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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Neue Jugend.

Der Minister und seine Frau beendigten soeben ihr Gabelfrühstück in dem prachtvoll ausgestatteten Speisesaal der ersten Etage, welchen weder die schweren Vorhänge, noch die durch das ganze Gebäude sich erstreckenden Luftheizungsröhren, noch der Duft der üppigen Mahlzeit zu erwärmen vermochten. Zufällig waren sie an jenem Morgen allein. Auf der reich besetzten Tafel befanden sich sein Cigarrenkistchen, eine Tasse Verbena, der Thee der Provençalen, und große Fächerständer mit den wohlgeordneten bunten Zetteln, auf denen Senatoren, Abgeordnete, Rektoren, Professoren, Mitglieder der Akademie und der höhern Gesellschaft, kurz alle gewöhnlichen und außergewöhnlichen Besucher der ministeriellen Soireen verzeichnet waren – sowie die bevorzugten, für die »kleinen Konzerte« Eingeladenen, deren Namen auf größern, die andern überragenden Karten eingetragen standen. Und während Madame Roumestan die Namen musterte und bei manchen derselben innehielt, sah ihr Numa über sein Cigarrenkistchen hinweg von der Seite zu und suchte aus ihren ruhigen Zügen ein Zeichen der Mißbilligung, ein Urteil der etwas gewagten Art und Weise gegenüber zu entdecken, in der diese Einladungen erlassen waren.

Rosalie machte jedoch keine Bemerkung. Alle diese Veranstaltungen waren ihr sehr gleichgültig. Seit sie das Ministerium bezogen hatten, fühlte sie sich ihrem Manne noch mehr entfremdet, durch unaufhörliche Verpflichtungen, ein zahlloses Dienstpersonal und einen übermäßigen Aufwand, der keine Vertraulichkeit mehr aufkommen ließ, noch mehr von ihm getrennt. Dazu gesellte sich der noch immer 107 nagende Schmerz, keine Kinder zu haben, deren unermüdlich trippelnde Schrittchen, deren helles Lachen ihr Herz erwärmt und dem Speisesaal jenes eisige Aussehen eines Hotelspeisezimmers benommen haben würde, in welchem sie sich gleichsam nur im Vorübergehen niederzulassen schienen und dem weder die Tischwäsche, noch Möbel und Silberzeug und die ganze prunkvolle Ausstattung, wie sie mit einer so hohen öffentlichen Stellung verknüpft ist, einen persönlichen Charakter zu geben vermochten.

Mitten in das verlegene Schweigen hinein, welches bei Beendigung eines derartigen Mahles einzutreten pflegt, drangen gedämpfte Laute und stoßweise Harmonieen, die in regelmäßigen Zwischenräumen durch Hammerschläge unterbrochen wurden; es waren die Vorbereitungen zum Konzert im untern Saale, die Tapetenbehänge, die angenagelt, die Tribünen, die errichtet wurden, während die Musiker ihre Stücke einübten. Da ging die Thüre auf und der Kabinettschef, mit Papieren in der Hand, trat ein: »Noch immer neue Anfragen! . . .«

Jetzt geriet Roumestan in Zorn: »O, das ist zu arg! Ich habe keinen einzigen Platz mehr zu vergeben, und wenn es der Papst wäre!« . . . Méjean legte, ohne seine Ruhe zu verlieren, ein Paket Briefe, Karten und parfümierte Billets vor Roumestan auf den Tisch.

»Es wird schwer angehen, abschlägig zu antworten . . . Sie haben versprochen . . .«

»Ich? . . . Ich habe ja mit gar niemand gesprochen . . .«

»Sehen Sie, hier heißt es: Mein lieber Minister, ich möchte Sie an Ihr gütigst gegebenes Wort erinnern . . . Und hier: Der General hat mir gesagt, Sie hätten ihm gütigst angeboten . . . und weiter . . . Erinnert den Herrn Minister ergebenst an sein Versprechen.«

»Dann muß ich wahrhaftig ein Nachtwandler sein!« bemerkte Roumestan verblüfft.

In Wahrheit hatte er, sobald das Fest beschlossene Sache war, wem er gerade in der Kammer und im Senat begegnete, gesagt: »Sie wissen, ich zähle auf Sie für den zehnten . . .« 108 Und weil er stets hinzufügte: »ganz unter uns« hatte man sich wohl gehütet, die schmeichelhafte Einladung zu vergessen.

Da er sich schämte, sich seiner Frau gegenüber auf frischer That ertappt zu sehen, so wendete er sich – wie gewöhnlich in solchem Falle – gegen sie: »Daran ist auch deine Schwester mit ihrem Tambourinkünstler schuld. . . . Dieses Klingling fehlte mir gerade noch . . . ich beabsichtigte, unsre Konzerte erst später zu eröffnen . . . aber dieses kindische Mädchen war von einer Ungeduld . . .: ›Nein, nein . . . sogleich, sogleich! . . .‹ Und du hattest es ebenso eilig wie sie. . . . Hol' mich der Teufel, wenn euch das Tambourin nicht den Kopf verdreht hat!«

»O nein, mir nicht,« entgegnete Rosalie heiter . . . »im Gegenteil, ich fürchte sogar, die Pariser werden für diese fremdartige Musik kein besondres Verständnis an den Tag legen. . . . Man müßte uns mit derselben zugleich den Himmel, die Trachten und die Tänze der Provence vorführen . . . aber vor allem . . .« und dabei nahm sie einen ernsten Ton an . . . »vor allem handelt es sich darum, einem gegebenen Versprechen nachzukommen.«

»Einem Versprechen . . . einem Versprechen,« wiederholte Numa, »bald wird man kein Wort mehr sagen dürfen.«

