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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Ein Badeort.

(Fortsetzung.)

An dem Morgen, wo das Badejournal ankündigte, daß Se. Excellenz der Herr Kultusminister, Bompard, Attaché, und deren Gefolge in den »Alpes Dauphinoises« abgestiegen seien, herrschte in den benachbarten Hotels große Aufregung.

36 Die »Laita« hielt gerade seit zwei Tagen mit der Anmeldung eines katholischen Bischofs von Genf zurück, um ihn im rechten Augenblick vorzuführen, ebenso einen Generalrat vom Departement der Isère, einen Hilfsrichter von Tahiti, einen Architekten von Boston, kurz eine ganze Ladung vornehmer Personen; die »Chevrette« erwartete einen »Abgeordneten aus dem Rhonedepartement nebst Familie«. Aber der Abgeordnete, der Hilfsrichter, alles erblaßte und verlor sich in dem feurigen Strahlenkranze des Ruhmes, der Numa Roumestans Namen umgab. Man sprach nur von ihm und beschäftigte sich nur mit ihm. Unter allen möglichen Vorwänden suchte man in die »Alpes Dauphinoises« zu gelangen und an dem kleinen Saal im Erdgeschoß vorüberzugehen, wo der Minister in Gesellschaft seiner Damen und seines Attachés speiste; oder einer Partie »Boule«, diesem bei den Südfranzosen so beliebten Spiel, zuzusehen, die er mit dem Missionär Pater Olivieri, einem frommen, schrecklich behaarten Mann spielte, der durch seinen langen Aufenthalt bei den Wilden deren Manieren angenommen hatte, beim Zielen ein entsetzliches Geschrei ausstieß und beim Werfen die Kugeln gleich einem Tomahawk über seinem Kopfe schwang.

Die stattliche Erscheinung des Ministers, die Ungezwungenheit seiner Manieren und besonders seine Sympathie für Leute in untergeordneter Stellung gewannen ihm aller Herzen. Am Tage nach seiner Ankunft meldeten die beiden Kellner, welche in der ersten Etage servierten, im Büreau des Hotels, daß der Minister sie als Kammerdiener mit nach Paris nehme. Da die Betreffenden gute Diener waren, machte Madame Laugeron ein saures Gesicht, ließ jedoch die Excellenz, deren Aufenthalt für ihr Hotel so ehrenvoll war, nichts davon merken. Der Präfekt, der Rektor kamen in Gala von Grenoble, um Roumestan ihre Aufwartung zu machen. Der Abt des Klosters »La Grande Chartreuse« – Roumestan hatte für die Mönche einen Prozeß gegen die Prämonstratenser und deren Elixier geführt – sandte ihm mit großem Gepränge eine Kiste extrafeinen Liqueurs. Zuletzt kam auch der Präfekt von 37 Chambéry, um die Befehle des Ministers für die Feier der Grundsteinlegung zum neuen Gymnasium entgegenzunehmen, welche Gelegenheit bot, in einer Programmrede eine Umwälzung in den Sitten der studierenden Jugend anzustreben. Aber der Minister verlangte einen kurzen Aufschub; die Arbeiten der Session hätten ihn ermüdet; er wollte ausruhen, sich im Kreise der Seinigen erholen und mit Muße sich auf die Rede von Chambéry vorbereiten, die von so großer Tragweite war. Der Herr Präfekt begriff dies sehr wohl und bat nur, achtundvierzig Stunden vorher benachrichtigt zu werden, um der Feierlichkeit den nötigen Glanz zu verleihen. Der Stein hatte schon zwei Monate gewartet, er konnte sich auch noch bis zur geneigten Stimmung des erlauchten Redners gedulden!

Was in Wirklichkeit Roumestan in Arvillard zurückhielt, war keineswegs das Bedürfnis nach Ruhe oder nach Muße – denn auf diesen wunderbaren Improvisator wirkten Zeit und Nachdenken, wie Feuchtigkeit auf Phosphor – sondern die Anwesenheit der Bachellery. Nach fünf Monaten leidenschaftlichen Hofierens war Numa seiner »Kleinen« nicht näher getreten, als bei ihrer ersten Begegnung.

