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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Die Opfer Roumestans.

Es ist zehn Uhr morgens. Das Vorzimmer des Kultusministers, ein langer, korridorartiger Raum mit dunkeln Vorhängen und eichenem Täfelwerk, beginnt sich mit einer von Minute zu Minute anwachsenden Menge von Bittstellern anzufüllen, die teils sitzen, teils ungeduldig umherstehen. Jeder neu Ankommende übergibt seine Karte dem stattlichen Audienzdiener, der sie entgegennimmt, besichtigt und andächtig, ohne ein Wort zu sprechen. neben sich auf die Schreibunterlage des kleinen Tisches legt, auf dem er bei dem fahlen Lichte des von einem feinen Oktoberregen triefenden Fensters schreibt. Einer der zuletzt Angekommenen hat jedoch die Ehre, diese majestätische Unempfindlichkeit des Mannes einigermaßen zu beleben. Es ist ein wetterharter, sonnverbrannter, nach Teer riechender, untersetzter Mann mit Ohrringen in Form kleiner silberner Anker und der Stimme eines heiseren Seehundes, wie man sie in den Häfen der Provence durch die hellen Morgennebel röcheln hört.

»Sagt ihm, Cabantous sei da, der Lotse. . . . Er weiß schon, wer das ist. . . . Er erwartet mich.«

65 »Sie sind nicht der einzige,« entgegnet der Diener, der bescheiden seinen Scherz belächelt.

Cabantous erfaßt die Feinheit desselben nicht, aber er belacht ihn in gutem Glauben, den Mund bis zu den Ankerohrringen aufreißend, drängt sich mit wiegendem Gange durch die wartende Menge, die seinem durchnäßten Regenschirm ausweicht, und nimmt auf einer Bank an der Seite eines andern Dulders Platz, der beinahe ebenso sonnenverbrannt ist wie er selbst.

»Ei, seht . . . das ist ja Cabantous. . . . He, grüß Gott! . . .«

Der Lotse entschuldigt sich, er erinnert sich seiner nicht.

»Valmajour . . . Sie wissen doch . . . wir kennen uns von dort her . . . von der Arena in Aps.«

»Weiß Gott! 's ist wahr. . . . Na, mein Junge, du kannst sagen, daß Paris dich verändert hat. . . .«

Der Tambourinschläger ist jetzt ein Herr mit schwarzen, sehr langen, nach Künstlerart hinter die Ohren gestrichenen Haaren, was ihm in Verbindung mit seinem dunkeln Teint und seinem blauschwarzen Schnurrbart, den er beständig zwischen den Fingern dreht, das Aussehen eines Zigeuners vom Pfefferkuchenmarkt verleiht. Dazu ist er aufgeblasen und übermütig wie ein Truthahn, eitel auf seine Schönheit und sein musikalisches Talent, wodurch sich, trotz der scheinbaren Ruhe und Schweigsamkeit, die Ueberschwänglichkeit seiner südlichen Natur verrät und Luft macht. Sein Mißerfolg in der Oper hat ihn nicht abgeschreckt. Wie alle Künstler in solchem Falle, schreibt er ihn der Kabale zu; und für ihn wie für seine Schwester nimmt dieses Wort wahrhaft barbarische Proportionen und eine wahre Sanskrit-Orthographie an, die »Kkabbale« ist für sie ein geheimnisvolles Untier, das halb der Klapperschlange und halb dem Roß der Apokalypse gleicht. Und er erzählt Cabantous, daß er in einigen Tagen in einem großen Konzertlokal auf den Boulevards auftreten werde, und zwar in einem »Eskating, wißt Ihr,« wo er, für zweihundert Franken den Abend, in lebenden Bildern auftreten soll.

»Zweihundert Franken pro Abend!« sagt der Lotse und verdreht die Augen.

66 »Und noch mehr, meine ›Biographille‹ wird in den Straßen ausgerufen und mein Bild in Lebensgröße an allen Mauern in Paris angeheftet im Kostüm eines Troubadours aus alter Zeit, das ich abends tragen werde, wenn ich meine Musik mache.«

Dieses Kostüm schmeichelte seiner Eitelkeit ganz besonders. Wie schade, daß er nicht sein gezacktes Barett aufsetzen und seine Schnabelschuhe hatte anziehen können, um dem Minister sein glänzendes Engagement zu zeigen, das er diesmal schwarz auf weiß besaß und das jener nicht unterzeichnet hatte.