Und zu seinem Sekretär gewendet, der lächelnd dastand, fuhr er fort: »Bei Gott, mein Lieber, nicht alle Südländer sind so kalt und abgemessen, so wortkarg wie Sie . . . Sie verleugnen den Süden . . . Sie sind ein Abtrünniger, – ein ›Franciot‹, wie man bei uns zu sagen pflegt . . . . Das will ein Südländer sein . . . ein Mensch, der nie gelogen hat . . . und der,« fügte er mit komischer Entrüstung hinzu, »keine Verbena trinkt!«

»Nicht ganz so sehr Franciot, wie es den Anschein hat, Herr Minister,« erwiderte Méjean sehr ruhig. »Als ich vor zwanzig Jahren in Paris ankam, konnte ich die Heimat nicht verleugnen . . . in meinem Auftreten, meiner Aussprache, meinen Gebärden . . . ich war schwatzhaft und erfindungsreich wie . . .«

»Wie Bompard,« ergänzte Roumestan, der es nicht 109 liebte, daß man sich über seinen Busenfreund lustig machte, wenngleich er selbst ihn keineswegs schonte.

»Ja, meiner Treu, beinahe wie Bompard . . . ein innerer Drang zum Lügen ließ kein wahres Wort über meine Lippen kommen . . . bis eines Morgens mich die Scham erfaßte und ich anfing, an mir zu arbeiten. . . . Mit der äußeren Uebertreibung kann man noch fertig werden, indem man die Stimme dämpft und die Ellbogen im Zaume hält. Aber das, was im Innern kocht und überströmen will . . . das ist nicht so leicht zu bändigen. . . . Da faßte ich einen heroischen Entschluß. Jedesmal, wenn ich mich auf einer Unwahrheit ertappte, so verurteilte ich mich für den Rest des Tages zu völligem Schweigen . . . auf diese Weise gelang es mir, meiner eignen Natur Herr zu werden. . . . Unter meiner Kälte aber schlummert noch immer der natürliche Trieb, und manchmal muß ich mitten in einem Satze innehalten; nicht weil mir das richtige Wort fehlt, im Gegenteil! . . . aber ich muß mich mit Gewalt zurückhalten, weil ich fühle, daß ich im Begriffe bin, eine Unwahrheit zu sagen.«

»Schrecklicher Süden! Man kann ihn nicht los werden . . .« erwiderte Numa gutmütig, indem er den Rauch seiner Cigarre mit philosophischer Ergebung in die Höhe blies. »Bei mir zeigt er sich vor allem in der wahnsinnigen Gewohnheit, Versprechungen zu machen, in der tollen Sucht, mich den Leuten an den Kopf zu werfen und sie gegen ihren eignen Willen beglücken zu wollen . . .«

Der dienstthuende Huissier unterbrach ihn, indem er im Tone vertraulichen Einvernehmens von der Thürschwelle aus hereinrief: »Herr Béchut ist da«; worauf der Minister in einem Anfall von schlechter Laune erwiderte: »Ich frühstücke und will nicht gestört sein!«

Der Diener entschuldigte sich: »Herr Béchut behauptet, Seine Excellenz habe ihn berufen . . .« Nun beruhigte sich Roumestan: »Gut, gut, ich komme! . . . Er möge in meinem Arbeitszimmer auf mich warten!«

»Ach nein, das geht nicht,« sagte Méjean . . . »Ihr Arbeitszimmer ist besetzt . . . das Oberschulkollegium, Sie wissen doch . . . Sie selbst haben die Stunde bestimmt.«

110 »Nun dann bei Herrn von Lappara . . .«

»Dort habe ich den Bischof von Tulle eintreten lassen,« bemerkte der Huissier schüchtern, »der Herr Minister hatten gesagt . . .«

Alle Zimmer waren von Besuchern mit verschiedenen Anliegen besetzt, welche Roumestan vertraulich auf diese Stunde bestellt hatte, damit sie ihn nicht versäumen sollten – lauter hervorragende Persönlichkeiten, die man nicht mit den gewöhnlichen Bittstellern warten lassen konnte.

»Nimm meinen kleinen Salon,« sagte Rosalie, indem sie sich erhob . . . »ich werde ausgehen.«

Und während der Huissier und der Sekretär die Leute unterzubringen suchten und ihnen Geduld zusprachen, stürzte der Minister seine Verbena hinunter, wobei er sich die Zunge verbrannte und wiederholt ausrief: »Sie überlaufen mich . . . es ist zu viel! . . .«

»Was will er denn schon wieder, dieser traurige Béchut?« fragte Rosalie, indem sie in diesem überfüllten Hause, das hinter jeder Thüre einen Fremden barg, unwillkürlich ihre Stimme dämpfte.

»Was er will? . . . Nun, seinen Direktorposten . . . Er ist der Haifisch, der darauf wartet, Dansaert zu verschlingen, sobald dieser über Bord geworfen wird.«

»Herr Dansaert verläßt das Ministerium?« forschte Rosalie weiter, während sie sich lebhaft ihrem Manne näherte.

»Du kennst ihn?«

»Mein Vater hat oft von ihm gesprochen. . . . Er ist ein Landsmann, ein Jugendfreund von ihm . . . er hält ihn für einen ehrenwerten und geistvollen Mann.«

Roumestan stammelte einige Worte der Rechtfertigung: »Schlechte Tendenzen . . . Voltairianer. . . .« Sein neuer Verbesserungsplan fordere dessen Entlassung, zudem sei er sehr alt.

»Und durch Béchut willst du ihn ersetzen?«

»O, ich weiß, daß der arme Mann nicht die Gabe besitzt, den Frauen zu gefallen . . .«

Sie antwortete mit einem verächtlichen Lächeln: »Ich kümmere mich um seine Ungezogenheiten so wenig, wie um seine Huldigungen. . . . Was ich ihm nicht verzeihe, das sind 111 seine pfäffischen Heucheleien, das Zurschaustellen seiner Frömmigkeit . . . ich achte jede Ueberzeugung, jeden Glauben. . . . Wenn es aber etwas Häßliches und Hassenswertes gibt, Numa, so ist es die Lüge, die Heuchelei

Unwillkürlich sprach sie mit erhobener Stimme und eine warmen Beredsamkeit, welche ihre an und für sich etwas kalten Züge im Feuer einer aufrichtigen Redlichkeit, einer edlen Entrüstung erglänzen ließ.

