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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Minister!

Drei Monate sind seit diesem Ausflug nach dem Mont de Cordoue vergangen.

Das Parlament ist in Versailles soeben eröffnet worden und zwar unter strömendem Novemberregen; dichte Nebelwolken senken sich bis an die Bassins des Parks herab und hüllen die beiden Kammern in Nässe und trübseliges Dunkel ein, vermögen aber die politischen Leidenschaften nicht zu dämpfen. Die Session beginnt unter drohenden Zeichen. Immer neue Züge mit Abgeordneten und Senatoren folgen einander, kreuzen sich und pfeifen und zischen und stoßen drohend ihre Rauchwolken in die Lüfte, als wären auch sie von den Gehässigkeiten und Ränken getrieben, welche sie unter Regengüssen nach Paris zurückgeleiten; und während dieser einstündigen Eisenbahnfahrt werden die Diskussionen, die das Geräusch der Räder auf den Schienen übertönen, mit derselben leidenschaftlichen Bitterkeit fortgesetzt, wie auf der Rednerbühne. Am lärmendsten und erregtesten ist Roumestan. Er hat seit der Wiedereröffnung bereits zwei Reden gehalten; er spricht in den Ausschußsitzungen, in den Wandelgängen, auf dem Bahnhofe und in den Erfrischungszimmern, und seine Stimme läßt die Glasbedachung der Photographen-Salons erzittern, in denen die Fraktionen der gesamten Rechten sich vereinigen. Ueberall sieht man seine untersetzte, bewegliche Gestalt, seinen dicken, immer in Aufruhr befindlichen Kopf und die breiten, unaufhörlich sich hin und her bewegenden Schultern, vor welchen das Ministerium zittert, das er als gewandter und kräftiger Ringer des Südens im Begriff steht, nach allen Regeln der Kunst zu Falle zu 78 bringen. Ach, der blaue Himmel, die Tambourinklänge, das Zirpen der Grillen, die ganze leuchtende Pracht der Ferien, sie ist dahin! Numa denkt keinen Augenblick mehr daran zurück, sondern geht völlig in dem Strudel seines Doppellebens als Advokat und Politiker auf; denn nach dem Vorbild seines alten Meisters Sagnier hat er beim Eintritt in die Kammer keineswegs auf seine Praxis als Advokat verzichtet, und jeden Abend drängt man sich von sechs bis acht Uhr vor der Thüre seiner Kanzlei in der Rue Scribe.

Roumestans Kanzlei ist wie ein Gesandtschaftsbüreau ausgestattet. Der erste Sekretär, die rechte Hand des Parteiführers, sein Berater und Freund, ist ein ausgezeichneter Jurist, Namens Méjean, der, wie die ganze Umgebung Numas, aus dem Süden stammt, aber aus jenem felsigen Süden der Cevennen, welcher mehr von Spanien, als von Italien hat, und in seinem Wesen wie in seinen Worten die kluge Zurückhaltung und den praktischen gesunden Menschenverstand Sancho Pansas bekundet. Untersetzt und stämmig, mit schon kahlem Scheitel und dem gelblichen Teint, wie er rastlosen Arbeitern eigen ist, besorgt Méjean allein die ganze Leitung der Geschäfte, sieht die Aktenstöße durch, bereitet die Reden vor und sucht die klangvollen Phrasen seines Freundes und, wie Eingeweihte wissen wollen, seines künftigen Schwagers durch thatsächliches Material zu bekräftigen. Die andern Sekretäre, die Herren von Rochemaure und von Lappara, zwei junge, dem ältesten Provinzialadel angehörige Referendare, sind nur zur Schaustellung da, und sollen bei Roumestan in die Politik eingeweiht werden.

Lappara, ein schöngewachsener, stattlicher junger Mann, mit warmem Teint und rötlichem Barte, Sohn des Marquis von Lappara, des Hauptes der royalistischen Partei in der Gegend von Bordeaux, trägt unverkennbar den Typus des kreolischen, großsprecherischen, abenteuer- und duellsüchtigen Südens an sich. Ein fünfjähriger Aufenthalt in Paris, hunderttausend Franken Spielschulden im Klub, die mit den Diamanten der Mutter bezahlt wurden, haben hingereicht, um ihm den Boulevardaccent und das glänzende Aeußere 79 eines gewiegten und vornehmen Lebemannes zu verleihen. Von ganz anderm Schlage ist der Vicomte Charlexis von Rochemaure, ein unmittelbarer Landsmann Numas, der bei den »Pères de l'Assomption« erzogen worden ist und seine Rechtsstudien in der Provinz unter der Aufsicht seiner Mutter und eines Geistlichen gemacht hat; ihm ist von seiner Erziehung her ein unschuldvolles, schüchternes Wesen geblieben, das in grellem Gegensatze zu seinem Knebelbarte nach Art Louis XIII. steht, so daß er zu gleicher Zeit einen stutzerhaften und einen einfältigen Eindruck macht.

