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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Handlung südlicher Produkte.

»Das Fräulein ist sehr krank . . . Madame will niemand empfangen.«

Zum zehntenmal seit zehn Tagen erhielt Audiberte die nämliche Antwort. Starr und mit niedergeschlagenen Blicken stand sie vor dieser schweren, gewölbten, mit einem Klopfer versehenen Thüre, wie man sie in Paris fast nur noch unter den Arkaden der Place Royale findet und die, 86 als sie geschlossen ward, ihr für immer den Eintritt in das alte Wohnhaus der Le Quesnois zu verbieten schien.

»Gut,« sagte sie . . . »Ich komme nicht wieder . . . Sie sollen jetzt nach mir schicken.«

Und in großer Aufregung durcheilte sie das belebte Geschäftsviertel, wo Güterwagen, mit Ballen, Fässern und klirrenden, biegsamen Eisenstangen beladen, sich mit Schubkarren kreuzten, die durch Thorwege in Höfe gerollt wurden, wo man Verpackungskisten zurechtnagelte. Aber die Bäuerin achtete nicht auf diesen Höllenlärm und die erregte Thätigkeit, welche die hohen Häuser bis zu den letzten Stockwerken erschütterte; in ihrem eigenwilligen, harten Kopfe tobten die boshaften Gedanken noch viel lauter, und der Widerstand, an dem ihr Wille sich brach, rief eine noch viel heftigere Erschütterung in ihr hervor. Und so ging und ging sie, ohne Müdigkeit zu spüren, und durchmaß, um die Omnibusfahrt zu ersparen, zu Fuß den langen Weg vom »Marais« bis zur Straße de l'Abbaye-Montmartre.

Ganz kürzlich waren die Provençalen nach einer wilden Wanderung durch Wohnungen aller Art in Gast- und Privathäusern, wo man sie überall wegen des Tambourins wieder auswies, hier gestrandet, in einem neuen Hause, welches zu Preisen, wie sie die sogenannten »Trockenwohner« zu zahlen pflegen, von einer zweideutigen Bande von Dirnen, Bummlern, Geschäftsagenten und jenen Abenteurerfamilien bewohnt war, wie man ihnen in den Seehäfen begegnet, wo sie die Zeit zwischen Ankunft und Abfahrt müßiggängerisch auf den Balkons der Gasthöfe verbringen und auf die Flut lauern, von der sie stets etwas erwarten. Hier lauern die »Trockenwohner« auf das Glück. Die Miete war für sie immer noch teuer genug, zumal jetzt, wo das Skatingtheater Bankerott gemacht hatte und man das Honorar für einige Vorstellungen Valmajours einklagen mußte. Aber in dieser frisch angestrichenen Baracke, wo die Thüre wegen der verschiedenen unnennbaren Gewerbe der Mieter zu jeder Zeit offen stand und stets Streitigkeiten ausgefochten und unanständige Reden geführt wurden, – hier störte wenigstens das Tambourin niemand. Im Gegenteil war es hier der 87 Tambourinschläger, der gestört wurde. Die Reklamen, die Plakate, der knappe, zweifarbige Trikotanzug und sein schöner Schnurrbart hatten Verheerungen unter den Damen vom Skating angerichtet, die weniger spröde waren, als die prüde, hochnasige Person von der Place Royale. Er kannte jetzt Schauspieler vom Batignolles-Theater, Sänger von Konzertlokalen, alles in allem eine nette Sippschaft, die in einer Spelunke des Boulevard Rochechouart, in dem sogenannten »Strohsack«, zusammenzukommen pflegte.

Dieser »Strohsack«, in welchem man die Zeit mit schwelgerischem Nichtsthun, mit Kartenspiel, Biertrinken und Wiederkäuen von Theater- und Dirnenklatsch verbrachte, war der böse Feind und der ewige Schrecken Audibertes, die Veranlassung zu wilden Zornesausbrüchen, unter deren Wucht die beiden Männer den Rücken beugten, wie unter dem Toben des Wüstensturms, um dann gemeinschaftlich ihren Tyrannen im grünen Unterrock zu verwünschen, im geheimthuenden, gehässigen Schüler- oder Dienstbotentone sich zuzuzischeln: »Was hat sie gesagt? . . . Wie hat sie dich geschimpft?« und im Einverständnis miteinander hinter ihrem Rücken fortzuschleichen. Audiberte wußte aber alles, überwachte sie und beeilte sich, wenn sie ausging, wieder heimzukommen, und heute that sie dies ganz besonders, da sie schon am frühen Morgen fortgegangen war. Als sie die Treppe hinaufstieg, blieb sie einen Augenblick stehen, und als sie weder Tambourin noch Flöte hörte, rief sie aus: »O, der Lump . . . er ist schon wieder in seinem Strohsacke. . . .«

Aber sowie sie die Wohnung betrat, eilte der Vater ihr entgegen und that ihrem Ausbruch Einhalt.