Cabantous betrachtete das gestempelte Papier und bemerkte seufzend: »Du hast Glück. . . . Ich aber, ich warte schon länger als ein Jahr auf meine Medaille. . . . Numa sagte mir, ich solle meine Papiere einschicken, meine Papiere sind eingeschickt. . . . Seither habe ich nichts mehr von der Medaille gehört, auch nichts von den Papieren, überhaupt von nichts. . . . Ich habe ans Marineministerium geschrieben, sie kennen mich nicht bei der Marine. . . . Ich habe an den Staatsminister geschrieben, er hat nicht geantwortet. . . . Und was rein zum Tollwerden ist, wenn ich jetzt einen Streit mit den Schiffskapitänen wegen des Lotsengeldes habe, wollen die Schiedsrichter mir ohne meine Papiere kein Gehör schenken. . . . Als ich sah, wie weit es damit gekommen war, da band ich meine Barke fest und dachte: ›Gehen wir 'mal zu Numa!‹«

Der unglückliche Lotse war dem Weinen nahe. Valmajour tröstet und beruhigt ihn, verspricht ihm, sich beim Minister für ihn zu verwenden, und das sagt er alles, sein Bärtchen drehend, ganz zuversichtlich, wie ein Mann, dem man nichts abschlagen kann. Uebrigens ist nicht ihm allein diese selbstbewußte Haltung eigen. Alle diese Leute, die auf eine Ministeraudienz warten, alte Geistliche mit salbungsvollen Mienen, im Besuchskostüme, Professoren aller Art, stutzerhafte Maler mit langen, in die Stirn gekämmten Haaren, beleibte Bildhauer mit Fingern wie Spateln – alle zeigen sie dieselbe triumphierende Miene. Als besondre Freunde des Ministers, die ihrer Sache ganz sicher sind, 67 haben sie alle bei ihrer Ankunft zum Audienzdiener gesagt: »Er erwartet mich.«

Alle haben die Ueberzeugung, wenn Roumestan nur wüßte, daß sie da sind, so . . . Das ist es, was dem Vorzimmer des Kultusministers ein ganz eigentümliches Gepräge gibt, das nichts von der fieberhaften Blässe, von der zitternden Angst zeigt, denen man sonst in den ministeriellen Wartesälen begegnet.

»Wer ist denn bei ihm?« fragt Valmajour ganz laut, indem er sich dem kleinen Tisch nähert.

»Der Direktor der Oper.«

»Cardaillac . . . gut, weiß schon. . . . Es handelt sich um meine Angelegenheit. . . .«

Nach dem Mißerfolg des Tambourinschlägers weigerte sich Cardaillac, ihn nochmals auf seinem Theater auftreten zu lassen. Valmajour wollte Klage erheben; aber der Minister, der die Advokaten und die Theaterzeitungen fürchtet, hatte den Musiker bitten lassen, seine Klage zurückzuziehen, indem er ihm gleichzeitig einen beträchtlichen Schadenersatz zusichern ließ. Ohne Zweifel – so meinte Valmajour – wird jetzt über diesen Schadenersatz gesprochen, und zwar ziemlich lebhaft, denn Numas Trompetenstimme dringt jeden Augenblick durch die doppelte Thüre des Kabinetts, die endlich mit Heftigkeit geöffnet wird.

»Sie wird nicht von mir protegiert, sondern von Ihnen

Mit diesen Worten kommt der dicke Cardaillac heraus und durchschreitet wütend das Vorzimmer, sich mit dem Diener kreuzend, der zwischen einem doppelten Spalier von Eintrittsbegehrenden sich der Thür des Kabinetts näherte.

»Benachrichtigen Sie ihn nur, daß ich hier bin, Sie brauchen nur meinen Namen zu nennen.«

»Sagen Sie ihm, Cabantous sei da.«

Der Diener gibt niemand Gehör, sondern schreitet, einige Visitenkarten in der Hand, würdevoll weiter, und durch die Thür, die er hinter sich halb offen läßt, sieht man in das durch drei nach dem Garten gehende Fenster hell erleuchtete Kabinett des Ministers, dessen eine Wand ganz 68 von dem Hermelinmantel des Herrn von Fontanes bedeckt wird, der dort in Lebensgröße stehend gemalt ist.