Der langbeinige Lappara läßt es sich angelegen sein, diesen jungen Pourceaugnac in das Pariser Leben einzuweihen. Er zeigt ihm, wie man sich kleidet, sagt ihm, was »chic« ist und was nicht, wie man mit vorgebeugtem Kopf und blödem Ausdruck gehen und wie man beim Niedersitzen die Beine ausstrecken muß, um die Knieform sich nicht in den Hosen abprägen zu lassen. Er möchte ihm seinen kindlichen Glauben an die Menschheit und seine Freude an der Schreiberei benehmen, die ihn zum Federfuchser stempelt. Aber nein, der Vicomte liebt seine Arbeit, und wenn Roumestan ihn nicht mit nach der Kammer oder nach dem Justizgebäude nimmt, wie z. B. heute, dann bleibt er stundenlang an dem langen, neben dem Kabinett des Chefs für die Sekretäre aufgestellten Tische sitzen, um ganze Stöße von Akten zu kopieren. Der Sprößling von Bordeaux hat sich einen Polsterstuhl ans Fenster gerollt und blickt mit ausgestreckten Beinen, die Zigarre im Munde, durch den Regen auf die schmutzige, dampfende Straße und nach der langen Reihe von Equipagen, die zu Madame Roumestans Empfangstag längs des Trottoirs mit erhobener Peitsche aufgepflanzt stehen.

Welcher Andrang! Und es hat noch kein Ende, noch immer treffen weitere Wagen ein. Lappara, der sich rühmt, die Livreen der Pariser Welt von Grund aus zu kennen, kündigt laut an: »Die Herzogin von San Donnino . . . der Marquis von Bellegarde . . . Teufel! Auch die Monconseils . . . Ah! Da muß etwas Besondres los sein!« Und indem er sich einer langen, hageren Gestalt zuwendet, die am Kamin 80 ihre Baumwollhandschuhe und ihre farbigen, für die Jahreszeit etwas zu dünnen, sorgfältig über Zeugstiefeletten aufgestülpten Beinkleider trocknet, fragt er: »Wissen Sie etwas, Bompard?«

»Ich? . . . Natürlich! . . .«

Bompard, der Mameluck Roumestans, vertritt gewissermaßen die Stelle eines vierten Sekretärs, der die äußeren Angelegenheiten besorgt, nach Neuigkeiten ausgeht und in ganz Paris den Ruhm seines Herrn verkündet. Seinem Aussehen nach zu schließen, wird er bei diesem Geschäft nicht reich; doch ist das nicht Numas Schuld. Eine Mahlzeit täglich und dann und wann einen halben Louisdor, – mehr wollte dieser sonderbare Schmarotzer, dessen Dasein für seine vertrautesten Freunde ein Rätsel blieb, nie annehmen. Ihn aber fragen, ob er etwas Neues wisse, Zweifel in Bompards Einbildungskraft setzen, – dazu gehörte eine wahrhaft kindliche Einfalt.

»Jawohl, meine Herren . . . und zwar etwas sehr Ernstes . . .«

»Was denn?«

»Man hat soeben auf den Marschall geschossen!«

Allgemeine Betroffenheit. Die jungen Leute sehen einander an, dann betrachten sie Bompard; endlich fragt Lappara, auf seinem Sitze ausgestreckt, ganz ruhig: »Und Ihr neues Asphaltunternehmen, mein Bester, wie steht es damit?«

»Ach was, Asphaltunternehmen! Ich habe ein weit besseres Geschäft in Aussicht.«

Und ohne sich weiter über den geringen Eindruck zu verwundern, den seine Nachricht von dem Attentat auf den Marschall hervorbringt, fängt er alsbald an, von seinem neuen Unternehmen zu erzählen. O ein brillantes Geschäft und so einfach! Es handelt sich nur darum, die Prämien im Wert von 120,000 Franken einzusacken, welche die schweizerische Regierung jedes Jahr anläßlich des Bundesschießens auszusetzen pflegt. Bompard verstand sich in seiner Jugend sehr gut aufs Vogelschießen; er brauchte sich also bloß wieder ein wenig einzuüben und hundertzwanzigtausend Franken Rente waren ihm zeitlebens gesichert. Das kostete wenigstens keine große Mühe! Man hatte nur die Schweiz 81 in kleinen Tagereisen von Kanton zu Kanton mit der Büchse auf der Schulter zu durchwandern . . .

In vollem Eifer beschrieb der Schwärmer die Gletscher, welche er erkletterte, die Thäler und Ströme, über die sein Fuß setzte, und ließ ganze Lawinen vor den verblüfften jungen Leuten in die Tiefe stürzen. Von allen Ausgeburten seiner wahnwitzigen Phantasie war diese wohl die tollste, und dabei sprach er mit fieberhaft leuchtenden Augen, einer innern Ueberzeugung und einem Feuer, das seine Stirne bald anschwellen ließ, bald mit tiefen Runzeln durchfurchte.