Er besuchte die Familie, labte sich an der künstlich zubereiteten Fischsuppe der Madame Bachellery und an dem Gesang des ehemaligen Direktors der Folies-Bordelaises und bekundete seinen Dank für diese kleinen Vergünstigungen durch eine Menge von Geschenken, Blumensträußen, Logenbilleten, durch Karten zu den Sitzungen der Akademie und der Kammer, selbst durch die Ernennung des Coupletdichters zum »Officier d'Académie«, ohne einen Schritt weiter zu kommen. Und doch war er keiner jener Neulinge, die zu jeder Stunde ihre Netze auswerfen, ohne das Wasser zuvor sondiert und eine solide Lockspeise ausgesetzt zu haben. Aber er hatte es mit dem schlauesten, behendesten Goldfischchen zu thun, das seiner Vorsichtsmaßregeln spottete, den Köder anbiß, ihm manchmal die Illusion bereitete, als hätte er seinen Fang gemacht, mit einem Ruck jedoch entschlüpfte, so daß er mit verlangenden, lechzenden Lippen zurückblieb und das Fortschnellen des geschmeidigen, verführerischen 38 Leibes gleich Geißelhieben auf sein Herz fiel. Es gab nichts Abspannenderes, als dieses Spiel. Indessen lag es nur an Numa, demselben ein Ende zu machen, indem er der »Kleinen« gab, was sie verlangte, ihre Ernennung zur ersten Sängerin an der Oper, einen Vertrag auf fünf Jahre, einen beträchtlichen Gehalt, Spielhonorar, die Vergünstigung, auf dem Theaterzettel mit großen Lettern gedruckt zu stehen, und alles das schwarz auf weiß auf Stempelpapier und nicht bloß durch den einfachen Händedruck Cardaillacs, durch sein »Schlagt ein!« festgemacht. Sie glaubte daran nicht mehr, als an die »Ich stehe dafür . . . es ist, als ob Sie es schwarz auf weiß hätten . . .« womit Roumestan sie seit fünf Monaten zu ködern suchte.

Letzterer wurde von zwei Seiten mit Forderungen bestürmt. »Ja,« sagte Cardaillac, »wenn Sie meinen Vertrag erneuern.« Nun war aber Cardaillac eine anrüchige Persönlichkeit: er war unmöglich geworden, seine Stellung an der Spitze des ersten Musikinstitutes war ein Skandal, ein Schandfleck, eine verdächtige Hinterlassenschaft der kaiserlichen Regierung. Die Presse würde sicherlich gegen den dreimal in Bankrott geratenen Spieler protestieren, der sein Offizierkreuz nicht tragen durfte, gegen den cynischen »montreur«, der für Geld jede Persönlichkeit auf die Bühne brachte und die Staatsgelder schamlos vergeudete. Alice wurde es endlich müde, sich nicht fangen lassen zu können, zerriß die Schnur und machte sich samt der Angel aus dem Staube.

Als der Minister eines Tages zu den Bachellerys kam, fand er ein leeres Haus und nur den Vater vor, der ihm als Trost seinen jüngsten Coupletrefrain vorsang:

Gib du mir von dem, was dein ist,
Ich geb' dir von dem, was mein ist.

Roumestan suchte seiner Ungeduld Herr zu werden und zwar einen ganzen Monat lang, dann besuchte er den fruchtbaren Dichter wieder, der jetzt so freundlich war, ihm sein allerneustes Lied vorzusingen:

Geht die Wurst, geht alles gut . . .

und ihm mitteilte, daß die Damen sich so außerordentlich wohl im Bade befänden, daß sie noch einmal so lange dort 39 zu bleiben gedächten, als sie zuerst beabsichtigt hatten. Da fiel es Roumestan plötzlich ein, daß man ihn in Chambéry zur Grundsteinlegung des Gymnasiums erwarte, auf ein leeres Versprechen hin, das wohl auch ein solches geblieben wäre, hätte Chambéry nicht in der Nähe von Arvillard gelegen, wohin Jarras, der Arzt und Freund des Ministers, durch einen wunderbaren Zufall soeben Fräulein Le Quesnoi geschickt hatte.

Sie begegneten sich unmittelbar nach seiner Ankunft im Garten des Hotels. Sie zeigte sich sehr überrascht, ihn zu sehen, als ob sie nicht schon am selben Morgen im Badejournal die bezügliche pomphafte Mitteilung gelesen, und als ob nicht schon seit acht Tagen das ganze Thal mit den tausend Stimmen seiner Wälder, seiner Quellen und seiner unzähligen Echos die erwartete Ankunft Sr. Excellenz verkündet hätte.

»Sie hier?«

Er nahm seine Ministermiene an und antwortete steif und würdevoll: »Ich komme, um meine Schwägerin zu besuchen.«

Uebrigens war er verwundert, Fräulein Bachellery noch in Arvillard zu treffen. Er glaubte, sie sei schon abgereist.

»Ei, ich muß mich wohl kurieren, da Cardaillac behauptet, daß meine Stimme so schwach sei.«

Damit winkte sie ihm nach Pariser Art einen flüchtigen Gruß mit den Augen zu und entfernte sich mit lautem Trillern, gleich einer Grasmücke, deren liebliches Gezwitscher man noch hört, nachdem der Vogel längst verschwunden ist. Aber von diesem Tage an änderte sich ihr ganzes Benehmen. Sie war nicht mehr das frühreife Kind, das immer im Hotel herumtollte, den kleinen Monsieur Paul beim Spiel besiegte, sich schaukeln ließ, nur an harmlosen Spielen mit den Kleinen Gefallen fand und die strengsten Mütter wie die griesgrämigsten Geistlichen durch sein unbefangenes, naives Lachen und seinen pünktlichen Kirchenbesuch entwaffnete. Jetzt kam Alice Bachellery, die Diva der Bouffes, der niedliche, verschmitzte und leckere Bäckerjunge zum Vorschein, die sich mit jungen Gecken umgab, Feste, Ausflüge und 40 Soupers improvisierte, welche die beständige Anwesenheit der Mutter nur ungenügend gegen schlimme Deutung schützte.

