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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Band.

Zehntes Kapitel.

Norden und Süden.

Zwischen dem Präsidenten Le Quesnoi und seinem Schwiegersohn hatte nie eine große Sympathie bestanden. Die Zeit, der häufige Verkehr, die Bande der Verwandtschaft waren nicht im stande gewesen, den Gegensatz der beiden Naturen zu mildern, die Kälte und Schüchternheit zu überwinden, welche der Südländer gegenüber diesem großen Schweiger mit den hochmütigen blassen Zügen empfand, dessen blaugrauer Blick – der Blick Rosaliens ohne deren Zärtlichkeit und Milde – sich wie Eis auf das Feuer seiner Begeisterung legte.

Der bewegliche, schwankende Numa, dem stets das Wort im Munde überfloß, der heißblütig und zaghaft zugleich war, lehnte sich gegen die Logik, die Geradheit und die unbeugsame Strenge seines Schwiegervaters auf und schrieb diese Eigenschaften, obwohl er ihn im stillen darum beneidete, der nordischen Kälte zu, der Kälte jenes äußersten Nordens, den der Präsident in seinen Augen vertrat.

»Danach kommt sogleich der Eisbär. . . . Dann nichts mehr als der Nordpol und der Tod.«

Nichtsdestoweniger schmeichelte er ihm und suchte den Gallier durch geschicktes Nachgeben zu gewinnen, ihn in seine Schlinge zu locken; aber dieser Gallier war gewandter als er selbst und ließ sich nicht umgarnen. Und wenn man des Sonntags im Hause der Schwiegereltern beim Mittagsmahle über Politik sprach, wenn Numa, durch das gute Essen weich gestimmt, den alten Le Quesnoi glauben machen wollte, sie 4 seien in Wirklichkeit ganz nahe daran, sich zu verständigen, da sie ja beide nur ein und dasselbe – die Freiheit – wollten, da mußte man sehen, wie entrüstet der Präsident das ganze Netz schmeichlerischer Beredsamkeit, in welchem Numa ihn zu fangen meinte, von sich abschüttelte.

»O nein, nicht ein und dasselbe!«

Mit wenigen schlagenden und derben Beweisgründen stellte er den gegenseitigen Abstand ihrer Ansichten fest, führte die Worte auf ihren wahren Wert zurück und zeigte, daß er sich durch ihren gleißnerischen Klang nicht bethören lasse. Der Advokat zog sich dann scherzend aus der Verlegenheit, war aber im Grunde sehr ärgerlich, besonders in Hinsicht auf seine Frau, die, ohne sich je in Politik zu mischen, hörte und beobachtete. Und wenn sie abends in ihrem Wagen zurückfuhren, bemühte er sich, ihr zu beweisen, daß es ihrem Vater an gesundem Menschenverstand fehle. Ja, wenn es nicht um ihretwillen gewesen wäre, so hätte er ihn nicht übel heimgeschickt! Um ihn nicht zu reizen, vermied es Rosalie, Partei zu ergreifen.

»Ja, es ist ein Unglück. . . . Ihr versteht euch nicht. . . .« Im stillen aber gab sie dem Präsidenten recht.

Mit Roumestans Ernennung zum Minister war die Kälte zwischen den beiden Männern noch schärfer hervorgetreten. Herr Le Quesnoi verschmähte es, sich an den Empfangstagen in der Rue de Grenelle zu zeigen, und sprach sich mit seiner Tochter sehr offen darüber aus: »Sag es nur deinem Manne . . . er möge nach wie vor zu mir kommen und zwar so oft wie möglich, ich werde mich sehr darüber freuen; aber mich wird man nie im Ministerium sehen. Ich weiß, auf was diese Leute hinauswollen, und will auch nicht den Anschein einer Mitschuld auf mich laden.«

Im übrigen hatte die Lage in den Augen der Welt nichts Auffälliges; man war es von den Le Quesnoi gewöhnt, daß sie sich mit ihrem Herzeleid in ihren vier Wänden einschlossen.

Der Kultusminister aber hätte sich höchst wahrscheinlich von diesem gewaltigen Gegner, dem er wie ein Schuljunge gegenüberstand, in seinen Salons sehr belästigt gefühlt. 5 Trotzdem stellte er sich verletzt über diesen Entschluß und nahm denselben zum Vorwand, sich als echter Komödiant eine gekränkte Haltung zu geben und nur noch sehr unregelmäßig zu den Sonntagsdiners zu gehen, indem er eine jener tausend Entschuldigungen, wie Ausschußsitzungen, Versammlungen, offizielle Banketts vorschob, welche den politischen Ehemännern einen so großen Spielraum gewähren.

