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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Ein Badeort.

Bad Arvillard, 2. August 1876.

Ich schreibe Dir wahrlich an einem seltsamen Ort. Denke Dir einen sehr hohen, mit Fliesen belegten, mit Stuck bekleideten Saal, in welchem das leiseste Geräusch widerhallt, wo das Tageslicht, das zu zwei großen Fenstern eindringt, durch blaue, von oben bis unten reichende Vorhänge gedämpft und noch durch einen nebelartigen, nach Schwefel riechenden Dunst verdunkelt wird, der sich an den Kleidern festsetzt und den goldnen Schmuckgegenständen allen Glanz nimmt. Da drinnen sitzen, an den Wänden, auf Bänken, Stühlen und Sesseln, um kleine Tische herum, Leute, welche jeden Augenblick nach ihrer Uhr sehen, um sich schließlich zu erheben, hinauszugehen und andern Platz zu machen, so daß man jedesmal durch die halb offne Thür die Menge der Badegäste, die in dem hellen Vorsaal umhergehen, und die weißen Schürzen der geschäftigen Dienstmädchen gewahren kann. Trotz dieser steten Bewegung vernimmt man keinen Lärm, sondern nur leise geführte Gespräche, das Rascheln von entfalteten Journalen, das Kratzen schlechter, verrosteter Stahlfedern, – kurz, es herrscht eine andächtige Stille wie 20 in einer Kirche in diesem Raume, der eine angenehme Frische durch den großen Springbrunnen von Mineralwasser in der Mitte des Saales erhält, dessen aufwärts steigender Strahl sich an einer metallnen Scheibe bricht und dann zersplittert nach allen Richtungen verspritzt, um endlich oberhalb großer, übereinandergestellter, rieselnder Becken in Dunst zu zerstäuben. Das ist der Inhalationssaal.

Ich muß Dir sagen, meine Liebe, daß nicht alle Leute in gleicher Weise inhalieren. So befolgt z. B. der alte Herr, der mir in diesem Augenblick gegenübersitzt, die Vorschriften des Arztes wörtlich, ich kenne sie alle, diese Vorschriften. Die Füße auf einen Fußschemel, die Brust vor, die Ellenbogen zurück und den Mund immer offen, um das Atmen zu erleichtern. Der arme, gute Mann! Wie er einatmet, mit welcher Zuversicht, mit welch kleinen, runden, andächtigen und gläubigen Augen, die zu der Quelle zu sagen scheinen: »O Quelle von Arvillard, heile mich ja, sieh, wie gut ich dich einatme und wie fest ich an dich glaube. . . .« Dort sitzt ein Skeptiker, der mit abgewandtem Rücken, achselzuckend und nach der Saaldecke blickend einatmet, ohne einzuatmen. Dann gibt es auch Entmutigte, die wahrhaft Kranken, welche die Nichtigkeit und Nutzlosigkeit von all dem empfinden, wie meine Nachbarin, die arme Dame, die nach jedem Hustenanfall die Hand rasch zum Munde führt, um zu sehen, ob sich die Fingerspitze ihres Handschuhs nicht rot gefärbt hat.

Und trotz alledem bringt man es noch zu stande, vergnügt zu sein. Die Damen, die in dem gleichen Hotel wohnen, rücken ihre Stühle zusammen, sticken, plaudern miteinander und machen ganz leise ihre Glossen über das Badejournal und die Fremdenliste. Die jungen Mädchen blättern in englischen Romanen mit rotem Einband, Priester lesen ihr Brevier, – es sind viele Priester in Arvillard, besonders Missionäre mit großen Bärten und gelber Gesichtsfarbe, die durch das viele Predigen von Gottes Wort ihre Stimme eingebüßt haben; – was mich betrifft, so weißt Du, daß ich an Romanen keinen Geschmack finde, besonders nicht an den Romanen der Gegenwart, in denen alles wie im 21 alltäglichen Leben verläuft. Da schreibe ich denn Briefe an zwei oder drei bestimmte Opfer, Marie Bérurier, Aurelie Dansaert und an Dich, meine große vergötterte Schwester. Macht euch auf förmliche Tagebücher gefaßt!

Denke doch! Viermal im Tag Einatmungskur von einer Gesamtdauer von zwei Stunden. Niemand atmet hier so fleißig ein, wie ich, so daß ich als ein wahres Wunder angestaunt werde. Ich werde viel deswegen angesehen und bin einigermaßen stolz darauf.

