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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Die Kehrseite eines großen Mannes.

Numa Roumestan war 22 Jahre alt, als er nach Paris kam, um seine in Aix begonnenen Rechtsstudien zu vollenden. Er war zu dieser Zeit ein guter, fröhlicher Junge voll lärmender Lustigkeit, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, mit schönen, goldbraunen, stark hervorstehenden Augen, wirrem, schwarzem, dicht gekräuseltem Haar, das ihm gleich einer Mütze von Fischotterfell die halbe Stirne verdeckte. Nicht der Schatten eines Gedankens oder eines ehrgeizigen Strebens war unter diesem überwuchernden Pelzwerk zu entdecken. Ein richtiger Student von Aix, war er äußerst gewandt im Billard und Misti-Spiel, ohne Gleichen, wenn es galt, eine Flasche Champagner auszustürzen oder in den breiten Straßen des alten aristokratischen und parlamentarischen Stadtteils bis morgens drei Uhr mit Fackeln den Katzen nachzujagen, aber ohne sich für irgend etwas zu interessieren, ohne je in eine Zeitung oder in ein Buch zu sehen – durchdrungen von jener kleinstädtischen Einfältigkeit, welche zu allem die Achseln zuckt und ihre Unwissenheit mit der Folie des gesunden Menschenverstandes zu verdecken sucht.

Das »Quartier latin« stachelte seinen Geist ein wenig an, doch war es kaum der Rede wert. Wie alle seine Landsleute bürgerte sich Numa nach seiner Ankunft in Paris im Café Malmus ein, einem hohen, geräuschvollen Lokal, das drei Stockwerke mit großen, breiten Fenstern, gleich denen der Modemagazine zeigte und an der Ecke der Rue du Four-Saint-Germain gelegen war, welche von dem Lärm seiner Billardspieler und dem wilden Gebrüll seiner Kundschaft widerhallte. Der ganze Süden Frankreichs entfaltete sich da in seinen verschiedenen Schattierungen: Die Gascogne, die Provence, Bordeaux, Toulouse, Marseille, Perigord, die Auvergne, Ariège, Ardèche, die Pyrenäen, auffallende, hochtrabende und barbarisch klingende Namen in as, us und ae, Etcheverry, Terminarias, Bentaboulech, 20 Laboulbène – Namen, die bei der üblichen unbarmherzigen Betonung aus der Mündung eines Gewehres hervorzuspringen schienen, oder sich wie die Explosion einer Pulvermine anhörten. Und welches Großthun, nur um ein wenig Kaffee zu bestellen, welch laut schallendes Gelächter, das an das Abladen eines Steinkarrens erinnerte, welch riesige, unmäßig dichte, rabenschwarze, ins Bläuliche spielende Bärte, die, dem Rasiermesser trotzend, bis an die Augen reichten, sich mit den Augenbrauen vereinigten und aus den breiten, offenen Nüstern und den Ohren als feine Haarlöckchen hervorsahen, die aber dennoch nicht vermochten, die Jugendlichkeit und Unschuld der harmlosen, gutmütigen Gesichter zu verhüllen, die sich unter dieser üppigen Vegetation versteckten.

Von den Vorlesungen abgesehen, denen sie eifrig folgten, verbrachten diese Studenten ihr Leben bei Malmus, wo sie sich nach Provinzen und Kirchspielen in Gruppen um besondre Tische vereinigten, die seit langer Zeit ihre ausschließliche Bestimmung hatten und im Klange ihres Marmors die Herkunft ihrer Gäste zu verraten schienen, gleichwie die Pulte in den Hörsälen die mit dem Messer eingeschnittenen Namen der Kollegbesucher bewahren.

Frauen sah man wenig in dieser Rotte, kaum zwei oder drei in jedem Stockwerk, arme Mädchen, die von ihren Geliebten mit verschämter Miene hergeführt wurden, und die dann den Abend stumm über die großen Mappen mit illustrierten Journalen gebeugt, an der Seite derselben vor einem Glase Bier verbrachten, ohne sich unter dieser Jugend des Südens zurechtfinden zu können, die in der Verachtung des Weiblichen erzogen wird. BullierBesitzer der »Closerie des Lilas«, eines Tanzlokals in Paris., die beuglantsStudentenkneipen. und die Abendessen bei der rôtisseuse übten keinen Reiz auf die Musensöhne aus. Sie zogen es vor, bei Malmus zu bleiben, sich in ihrem Kauderwelsch zu unterhalten, vom Café ins Kolleg und von dort an den Mittagstisch zu bummeln.