Rosalie dagegen fehlte keinen einzigen Sonntag; sie kam des Nachmittags schon zeitig an und fühlte sich glücklich, in der Häuslichkeit ihrer Eltern wieder Nahrung für ihren Geschmack am Familienleben zu finden, welchen zu berücksichtigen ihr ihre öffentliche Stellung keine Muße bot. Da Madame Le Quesnoi sich noch im Nachmittagsgottesdienst und Hortense entweder mit ihrer Mutter in der Kirche oder mit Freunden in einer musikalischen Matinee befand, so war Rosalie sicher, ihren Vater um diese Zeit in seiner Bibliothek, einem großen von oben bis unten mit Büchern bedeckten Zimmer zu finden, – allein mit diesen stummen Freunden, den Vertrauten seines Geistes, den einzigen, an denen sein Schmerz nie Anstoß nahm. Der Präsident ließ sich nicht nieder, um zu lesen, sondern besichtigte die einzelnen Bücherreihen, machte hier und dort bei einem schönen Einband halt und las stehenden Fußes eine ganze Stunde hindurch, ohne der Zeit und der Ermüdung zu achten. Wenn er seine ältere Tochter eintreten sah, begrüßte er sie mit einem matten Lächeln, und nachdem sie einige Worte gewechselt hatten – denn gesprächig waren sie beide nicht –, hielt auch sie Umschau unter ihren Lieblingsschriftstellern, wählte dies und jenes aus und blätterte neben ihm stehend bei dem etwas düstern Lichte eines großen Hofes, wo das Geläute der nahen Vesperglocken in dumpfen Schlägen in die Sonntagsruhe der kommerziellen Stadtviertel hereintönte. Manchmal reichte er ihr ein halbgeöffnetes Buch mit einem kurzen: »Lies das . . .« indem er eine Stelle mit dem Finger bezeichnete, und nachdem sie gelesen hatte, fügte er hinzu: »Das ist schön, nicht wahr? . . .«

Es gab kein größeres Vergnügen für diese junge Frau, der das Leben alles bot, was es an Glanz und Luxus geben 6 kann, als so eine Stunde bei ihrem alten, traurigen Vater zu verbringen, zu dem sie in kindlicher Verehrung, welche durch innige, rein geistige Bande verdoppelt wurde, aufblickte.

Sie verdankte ihm ihren geraden, rechtlichen Sinn und jenes Gerechtigkeitsgefühl, das ihr so viel Kraft verlieh, auch ihren künstlerischen Geschmack, sowie ihre Liebe zur Malerei und zur Poesie; denn bei Le Quesnoi hatten die fortgesetzten juristischen Kniffe und Düfteleien den inneren Menschen nicht verknöchert. Auch ihre Mutter wurde von Rosalie geliebt und verehrt, aber nicht ohne eine Art innere Auflehnung gegen die allzu einfache, allzu weichliche Natur, welche in ihrem eignen Hause null und nichtig war und sich vom Schmerz, der gewisse Seelen erhebt, so völlig zu Boden beugen ließ, daß sie sich den gewöhnlichsten weiblichen Schwächen, der Bigotterie und dem Aufgehen in kleinlichen Sorgen hingab. Obgleich sie jünger war, als ihr Mann, schien sie doch mit ihrem großmütterlichen Wesen die Aeltere zu sein. Traurig und gealtert durchsuchte sie alle Winkel ihres Gedächtnisses nach einem warmen Fleckchen, nach Erinnerungen aus der Kindheit, die sie auf einem sonnigen Landgute im Süden verlebt hatte. Vor allem aber hatte sie sich der Kirche ergeben und pflegte nun seit dem Tode ihres Sohnes ihren Gram in dem kühlen Halbdunkel, dem bewegten Schweigen der Kirchenhallen einzuschläfern, und in ihrem Herzen herrschte dann die friedliche Ruhe eines Klosters, aus welchem das bunte Gedränge des Lebens durch die schweren, ausgepolsterten Thüren ferngehalten wird – jene selbstsüchtige, feige Frömmigkeit, welche sich knieend und betend aller Sorgen und Pflichten entledigt, sich ganz der Verzweiflung hingibt.