»Pst, Pst!« machte Roumestan, indem er nach der Thüre wies. Unverkennbar fühlte er, daß seine Handlungsweise keine sehr gerechte war. Dieser alte Dansaert war ein sehr verdienstvoller Beamter. Was aber thun? Er hatte sein Wort gegeben.

»Nimm es zurück, Numa,« sagte Rosalie. »Thue es mir zuliebe . . . ich bitte dich darum.«

Es klang wie ein sanfter Befehl, der durch den Druck einer kleinen Hand, die auf seinen Schultern ruhte, bekräftigt wurde. Er fühlte sich gerührt.

Seit lange schien seine Frau ohne Anteil an seinem Leben und Streben und hörte ihm, wenn er ihr seine stets wechselnden Pläne anvertraute, mit stummer Nachsicht zu. Diese Bitte schmeichelte ihm daher nicht wenig.

»Ist es möglich, dir zu widerstehen, du Liebe?«

Und den Kuß, den er auf ihre Fingerspitzen drückte, fühlte sie erschauernd über ihre Hand hinauf bis unter den engen Spitzenärmel. Was sie für hübsche Arme hatte! . . . Nichtsdestoweniger fiel es ihm schwer, jemand etwas Unangenehmes ins Gesicht sagen zu müssen, und es kostete ihm einige Anstrengung, sich zu erheben.

»Ich bleibe hier! . . . Ich horche« . . . sagte sie, indem sie ihm lächelnd mit dem Finger drohte.

Er begab sich in den angrenzenden kleinen Salon und ließ die Thür angelehnt, um den Mut nicht zu verlieren und damit sie ihn hören konnte. Ah, gleich der Anfang war unzweideutig und kräftig!

»Es thut mir unendlich leid, mein lieber Béchut . . . aber was ich für Sie thun wollte, ist schlechterdings unmöglich . . .«

Von seiten des Gelehrten war nichts zu vernehmen, 112 als seine weinerliche Stimme und das Schnaufen seines Tapirrüssels. Aber zum großen Erstaunen Rosaliens gab Roumestan nicht nach und fuhr fort, Dansaert mit einem Eifer zu verteidigen, der bei einem Manne, dem man die Beweisgründe soeben erst eingegeben hatte, überraschend war. Natürlich sei es ungemein peinlich für ihn, sein gegebenes Wort zurücknehmen zu müssen, aber immerhin besser, als eine Ungerechtigkeit zu begehen. Es war genau der Gedanke seiner Frau, den er in den mannigfachsten Ausdrücken und gleichsam in Musik gesetzt mit so lebhaften theatralischen Gebärden zum Ausdruck brachte, daß es wie ein Windhauch durch die Portieren ging.

»Uebrigens,« fügte er mit plötzlich verändertem Tone hinzu, »werde ich Sie für diesen Ausfall schon zu entschädigen wissen!«

»Um Gotteswillen!« . . . sprach Rosalie leise vor sich hin. Und nun folgte ein wahrer Platzregen von überraschenden Versprechungen: Das Kommandeurkreuz für Neujahr, die erste frei werdende Stelle im Oberschulkollegium, den . . . die . . . das . . . Der andre versuchte der Form halber abzulehnen; aber Numa fiel ihm sofort ins Wort: »Lassen Sie nur gut sein . . . lassen Sie nur gut sein . . . . Das ist nicht mehr als gerecht . . . die Männer Ihres Schlages sind nur allzuselten!«

In seiner überströmenden Herzlichkeit, die ihn förmlich berauschte und lallend die Worte überstürzen ließ, hätte Numa, wenn Béchut nicht zur Zeit gegangen wäre, ihm ohne Zweifel noch sein Ministerportefeuille angeboten. Unter der Thür rief er ihn nochmals zurück: »Ich rechne am Sonntag auf Sie, mein teurer Meister. . . . Ich eröffne eine Reihe kleiner Konzerte . . . im vertraulichen Kreise, Sie verstehen mich . . . feinste Gesellschaft . . .«

Und zu Rosalien zurückkommend: »Nun, was sagst du dazu? . . . Ich denke, ich habe ihm nichts eingeräumt.«

Es war so überaus drollig, daß sie ihn mit hellem Lachen empfing. Und als sie es ihm erklärte und sämtliche neuen Verpflichtungen vorzählte, die er soeben wieder auf sich genommen hatte, schien er selbst darüber entsetzt zu sein.

113 »Nun, nun . . . man ist darum doch erkenntlich.«

Damit verließ sie ihn, ihr Lächeln früherer Tage auf den Lippen, und ging fröhlich über ihre gute Handlung, vielleicht auch glücklich darüber, daß sie in ihrem Herzen sich etwas regen fühlte, das sie längst gestorben glaubte.

»Geh, Engel du!« rief ihr Roumestan bewegt und mit zärtlichem Blicke nach, und da eben Méjean zurückkam, um ihn an das Kollegium zu erinnern, wendete er sich ihm mit den Worten zu: »Sehen Sie, mein Freund, wenn man das Glück hat, eine solche Frau zu besitzen . . . dann ist die Ehe das Paradies auf Erden. . . . Beeilen Sie sich, zu heiraten!«

Méjean schüttelte den Kopf, ohne zu antworten.