21 Wenn sie die Brücken nach dem rechten Ufer passierten, so geschah es nur, um nach dem »Théâtre français« zu gehen, wenn ein klassisches Stück gegeben wurde, denn die Klassicität steckt dieser Rasse im Blute: sie begaben sich alsdann in ganzen Trupps dorthin, machten viel Lärm auf der Straße, wenn auch etwas schüchterner als bei Malmus, und kehrten trübsinnig und verwirrt, die Augen von tragischem Staube getrübt, zurück, um noch eine Spielpartie bei halber Beleuchtung und hinter geschlossenen Läden zu machen. Von Zeit zu Zeit wurde bei Gelegenheit eines Examens eine Schmauserei improvisiert und dann duftete es in dem Caféhaus nach Fleischragout mit Knoblauch, nach stinkendem, in den blau angelaufenen Papierhüllen zerfetztem Gebirgskäse. Hierauf nahm dann der neue Diplominhaber seine mit Initialen gezierte Pfeife von der Wand und ging ab, sei es als Notar oder als Substitut in irgend ein fernes Nest jenseits der Loire, um in der Provinz von Paris zu erzählen, von diesem Paris, das er zu kennen glaubte, von dessen eigentlichem Leben er aber im Grunde gar nichts wußte.

In dieser verknöcherten Umgebung war es Numa leicht, für ein Genie zu gelten. Zunächst schrie er stärker, als die andern; sodann erschien er überlegen oder wenigstens hervorragend durch seinen außerordentlich lebhaften Sinn für die Musik. Zwei- oder dreimal wöchentlich vergönnte er sich einen Parterresitz im Opernhaus oder im »Théâtre des Italiens« und kam dann mit einer Unzahl von Recitativen und Opernmelodieen zurück, die er mit einer ziemlich hübschen, wenn auch ganz ungeschulten Bruststimme zum besten gab. Wenn er bei Malmus ankam und sich zwischen den Tischen hindurch theatralisch heranbewegte, indes er irgend ein italienisches Finale ableierte, dann tönte aus allen Etagen der Jubelruf: »Ah, der Künstler!« und, wie gewöhnlich in bürgerlichen Kreisen, ließ dieses Wort in dem Blicke der Frauen eine schmeichelhafte Neugierde und auf den Lippen der Männer eine gewisse Neigung zu spöttischer Mißgunst zum Vorschein kommen. Dieses künstlerische Renommee verhalf ihm in der Folge zu größerem Einfluß im praktischen 22 Leben, und noch heute gibt es in der Kammer keine artistische Kommission, keinen Entwurf zur Gründung eines volkstümlichen Opernhauses oder für eine Reform der Gemälde-Ausstellungen, wo der Name Roumestan nicht in erster Linie steht. Das rührt von jenen Abenden her, die er als Student bei den musikalischen Aufführungen in den Theatern verbrachte. Dort nahm er seine sichere Haltung und sein schauspielerisches Wesen an, sowie eine gewisse Dreiviertelswendung, die er machte, um mit der Büffettdame zu sprechen, und welche seine Kameraden derart entzückte, daß sie ausriefen: »Ah, dieser Numa ist doch ein prächtiger Kerl!« . . .

Im Studieren bekundete er dieselbe Fertigkeit; nur zur Hälfte vorbereitet, denn er war faul und scheute die ruhige Arbeit, bestand er, dank seiner Keckheit und einer gewissen südlichen Schlauheit, die ihn die Professoren-Eitelkeit immer an der richtigen Stelle erfassen ließ, seine Examina doch ziemlich glänzend. Sodann sprach auch sein offener und liebenswürdiger Gesichtsausdruck zu seinen Gunsten und sein Glücksstern leuchtete ihm auf allen Wegen.

Sobald er Advokat geworden war, riefen ihn seine Eltern zurück, da die Bestreitung der, wenn auch bescheidenen Summe, die sie für sein Leben in Paris ausgesetzt hatten, ihnen zu harte Entbehrungen auferlegte. Aber die Aussicht, sich in Aps, jener toten Stadt, die auf ihren alten Ruinen selbst in Staub zu zerfallen drohte, einzuschließen, das Leben in Gestalt eines ewigen Rundgangs in dieser Stadt und einiger Plaidoyers in Prozessen um streitige Grenzmauern bot wenig Verlockendes für den Provençalen, dessen Vorliebe für das bewegte Leben und den Geist von Paris im Grunde einem ungemessenen Ehrgeiz entsprang. Mit großer Mühe erwirkte er noch zwei Jahre, um sich für das Doktorat vorzubereiten, und als diese verstrichen waren, machte er in dem Augenblicke, als ihm der unwiderrufliche Befehl zur Rückkehr in die Heimat zukam, im Hause der Herzogin von San-Donnino bei einer jener musikalischen Festlichkeiten, zu welchen er dank seiner hübschen Stimme und seinen künstlerischen Beziehungen zugezogen wurde, die Bekanntschaft Sagniers, des großen Sagnier, des legitimistischen Advokaten, Bruders 23 der Herzogin, der ein leidenschaftlicher Musikfreund war, und den er durch seinen, in der Monotonie des Lebens der feinen Welt auffallenden Schwung und durch seinen Enthusiasmus für Mozart hingerissen hatte. Sagnier bot ihm an, ihn als vierten Sekretär in sein Büreau zu nehmen. Der Gehalt war unbedeutend, aber er trat damit in das erste Pariser Advokatenbüreau ein und kam in Geschäftsbeziehungen zu der feinen Welt des Faubourg St. Germain und zu den Mitgliedern der Kammer. Unglücklicherweise bestand der alte Roumestan darauf, ihm den Lebensunterhalt zu entziehen, um so den einzigen Sohn, den sechsundzwanzigjährigen Advokaten, der nun im stande war, sein Brot selbst zu verdienen, durch Hunger zur Heimkehr zu nötigen. Da legte sich Malmus, der Cafétier, ins Mittel.

