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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

Das Kinderzeug.

Bei einem leisen Klopfen an der Thür ihres Zimmers fuhr Madame Roumestan zusammen, als ertappe man sie bei etwas Unrechtem, schob das fein gedrechselte Fach ihrer Kommode im Geschmack Ludwig XV. zurück, über welches sie sich halb knieend beugte, und fragte: »Wer ist da? . . . Was wollen Sie, Polly? . . .«

103 »Ein Brief für Madame . . . es ist sehr eilig . . .« antwortete die englische Kammerjungfer.

Rosalie nahm den Brief und schloß rasch die Thür. Eine ihr fremde, plumpe Handschrift auf grobem Papier, dazu der auf Unterstützungsgesuchen übliche Vermerk: »Persönlich und pressant.« Eine Pariser Kammerjungfer hätte sie um einer solchen Kleinigkeit willen nimmermehr gestört. Sie warf den Wisch auf die Kommode, das Lesen auf später verschiebend, und kehrte schnell an ihr Schubfach zurück, in welchem sich noch das prächtige Kinderzeug aus früherer Zeit befand. Seit acht Jahren, seit dem Trauerspiel in ihrer Ehe, hatte sie das Fach nicht mehr geöffnet, aus Furcht, dort wieder ihre Thränen zu finden, auch nicht einmal während der Zeit ihrer Mutterhoffnungen, da sie in echt mütterlichem Aberglauben fürchtete, die vorzeitige Liebkosung, die sie dem ungeborenen Kinde durch das Anschauen seiner kleinen Ausstattung zu teil werden lasse, könne ihr nochmals Unglück bringen.

Diese tapfere, mutige Frau besaß die ganze nervöse Erregbarkeit, die zitternde Furcht, das mimosenhafte Erschauern und Insichzurückziehen des Weibes; die Welt, welche richtet, ohne zu verstehen, nannte sie kalt, wie die Unwissenden sich einbilden, daß die Blumen keine Lebewesen sind. Jetzt aber, im sechsten Monat ihrer Hoffnung, mußte sie wohl all diese kleinen Gegenstände aus ihren Trauerfalten und ihrem Verschlusse befreien, sie besichtigen und vielleicht umändern; denn die Mode wechselt sogar die Anzüge der Neugeborenen, man bebändert sie nicht immer in der gleichen Weise. Zu dieser ihr tiefstes Herzensleben betreffenden Arbeit hatte Rosalie sich sorgfältig eingeschlossen, und in dem großen, geschäftigen, aktenbearbeitenden Ministerium, in dem Gesumme der Berichterstattungen, in dem fieberhaften Hin- und Herrennen von den Einzelbüreaus nach den Abteilungsbüreaus, nach den Kommissionen und Unterkommissionen gab es in diesem Augenblick gewiß nichts so Ernstes und Rührendes, wie diese Frau, die mit klopfendem Herzen und zitternden Händen vor einem offnen Kommodenfach auf den Knieen lag.

104 Sie hob die etwas vergilbten, wohlriechenden Spitzen in die Höhe, welche durch ihren Duft diese kleinen, unschuldigen Toiletten weiß erhielten: die Häubchen und Jäckchen von verschiedenen Größen, das Taufkleid, die sein gefälteten Brustlätzchen; die Puppenstrümpfchen. Sie sah sich im Geiste wieder in Orsay, wo sie, süß ermattet, stundenlang im Schatten der großen Catalpa arbeitete, deren weiße Blütenkelche in ihren Arbeitskorb zwischen die Fadenknäuel und seinen Stickscheren fielen, während sich ihre Gedanken ganz auf ihre Nähterei beschränkten, die ihren Träumen Gestalt gab und die Stunden enteilen ließ. Wie hoffnungsvoll, wie gläubig war sie damals! Welch heiteres Gezwitscher im Laubwerk über ihrem Haupte, und in ihrem Innern, welches Erwachen zärtlicher und neuer Gefühle! An einem einzigen Tage hatte das Leben ihr rauh und plötzlich alles wieder entrissen. Und der Verrat ihres Mannes, der Verlust des Kindes fiel ihr von neuem schwer aufs Herz und erfüllte es mit Verzweiflung, während sie das Kinderzeug von seinen Hüllen befreite.