Die plötzliche Ankunft Méjeans, der ganz außer Atem vom Justizgebäude zurückkehrte, unterbrach Bompards Redefluß.

»Große Neuigkeit!« . . . rief er, indem er seine Mappe auf den Tisch warf . . . »Das Ministerium ist gestürzt.«

»Nicht möglich!«

»Roumestan übernimmt das Portefeuille des öffentlichen Unterrichts . . .«

»Das wußte ich schon,« sagte Bompard.

Und indem er das Lächeln der Anwesenden bemerkte, bekräftigte er: »Jawohl, meine Herren . . . ich war dabei und komme eben von dort.«

»Und Sie haben es nicht gesagt?«

»Wozu? . . . Man glaubt mir ja doch nicht . . . Mein Accent ist wohl daran schuld,« fügte er mit einer unverwüstlichen Harmlosigkeit hinzu, deren Komik in der allgemeinen Aufregung verloren ging.

»Roumestan Minister!«

»Ja, Kinder, unser Chef ist ein schlauer Kopf,« bemerkte wiederholt der lange Lappara, indem er sich laut lachend auf seinen Polstersitz zurückwarf und die Beine in die Höhe streckte . . . »Und wie fein er seine Sache eingefädelt hat!«

Rochemaure erhob sich entrüstet: »Sprechen wir nicht von Schlauheit, mein Lieber . . . Roumestan ist ein Mann von Gewissen und Ueberzeugung . . . . Er geht den geraden Weg wie eine Kanonenkugel.«

»Zunächst, mein Kleiner, sind Kanonenkugeln nicht mehr im Gebrauche. Heutzutage gibt es nur noch Granaten . . . Die Granate aber macht so . . .«

82 Zugleich beschrieb er mit dem Stiefelabsatz eine krumme Linie.

»Großmaul!«

»Dummkopf!«

»Meine Herren . . . meine Herren!« . . .

Und Méjean dachte bei sich über die eigentümliche, verwickelte Natur Roumestans nach, welche selbst von den ihm nahe Stehenden so verschiedenartig beurteilt werden konnte. »Ein Schlaukopf – ein Mann von Ueberzeugung und Gewissen.« Dieser zweifachen Ansicht begegnete man auch im Publikum. Er, der ihn besser kannte, wußte wohl, welch ein Gemisch von Leichtfertigkeit und Trägheit den Grundzug seines Charakters ausmachte und seinen Ehrgeiz mäßigte, so daß er zumal besser und schlechter war, als sein Ruf.

Aber war die Neuigkeit auch in der That begründet? Begierig, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, warf Méjean einen prüfenden Blick in den Spiegel und verließ das Büreau, um bei Madame Roumestan vorzusprechen.

Schon vom Vorzimmer aus, wo die Bedienten mit Pelzmänteln auf dem Arme warteten, vernahm man ein von dem Getäfel der hohen Zimmerdecken und den prächtigen Tapetenbehängen gedämpftes Gemurmel. Gewöhnlich empfing Rosalie ihre Gäste in ihrem kleinen Salon, der mit seinen leichten Stühlen, seinen zierlichen Tischen und den zahlreichen gegen die Fenster aufgestellten Pflanzen, in deren glänzend grünen Blättern ein sanftes Licht spielte, das Aussehen eines Wintergartens hatte. Das genügte für ihren vertraulichen Umgang als einfache Pariserin, die, fern von jedem Ehrgeiz, im Schatten ihres großen Mannes verschwand und außerhalb des kleinen Kreises, in welchem man ihre Ueberlegenheit kannte, für eine harmlose, unbedeutende Persönlichkeit galt. Heute aber waren die beiden großen Empfangszimmer überfüllt und laut genug ging es darin zu; immer neue Gäste strömten herbei, das ganze Aufgebot der Freunde und Bekannten und eine Menge Gesichter, welche Rosalie auch nicht einmal dem Namen nach bekannt waren.

Sehr einfach in einem veilchenblau schillernden Kleide, das ihre schlanke Gestalt und das anmutige Gleichmaß ihres 83 ganzen Wesens vorteilhaft zu Tage treten ließ, empfing sie alle mit dem gleichen, etwas stolzen Lächeln, der spröden Kälte, von welcher seiner Zeit Tante Portal sprach. Keine Spur von Uebermut dem neuen Glücke gegenüber, eher ein wenig Ueberraschung und Unruhe, von der sie jedoch nichts merken ließ. Geschäftig bewegte sie sich von Gruppe zu Gruppe, während die Dunkelheit hereinbrach und der Pariser Salon mit seinen reichen, funkelnden Stoffen und bunten, orientalischen Teppichen durch die von den Dienern herbeigebrachten Lampen und die angezündeten Kronleuchter ein festliches Ansehen gewann.