Jeden Morgen hielt ein offner Wagen mit weißem, baldachinartigem, mit Fransen besetztem Schirmdach versehen, vor dem Perron des Hotels, eine Stunde bevor die Damen in ihren hellen Kleidern herabkamen und geräuschvoll von einem Trupp lustiger Reiter umschwärmt wurden, zu dem alles gehörte, was in den »Alpes Dauphinoises« und den benachbarten Hotels von freien, ledigen Männern vorhanden war: der Hilfsrichter, der amerikanische Architekt und vor allem der junge Mann mit der Spannkraft, den die Diva nicht mehr durch ihre harmlosen Kindereien zu entmutigen schien. Den Wagen vollgepfropft mit Mänteln für die Rückkehr, auf dem Bocke ein großer Korb mit Lebensmitteln, fuhr man in scharfem Trab durch das Dorf und drei Stunden Wegs im Gebirge auf steilen, gewundenen Pfaden, in gleicher Höhe mit den Gipfeln tannenbewaldeter, jäh nach Abgründen und schäumenden Wildbächen abstürzender Berge, der großen Karthause von Sankt Mugon zu, oder man fuhr nach Brame-Farine, wo man Gebirgskäse frühstückt und dazu einen hellroten, sehr herben Wein trinkt, nach dessen Genuß die Alpen, der Montblanc, der ganze wundervolle Horizont, der sich dort dem Auge erschließt: die eisstarrenden Gipfel, die blauen Bergrücken, die kleinen Seen, die wie leuchtende Bruchstücke des Himmels am Fuße der Felsen liegen, sich im Kreise zu drehen scheinen.

Die Rückfahrt erfolgte »per Rutschbahn«, in Schlitten aus Baumzweigen ohne Lehne, an denen man sich anklammern muß, um nicht zu fallen, die pfeilschnell die Abhänge hinuntergleiten und an weniger steilen Strecken von einem Aelpler gezogen werden, der immer geradeaus geht, gleichviel ob der Weg über den samtnen Teppich der Almen oder durch das steinige Bett eines trockenen Wildbaches führt, und mit gleicher Schnelligkeit Felsstücke wie breite Bäche überspringt, bis man endlich zerschlagen, geblendet, atemlos, mit flimmernden Augen und am ganzen Leibe zitternd mit der Empfindung unten anlangt, als sei man dem entsetzlichsten Erdbeben entronnen.

41 Und das Tagewerk war nicht vollbracht, wenn nicht die ganze Gesellschaft im Gebirge von einem Unwetter mit Blitz und Hagel überrascht und tüchtig eingeweicht wurde, welches die Pferde scheu machte, der Landschaft einen dramatischen Anstrich gab und eine Aufsehen machende Heimkehr vorbereitete. Die kleine Bachellery, im Männerüberzieher, eine Haselhuhnfeder auf dem Barett, saß dann auf dem Bock, die Zügel in der Hand, tüchtig zupeitschend, um sich zu erwärmen, und erzählte, sobald sie abgestiegen war, die überstandene Gefahr mit hinreißendem Feuer, frischer Stimme, funkelnden Augen und doch mit einem leisen Schauer von Furcht, durch ihre warmblütige Jugend das kalte Bad des Platzregens überwindend.

Wenn sie dann wenigstens das Bedürfnis nach einem guten Schlaf empfunden hätte, nach jenem tiefen Schlafe, wie er sich nach solchen Gebirgsausflügen einzustellen pflegt! Doch nein, bis zum frühen Morgen währte in den Gemächern dieser Frauen das Lachen, Singen und das Knallen der Champagnerpfropfen. Speisen wurden zu so ungewöhnlicher Stunde noch hinaufgetragen, Spieltische zurechtgerückt, und all das über dem Kopfe des Ministers, dessen Wohnung sich gerade unter derjenigen der Sängerin befand.

Mehrmals beklagte er sich darüber bei Madame Laugeron, die zwar einerseits Se. Excellenz zu befriedigen wünschte, andrerseits es aber auch mit so einträglichen Kunden nicht gern verderben wollte. Und außerdem hat man denn wirklich ein Recht, besondre Ansprüche in den Badehotels zu machen, wo mitten in der Nacht Gäste kommen und gehen, wo Koffer auf und ab geschleift werden, wo die Bergsteiger sich schon vor Tagesanbruch zum Marsche rüsten und mit ihren plumpen Stiefeln und mit Eisen beschlagenen Alpenstöcken umherpoltern, wo der Stickhusten der Kranken, jener herzzerreißende, ununterbrochene Husten, der wie Röcheln, Schluchzen, wie das Krähen eines heiseren Hahnes klingt, ringsum erschallt?