»Schrei' nicht! . . . Es will dich jemand sprechen . . . ein Herr vom Ministerium.«

Der Herr erwartete sie im Salon; denn wie es in diesen fabrikmäßig hergestellten Ausschußwohnungen, in denen ein Stockwerk genau dem andern gleicht, nun einmal eingeführt ist, sie hatten einen geblümten, cremefarbenen Salon, der wie ein Auflauf von gequirlten Eiern aussah, – einen Salon, welcher der Stolz der Bäuerin war. Und Méjean betrachtete mitleidig die provençalischen Möbel, die coque 88 und die moque, den Backtrog und den Brotkorb, die in diesem Zimmer, das dem Wartezimmer eines Zahnarztes glich, und in der grellen Beleuchtung zweier Fenster ohne Vorhänge wie verloren dastanden und, marode von der Reise und den vielen Umzügen, ihren bäuerlichen Staub über die Vergoldungen und Wandmalereien ausschütteten.

Das stolze, klassische Profil Audibertes unter der arlesischen Sonntagshaube, das in diesem Pariser fünften Stockwerk ebenfalls wie verirrt erschien, bestärkte Méjean in seinem Mitleid mit diesen Opfern Roumestans, und so begann er in mildem Tone den Zweck seines Besuches zu erörtern: Der Minister, der den Valmajours neue Enttäuschungen zu ersparen wünsche, für die er sich bis zu einem gewissen Grade für verantwortlich erachte, schicke ihnen fünftausend Franken, um ihnen die Heimkehr zu erleichtern, sowie als Entschädigung für alles Ungemach. Damit nahm er die Banknoten aus seinem Portefeuille und legte sie auf den Backtrog von Nußbaumholz.

»Also fortgehen sollen wir?« fragte die Bäuerin nachdenklich, ohne sich zu rühren.

»Der Minister wünscht, daß dies sobald wie möglich geschehen möge. Er möchte Sie recht bald wieder glücklich in Ihrer Heimat wissen.«

Der alte Valmajour wagte es, einen Blick auf die Banknoten zu werfen: »Was mich betrifft, so kommt mir das ganz vernünftig vor. . . . Was sagst du dazu?«

Sie sagte nichts dazu, wartete vielmehr auf das weitere, was Méjean vorbereitete, indem er sein Portefeuille hin und her drehte. »Diesen fünftausend Franken würden wir weitere fünftausend Franken hinzufügen, um . . . um,« die innere Bewegung schnürte ihm die Kehle zu. Es war ein grausamer Auftrag, den ihm Rosalie da gegeben hatte. Ach, man muß es oft büßen, daß man für einen friedliebenden und charakterfesten Menschen gilt; man stellt höhere Anforderungen an solche, als an die andern. Hastig setzte er hinzu, »um das Porträt des Fräulein Le Quesnoi zurückzubekommen.«

»Endlich! . . . Nun ist's heraus! . . . Das Bild? . . . 89 O, ich wußte wohl, daß es kommen würde . . . bei Gott!« rief sie, jedem Worte durch einen Ziegensprung Nachdruck gebend. »Also glauben Sie, daß man uns vom andern Ende Frankreichs hat kommen lassen, daß man uns, die wir gar nichts verlangten, alles, alles Mögliche versprochen hat, um uns jetzt wie Hunde, die überall ihren Schmutz abgesetzt haben, hinauszuweisen? . . . Nehmen Sie Ihr Geld wieder, mein Herr. . . . Wir gehen nicht fort, das steht fest. Sagen Sie ihnen das nur . . . und sagen Sie auch, daß sie das Bild nicht zurückbekommen. . . . Das ist wenigstens etwas Schriftliches. . . . Ich verwahr' es in meiner Tasche . . . ich lasse es nie von mir; überall werd' ich es in Paris herumzeigen mit dem, was darauf geschrieben steht, damit die Welt erfahre, daß diese Roumestans alle miteinander eine Familie von Lügnern sind . . . eine Familie von Lügnern . . . Ja von Lügnern. . . .«

Sie schäumte.

»Fräulein Le Quesnoi ist schwer krank,« sagte Méjean, sehr ernst.

»Ach was! . . . Avaï!«

»Sie wird Paris verlassen und wahrscheinlich nicht mehr zurückkehren . . . wenigstens nicht mehr lebend.«

Audiberte antwortete nichts, aber das stumme Lächeln ihrer Augen, ihre klassische, niedrige, eigensinnige Stirn unter der kleinen spitzen Haube zeigten zur Genüge die unerbittliche Verneinung und die Hartnäckigkeit ihrer Weigerung an. Méjean wandelte die Versuchung an, auf sie loszustürzen, die Kattuntasche von ihrem Kleide zu reißen, und sich damit auf den Weg zu machen. Aber er beherrschte sich, machte noch einige unnütze Bittversuche, dann aber sagte er, ebenfalls vor Wut zitternd: »Sie werden es bereuen,« und ging, zum großen Leidwesen des alten Valmajour.