Er war ein wunderlicher Kauz, dieser Malmus, ein dicker, mit Asthma behafteter, blasser Mann, der sich vom einfachen Cafékellner zum Eigentümer eines der größten Etablissements von Paris emporgearbeitet hatte und zwar durch Kredit und Wucher. Früher pflegte er den Studenten Geld vorzustrecken, das er sich dreifach ersetzen ließ, wenn deren Wechsel eintrafen. Da er nur dürftig lesen und gar nicht schreiben konnte, und das Geld, das er vorschoß, auf dem Kerbholz markierte, wie er es von den Bäckergehilfen in Lyon, seinen Landsleuten, gesehen hatte, so konnte er sich niemals in seinen Rechnungen irren, und überhaupt gewährte er seinen Kredit nur sicheren Leuten. Später, als er reich geworden war und an der Spitze des Hauses stand, in dem er fünfzehn Jahre hindurch die Kellnerschürze getragen hatte, da vervollkommnete er sein Geschäft, indem er es ganz auf Kreditgewährung basierte, derart, daß am Schluß des Tages die drei Kassen seines Caféhauses leer waren, wogegen er mit jenen famosen, im Pariser Geschäftsleben so beliebten, fünffach markierenden Federn endlose Reihen von »Bocks«, d. h. Gläsern Bier, Kaffees, Liqueurs &c. in seine Schuldbücher eintrug. Die Berechnung des guten Mannes war einfach: er ließ dem Studenten sein Taschengeld, sein ganzes Pensionsgeld, kreditierte ihm Essen und Trinken und einzelnen Bevorzugten sogar ein Zimmer in seinem Hause. Während der ganzen 24 Studienzeit verlangte er keinen Sou und ließ Kapital nebst Zinsen zu beträchtlichen Summen anwachsen; doch geschah das nicht blindlings, nicht ohne Umsicht; vielmehr verbrachte er zwei Monate im Jahre, die Ferienmonate, mit Reisen in die Provinz, um sich über das Befinden der Eltern und über die Familienverhältnisse zu unterrichten, so sehr ihm auch sein Asthma zu schaffen machte, wenn er die Gipfel der Cevennen erkletterte und in die Thäler der Languedoc herunterhumpelte. In den entlegensten Ortschaften sah man den am Zipperlein Leidenden geheimnisvoll umherziehen und mißtrauisch unter den schweren Augenlidern des ehemaligen Nachtkellners hervorblicken. Er blieb meist zwei Tage an einem Ort, besuchte den Notar und den Exekutor, musterte über die Mauern hinweg das kleine Besitztum oder die Fabrik seines Kunden, resp. seiner Angehörigen und dann hörte und sah man nichts mehr von ihm.

Was er in Aps erfuhr, gab ihm volles Vertrauen zu Roumestan. Der Vater, ein ehemaliger Spinnereibesitzer, durch allerlei Spekulationen und fehlgeschlagene Erfindungen ruiniert, lebte bescheiden als Inspektor einer Versicherungsgesellschaft; aber seine Schwester, Madame Portal, die kinderlose Witwe eines reichen Gerichtsbeamten, mußte ihr ganzes Vermögen ihrem Neffen hinterlassen, folglich legte Malmus großen Wert darauf, diesen in Paris festzuhalten: »Treten Sie nur bei Sagnier ein,« sagte er zu ihm, »ich werde Ihnen zur Seite stehen!« Da der Sekretär eines angesehenen Mannes nicht wie ein Student wohnen konnte, so richtete er ihm eine kleine Junggesellenwohnung auf dem Quai Voltaire nach dem Hofe zu ein, und sorgte für die Miete und das Kostgeld. So trat der künftige Parteiführer mit allem äußern Anschein eines sorglosen Lebens, im Grunde aber furchtbar ärmlich, ohne Geld und Gut in den Kampf ums Dasein ein. Indessen gelangte er durch Sagniers Freundschaft zu glänzenden Bekanntschaften und ward im Faubourg empfangen. Aber seine Erfolge in diesen Kreisen, die Einladungen, die er in Paris sowohl wie auf das Land während der Sommersaison erhielt, vermehrten nur seine Ausgaben, denn da galt es, geschniegelt und gebügelt zu erscheinen. Die Tante Portal kam ihm auf 25 seine wiederholten Gesuche wohl etwas zu Hilfe, aber mit Vorsicht und Kargheit, indem sie jede Sendung mit langen drolligen Episteln und biblischen Drohungen gegen das verderbte Paris begleitete. Die Lage war auf die Dauer nicht haltbar.