Diese schlaflosen, schwülen Julinächte, die Roumestan, in fieberhafter Aufregung seinen quälenden Gedanken nachhängend, im Bett durchwachte, während über ihm das von 42 Trillern und Skalen unterbrochene laute Lachen seiner Nachbarin erklang, hätte er wohl dazu verwenden können, sich auf seine Rede für Chambéry vorzubereiten, aber er war zu aufgeregt, zu wütend, so daß er sich nur mit Mühe zurückhielt, in die obere Etage hinaufzustürmen, um den jungen Mann mit der Spannkraft, den Amerikaner und den infamen Hilfsrichter, der eine Schande für den französischen Richterstand in den Kolonieen war, mit Fußtritten fortzujagen und die boshafte kleine Spitzbübin am Halse zu packen, an ihrem von Trillern geschwellten Turteltaubenhalse, und ihr ein für allemal zu sagen: »Wirst du bald aufhören mir solche Qualen zu bereiten?«

Um sich zu beruhigen und diese, sowie andre noch lebhaftere und schmerzlichere Visionen zu verscheuchen, zündete er sein Licht an, rief den im Nebenzimmer schlafenden Bompard herbei, den Vertrauten, das stets dienstwillige Echo, und man plauderte von der »Kleinen«. Dazu hatte er ihn ja mitgenommen und ihn nicht ohne Mühe von der Aufstellung seiner künstlichen Brüthenne losgerissen. Bompard tröstete sich darüber, indem er den Pater Olivieri, der die Straußenzucht von seinem langen Aufenthalt in Captown her gründlich kannte, in seine Angelegenheit einweihte, und die Erzählungen des frommen Mannes, seine Reisen, sein Märtyrertum, die verschiedene Art und Weise, mit welcher er in verschiedenen Ländern gemartert worden war, dieser kräftige Büffeljägerleib, den man gebrannt, gesägt und gerädert hatte, diese Musterkarte der raffiniertesten Grausamkeit, alles das, vereint mit dem erfrischenden Fächeln der von ihm erträumten seidenweichen, schillernden Federn, interessierte den phantasiereichen Bompard weit mehr, als die Geschichte von der kleinen Bachellery; aber er war auf seinen Begleiterberuf so gut dressiert, daß Numa ihn selbst zu dieser Stunde bereit fand, seine Aufregung und seine Entrüstung zu teilen und seinen edeln Zügen unter den Zipfeln eines seidenen Taschentuches, das ihm als Nachtmütze diente, den Ausdruck des Zornes, der Ironie oder des Schmerzes zu verleihen, je nachdem es sich um die falschen Wimpern der abgefeimten Kleinen, um ihre sechzehn Jahre, die wohl 43 vierundzwanzig wert waren, oder um die unmoralische Mutter handelte, die an so skandalösen Orgien teilnahm. Endlich als Roumestan genug deklamiert, gestikuliert und die ganze Schwäche seines verliebten Herzens enthüllt hatte, und die Kerze verlöschend sagte: »Geh! Laß uns versuchen zu schlafen,« machte sich Bompard die Dunkelheit zu nutze und rief, ehe er sich niederlegte: »Ich weiß, was ich thäte, wenn ich an deiner Stelle wäre!«

»Was?«

»Ich würde Cardaillacs Vertrag erneuern.«

»Nimmermehr!«

Und mit heftiger Gebärde vergrub er sich in seine Bettdecken, um sich gegen den Lärm von oben zu schützen.

Eines Nachmittags zur Zeit des täglichen Konzerts, die im Badeleben eine Stunde des Kokettierens und Plauderns bedeutet, während alle Badegäste vor dem Kurhause wie auf dem Verdeck eines Schiffes zusammengedrängt auf und ab gingen, im Kreise umherspazierten oder sich auf den in drei Reihen aufgestellten Stühlen niederließen, hatte sich der Minister in eine einsame Allee geflüchtet, um Fräulein Bachellery auszuweichen, die er in glänzender, blau und roter Toilette in Begleitung ihres Generalstabes ankommen sah. Allein auf dem äußersten Ende einer Bank sitzend, durch die Abendstunde und die ferne Musik wehmütig gestimmt, war er in trübe Gedanken versunken und wühlte mechanisch mit der Spitze seines Sonnenschirms in den goldnen Streiflichtern, welche die untergehende Sonne auf den Kies der Allee streute, als ein Schatten, der langsam darüber glitt, ihn veranlaßte, aufzublicken. Es war Bouchereau, der berühmte Arzt, der mit sehr bleichem, aufgedunsenem Gesicht und schleppendem Gange vorüberging. Sie kannten sich, wie alle Pariser sich kennen, die eine bevorzugte soziale Stellung einnehmen. Zufällig war Bouchereau, der seit mehreren Tagen sein Zimmer nicht verlassen hatte, zur Geselligkeit aufgelegt; er ließ sich nieder und plauderte.