In dem methodischen Einatmen besteht denn auch meine ganze Kur, abgesehen von dem Glas Mineralwasser, das ich früh und abends an der Quelle trinke, um die hartnäckige Heiserkeit los zu werden, die mir dieser abscheuliche Schnupfen zurückgelassen hat. Es ist dies die besondre Eigenschaft des Mineralwassers von Arvillard; darum finden sich auch so viele Sängerinnen und Sänger hier zusammen. Der schöne Mayol, der uns soeben verlassen, hat sich hier ganz neue Stimmsaiten geholt. Fräulein Bachellery, Du weißt, die kleine Diva eurer Soiree, bekommt die Kur so gut, daß sie nach Beendigung der vorgeschriebenen drei Wochen noch weitere drei Wochen hier zu bleiben denkt, wofür ihr von dem Badejournal viel Lob gespendet wird. Wir haben die Ehre, dasselbe Hotel zu bewohnen, das diese kleine berühmte Person in der lächerlichen Begleitung einer zärtlichen Mutter aus Bordeaux beherbergt, die an der Table d'hote Zwiebeln und Würzkräuter zum Salat verlangt und von dem Hut für »hundertvrrzg« Franken spricht, den ihre Tochter auf dem letzten Rennen von Longchamps getragen habe. Es ist ein köstliches Paar, das hier sehr bewundert wird. Man ist entzückt über die Anmut des »Babys«, wie ihre Mutter das Fräulein nennt, über sein Lachen, sein Trillern, über sein Umhertollen im kurzen Röckchen. Man drängt sich vor dem mit Sand bestreuten Hofe des Hotels, um sie mit den kleinen Mädchen und Jungen Croquet spielen zu sehen – sie spielt nur mit den ganz kleinen –, da rennt und hüpft sie umher und schleudert ihre Kugel wie ein wahrer Gassenjunge, während sie schreit: »Ich werd' Sie croquieren, Monsieur Paul!«

22 Alle Welt sagt: »sie ist so kindlich.« Ich aber glaube, daß dieses gemachte kindliche Wesen ebenso zu einer Rolle gehört, die sie spielt, wie ihre kurzen Röckchen mit den langen Schleifen und ihr Mozartszopf. Auch hat sie eine so eigentümliche Art, dieses dicke Weib zu umarmen, sich an ihren Hals zu hängen und sich vor aller Welt von ihr hätscheln und im Kreise herumdrehen zu lassen! Du weißt, wie zärtlich ich bin, aber wahrhaftig, dies Gebaren verleidet mir's, Mama zu küssen.

Eine gleichfalls sehr eigentümliche, aber weniger zur Heiterkeit herausfordernde Familie ist die des Fürsten und der Fürstin von Anhalt nebst Fräulein Tochter, einer Gouvernante, Kammerfrauen und Gefolge, welche die ganze erste Etage unsres Hotels einnehmen, dessen Stolz sie sind. Ich begegne öfters der Fürstin, wenn sie am Arme ihres Gemahls, eines schönen Mannes, der mit einem von Gesundheit strotzenden Gesicht unter seinem blau eingefaßten Strohhut hervorschaut, Stufe für Stufe die Treppe heraufsteigt. Die Fürstin läßt sich stets in einer Sänfte nach dem Kurhaus tragen, und es ist herzzerreißend, das magere, blasse Gesicht hinter dem kleinen Glasfenster der Sänfte und den Vater mit dem Töchterchen nebenhergehen zu sehen; das sehr kränkliche Kind hat ganz die Züge seiner Mutter und vielleicht auch ihr ganzes Leiden. Sie langweilt sich, die arme achtjährige Kleine, der es verboten ist, mit den andern Kindern zu spielen, und traurig schaut sie vom Balkon aus dem Croquetspiel und den Spazierritten der Hotelgäste zu. Man meint, ihr blaues Blut sei zu gut für diese bürgerlichen Belustigungen, und behält sie lieber in der unheilvollen Nähe der hinsiechenden Mutter, bei dem Vater, der seine kranke Frau mit verdrießlicher und gelangweilter Miene begleitet, oder man überläßt sie den Dienstboten. Ach mein Gott, ist der Adel denn eine Art von Pest, eine ansteckende Krankheit? Diese Leute speisen abgesondert in einem kleinen Salon; sie inhalieren auch abgesondert – denn es gibt dafür Familiensäle. Kannst Du Dir vorstellen, wie traurig es sein muß, wenn diese Frau und dieses Kind sich allein in einer großen, lautlosen Gruft gegenüberstehen?

23 Neulich waren wir des Abends sehr zahlreich im großen Salon zur ebenen Erde versammelt, wo man zusammenkommt, um Gesellschaftsspiele zu spielen, zu singen und manchmal sogar zu tanzen. Mutter Bachellery hatte soeben dem Baby eine Opernarie begleitet, denn wir wollen in die Oper eintreten, wir sind expreß nach Arvillard gekommen, uns dazu »die Stimme rein zu putzen«, um den eleganten Ausdruck der Mutter Bachellery zu gebrauchen. Plötzlich öffnet sich die Thür, und die Fürstin erscheint mit jenem vornehmen Wesen, das ihr eigen ist, todkrank, aber elegant in eine Spitzenmantille gehüllt, durch welche das schreckliche und charakteristische Einsinken ihrer Schultern verdeckt wird. Das Kind und ihr Mann folgen ihr.

»Fahren Sie fort, ich bitte Sie darum,« ruft hustend die arme Frau.

Und was thut die einfältige kleine Sängerin? Sie wählt die herzzerbrechendste, sentimentalste Romanze ihres ganzen Repertoirs »Vorrei morire«, ein italienisches Lied, ähnlich unserm »Feuilles mortes« (welke Blätter), worin eine Kranke im Herbst zu sterben wünscht, um sich die Vorstellung machen zu können, als sterbe die ganze Natur, in den ersten Herbstnebel, als ihr Leichentuch, eingehüllt, mit ihr.