Mit einiger Verwunderung auf seinem leichenblassen Gesichte kommt der Diener zurück und ruft: »Herr Valmajour.«

Der Musiker selbst zeigt sich keineswegs verwundert darüber, daß er den Vortritt vor allen hat.

Seit heute früh ist ja sein Bild an den Mauern von Paris angeschlagen. Er ist jetzt ein berühmter Mann und der Minister würde ihn gewiß nicht mehr in der Zugluft eines Bahnhofes schmachten lassen. Selbstgefällig lächelnd steht er nun mitten in dem luxuriös ausgestatteten Kabinett, in welchem Sekretäre beschäftigt sind, Mappen und Schubfächer herunter und heraus zu reißen, um aufgeregt nach etwas zu suchen. Roumestan, die Hände in den Taschen, steht wütend da, donnert, flucht und schreit: »Nun, wo zum Teufel bleiben denn diese Papiere? . . . Man hat also die Papiere des Lotsen verloren. . . . Fürwahr, meine Herren, es herrscht hier eine Unordnung. . . .«

Jetzt bemerkt er Valmajour: »Aha, da seid Ihr!« und mit einem Satze stürzt er auf ihn zu, während die Sekretäre, große Stöße von Mappen auf den Armen, entsetzt durch die Seitenthüren entfliehen.

»Hört mal, werdet Ihr wohl bald aufhören, mich mit Eurer Hundemusik zu verfolgen. . . . Ihr habt also noch nicht genug an einem Fiasko? Wie viele wollt Ihr denn noch erleben? . . . Jetzt seid Ihr gar, wie man mir sagt, halb blau, halb gelb an die Mauern angeklebt. . . . Und was ist das für eine unverschämte Aufschneiderei, die man mir eben gebracht hat? . . . Das soll Eure Biographie sein? . . . Das ist ein Gewebe von Lügen und Blödsinn. . . . Ihr wißt recht gut, daß Ihr ebensowenig ein Prinz seid, als ich, und daß die Urkunden, von denen man spricht, nur in Eurer Einbildung vorhanden sind.«

Während er so sprach, hielt er in brutaler Weise den Unglücklichen mit derber Faust an seinem Jackett fest und schüttelte ihn. Vor allem hätten die Unternehmer des Skatingrings kein Geld. Sie seien nichts als Schwindler. Man 69 werde ihn nicht bezahlen, er werde nichts davontragen als die Schmach dieser schmutzigen Farbenklexerei, die seinen Namen und den seines Gönners schändete. Die Zeitungen würden wieder anfangen schlechte Witze zu machen. Roumestan und Valmajour, die Ministerpfeife. . . . Und bei dem Gedanken an die erlittenen Beleidigungen stieg ihm das Blut zu Kopfe und seine breiten Wangen zitterten im erblichen Jähzorn seiner Familie, in einem Wutanfall à la Tante Portal, der in der feierlichen, offiziellen Umgebung, wo die Persönlichkeit vor der amtlichen Stellung verschwinden soll, desto entsetzlicher erschien.

»Aber so packt Euch doch, elender Kerl, packt Euch!« schrie er aus Leibeskräften . . . »Man will nichts mehr von Euch wissen, man hat Eure Flöte satt . . .«

Valmajour stand wie verdummt; er ließ alles über sich ergehen und stammelte nur »schon recht . . . schon recht . . .«, indem er das mitleidige Gesicht Méjeans, des einzigen, der vor dem Zorn des Gebieters nicht Reißaus genommen hatte, und das große Bild des Herrn von Fontanes flehend anblickte, der über diesen Auftritt empört zu sein und seine Ministermiene noch zu verschärfen schien, je mehr bei Roumestan dieselbe verschwand. Endlich ließ die kräftige Hand, die ihn gepackt hielt, den Musikanten los; er konnte die Thüre erreichen und, außer sich, samt seinen Skatingbillets die Flucht ergreifen.

