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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Die Rede von Chambéry.

»Nein, mit der Schwalbe Flü . . . ü . . . gel,
Enteil' ich über die Hü . . . ü . . . gel . . .«

sang die kleine Bachellery mit ihrer scharfen Stimme, die heute morgen ganz klar und lustig klang, während sie in einem eng anliegenden Phantasiemantel mit blauseidner Kapuze, der zu einem barettartigen, mit langem, weißem Gazeschleier umwundenen Hütchen paßte, vor dem Spiegel stand und ihre Handschuhe zuknöpfte. Geschniegelt und gebügelt für den Ausflug, duftete die fröhliche kleine Person nach frischer Toilette und die neue anständige Kleidung stand im wohlthuenden Gegensatz zu dem schmutzigen Durcheinander des Hotelzimmers. Ueberreste des gestrigen Soupers standen zwischen Spielmarken, Karten und Kerzen auf dem Tische dicht bei dem aufgedeckten Bette und einer großen Badewanne mit den köstlichen Molken von Arvillard, das unfehlbarste Mittel, um die Nerven der badenden Dame zu 53 beruhigen und ihrer Haut eine samtartige Weichheit zu verleihen. Unten erwartete sie der offne Wagen, dessen Gespann ungeduldig die Schellen schüttelte, und ein zahlreiches, jugendliches Gefolge, das sich zu Pferde vor dem Perron herumtummelte.

Als sie eben mit dem Ankleiden fertig war, klopfte es an die Thür.

»Herein! . . .«

Roumestan trat sehr erregt ein und streckte ihr ein großes Couvert entgegen: »Hier, mein Fräulein . . . lesen Sie . . . lesen Sie!«

Es war ihr Engagement an der Oper. Fünf Jahre Kontrakt, mit der Bewilligung des gewünschten Gehaltes, des fett gedruckten Namens auf dem Theaterzettel, kurz alles. Als sie einen Artikel nach dem andern kalt und gemessen entziffert hatte bis auf Cardaillacs plumpe Unterschrift, dann, aber auch erst dann, näherte sie sich dem Minister, hob ihren gegen den Staub der Straße schon herabgelassenen Schleier und sagte, sich an ihn schmiegend und ihm ihr rosiges Mäulchen entgegenstreckend: »Sie sind lieb . . . ich bin Ihnen gut! . . .«

Mehr war nicht nötig, um den Staatsmann allen Verdruß vergessen zu lassen, den ihm dieses Engagement verursachen mußte. Trotzdem beherrschte er sich und blieb ernst, steif und kalt wie ein Fels.

»Jetzt habe ich mein Wort gehalten und ziehe mich zurück . . . ich will Ihren Ausflug nicht stören. . . .«

»Meinen Ausflug? . . . Ach ja, es ist wahr . . . wir gehen nach Chateau-Bayard.«

Und indem sie ihm schmeichelnd ihre Arme um den Hals legte, sagte sie: »Sie werden mit uns kommen! . . . Ach ja . . . ach ja . . .«

Sie streifte sein Gesicht mit ihren langen, dichten Wimpern und zwickte ihn sogar mit ihren Zähnchen – aber nicht empfindlich – in sein klassisches Kinn.

»Mit diesen jungen Leuten? . . . Das ist unmöglich . . . wo denken Sie hin?«

»Diese jungen Leute? . . . Was scheren mich diese 54 jungen Leute . . . ich lasse sie laufen. . . . Mama wird es ihnen sagen . . . o, sie sind schon daran gewöhnt. . . . Hörst du, Mama?«

»Ich gehe gleich,« sagte Madame Bachellery, die man im Nebenzimmer gewahrte, wie sie den Fuß auf einem Stuhl vor sich legend, bemüht war, zu enge Zeugstiefel über ihre roten Strümpfe zu ziehen. Sie machte dem Minister ihre schönste Verbeugung aus den »Folies-Bordelaises« und eilte hinunter, um die Herren nach Hause zu schicken.