Rosalie, die zur Zeit ihres Familienunglücks schon ein erwachsenes Mädchen war, hatte sich damals von der verschiedenen Art, wie ihre Eltern es ertrugen, betroffen gefühlt: die Mutter verzichtete auf alles, ließ ihren Thränen freien Lauf und warf sich der Religion in die Arme, während der Vater in der Erfüllung seiner Pflichten Kraft suchte; und so war ihr die zärtliche Vorliebe für ihren Vater von 7 der eignen Vernunft eingegeben worden. Jetzt aber war es ihre Ehe, die tägliche Gemeinschaft mit dem Ueberschwang, den Lügen und Thorheiten ihres Südländers, welche ihr den Zufluchtswinkel der stillen Bibliothek noch süßer erscheinen ließen, sie von der großartigen, steifen und frostigen Ausstattung der Ministerialgebäude erlöste.

Inmitten des friedlichen Plauderns hörte man dann plötzlich eine Thür gehen, das Rauschen eines seidenen Kleides . . . Hortense trat herein.

»Ah, ich wußte, daß ich dich hier treffen würde.«

Sie selbst war ganz und gar keine Freundin vom Lesen. Selbst die Romane langweilten sie, da sie für ihre überspannte Denkungsart nie romantisch genug waren. Nachdem sie fünf Minuten lang, ohne noch den Hut abgelegt zu haben, herumgetrippelt war, sagte sie: »Wie dumpf und moderig all diese alten Scharteken riechen . . . findest du es nicht auch, Rosalie? . . . So komm doch ein wenig mit mir . . . Vater hat dich genug gehabt. Die Reihe ist jetzt an mir.«

Und sie zog sie mit sich fort in ihr Zimmer, in das Zimmer, das ihnen beiden gehörte; denn auch Rosalie hatte darin bis zu ihrem zwanzigsten Jahre gelebt.

Hier sah sie während eines reizenden Plauderstündchens alle die Gegenstände, die mit ihr verwachsen waren, ihr Bett mit den Cretonnevorhängen, ihr Pult, die Etagere, den Bibliothekschrank, wo ihr aus Büchertiteln, aus tausend mit Liebe aufbewahrten Kleinigkeiten ein Stück ihrer eignen Kindheit entgegenblickte. Sie begegnete sich selbst in allen Winkeln dieses Mädchenzimmers, das jetzt niedlicher und schmucker aussah, als zu ihrer Zeit: Ein Teppich bedeckte den Boden, eine Ampel in Blumenform hing an der Zimmerdecke und auf Schritt und Tritt begegnete man kleinen zierlichen Näh- und Schreibtischchen. Kurz, mehr Eleganz und weniger Ordnung; zwei oder drei angefangene Arbeiten lagen auf den Stuhllehnen herum, das Pult war offen geblieben, und wenn man die Thür öffnete, flatterten stets zierliche Briefbogen umher.

»Das macht der Wind,« sagte Hortense, indem sie in 8 lustiges Lachen ausbrach, »er weiß, daß ich ihn liebe und wird gekommen sein, um zu sehen, ob ich zu Hause bin.«

»Man wird das Fenster offen gelassen haben,« entgegnete Rosalie ruhig. . . . »Wie kannst du nur in dieser Unordnung leben? . . . Mich macht es unfähig zum Denken, wenn nichts an seinem Platze steht.«

Zugleich erhob sie sich, um ein schief an der Wand hängendes Gemälde zurechtzurücken, das ihr Auge störte, denn ihr Blick war gerade wie ihr Geist.

»Bei mir ist es gerade umgekehrt, mich belebt das. . . . Es ist mir, als ob ich auf der Reise wäre.«

Dieselbe Verschiedenartigkeit der Naturen fand ihren Ausdruck auch auf dem Gesicht der beiden Schwestern. Rosalie zeigte feine, äußerst reine Linien und ruhige Augen, deren Farbe wechselte wie die Flut der tiefen See; Hortense dagegen hatte geistreiche, unregelmäßige Züge und den matten Teint einer Kreolin. Sie waren die Verkörperung des von den Eltern vertretenen Nordens und Südens, zweier völlig verschiedener Temperamente, die sich vereinigt hatten, ohne sich zu verschmelzen, von denen jeder seine eigne Rasse fortpflanzte. Und das trotz des gemeinsamen Lebens, trotz der gleichmäßigen Erziehung in einem großen Pensionate, in dem Hortense unter den gleichen Lehrern, nur einige Klassen tiefer, denselben traditionellen Unterricht genoß, der aus ihrer Schwester eine ernste, aufmerksame, stets besonnene Frau gemacht hatte, die in jede ihrer Handlungen ihre ganze Kraft setzte, während sie selbst von Hirngespinsten gequält, mit ruhelosem, stets in Gärung begriffenem Geiste zurückblieb. Manchmal, wenn Rosalie die Schwester so aufgeregt sah, rief sie aus: »Ich bin doch glücklich. . . . Ich habe keine Phantasie.«

