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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Band.

Erstes Kapitel.

In der Arena.

Es war an einem Sonntag, einem glühend heißen Julitage, als im Amphitheater zu Aps in der Provence aus Anlaß der landwirtschaftlichen Ausstellung ein großes Tagesfest gefeiert wurde. Die ganze Stadt war auf den Beinen: Die Weber vom Chemin-Neuf, die vornehme Welt vom Quartier de la Calade, ja sogar Leute von Beaucaire – »fünfzigtausend Personen zum mindesten« –, so berichtete das »Forum« in seiner Chronik vom folgenden Tage, wobei allerdings die Uebertreibungssucht der Südländer in Betracht zu ziehen ist. In der That drängte sich eine ungeheure Menschenmenge die brennendheißen Stufen des alten Amphitheaters hinauf, wie in den schönen Tagen der Antonine, und offenbar handelte es sich bei diesem Volksandrang keineswegs bloß um das Bezirksfest. Es war etwas andres nötig, als der Wettstreit der Tambourins und Flöten, als die Courses landaises»Courses landaises«: Die im Departement der »Landes« üblichen und von dort nach der Provence verpflanzten unblutigen Stiergefechte.   Anmerkung d. Uebers.«, die Ringkämpfe für Männer und Knaben, das Katzenwürgen, der Schlauchsprung und wie die ortsüblichen Spiele alle heißen, die abgenützter waren, als der morsche Sandstein des Amphitheaters, – es war etwas andres als all dies nötig, um zwei Stunden lang auf diesen glühend heißen Steinplatten stehen zu bleiben, zwei Stunden in dieser mörderischen, augenversengenden Sonnenhitze auszuhalten, die Glut und den mit Pulvergeruch 4 geschwängerten Staub einzuatmen, sich Augenleiden, Sonnenstichen, bösen Fiebern, kurz allen Gefahren und Qualen auszusetzen, deren Inbegriff man dort zu Lande ein Tagesfest nennt.

Die große Zugkraft des Tages ging von Numa Roumestan aus.

Gewiß findet das Sprichwort »Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland« Anwendung auf Künstler und auf Dichter, in Anerkennung deren idealer und weniger offenkundiger Ueberlegenheit ihre Landsleute immer die letzten sind: aber es hat keine Geltung für Staatsmänner, für politische und industrielle Berühmtheiten, mit einem Worte für all jene mächtigen, einflußreichen Größen, deren Wert sich durch ihre Gunst und ihr Ansehen in klingender Münze äußert, von deren Ruhm die ganze Stadt und ihre Bewohner widerstrahlen, indem er sich in Segnungen aller Art über sie ergießt.

Es sind nun bereits zehn Jahre her, daß Numa, der große Numa, der Führer der vereinigten parlamentarischen Rechten als Prophet im Gebiete der Provence verehrt wird, zehn Jahre, daß die Stadt Aps diesen ihren berühmten Sohn mit den Zärtlichkeiten und Liebkosungen einer Mutter überschüttet, – mit Zärtlichkeiten, welche sich in öffentlichen Kundgebungen und Herzensergüssen der lautesten Art kundgeben. Sobald er im Sommer nach Beginn der Kammerferien ankommt, sobald er auf dem Bahnhof erscheint, beginnen die öffentlichen Huldigungen: Die Gesangvereine lassen unter dem Wehen ihrer gestickten Banner ihre heroischen Chorgesänge ertönen: Lastträger, welche auf den Stufen sitzen, warten, bis die alte Familienkarosse, die den großen Volksvertreter abzuholen kommt, sich zwischen den mächtigen Platanen der Avenue Berchère hindurch in Bewegung gesetzt hat, dann spannen sie aus und ziehen den großen Mann selbst unter dem Hochrufen und Hüteschwenken der Menge bis an das Haus der Witwe Portal, woselbst er absteigt. Und dieser Enthusiasmus bei den Ankunftsfeierlichkeiten ist schon so sehr Brauch und Ueberlieferung geworden, daß die Pferde an der Ecke der 5 Straße, wo die Lastträger sie auszuspannen pflegen, von selbst stehen bleiben, und alle Peitschenhiebe sie nicht einen Schritt weiter bringen würden. Die Stadt erhält alsbald ein verändertes Aussehen: die Präfektur, von dem gleichmäßigen, schrillen Gezirpe der Grillen auf den sonnverbrannten Bäumen eingelullt, liegt nicht mehr in trübseliger Trägheit da. Selbst in den heißen Mittagsstunden sind die Straßen und der Platz vor der Präfektur belebt, und in der grellen Beleuchtung sieht man Gestalten in schwarzem Frack und Cylinderhut geschäftig dahinschreiten und ihre hastigen Gebärden sich in scharfen Schattenrissen auf den weißen Mauern der Häuser abzeichnen. Die Karossen des Bischofs und des Gerichtspräsidenten rasseln die Chaussee entlang, dann ziehen Delegationen aus der Vorstadt, wo Roumestan um seiner royalistischen Gesinnung willen verehrt wird, sowie Deputationen der Weberinnen mit der Arlesischen Schleife über den kecken Gesichtern in ganzen Trupps über den Boulevard. Die Herbergen sind überfüllt mit Landleuten, Pächtern von Camargue oder von Crau, deren ausgespannte Fuhrwerke die kleinen Plätze und Straßen der bevölkerten Stadtteile wie an den Markttagen bedecken; die von Besuchern wimmelnden Cafés bleiben bis tief in die Nacht hinein offen, und die Fenster des Vereinslokals der »Weißen«, das zu ganz ungewöhnlicher Stunde erleuchtet ist, erzittern unter dem Schall der Stimme des Angebeteten.