»Paß auf, dein böses Maul wird uns noch ins Unglück bringen.«

»Warum nicht gar! . . . Wir werden ihnen die Hölle heiß machen. Ich werde Guilloche zu Rate ziehen.« 90

* * *

»Guilloche, Streitsachen.«

Hinter der ihrer Wohnung gegenüberliegenden Thür, auf welcher die vergilbte Karte mit obiger Aufschrift angeheftet war, hauste einer jener fürchterlichen Geschäftsagenten, deren ganzes Betriebsmaterial in einer riesigen Ledermappe besteht, welche die Akten anrüchiger Geschichten, weißes Papier zu Denunziationen und Erpressungsversuchen, Pastetenrinden, einen falschen Bart und manchmal sogar einen Hammer enthält, um Milchfrauen totzuschlagen, wie es neulich vorgekommen ist. Dieser in Paris sehr häufige Typus würde nicht im entferntesten verdienen, porträtiert zu werden, wenn nicht besagter Guilloche, ein Name, der auf diesem von tausend kleinen symmetrischen Runzeln durchfurchten Gesichte einem Signalement gleichkam, wenn nicht, wie gesagt, besagter Guilloche seinem Gewerbe einen ganz neuen charakteristischen Geschäftszweig hinzugefügt hätte. Guilloche war nämlich Lieferant von Strafarbeiten für Gymnasiasten. Ein armer Teufel von Schreiber sammelte am Ausgange der Klassen die Strafaufgaben und durchwachte einen großen Teil der Nacht, um Gesänge der Aeneide oder die drei Zeiten von amo abzuschreiben. Wenn es an Streitsachen fehlte, unterzog sich Guilloche, der Baccalaureus war, selbst dieser originellen Arbeit, für die er sich gut bezahlen ließ.

Nachdem er von der Valmajourschen Angelegenheit unterrichtet war, erklärte er dieselbe für ausgezeichnet. Man werde den Minister verklagen, werde die Zeitungen in Bewegung setzen, das Porträt an sich schon wiege eine Goldmine auf. Nur sei Zeit nötig, und Gänge und Vorschüsse wären zu machen, welch letztere er in klingender Münze verlangte, zumal ihm die Puyfourcatsche Erbschaft als reines Luftschloß erschien. Die Vorschüsse machten die habgierige Bäuerin trostlos, da sie in dieser Hinsicht schon so grausam heimgesucht war, um so mehr, als Valmajour, der während des ersten Winters in den Salons sehr begehrt war, das Faubourg »Saint Germéïn« mit keinem Fuße mehr betrat. . . .

»Thut nichts! . . . Ich werde arbeiten . : . werde Aufwartungen übernehmen.«

91 Und das energische arlesische Häubchen fegte überall in dem großen Neubau herum, treppauf, treppab, und erzählte von Stockwerk zu Stockwerk ihre Geschichte mit dem Minister, ereiferte sich, kreischte, hüpfte . . . und mit einmal sagte sie geheimnisvoll: »Dann haben wir auch noch das Bild!« Und mit verstohlenen, zweideutigen Blicken, wie jene Photographieenverkäuferinnen in den Passagen, bei denen die alten Wüstlinge nach »Tricots« fragen, zeigte sie das Bild.

»Gewiß ein hübsches Mädchen! . . . Und Sie haben wohl gelesen, was darunter geschrieben steht. . . .«

Diese Scene spielte sich in zweideutigen Haushaltungen, bei Vagabundinnen vom Skatingring oder vom »Strohsack« ab, die sie großartig »Madame Malvina« . . . »Madame Heloïse« &c. titulierte . . . weil die Samtkleider, die gestickten, mit Spitzenbändern besetzten Hemden dieser Damen, das ganze Zubehör ihres Gewerbes einen großen Eindruck auf sie machte, ohne daß sie sich weiter darum kümmerte, welcher Art dieses Gewerbe sei. Und das Bild des so liebenswürdigen, vornehmen und zarten Wesens wurde zum Gegenstand der Neugierde und des Spotts für diesen Abschaum der Gesellschaft, unter welchem es die Runde machte; man bekrittelte jeden Zug ihres Gesichts, las mit Gelächter das naive Geständnis, bis zu dem Augenblick, wo die Provençalin ihren Schatz wieder zurücknahm und ihn mit einer wütenden Gebärde, als wolle sie jemand erdrosseln, in eine geheime Nebentasche ihres Geldsackes steckte, indem sie sagte: »Ich glaube, damit haben wir sie in Händen.«

Und dann ging es eilig zum Gerichtsdiener wegen der Skatingaffaire, zum Gerichtsdiener in Sachen »Valmajour kontra Cardaillac«, zum Gerichtsdiener wegen der Angelegenheit Roumestan; dann, als ob das alles ihrer Kampflust noch nicht genügt hätte, hatte sie noch Streitigkeiten mit den Hausmeistern, die ewige Frage wegen des Tambourins, welche diesmal zur Verbannung Valmajours in einen jener Weinkeller führte, wo gewöhnlich das Geschmetter von Jagdhörnern ertönt oder Unterricht im Ringen und Boxen erteilt wird. In diesem Keller bei der 92 Beleuchtung einer nach der Stunde bezahlten Gasflamme, die Sandalen, hirschledernen Handschuhe und die messingenen Jagdhörner an den Wänden betrachtend, verbrachte der Tambourinschläger jetzt seine Uebungsstunden, blaß und einsam wie ein Gefangener, und ließ seine Flötenvariationen, ähnlich den schrillen, klagenden Rufen eines Heimchens, empor nach dem Trottoir ertönen.