Nach Ablauf eines Jahres suchte Numa nach etwas anderem, zumal Sagnier unermüdliche und flinke Arbeiter haben mußte, und Roumestan ihm in dieser Hinsicht nicht genügte. Der Südländer war von einer unüberwindlichen Trägheit und entsetzte sich besonders vor der Ausdauer erfordernden, bedächtigen Büreauarbeit. Die Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, sich in einen Gegenstand zu vertiefen, ging ihm gänzlich ab. Das lag an der Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft, an dem ewigen Emporschäumen neuer Ideen, an jener Beweglichkeit des Geistes, die sogar in seiner sich nie gleichbleibenden Schrift zum Ausdruck gelangte. Sein ganzes Wesen war nach außen gerichtet, und wenn er sprach, so glich er in Stimme und Gebärden einem Heldentenor.

»Wenn ich nicht spreche, denke ich auch nicht,« sagte er sehr offenherzig, und so war es. Das Wort entsprang bei ihm nicht der Kraft des Gedankens, sondern eilte vielmehr diesem voran und rief durch seinen rein mechanischen Klang denselben erst wach. Er war oft selbst erstaunt und erbaut zugleich über dieses Aufeinandertreffen von Worten und Gedanken, die in irgend einem Winkel seines Gedächtnisses versteckt lagen und welche er nun mittels des Wortes auffand, zusammenraffte und zu Schlüssen ordnete. Indem er sprach, kam eine gewisse Empfindsamkeit zum Vorschein, welche ihm selbst neu war, der Klang seiner eignen Stimme rührte ihn und konnte ihm bisweilen so zu Herzen gehen, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Das waren unstreitig Eigenschaften eines Redners; aber er hatte keine Ahnung davon, da ihm bei Sagnier keine Gelegenheit geboten worden war, sich derselben zu bedienen. Gleichwohl wurde der einjährige Aufenthalt bei dem großen legitimistischen Advokaten entscheidend für seine Laufbahn. Er lernte eine eigne Meinung haben und Partei ergreifen, bekam Geschmack an der Politik und eine gewisse Begierde nach Reichtum und Ruhm. Der Ruhm stellte sich zuerst ein.

26 Einige Monate nachdem er bei seinem Gönner ausgetreten war, verschaffte ihm der Titel »Sekretär Sagniers« – welchen er mit demselben Recht führte, wie jene Schauspieler »von der Comédie française« den ihren, weil sie vielleicht zweimal dort aufgetreten sind, – die Verteidigung einer kleinen legitimistischen, in der feinen Welt sehr verbreiteten Zeitung »Le Furet« (das Frettchen). Er führte dieselbe mit viel Erfolg und Glück. Ohne sich vorbereitet zu haben, die Hände in den Taschen, sprach er zwei Stunden lang mit ungewöhnlichem Feuer und so viel gutem Humor, daß er die Richter zwang, ihn bis zu Ende zu hören. Sein Accent, das schreckliche Schnarren, dessen er sich dank seiner Trägheit nie hatte entledigen können, erhöhten das Beißende seiner Ironie. Es lag eine eigne Kraft in dem Rhythmus dieser südländischen, theatralischen und zugleich familiären Beredsamkeit, welche sich besonders durch die lichtvolle Klarheit auszeichnete, die man in den Werken der Südländer, gleichwie in ihren bis auf den Grund durchsichtigen Landschaften findet.

Natürlich wurde das Blatt verurteilt und hatte mit Geld- und Gefängnisstrafen den großen Erfolg des Advokaten zu bezahlen – ähnlich, wie in gewissen Stücken, die Fiasko machen und den Verfasser und Theaterdirektor zu Grunde richten, ein einzelner Schauspieler seinen Ruf begründet. Der alte Sagnier, der gekommen war, um ihn zu hören, umarmte ihn öffentlich vor Gericht. »Lassen Sie sich als großen Mann begrüßen, mein lieber Numa,« sagte er zu ihm, ein wenig überrascht, ein solches Falkenei ausgebrütet zu haben. Am meisten erstaunt aber war Roumestan selbst, der wie aus einem Traum erwachte und dem seine Worte gleich einem Echo in den Ohren fortsummten, während er ganz betäubt die breiten Stufen des Justizpalastes herunterschritt.

Nach diesem Erfolg, nach dieser öffentlichen Huldigung, einem Platzregen von ehrenden Zuschriften und dem neidischen Lächeln seiner Kollegen konnte der junge Advokat annehmen, seine Praxis sei begründet, und wartete nun geduldig auf die Geschäfte in seinem Büreau, auf dem Hofe und vor dem dürftigen, einsamen Feuer, das sein Portier ihm besorgte, 27 der Dinge, die da kommen sollten; aber es kam nichts, als einige neue Einladungen zum Diner und eine hübsche Bronzefigur von Barbedienne, als Geschenk seitens der Redaktion des »Furet«.