»Vorrei morir nella stagion dell' anno.«

Die Melodie ist reizend, von einer Traurigkeit, die noch durch die weichen Laute der italienischen Worte gesteigert wird, und inmitten dieses großen Saales, in welchen durch die offenen Fenster die Wohlgerüche und die Frische einer schönen Sommernacht eindrangen, hatte der Wunsch, noch bis zum Herbst zu leben, diese dem Tode abgerungene Frist, etwas besonders Ergreifendes.

Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich die Fürstin und verließ rasch den Saal. Im Dunkel des Gartens hörte ich ein Schluchzen, ein langes Schluchzen, dann eine scheltende Männerstimme und jenes von Thränen erstickte Wehklagen eines Kindes, welches sieht, daß seine Mutter Kummer hat.

Das ist die traurige Seite dieser Badeorte, daß man dort so vielen körperlichen Leiden begegnet, jenem hartnäckigen Husten, dessen Ausbrüche man in den Hotels selbst 24 durch die Wände hindurch hört; jene Vorsichtsmaßregeln, wie das Vorhalten des Taschentuchs vor den Mund, um die Luft zu vermeiden, jene Gespräche und vertraulichen Mitteilungen, deren Sinn man aus den schmerzlichen Gebärden entnehmen kann, da die Sprechenden immer auf die Brust oder die Schulter in der Richtung des Schlüsselbeins zeigen; das schläfrige Hinschleichen, der schleppende Gang und die stets nur auf ihr Leiden gerichteten Gedanken der Kranken. Mama, welche alle Kurorte für Brustkranke kennt, unsre arme Mutter sagt, daß es in »Eaux-Bonnes« oder in »Mont-Dore« noch viel schlimmer sei als hier. Nach Arvillard sendet man nur Kranke, die ihrer Genesung entgegengehen, wie mich, oder ganz Aufgegebene, für die überhaupt nichts mehr zu thun ist. Wir haben glücklicherweise in unserm Hotel »Alpes Dauphinoises« nur drei Kranke dieser Art, die Fürstin und zwei junge Leute aus Lyon, Bruder und Schwester, sehr reiche Waisen, wie man sagt, die sehr krank zu sein scheinen, besonders die Schwester mit dem fahlen, verwaschenen Teint der Lyoneserinnen, die, in Morgenkleider und gestrickte Shawls eingehüllt, keinen Schmuck, ja nicht einmal eine Bandschleife trägt und gar nichts mehr auf ihr Aeußeres hält. Dies reiche Mädchen sieht wie eine Arme aus; sie weiß, daß sie unrettbar verloren ist, verzweifelt und läßt sich mutlos gehen. Dagegen liegt in der gebeugten, in modische Kleidung eingezwängten Gestalt des jungen Mannes ein entsetzlicher Lebenswille, ein unglaublicher Widerstand dem Uebel gegenüber.

»Meine Schwester hat keine Spannkraft . . . ich habe welche,« sagte er eines Abends mit ganz matter, fast tonloser Stimme, von der man nicht mehr hört, als von dem »C« der Vauters, wenn sie singt. Und in der That, er hat eine rasende Spannkraft. Er ist der Vergnügungsmarschall des Hotels, der Veranstalter von Spielen, von Partieen und Ausflügen; er reitet, fährt Schlitten – man hat hier eine Art kleiner mit Baumzweigen beschwerter Schlitten, auf welchem einen die Gebirgsbewohner die steilsten Abhänge hinabgleiten lassen –, er tanzt, ficht, und alles das während er von schrecklichen Hustenanfällen geplagt 25 wird, von denen er sich keinen Augenblick unterbrechen läßt.

Wir haben hier ferner eine medizinische Berühmtheit, den Doktor Bouchereau. Du erinnerst Dich, es ist derselbe, den Mama unsres armen André wegen konsultiert hat. Ich weiß nicht, ob er uns wieder erkannt hat, aber er grüßt uns niemals. Es ist ein alter Bär.