»Cabantous, Lotse! . . .« sagte Numa, indem er die Karte las, die ihm der Diener kaltblütig überreichte. ». . . Ein zweiter Valmajour! Nein, ich habe es satt . . . ich will mich nicht länger von solchen Leuten mißbrauchen lassen. . . . Für heute ist es zu Ende . . . ich bin nicht mehr zu sprechen . . .«

Er fuhr fort sein Kabinett zu durchmessen, um den letzten Rest des furchtbaren Zorns austoben zu lassen, dem Valmajour so ungerechterweise zum Opfer gefallen war. Dieser Cardaillac! So unverschämt zu sein! Erlaubt sich der Mensch, herzukommen und ihm wegen der »Kleinen« Vorwürfe zu machen, im eignen Hause, im Ministerkabinett, vor Méjean, vor Rochemaure. »Ja, ich bin entschieden zu 70 schwach! . . . Die Ernennung dieses Menschen zum Direktor der Oper ist ein arger Fehlgriff.« Sein Kabinettschef teilte diese Ansicht, aber er hütete sich wohl, es zu sagen; denn Numa war nicht mehr der gute Junge von ehemals, der zuallererst über seine Unbesonnenheiten und die daraus entstandenen Verlegenheiten lachte und Spöttereien oder Vorstellungen ruhig hinnahm. Seit er dank seiner Rede von Chambéry und andrer oratorischer Heldenthaten der wirkliche Chef des Kabinetts geworden war, hatte ihn der Rausch des Hoheitsgefühls, diese autokratische Atmosphäre, in der selbst die stärksten Köpfe das Gleichgewicht verlieren, umgewandelt und ihn nervös, eigenwillig, reizbar gemacht.

Die Thüre hinter einer Portiere öffnete sich und Madame Roumestan erschien, zum Ausgehen bereit, in elegantem Hut und weitem Mantel, der ihre Taille verhüllte. Und mit der heitern Miene, die schon seit fünf Monaten ihr hübsches Gesicht verklärte, fragte sie: »Hast du Ministerrat heute? . . . Guten Tag, Herr Méjean.«

»Jawohl . . . Ministerrat . . . Sitzung . . . alles mögliche!«

»Und ich wollte dich bitten, mich zu Mama zu begleiten . . . ich frühstücke dort. . . . Hortense würde sich so sehr gefreut haben.«

»Du siehst, es ist nicht möglich.«

Er sah auf seine Uhr.

»Ich muß um 12 Uhr in Versailles sein.«

»Dann warte ich auf dich und bringe dich nach dem Bahnhof.«

Er zögerte eine Sekunde, nur eine Sekunde lang.

»Gut . . . ich unterzeichne das hier, dann gehen wir.«

Während er schrieb, gab Rosalie Herrn Méjean ganz leise Auskunft über das Befinden ihrer Schwester. Der herannahende Winter übe eine schlechte Wirkung darauf aus, es sei ihr verboten worden, auszugehen. Warum er sie nicht besuche; sie bedürfe aller ihrer Freunde.

»O! Meiner nicht! . . .« sagte Méjean mit dem Ausdruck trauriger Entschuldigung.

»Ja doch, ja doch . . . es ist noch nicht alles für Sie verloren. Es ist nur eine Laune, und ich bin sicher, daß sie nicht von Dauer sein wird.«

71 Sie sah die Dinge in rosigem Lichte und wollte ihre ganze Umgebung so glücklich wissen, wie sie es selbst war. O, so glücklich, so über alle Maßen glücklich, daß sie in heimlichem Aberglauben sich selbst nicht die ganze Größe ihres Glückes einzugestehen wagte. Roumestan sprach überall, zu fernstehenden Personen wie zu den intimen Freunden, mit komischem Stolze von seiner Vaterschaft. »Wir werden es das Kind des Ministeriums nennen,« sagte er und lachte über seinen Witz, daß ihm die Augen übergingen.