»Wie! So steht es nicht gut mit Ihren Angelegenheiten?«

»Ich fürchte, nein. Madame Roumestan hatte mir versprochen, bei ihrer Schwester anzufragen, und da sie gar nichts mehr davon spricht . . .«

»Wollen Sie, daß ich es auf mich nehme? Ich stehe ausgezeichnet mit meiner kleinen Schwägerin und wette, daß ich ihre Zustimmung erlange . . .«

Es war noch etwas Verbena in der Theekanne geblieben, und während Roumestan seine Tasse noch einmal füllte, erging er sich seinem Kabinettschef gegenüber in lauten Beteuerungen. Seine hohe Stellung hatte ihn wahrlich nicht verändert, Méjean blieb nach wie vor sein unschätzbarer, bester Freund; neben Rosalie und ihm fühlte er sich wie auf festerem, zuverlässigerem Boden . . .

»Ja, mein Lieber, diese Frau, diese Frau. . . . Wenn Sie wüßten, wie herzensgut sie ist, wie sie vergeben hat! . . . Wenn ich daran denke, daß ich im stande war . . .«

Es kostete ihm augenscheinlich große Mühe, das Geständnis, das ihm bereits auf den Lippen schwebte, mit einem schweren Seufzer zurückzuhalten. »Wenn ich sie nicht liebte, wäre ich ein schlechter Kerl . . .«

Da trat Baron von Lappara rasch mit geheimnisvoller Miene ein:

»Fräulein Bachellery ist da.«

Eine starke Röte stieg alsbald in Numas Gesicht auf 114 und verlöschte blitzschnell den Ausdruck der Zärtlichkeit in seinen Augen.

»Wo ist sie? . . . Bei Ihnen? . . .«

»Ich hatte schon Monseigneur Lipmann bei mir . . .« sagte Lappara etwas spöttisch, in dem Gedanken an eine mögliche Begegnung der beiden. »Sie wartet unten . . . im großen Saal . . . die Probe ist beendet.«

»Gut . . . ich komme.«

»Vergessen Sie das Kollegium nicht . . .« warf Méjean ein. Aber Roumestan eilte, ohne auf ihn zu hören, nach der kleinen Wendeltreppe, die von den Privatgemächern des Ministers nach dem Empfangssaal im Parterre führt.

Seit dem Vorfall mit Frau von Escarbès hatte er sich stets vor ernsthaften Verhältnissen, die seinem Herzen oder seiner Eitelkeit gefährlich werden und seine Ehe für immer zerstören konnten, gehütet. Sicherlich war er kein Muster von einem Ehemann, aber noch hielt der durchlöcherte Vertrag Stich. Rosalie war, obwohl ein erstes Mal gewarnt, viel zu offenherzig und zu rechtschaffen, um ihn eifersüchtig zu überwachen, und so fühlte sie sich zwar nie ruhig, gelangte aber auch nie zu Beweisen gegen ihn. Hätte er jetzt ahnen können, welche Rolle diese neue Grille in seinem Leben spielen sollte, – gewiß wäre er die Treppe, die er soeben hinuntergeeilt war, noch weit schneller wieder hinaufgestiegen; aber meist gefällt sich das Schicksal darin, uns zu necken, sich vermummt und unerkannt zu nähern und den Reiz der ersten Begegnungen durch den des Geheimnisvollen zu verdoppeln. Wie hätte auch Numa diesem kleinen Mädchen gegenüber, das er einige Tage zuvor von seinem Wagen aus über den Hof gehen und über die kleinen Wasserpfützen hinweghüpfen gesehen hatte, mit einer Hand ihr zerknittertes Kleid, mit der andern ihren Regenschirm in kecker, echt Pariser Art in die Höhe haltend, irgend welche Befürchtungen hegen sollen? Lange, geschweifte Augenwimpern über einem Schelmennäschen, blonde Haare, die im Nacken zusammengebunden und an den Spitzen von der Feuchtigkeit der Luft gekräuselt waren, ein volles, wohlgeformtes Bein, das auf den hohen Absätzen sicher auftrat, 115 war alles, was er von ihr gesehen hatte, und am selben Abend fragte er Lappara, ohne besondre Wichtigkeit darauf zu legen: »Ich wette, das hübsche Lärvchen, dem ich heute auf dem Hofe begegnet bin, kam zu Ihnen.«

»Ja, Herr Minister, es kam zu mir, aber es kam um Ihretwillen.«

Und er nannte die kleine Bachellery.

»Wie! Die Debutantin der Bouffes!Bouffes-Parisiens: Komische Oper, bei welcher sämtliche Offenbachsche Operetten zur Aufführung kommen. . . . Wie alt ist sie denn? . . . Das ist ja noch ein Kind! . . .«

Die Zeitungen machten viel Wesens von dieser Alice Bachellery, welche dank der Laune eines modernen Maestro in einem kleinen Theater der Provinz aufgegabelt worden war, und die nun ganz Paris das Lied vom »Petit Mitron« (vom »Kleinen Bäckerjungen«) singen hören wollte, dessen Refrain sie mit einer bubenhaft durchtriebenen, unwiderstehlichen Schelmerei vortrug:

»Chaud, chaud!
Les p'tits pains d'gruau!...
«
(»Milchbrötchen weiß,
Frisch und heiß! . . .«)

Eine jener Divas, wie sie die Boulevardtheater in jeder Saison halbdutzendweise verbrauchen, luftige, papierne Größen, die, von der Reklame aufgebauscht, an jene kleinen, rosenroten Ballons erinnern, die einen kurzen Tag im Sonnenlichte und im Staube der öffentlichen Gärten glänzen. Und um was wollte sich dieselbe im Ministerium bewerben? Um die Gunst, auf dem Programm des ersten Konzertes zu erscheinen. Die kleine Bachellery im Unterrichtsministerium! . . . Der Einfall war so toll, so lustig, daß Numa sie selbst ihre Bitte vortragen hören wollte und ihr in einem ministeriellen Schreiben, das nach dem Büffelleder der Handschuhe des Ordonnanzkürassiers roch, mitteilen ließ, daß er sie am folgenden Tage zu empfangen bereit sei. Wer aber am folgenden Tage nicht kam, war Fräulein Bachellery.