Der neue »große Mann« sah die gleichen Schwierigkeiten, die gleiche Unsicherheit bezüglich seiner Zukunft vor sich wie bisher. Ja, diese sogenannten freien Gewerbe, die ihre Kundschaft nicht rufen, nicht heranlocken können, haben einen schweren Anfang, bevor sie es so weit bringen, daß in ihrem kleinen, auf Kredit erhaltenen Wartezimmer mit den geborgten, schlecht gepolsterten Möbeln und der mit symbolischen Darstellungen verzierten, zwischen abgenützten Armleuchtern aufgestellten Wanduhr sich eine Schar ernsthafter und zahlender Kunden einstellt. Roumestan sah sich genötigt, in den legitimistischen und katholischen Kreisen juridische Lektionen zu erteilen, aber diese Arbeit schien ihm nach den Erfolgen, die er bereits errungen, und den Lobeserhebungen, mit denen sein Name in den Blättern der Partei prangte, unter seiner Würde.

Was ihn noch trauriger stimmte und ihn sein Elend so recht fühlen ließ, das war der Mittagstisch, den er notgedrungen immer noch bei Malmus aufsuchen mußte, wenn er nicht anderweitige Einladungen erhielt oder seine Börse ihm den Besuch feiner Restaurants gestattete. Dieselbe Büffettdame saß dort noch immer zwischen denselben Punschbowlen, derselbe Ofen knisterte noch immer in der Nähe des Pfeifenschrankes und der Lärm, die verschiedenen Mundarten und die schwarzen Bärte aus allen Gegenden des Südens trieben ihr Wesen noch ganz wie früher; aber Numas Generation war verschwunden, und er betrachtete die jetzige mit der Voreingenommenheit, mit welcher ein gereister Mann ohne Stellung auf die Jugend blickt, die ihn zu verdrängen droht. Wie hatte er nur inmitten eines so läppischen Kreises leben können? Sicherlich waren die Studenten von ehemals nicht so albern gewesen. Ihre Bewunderung sogar, ihr pudelartiges Herumwedeln um ihn als den bekannten Mann war ihm unerträglich. Während er speiste, setzte sich der auf seinen Kostgänger nicht wenig stolze Cafétier neben ihn auf 28 den roten, abgenützten Diwan, den er mit seinem Stickhusten erschütterte, indes sich am nächsten Tische ein großes mageres Frauenzimmer niederließ, die einzige Erscheinung, die noch von ehemals geblieben war, eine knöcherne Gestalt, deren Jahre sich nicht berechnen ließen. Derselben war von einem gutmütigen Burschen, der sich inzwischen in seiner Heimat verheiratet hatte, ein Kredit bei Malmus eröffnet worden. Seit so viel Jahren immer an derselben Stelle grasend, wußte das arme Geschöpf nichts von der Außenwelt, auch nichts von den Erfolgen Roumestans und sprach mit ihm im Tone des Mitleids, wie mit einem Zurückgebliebenen, einem Nachzügler aus demselben Jahrgang wie sie.

»Nun, Alterchen, geht alles nach Wunsch?« sagte sie. ». . . Du weißt, Pompon hat geheiratet . . . Laboulbène hat seine Stelle gewechselt und ist Staatsanwaltsgehilfe in Caen geworden.« Roumestan antwortete kaum; er würgte doppelte Bissen hinunter und fühlte, indem er durch die vom Lärm der Bierwirtschaften widerhallenden Straßen des Viertels hinwegeilte, so recht die Bitterkeit einer verfehlten Existenz, und eine große Entmutigung bemächtigte sich seiner.

Einige Jahre waren in dieser Weise verstrichen und sein Name gewann an Bedeutung und Ansehen, ohne daß es ihm praktischen Vorteil gebracht hätte, als ihm eines Tages die Verteidigung eines Kaufmanns zu Avignon übertragen wurde, welcher politisch anstößige Halstücher hatte verfertigen lassen. Auf denselben war Graf Chambord, umgeben von irgend einer Deputation abgebildet, zwar in schlechtem Druck und deshalb in kaum erkennbaren Umrissen, aber unvorsichtigerweise durch ein H. V. inmitten eines Wappens auffällig hervorgehoben. Roumestan spielte seine Rolle vorzüglich und zeigte sich entrüstet darüber, daß man in jener Zeichnung eine politische Anspielung erblicken wollte. Das H. V. auf den inkriminierten Halstüchern bedeute nicht Henri V., sondern einfach Horace Vernet, der hier als Vorsitzender einer Ausschußsitzung der Akademie dargestellt sei!