Eines Tages wurde Audiberte zu dem Polizeikommissär ihres Viertels bestellt. Sie ging eilends hin, überzeugt, daß es sich um den Vetter Puyfourcat handle. Lächelnd und mit erhobenem Haupte trat sie ein und kam nach einer Viertelstunde ganz bestürzt wieder heraus, noch ganz außer Fassung durch die echt bäuerliche Furcht vor dem Polizisten, der sie mit seinen ersten Worten dahingebracht hatte, das Bild herauszugeben und unter Verzicht auf jeglichen Prozeß über den Empfang von zehntausend Franken zu quittieren. Jedoch weigerte sie sich aufs entschiedendste, Paris zu verlassen, und hielt den Glauben an das Talent ihres Bruders eigensinnig fest, weil noch immer das blendende Schauspiel der langen Wagenreihe, die an einem Winterabende vor dem festlich erleuchteten Ministerium gehalten, vor ihrer Seele stand.

Nach ihrer Rückkehr bedeutete sie den Männern, die noch ängstlicher waren als sie, daß sie nichts mehr von der Angelegenheit sprechen sollten; des empfangenen Geldes gedachte sie aber mit keinem Worte. Guilloche, der jedoch diese Geldabfindung ahnte, bot alles auf, um dabei nicht leer auszugehen, und da er nur eine ganz geringe Entschädigung erlangt hatte, so bewahrte er einen fürchterlichen Groll gegen die Valmajours im Herzen.

»Nun,« sagte er eines Morgens zu Audiberte, als sie auf dem Flur die schönen Kleider des noch im Bette liegenden Musikers bürstete, »nun, jetzt sind Sie wohl zufrieden. . . . Endlich ist er tot.«

»Wer denn?«

»Nun, Puyfourcat der Vetter. . . . es steht in der Zeitung.«

Sie schrie laut auf, rannte durchs Haus, rief, weinte 93 beinahe: »Vater! . . . Bruder! . . . Schnell . . . die Erbschaft!«

Als alle aufgeregt und atemlos sich um den teuflischen Guilloche versammelt hatten, entfaltete dieser das Amtsblatt und las in gemessenem Tone folgendes: Unter dem Datum vom 1. Oktober 1876 hat der Gerichtshof erster Instanz von Mostaganem auf das Verlangen der Domänenverwaltung verordnet, nachstehende Erbschaftshinterlassenschaften durch öffentlichen Anschlag bekannt zu machen. . . . Popelino (Louis), Taglöhner. . . .«

»Das ist es nicht. . . . Puyfourcat (Dosithaeus).«

»Das ist er . . .« sagte Audiberte.

Der Alte glaubte sich die Augen trocknen zu müssen. Pécaïré. . . . Armer Dosithée! . . .«

»Puyfourcat, gestorben zu Mostaganem den 14. Januar 1874, geboren zu Valmajour, Gemeindebezirk Aps. . . .«

Die Bäuerin fragte ungeduldig: »Wie viel?«

»Drei Franken fünfunddreißig Centimes!« rief Guilloche in näselndem Tone, und indem er ihnen die Zeitung zurückließ, um sich ihrer Enttäuschung noch genauer zu versichern, entfernte er sich mit einem Gelächter, das sich von Etage zu Etage bis auf die Straße fortpflanzte und dieses ganze große Dorf von Montmartre erheiterte, wo die Valmajoursche Legende die Runde machte.

Drei Franken fünfunddreißig, die Erbschaft Puyfourcats! Audiberte bemühte sich, noch stärker darüber zu lachen als die andern; aber der schreckliche Rachedurst, den sie gegen die Roumestans im Herzen hegte, die in ihren Augen für alles Unheil, von dem sie betroffen wurden, verantwortlich waren, steigerte sich noch und suchte nach einem Mittel, nach der nächsten besten Waffe, deren sie habhaft werden konnte, um sich Luft zu machen.

Das Verhalten Papa Valmajours bei diesem Unglück war sehr eigentümlich. Während seine Tochter sich abarbeitete und abhetzte und sich in Wut verzehrte, während der Gefangene in seinem Keller dahinsiechte, war der Alte 94 blühend und sorglos, hatte sogar seinen alten Kunstneid abgelegt und schien außer dem Hause, abseits von den Seinen ein behagliches Dasein gefunden zu haben. Gleich nach dem letzten Bissen des Frühstücks räumte er das Feld, und wenn er morgens seine Kleider ausbürstete, fiel manchmal eine gedörrte Feige, eine Karamele, ein Makronenkuchen oder dergleichen aus seinen Taschen, über deren Herkunft der Alte keine genügende Auskunft zu geben wußte.

Er hatte angeblich eine Landsmännin auf der Straße getroffen, irgend jemand aus dem Süden, der sie besuchen werde.