Der Anblick des ersten kleinen Anzugs, der ganz zum Ueberstreifen bereit gelegt war, wie man ihn um die Zeit der Geburt auf die Wiege legt, die ausgebreiteten, ineinander gesteckten Aermel, die rund aufgeblähten Häubchen ließen sie in Thränen ausbrechen. Ihr war, als hätte ihr Kind gelebt, als hätte sie es umarmt und gekannt. Ein Junge, o ganz gewiß ein starker, hübscher Junge, der aus seinem Milchgesicht schon mit den ernsten, unergründlichen Augen des Großvaters blickte. Er wäre heute acht Jahre alt, mit langen, auf einen großen, weißen Kragen herabfallenden Locken; in diesem Alter gehören die lieben Jungen noch der Mutter, die sie spazieren führt, herausputzt und sie arbeiten läßt. O, grausames, grausames Leben! . . .

Aber nach und nach, während sie die kleinen, mit mikroskopischen Seidenbändern zusammengebundenen Gegenstände mit ihren Blumenstickereien und schneeigen Spitzen hervorholte und zurechtlegte, beruhigte sie sich. Nein, nein, so schlimm ist das Leben doch nicht, und so lange es währt, darf man den Mut nicht verlieren. Sie hatte an jenem 105 unheilvollen Wendepunkte alles verloren, was sie besaß, hatte geglaubt, daß es nun für immer aus sei mit ihrem Glauben und Lieben als Gattin und Mutter, daß ihr nichts mehr übrig bliebe, als zuzuschauen, wie ihre lichtvolle Vergangenheit ihren Blicken entschwand, gleich einem Ufer, nach dem man sich zurücksehnt. Und doch hatte nach langen, öden Jahren ein neuer Keim unter der eisigen Kälte ihres Herzens sich langsam entwickelt und war nun zur Blüte herangereift in dem kleinen Wesen, das jetzt zur Welt kommen sollte, dessen Kraft sie nächtlich schon in lebhaften, kleinen Stößen spürte. Und ihr Numa war so anders geworden, so gut, so gänzlich frei von seinen rohen Wutanfällen! Er hatte wohl noch seine Schwächen, die sie nicht liebte, diese italienischen Schliche, die ihm zur zweiten Natur geworden waren: aber »das war ja Politik . . .« wie er sagte. Uebrigens gab sie sich nicht mehr den Illusionen ihrer Flitterwochen hin; sie wußte, daß man, um glücklich zu leben, seine Ansprüche nicht zu hoch spannen darf, sondern in dem halben Glück, das uns das Leben bietet, sein ganzes Glück suchen muß . . . .

Es klopfte von neuem an die Thür: »Herr Méjean möchte Madame sprechen.«

»Gut . . . ich komme. . . .«

Sie traf ihn sehr erregt in dem kleinen Salon, den er der Länge und Breite nach durchmaß.

»Ich habe Ihnen eine Beichte abzulegen . . .«, sagte er in dem etwas kurz angebundenen, vertraulichen Ton, welchen die alte Freundschaft zwischen ihnen, die, wenn es auf sie angekommen, ein geschwisterliches Band geworden wäre, rechtfertigte. . . . »Ich habe jene leidige Angelegenheit schon seit einigen Tagen beglichen. . . . Ich sagte es Ihnen nicht, um das hier länger in Händen zu haben. . . .«

Mit diesen Worten überreichte er ihr das Porträt Hortenses.

»Endlich! . . . O wie glücklich wird sie sein, das arme, liebe Wesen. . . .«

Bewegt blickte sie auf das hübsche Bild ihrer Schwester, die in ihrer provençalischen Verkleidung noch im Glanze der 106 Gesundheit und Jugend strahlte, und las die mit feiner und fester Schrift daruntergeschriebene Widmung: »Ich glaube an Sie und liebe Sie – Hortense Le Quesnoi.« Dann, als es ihr zum Bewußtsein kam, daß der arme Verliebte dies auch gelesen und daß er einen sehr traurigen Auftrag übernommen, schüttelte sie ihm herzlich die Hand: »Ich danke. . . .«

»Danken Sie mir nicht, gnädige Frau. . . . Ja, es war hart. . . . Aber seit acht Tagen lebe ich von diesem: »Ich glaube an Sie und liebe Sie. . . .« Manchmal bildete ich mir einen Augenblick lang ein, daß diese Worte an mich gerichtet wären. . . .«

Und ganz leise und ängstlich fügte er hinzu: »Wie geht es ihr?«

»O, nicht gut. . . . Mama nimmt sie mit sich nach dem Süden. . . . Jetzt will sie alles, was wir wollen. Es ist, als ob etwas in ihr gebrochen wäre.«

»Hat sie sich verändert?«

»Ach! . . .« rief Rosalie mit einer traurigen Gebärde.

