Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Valmajour.

Von der Stadt Aps nach dem Mont de Cordoue hat man kaum mehr als zwei Stunden Wegs zurückzulegen, zumal wenn der Wind im Rücken ist. Mit seinen zwei kleinen, feurigen Pferden von der Rasse, der man auf der Rhoneinsel Camargue begegnet, ging der Wagen ganz von selbst, von dem Sturm getrieben, der ihn rüttelte und schüttelte 67 und das Leder seines Verdecks hinabtrieb oder es aufblähte gleich einem Segeltuch. Hier heulte er nicht mehr wie an den Wällen und unter den Wölbungen der Ausfallsthore; frei, ohne auf Hindernisse zu stoßen, tobte er über die unabsehbare, wogende Ebene dahin, auf welcher nur einige zerstreute Hütten oder ein einsames Pächterhaus von der grünen Umgebung abstachen, die wie die Ueberbleibsel eines vom Sturm hinweggefegten Dorfes aussahen, zog er bald am Himmel gleich einer Rauchwolke hin oder fuhr er gleich einer Sturmeswoge über die hohen Getreidefelder und die Olivenbäume, deren silberweiße Blätter erzitterten und glitzerten, und wenn er sich rückwärts wandte, daß ganze Wolken gelblichen Staubes emporwirbelten und die Räder des Wagens knarrten, so beugte er die dichten Cypressenreihen und das hohe Schilfrohr zur Erde nieder, daß es in seinen langen Blättern rauschte, als flösse ein munterer Bach die Landstraße entlang. Wenn der Sturm eine Minute wie atemlos aussetzte, so machte sich alsbald die Schwüle des Sommers geltend, und eine wahrhaft afrikanische Hitze entstieg dem Erdreich, welche aber schnell wieder durch den wohlthätigen und neubelebenden Hauch des Sturmwindes verscheucht wurde, der sich erfrischend nach allen Richtungen ausbreitete bis zu jenen niedrigen, grauen, düster erscheinenden Hügelreihen hin, die im Hintergrund jeder provençalischen Landschaft auftauchen, denen aber die untergehende Sonne eine bunte, feenhafte Färbung verleiht.

Man begegnete nicht vielen Menschen. Von Zeit zu Zeit sah man Lastwagen von den Steinbrüchen mit einer Ladung behauener, ungeheurer Steine zurückkehren, oder eine alte Bäuerin von Villes-des-Baux, unter einer Butte mit aromatischen Kräutern gebeugt, daherwanken, – die Kutte eines Bettelmönches, der, mit dem Zwerchsack auf dem Rücken, den Rosenkranz am Arme, seinen harten, wie ein Kieselstein vom Ufer der Durance glänzenden Schädel in Schweiß gebadet einherschritt, oder auch eine Gesellschaft heimkehrender Wallfahrer, eine Fuhre geputzter Frauen und Mädchen mit schönen, schwarzen Augen, keck aufgestecktem Haar und fliegenden weißen Bändern, auf dem Rückweg 68 von Sainte-Baume oder Notre-Dame-de-Lumière. Der Mistral verlieh all dem, der harten Arbeit und dem Elend wie der frommen Pflichterfüllung der Landleute einen gewissen Anstrich von Gesundheit und gutem Humor, indem er auf seinem Wege alles auffegte und durcheinanderschüttelte: das »Ho! hüoh!« der Fuhrleute, das Geklingel der blauen Glasringelchen, die das Zugvieh am Halse trug, das Psalmodieren des Mönches, die schrillen Lobgesänge der Wallfahrer und das Volkslied, das Roumestan, von der heimatlichen Luft begeistert, aus voller Kehle und mit großartigen, theatralischen Gebärden nach links und rechts zu den Wagenfenstern heraus ertönen ließ:

»O prächtige Sonne der Provence,
Des Sturmes frohe Gefährtin! . . .«

Plötzlich jedoch unterbrach er sich und rief: »He Ménicle! . . . Ménicle! . . .«

»Herr Numa?«

»Was ist das für ein altes Gemäuer da drüben auf der andern Seite der Rhone?«

»Das, Herr Numa, ist der Schloßturm, der ›JonjonJonjon = Donjon der Königin Johanna.«