»Nimm ein Pferd für Bompard . . . er wird mit uns kommen,« rief die Kleine ihr nach; und Numa, gerührt von dieser Aufmerksamkeit, genoß nun mit vollen Zügen die köstliche Empfindung, den ganzen Schwarm übermütiger junger Leute, die mit ihrem Pferdegetrappel so oft sein Herz zerstampft hatten, gedemütigt abziehen zu hören, während er selbst das hübsche Mädchen im Arme hielt. Ein langer Kuß, den ein verheißungsvolles Lächeln begleitete, dann entwand sie sich ihm.

»Kleiden Sie sich rasch an. . . . Ich kann es kaum erwarten, bis wir auf dem Wege sind.«

Welch neugierige Aufregung im Hotel, welches Gaffen hinter den Jalousieen, als man hörte, daß der Minister an der Partie nach Chateau-Bayard teilnehme, als man seine breite, weiße Weste und den sein römisches Profil beschattenden Panamahut in dem offnen Wagen der Sängerin gegenüber prangen sah. »Am Ende« – um mit dem Pater Olivieri zu sprechen, den seine Reisen vielfach abgehärtet hatten – »was war denn so Schlimmes dabei? Fuhr die Mutter nicht mit, und gehörte dieses Chateau-Bayard als historisches Denkmal etwa nicht in das Ressort des Ministers? Mein Gott, seien wir doch nicht so unduldsam, zumal Männern gegenüber, die ihr Leben der Verteidigung der guten Sache und unsrer heiligen Religion widmen.«

»Bompard kommt nicht, was macht er nur?« brummte Roumestan vor sich hin, ungeduldig, hier vor dem Hotel zu warten, wo ihn das Kreuzfeuer all dieser von oben herabspähenden Blicke trotz des Schirmdaches traf. An einem Fenster der ersten Etage erschien jetzt etwas Seltsames, ein weißes, rundes, fremdartiges Etwas, das ihm mit dem bekannten 55 Accente des ehemaligen Tscherkessenhäuptlings zurief: »Fahrt voraus . . . ich werde euch einholen . . . je rejoueïndrai.«

Als hätten sie nur auf dieses Zeichen gewartet, setzten sich die beiden Maultiere, niedrig im Bug, aber sicher auf den Füßen, ihre Schellengeläute schüttelnd, in Gang und durcheilten in scharfem Trabe den Park und den Hof der Badeanstalt.

»Aufgepaßt! Aufgepaßt!«

Die erschreckten Badegäste und die Sänften machen eilig Platz, die Badefrauen, ihre großen Schürzentaschen mit Geld und farbigen Bademarken gefüllt, erscheinen am Eingang der bedeckten Gänge; die Badediener, nackt wie die Beduinen unter ihren wollenen Decken, tauchen mit halbem Leibe auf der zu den Schwitzstuben führenden Treppe auf; in den Inhalationssälen werden die blauen Vorhänge zurückgeschoben: man will den Minister mit der Sängerin vorüberfahren sehen; aber sie sind schon vorbei, denn in vollem Galopp geht es hinab durch die gewundenen, engen, finstern Gassen von Arvillard, auf spitzigen, festgerammten, mit Schwefel und Feuerstein geäderten Kieselsteinen, auf denen der Wagen funkensprühend aufschnellt, daß die niedrigen, altersgrauen und verfallenen Häuser schwanken, und an den mit Mietzetteln behängten Fenstern, auf der Schwelle der kleinen Läden voller Alpenstöcke, Sonnenschirme, Bergschuhe Kalksteine, Erze, Krystalle und andrer Fallstricke für Badegäste, Köpfe sichtbar werden, die sich beim Anblick des Ministers entblößen und tief neigen. Sogar die Kretins erkennen ihn und grüßen den Großmeister der Universität von Frankreich mit ihrem rauhen, unbewußten Lachen, während die beiden Damen sehr stolz im Bewußtsein der ihnen erwiesenen Ehre ihm kerzengerade in würdiger Haltung gegenübersitzen. Erst als sie das Städtchen im Rücken haben, auf der schönen Landstraße von Pontcharra, machen sie es sich bequem, während die Maultiere am Fuße des Schloßturmes von Treuil, den Bompard als Ort ihres Zusammentreffens bestimmt hat, verschnaufen.