»Ah, Herr Méjean!« rief Rosalie, indem sie sich für einen Augenblick frei machte, um den Freund zu begrüßen, den sie zu ihrer Freude aus dem lärmenden Schwarm auftauchen sah. Ihre beiden Naturen verstanden sich. Dieser abgekühlte Südländer und die feinfühlende, erregbare Pariserin hatten eine ähnliche Anschauungs- und Auffassungsweise und vermochten gemeinsam das Ungestüm und die Schwächen Numas auszugleichen.

»Ich wollte mich überzeugen, ob die Nachricht wahr sei . . . Jetzt zweifle ich nicht mehr daran,« bemerkte Méjean, indem er auf die vollen Salons hinwies. Sie überreichte ihm die Depesche, die sie von ihrem Manne erhalten hatte. Und ganz leise fügte sie hinzu: »Was sagen Sie dazu?«

»Eine schwere Aufgabe, aber Sie sind ja da.«

»Und Sie auch! . . .« entgegnete sie, indem sie ihm beide Hände drückte und ihn verließ, um neu angekommenen Besuchern ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Zahl der Gäste nahm noch immer zu und niemand machte Miene, sich zu entfernen. Man erwartete den Staatsmann, um aus seinem eignen Munde den Bericht über die Sitzung zu vernehmen und zu hören, wie er mit einem Schlag alles hatte umstürzen können. Schon hinterbrachten einige der Neuhinzugekommenen einzelne Vorfälle aus der Kammer und Bruchstücke der dort gehaltenen Reden. Alles umringte die Erzählenden, und man hörte ein Murmeln der Befriedigung. Besonders die Frauen zeigten sich gespannt und aufgeregt: unter den großen Hüten, die soeben in die Mode kamen, 84 gewahrte man auf ihren hübschen Gesichtern jene leichte, fieberhafte Röte, die man auf den Wangen der Spielerinnen von Monte-Carlo beim »Trente-et-quarante« bemerkt. War es vielleicht die Mode der Fronde oder die Filzhüte mit der langen Feder, die sie so aufgelegt zum Politisieren machten? Jedenfalls schienen all diese Damen sehr bewandert darin zu sein, und während sie ihre in den reinsten parlamentarischen Ausdrücken geführte Unterhaltung mit dem Schwenken ihrer Müffchen unterbrachen, feierten sie sämtlich den Ruhm des neuen Ministers und überall vernahm man denselben Ausruf: »Welch ein Mann! Welch ein Mann!«

In einem Winkel saß der alte Béchut, Professor am »Collège de France«, ein sehr häßlicher Mann mit einer dicken Nase, die sich über den Büchern verlängert zu haben schien, und nahm aus dem Erfolge Roumestans Anlaß, eine seiner Lieblingsthesen zu erörtern, welche lautete: Die Schwäche der modernen Welt hat ihren Grund in der Stellung, welche die Frau und das Kind in derselben einnehmen; nichts als Unwissenheit und Flitter, Laune und Leichtfertigkeit! »Nun sehen Sie, mein Herr,« sagte er, »darin eben liegt Roumestans Stärke. Er hat keine Kinder und wußte sich stets dem weiblichen Einfluß zu entziehen. . . . Darum konnte er sicher und festen Schrittes auf sein Ziel losgehen, ohne auch nur einen Finger breit vom Wege abzuweichen!«

Die gewichtige Persönlichkeit, an die er diese Worte richtete, Kanzleidirektor an der Oberrechnungskammer, ein Mann mit harmlosem Blick und kleinem, rundem, glattem Schädel, in welchem die Gedanken wie trockne Kerne in einem leeren Kürbis rumorten, brüstete sich gravitätisch und gab seine Zustimmung mit einer Miene zu erkennen, welche besagen sollte: »Auch ich, mein Herr, bin ein Mensch dieser höhern Art . . . auch ich habe mich dem Einfluß, von dem Sie sprechen, zu entziehen gewußt.«

Als der Gelehrte merkte, daß man sich ihm näherte, um zuzuhören, fuhr er mit erhobener Stimme in seiner Rede fort und führte Beispiele aus der Geschichte an: Cäsar, Richelieu, Friedrich den Großen, Napoleon, und bewies wissenschaftlich, daß die Frau auf der Stufenleiter der denkenden Wesen um einige 85 Sprossen tiefer stehe, als der Mann. »In der That, wenn wir die Zellgewebe untersuchen . . .«