»Sie wird sich anders besonnen haben,« sagte Lappara . . . »Sie ist noch so kindisch!«

116 Der Minister war ärgerlich, sprach zwei Tage lang nicht mehr davon und schickte am dritten Tage nach ihr.

Jetzt wartete sie in dem rot und goldenen Festsaal, der mit seinen hohen Parterrefenstern, durch welche man auf den kahlen Garten hinaussah, seinen Gobelins und dem großen, marmornen Molière, der ganz im Hintergrunde saß und träumte, einen so überaus großartigen Eindruck machte. Ein Flügel und einige Pulte für die Proben nahmen kaum einen Winkel des geräumigen Saales ein, dessen frostiger, an ein ödes Museum erinnernder Anblick jeden andern als die kleine Bachellery eingeschüchtert haben würde; aber sie war noch das reinste Kind! Unterhielt sie sich doch soeben damit, fest in ihren Pelz gewickelt, die Hände in dem zu kleinen Muff und die Nase in der Luft, mit den Bewegungen einer ersten Tänzerin, die »das Ballett auf dem Eis« im »Propheten« aufführt, über den großen, glänzend gebohnten Parkettboden, der sie angelockt hatte, von einem Ende des Saales zum andern zu gleiten.

Roumestan überraschte sie mitten in dieser eigentümlichen Leibesübung.

»Ah, Herr Minister! . . .«

Sie blieb verwirrt, mit zuckenden Augenwimpern und ein wenig außer Atem stehen. Jener war erhobenen Hauptes und gemessenen Schrittes eingetreten, um das Ungewöhnliche dieser Begegnung durch sein feierliches Wesen etwas zu verwischen und diesem übermütigen Backfisch, der Seine Excellenz auf sich warten ließ, eine Lektion zu erteilen. Aber er fühlte sich sofort entwaffnet. Wie konnte es auch anders sein? . . . Sie wußte ihr kleines Anliegen so reizend vorzutragen, ihm so trefflich auseinanderzusetzen, wie sie sich plötzlich von dem ehrgeizigen Wunsch erfaßt fühlte, in diesem Konzert, von dem man so viel sprach, mitzuwirken und bei dieser Gelegenheit sich einmal in andrer Weise hören zu lassen, als in der Operette und der frivolen Posse, die sie bis zum Ueberdruß ermüdeten. Dann aber habe sie bei näherer Ueberlegung plötzlich das Lampenfieber bekommen.

»Oh! Ein solches Lampenfieber . . . nicht wahr, Mama?«

Nun erst bemerkte Roumestan eine wohlbeleibte Dame 117 in Samtmantille und Federhut, welche sich feierlichen Schrittes vom andern Ende des Saales her näherte. Madame Bachellery die Mutter, eine ehemalige Dugazon der Cafés chantants, sprach den Dialekt aus der Gegend von Bordeaux und hatte die kleine Nase ihrer Tochter in einem breiten Hökerweibsgesichte; sie war eine jener fürchterlichen Mütter, die an der Seite ihrer Töchter wie das verhängnisvolle Zukunftsbild ihrer Schönheit erscheinen. Aber Numa war nicht zu philosophischen Studien aufgelegt, sondern völlig hingerissen von dieser übermütigen, jugendlichen Anmut in einem vollendet entwickelten, anbetungswürdigen Körper, von diesem Bühnenjargon neben solch harmlosem Lachen, dem Lachen einer Sechzehnjährigen, – wie Mutter und Tochter sagten.

»Sechzehn Jahre! . . . Aber mit wie viel Jahren hat sie denn die Bühne betreten?«

»Sie ist seit ihrer Geburt mit dem Theater verwachsen, Herr Minister. . . . Der Vater, der jetzt im Ruhestande lebt, war Direktor der ›Folies Bordelaises‹ . . .«

»Jawohl, ein Theaterkind!« bemerkte Alice in reizender Ausgelassenheit, indem sie zwei Reihen funkelnder wie in Parade gerade und dicht bei einander stehender Zähne zeigte.

»Alice, Alice! . . . Du vergißt dich Sr. Excellenz gegenüber. . . .«

»Lassen Sie sie doch. . . . Sie ist ja noch ein Kind.«

Er hieß sie mit wohlwollender, fast väterlicher Miene neben sich aufs Kanapee sitzen, beglückwünschte sie um ihres ehrgeizigen Strebens willen, lobte ihren Geschmack an der höheren Kunst und das Verlangen, sich den leichten und bedenklichen Erfolgen in der Operette zu entziehen; nur erfordere es Arbeit, ausdauernde Arbeit und ernste Studien.

»O, was das betrifft,« entgegnete die Kleine, indem sie eine Rolle Noten in der Luft schwenkte . . . »ich übe täglich zwei Stunden mit der Vauters! . . .«

»Mit der Vauters? . . . Sehr gut. . . . Ausgezeichnete Methode . . .« bemerkte er mit der Miene eines Kenners.

»Und was singen wir denn? . . .« fragte er weiter, 118 indem er die Notenrolle öffnete . . . . »Ah! Den Walzer aus ›Mireille‹ . . . das Magalilied . . . das ist ja aus meiner Heimat!«

Und indem er den Kopf hin und her wiegte, summte er mit halbgeschlossenen Augenlidern vor sich hin:

O Magali, ma bien-aimée,
Fuyons tous deux sous la ramée,
Au fond du bois silencieux...

(O Magali, meines Herzens Freude,
Laß ins Gebüsch uns fliehen beide,
Tief in des Waldes traute Stille . . .)

worauf sie einfiel:

La nuit sur nous étend ses voiles
Et tes beaux yeux...

(Die Nacht deckt uns mit dunkler Hülle,
Und deine Augen ohnegleichen . . .)

bis Roumestan schließlich mit voller Stimme den Schluß sang:

Vont faire pâlir les étoiles...
(Sie machen selbst die Stern' erbleichen . . .)