Dieser gewagte Scherz fand großen Beifall und Roumestan erzielte damit einen lokalen Erfolg, der wichtiger für ihn wurde als alle Pariser Reklamen, vor allem aber ihm die 29 thatkräftige Sympathie der Tante Portal errang. Dieselbe trat zunächst in Gestalt einer Sendung von Olivenöl, weißen Melonen und einer Menge andrer Vorräte zu tage, wie Feigen, spanischem Pfeffer, Makronen, Brustbeeren, Azerolen, Johannisbrot und sonstiger Näschereien, welche die alte Dame liebte, während der Advokat sie in der Ecke eines Schrankes verfaulen ließ. Etwas später kam ein Brief, dessen grobe mit dem Gänsekiel ausgeführten Schriftzüge ganz dem derben Ton und der drolligen Ausdrucksweise der Tante entsprachen, während das Fehlen aller Interpunktion und das rasche Ueberspringen von einer Idee zur andern die Verworrenheit ihrer Gedanken verriet.

Numa glaubte indessen herauszufinden, daß die gute Frau ihn mit der Tochter eines Appellationsgerichtsrats von Paris, Herrn Le Quesnoi, verheiraten wollte, dessen Frau – eine geborne Soustelle aus Aps – mit ihr zusammen bei den barmherzigen Schwestern von La Calade erzogen worden war. . . . Großes Vermögen . . . ein hübsches, tüchtiges junges Mädchen, dessen Wesen zwar etwas kalt und spröde war, was sich aber mit der Verheiratung schon geben würde. Und was würde Tante Portal ihrem Numa mitgeben, wenn diese Heirat zu stande käme? Hunderttausend Franken in guter, klingender Münze am Tage der Hochzeit! . . .

Unter dieser eigentümlichen Ausdrucksweise bot sich hier ein ernster Antrag, und zwar so ernstgemeint, daß Numa zwei Tage darauf von der Familie Quesnoi eine Einladung zum Diner erhielt. In etwas erregter Stimmung leistete er derselben Folge. Der aus Valenciennes stammende alte Ratsherr, dem er oft im Justizpalast begegnete, gehörte zu den Menschen, die einen tieferen Eindruck auf ihn machten. Groß, schlank, mit krankhaft blassem, stolzem Gesichte, durchdringend forschendem Blicke und einem Mund, der wie versiegelt schien, wirkte er in seiner ganzen nordischen Kälte beklemmend auf Roumestan, welcher in ihm eine uneinnehmbare Festung zu erblicken meinte. Die hohe Stellung, die er seinen verdienstvollen Werken über das Strafrecht, seinem großen Vermögen und der strengen Ehrbarkeit seines 30 Lebens verdankte – eine Stellung, die noch bedeutender gewesen wäre ohne die Selbständigkeit seiner Gesinnung und die menschenscheue Abgeschlossenheit, welche er seit dem Tode eines nur zwanzig Jahre alt gewordenen Sohnes beobachtete. All diese Umstände zogen vor den Augen des Südländers vorüber, als er an einem Septemberabend des Jahres 1865 die breite, mit einem prächtigen Geländer gezierte Steintreppe des Hotels Le Quesnoi, eines der ältesten vom Place Royale, hinaufstieg.

Der große Salon, in den man ihn führte, die Feierlichkeit der hohen Zimmerdecken, an welche die Thürpfeiler mit ihrer leichten Malerei heranreichten, die lang herunterhängenden orange und fahlrot gestreiften schweren Damastvorhänge an den offenen Fenstern, von welchen man auf einen altertümlichen Balkon und eine ganze rosafarbene Ecke von ziegelartig bemalten Gebäuden des Platzes sah – alles dies war nicht geeignet, den erhaltenen Eindruck zu verwischen. Aber der Empfang bei Madame Le Quesnoi benahm ihm alsbald jede Beklommenheit. Diese kleine, eingemummte, vom Rheumatismus, an dem sie litt, seit sie in Paris wohnte, darniedergedrückte Frau mit dem traurigen und gutmütigen Lächeln, hatte ihren Accent, die Gebräuche ihrer lieben südlichen Heimat und die Liebe zu allem, was sie an diese erinnerte, treu bewahrt. Sie lud Roumestan ein, sich in ihre Nähe zu setzen, und sagte, indem sie ihn im Zwielichte zärtlich betrachtete: »Ganz das Ebenbild Evelinas.« Dieser Vorname der Tante Portal, den Numa viele Jahre nicht mehr gehört hatte, berührte ihn wie eine Erinnerung aus seiner Kindheit.. Seit langer Zeit wünschte Madame Le Quesnoi den Neffen ihrer Freundin kennen zu lernen, aber es war bisher zu unbehaglich und düster bei ihnen gewesen, ihre Trauer hatte sie zu sehr von der Welt und vom Leben abgeschlossen. Jetzt erst hatten sie sich entschlossen, wieder hie und da jemand bei sich zu sehen, nicht als ob ihr Schmerz nachgelassen hätte, aber aus Rücksicht auf ihre Töchter, auf die ältere besonders, die bald ins zwanzigste Jahr eintrat; und indem sie sich dem Balkon zuwandte, auf welchem man jugendliches Lachen vernahm, rief 31 sie: »Rosalie . . . Hortense . . . kommt doch her . . . Herr Roumestan ist da!«

Zehn Jahre nach diesem Abend rief er sich die liebliche ruhige Erscheinung ins Gedächtnis zurück, wie sie im Rahmen des hohen Fensters, vom milden Licht der untergehenden Sonne beschienen, dastand, sich die durch das Spiel der jüngeren Schwester in Unordnung geratenen Haare zurecht strich und dann mit klarem, offenem Blicke, ohne die geringste Ziererei oder Verlegenheit zu ihm trat.