»Auf Wiedersehen, gnädige Frau . . .«, sagte Méjean hastig, indem er sich eilenden Schrittes entfernte. An der Thür wandte er sich um, und indem er sich unter der halb erhobenen Portiere mit seinen breiten Schultern aufrichtete, setzte er hinzu: »Es ist ein wahres Glück, daß ich keine Einbildungskraft besitze. . . . Ich wäre sonst gar zu unglücklich. . . .«

Rosalie kehrte sehr niedergeschlagen in ihr Zimmer zurück. Wie sehr sie sich auch dagegen sträubte und sich auf die Jugend ihrer Schwester und auf die ermutigenden Worte des Doktor Jarras stützte, der dabei beharrte, daß es sich nur um eine zu überwindende Krisis handle, es kamen ihr doch düstere Gedanken, die nicht mehr zu dem festlichen Weiß ihres Kinderzeugs paßten. Sie beeilte sich, die kleinen zerstreut umherliegenden Gegenstände zu sortieren, zu ordnen und einzuschließen, und als sie sich erhob, bemerkte sie den noch auf der Kommode liegenden Brief, nahm ihn und las ihn mechanisch, da sie eines gewöhnlichen Bittschreibens gewärtig war, wie sie deren täglich so viele in allen möglichen Handschriften zu erhalten pflegte, und das gerade in einem 107 jener abergläubischen Augenblicke eingetroffen war, wo die Wohlthätigkeit als glückbringend erscheint. Darum verstand sie auch anfangs das Gelesene nicht und war genötigt, diese Zeilen nochmals zu lesen, die mit unsicherer Hand, wie die Strafarbeit eines Schuljungen von Guilloches Gehilfen, geschrieben war.

»Wenn Sie gern Stockfischbrandade essen, so finden sie dieselbe ausgezeichnet heute abend bei Fräulein Bachellery, Rue de Londres. Ihr Mann gibt sie zum besten. Klingeln Sie dreimal und treten Sie ohne weitres ein!«

Aus diesen rohen Sätzen, aus dem schmutzigen und gemeinen Untergrund erhob sich die Wahrheit und stand ihr klar vor Augen, bekräftigt durch gewisse Nebenumstände und Erinnerungen, die damit übereinstimmten: der Name Bachellery, der seit einem Jahre so viel genannt wurde, rätselhafte Zeitungsartikel bezüglich ihres Engagements, diese Adresse, die er, wie sie selbst hörte, seinem Kutscher seiner Zeit angab, endlich der lange Aufenthalt in Arvillard. In einer Sekunde wurde ihr der Zweifel zur Gewißheit. Warf übrigens die Vergangenheit nicht ein genügendes Licht auf diese Gegenwart in ihrer ganzen Entsetzlichkeit? Lüge und Heuchelei war sein Wesen, er war nichts als das und konnte nichts andres sein. Warum hätte auch dieser Leutepreller von Profession sie verschonen sollen? Von ihr war es Narrheit, war es Wahnsinn, daß sie sich von seiner trügerischen Stimme und durch seine banalen Zärtlichkeiten hatte bethören lassen, und sie erinnerte sich gewisser Einzelheiten, welche sie im selben Augenblick erröten und erblassen ließen.

Diesmal war es nicht die Verzweiflung mit den überströmenden, reinen Thränen der ersten Enttäuschungen, die sie erfüllte; es gesellte sich dazu ein Groll gegen sich selbst, daß sie so schwach, so feig gewesen war, ihm zu verzeihen, ein Groll gegen ihn, der sie, trotz seiner Versprechungen und Schwüre, aufs neue betrogen hatte. Sie hätte ihn gern hier alsbald überführt; aber er war in Versailles in der Kammer. Auch kam ihr der Gedanke, Méjean kommen zu lassen, aber es widerstrebte ihr, diesen Ehrenmann zum Lügen zu nötigen. Und da sie gezwungen war, einen heftigen 108 Ausbruch widerstreitender Gefühle in sich niederzukämpfen, um nicht laut aufzuschreien und sich den schrecklichen Nervenzufällen hinzugeben, die sie herannahen fühlte, so ging sie auf dem Teppich hin und her, die Hände – wie sie es seit einiger Zeit gern zu thun pflegte – auf ihre in ein bequemes Hauskleid gehüllte Taille gestützt. Plötzlich blieb sie stehen und zitterte in wahnsinniger Furcht.