Audiberte schüttelte den Kopf: »Avaï! Wenn ich dir nur nachgehen wollte . . .«

Die Wahrheit war, daß er auf seinen Streifzügen durch Paris im Viertel St. Denis eine große Delikatessenhandlung entdeckt hatte, in die er eingetreten war, angelockt durch das Schild und den verführerischen Inhalt der Schaufenster, in denen Südfrüchte von allen Farben und zierlich gefältelte Silberpapierpäckchen auslagen, deren Glanz in dem nebelhaften Dunste der bevölkerten Straße in die Augen stachen. Das Geschäft, den zu Parisern gewordenen Südfranzosen wohlbekannt, in welchem Valmajour täglicher Gast und Freund geworden war, nannte sich:

»Handlung südlicher Produkte«,

und nie entsprach eine Etikette so sehr der Wahrheit, wie diese. Hier war alles Produkt des Südens, von dem Geschäftsprinzipal und der Prinzipalin, Herrn und Madame Mèfre, zwei Erzeugnissen des üppigen Südens, mit der gebogenen Nase Roumestans, mit den flammenden Blicken, dem Accent, den Redensarten, den geräuschvollen Empfangsmanieren der Provence, bis auf ihre Ladendiener, die den Prinzipal vertraulich duzten und sich nicht genierten, mit schnarrender Stimme ins Comptoir zu rufen: »Sag doch, Mèfre . . . wo hast du die Wurst hingestellt?« Südfrüchte waren auch die kleinen Mèfres, unsaubre Plagegeister, denen man jeden Augenblick drohte, man werde ihnen den Bauch aufschlitzen, sie skalpieren, sie zu Mus kochen, die aber trotzdem ihre Finger in alle offnen Fässer tunkten. Selbst die 95 Käufer mit ihrem lebhaften Gebärdenspiel waren echte Produkte des Südens, Leute, die, um ein Biskuit für zwei Sous zu kaufen, stundenlang schwatzten oder sich im Kreise auf Stühlen niederließen, um mit lärmenden »nichtsdestoweniger«, »wenigstens«, »wohlan«, »je nachdem« mit dem ganzen Wörterschatz der Tante Portal über die Eigenschaften der Knoblauch- und Pfefferwurst zu streiten, während der Hausfreund, ein Bruder Ignorantiner in aufgefärbtem, schwarzem Rocke, »der teure Bruder«, um gesalzenen Fisch feilschte und die Fliegen, eine Unmasse Fliegen, angelockt durch die Süßigkeit all der Früchte, Bonbons und des halb orientalischen Backwerks, selbst mitten im Winter in dieser Backofentemperatur lebendig erhalten, umhersummten. Und wenn ein hierher verirrter Pariser über die Trödelei der Bedienung und über die zerstreute Gleichgültigkeit dieser Krämer ungeduldig wurde, die ihre Unterhaltung von einem Ladentisch zum andern fortsetzten, während sie die Waren ungenau wogen und verkehrt einpackten, da mußte man hören, wie man ihn im reinsten provençalischen Dialekte zurechtwies: »Té vé, wenn Sie Eile haben, die Thür ist offen, und die Pferdebahn geht auch vorüber, wissen Sie.«

Im Kreise dieser seiner Landsleute wurde der alte Valmajour mit offnen Armen aufgenommen. Herr und Madame Mèfre erinnerten sich, ihn seiner Zeit bei einem Tambourinwettspiel auf der Messe von Beaucaire gesehen zu haben. Unter alten Leuten aus Südfrankreich bildet diese Messe von Beaucaire, die heute nichts mehr bedeutet und kaum noch dem Namen nach existiert, immer noch ein Band freimaurerischer Brüderlichkeit. Für unsre südlichen Provinzen war diese Messe ein Zauberfest, der Glanzpunkt des ganzen Jahres, der größte Genuß all dieser verknöcherten Existenzen; schon lange vorher rüstete man sich dazu, und noch lange nachher unterhielt man sich davon. Man versprach ihren Besuch der Frau und den Kindern als Belohnung, und wenn man sie nicht mitnehmen konnte, so brachte man ihnen immer im Koffer ein Stück spanischer Spitzen, ein Spielzeug mit. Die Messe von Beaucaire bildete auch den geschäftlichen Vorwand, um vierzehn Tage oder einen Monat lang 96 ein freies, ausgelassenes, abenteuerliches Leben, wie in einem Zigeunerlager, zu führen. Man schlief da und dort bei den Eingeborenen, in den Magazinen, auf den Ladentischen, und beim Sternenlicht der warmen Julinächte auf offner Straße unter dem leinenen Schirmdache der Frachtwagen.

O! Die prächtigen Geschäfte ohne die Langeweile des Geschäftslokales, diese Geschäfte, die man beim Essen, unter der Thür, in Hemdärmeln, in den Budenreihen längs der »Wiese« am Ufer der Rhône abschloß, die selbst nur ein beweglicher Meßplatz war, da auf ihren Wellen Schiffe aller Art und Barken mit lateinischen Segeln schaukelten, die, mit Wein, Anchovis, Kork und Orangen befrachtet, geschmückt mit kleinen, rotseidnen Fahnen und Wimpeln, die lustig im Winde flatterten und sich im Strome widerspiegelten, von Arles, Marseille, Barcelona und den Balearen kamen. Und dann der wirre Lärm, die bunte Menge von Spaniern, Sardiniern, Griechen in langen Röcken und gestickten Pantoffeln, Armeniern in Pelzmützen, Türken mit betreßten Jacken, Fächern und weiten, grauen Leinwandhosen, die sich im Freien um die Garküchen und die ausgestellten Spielwaren, Stöcke, Sonnenschirme, Gold- und Silberwaren, Haremspastillen und Mützen drängten. Und gar erst der sogenannte »schöne Sonntag«, das heißt der erste Sonntag der Messe, mit seinen Schmausereien auf den Quais, auf den Schiffen, in den berühmten Restaurants »Zum Rebstock«, »Zum Großen Garten«, im »Café Thibaut«, – die, welche das einmal gesehen, werden ihr lebelang das Heimweh danach nicht wieder los.