»Sind Sie denn krank, Doktor?«

»Sehr krank,« entgegnete der andre in seiner borstigen Weise. . . . »Ein angeerbtes Uebel . . . eine 44 Herzerweiterung. Meine Mutter ist daran gestorben, meine Schwestern auch. . . . Nur werde ich, dank meinem schrecklichen Beruf, nicht so lange leben wie sie; ich habe noch ein – allerhöchstens zwei Jahre vor mir.«

Diesem großen Gelehrten, diesem unfehlbaren Diagnostiker gegenüber, der mit so ruhiger Zuversicht von seinem Tode sprach, wäre alles, was man hätte erwidern können, hohle Phrase gewesen. Roumestan begriff dies und schwieg, während er im stillen dachte, daß dies ein ernsterer Kummer sei, als sein eigner. Ohne ihn anzusehen, fuhr Bouchereau mit dem starren Blick und dem streng logischen Gedankengang, den sich der Professor durch seine Lehrthätigkeit angeeignet hatte, in seiner Rede fort: »Weil wir Mediziner nicht zeigen, was wir empfinden, glaubt man, daß wir keine Gefühle haben, daß wir im Kranken nur die Krankheit, niemals den leidenden Menschen behandeln. Das ist ein großer Irrtum! . . . Ich habe meinen Lehrer Dupuytren, der doch gewiß für einen hartgesottenen Menschen galt, am Bette eines armen, kleinen Diphtheritiskranken, der ganz leise sagte, er möchte nicht sterben, bitterlich weinen sehn. . . . Und dies herzzerreißende Flehen der Mutterangst, die von Leidenschaft zitternden Hände, die unsern Arm pressen, der Schrei: ›Mein Kind! Retten Sie mein Kind!‹ Und die Väter, die sich standhaft zeigen wollen und; während ihnen die hellen Thränen über die Backen laufen, mit recht männlicher Stimme sagen: ›Sie werden ihn durchbringen, nicht wahr, Doktor?‹ . . . Man mag sich abhärten, wie man will, solche Ausbrüche der Verzweiflung sind unsereinem Stiche ins Herz; und das gibt einem den Rest, wenn man ohnedies schon herzleidend ist. . . . Vierzig Jahre praktizieren, um jeden Tag erregbarer und empfindlicher zu werden! . . . Meine Kranken sind es, die mich getötet haben. Ich sterbe an den Leiden andrer.«

»Aber ich glaubte, Sie erteilten keine Konsultationen mehr, Doktor,« erwiderte der Minister, der sich ergriffen fühlte.

»O, nein, nie mehr und niemand, wer es auch sein möge. Ich könnte einen Menschen hier vor mir niederstürzen sehen, ohne mich nach ihm zu bücken. . . . Sie begreifen 45 wohl, es wird einem am Ende zuwider, ein solches Leiden durch andrer Leiden zu nähren. Ich will leben . . . es geht nichts über das Leben.«

Sein bleiches Gesicht belebte sich und seine krankhaft eingesunkenen Nüstern saugten gierig die dünne von lauen Düften, Fanfarengeschmetter und Vogelgezwitscher erfüllte Luft ein. Dann seufzte er schmerzlich und fuhr fort: »Ich praktiziere nicht mehr, aber ich bleibe immerhin Arzt, ich behalte die verhängnisvolle Gabe der Diagnostik, dies entsetzliche zweite Gesicht des verborgenen Symptoms, des verheimlichten Leidens, das mir in dem Vorübergehenden, den ich flüchtig angeschaut, in dem in voller Kraft und Lebensfrische gehenden, sprechenden, handelnden Menschen den Sterbenden, den regungslosen Leichnam zeigt. . . . Und das so klar und gewiß, wie ich die letzte Ohnmacht herannahen sehe, aus der mich nichts wieder ins Leben rufen wird.«

»Das ist ja schrecklich,« murmelte Numa, der sich erblassen fühlte, und da er wie alle Südländer unbändig am Leben hing und Krankheit und Tod gegenüber eine Memme war, wandte er sich von dem furchtbaren Gelehrten ab und wagte nicht mehr ihn anzusehen, aus Furcht, er möge auf seinem blühend roten Antlitz die Verkündung eines nahen Endes lesen.

»Ah, diese schreckliche Diagnostik, um die sie mich alle beneiden, wie drückt sie mich nieder, wie verdirbt sie mir das bißchen Leben, das mir noch bleibt! . . . Sehen Sie, ich kenne hier eine arme Frau, deren Sohn vor etwa zehn oder zwölf Jahren an der Kehlkopfschwindsucht gestorben ist. Ich hatte denselben zweimal gesehen und war der einzige von allen, der die Bedenklichkeit des Uebels im voraus konstatierte. Jetzt finde ich diese arme Mutter wieder mit einer jungen Tochter hier, und ich kann sagen, daß mir die Anwesenheit dieser Unglücklichen meinen ganzen Aufenthalt im Bade verdirbt und mir mehr Schaden zufügen wird, als meine Kur wieder gut machen kann. Sie verfolgen mich, wollen mich konsultieren, und ich weigere mich dessen aufs entschiedenste. . . . Es ist nicht nötig, dieses Kind zu auskultieren, um sein Todesurteil zu sprechen. Ich brauchte nur zu sehen, wie 46 heißhungrig sie sich neulich auf eine Schale mit Himbeeren stürzte, und bei der Inhalation ihre Hand zu beobachten, die auf ihren Knieen ruhte – eine magere Hand, mit so hochgewölbten Nägeln, als wollten sie sich von den Fingern ablösen. Sie hat die Kehlkopfschwindsucht ihres Bruders und wird vor Ablauf eines Jahres sterben. . . . Aber das mögen ihnen andre sagen! Ich habe genug solcher Messerstiche ausgeteilt, die mich selbst trafen. Ich will nicht mehr.«