Noch interessanter aber war es, den Gesichtsausdruck der beiden Frauen dieser Herren zu beobachten, welche, eine neben der andern sitzend, zuhörten, indem sie eine Tasse Thee schlürften; denn man hatte soeben die kleine Abenderfrischung aufgetragen, die zu dem Lärm der Unterhaltung noch das Geklirr der silbernen Löffel auf den Tellern und Tassen von japanischem Porzellan und den warmen Duft des Samowars und des frisch aus dem Ofen kommenden Backwerks fügte. Die jüngere der beiden Damen, Madame von Boë, hatte durch den Einfluß ihrer Familie aus ihrem Gatten, dem Mann mit dem Kürbiskopf, einem durch Spielschulden zu Grunde gerichteten Adligen, einen Verwaltungsbeamten an der Oberrechnungskammer gemacht, und man zitterte vor Furcht, die öffentlichen Gelder in den Händen dieses verschwenderischen Menschen zu sehen, der bereits sein eignes Vermögen und das seiner Frau durchgebracht hatte. Madame Béchut war einst eine hübsche Frau gewesen, was noch an ihren großen, geistvollen Augen und dem feingeschnittenen Gesichte zu erkennen war, während ihr schmerzlich verzogener Mund von den Kämpfen des Lebens, von einem erbitterten, rast- und rücksichtslosen Ehrgeiz erzählten. Sie hatte es sich zur ausschließlichen Aufgabe gemacht, für die banale Mittelmäßigkeit ihres gelehrten Mannes die höchsten Ehrenämter zu gewinnen und ihm durch ihre nur allzubekannten Beziehungen die Thore der »Académie«, sowie des »Collège de France« geöffnet. Ein ganzes Gedicht lag in dem Lächeln, welches die beiden Frauen über ihre Tassen hinweg austauschten. Und hätte man bei allen diesen Herren gründlich nachgeforscht, wer weiß, ob sich nicht noch so mancher gefunden haben würde, dem der weibliche Einfluß nicht geschadet hatte.

Plötzlich trat Roumestan ein. Inmitten des lärmenden Durcheinanders der Begrüßungen schritt er hastig durch den Saal gerade auf seine Frau zu und küßte sie auf beide Wangen, bevor sie sich dieser etwas peinlichen Kundgebung erwehren konnte, durch welche die Behauptungen des Physiologen aufs beste Lügen gestraft wurden. Alle Frauen riefen: 86 »Bravo!« Dann folgte ein Austausch von Händedrücken, Herzensergießungen und endlich ein aufmerksames Schweigen, während dessen der Staatsmann, an den Kamin gelehnt, in kurzen Zügen die Ereignisse des Tages zu erzählen begann:

Der Meisterstreich, der seit einer Woche vorbereitet war, die Schritte und Gegenschritte, die gethan wurden, die tolle Wut der Linken im Augenblicke ihrer Niederlage, sein eigner Triumph, sein Losdonnern von der Rednerbühne herab bis zum Ertönen der hübschen Antwort, die er dem Marschall erteilte: »Das hängt von Ihnen ab, Herr Präsident!« alles ward von ihm berührt und in heiterer, mitteilsamer Erregung auseinandergesetzt. Dann wurde Roumestan plötzlich ernst und sprach von den schweren Lasten der Verantwortlichkeit, die ihm sein Posten auferlegte: er hatte das gesamte Unterrichtswesen von Mißbräuchen zu reinigen, die ganze Jugend des Landes zur Verwirklichung der großen in sie gesetzten Hoffnungen vorzubereiten (diese Anspielung ward mit freudigem Zuruf begrüßt), darum wollte er sich mit aufgeklärten Männern umgeben und an alle Gutgesinnten appellieren. Und mit bewegtem Blick schien er dieselben in dem um ihn geschlossenen Kreis zu suchen: »An Sie, Freund Béchut, werde ich mich wenden . . . auch an Sie, mein lieber von Boë . . .«

Der Augenblick war so feierlich, daß niemand sich fragte, inwiefern die Blasiertheit des Kanzleidirektors von Boë den Verbesserungen des Unterrichtswesens förderlich sein sollte. Uebrigens war die Zahl derjenigen ungefähr Gleichbegabten, welche Roumestan im Laufe des Nachmittags um ihre Mitwirkung zur Erfüllung seiner fürchterlichen Pflichten bezüglich des öffentlichen Unterrichts angegangen hatte, wahrhaft unabsehbar. Im Fach der schönen Künste fühlte er sich weit mehr zu Hause, und sicherlich würde man ihm nicht verweigern. . . . Unterdrücktes Lachen und schmeichelhafte Ausrufe verhinderten ihn fortzufahren. Darüber herrschte ja bloß eine Stimme in Paris, selbst bei seinen größten Gegnern: für das Ressort der schönen Künste war Numa der richtige Mann. Nun konnte man doch endlich auf eine verständige Prüfungskommission, auf Opernhäuser und ein vom Staat gepflegtes Kunstleben hoffen. Aber der Minister machte diesen 87 Lobeserhebungen kurz ein Ende, indem er vertraulich und scherzend zu verstehen gab, daß das neue Kabinett fast ausschließlich aus Südländern zusammengesetzt sei. Von acht Ministern hatten die Bezirke von Bordeaux, sowie die ehemaligen Landschaften Périgord, Languedoc und Provence sechs geliefert. »Ja, der Süden behauptet das Feld . . .«, bemerkte er mit Feuer. »Paris gehört uns, wir haben alles in Händen. Sie müssen sich darein ergeben, meine Herren. Zum zweiten Male ist Gallien von den Lateinern erobert worden!«