»Ach ja, es ist wahr . . . Jetzt erinnere ich mich . . . . Armer Jonjon! Sein Name ist ebenso verstümmelt, wie er selbst.«

Und nun erzählte Numa seiner Schwägerin die Geschichte dieses königlichen Schlosses, denn in den provençalischen Sagen wußte er genauen Bescheid . . . . Der rötliche, baufällige Turm da oben datierte aus der Zeit der Sarazenenkriege, war aber noch nicht so alt wie die Abtei, von der man ganz in der Nähe noch halb eingestürzte Mauerüberreste, mit einer Reihe enger Fenster und einem großen, bogenförmigen Thor erblickte, durch die der Himmel blaute. Er zeigte seiner Begleiterin den Fußpfad längs der felsigen Anhöhe, auf welchem die Mönche sich nach dem gleich einer Metallschale glänzenden Teich begaben, um für die Tafel des Abtes Karpfen und Aale zu fischen und bemerkte beiläufig, daß die Klöster es verstanden hätten, sich immer die schönsten Gegenden für ihr 69 beschauliches, lüsternes Leben auszusuchen, auf den Gipfeln der Berge ihren erhabenen Träumereien nachzuhängen, dann aber herabzusteigen, um den Zehnten von allem zu erheben, was die Natur und die umliegenden Dörfer hervorbrachten. Ah, um das schöne Mittelalter in der Provence, die schöne Zeit der Troubadours und des Minnesanges! . . . Jetzt wucherte Dorngestrüpp zwischen den Steinplatten, welche einst die Stephanettes und Azalaïs in ihren langen schlichten Gewändern überschritten hatten; Krähen und Eulen krächzen jetzt des Nachts da, wo früher die Troubadours ihre Lieder anstimmten. Aber noch immer lag es wie ein Hauch zierlicher Anmut, wie der Zauber italienischer Heiterkeit und Träumerei über dieser ganzen freundlichen Hügellandschaft, und es war, als durchzittere der Nachhall von Lauten und Violaklängen die reine Luft. Und Numa, der in seiner Begeisterung ganz vergaß, daß ihn nur seine Schwägerin und Ménicles blauer Sackrock hörten, ließ nach einigen akademischen oder volkstümlichen Reminiszenzen eine jener sinnigen und glänzenden Improvisationen vernehmen, die ihn zum Abkömmling der gewandten französischen Minnesänger stempelten.

»Da ist Valmajour!« rief plötzlich der Kutscher der Tante Portal, indem er mit der Peitsche die Richtung angab, in welcher die Anhöhe auftauchte.

Sie hatten die Landstraße verlassen und waren in einen längs des Mont de Cordoue in Windungen aufsteigenden Weg eingebogen, der durch Lavendelbüsche verengt wurde, auf denen der Wagen ausrutschte und welche, so oft die Räder sich hindurchwinden mußten, einen brandigen Geruch verbreiteten. Auf halber Höhe sah man inmitten einer Hochfläche am Fuß einer schwarzen Turmruine die Dächer des Pachthofes stufenförmig übereinander aufragen. Hier wohnten seit Jahresgedenken vom Vater auf den Sohn die Valmajours, und zwar auf derselben Stelle, wo einst das alte Schloß gestanden hatte, dessen Namen ihnen geblieben war. Und wer weiß? Vielleicht stammten diese Bauern von den Fürsten von Valmajour ab, die mit den Grafen der Provence und mit dem Hause Baux im Bunde standen. Diese von Roumestan unbedachterweise hingeworfene Bemerkung war ganz nach dem 70 Geschmacke Hortenses, die sich daraus sofort die wahrhaft vornehme Art des Tambourinschlägers erklärte.

Während sie im Wagen hiervon sprachen, hörte Ménicle auf seinem Sitze voll Staunen zu. Der Name Valmajour kam in der Gegend sehr häufig vor; es gab obre und untre Valmajours, je nachdem sie auf den Bergen oder im Thale wohnten. »Das wären also alles große Herren! . . .« Aber der schlaue Provençale behielt seine Bemerkung wohlweislich bei sich. Und während sie in dieser öden, aber großartigen Landschaft langsam weiterfuhren, bemerkte das junge Mädchen, das sich durch die lebhaften Schilderungen Roumestans mitten in einen historischen Roman und in die bunten Träume der Vergangenheit versetzt fühlte, in der Höhe eine junge Bäuerin, die, an einen Bogenpfeiler der alten Ruine gelehnt, etwas seitwärts gewandt und mit den Händen über den Augen nach den Ankömmlingen blickte, und in welcher Hortense eine Prinzessin zu sehen meinte, die in malerischer Stellung von dem Söller ihres Schlosses unter ihrer hohen Spitzhaube hervor herabschaute.