Sie aber unterbrach ihn lebhaft: »Warten Sie ein wenig . . . Mama wird uns begleiten.«

Damit rückte sie rasch die Pulte zusammen, öffnete das Piano und nötigte ihre Mutter, davor Platz zu nehmen. Ah! Eine entschlossene kleine Person. . . . Der Minister zögerte, den Finger am Notenblatte, eine Sekunde lang. Wie, wenn jemand sie hörte! . . . Bah! Es wurden ja seit drei Tagen jeden Morgen Proben im großen Salon abgehalten. . . . So begannen sie denn.

Aufrecht nebeneinander stehend sangen sie ihre Stimmen von ein und demselben Notenblatte ab, während Madame Bachellery sie auswendig begleitete. Die Stirnen der beiden berührten sich beinahe, ihr Atem vereinigte sich zugleich mit den schmeichelnden Melodieen des Gesanges. Und Numa geriet dermaßen in Eifer, daß er mit vollem Ausdruck sang und bei den hohen Tönen, um sie besser halten zu können, die Arme ausbreitete. Seit einigen Jahren, seit seinem Auftreten als politische Größe, hatte er weit mehr gesprochen als gesungen; seine Stimme war verrostet und schwerfällig 119 geworden wie er selbst, aber trotzdem machte es ihm noch immer großes Vergnügen, zu singen, zumal mit diesem Kinde.

Natürlich war der Bischof von Tulle vollständig vergessen, und ebenso das Oberschulkollegium, das um den großen grünen Tisch versammelt war und sich zu Tode langweilte. Ein- oder zweimal war das bleiche Gesicht des dienstthuenden Huissiers unter dem Geklirr seiner silbernen Halskette in der Thür erschienen, sofort aber wieder verschwunden im Entsetzen darüber, den Kultusminister im Zwiegesang mit der Schauspielerin eines kleinen Theaters erblickt zu haben. Das war nicht mehr der Minister Roumestan, sondern Vincenz der Korbflechter, der die unerhaschbare Magali in ihren koketten Verwandlungen verfolgte. Und wie bezaubernd wußte sie zu fliehen, wie gut verstand sie es, in ihrer kindlich schelmischen Weise mit ihrem silberhellen, schmetternden Lachen, bei dem sie ihre Zähne zeigte, zu entwischen, bis zu dem Augenblick, wo sie sich als besiegt bekannte und ihr tolles Köpfchen ganz betäubt von dem wilden Laufen, auf die Schulter ihres Freundes sinken ließ! . . .

Mama Bachellery war es, die nach kaum beendigtem Spiel den Zauber brach, indem sie sich umwandte und ausrief: »Aber was für eine Stimme, Herr Minister, was für eine Stimme!«

»O ja . . . ich habe in meiner Jugend gesungen . . .« sagte er mit einer gewissen Selbstgefälligkeit.

»O, Sie singen noch jetzt magnifiquement. . . . Nicht wahr, mein Kind, welch ein Unterschied im Vergleich mit Herrn von Lappara!«

Das Kind, das seine Noten zusammenrollte, zuckte nur leicht mit den Achseln, als verdiene eine so unbestreitbare Wahrheit keine andre Antwort. Roumestan aber fragte etwas beunruhigt: »Ah, Herr von Lappara?«

»Ja, er kommt manchmal BouillabaisseEine Art im Süden üblicher Fischsuppe. mit uns essen, und nachher singen dann die beiden ihr Duo.«

In diesem Augenblicke entschloß sich der Huissier, da er 120 keine Musik mehr hörte, mit der Vorsicht eines Tierbändigers, der in den Käfig einer wilden Bestie tritt, zurückzukehren.

»Ich komme schon . . . ich komme,« erwiderte Roumestan und wandte sich sodann mit seiner feierlichsten Ministermiene an das junge Mädchen, um ihr den vollen Abstand des Ranges zwischen ihm und seinem Attaché bemerkbar zu machen.

»Ich gratuliere Ihnen, mein Fräulein,« sagte er. »Sie haben sehr viel Talent, und wenn es Ihr Wunsch ist, am Sonntag hier zu singen, so will ich Ihnen gern diese Gunst gewähren.«

»Wirklich? . . .« jubelte sie in kindischer Freude auf . . . o wie allerliebst! . . .« und sprang ihm mit einem Satze an den Hals.

»Alice! . . . Alice! . . . Was soll das heißen? . . .«

Sie aber war schon weit weg durch die lange Reihe der hohen Säle geeilt, in denen sie ganz klein, wie ein wahres Kind erschien.

Er selbst fühlte sich ganz erregt von dieser Liebkosung und wartete einen Augenblick, bevor er hinaufging. Vor ihm in dem herbstlich fahlen Garten spielte ein Sonnenstrahl inmitten der winterlichen Kälte erwärmend und belebend auf dem Rasen. Und wonnevoll belebend durchdrang es auch ihn bis ins Herz hinein, als hätte ihm die flüchtige Berührung dieses lebensfrischen, geschmeidigen Körpers etwas von der eignen Frühlingswärme mitgeteilt. »Ach, die Jugend ist doch schön!« Unwillkürlich sah er in den Spiegel, und eine eigentümliche Befangenheit kam über ihn, die er seit Jahren nicht mehr kannte. . . . Wie hatte er sich verändert, boun Diou! . . . Infolge seiner sitzenden Lebensweise und der fortwährenden Wagenfahrten war er sehr stark geworden und hatte überdies durch das viele Nachtwachen seine frische Gesichtsfarbe eingebüßt, während das spärliche Haar an den Schläfen schon ergraute; besonders aber entsetzte er sich über den Umfang seiner Wangen, die eine breite Fläche zwischen Nase und Ohren bildete. »Wie wär' es, wenn ich meinen Bart wachsen ließe, um sie zu verdecken? . . .« Ja, aber dann würde es ja ein weißer Bart, 121 der ihn noch älter machen würde. . . . Und dabei zählte er noch keine fünfundvierzig Jahre. Ja, die Politik macht alt.