Er fühlte sich sogleich vertrauensvoll zu ihr hingezogen. Ein- oder zweimal jedoch, während des Diners, glaubte Numa im Laufe des Gesprächs in dem Ausdruck des schönen, scharfgeschnittenen Kopfes mit dem klaren Teint einen flüchtigen hochmütigen Zug zu bemerken, ohne Zweifel jenes spröde, kalte Wesen, von dem Tante Portal gesprochen und welches Rosalie von ihrem Vater geerbt hatte. Aber die kleine Verzerrung des Mundes, die Kälte ihres Blickes ging rasch in eine wohlwollende Aufmerksamkeit und den unverhohlenen Ausdruck freudiger Ueberraschung über. In Paris geboren und erzogen, hatte Mademoiselle Le Quesnoi stets einen entschiedenen Widerwillen gegen den Süden empfunden, dessen Sprache, Sitten und Natur, wie sie solche auf ihren Ferienreisen flüchtig kennen gelernt hatte, ihr gleichermaßen zuwider waren. Es war das eine Art von eingebornem Rassebewußtsein und ein Gegenstand zärtlichen Streites zwischen Mutter und Tochter.

»Nie werde ich einen Mann aus dem Süden heiraten,« hatte Rosalie lachend gesagt und sich dabei als Typus einen plumpen, lärmenden, nichtssagenden Tenoristen der Oper oder einen Weinreisenden aus Bordeaux mit regelmäßigen, ausdrucksvollen Zügen vorgestellt. Roumestan näherte sich wohl ein wenig dieser deutlichen Vorstellung der spöttischen Pariserin; aber das Feuer, der Wohlklang seiner Rede übten an jenem Abend inmitten der harmonischen Umgebung eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus und verliehen seinem Gesichte einen idealen, veredelten Ausdruck. Nachdem die beim Kaviar und sonstigen Nebengerichten unvermeidlichen halblauten Redensarten von einem Tischnachbarn zum 32 andern ihr Ende erreicht hatten und die Unterhaltung eine allgemeine geworden war, sprach man von den letzten Festen in Compiègne und jenen Jagdmaskeraden, bei welchen die Eingeladenen als Kammerherren und Hofdamen Ludwigs XV. erschienen waren. Numa, der die liberalen Anschauungen des alten Le Quesnoi kannte, gab eine glänzende, beinahe prophetische Improvisation zum besten, in welcher er jenen Hof als einen Cirkus darstellte: Kunstreiterinnen und Stallknechte jagen unter einem gewitterschweren Himmel dahin und stürzen sich inmitten der Blitze und des fernher rollenden Donners mit todbringenden Waffen auf das Wild. Hierauf, im vollen Jubel des Festes, die hereinbrechende Sündflut, deren Wasser die Rufe der Jagenden verschlingen, indes die ganze monarchische Maskerade in einem Sumpfe von Blut und Kot zu Grunde geht! . . .

Vielleicht war die Darstellung nicht ganz neu, vielleicht hatte sich Roumestan damit schon anderweitig versucht. Aber noch nie hatte sein Schwung, sein Ausdruck sittlicher Entrüstung die Begeisterung wachgerufen, wie sie plötzlich in dem glänzenden und innigen Blicke, der sich jetzt auf ihn richtete, sichtbar wurde, während das sanftmütige Antlitz der Madame Le Quesnoi in boshaftem Lächeln aufleuchtete und ihre Tochter zu fragen schien: »Nun, wie findest du ihn, den Mann des Südens?«

Rosalie war hingerissen. Ihre ganz nach innen gerichtete Natur erlag unter der Macht dieser Stimme, dieser hochherzigen Ideen, welche so gut zu ihrer jugendlichen Begeisterung für Freiheit und Gerechtigkeit stimmten. Gerade wie die Frauen, welche im Theater den Sänger stets mit seiner Arie, den Schauspieler mit seiner Rolle verwechseln, vergaß sie hier den Anteil, den sie auf Rechnung des Virtuosen zu setzen hatte. O hätte sie gewußt, wie nichtssagend im Grunde diese Advokatenphrasen waren, wie wenig ihn die Hoffeste von Compiègne berührten, und daß es bloß einer mit dem kaiserlichen Stempel versehenen Einladung bedurft hätte, um ihn zur Teilnahme an jenen Jagdaufzügen zu bestimmen, wo seine Eitelkeit, seine Genußsucht und sein Geschmack für die Komödie volle Befriedigung gefunden haben würden! 33 Sie aber stand ganz unter seinem Zauber. Der Tisch schien ihr größer geworden zu sein, die abgespannten und schläfrigen Gesichter einiger Tischgenossen, von denen einer der Präsident der Kammer, der andre ein Arzt aus der Nähe war, verklärten sich in ihren Augen, und als man in den Salon trat, strahlte ihr der seit dem Tode ihres Bruders zum erstenmal angezündete Kronleuchter warm und blendend wie eine wirkliche Sonne entgegen. Die Sonne war Roumestan. Er belebte die majestätischen Räume, verjagte die Trauer und die in allen Ecken kauernde Düsterheit, den Hauch von Traurigkeit, der in den alten Wohnungen lagert, er gab den großen Spiegeln mit den geschliffenen Kanten ihren einstigen Glanz zurück und erweckte die köstlichen, über den Thüren befindlichen Malereien aus hundertjährigem Schlaf zu neuem Leben.