Es war allerdings der echte lateinische Sieger mit dem scharf geschnittenen Kopfe, den breiten, flachgewölbten Wangen, dem feurigen Teint, mit seinem schroffen, ungenierten Wesen, das in diesem echt Pariser Salon fremdartig genug anmutete: Beim Ausbruch der Heiterkeit und des Beifalls, den sein Schlußwort hervorgerufen, verließ er rasch, wie ein guter Schauspieler, der im richtigen Augenblicke abzugehen weiß, seinen Platz am Kamin, gab Méjean ein Zeichen, ihm zu folgen, und verschwand durch eine der Seitenthüren, indem er es Rosalie überließ, ihn bei den Gästen zu entschuldigen. Er war in Versailles beim Marschall zu Tisch geladen und hatte kaum noch die nötige Zeit, sich umzukleiden und einige Aktenstücke zu unterzeichnen.

»Bring mir die Kleider!« rief er dem Diener zu, der eben im Begriffe stand, die drei Gedecke für ihn, seine Frau und Bompard rings um den täglich frisch ausgestatteten Blumenkorb zurechtzulegen, den Rosalie bei keiner Mahlzeit missen wollte. Er war recht froh, nicht daheim essen zu müssen. Der Aufruhr der Begeisterung, den er hinter sich zurückgelassen hatte und noch durch die geschlossene Thür hindurch vernahm, trieb ihn aufs neue unter Menschen, in helle, festliche Beleuchtung. Außerdem hat der Südländer überhaupt keinen Sinn für die Häuslichkeit. Die Bewohner des Nordens im rauhen Klima sind es, die das »home« erfunden haben, den vertraulichen Familienkreis, welchem man in der Provence und in Italien den Aufenthalt vor den Lokalen der Eis- und Limonade-Verkäufer und das laute Treiben auf der Straße vorzieht.

88 Um vom Speisesaal in Roumestans Advokatenbüreau zu gelangen, mußte man das kleine Wartezimmer durchschreiten, das gewöhnlich um diese Stunde voll von Leuten war, die unruhig nach der Uhr sahen oder, das Auge auf ein illustriertes Journal geheftet, ihren Prozeßangelegenheiten nachhingen. Heute hatte sie Méjean alle verabschiedet, da er sich dachte, daß Numa keine Konsultationen erteilen könne. Einer der Anwesenden war gleichwohl zurückgeblieben, ein junger Mensch in einem nagelneuen Anzuge, in dem er sich so linkisch ausnahm, wie ein Unteroffizier in Zivil.

»Ah, grüß' Gott, Herr Roumestan . . . wie geht's? . . . Ich hab' lange auf Sie gewartet!«

Numa erinnerte sich wohl, dieser selben Redeweise, diesem gebräunten Teint, diesem selbstbewußten und doch so tölpelhaften Wesen schon irgendwo begegnet zu sein, aber wo?

»Sie kennen mich nicht mehr?« entgegnete jener . . . »Valmajour, der Tambourinschläger!«

»Ah ja, freilich . . . ganz recht.«

Er wollte vorübergehen, aber Valmajour hatte sich vor ihm aufgepflanzt und versperrte ihm den Weg, indem er erzählte, daß er schon vorgestern abend eingetroffen sei. »Nur habe ich nicht eher kommen können, wissen Sie. Wenn man so mit der ganzen Familie in einer fremden Stadt ankommt, ist es schwer, Unterkunft zu finden.«

»Mit der ganzen Familie?« fragte Roumestan und machte große Augen.

»Nun ja, mit dem Vater und der Schwester . . . so wie Sie meinten.«

Der leichtsinnige Versprecher machte eine Gebärde der Verlegenheit und des Unmuts, wie dies immer geschah, wenn er sich einer jener einzulösenden Karten, einem jener Verfallstermine gegenüber befand, die ihm seine in Augenblicken der Begeisterung, in dem bloßen Bedürfnis, etwas zu sprechen, zu bewilligen und angenehm zu sein, eingegangenen Verpflichtungen zum Bewußtsein brachten. . . . Mein Gott! Er wünschte ja nichts sehnlicher, als diesem braven Burschen dienlich zu sein, er wollte sehen, er würde schon Mittel und Wege finden. . . . Jetzt aber sei er in großer Eile . . .

89 außergewöhnliche Umstände – die Gunst, womit das Staatsoberhaupt . . . »Kommt hier herein . . .« sagte er plötzlich lebhaft, als er sah, daß der Bauer noch immer nicht gehen wollte, und hieß ihn ihm auf sein Arbeitszimmer folgen.

