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Nur ein Geiger

Hans Christian Andersen: Nur ein Geiger - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorHans Christian Andersen
titleNur ein Geiger
publisherPhilipp Reclam jun.
firstpub
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X.

– es muß ja sein,
Ich blicke starr vom Rabenstein
Ins Nichts hinein.

A. v. Chamisso.

»Todt!« welche Welt von Schmerz liegt in diesem kleinen Wort. Es ist ein zweischneidiges Schwert, das, indem es das fällt, was unserm Herzen theuer war, in unsere Brust dringt, daß es schwarz wird vor unseren Augen und die Welt uns dunkel erscheint, wenn auch die Sonne auf Millionen Glückliche scheint. Nur ein Wort, kurz wie jenes, richtet uns wieder auf, athmet uns Hilfe zu, nur eins: »Gott!«

»Ja, ich war darauf vorbereitet!« sagte Maria, aber sie war nicht vorbereitet. Der trübe, naßkalte Uebergang vom Herbst zum Winter stimmte die Trauernde noch mehr herab. Die Luft war grau, Regen und Schnee fiel in die schmutzigen Gassen. Finster draußen und finster drinnen in Gedanken.

»Weine nicht,« sagte Christian, »sonst wirst du krank, und stirbst auch von mir weg. Du kannst ja waschen und bügeln, ich kann auf der Geige spielen, dafür bekomme ich Geld und darum brauchst du nicht betrübt zu sein.«

»Du Gottes Engel!« sagte Maria, »laß mich deine Augen küssen und deinen süßen Mund, Ja, um deinetwillen will ich leben, was sollte sonst aus dir werden?«

Nie war Weihnachten so still und traurig herangekommen, wie diesen Winter.

»Der Hüfner in Oerebäk ist doch ein guter Mensch. Brod und Butter hat er mir geschickt und eine Gans zum Weihnachtsabend. Daß er nur noch an mich denkt. Nein, den Schritt thue ich nie mehr. Deinen Pathen will ich am Weihnachtsabend herbitten, wenn ich ihn auch nicht mag, aber ich thu's um deinetwillen. Vielleicht bedenkt er dich, wenn du größer wirst.«

Der Tisch war gedeckt. Christians Herz war voll Weihnachtsfreude. Maria holte das Gesangbuch hervor.

»Ihr habt Stimme!« sagte sie zum Pathen, »Ihr müßt den Ton für uns halten!«

»Ich kenne kein Lied aus dem Gesangbuch!« antwortete er. »Sollen wir das Buch brauchen, so laßt uns lieber aufschlagen und sehen, was uns das Schicksal bringt. Da liegt etwas darin! Was geschehen soll, steht nun einmal in dem großen Buche geschrieben, wie es in unserm Blute und in unserer Seele geschrieben steht.«

Maria öffnete das Buch.

»Ein Hochzeitslied!« sagte sie, »das trifft wahrlich nicht zu; ich verändere meinen Stand nicht. Könnte ich nur den Jungen munter und frisch sehen und ihn gut in der Welt fortbringen!«

»Das kommt auf seine Sterne an!« sagte der Pathe. »Wir können etwas thun, aber das ist nie viel. Liegt es in ihm, daß er stehlen, oder daß er den Weibern nachstreichen soll, so ist das nicht zu dämpfen! Er kann unter den bravsten Menschen aufwachsen, sie können ihm die besten Gedanken einprägen: ist das Böse mal in ihm, so muß es heraus. Es kann wol zurückgehalten werden, aber wenn er ins reife Mannesalter tritt, dann bricht es mit um so stärkerer Kraft hervor. Das wilde Thier steckt in jedem Menschen, bei dem einen ist es ein reißender Wolf, bei dem andern eine Schlange, die auf dem Bauche zu kriechen und Staub zu lecken weiß. Das Thier ist in uns; es kommt nun darauf an, ob dieses oder wir der stärkere Theil sind, und die Kraft hat Niemand von sich selbst!«

»Unser Herr erlöse uns von des Bösen Macht!« sagte Maria und sah vor sich nieder. Es war, als wenn der Geist, vor dem sie sich fürchtete, am Tische neben ihr säße. Die Sprache, die sie hörte, war wie die Gestalt der Elfen, vorne Wahrheit in all' ihrer Schönheit, hinten hohl und leer, ein Zeichen der Welt, der sie angehörten.