Roumestan hatte sich sehr erschreckt erhoben und fragte: »Wissen Sie, wie diese Damen heißen, Doktor?«

»Nein. Sie haben mir ihre Karte geschickt. Ich wollte dieselbe aber nicht einmal ansehen. Ich weiß nur, daß sie in unserm Hotel wohnen.«

Und aufblickend, setzte er plötzlich hinzu: »O mein Gott, da sind sie! . . . Ich mache, daß ich fortkomme.«

Dort auf dem Rondell, wo die Musik ihre Schlußakkorde ertönen ließen, bewegten sich bei den ersten Glockenschlägen, die zum Diner riefen, Sonnenschirme und helle Sommertoiletten eilig durch die Laubgänge. Die beiden Damen Le Quesnoi trennten sich von einer in lebhaftem Gespräch befindlichen Gruppe, Hortense voran, groß und schlank, in einem mit Valenciennesspitzen besetzten Musselinkleide, einem mit Rosen garnierten Hute und in der Hand einen Rosenstrauß haltend, den sie im Park gekauft hatte.

»Mit wem sprachst du denn, Numa? Es schien mir fast, als wäre es Herr Bouchereau.«

Sie stand vor ihm, so strahlend von Jugendfrische und Heiterkeit, daß selbst die Mutter anfing ihre Furcht zu vergessen und auf ihrem alten Gesichte einen leisen Widerschein dieser hinreißenden Fröhlichkeit zeigte.

»Ja, es war Bouchereau, der mir seine Leiden klagte. . . . Es steht sehr schlecht mit dem Armen! . . .«

Und indem er Hortense betrachtete, beruhigte er sich und dachte: »Der Mensch ist verrückt. Es ist nicht möglich! . . . Es ist sein eigner Tod, den er überall mit sich führt und diagnostiziert.«

In demselben Augenblick kam Bompard, eine Zeitung schwingend, eilenden Schrittes herbei.

47 »Was gibt es denn?« fragte der Minister.

»Große Neuigkeit! Der Tambourinvirtuose hat debütiert.«

»Endlich!« hörte man Hortense vor sich hin sagen.

Numa fragte strahlend: »Mit Erfolg, nicht wahr?«

»Das kannst du dir denken! . . . Ich habe den Artikel noch nicht gelesen . . . aber drei Spalten im ›Messager!‹ . . .«

»Abermals einer, den ich erfunden habe! . . .« sagte der Minister, der die Daumen in die Armlöcher der Weste geklemmt, sich wieder gesetzt hatte.

»Nun lies uns das einmal!«

Da Madame Le Quesnoi bemerkte, daß die Glocke zum Diner geläutet habe, erwiderte Hortense lebhaft, es habe erst einmal geläutet, und in lieblicher Weise die Wange auf die Hand gestützt, lauschte sie in lächelnder Erwartung.

»Ist es der Minister der schönen Künste oder der Direktor der Oper, welchem das Pariser Publikum die kolossale Mystifikation verdankt, deren Opfer es gestern abend geworden ist? . . .«

Sie fuhren alle zusammen mit Ausnahme Bompards, der im Feuer seines schwungvollen Vortrags, dem Klingklang seiner Worte lauschend, ohne ihren Sinn zu fassen, die Zuhörer der Reihe nach ansah und von ihrem Staunen sehr überrascht war.

»Aber lies doch weiter,« sagte Numa, »lies doch weiter!«

»In jedem Falle ist es Herr Roumestan, den wir dafür verantwortlich zu machen haben. Er ist es, der uns diese wunderliche, vorweltliche Flöte, diese Rohrpfeife für Ziegenhirten aus seiner Provinz mitgebracht hat.«

»Es gibt doch recht schlechte Menschen . . .« warf das junge Mädchen ein, das unter seinem Rosenschmuck erblaßte. Der Vorleser fuhr fort, mit glotzenden Augen die Ungeheuerlichkeiten erwartend, die er jetzt kommen sah:

». . . mitgebracht hat und dem unsre Musikakademie, unsre Oper es zu danken hatte, daß sie einen Abend hindurch einer Jahrmarktsbude von St. Cloud glich. Und wahrlich es gehörte eine großartige Lockpfeife dazu, um es glaublich zu machen, daß Paris . . .«

Der Minister entriß ihm zornig das Blatt.

48 »Du wirst uns diesen Blödsinn doch nicht bis zu Ende vorlesen wollen. Mir scheint, es genügt, daß du ihn hergebracht hast.«

Er überflog den Artikel mit dem geübten Blicke des Staatsmannes, der an die groben Ausfälle der Presse gewöhnt ist: »Provinzminister . . . netter Luftspringer . . . der Roumestan von Valmajour . . . das Ministerium ausgepfiffen und sein Tambourin geplatzt . . .« Er hatte genug davon, versenkte das boshafte Blatt in die Tiefe seiner Taschen, dann erhob er sich, pustete, als wolle er den Zorn, der ihm die Backen auftrieb, von sich blasen, und sagte, indem er Frau Le Quesnoi den Arm reichte: »Lassen Sie uns speisen gehn, Mama. . . . Das soll mir eine Lehre sein, mich nicht wieder mit allerlei nichtsnutzigen Musikanten einzulassen.«

Sie gingen alle vier in einer Reihe, Hortense mit gesenkten Blicken und tief betroffen.