Während er dort an seinem Schreibtisch sitzend eilig mehrere Briefe las und unterzeichnete, betrachtete Valmajour das große, reich ausgestattete Zimmer, die Bibliothek, die sich ringsherum an den Wänden hinzog und über welcher Bronzefiguren, Büsten, Kunstgegenstände aller Art zur Erinnerung an ruhmvolle Prozesse, und das Porträt des Königs mit eigenhändiger Widmung angebracht waren. Der feierliche Eindruck des ganzen Orts, die hohen, steifen, geschnitzten Sessel, die Menge Bücher, besonders aber die Gegenwart des sorgfältig in Schwarz gekleideten Dieners, der hin und her ging und behutsam Kleidungsstücke und frische Wäsche auf den Lehnstühlen ausbreitete, beengte ihn; zugleich aber fühlte er sich durch das wohlbekannte, breite, gutmütige Gesicht Roumestans, das dort im hellen Schein der Lampe sich über den Tisch beugte, beruhigt. Nachdem seine Briefe erledigt waren, überlieferte sich der große Mann den Händen des Kammerdieners, und während er das Bein ausstreckte, um sich Hosen und Stiefel ausziehen zu lassen, stellte er Fragen an den Tambourinkünstler und erfuhr mit Schrecken, daß die Valmajours vor ihrer Uebersiedelung Maulbeerbäume und Weinberge, Haus und Hof verkauft hatten.

»Das Gut verkauft, Unglücklicher!«

»Ja, die Schwester war wohl etwas ängstlich . . . aber der Vater und ich, wir gaben nicht nach, und ich sagte ihr: Was könnten wir denn dabei verlieren! Ist denn nicht Numa dort, und ist er es nicht, der uns kommen läßt?«

Es gehörte seine ganze Unbefangenheit dazu, um von dem Minister und vor ihm selbst mit so viel Ungebundenheit zu sprechen. Doch das war es nicht, was Roumestan am empfindlichsten berührte. Vielmehr dachte er an die zahlreichen Feindschaften, die er sich bereits durch die unüberwindliche Sucht, Versprechungen zu machen, zugezogen hatte. Wozu in aller Welt war es nötig gewesen, in das ruhige 90 Leben dieser armen Leute einzugreifen? Und plötzlich erinnerte er sich an alle Einzelnheiten seines Besuches auf dem Mont de Cordoue, bis ins kleinste – an das Widerstreben der Bäuerin und an seinen Redeaufwand, um sie zu dem fraglichen Entschlusse zu bringen. Warum hatte er es gethan? Welch böser Geist hatte es ihm eingegeben? Dieser Bauer war fürchterlich! An sein Talent erinnerte sich Numa kaum mehr; er sah nur noch die Bürde, die er sich mit dieser ganzen Sippschaft auf den Hals geladen hatte. Schon hörte er die Vorwürfe seiner Frau und empfand die Kälte ihres strengen Blickes. »Die Worte bedeuten doch etwas.« Und in welche Verlegenheiten konnte er jetzt in seiner neuen Stellung, an der Quelle jeder Gunst, durch diese verhängnisvolle Gutmütigkeit geraten! Aber der Gedanke, daß er Minister war, das Bewußtsein seiner Macht beruhigte ihn alsbald wieder. Was konnten ihm auf dieser Höhe solche Lappalien anhaben? Als unbeschränkter Gebieter im Reich der schönen Künste hatte er ja alle Theater an der Hand und es mußte ihm ein Leichtes sein, jenem Unglücklichen zu helfen. Indem er sich so in seiner eignen Achtung wieder befestigt hatte, schlug er mit dem Bauernburschen einen andern Ton an, und um seiner Vertraulichkeit Einhalt zu thun, teilte er ihm laut und feierlich mit, zu welchen hohen Würden er im Laufe des Tages erhoben worden sei. Zum Unglück stand er in diesem Augenblicke halb entkleidet und wie eingeschrumpft in seidenen Socken auf dem Teppich und sein Wänstlein ragte aus dem Unterbeinkleid von weißem Flanell mit rosenrotem Besatz hervor, weshalb denn Valmajour von der Eröffnung nicht besonders ergriffen zu sein schien; sein Geist vermochte die Zauberformel »Minister« mit diesem dicken Manne in Hemdärmeln nicht in Einklang zu bringen. Er fuhr daher fort, ihn »Moussu Numa« zu nennen, und sprach von seiner Musik, von neuen Weisen, die er spielen gelernt habe. O, er konnte es jetzt mit allen Tambourinschlägern von Paris aufnehmen!

»Warten Sie, Sie sollen es sogleich selbst hören.«

Damit sprang er auf, um sein Tambourin im Vorzimmer zu holen. Aber Roumestan hielt ihn zurück, indem 91 er ärgerlich rief: »Ich habe Euch doch gesagt, daß ich sehr eilig bin, zum Teufel auch!«

»Gut . . . gut. . . . Dann ein andermal . . .« entgegnete der Bauer in seiner gutmütigen Art.