»Sie lieben die Malerei, mein Herr?«

»Oh! Und wie ich sie liebe, mein Fräulein!« . . .

Die Wahrheit war, daß er nichts davon verstand: aber er hatte für diese wie für jede andre Gelegenheit einen ganzen Vorrat von immer passenden Phrasen in Bereitschaft, und während man die Spieltische zurechtsetzte, diente ihm die Malerei als Vorwand, um ungestört mit dem jungen Mädchen zu plaudern, indem er die altertümlichen Ausschmückungen des Plafonds und einige Gemälde von berühmten Meistern betrachtete, die an dem wunderbar erhaltenen Täfelwerk aus der Zeit Ludwig XIII. aufgehängt waren. Von den beiden war Rosalie die wirkliche Kunstkennerin. In einer intelligenten und kunstsinnigen Umgebung aufgewachsen, versetzte sie der Anblick eines schönen Gemäldes oder einer außergewöhnlichen Bildhauerarbeit in eine ganz besondre, fieberhafte Aufregung, wenngleich sie diese mehr empfand, als zum Ausdruck brachte, teils infolge einer großen natürlichen Zurückhaltung, teils im Hinblick auf jene falschen Huldigungen der Alltagswelt, die der wahren Bewunderung verbieten, sich zur Schau zu stellen. Wenn man sie übrigens beisammen sah und die sichere hochtrabende Beredsamkeit, sowie die berufsmäßigen Gestikulationen des Advokaten gegenüber dem aufmerksamen, gesammelten Wesen Rosaliens verfolgte, so 34 hätte man glauben können, irgend einen berühmten, seinen Schüler unterrichtenden Meister vor sich zu haben.

»Mama, kann man in dein Zimmer eintreten? . . . Ich möchte dem Herrn das Jagdgemälde zeigen.«

Am Whisttische warf die Mutter demjenigen, den sie mit einem Tone unaussprechlicher Entsagung und Ergebung »Herrn Le Quesnoi« nannte, einen verstohlenen, fragenden Blick zu und willigte dann auf einen leichten Wink des Rates hin, der die Sache für statthaft erklärte, auch ihrerseits ein. Sie durchschritten einen engen Gang, dessen Wände mit Büchern besetzt waren, und befanden sich nun im Schlafgemach der Eltern, das majestätisch und altehrwürdig, wie der Empfangssalon, sich den Eintretenden darbot. Die eine Jagd vorstellende Wandmalerei befand sich über einer kleinen, mit feiner Holzschnitzerei verzierten Thür.

»Man kann nichts sehen,« sagte das junge Mädchen.

Sie erhob den zweiarmigen Leuchter, den sie von einem Spieltisch genommen hatte, und mit hochaufgerichtetem Oberkörper, die Hand hoch emporhaltend, beleuchtete sie das Gemälde, das eine Diana mit der Mondsichel auf der Stirne, umgeben von ihren Jagdgenossinnen, in einer elysäischen Landschaft darstellte. Aber in dieser Stellung einer Canephora mit dem doppelten Flammenschein über ihrem schlicht gescheitelten Haar, mit den leuchtenden Augen und dem stolzen Lächeln, mit der beschwingten Geschmeidigkeit ihrer jungfräulichen Gestalt glich sie mehr einer Diana, als die Göttin selbst. Roumestan betrachtete sie und, hingerissen vom Zauber dieser keuschen Anmut, dieser reinen Jugend, vergaß er, wer sie war und was er hier gewollt – seine Träume von Reichtum und Ruhm. Wie wahnsinnig erfaßte ihn die Begierde, diese geschmeidige Gestalt in seinen Armen zu halten, diese feinen Haare, deren zarter Wohlgeruch ihn betäubte, zu küssen, dieses schöne Kind zu erobern, um in ihm die Wonne und das Glück seines ganzen Lebens zu finden, und ein bestimmtes Etwas sagte ihm, daß, wenn er es versuchen wollte, sie es geschehen lassen würde und ihm zu eigen wäre, daß er sie am ersten Tage besiegt und erobert habe. Flamme und Sturmwind des Südens, euch widersteht man nicht. 35

 


 

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