»Ihr Kind!«

Es litt ja gleichfalls und brachte sich mit aller Macht eines ums Dasein kämpfenden Lebens seiner Mutter in Erinnerung. O, mein Gott, wenn auch dieses sterben sollte, wie das andre, im gleichen Zeitpunkt der Entwickelung, unter ähnlichen Umständen. . . . Das Schicksal, von dem man sagt, es sei blind, gefällt sich manchmal in so grausamen Fügungen. Und in abgebrochenen Worten, in zärtlichen Ausrufen »liebes Kind . . . armes kleines Wesen . . .« suchte sie ihrer Vernunft Herr zu bleiben, suchte sie die Dinge kaltblütig in Betracht zu ziehen, um ihre Würde zu bewahren, und vor allem das einzige Gut, das ihr noch blieb, nicht in Gefahr zu setzen. Sie nahm sogar eine Arbeit in Angriff, jene Penelopestickerei, welche von den geschäftigen Pariserinnen stets in Bereitschaft gehalten wird, denn sie mußte die Rückkehr Numas abwarten, sich mit ihm auseinandersetzen oder vielmehr aus seinem Benehmen die Ueberzeugung von seiner Schuld gewinnen, bevor es zu dem nicht wieder gut zu machenden Aufsehen einer Trennung kam.

O, diese prächtige Stickwolle, dieser regelmäßige, farblose Canevas, wie viele Geheimnisse werden ihnen anvertraut, wie viel Leiden, Freuden und Wünsche bilden die verwickelte, verknüpfte und an abgerissenen Fäden reiche Kehrseite dieser weiblichen Handarbeiten mit den friedlich verschlungenen Blumen!

Als Numa Roumestan aus der Abgeordnetenkammer nach Hause kam, fand er seine Frau bei der spärlichen Beleuchtung einer einzigen Lampe mit Nähen beschäftigt, und dies friedliche Bild, das schöne Profil, das im Rahmen der kastanienbraunen Haare weicher erschien, im Schatten der prächtigen auswattierten Vorhänge, wo die lackierten 109 Wandschirme, die alten Kunstgegenstände von Kupfer, Elfenbein und Porzellan den umherhüpfenden Widerschein des behaglichen Holzfeuers auffingen – ergriff ihn im Gegensatz zu dem Lärm der Abgeordnetenkammer, zu deren hell beleuchteten Plafonds, zu der Dunstwolke, die über den Debatten schwebte gleich dem von einem Schlachtfelde aufsteigenden Pulverdampfe.

»Guten Tag, Mama. . . . Bei dir ist's gemütlich. . . . Es war heiß zugegangen in der Sitzung. Immer noch nur dieses greuliche Budget; fünf Stunden lang hatte die Linke den Kriegsminister nicht los gelassen, den armen General d'Espaillon, der nicht zwei Gedanken nacheinander entwickeln konnte, ohne sein ›Sacré nom de Dieu‹ dazwischen zu wettern. Das Kabinett sei diesmal wenigstens noch mit heiler Haut davon gekommen; aber nach den Neujahrferien, wenn die Reihe an die ›Schönen Künste‹ komme, da werde man erst etwas erleben.«

»Sie rechnen sehr auf die Affaire Cardaillac, um mich zu stürzen. . . . Rougeot wird sprechen. . . . Kein angenehmer Gegner dieser Rougeot. . . . Er versteht seine Sache! . . .«

Dann schloß er mit seiner bekannten Schulterbewegung: »Rougeot gegen Roumestan . . . Norden gegen Süden. . . . Um so besser. Das wird mir Spaß machen. . . . Wir werden ein wenig raufen.«

Er sprach allein und war so sehr in Feuer geraten durch seine politischen Angelegenheiten, daß ihm die Schweigsamkeit Rosaliens gar nicht auffiel. Er trat dicht an sie heran, ließ sich auf einen Sessel nieder, nahm ihr die Arbeit aus der Hand und versuchte diese zu küssen.

»Es ist also sehr eilig, was du da stickst . . . es gehört wohl zu meinen Neujahrsgeschenken? . . . Die deinigen habe ich schon gekauft. . . . Rat' einmal!«

Sie entwand sich ihm sanft und fixierte ihn, ohne zu antworten, so scharf, daß er sich unbehaglich fühlte. Seine Züge waren abgespannt, wie gewöhnlich an den Tagen bedeutsamer Sitzungen, sein Gesicht sah erschlafft und matt aus, Augen und Mundwinkel verrieten eine zugleich weichliche und heftige Natur, eine Natur mit allen möglichen 110 Leidenschaften und ohne Kraft, um ihnen zu widerstehen. Die Gesichter, wie die Landschaften des Südens darf man nur bei Sonnenschein betrachten.