Da sage noch einer, es gelte niemand als Prophet in seinem Vaterlande! Man brauchte nur einen Blick in die Arena des Amphitheaters von Aps zu werfen, über das sich an jenem Sonntag des Jahres 1875 ein blauer Julihimmel spannte, man brauchte nur zu sehen, mit welcher Gleichgültigkeit das Publikum alle Schauspiele in der Arena an sich vorüberziehen ließ, wie alle Gesichter ein und derselben Seite zugewandt waren und welches Kreuzfeuer von Blicken auf ein und denselben Punkt, die städtische Tribüne, gerichtet war, wo Numa Roumestan inmitten der reich verbrämten Gewänder und der aufgespannten Staatssonnenschirme von bunter Seide saß. Man brauchte nur die Reden, die Ausrufe der Begeisterung und die naiven Aeußerungen dieses 6 guten Völkchens von Aps zu hören, wie sie hier im heimischen Dialekt, dort in einem barbarischen, mit Knoblauch gewürzten Französisch laut wurden, immer mit jenem charakteristischen Accent, der unerbittlich, gleich der Sonne dort zu Lande, jede einzelne Silbe betont und einem kein Pünktchen über dem i erläßt.

»Diou! qu'es bèou! – Gott, wie schön er ist! . . .«

»Er ist etwas beleibter als letztes Jahr.«

»So sieht er viel stattlicher aus!«

»So drängt doch nicht so . . . es ist ja Platz für alle!«

»Siehst du ihn, mein Junge, unsern Numa. . . . Wenn du einmal groß bist, kannst du sagen, daß du ihn gesehen hast, nicht wahr?«

»Er hat noch immer seine schön gewölbte Bourbonnase . . . und noch kein einziger Zahn fehlt ihm!«

»Und noch kein weißes Haar . . .«

»Té, pardi!«

»Du mein Gott! Er ist ja auch noch nicht so alt. . . . Er ist 1832 geboren, in demselben Jahre, in dem Louis Philipp die Missionskreuze zu Falle brachte, pecaïré!«

»Ah, aha, Philipp der Jauner!«

»Man sieht ihm seine dreiundvierzig Jahre gar nicht an!«

»Natürlich sieht man sie ihm nicht an. . . . Té! Du Stern der Schönheit . . .«

Und mit einer kecken Gebärde warf ihm die Sprecherin, ein großes Mädchen mit feurigen Augen, von ferne einen Kuß zu, der in der Luft schnalzte wie der Lockruf eines Vogels.

»Nimm dich in acht, Zette . . . wenn seine Frau dich sähe . . .«

»Die Blaue ist wohl seine Frau?«

Nein, die Blaue war seine Schwägerin, Mademoiselle Hortense, ein hübsches Fräulein, das eben erst aus der Klosterschule gekommen war und schon zu Pferde saß wie ein Husar. Madame Roumestan war gesetzter und zeigte ein feineres Wesen, schien aber auch weit stolzer. Diese Pariser Damen bilden sich nicht wenig ein! Und aufrechtstehend, sich mit vorgehaltenen Händen vor der Sonne 7 schützend, begannen die Frauen von Aps in der klassischen Rücksichtslosigkeit ihrer halblateinischen Sprache ganz laut die beiden Pariserinnen, ihre kleinen Reisehüte, ihre eng anschließenden schmucklosen Anzüge zu bekritteln, die in so großem Gegensatz zu der ortsüblichen Kleidung, den goldnen Ketten und den grün und roten, unmäßig aufgebauschten Röcken standen. Die Männer zählten die Dienste auf, welche Numa der guten Sache geleistet hatte, seinen Brief an den Kaiser, seine Rede für das Lilienbanner. Ah, wenn man nur ein Dutzend seines Schlages in der Kammer hätte, dann wäre Heinrich V. längst auf dem Throne.