Er empfand einen Augenblick lang die herbe Wehmut einer Frau, welche ihre Schönheit verblüht sieht und keine Liebe mehr einzuflößen vermag, während sie selbst sich noch nach Liebe sehnt. Seine Augenlider röteten sich, und die stolzen Räume, die ihn an seine Macht erinnerten, ließen ihn das Bittere dieses echt menschlichen Gefühls, über das der Ehrgeiz keine Macht hatte, nur um so schmerzlicher empfinden. Aber bei der ihm eignen Flüchtigkeit der Eindrücke tröstete er sich schnell mit seinem Ruhm, seinem Talent, seiner hohen Stellung. War das nicht genug, um Gegenliebe zu finden, wog es nicht Schönheit und Jugend auf?

»Wie thöricht, wie dumm von ihm!«

Mit einem Achselzucken verjagte er seinen Gram und ging hinauf, um das Kollegium zu verabschieden, denn es blieb ihm keine Zeit mehr, um den Vorsitz zu führen.

»Was haben Sie nur heute, mein werter Minister. . . . Sie sehen wie verjüngt aus.«

Mehr als zehnmal im Lauf des Tages richtete man infolge seiner auffallend guten Laune diese schmeichelhafte Anrede an ihn; in den Gängen der Kammer ertappte er sich darauf, »O Magali, ma bien-aimée« vor sich hinzusummen, und auf der Ministerbank folgte er mit einer für den Redner sehr schmeichelhaften Aufmerksamkeit einer endlosen Rede über den Zolltarif, während er glückselig mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinlächelte, so daß die Linke in der Furcht vor seiner berühmten Schlauheit sich zitternd sagte: »Seien wir auf der Hut. . . . Roumestan führt etwas im Schilde.« Es war einfach das Bild der kleinen Bachellery, das seine Einbildungskraft heraufbeschwor und, während der leere Wortschwall ihm vor den Ohren summte, vor der Ministerbank umherhüpfen und all seine Reize entfalten ließ, die blonden Haare, die sich in seinen Fransen von der Stirn abhoben, den zarten, frischen Teint, das kecke Wesen des schon zur Jungfrau gereiften Kindes.

Gegen Abend jedoch, als er inmitten seiner Kollegen von Versailles zurückkehrte, wurde er noch einmal von 122 Traurigkeit befallen. In der erstickenden Atmosphäre eines vollen Rauchcoupés sprach man in dem heiteren, ungezwungenen Tone, den Roumestan überall mit sich brachte, von einem gewissen hellroten Samthute, unter welchem ein blasses Kreolengesichtchen in der Diplomatenloge als glückliche Ablenkung vom Zolltarif erschienen war und gleich einem in eine Schülerklasse verirrten Schmetterling, wenn er mitten in einem griechischen Exercitium aufflattert, die Blicke sämtlicher ehrenwerter Herren auf sich gezogen hatte. Wer war es? Niemand kannte sie.

»Man muß den General darum befragen,« sagte Numa heiter, indem er sich dem Kriegsminister, Marquis d'Espaillon d'Aubord, einem alten verliebten Gecken, zuwandte . . . »Schon gut . . . Sie brauchen sich gar nicht zu verteidigen, sie hat niemand angeschaut als Sie.«

Der General schnitt ein Gesicht, daß ihm sein gelblicher Bocksbart mit einem Ruck bis an die Nase emporfuhr.

»Es ist schon lange her, daß die Frauen mich nicht mehr ansehen. Sie haben nur Augen für solche Gelbschnäbel.«

Derjenige, auf welchen er in dieser etwas freien, bei den adeligen Militärs besonders beliebten Sprache hinwies, war der junge Lappara, der mit dem Ministerportefeuille auf den Knieen in einer Wagenecke saß und sich angesichts dieser hochwichtigen Gesellschaft in ehrerbietiges Schweigen hüllte. Roumestan fühlte sich verletzt, ohne recht zu wissen weshalb, und blieb die Antwort nicht schuldig. Es gäbe andre Dinge genug, meinte er, welche die Frauen höher schätzen, als die Jugend eines Mannes.

»Das sagen sie Ihnen.«

»Ich berufe mich dafür auf diese Herren.«

Alle, wie sie da waren, mit enganschließendem Ueberrock auf dem wohlbeleibten Körper, oder magere, dürre Gestalten, kahlköpfig oder mit weißen Haaren, zahnlos oder mit Lücken im Munde, mit irgend welchem Gebrechen behaftet – alle diese Herren, Minister und Unterstaatssekretäre, bekannten sich laut zu der Ansicht Roumestans. Bei dem Rasseln der Räder und allem Lärm des parlamentarischen Eisenbahnzuges wurde die Unterhaltung immer lebhafter.

123 »Unsre Minister liegen sich in den Haaren,« hieß es in den benachbarten Coupés.

Und die Journalisten bemühten sich, trotz der Scheidewände, das eine oder andre Wort aufzufangen.