Ich habe soeben mein halbes Glas an der Quelle getrunken. Diese kostbare Quelle befindet sich zehn Minuten vom Dorfe entfernt auf dem Wege nach den Hochöfen in einer Felsenschlucht, wo schäumend und grollend ein Wildbach daherbraust, der von dem Gletscher herabstürzt, welcher, licht und glänzend zwischen den blauen Alpen schimmernd, die Fernsicht abschließt, und in diesem blendendweißen, schäumenden Gewässer seine unsichtbare schneeige Unterlage fortwährend zu schmelzen und abzuspülen scheint. Große schwärzliche Felsen, von denen das Wasser tropfenweise auf die Farrenkräuter und Moosflechten sickert, Tannenpflanzungen von dunkelm Grün, ein Boden, auf dem da und dort Stücke von Eisenerz im Kohlenstaube funkeln, – das ist die Umgebung der Quelle von Arvillard. Was ich Dir aber mit Worten nicht wiederzugeben vermag, ist das furchtbare Getöse des über das Felsengestein stürzenden Baches und des von Dampf getriebenen Werks einer Sägemühle, und dabei gibt es in der engen Felsenschlucht nur eine Straße, welche stets von Steinkohlenwagen, von Schlachtvieh, von Gesellschaften, die Ausflüge machen, und von Kurgästen überfüllt ist. Bald hätte ich vergessen, die schrecklichen männlichen oder weiblichen Kretins mit scheußlichen Kröpfen, blödsinnigen Gesichtern und offenem, grunzendem Munde zu erwähnen, die man auf der Schwelle elender Hütten kauern sieht. Der Kretinismus gehört mit zu den Erzeugnissen der Gegend. Die Natur scheint hier zu wuchtig zu sein für den Menschen, das Eisen-, Kupfer- und Schwefelerz scheint ihn zu erdrücken, zu verzerren, zu ersticken, das eisige Wasser des Hochgebirges scheint ihn zu erstarren und zu verkrümmen wie jene armen Bäume, die man ganz verkrüppelt zwischen Felsen hervorwachsen sieht. Das ist auch einer der traurigen 26 und entsetzlichen Eindrücke, die man bei der Ankunft empfängt, die aber nach Verlauf einiger Tage sich verwischen.

Jetzt fliehe ich die Kretins nicht mehr, ich habe sogar meine Lieblinge darunter, einen besonders, ein schreckliches kleines Ungeheuer, das gleich einem dreijährigen Kinde in einem Stühlchen an der Landstraße sitzt, und der Unglückliche ist sechzehn Jahre alt, just so alt, wie Fräulein Bachellery. Wenn ich in seine Nähe komme, wiegt er seinen schwerfälligen, harten Kopf hin und her; man vernimmt einen rauhen halberstickten Schrei, den er unwillkürlich und schwer atmend ausstößt, und sobald er ein Silberstück erhalten hat, hält er es triumphierend einer Köhlerfrau entgegen, die ihn von eine Fensterecke aus hütet. Viele Mütter beneiden sie um diesen Unglücklichen, der ihr mehr einbringt als seine drei Brüder zusammen, die bei den Schmelzöfen von La Debout beschäftigt sind. Der Vater, der brustkrank ist, arbeitet gar nicht; den Winter verbringt er an seinem ärmlichen Herde, und im Sommer sitzt er mit andern Unglücklichen auf einer Bank in dem lauen Dunste, den die kochend heiße Quelle verbreitet. Die Nymphe des Brunnens mit der weißen Schürze und den feuchten Händen füllt die Gläser, die man ihr reicht, nach dem bestimmten Maße, während in einem Hofe daneben, hinter einer an der Landstraße gelegenen niedrigen Mauer, Köpfe, deren Körper man nicht sieht, sich mühsam rückwärts beugen und, von der Sonne geblendet, wunderliche Gesichter schneiden: eine wahre Illustration zu Dantes Hölle. Es sind: »die zum Gurgeln Verdammten«.

Manchmal nehmen wir den längern Weg durch das Dorf, um nach dem Kurhaus zurückzukehren. Mama, welche den Lärm im Hotel nicht ertragen kann, und besonders fürchtet, daß ich zu viel im Salon tanze, wünschte sehr, ein kleines Privathaus in Arvillard zu mieten, wozu es an Gelegenheit nicht fehlt. An jeder Thür, in jedem Stockwerk sind Tafeln ausgehängt, die in den Ranken der Glyzinen, zwischen den weißen verlockenden Vorhängen im Winde schaukeln. Ich möchte wirklich wissen, was aus den Bewohnern dieser Häuser während der Saison wird. Lagern 27 sie herdenweise auf den umliegenden Bergen, oder leben sie für fünfzig Franken per Tag im Hotel? Letzteres würde mich wundern, denn das magnetartig schimmernde Etwas, das in ihrem Auge aufleuchtet, wenn sie einen Badegast anblicken, kommt mir schrecklich habsüchtig vor. Und dieses Leuchten, das plötzliche Aufblitzen der Habgier auf der Stirn meines Kropfigen, als Reflex des empfangenen Silberstücks, finde ich hier überall wieder. Hinter der Brille des kleinen beweglichen Arztes, der mich jeden Morgen auskultiert, in den Augen der guten, zuckersüßen Damen, die uns einladen, ihre Häuser zu besichtigen, in denen die Küche für die Wohnung im dritten Stock sich im Erdgeschoß befindet, und ihre kleinen »bequemen« Gärtchen, die voller Pfützen sind; im Blicke der Kutscher in kurzen Blousen und wachsledernen Hüten mit breiten Bändern, wenn sie vom Bock ihrer Mietkutschen herab uns zum Einsteigen auffordern; im Blicke des kleinen Eseltreibers, der vor dem weitgeöffneten Stalle steht, in welchem Freund Langohr sein Wesen treibt, ja sogar in dem Blicke der Esel, in diesem weit offnen Auge, aus dem Eigensinn mit Sanftmut gepaart spricht, habe ich die metallische Härte gesehen, welche die Liebe zum Gelde dem Blick verleiht, ja auch dort ist sie vorhanden.