»Ich habe viele Schriften gelesen,« sagte der Pathe, »gelesen von fremden Nationen! Es gibt mancherlei Völker auf der Erde! Dem, was wir bei uns Sünde heißen, dem geben andere den Namen Recht. Die Wilden essen ihre Feinde, und ihr Priester sagt: »Nun kommst du in den höchsten Himmel!« Der Türke hat viele Frauen und sein Gott verspricht ihm noch mehr im Paradiese. Ein General erhält Ehrenzeichen und Ruhm für das, was er in einem dynastischen Kriege gethan hat, der mit Unrecht geführt worden, während ein Anderer, der dieselbe Geschicklichkeit bewiesen, an den Pfahl kommt! Das Ganze kommt auf Sitte und Brauch hinaus, und wer sagt uns, daß wir gerade dem Besten folgen, weil wir thun, was die Meisten thun? Wer weiß, ob nicht das Thier in uns größeres Recht hat als der Mensch, der seinem Schulgesetz folgt. Ist das nicht wahr?«

»Ach ja,« sagte Maria, »aber es ist häßlich, daran zu denken!« Aengstlich legte sie das Gesangbuch weg, schnitt von den Speisen auf und begann ein anderes Gespräch. »Würde sich mein kleiner Christian nur erholen! Ich weiß wol ein Mittel, das mir mehrere Leute gesagt, aber es ist gar zu gräulich! Das warme Blut trinken –!«

»Schweigt nur davon!« rief der Pathe. »Ich habe einen angebornen Widerwillen dagegen, auch nur ein Huhn abschlachten zu sehen! Ich weiß ein unschuldigeres Mittel; es ist ein Sympathiemittel, wie man das nennt, und muß gerade an einem solchen Festabend wie heute, angewandt werden. Ich sage einige geheimnißvolle Worte, und er trinkt eiskaltes Wasser aus meiner Hand.«

»Herr Jesus!« rief Maria und rückte den Stuhl zurück, »Seid Ihr im Krieg gewesen? Habt Ihr einen Menschen umgebracht?«

Eine kreideweiße Farbe überzog das Gesicht des Pathen. »Was sagt Ihr?« fragte er mit lauerndem Blick.

»O Gott, ich sage gar nichts!« erwiderte Maria. »Es gibt ja mancherlei wunderliche Mittel, die unser Herr oder ein Anderer uns gegeben. Aber Ihr sagtet da etwas, was mich auf den Schiffer brachte. Es war ein Schwede, welcher vorigen Sommer an der Brücke lag; ich sprach mit ihm von der Krankheit des Knaben und was man gegen sie thun könnte; ich nannte, was wir hier zu Lande kennen, nämlich einen Topf betteln und in diesem auf der Richtstatt das Blut des Sünders auffangen, das der Kranke trinken muß; da sagte der Schiffer, sie hätten denselben Glauben in Schonen, aber sie hätten auch den, wenn es ein Kind sei, dem geholfen werden solle, so brauche man es nur kaltes Wasser aus einer Hand trinken zu lassen, die Menschenblut vergossen, das sei ebenso wirksam! Ich sollte deshalb zu einem Soldaten gehen, der im Krieg gewesen, oder auch zum Scharfrichter. Diese Worte, und das was Ihr eben gesagt –«

»Hatten etwas Verwandtes!« unterbrach sie der Pathe »Ja, es ist nicht unrichtig. Aber was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch eine Hand voll von dem besten Blumensamen gäbe, ein ganzes Geschlecht, und Ihr nähmet sie, ließet sie aber liegen, bis sie ihre Kraft verloren, wäre das nicht dasselbe, wie wenn Ihr das ganze Blumenbeet zerstörtet? Daheim in Norwegen erzählt man sich eine Geschichte von einem Mädchen, die Angst davor hatte, Mutter zu werden, und die deshalb an ihrem Hochzeitsabend mit Brautkrone und Schleier zur Mühle hinging, wo die Hexe wohnte, die sie um Hilfe bat, daß sie nie ein Kind gebären würde, die Braut erhielt zwölf Körner, die sie unter die Räder werfen sollte; sie dachte nichts dabei, aber bei jedem, das hinabfiel, hörte man einen eigenthümlichen Ton, wie einen Seufzer; es war ein Kinderherz, das brach. Sie wurde Frau, blieb kinderlos und erst in ihrem Alter, als ihr Haar schon silberweiß war, kam die Angst über sie. Ihre Hand war rein von Blut und doch war sie eine Mörderin und litt Qualen, wie Einer, der einen Mord begangen. Da schlich sie sich um Mitternacht in die Kirche, um die Sünde abzubitten und da sah sie oben am Altare ihre zwölf ungeborenen Kinder stehen, das ganze Geschlecht, sie füllten die Gänge der Kirche; und sie kniete nieder und betete, sie, d«e Mörderin eines ganzen Geschlechts –! Der Rest der Sage lautet, daß der Geistliche, im Zorn über die Sünde der Frau in die Worte ausgebrochen sei »Ich vergebe dir nicht und unser Herr auch nicht! Eher sollen Rosen aus unserm Steinboden blühen!« In der Nacht, als sie das Gesicht in der Kirche gehabt, träumte der Geistliche dasselbe und als er erwacht, war der Steinboden geborsten und zwölf schöne Rosen blühten aus den Rissen hervor, das waren ihre zwölf ungeborenen Kinder. »Nun ist unsere Mutter selig!« sagte der Geistliche und suchte sie in der Kirche, wo sie todt am Boden lag und Ihr versteht die Geschichte. So wandert mancher Mörder umher in der Welt, der Mörder eines ungeborenen Geschlechts. Ein solcher bin ich, ein solcher bleibe ich. In meinem Blute liegt ein Widerwille dagegen, der Mann einer Frau zu werden. Laßt nur den Knaben aus meiner Hand trinken. Wenn man auch das Blut nicht steht, so klebt es doch an meiner Hand!« Er hielt den Athem zurück, sonst hätte er tief geseufzt.