Trunken von all dem Lärm und hingerissen von der Begeisterung, die ihn umgab, vermochte der gute Numa nicht ruhig auf seinem Platz zu bleiben. Mit geschlossenen Augen und verklärten Zügen ließ er sich in seinen großen Sessel zurückfallen und warf sich bald auf die eine, bald auf die andre Seite; dann sprang er auf, durchmaß mit großen Schritten die Tribüne, neigte sich einen Augenblick nach der Arena hinab und sog die lichte, lärmdurchtönte Atmosphäre ein, um alsbald wieder ruhig, guter Dinge und in der ungezwungensten Weise mit gelöster Krawatte an seinen Platz zurückzukehren. Dort sprang er mit beiden Knieen auf seinen Sitz und sprach, mit dem Rücken und den Fußsohlen der Menge zugewandt, mit seinen Pariserinnen, die hinter ihm auf erhöhten Sitzen saßen, indem er ihnen seine Freude mitzuteilen suchte.

Madame Roumestan langweilte sich. Das sah man an dem Ausdruck von Abgespanntheit und Gleichgültigkeit auf ihrem Gesichte, aus dessen schönen Zügen eine gewisse stolze Kälte sprach, wenn nicht das geistreiche Blitzen der beiden grauen, gleich zwei Perlen glänzenden Augen, wie man sie nur bei Pariserinnen findet, oder das flüchtige Lächeln ihres schönen Mundes es belebte.

Diese südländische Lustigkeit, die lärmende, ungebundene Festfreude, dieser redselige, nur dem Aeußeren, nur der Oberfläche zugewandte Menschenschlag, der zu ihrem eignen, in sich gekehrten, ernsten Wesen in solchem Gegensatze stand, verletzte, vielleicht ohne daß sie sich genau Rechenschaft darüber 8 gab, ihr Gefühl, weil sie in diesem Volke den vervielfältigten, ins Gewöhnliche übertragenen Typus des Mannes wiederfand, an dessen Seite sie seit zehn Jahren lebte und den sie auf ihre Kosten hatte kennen lernen. Auch der in reinster Bläue leuchtende Himmel und die Hitze, die er widerstrahlte, entzückten sie keineswegs. Wie konnten sie es in dieser Schwüle nur aushalten, all diese Leute? Wo nahmen sie nur den Atem her zu all dem Geschrei? Und sie begann von einem hübschen, leicht umzogenen Pariser Himmel und einem frischen Aprilregen auf den schimmernden Trottoirs ganz laut vor sich hin zu träumen.

»Oho, Rosalie, wenn's erlaubt ist . . .«

Ihre Schwester und ihr Mann ärgerten sich; besonders aber ihre Schwester, ein großes, schönes Mädchen, voller Leben und Gesundheit, die hoch aufgerichtet dastand, um besser zu sehen. Sie war zum erstenmal nach der Provence gekommen, und doch schien es, als rühre dieser ganze lärmende Aufzug unter einem nahezu italienischen Himmel an einer verborgenen Saite in ihrem Innern, als wecke er den schlummernden Instinkt ihrer südländischen Herkunft, auf welche die dichten, über ihren Huri-Augen sich vereinigenden Brauen hindeuteten, sowie ihr matter Teint, der trotz des Sommers keine Spur von Röte durchschimmern ließ.

»Nun, meine liebe Rosalie,« sagte Roumestan, dem daran lag, seine Frau in eine andere Stimmung zu versetzen, »so erhebe dich doch einmal und sieh hierher, hat Paris dir je etwas Aehnliches geboten?«