Die Zeit vergeht, kein Bompard erscheint. Man weiß, daß er ein guter Reiter ist, hat er sich doch so oft dessen 56 gerühmt. Man wundert, man ärgert sich, besonders Numa, der ungeduldig ist auf dieser weißen, ebenen, endlos scheinenden Landstraße weiterzukommen, der den Stunden dieses Tages vorauseilen möchte, welcher wie ein neues Leben voller Hoffnung und Abenteuer für ihn anbricht. Endlich taucht aus einer Staubwolke unter dem angstvoll keuchenden Rufe: »ho! . . . la . . . ho! . . . la . . .« der Kopf Bompards auf unter einem jener mit weißer Leinwand überzogenen, einem Taucherapparate ähnlichen Korkhelme, wie sie in der britisch-indischen Armee im Gebrauche sind und den der Südländer von Paris mitgenommen hatte, um seiner Reise einen dramatischen Anstrich zu verleihen und bei dem Hutmacher den Glauben zu erwecken, er reise nach Bombay oder Calcutta.

»So komm doch, du Trödelhans.«

Bompard schüttelte den Kopf mit tragischer Miene. Offenbar war bei seinem Ausritt irgend etwas vorgefallen, und der Tscherkesse mußte den Leuten vom Hotel eine traurige Idee von seiner Kunst sich im Gleichgewicht zu halten gegeben haben, denn seine Aermel und sein Rücken bekundeten deutlich, daß er mit dem Straßenstaub in unmittelbare Berührung gekommen war.

»Schlechtes Pferd,« sagte er, indem er die Damen grüßte und der Wagen sich wieder in Gang setzte, – »schlechtes Pferd, aber ich habe es zur Vernunft gebracht.«

So gut zur Vernunft gebracht, daß das seltsame Tier jetzt überhaupt nicht mehr weiter wollte, sondern auf den Boden stampfte und sich trotz aller Anstrengungen des Reiters im Kreise herumdrehte wie eine kranke Katze. Der Wagen war schon wieder weit weg.

»Bompard, kommst du?«

»Fahrt nur voran, . . . ich werde euch einholen. . . .« rief er noch im schönsten Marseiller Basse, dann machte er eine verzweifelte Gebärde und in sausendem Galopp sah man ihn den Weg nach Arvillard einschlagen. Sie dachten alle: er hat wohl etwas vergessen, und man kümmerte sich nicht weiter um ihn.

Die Landstraße, eine breite französische Landstraße, mit Nußbäumen besetzt, wand sich um die Höhen. Zu ihrer 57 Linken lagen, terrassenförmig aufsteigend, Kastanien- und Kiefernwaldungen; zur Rechten ungeheure Abhänge, die sich unabsehbar bis in die Thäler erstreckten, wo Dörfer in tiefen Schluchten wie eingezwängt erschienen, wo Weinberge mit Getreide- und Maisfeldern, Maulbeer- mit Mandelbäumen abwechselten und blendende Teppiche von Ginster sich ausbreiteten, dessen Körner, in der Hitze platzend, ein fortwährendes Knistern verursachten, als ob der Boden selbst in Flammen stünde. Man hätte dies in der That glauben können angesichts der Schwüle und der sengenden Glut der Luft, die gar nicht von der Sonne zu kommen schien, welche beinahe unsichtbar hinter einem Dunstschleier verborgen war – sondern von glühenden Dämpfen, die der Erde entstiegen, so daß der Anblick des Glayzin und seiner Schneekuppe, die man anscheinend mit der Spitze der Sonnenschirme berühren konnte, einen ordentlich erfrischenden, köstlichen Eindruck gewährte.