»Es handelt sich um einen Künstler von großem Talente,« sagte sie, indem sie ihrer etwas verschleierten Stimme Festigkeit zu geben suchte, »für die Ungerechtigkeit des Publikums und den Spott der Zeitungen muß man ihn nicht verantwortlich machen.«

Roumestan blieb stehen: »Talent . . . Talent . . . nun ja! . . . Ich leugne es nicht . . . aber zu fremdartig . . .«

Und indem er seinen Sonnenschirm erhob, setzte er hinzu: »Nehmen wir uns mit dem Süden in acht, Schwesterchen, nehmen wir uns mit dem Süden in acht! . . . Hüten wir uns vor Uebermaß . . . Paris würde ihn satt bekommen.«

Damit ging er ruhigen, gemessenen Schrittes weiter, friedfertig und kühl, wie ein Bürger von Kopenhagen; und das Schweigen wurde nur durch das Geräusch des Kieses unter ihren Füßen unterbrochen, welches unter gewissen Umständen das letzte Knirschen eines bezwungenen Zornes oder das Zertrümmern und Zerbröckeln eines Luftschlosses zu sein scheint. Als man vor dem Hotel angekommen war, dessen ungeheurer Saal durch seine zehn Fenster das Klappern gieriger Löffel auf dem Grund der Teller vernehmen ließ, blieb Hortense stehen und sagte, den Kopf erhebend: »Du willst also den armen Menschen aufgeben?«

49 »Was ist zu machen? . . . Man kann nicht dagegen ankämpfen, da Paris nichts von ihm wissen will. . . .«

Sie warf ihm einen entrüsteten, fast verachtenden Blick zu: »O, das ist abscheulich, was du da sagst! . . . Nun denn . . . ich bin stolzer als du und bleibe mir selbst getreu.«

Rasch sprang sie die Stufen des Perrons hinauf.

»Hortense, es hat zum zweitenmal geläutet.«

»Ja, ja, ich weiß . . . ich komme gleich herunter.«

Sie eilte in ihr Zimmer und schloß sich ein, um nicht gestört zu werden. Alsdann öffnete sie ihr Reisepult, eine jener zierlichen Kleinigkeiten, durch welche die Pariserin selbst einem Gasthofzimmer etwas Persönliches zu verleihen weiß, zog eine ihrer Photographieen heraus, auf welchen sie in der arlesischen Tracht abgebildet war, schrieb einige Worte darunter und unterzeichnete ihren Namen. Während sie die Adresse schrieb, ertönte der Stundenschlag vom Glockenturm zu Arvillard durch das bläulich düstere Thal, wie um das, was sie zu thun wagte, feierlich zu bestätigen.

»Sechs Uhr!«

Ein leichter Nebel stieg in weißen, schwebenden Flocken aus dem Wildbach auf. Das Amphitheater der Wälder und Berge, die silberne Kuppe des Gletschers im rosigen Abendlichte, – jede Einzelnheit dieser stillen, einsamen Minute prägte sie ihrem Gedächtnisse ein, wie man sich im Kalender einen Tag besonders kennzeichnet, oder wie man in einem Buche die Stelle unterstreicht, die einen am meisten ergriffen hat, und laut sprach sie vor sich hin: »Es ist mein Leben, mein ganzes Leben, welches ich in diesem Augenblicke verpfände.«

Den weihevollen Abend, die Majestät der Natur, die andächtige Stille ringsumher rief sie zu Zeugen ihres Versprechens auf.

Ihr ganzes Leben? Die arme Kleine, wenn sie gewußt hätte, wie wenig das sagen wollte.

* * *

Einige Tage später verließen die Damen Le Quesnoi das Hotel, da Hortenses Kur beendigt war. Trotzdem die Mutter sich durch das blühende Aussehen ihres Kindes und 50 den Ausspruch des kleinen Doktors über das von der Quellnymphe vollbrachte Wunder beruhigt fühlte, sehnte sie sich doch, diesem Badeleben ein Ende zu machen, dessen geringste Einzelheiten sie an das alte Herzeleid erinnerten.

»Und Sie, Numa?«

Oh, er – er gedachte, noch eine oder zwei Wochen zu bleiben, seine Kur noch ein wenig fortzusetzen und die Ruhe, die nach ihrer Abreise für ihn eintreten werde, zu benutzen, um die bewußte Rede niederzuschreiben. Sie würde kein geringes Aufsehen machen; in Paris würden sie davon zu hören bekommen. . . . Freilich Le Quesnoi werde sich nicht darüber freuen.