Die Illusion schwand kaum, als die Gäste vom Wagen stiegen und sich der Schwester des Tambourinschlägers gegenüber befanden, die eben beschäftigt war, Weidendecken für die Seidenwürmer zu flechten. Dieselbe erhob sich nicht, obwohl ihr Ménicle von weitem zugerufen hatte: »Holla, Audiberte, da kommen Herrschaften, die deinen Bruder besuchen wollen!« Ihr feines, regelmäßiges, längliches Gesicht, mit dem olivenfarbenen Teint, bekundete weder Freude noch Ueberraschung – sie verzog keine Miene. Roumestan, der von dieser Zurückhaltung ein wenig betroffen war, nannte seinen Namen: »Numa Roumestan . . . der Abgeordnete« . . .

»O, ich kenne Sie wohl . . .« sagte sie in gesetztem Tone, und indem sie ihre Arbeit beiseite legte, fügte sie hinzu: »Treten Sie einen Augenblick ein . . . mein Bruder wird sogleich kommen.«

Beim Aufstehen verlor das Burgfräulein seinen Nimbus. Sie war sehr klein, mit zu langem Oberkörper und hatte einen häßlichen Gang, der ihrem hübschen, aus dem arlesischen Häubchen hervorschauenden und von dem bläulichen 71 Musselinumschlagetuch vorteilhaft sich abhebenden Gesichte großen Abbruch that. Man trat ein. Diese Bauernwohnung hatte etwas Großartiges; an einen zerfallenen Turm angelehnt, zeigte sie noch ein in Stein gehauenes adeliges Wappen in ihrer Thüre, die durch ein Wetterdach von Schilfrohr, das in der Sonne krachte, geschützt war, während ein großer Vorhang von gewürfelter Leinwand den Moskitos den Eingang wehrte. Der Saal mit seiner gewölbten Decke und einem hohen altertümlichen Kamin hatte wohl einst der Schloßwache zum Aufenthalt gedient und empfing sein Licht nur durch die grünlichen Fensterscheiben und den Drillichvorhang am Eingang.

In diesem Zwielicht unterschied man den Backtrog von schwarzem Holz, in Form eines Sarkophages, mit künstlich eingeschnitzelten Aehren und Blumen, und darüber einen mit maurischen Glockentürmchen verzierten, weitgeflochtenen Brotkorb, wie man ihn in allen provençalischen Bauernhäusern hat, um das Brot darin frisch zu halten. Zwei oder drei Heiligenbilder, die heilige Maria, Martha, und der Taraskische Drachen, eine kleine altmodische Ampel aus rotem Kupfer an einem schönen hölzernen, von einem Schäfer geschnitzten Flaschenzug gehakt, und zu beiden Seiten des Kamins eine Salz- und eine Mehlbüchse vervollständigten mit einem großen Muschelhorne, das zum Zurückrufen der Tiere diente und wie Perlmutter auf dem Kaminsims funkelte, die Ausschmückung des großen Raumes. Ein großer Tisch war der Länge des Saals nach aufgestellt und von Bänken und Schemeln umgeben. An der Decke hingen Zwiebelkränze, auf denen die Fliegen in schwarzen Haufen saßen und aufsummten, so oft der Vorhang an der Thüre sich erhob.

»Setzen Sie sich . . . Sie müssen bei unserm ›Grand-boire‹ mithalten,« bemerkte die junge Bäuerin.