Roumestan erinnerte sich keiner Landschaft, selbst nicht in seiner geliebten Provence, die dieser gleich gekommen wäre, er fühlte sich überglücklich und empfand weder Sorgen noch Gewissensbisse. Seine treue und vertrauensvolle Gattin, das erhoffte Kind, die Prophezeiung Bouchereaus in Bezug auf Hortense, den schlimmen Eindruck, den das Erscheinen des Cardaillacschen Anstellungsdekretes im amtlichen Blatte hervorrufen mußte, nichts von alledem war mehr für ihn vorhanden. Sein ganzes Geschick erschien ihm jetzt in diesem schönen Mädchen verkörpert, dessen Augen seine Augen widerspiegelten, dessen Kniee die seinen berührten und das ihm, unter dem azurblauen, von ihrem rosigen Teint durchschimmerten Schleier, seine Hand drückend, zusang:

Jetzt bist du meines Herzens Freude,
Laß ins Gebüsch uns fliehen beide. . . .

Während sie, wie vom Winde fortgetragen, die Landstraße dahin sausten, erweiterte sich die Landschaft mehr und mehr und eine ungeheure Ebene entrollte sich jetzt halbkreisförmig vor ihren Blicken – Seen, Dörfer und Berge wurden sichtbar, die je nach dem Grade ihrer Entfernung in verschiedenem Lichte erschienen: es war Savoyen, auf dessen Boden sie sich jetzt 58 befanden. »Wie schön das ist! Wie großartig!« rief die Sängerin aus. Er antwortete ganz leise: »Wie lieb' ich Sie!«

Beim letzten Halteplatze holte sie Bompard nochmals ein, aber in sehr kläglichem Zustande, sein Pferd am Zügel führend. »Das ist ein wunderliches Tier . . .« sagte er ohne weitere Erklärung, und da die Damen sich erkundigten, ob er gefallen sei: »O nein . . . es ist nur meine alte Wunde, die wieder aufgebrochen ist!« Er war verwundet worden? . . . Wo? . . . Wann? . . . Davon hatte er ja nie gesprochen; aber bei Bompard hatte man stets Ueberraschungen zu gewärtigen. Er stieg in den Wagen, sein sehr friedfertiges Pferd ließ sich folgsam hinten anbinden und dann ging es weiter nach Chateau-Bayard, dessen notdürftig restaurierte, mit kegelförmigem Dache versehenen runden Türme auf einer Hochfläche zum Vorschein kamen.

Eine Magd kam ihnen entgegen, eine verschmitzte Bauerndirne vom Gebirge, die im Dienste eines alten Geistlichen stand, des früheren Seelsorgers der Nachbargemeinden, der unter der Bedingung, den Touristen freien Zutritt zu gewähren, Schloß Bayard bewohnt. Wenn ein Besuch angemeldet wird, zieht sich der sehr würdige Geistliche in sein Zimmer zurück, falls es sich nicht um hervorragende Persönlichkeiten handelt; aber der Minister hütete sich wohl, auf einer Vergnügungspartie in dieser Gesellschaft seine Titel preiszugeben, und so zeigte ihnen das Mädchen, ihre eingelernten Phrasen herleiernd, wie gewöhnlichen Besuchern, was von der alten Burg des Ritters ohne Furcht und Tadel noch vorhanden ist, indes der Kutscher in einer Laube des kleinen Gartens das Frühstück auftrug.

»Hier ist die alte Kapelle, wo der edle Ritter des Morgens und Abends . . . ich bitte meine Damen und Herren zu sehen, wie dick diese Mauern sind.«

Man sah gar nichts. Es war ganz dunkel und man stolperte über Schutthaufen, auf welche nur das schwache Licht einer Schießscharte fiel, das zugleich im Gebälke der Decke einen Heuboden erblicken ließ. Numa, Arm in Arm mit seiner Kleinen, machte sich ein wenig lustig über den Ritter Bayard und »seine ehrbare Mutter, die Dame Helene 59 des Allemans.« Der Modergeruch dieser Altertümer sagte ihnen nicht zu, und als Madame Bachellery, um das Echo des Küchengewölbes zu probieren, ganz ausgelassen das neueste Lied ihres Mannes anstimmte: »Das hab' ich von Papa . . ., das hab' ich von Mama . . .«, nahm niemand Anstoß daran, ganz im Gegenteil, man war erbaut davon.