»Den, der einen Ruf, der die Macht in Händen hat, den lieben sie!« donnerte Numa. »Sich sagen zu können, daß der Mann zu ihren Füßen, der seinen Kopf auf ihren Schoß legt, ein Berühmter, ein Mächtiger ist, einer von denen, welche die Welt in Bewegung setzen, das ist's, was ihnen Eindruck macht!«

»So ist es!«

»Sehr richtig . . . sehr richtig . . .«

»Ich denke wie Sie, mein werter Kollege.«

»Nun gut! Was mich betrifft, so sage ich Ihnen, daß wenn ich seiner Zeit als einfacher Lieutenant im Generalstab des Sonntags in Galauniform mit neuen Tressen und meinen fünfundzwanzig Jahren ausging, ich im Vorübergehen von den Frauen jene Blicke erntete, die Einen wie ein Peitschenhieb vom Scheitel bis zur Sohle treffen, Blicke, die man in meinem Alter auch durch die schönsten Epauletten nicht mehr erobert. . . . Und wenn ich jetzt die Wärme und Aufrichtigkeit eines solchen Blickes fühlen, eine stumme Liebeserklärung auf offener Straße genießen will, wissen Sie, was ich dann thue? . . . Ich nehme einen meiner Adjutanten, einen jungen Kerl mit schönen Zähnen und breiter Brust, und mache mir das Vergnügen, an seinem Arme spazieren zu gehen, sacré nom de Dieu!«

Roumestan schwieg bis zur Ankunft in Paris. Die Schwermut, die ihn des Morgens befallen, bemächtigte sich seiner aufs neue, aber mit einer Zuthat von Zorn und Entrüstung über die thörichte Verblendung der Frauen, die sich in Einfaltspinsel und Stutzer vernarren können. Was war denn zum Beispiel an diesem Lappara Besonderes? In tadelloser Kleidung mit tiefem Halsausschnitt, drehte derselbe, ohne sich an dem Streit zu beteiligen, in geckenhafter Weise seinen blonden Bart. Man hätte ihn ohrfeigen mögen. So sah er gewiß aus, wenn er das Duett aus »Mireille« mit der kleinen Bachellery sang, die ohne Zweifel seine Geliebte 124 war. . . . Dieser Gedanke empörte ihn zwar, zu gleicher Zeit aber hätte er sich vergewissern, sich überzeugen mögen.

Kaum waren sie allein, so fragte er, während sein Wagen dem Ministerium zufuhr, unvermittelt und ohne Lappara anzusehen: »Ist es lange her, daß Sie diese Damen kennen?«

»Welche Damen, Herr Minister?«

»Nun, die kleine Bachellery und ihre Mutter!«

Er dachte nur an sie und meinte, allen andern müßte es ebenso gehen, wie ihm. Lappara lachte.

Ja freilich! Das war schon lange her; es waren Landsleute von ihm. Die Familie Bachellery und die Folies-Bordelaises gehörten zu den schönsten Erinnerungen seiner achtzehn Jahre. Als Gymnasiast hatte sein Herz für die Mutter geschlagen, daß schier die Knöpfe seiner Schüleruniform gesprungen waren.

»Und heute schlägt es wohl für die Tochter?« fragte Roumestan leichten Tones, indem er mit seinem Handschuh das Wagenfenster abwischte, um auf die feuchte, dunkle Straße zu blicken.

»O, mit der Tochter ist es etwas anders. . . . Die ist bei all ihrem kecken, windigen Wesen ein sehr kaltes, ernsthaftes Mädchen. Ich weiß nicht, wo sie hinaus will, aber sie scheint es auf etwas abgesehen zu haben, was ich wohl nicht in der Lage bin, ihr zu bieten.«

Numa fühlte sich erleichtert.

»Ah, wirklich? . . . Und doch kommen Sie öfters zu den Damen?«

»O ja . . . die Häuslichkeit dieser Bachellerys ist gar so gemütlich. . . . Der Vater, der ehemalige Theaterdirektor, macht komische Couplets für die Cafés chantants; die Mutter singt und recitiert dieselben, während sie Champignons à l'huile und Fischsuppe bereitet, wie man sie bei Roubion selbst nicht findet. Das ist ein Schreien, ein Durcheinander, ein Musizieren und Schmausen . . . die reinsten Folies-Bordelaises im Familienkreise. Die kleine Bachellery führt den Reigen, wirbelt umher, soupiert, trillert, verliert aber keinen Augenblick den Kopf.«

125 »Oho, mein Junge, Sie rechnen doch darauf, daß sie ihn heut oder morgen verlieren wird und zwar zu Ihren Gunsten.« Und mit plötzlichem Ernst fügte der Minister hinzu: »Schlechte Gesellschaft für Sie, junger Mann. Sie sollten vernünftiger sein; zum Teufel! . . . Die ›Folies-Bordelaises‹ – die Possen von Bordeaux können nicht ewig dauern.«

Dann ergriff er seine Hand und sagte: »Sie denken also nicht daran, sich zu verheiraten, wie?«

»Meiner Treu, nein, Herr Minister . . . ich befinde mich sehr wohl, so wie ich bin . . . es müßte sich denn eine ganz besonders glänzende Partie . . .«

»Die wird sich schon finden. . . . Mit Ihrem Namen, Ihren Verbindungen . . .« Und mit einem Male losplatzend fragte er: »Was würden Sie zu Fräulein Le Quesnoi sagen?«

Der Sprößling von Bordeaux, so kühn er auch in seinen Hoffnungen war, erblaßte vor Freude und Ueberraschung.

»O! Herr Minister, ich hätte nie gewagt . . .«

»Warum nicht? . . . Jawohl, jawohl. . . . Sie wissen ja, wie sehr ich Sie liebe, mein guter Junge . . . ich würde mich freuen, Sie zu meiner Familie zu zählen . . . ich würde mich vollständiger fühlen und . . .«

Er hielt plötzlich inmitten seines Satzes inne, da er sich erinnerte, ganz dasselbe schon Méjean gegenüber am Morgen ausgesprochen zu haben.

»Ja, das ist nun einmal geschehen und nicht mehr zu ändern! . . .«

Mit dem ihm eigentümlichen heftigen Achselzucken half er sich darüber hinweg und vergrub sich wieder in die Wagenecke. »Hortense ist schließlich frei und kann wählen, wen sie will. . . . Jedenfalls habe ich diesen jungen Mann aus einer schlechten Umgebung befreit.« In der That war Roumestan im Innersten überzeugt, daß diese gute Absicht die einzige Triebfeder seiner Handlungsweise gewesen sei. 126

 


 

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