Und da er Méjean erblickte, der sich soeben näherte, glaubte er der vermeintlichen Bewunderung desselben gegenüber zur Erzählung der Geschichte seiner dreilöchrigen Flöte verpflichtet zu sein: »Es ist mir in der Nacht gekommen, wie ich die Nachtigall singen hörte. Da dachte ich in meinem Sinn: Wie, Valmajour . . .«

Es war dieselbe kleine Rede, die er seinerzeit im Amphitheater zu Aps auf der Festtribüne vorgetragen und mit Rücksicht auf den dadurch erzielten Erfolg harmlos Wort für Wort im Gedächtnis behalten hatte. Aber diesesmal gab er sie mit einer gewissen schüchternen Zurückhaltung und mit einer von Minute zu Minute wachsenden Erregung zum Besten, die über ihn kam, als er Roumestan unter der breiten gestickten Brust eines feinen Oberhemdes mit Perlknöpfen, und in dem stattlichen schwarzen Frack, den ihm der Kammerdiener anzog, vor seinen Augen sich verwandeln sah.

Jetzt schien ihm »Moussu Numa« größer geworden zu sein. Sein Haupt, das aus Furcht, die weiße Musselineschleife zu zerknittern, eine gewisse stramme, feierliche Haltung annahm, strahlte von dem matten Glanze des Großcordons des St. Annenordens, den er um den Hals geschlungen hatte, und des großen Isabellenordens wider, der auf dem dunklen Tuch gleich einer Sonne glänzte. Jetzt ward der junge Bauer plötzlich von einer schrecklichen Ehrfurcht ergriffen, denn endlich hatte er verstanden, daß einer der Privilegierten der Erde, daß jenes geheimnisvolle, beinahe fabelhafte Wesen, der mächtige Abgott vor ihm stand, zu welchem Wünsche und Begehren, Flehen und Bitten sich nur auf Foliobogen zu erheben wagen – ein Wesen, das so hoch steht, daß die Niedrigen es nie zu sehen bekommen, das so erhaben ist, daß man seinen Namen nur mit leisem Zagen, mit einer Art andächtiger Scheu und salbungsvollem Unverstand ausspricht – der Minister!

Der arme Valmajour geriet dadurch in solche 92 Verwirrung, daß er kaum die wohlwollenden Worte vernahm, mit denen Roumestan ihn verabschiedete und ihn einlud, wieder zu kommen, aber erst in vierzehn Tagen, wenn er sich im Ministerium eingerichtet haben werde.

»Ganz recht . . . ganz recht, Herr Minister . . .«

Damit zog er sich, geblendet von dem Glanze der Orden und der feierlichen Erscheinung des umgewandelten Numa rücklings nach der Thür zurück. Roumestan aber fühlte sich durch diese plötzliche Schüchternheit, die ihm einen hohen Begriff von dem gab, was er nunmehr seine »Ministermiene« nannte, von seiner majestätischen Haltung, seinem würdevollen Gesichtsausdruck und seinem ernsten Stirnrunzeln sehr geschmeichelt.

Einige Augenblicke später rollte der Wagen Seiner Excellenz dem Bahnhof zu, und bei dem sanften Schaukeln der Karosse mit den strahlenden Laternen, die ihn mit Blitzesschnelle seiner neuen hohen Bestimmung entgegentrug, war der lächerliche Zwischenfall gar bald vergessen. Er berechnete schon die Wirkung seiner ersten Rede als Minister, entwarf allerlei Pläne, setzte sich ein Aufsehen erregendes Rundschreiben an die Rektoren zurecht und dachte daran, was das gesamte Land, was Europa am folgenden Tage zu seiner Ernennung sagen würde, als er bei einer Biegung des Boulevards im hellen Schein der Gaslaterne die Gestalt des Tambourinschlägers mit seinem langen, bis auf die Beine herabhängenden Trommelkasten auf der nassen Straße vor sich auftauchen sah. Betäubt von all dem Lärm umher und wie verdummt harrte derselbe am Rande des Trottoirs auf eine Pause in dem unaufhörlichen Gedränge der Wagen, die zahllos zu dieser Stunde sind, wo alles nach Hause eilt, wo die kleinen Handkarren sich reihenweise zwischen den Rädern der Droschken und der von unten bis oben gefüllten Omnibusse mit schwankendem Verdeck hindurchdrängen, während die Führer der Tramways ihre Signalhörner ertönen lassen. In der hereinbrechenden Nacht, in dem Dampfe den die Feuchtigkeit des Regens aus diesem fieberhaften Treiben ausströmen ließ, in dem Dunstkreis dieser geschäftig wogenden Menge erschien der arme Bursche so verloren, 93 so heimatlos und wie erdrückt von den hohen Mauern dieser fünfstöckigen Häuser, – er glich so wenig jenem stolzen Valmajour, der unter der Thür seines alten Hauses mit seinem Tambourin die Luft erschütterte, daß Roumestan seinen Blick abwandte und sich von Gewissensbissen ergriffen fühlte, die für Minuten sich wie düstere Schatten auf den blendenden Glanz seines Triumphes lagerten.

 


 

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