In dem Theater, das eine riesige Ellipse bildete und ein großes Stück blauen Himmels sehen ließ, drängten sich auf den terrassenförmigen Stufen Tausende von Gesichtern mit lebhaft musternden Blicken im bunten Widerschein der festlich funkelnden Kleider und malerischen Kostüme. Wie aus einem ungeheuren Becken tönten muntere Zurufe, Fanfarengeschmetter und hellschallende Stimmen empor, die sich in dem intensiven Sonnenlichte sozusagen verflüchtigten. Während in den untersten Reihen, wo Staub und Dünste im Sonnenscheine aufwirbelten, von dem allgemeinen Lärm kaum etwas zu verstehen war, hörte man oben in der reinen 9 Luft schon mehr davon; hauptsächlich vernahm man den Ruf der Milchbrotverkäufer, die mit ihren in weißer Leinwand prangenden Körben von Stufe zu Stufe wanderten: »li pan ou là... li pan ou là« – und die Wasserverkäuferinnen, welche beständig ihre grünen glasierten Krüge schwenkten und »l'aigo es fresco!... Quau voù beùre?« . . . »Das Wasser ist frisch! . . . Wer will trinken?« kreischten, machten einen ordentlich durstig. Oben, auf den höchsten Stufen der Arena, tummelten sich spielende Kinder im luftigen Reich der Vögel mit den Schwalben um die Wette und woben einen Kranz von schrillen Tönen über all dem Schreien und Rufen unter ihnen. Und über all dem, welch wunderbares Farbenspiel des Lichtes in dem Maße, als mit dem Vorrücken des Tages die Sonne in dem weiten Rund des großen Amphitheaters, wie auf der Scheibe einer Sonnenuhr, ihren Kreis beschrieb, die Menge in den Schatten drängte und die Plätze leerte, die der Hitze zu sehr ausgesetzt waren –: breite Flächen, mit rötlichen, durch dürre Gräser getrennten Steinplatten bedeckt, auf welchen eine Folge von Bränden schwarze Spuren hinterlassen haben. Manchmal löste sich in den oberen Reihen unter dem Druck der Menge ein Stein des alten Bauwerks los und rollte nieder, während Schreckensrufe ertönten und man sich drängte und stieß, als stürze der ganze Cirkus zusammen. Die Bewegung, welche dadurch auf den Stufen entstand, war dem Anprall der wütenden Meereswogen vergleichbar; denn bei diesem überschwänglichen, empfindsamen Menschenschlag steht die Wirkung niemals im Verhältnis zur Ursache, indem letztere durch die Vorstellungen einer übermäßigen Einbildungskraft ins Ungeheuerliche vergrößert wird. In dieser Weise schienen sich die alten Trümmer zu beleben und boten nun nicht mehr den Anblick einer bloßen antiken Sehenswürdigkeit, sondern erweckten vielmehr jene Empfindung, die uns ergreift, wenn wir eine Pindarsche Strophe von einem modernen Athener vortragen hören, d. h. wenn uns die tote Sprache neu belebt und ihres schulmäßigen, kalten Charakters entkleidet entgegentritt. Dieser klare Himmel, die silberhell strahlende Sonne, die altlateinischen Anklänge in 10 dem provençalischen Dialekt – besonders auf den letzten Plätzen –, gewisse Körperstellungen am Eingange einer Wölbung . . . die regungslose Haltung gewisser Gestalten, welche in den Schwingungen der Luft antik, fast statuenhaft erschienen, der ganze Lokaltypus, die scharf geschnittenen Köpfe mit der kurzen, gewölbten Nase, die breiten, glattgeschorenen Wangen, das vorstehende Kinn Roumestans – alles, bis auf das Brüllen der Kühe, das von unten, wo ehemals die Löwen und Elefanten zum Kampfe bereit gehalten wurden, widerhallte, vervollkommnete die Täuschung, ein römisches Schauspiel vor sich zu haben, und als sich die mit einem Gitter verschlossene, ungeheure, schwarze Vertiefung des Podiums nach der leeren, mit gelbem Sande bedeckten Arena hin aufthat, erwartete man in der That, wilde Bestien herausstürzen zu sehen, anstatt des friedlichen, ländlichen Aufzugs von preisgekrönten Menschen und Tieren.

Jetzt war die Reihe an den aufgeschirrten Mauleseln, die an der Hand geführt wurden und mit prächtigem provençalischen Flechtwerk bedeckt waren; sie erhoben stolz ihre kleinen, schlanken, mit Silberglöckchen, Pompons, Schleifen und Puffen geschmückten Köpfe und erschraken nicht vor den scharf die Luft durchschneidenden, gleich Petarden oder Brillantschwärmern niedersausenden Peitschenhieben ihrer Treiber, deren auf jedem Tiere einer aufrecht stand. In der Zuschauermenge erkannten die Angehörigen jedes Dorfes ihre Preisgekrönten und kündigten sie mit lauter Stimme an: »Das ist Cavaillon«, hieß es, »das ist Maussane« u. s. w. Der lange, glänzende Zug entfaltete seine Pracht ringsum im Kreise der Arena, welche er mit dem Klingen und Klirren seiner blitzenden Geläute erfüllte; der Zug machte vor der Loge Roumestans Halt, brachte mit Peitschengeknall und Glockengeklingel eine Minute lang seine Huldigung dar und setzte dann unter der Führung eines stattlichen Reiters in hellen Reithosen und Kanonenstiefeln seinen Rundgang fort. Dieser Anführer, ein Mitglied des Vereins, der das Fest organisiert hatte, verdarb das Ganze, ohne sich dessen bewußt zu sein, indem er die Provinz mit der Provence vermengte und diesem merkwürdigen Lokalschauspiel den 11 vagen Anstrich eines Kunstreiteraufzugs verlieh. Uebrigens sah außer einigen Landleuten niemand zu. Man hatte nur Augen für die städtische Tribüne, die soeben von einer Menge von Personen besetzt war, welche Numa begrüßen wollten, Freunde, Kunden, frühere Schulkameraden, die stolz auf ihre Beziehungen zu dem großen Mann und auf die Gunst waren, dieselben hier öffentlich zur Schau stellen zu dürfen.