Uebrigens sind ihre Häuser abscheulich eingepfercht, finster, ohne Aussicht und reich an Mißständen aller Art, die man nicht übersehen kann, da man im Nachbarhause darauf aufmerksam gemacht wird. Wir werden also unbedingt in unsrer Karawanserei des Hotel »Alpes Dauphinoises« bleiben, das sich mit seinen unzähligen grünen Jalousieen in dem roten Backsteingemäuer auf der Höhe sonnt und inmitten einer noch sehr jungen englischen Parkanlage mit Irrgängen, Kieswegen und Buschwald steht, dessen Nutznießung es mit den andern fünf oder sechs feinern Hotels des Ortes: »La Chevrette«, »La Laita«, »Le Bréda«, »La Planta« gemeinsam hat. Alle diese Hotels mit ihren savoyischen Namen machen sich eine furchtbare Konkurrenz; sie beobachten und überwachen sich gegenseitig über die Mauern hinweg, machen um die Wette Lärm und Aussehen mit ihren Hausglocken, ihren Pianos, dem Geknalle der Postillons 28 und ihren Feuerwerken, und überbieten sich in möglichst weitem Aufreißen der Fenster, um durch das bunte Treiben, das Lachen, Singen und Tanzen die Gäste im Nachbarhotel zu dem Ausruf zu bringen: »Wie sie sich da drüben amüsieren! O wie voll muß es da sein!«

Aber der heißeste Kampf zwischen diesen rivalisierenden Gasthäusern entspinnt sich in dem Badejournal in den »Listen der Angekommenen«, welche das kleine Blatt zweimal wöchentlich sehr genau veröffentlicht.

Welcher Neid und welche Wut herrscht da in der »Laita« und in der »Planta«, wenn man z. B. liest: »Fürst und Fürstin von Anhalt nebst Gefolge . . . im Hotel ›Alpes Dauphinoises‹«. Alles erblaßt vor dieser niederschmetternden Zeile. Was kann man dem entgegensetzen? Und man sinnt nach, man zerbricht sich den Kopf, und wenn du ein »von« oder irgend einen Titel vor deinem Namen hast, so prunkt man damit und stellt dich förmlich zur Schau. Da tischt uns die »Chevrette« dreimal denselben Forstinspektor in verschiedener Gestalt auf, einmal als Inspektor, dann als Marquis, dann als Ritter des St. Mauritius- und Lazarus-Ordens. Aber die »Alpes Dauphinoises« haben noch immer den Vorrang, ohne daß wir jedoch etwas damit zu thun haben. Du weißt, wie Mama ist, immer bescheiden und leicht verschüchtert; sie hat es Fanny streng verboten, zu sagen, wer wir sind, weil die Stellung unsres Vaters und die deines Mannes zu viele Neugierde und zu viel weltlichen Staub um uns aufwirbeln würde. Es hieß im Journal einfach: »Die Damen Le Quesnoi (aus Paris) . . . Alpes Dauphinoises«, und da wenige Pariser hier sind, so haben wir unser Inkognito bis jetzt bewahren können.

Wir haben eine sehr einfache, ziemlich bequeme Einrichtung, zwei Zimmer im zweiten Stock mit dem ganzen Thale vor uns; ringsum terrassenförmig aufsteigende Berge, die, am Fuße von Tannenwaldungen verdunkelt, immer hellere Färbung annehmen je höher sie aufsteigen und streifenweise mit ewigem Schnee bedeckt sind; öden Felsenhängen stehen kleine bebaute Strecken gegenüber, die kleinen grünen, roten 29 und gelben Vierecken gleichen, in deren Mitte die Heuschober nicht viel größer als Bienenstöcke aussehen. Aber trotz dieser schönen Aussicht sind wir wenig zu Hause.

Des Abends ist man im Salon, bei Tage irrt man im Park umher im Interesse der Kur, die uns bei diesem so beschäftigten und zugleich so leeren Leben ganz in Anspruch nimmt. Am Unterhaltendsten ist es nach dem zweiten Frühstück, wenn man unter den großen Linden am Eingang des Gartens an kleinen Tischen Kaffee trinkt. Das ist die Stunde der Ankunft und Abreise der Kurgäste; an dem Wagen, der die Badegäste wegführt, sagt man sich gegenseitig lebewohl und drückt sich die Hände. Die Dienerschaft des Hotels, das berüchtigte savoyardische Aufleuchten im Auge, drängt sich heran, man küßt Menschen, die einem fast fremd sind, die Taschentücher werden geschwenkt, die Schellen am Hals der Pferde läuten, dann verschwindet der schwer beladene Wagen schwankend auf dem schmalen Wege des Gebirgs und mit ihm jene Namen und Gesichter, die einen Augenblick an dem gemeinsamen Leben teilgenommen haben, die man gestern noch nicht kannte, und die morgen vergessen sind.