Unter dem »Grand-boire« (dem großen Trunk oder Haupttrunk) verstehen die provençalischen Landleute ihr Vesper, das sie zwischen Mittag und Abend, gewöhnlich auf freiem Felde, bei der Arbeit selbst, im Schatten eines Baumes oder eines Heuschobers, oder auch in der Vertiefung eines Grabens zu sich nehmen. Valmajour aber und sein Vater arbeiteten ganz in der Nähe auf ihrem Gute und kamen daher jetzt, 72 ihren Imbiß zu Hause zu verzehren. Der Tisch war schon gedeckt; zwei oder drei kleine, tiefe irdene Teller von gelblicher Farbe, eingemachte Oliven und römischer, ganz von Oel glänzender Salat. In dem Weidenkörbchen, in das man die Flaschen und Gläser stellt, glaubte Roumestan Wein zu erblicken.

»Ihr habt also noch Weinberge hier?« fragte er in gewinnendem Tone, indem er die sonderbare kleine Wilde etwas freundlicher zu stimmen suchte. Aber bei dem Worte »Weinberg« fuhr sie wie von einer Natter gestochen in die Höhe und ihre Stimme ging vor Wut alsbald in die Fisteltöne über. »Weinberge! Ja, schöne Weinberge . . . es war ihnen viel übrig geblieben von ihren Weinbergen! . . . Von fünfen hatten sie nur einen einzigen retten können und zwar den kleinsten, der zudem sechs Monate im Jahre unter Wasser gehalten werden mußte – unter Meerwasser aus den Kanälen, das ihnen die Seele aus dem Leibe kostete. Und wer war an alledem schuld? Niemand anders als die ›Roten‹, diese Schweinehunde, diese Ungeheuer mit ihrer Republik ohne Religion, die alle Greuel der Hölle auf das Land gehetzt hatten!« . . . Je mehr sie sich ereiferte, desto schwärzer und unheimlicher funkelten ihre Augen und ihr ganzes hübsches Gesicht verzerrte sich fratzenhaft; sie verzog den Mund und ihre zu einem schwarzen Knoten zusammenlaufenden Augenbrauen bildeten eine tiefe Falte inmitten ihrer Stirne. Das Drolligste aber dabei war, daß sie während dieses ganzen Zornesausbruchs fortfuhr ihre Arbeit zu verrichten, das Feuer anmachte, den Kaffee für die Männer bereitete, sich bückte und wieder erhob, bald den Blasebalg, bald die Kaffeekanne, bald brennendes Rebholz in den Händen, das sie, wie eine Furie ihre Fackel, schwang. Dann mäßigte sie auf einmal ihre Stimme und sagte ruhig: »Da kommt mein Bruder . . .«

Der ländliche Vorhang wurde beiseite geschoben und die hohe Gestalt Valmajours erschien von hellem Licht umflossen in der Thüre, gefolgt von einem kleinen Alten mit glattem Gesichte, der dürr und schwarz, und krumm wie ein kranker Weinstock war. Vater und Sohn verhielten sich 73 den Gästen gegenüber nicht minder gleichgültig, als Audiberte, und nach einer kurzen Begrüßung setzten sie sich alsbald um den Tisch, auf dem inzwischen auch die von den Besuchern in ihrem Wagen mitgebrachten Lebensmittel aufgepflanzt waren, bei deren Anblick die Augen des alten Valmajour lüstern aufleuchteten. Roumestan, der gar nicht begriff, daß er so wenig Eindruck bei diesen Landleuten hervorrief, kam sogleich auf den großen Erfolg Valmajours vom letzten Sonntag zu sprechen. Das mußte doch dem alten Vater Vergnügen machen! . . .

»Gewiß, gewiß,« brummte der Alte, indem er seine Oliven mit dem Messer aufpickte . . . »Auch mir hat ja zu meiner Zeit das Tambourin Preise eingebracht.« Und bei dem widerwärtigen Lächeln, zu dem er dabei seinen Mund verzog, zeigte sich derselbe Ausdruck, der kurz vorher bei der Tochter in ihrem Zornesausbruch zu Tage getreten war. Letztere saß im Augenblick sehr ruhig auf den Steinplatten des Kamins, beinahe am Boden und hielt ihren Teller auf den Knieen; denn obwohl sie die Herrin und unumschränkte Herrscherin im Hause war, blieb sie doch dem provençalischen Brauche treu, der den Frauen nicht gestattet, mit den Männern zusammen am Tische Platz zu nehmen. Aber auch in dieser demütigen Stellung folgte sie aufmerksam allem, was man sprach, und schüttelte mit dem Kopfe, als sie von dem Feste in der Arena reden hörte. Sie hatte keine Freude am Tambourin, o nein! . . . Ihre Mutter war vor Aerger über das Musicieren des Vaters gestorben . . . . Das ist nur für Zechbrüder gut, meinte sie; es hält von der Arbeit ab und kostet mehr Geld, als es einbringt.