Der Andrang wollte kein Ende nehmen. Da kam jung und alt, Landedelleute, von Kopf bis Fuß in Grau gekleidet, Handwerksmeister in ihren zerknitterten Sonntagsröcken, Gutsverwalter und Pächter aus der Umgegend von Aps in losen Joppen, ein Lotse vom Hafen von St. Louis, der seine grobe Seemannsmütze in den Händen drehte – allesammt mit dem ausgeprägten südländischen Typus, gleichviel, ob ihr Gesicht von dem großen dunkelbraunen Bart, welchen ihr bleicher orientalischer Teint noch dunkler erscheinen ließ, bis unter die Augen bedeckt, oder, der alten französischen Sitte gemäß, glatt rasiert war – mit kurzem rötlichen Halse, schwitzend wie thönerne Gefäße, mit schwarzen flammenden hervorstehenden Augen und vertraulichen Gebärden.

Und wie Roumestan ihnen begegnete, mit welch unerschöpflicher Liebenswürdigkeit er sie alle, ohne Rücksicht auf Vermögen und Herkunft empfing. . . . »Sieh da! Herr von Espalion! Wie geht es Ihnen, Herr Marquis? . . . Heda, mein alter Cabantous, wie steht's mit dem Lotsengeschäft? . . . Ich begrüße Sie von ganzem Herzen, Herr Präsident Bédarride!« . . . Und nun folgten Händedrücke, Umarmungen und jenes gemütliche Auf-die-Schulter-klopfen, wodurch der Wert der für den Ausdruck einer südländischen Sympathie stets zu kalten Worte verdoppelt wird. Die einzelnen Unterhaltungen dauerten allerdings nicht lange. Der Parteiführer hörte nur mit einem Ohre zu, sein Blick schweifte zerstreut umher, und während er mit dem einen sprach, streckte er schon den Neuhinzugekommenen die Hand zum Gruße entgegen. Niemand nahm jedoch Anstoß an der derben Art und Weise, wie er seine Leute mit einigen guten Worten abspeiste. »Gut, gut. . . . Ich werde es besorgen. Setzen Sie nur Ihr Gesuch auf . . . ich werde es mitnehmen.«

12 Es waren Versprechungen von Tabakstrafiken und von Steuereinnehmerposten; was man nicht ausdrücklich verlangte, erriet er selbst, ermutigte die Schüchternen und regte den Ehrgeiz an. »Hat noch keine Rettungsmedaille, der alte Cabantous, nachdem er zwanzig Menschen das Leben gerettet hat! Schicken Sie mir nur Ihre Papiere . . . ich vermag viel bei der Marine . . . wir werden diese Ungerechtigkeit schon wieder gut machen.« Seine Stimme klang warm und metallisch, während die Worte ihm voll und deutlich gleich blanken Goldstücken von den Lippen fielen. Und alle verließen ihn entzückt von dieser glänzenden Münze und stiegen mit der strahlenden Miene eines Schülers, der seinen Preis davonträgt, von der Tribüne herab. Das Bewunderungswürdigste aber an diesem Allerweltsmann war die erstaunliche Gewandtheit und Natürlichkeit, mit der er sich gleichsam unbewußt in das Wesen und den Ton der Leute, mit denen er sprach, hineinfand. Salbungsvoll, mit zuvorkommender Gebärde und freundlich lächelndem Munde, den Arm gebieterisch ausgestreckt, mit dem Präsidenten Bédarride, als wolle er im Gerichtssaal seine Toga entfalten; . . . in kriegerischer Haltung, den Hut auf einem Ohre, mit dem Oberst von Rochemaure, während er Cabantous gegenüber die Hände in den Taschen, mit gebogenen Beinen dastand und sich wie ein alter Seebär hin und her wiegte. Von Zeit zu Zeit kehrte er zwischen einer Umarmung und der andern strahlend zu seinen Pariserinnen zurück und trocknete sich die triefende Stirne.

»Aber mein guter Numa,« sagte ihm Hortense ganz leise und mit lieblichem Lächeln, »wo wirst du denn all die Tabakstrafiken hernehmen, die du den Leuten versprichst?«

Roumestan neigte sein krauses Haupt, das auf dem Scheitel eine kahle Stelle zeigte, zu ihr nieder.

»Versprochen ist noch nicht gegeben,« sagte er, und indem er in dem Schweigen seiner Frau einen Vorwurf ahnte, fügte er hinzu: »Ihr dürft nicht vergessen, daß wir im Süden unter Landsleuten sind, welche alle dieselbe Sprache führen. All diese guten Jungen wissen recht gut, was ein Versprechen zu bedeuten hat, und rechnen um kein Haar breit sicherer auf ihre Tabakstrafik, als ich darauf, sie ihnen zu verschaffen. . . . 13 Aber es macht ihnen Vergnügen, davon zu sprechen und ihrer Einbildungskraft die Zügel schießen zu lassen. Wozu sie dieser Freude berauben? . . . Uebrigens haben bei den Südländern die Worte stets nur eine relative Bedeutung. Das ist nur eine Art, sich gefällig auszudrücken.«

Da ihm die Bezeichnung gefiel, so wiederholte er zwei- und dreimal: »sich gefällig auszudrücken . . . sich gefällig auszudrücken.«

»Mir gefallen diese Leute,« sagte Hortense, die sich augenscheinlich sehr gut dabei unterhielt. Aber Rosalie war nicht einverstanden. »Und dennoch haben Worte etwas zu bedeuten,« sprach sie sehr ernst und wie aus tiefster Seele zu sich selber vor sich hin.