Obwohl Hortense zur Abreise bereit und sehr glücklich war, nach Hause zurückzukehren, die lieben Abwesenden wiederzusehen, welche die Entfernung ihr noch werter gemacht hatte, da sich ihre Phantasie bis aufs Herz erstreckte, – wurde sie doch plötzlich von Traurigkeit befallen, daß sie diese schöne Gegend und all die Leute im Hotel verlassen sollte, mit denen sie seit drei Wochen befreundet war und die ihr mehr, als sie glaubte, lieb geworden waren. Ach, ihr zärtlichen Herzen! Wie leicht gebt ihr euch hin, wie leicht werdet ihr gefesselt, und wie schmerzt es euch dann, diese unsichtbaren, empfindlichen Fäden zu zerreißen! Man war so gut gegen sie gewesen, so aufmerksam; und in der Stunde des Abschieds drängten sich so viele Leute um den Wagen, die ihr voll Rührung die Hände darboten. Junge Mädchen küßten sie: »Ohne Sie werden wir nicht mehr lustig sein.« Man versprach, sich gegenseitig zu schreiben, man wechselte Erinnerungsgeschenke aus, wohlriechende Kästchen, Papiermesser von Perlmutter mit der aquarellblau schimmernden Inschrift: Arvillard 1876. Und während Herr Laugeron ihr ein Fläschchen von superfeinem Chartreuse-Liqueur in die Reisetasche gleiten ließ, sah sie, wie droben hinter dem Fenster ihres Zimmers das Mädchen vom Gebirge, welches sie bedient hatte, sich mit einem groben, dunkelroten Taschentuch die Augen wischte, und hörte, wie eine matte Stimme ihr ins Ohr flüsterte: »Spannkraft, mein Fräulein . . . nur immer Spannkraft! . . .« Es war ihr Freund, der Schwindsüchtige, der auf das Wagenrad gesprungen war und ihr 51 aus seinen eingesunkenen, fieberglühenden, aber von Energie, Willenskraft und auch ein wenig von Erregung funkelnden Augen einen letzten Blick zuwarf. O, die guten Leute, die guten Leute! . . . Hortense sprach nicht, aus Furcht, in Thränen auszubrechen.

»Lebt wohl, lebt alle wohl!«

Der Minister, der die Damen bis zu dem ferngelegenen Bahnhof begleitete, nahm ihnen gegenüber Platz. Die Peitsche knallt, das Schellengeläute der Pferde erklingt. Plötzlich ruft Hortense: »Mein Sonnenschirm! . . .« Sie hatte ihn doch noch vor einem Augenblicke. Zwanzig Personen stürzen nach dem Hotel: »Der Sonnenschirm, der Sonnenschirm . . .« Ist er im Zimmer? Nein! Vielleicht im Salon. Die Thüren werden aufgerissen und zugeschlagen, das Hotel wird von oben bis unten durchsucht.

»Suchet nicht! . . . Ich weiß, wo er ist.«

Und lebhaft wie immer springt das junge Mädchen aus dem Wagen und läuft in den Garten nach der Haselnußlaube, wo sie noch am Morgen dem Roman, den sie in ihrem Brauseköpfchen spann, einige Kapitel hinzugefügt hatte. Da war der Sonnenschirm, quer über die Bank geworfen, ein Stück ihrer selbst, das an ihrem Lieblingsplatz, der etwas von ihrem eignen Wesen hatte, zurückgeblieben war. Welch köstliche Stunden hatte sie in diesem hellgrünen Winkel verbracht, wie viele Herzensergüsse waren von hier mit den Bienen und Schmetterlingen in die Lüfte entflogen! Gewiß kehrte sie niemals hierher zurück – dieser Gedanke schnürte ihr das Herz zusammen und bannte sie fest. Selbst das Knarren der Schaukel fand sie in diesem Augenblick reizend.

»Geh weg, du langweilst mich! . . .« Es war die Stimme von Fräulein Bachellery, die, wütend darüber, daß man sie wegen dieser Abreise vernachlässigte, im Glauben, allein mit ihrer Mutter zu sein, mit dieser in ihrem gewöhnlichen Tone sprach.

Hortense dachte an die kindlichen Liebkosungen, die so oft ihre Nerven gereizt hatten, und lachte still vor sich hin, während sie nach dem Wagen zurückkehrte, als ihr beim Einbiegen in eine Allee Bouchereau entgegentrat. Sie wollte an ihm vorübergehen, aber er hielt sie am Arme fest.

52 »Sie verlassen uns also, mein Kind?«

»Jawohl, mein Herr . . .«

Sie wußte nicht recht, was sie antworten sollte, da sie die Begegnung und noch mehr der Umstand betroffen machte, daß Bouchereau zum erstenmal mit ihr sprach. Da nahm er ihre beiden Hände in die seinen, hielt das junge Mädchen mit ausgebreiteten Armen fest und betrachtete es aufmerksam mit seinen von weißen, struppigen Brauen beschatteten scharfen Augen. Dann erbebten seine Lippen, seine Hände, sein ganzer Körper, während das Blut ihm in das blasse Gesicht schoß und dasselbe mit purpurner Röte überzog.

»Nun denn, Gott befohlen! . . . Glückliche Reise!«

Und ohne ein Wort weiter zu verlieren, zog er sie an sich, drückte sie mit der Zärtlichkeit eines Großvaters an die Brust und eilte hinweg, beide Hände auf sein Herz pressend, das zu zerspringen drohte.

 


 

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