Bei den Mèfres fühlte man sich gemütlich, ähnlich wie auf der Messe von Beaucaire; und in der That glich der Laden in seiner malerischen Unordnung einer improvisierten Meßbude mit Erzeugnissen des Südens. Hier standen bis obenauf gefüllt, und unter ihrer Last sich beugend, die Säcke mit Kunstmehl, so fein wie Goldstaub, die Erbsen, dick und hart wie Schrotkörner, die weißen Kastanien, ganz runzlig und staubig, den zusammengeschrumpften Gesichtern alter Waldbäuerinnen vergleichbar, Zinnbüchsen mit grünen und schwarzen, auf italienische Art eingemachten Oliven, Krüge 97 mit rötlichem, nach Obst schmeckendem Oel, Fässer mit Eingemachtem aus Aps, bereitet aus Melonenschalen, persischen Citronen, Feigen, Quitten, aus tausend Ueberbleibseln vom Obstmarkt, die sich in Sirup verwandelt hatten. Oben in den Fächern, zwischen den eingesalzenen Waren, standen die Konserven in Tausenden von Flacons und Tausenden von Blechbüchsen und, in Goldpapier verpackt, mit Etikette und Namenszug versehen die besondern Leckerbissen einzelner Städte des Südens: »coques« und die »barquettes«, Backwerk von Nimes, die Nußtorten von Montélimar, die Makronenkuchen und Biskuits von Aix.

Dann die ersten Gemüse und das Frühobst, die Ausstellung eines schattenlosen, südlichen Küchengartens, wo die Früchte in ihrer dürftigen Blätterumhüllung Edelsteinen gleichen; die harten Brustbeeren, die wie neues Mahagoniholz glänzten, daneben bleiche Azeroläpfel, Feigen von allen Sorten, süße Citronen, grüner oder roter spanischer Pfeffer, kugelrunde Melonen, große Zwiebeln von feinstem Geschmack, Muskatellertrauben mit länglichen und durchsichtigen Beeren, deren Inhalt sich regt wie der Wein im Schlauche, Bananenzweige mit gelb und schwarz gestreiften Früchten, große Haufen von Orangen und goldkäferfarbenen Granatäpfeln, und Kugellampen von rotem Kupfer mit einem Wergdochte, der gleichsam als Zierde in einem kleinen Messingkranz befestigt war.

Endlich waren überall an den Wänden, an den Decken, auf beiden Seiten der Thür in einem Wirrwarr von dürren Palmzweigen, Knoblauch und Zwiebelschnüre, gedörrtes Johannisbrot, verschnürte Leberwürste, Maiskolben aufgehangen, ein Meer warmer Farbentöne, der ganze Sommer, die ganze Sonne des Südens in Büchsen, in Säcken, in Krügen, der durch die schwitzenden Schaufenster bis aufs Trottoir hinausstrahlte.

Dort drinnen ging der alte Valmajour sehr erregt, mit gierig geblähten Nüstern in steter Bewegung hin und her. Er, der zu Hause bei seinen Kindern vor jeder, auch der kleinsten Arbeit zurückscheute, und wenn er einen Knopf an seine Weste angenäht hatte, sich stundenlang die Stirn 98 trocknete und sich damit brüstete, als hätte er eine Heldenthat vollbracht, war hier stets bereit, hilfreiche Hand zu leisten, zog seinen Rock aus, um Kisten zu nageln oder auszupacken, naschte da und dort eine Karamele, eine Olive, und erheiterte die Arbeit durch seine Affenpossen und seine Erzählungen. Einmal in der Woche am Tage der »Brandade« wachte er sogar bis tief in die Nacht hinein im Magazine, um bei den Versendungen mitzuhelfen.

Dieses provençalische Hauptgericht, die Stockfischbrandade, findet man kaum anderswo, als in »der Handlung südlicher Produkte«, wenigstens die echte, weiße, feingestoßene, fahnenartige Brandade, mit einer ganz kleinen Beigabe von Knoblauch, so wie man sie in Nimes zubereitet, von wo die Mèfres sie kommen lassen. Sie kommt Donnerstag abends sieben Uhr mit dem Schnellzug an und wird Freitag früh in Paris an alle guten Kunden, die im Hauptbuche des Hauses verzeichnet sind, abgegeben. In diesem Geschäftsbuche mit seinen zerknitterten, nach Spezereien riechenden, mit Oel befleckten Blättern ist die Geschichte der Eroberung von Paris durch die Südfranzosen niedergeschrieben, hier sind sie der Reihe nach verzeichnet, die großen Kapitalisten, die bedeutenden Politiker und Industriellen, berühmte Namen von Advokaten, Abgeordneten, Ministern und vor allen der Name Numa Roumestans, des Vendéers des Südens, des Pfeilers von Thron und Altar.