»Nun gut, so laßt ihn nach Paris kommen!« sagte Roumestan. »Ich stehe Euch dafür, daß er mit seinem Tambourin dort Geld genug verdienen wird . . .«

Und der Ungläubigkeit dieser ländlichen Unschuld gegenüber suchte er auseinanderzusetzen, was in Paris derartige Liebhabereien bedeuteten und wieviel man sie sich kosten lasse. Er erzählte von den ehemaligen Erfolgen des Vater Mathurin, des Dudelsackspielers in dem Drama: »La Closerie des genêts«. Und welcher Unterschied zwischen dem 74 plumpen, schrillen bretagnischen Dudelsack, der nur dazu bestimmt scheint, an den Ufern des Wilden Meeres den Reigen der Eskimo anzuführen, und diesem leichten, zierlichen Tambourin der Provence! Das würde allen Pariserinnen den Kopf verdrehen, sie würden alle die Farandole tanzen wollen. . . . Hortense unterstützte Roumestan, indem sie seine Worte bekräftigte, während der Tambourinschläger mit einem leichten Lächeln und der Siegermiene eines »beau Nicolas«Le beau Nicolas: Auf der französischen Bühne der Typus eines schönen, selbstgefälligen, etwas einfältigen Bauern. seinen braunen Schnurrbart strich.

»Nun denn, was denken Sie, daß er besten Falles mit seiner Musik verdienen könnte?« fragte die Bäuerin.

Roumestan besann sich ein wenig. . . . Ganz genau konnte er es nicht sagen . . . »Etwa hundert und fünfzig bis zweihundert Franken . . .«

»Monatlich?« fragte der Alte entzückt.

»O nein, täglich! . . .«

Die drei Bauersleute fuhren zusammen und sahen sich gegenseitig an. Hätte ein andrer, als »Moussu Numa«, der Abgeordnete, das Generalratsmitglied, so etwas gesagt, sie hätten an einen Scherz, an eine Fopperei geglaubt. So aber wurde die Sache ernsthaft. . . . Zweihundert Franken täglich! . . . Potz Wetter! . . . Der Musiker war, was ihn betraf, sofort dafür. Die Schwester, von etwas vorsichtigerer Natur, hätte gewünscht, von Roumestan eine schriftliche Abmachung zu erhalten, und begann daher bedächtig und mit niedergeschlagenen Augen, um ihre Habgier nicht aus denselben hervorleuchten zu lassen, in heuchlerischem Tone den Vorschlag zu erörtern. Valmajour war eben außerordentlich nötig für die Wirtschaft, Pécaïré, das konnte man sich denken! Er verwaltete das Gut, bestellte das Feld und den Weinberg, da der Vater nicht mehr recht bei Kräften war. Was würden sie ohne ihn anfangen? . . . Er selbst würde sich gewiß auch verlassen fühlen – so ganz allein in Paris! Und sein Geld, seine zweihundert Franken täglich, was würde er in der großen Stadt damit machen? . . . Die Stimme 75 versagte ihr fast, als sie von diesem Gelde sprach, das nicht ihrer Obhut anvertraut und von ihr nicht in die verborgensten Fächer ihrer Schränke eingeschlossen werden konnte.

»Nun denn,« bemerkte Roumestan, »so kommt doch mit ihm nach Paris!«

»Und das Haus?«

»Vermietet es, verkauft es! . . . Wenn ihr zurückkommt, könnt ihr euch ein viel schöneres erwerben.«

Ein unruhiger Blick Hortenses ließ ihn plötzlich innehalten, und wie von einem Gewissensbiß ergriffen, die Ruhe dieser braven Leute zu stören, fuhr er nach einer kleinen Pause fort: »Uebrigens ist ja das Geld nicht alles im Leben . . . ihr seid glücklich in eurer jetzigen Lage . . . .«