Wahrlich für den, der sein Leben außer dem Hause kannte, seine schamlos eingerichtete zweite Haushaltung mit Empfangsabenden und offner Tafel, war dieser aufmerksame, so überaus zärtliche Gatte, der mit Thränen in den Augen von seinen Vaterhoffnungen sprach, ein Rätsel. Dieser Mann, der mit solcher Seelenruhe log und dennoch aufrichtig in seinen Zärtlichkeitsbeweisen war, mußte das Urteil eines jeden irre führen, der die gefährliche Vielseitigkeit der südlichen Natur nicht kannte.

»Ich werde dich jedenfalls hinbringen,« sagte er zu seiner Frau, als sie in den Wagen stieg.

»Wenn man aber auf dich wartet? . . .«

»Thut nichts . . . man möge auf mich warten. . . . Um so länger sind wir beisammen.«

Er nahm den Arm Rosaliens unter den seinigen und sagte, sich wie ein Kind an sie schmiegend: », siehst du, nur hier befinde ich mich wohl . . . deine Sanftmut beruhigt mich, deine Kaltblütigkeit stärkt mich. . . . Dieser Cardaillac hat mich furchtbar geärgert . . . er ist ein Mensch ohne Gewissen und ohne Moral!«

»Wußtest du das nicht schon früher?«

»Es ist eine Schande, wie er dieses Theater leitet!«

»Es ist wahr, das Engagement dieses Fräuleins Bachellery . . . warum hast du ihm auch freie Hand gelassen? Ein Frauenzimmer, an dem alles falsch ist, ihre Jugend, ihr Gesang, sogar die Wimpern.«

Numa fühlte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. Er war es ja, der ihr jetzt die Wimpern mit den Spitzen seiner dicken Finger anklebte; Mama Bachellery hatte es ihn gelehrt.

72 »Wem gehört sie denn, diese Nichtsnutzige? . . . Der ›Messager‹ sprach neulich von hoher Beeinflussung, von geheimnisvoller Protektion . . .«

»Ich weiß nicht, wem sie gehört . . . ohne Zweifel ist Cardaillac damit gemeint.«

Er wandte sich ab, um seine Verlegenheit zu verbergen, und warf sich dann plötzlich erschrocken in den Wagen zurück.

»Was gibt es denn?« fragte Rosalie, die nun gleichfalls einen Blick durchs Wagenfenster warf. Das ungeheure Plakat des Skatingrings, dessen schreiende Farben unter dem grauen, regnerischen Himmel grell hervortraten, erschien an jeder Straßenecke, an jeder nackten Mauer, an jedem Bretterverschlag: ein riesiger Troubadour, ringsum von lebenden Bildern umgeben, ein gelb-grün-blauer Klecks mit einem quer übergeworfenen ockerfarbenen Tambourin. Der lange Pfahlzaun vor dem im Bau begriffenen Stadthaus, an welchem sie eben vorüberfuhren, war ganz bedeckt mit dieser plumpen, auffallenden Reklame, die selbst dem Pariser Maulaffentum zu stark erschien.

»Mein Henker!« rief Roumestan in komischer Verzweiflung.

Und Rosalie entgegnete im Tone sanften Vorwurfs: »Nein . . . dein Opfer . . . und wenn es noch das einzige wäre. Aber noch eine andre hat Feuer gefangen an deiner Begeisterung . . .«

»Wer denn?«

»Hortense.«

Und nun erzählte sie ihm, was ihr trotz der Geheimthuerei des jungen Mädchens endlich zur Gewißheit geworden war, – von der Liebe Hortenses zu diesem Bauernburschen, die sie anfangs nur für phantastische Schwärmerei gehalten habe, die ihr aber jetzt als eine moralische Verirrung ihrer Schwester große Besorgnis einflöße.

Der Minister war empört: »Ist es möglich? . . . Dieser Bauernlümmel, dieser Hansnarr! . . .«

»Sie sieht ihn in dem Zauberspiegel ihrer Phantasie und besonders im Lichte deiner Legenden, deiner Märchen, die sie für bare Münze genommen hat. Darum eben erfüllt 73 mich diese Reklame, diese abgeschmackte Kleckserei, die dich empört, – im Gegenteil mit Freude. Ich denke, ihr Held wird ihr nun bald so lächerlich erscheinen, daß sie es nicht mehr wagen wird, ihn zu lieben. Sonst wüßte ich nicht, was aus uns werden sollte. Denke dir die Verzweiflung meines Vaters, stelle dir dich selbst als Schwager Valmajours vor . . . o Numa, Numa, du armer Leutefopper wider Willen! . . .«

Er verteidigte sich nicht, sondern war wütend über sich selbst und über den »verfluchten Süden«, über den er nicht Herr werden konnte.