»Meine Liebe, das hängt vom Land und von den Sitten ab.«

Und Roumestan bekräftigte seine seltsame Behauptung durch ein Achselzucken, das ihm eigen war, und welches an das »Uff!« eines Lastträgers, der sein Bündel auf der Schulter zurechtrückt, erinnert. Der große Parlamentsredner der Rechten hatte einige derartige körperliche Gewohnheiten beibehalten, ohne sich ihrer je entledigen zu können, und in einer andern Partei hätte ihn das für einen ungebildeten Menschen gelten lassen; aber auf der aristokratischen Höhe, auf welcher er seinen Sitz hatte, zwischen dem Fürsten von Anhalt und dem Herzog von Rochetaillade, sah man es als ein Zeichen von Kraft und ausgeprägter Originalität an, und im Faubourg St. Germain war man von diesem Achselzucken über dem breiten, untersetzten Rücken, auf welchem die Hoffnungen der französischen Monarchie ruhten, entzückt. Wenn Madame Roumestan früher die Illusionen des Faubourgs geteilt haben mochte, so schien sie jetzt, ihrem müden Blicke und dem trüben Lächeln nach zu schließen, das über ihre Lippen flog, während Roumestan redete, und aus welchem weit eher Schwermut als Verachtung sprach, damit gründlich abgeschlossen zu haben. Ihr Gemahl aber verließ sie plötzlich, durch die Klänge einer seltsamen Musik angezogen, welche inmitten des Geschreies der aufgeregten Menge, die begeistert: »Valmajour! Valmajour!« rief, von der Arena herauf tönten.

Bei der am Abend zuvor stattgehabten Preisverteilung 14 als Sieger hervorgegangen, kam der berühmte Valmajour, der erste Tambourinspieler der Provence nun, um Numa mit seinen schönsten Weisen zu begrüßen. Er sah in der That nicht übel aus, dieser Valmajour, wie er inmitten des Circus dastand, seine Jacke von gelbem Kadis über der Schulter, und die feuerrote Schärpe um die Lenden, die sich von der blendendweißen Leibwäsche glänzend abhob. Er hatte sein leichtes, längliches Tambourin mittels eines Lederriemens am linken Arme hängen und hielt mit der Hand desselben Armes eine kleine Flöte an seine Lippen, während er mit der rechten Hand das Tambourin schlug und unternehmenden Blickes das Bein gleichsam als Stützpunkt des Tambourins vorsetzte. So klein sie war, erfüllte die Flöte doch den Raum weithin und durchzitterte die klare, krystallhelle Atmosphäre wie das Zirpen eines Schwarmes von Baumgrillen, indes das Tambourin mit seinem tiefen Klange die Melodie mit ihren Fiorituren trug. Bei dieser durchdringenden, wilden Musik sah Roumestan lebhafter als bei allem, was man ihm bis jetzt vorgeführt hatte, seine eigne Kindheit, die freie Ungebundenheit des provençalischen Knaben vor sich auftauchen, der sich auf den ländlichen Festen umhertrieb und tanzte, unter den schattigen Platanen der Dorfplätze, im weißen Staub der Landstraßen und auf den lavendelbewachsenen, versengten Hügeln. Eine köstliche innre Erregung strahlte ihm aus den Augen; denn ungeachtet seiner vierzig Jahre und des aufreibenden politischen Lebens hatte er sich, vermöge seiner günstigen Naturanlage, eine starke Einbildungskraft und jene äußerliche Empfindsamkeit bewahrt, die nur allzuleicht über das wahre Wesen eines Charakters zu täuschen geeignet ist.

Allerdings war dieser Valmajour kein Tambourinspieler wie die andern, keiner jener gewöhnlichen Musikanten, die auf ländlichen Festen abgerissene Tanzmelodien und Refrains aus den Cafés chantants zusammentragen und ihr Instrument herabwürdigen, indem sie es dem Geschmack des Tages anzupassen suchen. Vom Vater und Großvater her mit dem Tambourin vertraut, spielte er stets nur nationale Weisen, Weisen, welche einst von den Großmüttern mit zitternder Stimme gesungen worden waren; und welch eine Menge 15 kannte er, er war unermüdlich. Nach den Weihnachtsgesängen von Saboly, die zu Menuets und Rigodons umgeformt waren, gab er den Königsmarsch zum besten, bei dessen Klängen Turenne im glorreichen Jahrhundert die Pfalz erobert und niedergebrannt hatte.