Für diese Zeile, auf welche der Name Roumestan geschrieben war, hätten die Mèfres das ganze Buch ins Feuer geworfen. Er ist es, der ihre Ideen in betreff der Religion, der Politik und in jeder andern Hinsicht am besten vertritt. Wie Madame Mèfre sagt, die noch leidenschaftlicher als ihr Mann fühlt: »Sehen Sie, für diesen Mann würde man seine Seele dem Bösen verschreiben!«

Man erinnert sich mit Vergnügen der Zeit, wo Numa, schon auf dem Weg zum Ruhme, es nicht verschmähte, persönlich seine Einkäufe zu machen. Und wie gut verstand er sich darauf, eine Wassermelone oder eine Wurst durch das bloße Gefühl als saftig zu erkennen und zu wählen. 99 Und dann war er so gut! Dieser schöne, stattliche Mann hatte stets ein Kompliment für Madame, ein gutes Wort für den »teuren Bruder«, eine Liebkosung für die kleinen Mèfres, die ihm die Pakete bis in den Wagen trugen. Seit seiner Ernennung zum Minister, seit ihm diese Bösewichter, die Roten, in beiden Kammern so viel zu schaffen machen, sah man ihn leider nicht mehr, pécaïré! Aber er blieb nach wie vor ein treuer Kunde der Produktenhandlung und wurde stets vor allen andern bedient.

Eines Donnerstag abends gegen 10 Uhr – die Brandadetöpfe standen schon zugebunden in schmucker Ausstattung und schöner Ordnung auf dem Ladentische – saß die Familie Mèfre, die Ladendiener, der alte Valmajour, alles was zu den »Produkten des Südens« gehörte, in Schweiß gebadet und atemlos, aber gemütlich beisammen und ruhten sich mit der erschöpften Miene von Leuten, die eine recht schwere Arbeit glücklich vollbracht haben, aus, während sie Zwieback und Biskuit in Glühwein oder Mandelmilch tunkten, »in etwas Süßes, versteht sich«, denn das Scharfe, Herbe liebt der Südländer nicht. In Stadt und Land kennt man dort die Alkoholberauschung so gut wie gar nicht. Der dortige Menschenschlag hat eine instinktive Furcht, einen instinktiven Abscheu davor. Er fühlt sich von Geburt aus berauscht, berauscht ohne zu trinken.

Und in der That destillieren ihm Luft und Sonne einen entsetzlichen Naturalkohol, dessen Wirkungen alle dort Geborenen mehr oder weniger unterworfen sind. Die einen haben nur jenen kleinen Schluck über den Durst, welcher die Zunge und die Gebärden löst, das Leben in rosigem Lichte zeigt, überall Sympathieen voraussetzen läßt, die Augen strahlen macht, die Straßen erweitert, die Schwierigkeiten beseitigt, die Kühnheit verdoppelt und die Aengstlichen anspornt: andre, denen er mehr zu Kopfe gestiegen ist, wie die kleine Valmajour oder die Tante Portal, verfallen alsbald in das stotternde, bebende, blinde Delirium. Man muß auf den Kirchweihfesten in der Provence gesehen haben, wie die Bauern auf den Tischen stehen, mit ihren schweren gelben Stiefeln aufstampfen und wie sie brüllen, wenn sie rufen: 100 Kellner, Limonade!«, wie ein ganzes Dorf bei einigen Flaschen Limonade sich im Rausche wälzt, um es zu glauben. Und das plötzliche Zusammenbrechen der Berauschten, die vollständige Erschlaffung und Abspannung des ganzen Organismus, die auf die Ausbrüche des Zorns und der Begeisterung so jählings folgt, wie das Aufleuchten der Sonne oder ein Schlagschatten am Märzhimmel! Welcher Südländer hätte dies alles nicht an sich selbst erfahren?

Ohne sich in dem Deliriumsstadium seiner Tochter zu befinden, war Vater Valmajour doch auch mit einem tüchtigen Haarbeutel zur Welt gekommen, und heute abend riß ihn seine Mandelmilchtunke zu ausgelassener Lustigkeit hin, die ihn alle Faxen und Possen eines alten Hanswurstes, der seine Zeche ohne Münze bezahlt, mit schwerer Zunge zum besten geben ließ, während er, das gefüllte Glas in der Hand, in der Mitte des Ladens stand. Die Mèfres und ihre Gehilfen hielten sich den Bauch vor Lachen auf ihren Mehlsäcken: »O dieser Valmajour, pas moins!«

Plötzlich erkaltete das Feuer des alten Narren, und seine Hampelmannsbewegungen stockten wie abgeschnitten vor der Erscheinung einer stürmisch bewegten provençalischen Haube, die er vor sich sah.