»Siehst du, du solltest immer so wie jetzt dicht an meiner Seite bleiben, meine liebe Beraterin, mein heiliger Schutzengel. Es gibt niemand auf der Welt, der so gut und nachsichtig gegen mich ist, wie du, niemand, der mich wie du versteht und liebt.«

Er führte ihre kleine, beschuhte Hand an seine Lippen und sprach mit so lebhafter Ueberzeugung, daß Thränen, wahrhafte Thränen in seinen Augen schimmerten. Durch diese Herzensergießung belebt und erleichtert, fühlte er sich wohler, und nachdem er bei Ankunft auf der Place Royale seiner Frau mit aller möglichen Fürsorge beim Aussteigen behilflich gewesen war, rief er im heitersten Tone der Welt und frei von jeglichen Gewissensbissen seinem Kutscher zu: »Rue de Londres . . . schnell!«

Rosalie, die sich langsam entfernte, hörte diese Adresse beiläufig und war schmerzlich davon berührt. Nicht als ob sie den geringsten Verdacht geschöpft hätte, aber er hatte ihr ja kurz zuvor gesagt, er gehe nach dem Saint-Lazare-Bahnhof. Warum entsprachen seine Handlungen nie seinen Worten? . . .

Eine andre Beunruhigung erwartete sie in dem Zimmer ihrer Schwester, wo sie bei ihrem Eintritt bemerkte, daß ein Wortwechsel zwischen Hortense und Audiberte plötzlich abgebrochen wurde, der in dem zornigen Gesicht der Bäuerin und dem Zittern des Haubenbandes über ihren Furienhaaren noch seinen Nachklang fand. Die Anwesenheit Rosaliens hielt sie im Zaume; man sah es an den boshaft zusammengekniffenen Lippen und den gerunzelten Brauen; da sich 74 jedoch die junge Frau erkundigte, wie es ihr gehe, so mußte sie ihr wohl oder übel antworten, und sprach nun in fieberhafter Aufregung vom Skating, von den glänzenden Bedingungen, unter denen ihr Engagement abgeschlossen sei. Als Rosalie aber dazu ganz ruhig blieb, fragte sie in fast unverschämtem Tone: »Wird Madame in das Skating kommen, um meinen Bruder zu hören? . . . Mir scheint, das wäre schon der Mühe wert, wenn auch nur, um ihn in seinem Kostüm zu sehen!«

Dieses lächerliche Kostüm, das Audiberte in ihrer bäuerischen Ausdrucksweise vom geschlitzten Barett bis zu den Schnabelschuhen beschrieb, spannte die arme Hortense, die ihre Schwester nicht mehr anzusehen wagte, auf die Folter. Rosalie entschuldigte sich: ihr Gesundheitszustand erlaube ihr nicht, das Theater zu besuchen. Ueberdies gebe es in Paris gewisse Vergnügungsorte, wo nicht alle Frauen hingehen könnten. Bei diesen Worten fiel ihr die Bäuerin in die Rede: »Bitte um Verzeihung. . . . Ich für meinen Teil gehe hin, und ich denke, daß ich nicht schlechter bin, als irgend eine andre . . . ich habe nie etwas Böses gethan und stets meine religiösen Pflichten erfüllt.«

Sie sprach immer lauter und ganz ohne ihre frühere Schüchternheit, als hätte sie förmliche Rechte im Hause erlangt. Aber Rosalie war viel zu gutmütig und stand viel zu hoch über dieser armen Thörin, als daß sie dieselbe hätte demütigen wollen, besonders im Gedanken an die Verantwortlichkeit Numas. Dagegen versuchte sie mit dem Aufgebot ihrer ganzen Herzensgüte und ihres ganzen Zartgefühls in jenen Worten der Wahrheit, die heilsam wirken, wenn sie auch ein wenig schmerzen, derselben verständlich zu machen, daß ihr Bruder durchaus keinen günstigen Erfolg gehabt habe und solchen in diesem unbarmherzigen Paris auch niemals haben werde, daß sie daher besser thun würden, statt auf dem demütigenden Kampfe, der sie schon in die niedrigsten Sphären der Kunst gebracht habe, zu bestehen, in ihre Heimat zurückzukehren und ihr Haus zurückzukaufen, wozu man ihnen die Mittel verschaffen würde. Bei ihrer Arbeit und bei ihrem Leben in der freien Natur würden sie 75 dann die Enttäuschungen verschmerzen, die ihnen dieses unglückliche Unternehmen verursacht habe.