»Du dinierst doch mit mir?« fragte Rosalie.

»Nein, ich bedaure . . . man erwartet mich bei Durand. . . . Ein langweiliges Diner, . . . , ich habe mich schon verspätet,« fügte er hinzu, indem er sich erhob . . . »zum Glück bedarf es keiner Galatoilette.«

Die Blicke seiner Frau folgten ihm. »Speise mit mir, ich bitte dich darum.« Und während sie so in ihn drang, wurde ihre melodische Stimme hart, drohend, unversöhnlich. Aber Roumestan war kein feiner Beobachter. . . . »Und dann die Geschäfte, nicht wahr? Ach! Das Leben eines Staatsmannes läßt sich nicht nach Wunsch lenken.«

»So leb' denn wohl . . .«, sagte sie tiefernst, und diesem Lebewohl fügte sie in Gedanken hinzu: »weil es unser Schicksal so will.«

Sie hörte den Wagen aus dem gewölbten Thore rollen; dann faltete sie ihre Arbeit sorgfältig zusammen und zog die Klingel: »Sogleich einen Wagen . . . einen Fiaker . . . und Sie, Polly, geben Sie mir meinen Mantel, meinen Hut . . . ich gehe aus.«

Schnell fertig, warf sie noch einen musternden Blick auf das Zimmer, das sie verließ, an welches sie nichts fesselte, und in dem sie nichts von sich zurückließ, – ein wahres »chambre garnie« trotz der Pracht seiner kalten Goldbrokatbekleidung.

»Bringen Sie diesen großen Karton hinunter in den Wagen.«

Es war das Kinderzeug, das Einzige, was sie von ihrer gemeinschaftlichen Habe mit sich nahm.

An der Wagenthür fragte die englische Bonne mit gespannter Neugier, ob die gnädige Frau nicht diniere. Nein, sie werde dies bei ihren Eltern thun, werde auch wahrscheinlich dort schlafen.

Unterwegs stieg noch ein Zweifel, oder vielmehr ein Bedenken in ihr auf. Wenn von all dem nichts wahr wäre . . . wenn diese Bachellery gar nicht in der Rue de 111 Londres wohnte. . . . Sie rief dem Kutscher die Adresse zu wenn auch ohne große Hoffnung; sie mußte aber Gewißheit haben.

Der Wagen hielt vor einem kleinen, zweistöckigen Hause, dessen flaches Dach zu einem Wintergarten eingerichtet war, dem frühern Absteigequartier eines kürzlich im Elend verstorbenen Levantiners aus Kairo. Es hatte ganz das Aussehen eines »petite maison«, eines Versteckes für heimliche Vergnügungen: geschlossene Läden, herabgelassene Rouleaux und einen starken Küchengeruch, der aus den hellerleuchteten und von Lärm erfüllten untern Räumen heraufstieg. Schon die Art und Weise, wie die Thür dem dreimaligen Erklingen der Glocke gehorchte und sich von selbst in ihren Angeln drehte, war für Rosalie eine genügende Auskunft. Eine persische, mit Quasten verzierte Portiere, die in der Mitte des Vorzimmers durch Schnüre zurückgezogen ward, gewährte einen Blick auf die Treppe mit ihrem weichen Teppich und den hochgeschraubten Gaskandelabern. Sie hörte lachen, trat ein paar Schritte vor und sah, was sie nie wieder vergaß.

Auf dem Flur der ersten Etage beugte sich Numa mit gerötetem, erhitztem Gesicht in Hemdärmeln über das Treppengeländer und hatte den Arm um den Leib der ebenfalls sehr erregten Dirne geschlungen, deren Haar aufgelöst über den flitterhaften Ausputz eines Negligees von rosa Foulard fiel. Und in reinstem provençalischen Accent rief er: »Bompard bring die Brandade herauf! . . .«

Hier mußte man ihn sehen, den Kultusminister, den großen Makler der religiösen Moral, den Verfechter der strenggläubigen Lehre; hier zeigte er sich ohne Maske und ohne Verstellung, seinen ganzen Süden zur Schau stellend, behäbig und aufgeknöpft wie auf der Messe von Beaucaire.

»Bompard, bring die Brandade herauf! . . .« wiederholte die leichtfertige Person, den Marseiller Accent absichtlich übertreibend. Bompard, das war ohne Zweifel dieser improvisierte Küchenjunge, der, die Serviette um den Hals und den Arm um eine große Schüssel geschlungen, aus der Tiefe emporstieg und den Thürflügel geräuschvoll zurückstieß. 112

 


 

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