Die Stufen entlang, auf denen es wie unter einem Bienenschwarm trällerte und summte, folgte die begeisterte Menge mit Bewegungen der Arme und des Kopfes diesem herrlichen Rhythmus, der wie ein warmer Windstoß die lautlose Stille der Arena durchdrang, in welcher man sonst nur noch das wirre Gezwitscher der Schwalben vernahm, die dort oben in der grünenden Bläue unstät und freudig nach allen Richtungen umherschwirrten, als suchten sie in den Lüften den unsichtbaren Vogel zu entdecken, der jene durchdringend scharfen Töne ausstieß.

Als Valmajour geendet hatte, brach ein wahrer Sturm des Beifalls los; überall sah man Hüte schwenken, Taschentücher wehen. Roumestan rief den Künstler auf die Estrade und fiel ihm um den Hals. »Du hast mich weinen gemacht, mein Junge!« Und dabei zeigte er auf seine Augen, große glänzendbraune Augen, die voller Thränen standen. Stolz darauf, sich inmitten der offiziellen Würdenträger mit den gestickten Aufschlägen und den perlmutternen Degengriffen zu sehen, nahm der Tonkünstler die ihm dargebrachten Beglückwünschungen und Umhalsungen ohne allzugroße Verlegenheit entgegen. Er war ein hübscher Mensch mit wohlgeformtem Kopfe, hoher Stirn, glänzend schwarzem Schnurr- und Knebelbart und dunkelbrauner Gesichtsfarbe, einer jener stolzen Bauern des Rhônethales, die nichts von der listigen Demut der Landbewohner des mittleren Frankreichs an sich haben. Hortense bemerkte alsbald, wie fein seine Hand geblieben war, so sehr auch der Sonnenbrand sie geschwärzt hatte. Sie betrachtete das Tambourin und seinen Schlegel mit der elfenbeinernen Spitze; sie bewunderte die Leichtigkeit des Instruments, das sich seit zweihundert Jahren in der Familie fortgeerbt hatte und dessen poliertes, mit leichtem Schnitzwerk verziertes, dünngewordenes und helltönendes Gestell aus Nußbaumholz unter dem Einfluß der Zeit eine 16 gewisse Geschmeidigkeit gewonnen zu haben schien. Sie bewunderte besonders die dreilöchrige, naturwüchsige ländliche Flöte der alten Tambourinspieler, auf welche Valmajour aus Ehrfurcht für die alte Ueberlieferung zurückgekommen war und deren Handhabung er vermöge seines Geschicks und seiner Ausdauer erlernt hatte.

Nichts war rührender anzuhören, als die naive anspruchslose Schilderung seiner Kämpfe und seines Sieges.

»Es ist mir in der Nacht gekommen,« so erzählte er in seinem seltsamen Französisch, »als ich die Nachtigall singen hörte. Da dachte ich in meinem Sinn: Wie, Valmajour, der kleinen Gotteskreatur genügt ihre Kehle, um all diese Läufe und Triller hervorzubringen, und was der Vogel mit der einen Oeffnung seines Schnabels fertig bekommt, das solltest du mit den drei Löchern deiner Flöte nicht erreichen können?!« Er sagte dies in sanftem, ruhigem, zutraulichem Tone ohne irgend etwas Lächerliches darin zu finden. Uebrigens hätte angesichts des offenen Beifalls von Numa, der mit erhobenem Arme und voll Begeisterung auf den Boden stampfte und ausrief: »Wie schön er ist! Welch ein Künstler!«, niemand auch nur zu lächeln gewagt. Vielmehr wiederholten der Bürgermeister, der General, der Präsident Bédarride, Herr Roumavage, der Inhaber einer großen Bierbrauerei in Beaucaire und zugleich Vizekonsul von Peru, der in ein über und über mit Silber bedecktes, an den Karneval erinnerndes Kostüm eingeschnürt war, und andre mehr, von dem Entzücken ihres Führers hingerissen, im Tone vollster Ueberzeugung: »Welch ein Künstler!« Dieselbe Empfindung hegte auch Hortense, und ihrer expansiven Natur gemäß rief sie das Lob noch verstärkend aus: »O ja, ein großer Künstler,« während Madame Roumestan vor sich hin murmelte: »Aber, ihr macht ihn ja rein verrückt, den armen Burschen!« Dies schien indes, nach der Ruhe zu schließen, die aus Valmajours Wesen sprach, durchaus nicht der Fall zu sein, und diese Ruhe verließ ihn ebensowenig, als Numa plötzlich zu ihm sagte: »Komm mit nach Paris, mein Junge, und dein Glück ist gemacht.«

»Oh, meine Schwester würde mich niemals gehen lassen,« erwiderte er lächelnd.