Draußen aber war das Frühstück auf einem massiven Steintische serviert, und als der erste Hunger gestillt war, da ergriff sie die stille Pracht ihrer Umgebung, das Thal von »Graisivaudan«, »Les Bauges«, die düstern, gewaltigen Wälle der »Großen Karthause«, und der schroffe Gegensatz, in welchem die großartige Natur zu dem kleinen, terrassenförmig angelegten Baumgarten stand, wo dieser alte Einsiedler ganz seinem Gotte, seinen Tulpenbäumen und seinen Bienen lebte, und durchdrang sie allmählich mit einem ernsten, süßen Gefühl, das fast Andacht war. Beim Nachtisch erzählte der Minister, hie und da einen Blick in das Reisehandbuch werfend, um sein Gedächtnis aufzufrischen, von Bayard, »von seiner armen Frau Mutter, die zärtliche Thränen vergoß«, als der Knabe am Tage, wo er als Page des Herzogs von Savoyen nach Chambéry ging, vor dem nördlichen Thore noch seinen kleinen Hengst courbettieren ließ; an derselben Stelle, wo jetzt schlank und majestätisch der Schatten des großen Turmes gleich dem Gespenst des zerfallenen alten Schlosses sich weithin erstreckte.

Und mehr und mehr in Eifer geratend, las Numa die schönen Worte vor, die Frau Helene beim Abschiede an ihren Sohn gerichtet hatte: »Peter, mein Sohn, ich empfehle dir vor allen Dingen, Gott zu lieben, zu fürchten und ihm zu dienen, ohne je gegen seinen Willen zu verstoßen, insofern es dir möglich ist.« Aufrecht auf der Terrasse, mit einer großartigen Gebärde, die bis nach Chambéry wies, setzte er hinzu: »So muß man zu den Kindern sprechen, so müßten alle Eltern, alle Lehrer . . .« Er hielt plötzlich inne und schlug sich vor die Stirn.

»Meine Rede! . . . Da ist ja meine Rede . . . Jetzt hab' ich sie. . . . Prächtig! Bayards Schloß, eine lokale Sage . . . Seit vierzehn Tagen suche ich schon danach . . . und hier hab' ich sie!«

60 »Das ist ja ein Fingerzeig der Vorsehung,« rief Madame Bachellery voll Bewunderung, wenngleich sie den Schluß des Frühstücks etwas zu ernst fand. . . . »Welch ein Mann! Welch ein Mann!«

Auch die Kleine schien sehr begeistert zu sein, aber der erregbare Roumestan achtete nicht darauf. Der Redner war in ihm erwacht; in Hirn und Brust wallte es siedendheiß und ganz in seine Idee vertieft, sagte er, mit spähenden Blicken umherschauend: »Es wäre herrlich, wenn man die Sache von Schloß Bayard aus datieren könnte.«

»Wünscht der Herr Advokat vielleicht einen ruhigen Winkel, um zu schreiben?«

»O, ich habe nur einige Notizen zu entwerfen . . . Sie erlauben, meine Damen, bis man Ihnen den Kaffee serviert, komme ich wieder. . . . Ich will nur mein Datum schreiben können, ohne zu lügen.«

Die Magd führte ihn in ein kleines, sehr altertümliches Zimmer im Erdgeschoß, dessen kuppelartig abgerundetes Gewölbe noch Spuren von Vergoldung zeigt, und von dem man behauptet, es sei das Betzimmer Bayards gewesen, ebenso wie man den angrenzenden geräumigen Saal, in welchem ein großes bäurisches Himmelbett mit Vorhängen von geblümtem Kattun steht, als sein Schlafzimmer zeigt.

Hier zwischen den dicken Mauern, die der schwülen Luft den Eintritt wehrten, hinter der halbgeöffneten Glasthür, durch die das Licht auf das Papier fiel und süße Düfte aus dem kleinen Obstgarten hereindrangen, hier ließ es sich gut schreiben.