Andre kommen an und treten in ihre Fußstapfen. Ich denke mir, die gleiche Einförmigkeit muß auf den Dampfschiffen herrschen, die in jedem Hafen, den sie anlaufen, die Passagiere wechseln. Mich unterhält dies Kommen und Gehen, aber unsre liebe Mama bleibt bei all dem traurig und in Gedanken versunken, obwohl sie zu lächeln sucht, wenn ich sie ansehe. Ich fühle, daß jede Einzelheit unsres Lebens eine schmerzliche Erinnerung in ihr wachruft und ihr düstre Bilder vor Augen führt. Sie hat so viele solcher Krankenherbergen gesehen, als sie unserm mit dem Tode ringenden Bruder ein Jahr lang von Kurort zu Kurort folgte, in der Ebene, wie auf den Bergen und unter den Pinien am Ufer des Meeres, immer mit getäuschter Hoffnung und mit der grenzenlosen Selbstverleugnung, mit der sie ihr Märtyrertum zu tragen hatte.

Wahrlich Jarras hätte ihr diese schmerzvollen Erinnerungen wohl ersparen können; denn ich bin nicht krank, ich 30 huste fast gar nicht mehr und, abgesehen von meiner häßlichen Heiserkeit, die mir eine Stimme gibt, wie die eines Hökerweibes, habe ich mich noch nie so wohl befunden, wie jetzt. Ich habe einen höllischen Appetit, einen wahren Wolfshunger, der nicht zu bändigen ist. Gestern nach einem Dejeuner von dreißigerlei Gerichten mit Bezeichnungen, die verwickelter waren, als das chinesische Alphabet, sehe ich eine Frau vor ihrer Thür Himbeeren auslesen; sogleich befällt mich ein wahrer Heißhunger. Zwei Schalen, mein liebes Herz, zwei Schalen von diesen großen, frischen Himbeeren, »der Landesfrucht,« wie unser Tischkellner sagt. So ist's mit meinem Magen bestellt!

Immerhin ist es ein wahres Glück, daß wir, Du und ich, nicht an dem Uebel dieses armen Bruders leiden. Ich erinnere mich seiner kaum, aber die abgespannten Züge und der entmutigte Ausdruck, den er auf dem Bilde hat, das im Schlafzimmer unsrer Eltern hängt, treten mir hier auf andern Gesichtern entgegen. Aber was für ein Sonderling ist der Arzt, der ihn einst behandelt hat, dieser berühmte Bouchereau! Neulich wollte mich Mama ihm vorstellen, und um eine Konsultation zu erlangen, schlichen wir im Park um den großen Greis mit den harten, herzlosen Zügen herum, aber er war von den Aerzten von Arvillard umdrängt, die in der demütigen Haltung von Schülern seinen Worten lauschten. Nachher erwarteten wir ihn am Ausgang des Inhalationssaales. Vergebliche Mühe. Der gute Mann machte so große Schritte, als wolle er uns entwischen. Mit Mama kann man nicht rasch gehen, wie Du weißt, und so haben wir ihn abermals verfehlt. Gestern früh endlich ging Fanny zu seiner Haushälterin, um zu fragen, ob er uns empfangen könne. Er hat antworten lassen, er sei im Bade, um sich zu pflegen und nicht um Konsultationen zu erteilen. Das nenne ich doch einen Grobian! Er ist allerdings von einer Blässe, wie ich sie noch nie gesehen habe, bleich wie Wachs; Vater hat eine blühende Gesichtsfarbe im Vergleich mit ihm. Er lebt nur von Milch, betritt niemals den Speisesaal und noch weniger den Salon. Unser kleiner beweglicher Doktor, welchen ich den Herrn »Unbedingt nötig« nenne, 31 behauptet, Bouchereau habe eine sehr gefährliche Herzkrankheit, und seit drei Jahren erhalte ihn nur das Mineralwasser von Arvillard am Leben.

»Unbedingt nötig, unbedingt nötig!« Das ist alles, was man aus dem Geplapper dieses drolligen, eitlen, geschwätzigen, kleinen Mannes heraushört, der des Morgens in unserm Zimmer herumwirbelt. »Doktor, ich schlafe nicht . . . ich glaube, die Kur greift mich zu sehr an.«

»Unbedingt nötig!«

»Doktor, ich bin immer schläfrig. . . . Ich glaube, das Wasser ist dran schuld.«

»Unbedingt nötig! So muß es sein!« Was aber vor allem »unbedingt nötig«, ist, daß er seine Besuche schnell abmacht, um vor zehn Uhr in seinem Konsultationszimmer sein zu können, in der kleinen Nußschale, wo alles dicht von wartenden Patienten besetzt ist bis auf die Treppe, ja sogar bis auf die Staffeln vor dem Hause und bis aufs Trottoir. Darum verliert er auch keine Zeit, schmiert eiligst seine Rezepte aufs Papier und hört dabei nicht auf zu hüpfen und Bocksprünge zu machen, wie ein Kurgast, der in seiner »Reaktion« begriffen ist.

Ach ja, die Reaktion.