Die Bäuerin ließ sie zu Ende reden, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, nur auf Hortense schleuderte sie ihre ironischen, boshaften Blicke, wie um sie zu einer Antwort aufzureizen. Als sie aber schließlich sah, daß das Mädchen auch jetzt noch nichts offenbaren wollte, erklärte sie rundweg, daß sie nicht gehen würden, daß ihren Bruder Verpflichtungen jeglicher Art in Paris zurückhielten . . . Verpflichtungen jeglicher Art, denen er sich unmöglich entziehen könne. Darauf warf sie ihren schweren, feuchten Mantel, den sie über eine Stuhllehne gelegt hatte, über den Arm, machte Rosalie eine heuchlerische Verbeugung: »Schönen guten Tag, Madame . . . und jedenfalls besten Dank!« und entfernte sich, von Hortense gefolgt.

Im Vorzimmer sagte sie zu letzterer, der Dienerschaft wegen mit gedämpfter Stimme: »Also Sonntag abend, nicht wahr? . . . Um halb elf Uhr ganz bestimmt.« Und in drängendem, befehlendem Tone fügte sie hinzu: »Das sind Sie ihm doch schuldig, Ihrem armen Freunde . . . um ihm Mut zu machen. . . . Was riskieren Sie denn auch? Ich hole Sie ab und ich bringe Sie wieder nach Hause.«

Da sie Hortense immer noch zögern sah, so rief sie ziemlich laut und in drohendem Tone: »Nun also, sind Sie seine Braut? . . . Ja oder nein.«

»Ich werde kommen . . . ich werde kommen . . .« sagte das junge Mädchen erschrocken.

Als sie ins Zimmer zurückkehrte, fragte Rosalie, die ihre Zerstreutheit und Traurigkeit bemerkte: »An was denkst du denn, mein liebes Herz? . . . Handelt es sich immer noch um die Fortsetzung deines Romans? . . . Er muß inzwischen sehr weit vorgerückt sein!« fügte sie heitern Tones hinzu, indem sie Hortense umfaßte.

»O ja, sehr weit vorgerückt. . . .« Und nach einer kleinen Weile setzte sie in dumpfem, schwermütigem Tone hinzu: »Aber ich weiß noch nicht, wie er enden wird.«

* * *

76 Sie liebte ihn nicht mehr: vielleicht hatte sie ihn auch nie wirklich geliebt. Durch die Ferne, wie durch den »holden Glanz«, mit dem das Unglück den Letzten der Abencerragen umgab, verklärt und verwandelt, war er ihr von weitem als der Mann erschienen, der ihr vom Schicksal bestimmt sei. Sie hatte es groß und edelmütig gefunden, dem Manne, den alles verließ, der Erfolg wie der Beistand seines Gönners, ihr Leben zu verpfänden. Aber welch unerbittliche Klarheit wurde ihr, als sie zurückkehrte! Mit welchem Entsetzen sah sie, wie sehr sie sich getäuscht hatte!

Der erste Besuch Audibertes verletzte sie durch die veränderten, allzufreien und vertraulichen Manieren derselben, und durch die Blicke des Einverständnisses, womit sie ihr ganz leise zuraunte: »Er wird mich abholen . . . pst! . . . Sagen Sie nichts!« Das erschien ihr doch etwas übereilt, etwas dreist, besonders der Gedanke, diesen jungen Mann bei ihren Eltern einzuführen. Aber die Bäuerin wollte die Dinge überstürzen. Und Hortense erkannte sofort ihren Irrtum, als sie diesen Komödianten vor sich sah, der sein Haar mit begeisterter Miene zurückwarf und den provençalischen Sombrero auf seinem Charakterkopfe knetete und zurückschob; noch immer ein schöner Mann, aber zu sichtlich bemüht, schön zu erscheinen.