Im Beginn konnte die Feder des Redners nicht rasch genug dem begeisterten Fluge der Gedanken folgen, dutzendweise und kopfüber entströmten ihm die Phrasen, die bekannten, aber beredten südländischen Advokatenphrasen, farblos, aber verhaltenes Feuer atmend und hie und da in knisternde Funken aufsprühend, wie das Metall in der Abflußrinne einer Erzgießerei. Plötzlich hielt er inne, weil er keine Worte mehr fand, oder weil ihn die Fahrt ermüdet und das Frühstück ihm zu Kopfe gestiegen war. Er ging im Bet- und Schlafzimmer hin und her, sprach laut, suchte sich anzufeuern, 61 seinem widerhallenden Schritt lauschend, als wäre es der des berühmten Toten, und setzte sich wieder, ohne eine Zeile schreiben zu können . . . alles drehte sich um ihn, die mit Kalk geweißten Wände, wie dieser in Schlaf lullende Lichtstrahl. Im Garten hörte er das Geklapper von Tellern und lautes Gelächter wie aus weiter Ferne, und endlich sank er mit der Nase auf sein Konzept und in tiefen Schlaf.

. . . Ein heftiger Donnerschlag scheuchte ihn auf. Wie lange mochte er da geruht haben? Ein wenig verwirrt ging er hinaus in den einsamen, stillen Garten. Der Duft der Tulpenbäume erfüllte die Luft. In der leeren Laube summten die Wespen schwerfällig um die klebrigen Champagnergläser und um den Zucker in den Tassen, welche die Bauerndirne, die durch das heraufziehende Gewitter in thörichte, nervöse Angst versetzt war, geräuschlos abräumte, sich währenddem bei jedem Blitz bekreuzigend. Sie teilte Numa mit, das Fräulein habe nach dem Frühstück heftiges Kopfweh bekommen, deshalb habe sie es in das Bayardzimmer geführt, damit es dort ein wenig schlafe; sie habe ganz leise die Thür wieder geschlossen, um »den Herrn« bei seiner Arbeit nicht zu stören. Die zwei andern, die dicke Dame und der Herr mit dem weißen Hute, seien ins Thal hinabgegangen und würden sicher naß werden, denn es gebe ein . . . »Da sehen Sie! . . .«

Ueber dem zerklüfteten Kamm der »Bauges« und den Kalksteinfelsen der großen Karthause, die wie ein sagenhafter Sinai von Blitzen umlodert wurden, erschien eine große, schwarze Wolke, gleich einem ungeheuren Tintenklecks, am Himmel, die zusehends größer wurde und unter welcher das ganze Thal, das wogende Laub der grünen Bäume, das Gold der Getreidefelder, die durch leichte Wolken aufgewirbelten Staubes angedeuteten Straßen, der silberglänzende Wasserspiegel der Isère, in eigentümlich greller Beleuchtung erschienen, in einem blendend weißen, wie durch einen Reflektor schräg einfallenden Licht, das immer greller wurde, je weiter die dumpf grollende, drohende Wolke ihren Schatten warf. In der Ferne erblickte Roumestan den Leinwandhelm 62 Bompards, der gleich der Laterne eines Leuchtturmes weithin funkelte.

Er kehrte ins Zimmer zurück, vermochte aber nicht seine Arbeit wieder aufzunehmen. Jetzt lähmte der Schlaf seine Feder nicht mehr, er fühlte sich im Gegenteil durch Alice Bachellerys Nähe seltsam erregt. War sie denn aber auch wirklich noch da? Er öffnete leise die Thür und wagte nicht, sie wieder zu schließen, aus Furcht, den lieblichen Schlummer der Sängerin zu stören, die sich mit gelösten Kleidern aufs Bett geworfen hatte und dem Auge ein berückendes Gemisch wirrer Haare, offner Gewänder und kaum verhüllter weißer Formen darbot.