»Was macht Ihr hier, Vater?«

Madame Mèfre erhob die Arme zu den Würsten an der Decke: »Wie, das ist Ihre Tochter? . . . Sie haben uns nichts davon gesagt. . . . Ei, wie niedlich sie ist . . . und gewiß brav nicht minder. . . . Beruhigen Sie sich doch, Mamsell!«

Aus Gewohnheit der Lüge sowohl, als um sich seine Freiheit zu wahren, hatte der Alte nie von seinen Kindern gesprochen und sich für einen von seinen Renten lebenden Junggesellen ausgegeben; aber unter Leuten aus dem Süden kommt es auf eine Erfindung mehr oder weniger nicht an. Und wenn auch eine ganze Herde kleiner Valmajours mit Audiberte angerückt wäre, der Empfang wäre ebenso lebhaft und ebenso herzlich gewesen. Man war zuvorkommend gegen sie, man machte ihr Platz: »Natürlich werden Sie auch mit uns einen Zwieback und einen Schluck Wein nehmen?«

Die Provençalin war verblüfft. Sie kam von außen, 101 aus der Kälte, aus dem Dunkel der Nacht, einer Dezembernacht, wo das fieberhaft aufgeregte Leben von Paris trotz der vorgerückten Stunde noch pulsierte und eine noch tollere Gestalt annahm in dem dichten, nach allen Richtungen von dahineilenden Schatten, von den bunten Laternen der Omnibusse und den rauhen Klängen der Signaltrompeten der Pferdebahn, zerrissenen Nebel; sie kam aus dem winterlichen Norden und plötzlich, ohne Uebergang, befand sie sich mitten in der italienischen Provence, umgeben von vertrauten Lauten und Düften in diesem Magazin der Mèfres, das beim Herannahen der Weihnachtszeit von ausgesuchten südlichen, sonnigen Leckereien widerstrahlte. Das war die plötzlich wiedergefundene Heimat, die Rückkehr in dieselbe nach einem Jahre der Verbannung, der Heimsuchungen, der Kämpfe in fernem barbarischen Lande. Eine wohlthuende Wärme durchströmte sie und beruhigte ihre Nerven, während sie ihre »barquette« in ein Gläschen Carthagenerwein bröckelte und all diesen braven Leuten Rede stand, die sich ihr gegenüber so gemütlich und vertraulich zeigten, als hätte man sie schon seit zwanzig Jahren gekannt. Sie fühlte sich wieder in ihrer heimischen Sphäre, in dem Umgang, den sie gewöhnt war, und Thränen traten ihr in die Augen, in diese harten, feuersprühenden Augen, denen das Weinen sonst fremd war.

Der Name Roumestan, den man neben ihr aussprach, that dieser Erregung plötzlich Einhalt. Er kam von den Lippen Madame Mèfres, welche die Adressen der zu versendenden Pakete besichtigte und den Ladenburschen einprägte, sich nicht zu irren und die Brandade für Numa ja nicht nach der Rue de Grenelle, sondern nach der Rue de Londres zu bringen.

»Es scheint, daß die Brandade in der Rue de Grenelle nicht im Geruche der Heiligkeit steht,« bemerkte einer der Gehilfen.

»Das will ich meinen,« sagte Herr Mèfre. . . . »Eine Dame aus dem Norden, eine Nordländerin vom reinsten Wasser. . . . Kocht mit Butter, allons! . . . während in der Rue de Londres der schöne Süden wohnt, mit seiner Heiterkeit, seinen Liedern und – alles mit Oel gekocht. . . . Ich glaub's wohl, daß Numa sich dort wohler fühlt.«

102 Man sprach gar leichthin von dieser zweiten Haushaltung des Ministers in einem sehr bequemen Absteigequartier in der Nähe des Bahnhofes, wo er des offiziellen Pomps ledig sich von den Strapazen der Kammer ausruhen konnte. Sicherlich hätte die überschwängliche Madame Mèfre nicht übel Zeter geschrieen, wenn so etwas in ihrer Ehe vorgekommen wäre, aber bei Numa fand sie das ganz hübsch und selbstverständlich.

Er liebte junge, frische Mädchen; hatten aber nicht etwa alle unsre Könige die gleiche Passion? Karl der Zehnte, wie Heinrich der Vierte, der lose Vogel. Das kam von seiner Bourbonnase her– té pardi!

Und zu der Leichtfertigkeit, der frivolen, spöttischen Weise, mit der man im Süden alle Liebesangelegenheiten behandelt, gesellte sich noch ein gewisser Rassenhaß, die Abneigung gegen die Frau des Nordens, die Fremde, die mit Butter kochte. Man ereiferte sich, man gab einzelne Anekdoten zum besten und sprach von den Reizen der kleinen Alice und von ihren Erfolgen an der Großen Oper.

»Ich habe die Mutter Bachellery zur Zeit der Messe von Beaucaire gekannt,« sagte der alte Valmajour. . . . »Sie sang Romanzen im Café Thibaut.«

Audiberte lauschte atemlos, um kein Wort zu verlieren, prägte sich Namen und Adresse ein, und aus ihren kleinen Augen strahlte eine teuflische Trunkenheit, an welcher der Carthagenerwein keinen Anteil hatte.

 


 

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