Anstatt etwas demütig und bescheiden aufzutreten, um die edelmütige Regung, mit der man ihm entgegengekommen war, zu rechtfertigen, zeigte er die siegesbewußte und selbstgefällige Miene des Eroberers, und ohne ein Wort zu sprechen – denn er hätte nicht gewußt, was er sagen solle – behandelte er die feine Pariserin, wie er in ähnlichem Falle die von Combettes behandelt hätte, er faßte sie mit der schmachtenden Gebärde eines verliebten Soldaten um die Taille und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los und stieß ihn mit einem plötzlichen Aufzucken ihrer empörten Nerven gewaltsam von sich, sodaß er erschrocken und verblüfft dastand, während Audiberte sich schleunigst ins Mittel legte und ihren Bruder sehr stark zurechtwies. Was seien das für Manieren? Das habe er wohl in Paris gelernt, gewiß im Faubourg »Saint Germéïn« bei seinen Herzoginnen?

77 »Warte doch wenigstens ab, bis sie deine Frau ist!«

Und sich zu Hortense wendend: »Er liebt Sie einmal so sehr . . . die Liebesqual verzehrt ihn, den Aermsten, pécaïré!«

Von nun an glaubte Valmajour, wenn er seine Schwester abholte, die finstre und verhängnisvolle Miene eines Helden annehmen zu müssen, wie man sie auf den Titelblättern musikalischer Werke sieht: »Die See, sie harret mein, des Ritters Hadjoute.« Das Mädchen hätte davon gerührt sein können, aber der arme Bursche erschien ihr offenbar gar zu nichtig: er wußte nichts andres zu thun, als seinen Filzhut zu glätten, während er ihr von seinen Erfolgen im Faubourg St. Germain oder von den Eifersüchteleien der Komödianten erzählte. So sprach er eines Tages eine Stunde lang über die Grobheit des schönen Mayol, der sich nicht herbeigelassen habe, ihn nach einem Konzerte zu beglückwünschen, und wiederholte fortwährend: »Das ist also euer Mayol! . . . Wahrlich, er ist nicht höflich, euer Mayol!«

Und dazu das Verhalten Audibertes gegenüber diesem eiskalten Liebespaare; diese fortwährende Ueberwachung, diese sittenpolizeiliche Strenge, die sie zur Schau trug. O, wenn sie geahnt hätte, welches Entsetzen, welcher Ekel über ihren furchtbaren Mißgriff Hortenses Seele erfüllte!

»Huh, die Memme, die Memme! . . .« sagte die Bäuerin manchmal zu ihr und versuchte zu lachen, während ihre Augen zornig funkelten, denn sie fand, daß die Sache sich zu lange hinzog, und glaubte, das Mädchen zögere aus Furcht vor den Vorwürfen und dem Widerstand ihrer Eltern. Als ob das in Betracht gekommen wäre für diese freie und stolze Natur, wenn sie wahre Liebe im Herzen getragen hätte; wie aber sagen: »Ich liebe« und sich wappnen, sich ereifern und kämpfen, wenn man gar nicht liebt?

Und doch hatte sie ihr Versprechen gegeben und jeden Tag peinigte man sie durch neue Ansprüche; so mit diesem »ersten Auftreten« im Skating, wohin sie die Bäuerin mit aller Gewalt bringen wollte, weil sie auf den Erfolg rechnete, auf die hinreißende Wirkung der Beifallsbezeigungen, die das 78 letzte Bedenken beseitigen sollten. Und nach langem Widerstreben hatte die arme Kleine schließlich in diesen nächtlichen Ausgang hinter dem Rücken ihrer Mutter eingewilligt, der sie zu lügen zwang und ihr ein sie tief demütigendes Einverständnis mit Audiberte auferlegte: sie hatte nachgegeben aus Furcht, aus Schwäche und vielleicht auch in der Hoffnung, dort ihren ersten Eindruck wiederzufinden, das entschwundene Traumbild wieder zu erhaschen und die in so trostloser Weise erloschene Flamme wieder anzufachen.

 


 

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