»Nimm dich zusammen, Numa! . . . Im Zimmer Bayards, des Ritters ohne Furcht und Tadel. . . . Was, Teufel! qué diable!«

Er nahm sich thatsächlich beim Kragen wie einen Missethäter, führte sich zum Tische zurück und zwang sich, Platz zu nehmen; und dort, den Kopf zwischen den Händen, Augen und Ohren zuhaltend, um sich besser in seinen zuletzt niedergeschriebenen Satz zu versenken, wiederholte er ganz leise: »Und, meine Herren, diese letzten Ermahnungen der Mutter Bayards, die uns in der so herzgewinnenden Sprache des Mittelalters überliefert worden sind, wir wünschten, daß sie von der Universität Frankreichs . . .«

Die Gewitterschwüle, die gleich dem Schatten gewisser Bäume in den Tropenländern betäubend wirkte, erschlaffte ihn. Ein köstlicher herber Duft, den die Blüten der Tulpenbäume oder die gelösten blonden Flechten aushauchten, die dort nebenan auf dem Bett lagen, berauschte ihn und machte ihm den Kopf schwer. Der unglückliche Minister! Er mochte sich an seine Rede anklammern, soviel er wollte, mochte die Erinnerung an den Ritter ohne Furcht und Tadel, an das gesamte Schulwesen, den Kultus, den Rektor von Chambéry heraufbeschwören, – es verschlug alles nichts. Er mußte nochmals in das Zimmer Bayards zurückkehren und zwar diesmal in die nächste Nähe der Schläferin, so daß er ihren leisen Atem spürte und mit der Hand den 63 geblümten Stoff der Himmelbettvorhänge berührte, welche diesen herausfordernden Schlaf, diesen bläulichweißen, rosig durchschimmerten Teint einrahmten, der einer vollblütigen Dirne von Fragonard anzugehören schien.

Selbst hier, am Rande der Versuchung, kämpfte der Minister noch und murmelte mechanisch die Phrase von den »letzten Ermahnungen« vor sich hin, »welche die französische Universität . . .« als die Sängerin durch einen heftigen, sich rasch wiederholenden Donnerschlag plötzlich aus dem Schlafe auffuhr.

»O, wie ich erschrocken bin. . . . Ah, Sie sind es?«

Sie lachte ihn mit den hellen Augen eines erwachenden Kindes an, ohne die geringste Verlegenheit über ihr Negligee zu zeigen. So schauten sie sich ergriffen und regungslos an im stummen Austausch ihres glühenden Begehrens. Aber plötzlich wurde das Zimmer in dunkle Nacht gehüllt, weil der Sturm die hohen Fensterläden einen nach dem andern zuschlug. Man hörte Thüren krachen, einen Schlüssel zu Boden fallen, Blätter und Blüten auf dem Sande bis zur Thürschwelle wirbeln, vor welcher der Sturm kläglich heulte.

»Welch schreckliches Gewitter!« flüsterte sie ihm leise zu, indem sie seine glühende Hand erfaßte und ihn fast bis unter die Vorhänge des Bettes zog.

* * *

»Und, meine Herren, diese letzten Ermahnungen der Mutter Bayards, die uns in der so herzgewinnenden Sprache des Mittelalters überliefert worden sind . . .«

Es war zu Chambéry angesichts des alten Schlosses der Herzöge von Savoyen und jenes wundervollen Amphitheaters von grünen Hügeln und schneeigen Bergen, an welches Chauteaubriand dachte, als er vor dem Taygetusgebirge stand, wo der Großmeister der Universität, umgeben von gestickten Uniformen, von akademischen Palmzweiginsignien, von Hermelinmänteln und Generalsepauletten, diesmal sprach und eine unabsehbare Menschenmenge durch die 64 Macht und das Feuer seines Wortes, durch die Gebärde seiner kräftigen Hand beherrschte und begeisterte, die noch die kleine Kelle mit elfenbeinernem Griff hielt, womit er den Grundstein des Gymnasiums festgekittet hatte.

»Wir wünschten, daß die Universität Frankreichs sie an jedes ihrer Kinder richten möge: Peter, mein Sohn, ich empfehle dir vor allen Dingen . . .« Und während er diese rührenden Worte anführte, zitterten seine Hände, seine Stimme und seine breiten Wangen vor Bewegung, indem er des großen duftenden Gemaches gedachte, wo im Toben eines denkwürdigen Gewitters die Rede von Chambéry verfaßt worden war.

 


 

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