17 Seine Mutter war gestorben. Er lebte mit seinem Vater und seiner Schwester auf einem Pachtgut, das ihren Namen trug, drei Meilen von Aps auf der Anhöhe von Cordoue. Roumestan schwur, er werde ihn vor seiner Abreise dort noch besuchen, mit seinen Verwandten sprechen und bei dieser Gelegenheit die Sache in Ordnung bringen.

»Ich werde Dir darin behilflich sein, Numa,« ließ sich eine zarte Stimme hinter ihm vernehmen.

Valmajour verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern, drehte sich auf den Absätzen herum und stieg, sein Tambourin am Arm, mit erhobenem Haupte und sich leicht in den Hüften wiegend, wie es dem Provençalen als Freund des Rhythmus und des Tanzes eigen ist, die Tribüne herab. Unten erwarteten ihn Kameraden und schüttelten ihm die Hände. Dann ertönte es plötzlich weithin hallend: »Die Farandole!«

Es war ein sich ins Unendliche mehrender und unermüdlich verstärkender Ruf; er hallte aus den Gewölben und Gängen des Amphitheaters wider, aus denen jetzt der Schatten und die Frische zu kommen schienen, welche sich über die Arena ausbreiteten und den Kreis der Sonne mehr und mehr verengten. Im Nu war der Cirkus angefüllt, zum Bersten angefüllt von der ländlichen Menschenmenge, einem bunten Durcheinander von weißen Tüchern, hellfarbenen Kleidern, roten fliegenden Bändern auf Hauben von Spitzengrund, gestickten Blusen und Jacken aus feinem Wollenstoff.

Ein Trommelwirbel, und diese ganze bunte Masse ordnete sich linienweise, um sich dann in einzelne Trupps abzuteilen, die mit verschlungenen Händen in strammer Haltung dastanden. Ein Flötentriller brachte den ganzen Cirkus ins Wogen, und die von einem großen Burschen aus Barbantane, dem Land der berühmten Tänzer, angeführte Farandole setzte sich langsam in Bewegung, beschrieb anmutige Kreise, führte, fast ohne sich von der Stelle zu bewegen, ihre Luftsprünge aus und erfüllte die ungeheure Buchtung des Vomitoriums, in die sie sich allmählich wie in einem Schlund verlor, mit verworrenem Getöse. Valmajour folgte mit gleichmäßigem, feierlichem Schritte und ließ, während er sein langes Tambourin im Gehen von den 18 Knieen abstieß, sein Spiel in dem Maße stärker ertönen, als der dichte Menschenknäuel in der schon halb und halb in die bläulich-grauen Schleier der Dämmerung gehüllten Arena sich gleich einer Spule von Gold und Seide abwickelte.

»Seht einmal da hinauf,« sagte Roumestan plötzlich.

Es war die vorderste Reihe der Tänzer, welche soeben zwischen den Bogenwölbungen des ersten Stockwerkes auftauchte, während der Tambourinspieler und die letzten Reihen der Tänzer noch unten im Cirkus marschierten. Unterwegs verlängerte sich der Zug durch den Anschluß aller derer, welche der Rhythmus der Musik mit Gewalt fortriß. Wer auch hätte unter diesen Kindern der Provence der Zauberflöte Valmajours widerstehen können? Von dem Wirbeln des Tambourins getragen und vorwärts getrieben, sah man ihn in allen Etagen zugleich, wie er die Gitter und unverdeckten Vertiefungen überstieg und das Geschrei und die Ausrufe der Menge mit seinem Instrument beherrschte. Die tanzenden Reihen aber stiegen höher und höher, bis zu den obersten Stufen hinan, welche noch im rötlich-fahlen Schimmer der letzten Sonnenstrahlen erglänzten. Der unermeßliche Zug der in feierlichem Aufmarsch vorüberziehenden Tänzer ließ jetzt auf den hohen Wölbungen der Ringmauern in der heißen, bewegten Atmosphäre dieses sinkenden Julitages eine Reihe seiner Silhouetten auf dem antiken Gestein hervortreten, als hätte eins jener Basreliefs, wie man sie auf den verwitterten Giebeln alter Tempel sieht, Leben gewonnen.

Unten auf der entleerten Tribüne – denn man brach allgemein auf – nahm sich der Tanz über den leeren Stufen noch großartiger aus, und dort fragte der gute Numa seine Frau, indem er ihr zum Schutz gegen die Abendfrische einen kleinen Spitzenshawl über die Schulter warf: »Nun, sag' einmal, ist das nicht schön? – Ist das nicht schön?«

»Sehr schön,« erwiderte die Pariserin, die diesmal in der That bis ins Innerste ihrer Künstlernatur ergriffen war.

Und der große Mann von Aps schien auf diese Beifallsbezeigung stolzer zu sein, als auf die lärmenden Huldigungen, mit denen man ihn seit zwei Stunden betäubt hatte. 19

 


 

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