»Ihr seid gewiß krank!« sagte Maria und sah ihn ängstlich an.

»Nie mehr bitte ich deinen Pathen zu uns!« sagte sie zu dem Kleinen, als er sie verlassen und sie zu Bette gingen. »Es war mir, als ob ein böser Geist in diesem Zimmer wäre! Falte deine Hände und sprich dein Abendgebet. Ich will dich eins dazu lehren, das ich aus des Betenden Kette kenne!« –

»Werden die Tage länger,
So wird auch der Winter strenger!«

sagt ein altes Sprichwort. Das neue Jahr hatte viele eiskalte, finstre Tage. Die Fenster mußten mit einem Kohlentopf aufgethaut werden.

»Nun ist die Landstraße wie ein Stubenboden, der blanke Frost hat gut gethan!« sagte der Bauer von Oerebäk, als er eines Tages Maria besuchte. »Ihr müßt heiterer werden! Besucht mich, nehmt den Jungen mit, ich erwarte euch mit dem Frachtwagen.«

»Ich möchte dem Buben gerne das Vergnügen gönnen!« sagte sie. Es geschähe nur um seinetwillen, wenn sie jemals die Thorheit beginge, wieder zu heirathen, aber das würde sie nie thun; und doch hatte das Gras im folgenden Jahre noch keine neuen Halme getrieben, als sie zwischen Ja und Nein schwankte.

»Es wäre nur um deinetwillen, mein süßer Junge!« sagte sie. Christian weinte. Der neue Vater war gar nicht mild und freundlich. Er schalt über die Geige und sagte, es sei ein langweiliges Gekratze.

»Maria, du weißt wohl, daß mein Sinn immer nach dir stand! Du nahmst trotzdem einen Andern, ich auch, nun sind wir frank und frei, ich brauche eine Frau für mein Haus, eine Mutter für meinen Jungen. Da ist nun die Anne vom Vogelhaus, sie ist ein hübsches Mädchen; sie hat zwei Kinder, für jedes bekommt sie alljährlich zehn Jahre lang zehn Reichsthaler; das ist ein Capital, das einen wol für sie bestimmen könnte. Du hast nichts und den Buben dazu, aber ich habe dich lieb und willst du wie ich, so ruft uns der Prediger am Sonntag aus.«

Sie gab ihm die Hand.

»Ja, es geschieht um deinetwillen, Kind!« wiederholte sie und die grünen Wiesen, der Hof und das Vieh tanzten ihr vor den Augen, die ein ganzes Jahr bei einem Manne ausgehalten, welcher das Ausländische mehr liebte, als sie und die Heimat.

Je heftiger das Weinen, desto rascher hat man ausgeweint. Der Witwenschleier wird zum Brautschleier umgenäht, deshalb lacht auch der Blumenkranz, der um die Stirne der Braut und der um das Haupt der Leiche. Ja, im Sarge selbst lächelt er und erzählt mit seinen bunten Farben dem Todten: »Die Trauer und du werden vergessen werden, wie eine Geschichte vergessen wird, die man liest und über die man weinte.« Ja, das erzählen die lachenden Blumen dem Todten, bis sie selbst erbleichen und in Staub verfallen, und dann lacht das Gerippe im Sarge darüber, daß auch sie so stumm geworden.

»So ist es nun vorbei mit unserm Geigenspiel« sagte der Pathe. »Ich hatte es mir anders ausgedacht, aber was ist des Menschen Denken. Nun bekommst du den Pflug und nicht die Geige in die Hand. Du gehst einen neuen Weg oder einen Umweg, das kann man nicht wissen. Die alte Geige will ich dir übrigens schenken. Das kleine Notenbuch mit den kleinen Stücken darin kannst du auch haben. Reineke Fuchs mit den Bildern mag meinetwegen auch mitgehen, du hast das Buch so gerne, nimm es nur, ich habe dich so lieb und du mich wieder, ist's nicht so? Weine nicht, du kleine Kinderseele. Küss' mich nur, ja noch einen Kuß! Lege deine kleine Hand um meinen Hals, Wirst du dich wol immer an das erinnern können, was ich dir jetzt sage? Sei wild und toll in deiner Jugend, damit du es satt hast, wenn du älter wirst. Die Sünden der Jugend verzeihen die Menschen, den Mann dagegen beurtheilen sie strenger. Genieße die Freude, so lange du kannst, daß du nicht in deinem Alter darüber zu weinen brauchst, daß du keine Sünden hast; sie gehören dazu, wie das Salz zum Essen. Besser ist es, das Leben zu viel genossen zu haben, als später in der Einsamkeit darüber seufzen zu müssen, daß man es nicht genoß, solange man konnte. Das schreibe ich in dein Wanderbuch! Gott oder der Teufel, in welches Regiment du auch eingestellt wirst, sei dir ein gnädiger Herr!« Er reichte Christian die Geige und die Bücher.

Das war der letzte Besuch in der Hulgasse.

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