Audiberte unterbrach ihn lebhaft: »Jawohl, glücklich! . . . Das Leben wird uns sauer genug! Was meinen Sie denn, es ist heute nicht mehr wie sonst.« Und nun begann sie abermals über den Weinbau, die Krappwurzeln, die Purpurkörner und die Seidenwürmer zu jammern; der ganze Reichtum des Landes war verschwunden! Jetzt mußte man sich in der Sonnenhitze abschinden und arbeiten wie das liebe Vieh . . . . Wohl stand ihnen die Erbschaft des Vetters Puyfourcat in Aussicht, der sich seit dreißig Jahren in Algier angesiedelt hatte, aber dieses Algier war gar so weit weg, in Afrika. . . . Und mit einem Male, als wolle sie »Moussu Numa«, den sie etwas zu sehr vor den Kopf gestoßen zu haben fürchtete, wieder neu anregen, sagte die verschlagene kleine Person mit katzenartiger Freundlichkeit in ihrem schmeichelnden, singenden Tone zu ihrem Bruder: »Wie wär' es, Valmajour, wenn du uns eins aufspieltest, um diesem schönen Fräulein ein Vergnügen zu machen?«

Und ihre schlaue Berechnung hatte sie nicht getäuscht. Beim ersten Wirbelschlag, beim ersten silberhellen Flötentriller war Roumestan hingerissen und begann zu schwärmen. Der Jüngling spielte draußen vor dem Hause, an den Rand einer alten Zisterne gelehnt, dessen bogenförmige, von einem wilden Feigenbaum umrankte Eisenumfassung die schlanke Gestalt mit dem schwarzbraunen Gesicht wunderbar umrahmte. Hier, in seinen bestaubten Arbeitskleidern mit nackten 76 Armen und offner Brust, erschien er noch weit stolzer und ritterlicher als in der Arena, wo seine natürliche Anmut durch den sonntäglichen Putz trotz allem einen theatralischen Anstrich bekam. Und die alten Weisen der ländlichen Musik weckten die von der Abendsonne vergoldeten Ruinen aus ihrem steinernen Schlummer und schwangen sich, von der Stille und Einsamkeit einer schönen Landschaft verklärt, gleich Lerchen über die majestätischen Bergabhänge mit ihren grauen, hier und dort von Kornfeldern durchschnittenen Lavendelsträuchern, ihren verdorrten Weinranken und breitblättrigen Maulbeerbäumen, deren Schatten länger fielen in dem Maße, als sie lichter wurden. Der Sturm hatte sich gelegt. Die untergehende Sonne sendete ihre Flammenstrahlen über die rötlich blaue Hügelreihe und zauberte feenhafte Teiche von flüssigem Porphyr und schmelzendem Golde in die Vertiefungen der Felsen, während es am ganzen Horizont zu schimmern und zu leuchten begann, als wären über denselben die Saiten einer glühenden Lyra ausgespannt, deren Klänge man in dem gleichmäßigen Zirpen der Grillen und dem Wirbeln des Tambourin zu hören meinte.

In stummem Entzücken saß Hortense an der Brustwehr des einstigen Schloßturmes und lauschte, auf das Bruchstück einer kleinen Säule gestützt, an das sich ein verkrüppelter Granatbaum anlehnte, voll Bewunderung, während ihr romantisches Köpfchen den Sagen, die es unterwegs in sich aufgenommen hatte, träumerisch nachhing. Sie sah im Geiste das alte Schloß mit seinen Türmen und seinen Ausfallsthoren aus seinen Trümmern auferstehn; in den hohen Kreuzgewölben ergingen sich schöne Frauen in langen Miedern und mit dem matten Teint, dem selbst die Hitze keine Farbe verlieh. Sie selbst war eine Prinzessin von Baux mit einem hübschen mittelalterlichen Namen, und der ihr das Ständchen brachte, war ebenfalls ein Prinz, der letzte Valmajour, in Bauerntracht.

Und als das Spiel zu Ende war, – »Adonc la chanson finie« wie es in den alten Berichten von den Minnesängern heißt, brach sie einen Granatzweig ab, der schwer voll purpurroter Blüten über ihrem Haupte hing, und 77 reichte ihn als Preis für seine Huldigung dem schönen Sänger dar, der ihn ritterlich entgegennahm und an dem Schnurwerk seines Tambourins befestigte.

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.