Das ist auch so eine Sache. Ich, die ich weder Bäder, noch Douchen nehme, bedarf keiner Reaktion; aber ich bleibe manchmal eine Viertelstunde unter den Linden des Parks, um das Hin- und Herlaufen all dieser Leute mit anzusehen, die mit großen, regelmäßigen Schritten in Gedanken versunken einhermarschieren und sich kreuzen, ohne ein Wort zu sprechen. Mein alter Herr vom Inhalationssaal, der, welcher mit der Quelle liebäugelt, unterzieht sich dieser Leibesübung mit der gleichen Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Am Eingang der Allee bleibt er stehen, schließt seinen weißen Sonnenschirm, schlägt seinen Rockkragen zurück, sieht nach seiner Uhr und dann mit strammem Bein, die Ellbogen angedrückt, vorwärts, eins, zwei! eins, zwei! bis zu einem großen Lichtstreifen, der sein Dasein dem Fehlen eines Baumes an jener Stelle verdankt. Weiter geht er nicht, erhebt die Arme dreimal, als turne er mit Hanteln, kehrt dann im 32 gleichen Schritt zurück, schwingt wiederum Hanteln, und dies wiederholt er etwa fünfzehnmal nacheinander. Ich glaube, die Abteilung der Tobsüchtigen im Irrenhause zu Charenton muß einen ähnlichen Anblick bieten, wie meine Allee um die elfte Stunde.

– 6. August.

So ist's wahr, Numa wird uns besuchen? O, wie freue ich mich, wie freue ich mich! Dein Brief kam mit der Postsendung, die um ein Uhr im Büreau des Hotels ausgeteilt wird. Es ist ein feierlicher Augenblick, entscheidend für die Stimmung des Tages. Das Büreau ist gedrängt voll, man bildet einen Halbkreis um die dicke Madame Laugeron, die in ihrem Morgenrock von blauem Flanell eine imposante Figur spielt, während sie mit ihrer etwas gezierten, die einstige Gesellschaftsdame verratenden Kommandostimme die mannigfachen Adressen der eingetroffenen Briefpost vorliest. Jeder tritt beim Aufruf seines Namens vor, und ich muß dir sagen, daß man einen gewissen Stolz darein setzt, recht viele Briefe zu erhalten. In was alles setzt man übrigens nicht seinen Stolz in dieser Atmosphäre von Eitelkeit und Thorheit? Wenn ich bedenke, daß ich anfange stolz zu sein auf meine zwei Inhalationsstunden! »Sr. Durchlaucht Fürst von Anhalt . . . Herr Vasseur . . . Herr Vasseur . . . Fräulein Le Quesnoi . . .« Enttäuschung. Es ist bloß mein Modejournal. »Fräulein Le Quesnoi! . . .« Ich sehe, ob nicht noch weiteres für mich da ist, und ziehe mich mit Deinem lieben Briefe bis ans äußerste Ende des Gartens auf eine von Haselnußsträuchern umgebene Bank zurück.

Das ist meine Bank, der Winkel, in dem ich mich von der Welt abschließe, um zu träumen und meine Romane zu dichten, denn seltsamerweise bedarf ich keines umfassenden Horizonts, um zu erfinden und das Erfundene nach den Regeln des Herrn Boudouy zu entwickeln. Wenn der Horizont zu groß ist, verliere ich mich, werde zerstreut und mit meinem Phantasieren ist es zu Ende. Den einzigen Aerger, den ich auf meiner Bank habe, ist die Nähe einer Schaukel, auf welcher die kleine Bachellery die Hälfte ihrer Tage damit 33 verbringt, sich von dem jungen Manne mit der Spannkraft in die Luft schleudern zu lassen. Ich glaube wohl, daß er Spannkraft haben muß, um sie stundenlang so zu schaukeln! Dazwischen hört man die Zurufe und die in die Lüfte sich verlierenden Triller des Kindes: »Höher! Immer noch höher! . . .« Gott, wie dieses Mädchen meine Nerven reizt! Ich wollte, die Schaukel schleuderte sie in die Wolken und sie käme nimmer herunter.

Man befindet sich so wohl, so weltentrückt auf meiner Bank, wenn sie nicht da ist! Dort habe ich mich an Deinem Brief erquickt, dessen Nachschrift mir einen Freudenschrei entlockte. O, tausendmal gesegnet sei dieses Chambéry, sein neues Gymnasium und dessen Grundsteinlegung, welche den Kultusminister in unsre Gegend führt. Er wird sich hier sehr gut auf seine Rede vorbereiten können, sei es auf dem Spaziergang in der Reaktionsallee – oho, da haben wir ein Wortspiel – oder unter meinen Haselnußsträuchen, wenn Fräulein Bachellery sie nicht unsicher macht. Mein lieber Numa! Wir verstehen uns so gut; er ist so lebhaft und heitern Sinnes. Wie werden wir von unsrer Rosalie plaudern und von dem wichtigen Grund, der ihr augenblicklich eine Reise verbietet. . . . Doch halt, es ist ja ein Geheimnis! . . . Und Mama, die mich schwören ließ! . . . Du kannst Dir denken, wie sie sich auf ihren lieben Numa freut! Wie mit einem Schlage hat sie alle Schüchternheit und Bescheidenheit abgelegt und trat wahrhaft majestätisch in das Büreau des Hotels, um eine Wohnung für ihren Schwiegersohn, den Minister, zu bestellen. Nein, das Gesicht unsrer Wirtin hättest Du sehen sollen, als sie diese Neuigkeit hörte!

