schwester. Er fühlte wie der Paria, daß er zu einer verachteten Classe gehörte. Alle Bande, die ihn drückten, preßten sich noch fester um ihn. Seine Altersgenossin in der Landstadt hatten ihn verspottet, ihn verrückt genannt; Naomi, die ihn einst verstanden, wandte sich jetzt von dem »schmutzigen Knaben.«

Ein solcher Augenblick gibt uns Lebenserfahrung. Der lustige Jubel drinnen war eine bengalische Flamme, welche die Schlußscene des Dramas seiner Jugend beleuchtete. Er kletterte hinauf ins Tauwerk, stierte durch das offene Fenster in den prächtigen Saal, wo Naomi und die glücklichen Kinder unter dem Jubel der Töne, Arm in Arm dahinschwebten; die Diener reichten köstliche Gerichte in Krystallmuscheln und schöne Früchte, die er nie zuvor gesehen, und mitten im Saal stand Naomi mit den dunkeln Augen und lachte und klatschte in die Hände; – aber draußen fiel der kalte Thauschnee und der graue Nebel schlug seinen feuchten Mantel um den »schmutzigen Knaben«, der sich an dem nassen Tauwerk fest hielt.

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