»Wie, meine Damen, Sie sind . . . Sie waren? . . .«

»Wir sind es gewesen . . . und sind es noch . . .«

Ihr breites Gesicht wurde violett, hochrot, wie die Palette eines Koloristen. Dasselbe war der Fall bei Herrn Laugeron und der ganzen Dienerschaft. Seit unsrer Ankunft verlangten wir vergebens einen zweiten Handleuchter; vorhin standen fünf auf dem Kaminsims. Numa wird gut bedient werden und gut wohnen, dafür stehe ich Dir. Man gibt ihm die erste Etage, die der Fürst von Anhalt inne hat, und die in 34 drei Tagen frei werden soll. Es scheint, daß das Bad Arvillard verhängnisvoll für die Fürstin wird, und sogar der kleine Doktor ist der Ansicht, daß sie schleunigst abreisen müsse. »Unbedingt nötig!« denn wenn ein Unglück passieren sollte, so würde das Hotel »Alpes Dauphinoises« sich von diesem Schlage nicht so leicht erholen.

Es thut einem weh, wenn man mit ansieht, wie man die Abreise solcher Unglücklichen zu beschleunigen sucht, wie man, vermöge der magnetischen Feindseligkeit, die sich an den Orten erzeugt, wo man lästig wird, die Armen drängt und treibt. Die arme Fürstin von Anhalt, deren Ankunft hier so sehr gefeiert wurde! Es fehlte nicht viel, so würde man sie zwischen zwei Gendarmen an die Grenze des Departements befördern. Das ist die Gastfreundschaft der Kurorte! . . .

A propos, Bompard? Du sagst mir nicht, ob er Numa auf seiner Reise begleitet. Wenn er kommt, so bin ich im stande, mit ihm nach irgend einem Gletscher zu fliehen. Welch großartigen Zug würde unsre Phantasie beim Aufstieg nach jenen Höhen nehmen. Ich lache, ich bin so glücklich . . . und dabei inhaliere und inhaliere ich, ein wenig gestört durch die Nachbarschaft des fürchterlichen Bouchereau, der soeben eingetreten ist und sich zwei Schritte von mir niedergelassen hat.

Wie hart dieser Mann doch aussieht! Die Hände auf den Knopf seines Stockes und sein Kinn auf die Hände gestützt, starrt er vor sich hin und spricht ganz laut, ohne Worte an jemand zu richten. Soll ich es etwa auf mich. beziehen, was er von der Unvorsichtigkeit der weiblichen Badegäste sagt, von ihren hellen Battistkleidern, von ihrer Thorheit in einem Klima, wo die Abende tödlich kühl sind, nach dem Diner auszugehen. Der boshafte Mensch! Man sollte meinen, er wisse, daß ich heute abend in der Kirche von Arvillard für den Verein der Glaubenspropaganda einsammeln werde. Pater Olivieri wird auf der Kanzel über seine Mission in Tibet, über seine Gefangenschaft und sein Märtyrertum sprechen, und Fräulein Bachellery das »Ave Maria« von Gounod singen. Und ich verspreche mir viel Vergnügen von der Heimkehr durch diese engen, dunkeln Gassen, in denen wir 35 uns mit den brennenden Laternen wie ein Fackelzug ausnehmen werden.

Wenn das eine Konsultation sein soll, die mir Herr Bouchereau da erteilt, so danke ich dafür, es ist zu spät. Vor allem, mein Herr, habe ich die volle Genehmigung meines kleinen Doktors, der weit liebenswürdiger ist, als Sie, und mir sogar erlaubt hat, zum Schluß im Salon einen Walzer zu tanzen, allerdings nur einen. Ohnedies fällt alle Welt über mich her, wenn ich ein wenig zu viel tanze. Man weiß nicht, wie kräftig ich bin, trotz meiner Wespentaille, und daß eine Pariserin niemals von übermäßigem Tanzen krank wird. »Nehmen Sie sich in acht! . . . Ermüden Sie sich nicht! . . .« Die eine bringt mir einen Shawl, eine andre schließt die Fenster hinter mir, damit ich mich nicht erkälte. Aber der Eifrigste und Aufmerksamste von allen ist der junge Mann mit der Spannkraft, weil er findet, daß ich »verteufelt« mehr Spannkraft habe als seine Schwester, das arme Mädchen! Dazu gehört nicht viel. Unter uns gesagt, ich glaube, daß dieser junge Herr, durch Alice Bachellerys Kälte zur Verzweiflung gebracht, sich an mir schadlos halten will und mir den Hof macht. . . . Doch ach! Seine Liebesmühe ist umsonst, mein Herz ist nicht mehr frei, es schlägt nur für Bompard. Doch nein, nicht für Bompard. Du ahnst es wohl, nicht Bompard ist der Held meines Romans. Es ist . . . es ist. . . . Ah, meine Zeit ist vorüber, desto schlimmer für Dich! Ich werde es Dir ein andres Mal sagen, mein stolzes, sprödes Fräulein.

 


 

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