»Ich habe nichts als das!« entgegnete Hortense, und sie erinnerte ihre Schwester daran, daß sie, Rosalie, in dem Lehrkursus des Herrn Baudouy, der ihnen Unterricht im Stil und in der Entwickelung des Gedankens gab – in seiner »Phantasielehre«, wie er es großartig nannte – nicht den geringsten Erfolg aufzuweisen hatte, indem sie alles 9 in kurzen, bündigen Worten ausdrückte, während sie, Hortense, mit dem kleinsten Gedankenkorne ganze Bände ausfüllte.

»Das ist der einzige Preis, den ich je erhalten habe – der Phantasiepreis.«

Trotz alledem lebten sie in zärtlicher Eintracht und liebten sich, wie dies zwischen älteren und jüngeren Schwestern vorkommt, mit jener Innigkeit, die an das Verhältnis von Mutter zu Tochter erinnert. Rosalie nahm sie überall mit sich, auf den Ball, zu ihren Freundinnen, in die großen Modemagazine, wo die Pariserinnen ihren Geschmack ausbilden und verfeinern. Selbst nachdem sie das Pensionat verlassen hatten, blieb Rosalie noch immer ihre kleine Mutter. Und jetzt ging sie damit um, sie zu verheiraten, den ruhigen, zuverlässigen Gefährten für sie zu finden, der diesem tollen Köpfchen unentbehrlich war, den festen Arm, dessen sie bedurfte, um ihren feurigen, erregbaren Geist im Zaum zu halten. Méjean war ganz der Mann dazu; aber Hortense, die sich anfänglich gegen eine Verbindung mit ihm nicht gesträubt hatte, zeigte plötzlich eine entschiedene Abneigung gegen ihn. Am Tage nach jener Soiree im Ministerium, wo Rosalie die Erregtheit und Verwirrung ihrer Schwester wahrgenommen hatte, sprachen sie sich darüber aus.

»Oh, er ist ein guter Mensch, ich habe ihn sehr gern,« sagte Hortense. . . . »Er ist ein aufrichtiger Freund, wie man ihn fürs ganze Leben um sich haben möchte. . . . Aber er ist nicht der Ehemann, der für mich paßt.«

»Warum?«

»Du wirst mich auslachen. . . . Er spricht meine Einbildung nicht genügend an, das ist's! . . . Die Ehe mit ihm erscheint mir wie ein bürgerliches, rechtwinkeliges Haus am Ende einer schnurgeraden Allee. Und du weißt, daß ich ganz andre Dinge liebe, das Unvermutete, die Ueberraschungen. . . .«

»Wen dann? Herrn von Lappara? . . .«

»Danke bestens! Auf den verzichte ich zu gunsten seines Schneiders.«

»Herrn von Rochemaure?«

10 »Dies Muster von einem Federfuchser . . . ich, die ich alles hasse, was nach Papier riecht!«

Und als Rosalie, von Unruhe gequält, weiter forschte und in sie drang, da tauchte eine leichte Röte wie die Flamme eines Strohfeuers auf den blassen Wangen des jungen Mädchens auf, während sie leise sagte: »Was ich möchte, was ich möchte. . . .« Dann aber fuhr sie mit veränderter Stimme und komischem Ausdruck fort: »Ich möchte Bompard heiraten; ja Bompard, das ist der Mann meiner Träume. . . . Der hat wenigstens Phantasie und mit ihm kann man sich vor der Langeweile retten.«

Damit erhob sie sich und durchmaß das Zimmer in jener etwas vorgebeugten Haltung, die sie noch größer erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Man kenne Bompard nicht, sagte sie. Welcher Stolz, welche Würde liege in seinem Wesen, wie logisch er sei mit all seinen Tollheiten! Numa wolle ihm eine Anstellung in seiner Nähe verschaffen, er habe sie ausgeschlagen. Er habe es vorgezogen, von den Trugbildern seines Wahns zu leben. »Und dabei wirft man dem Süden vor, er sei praktisch und gewinnsüchtig. . . . Hier haben wir einen, der die Sage Lügen straft. . . . Jetzt eben, denke nur! – er erzählte mir das neulich auf dem Ball – läßt er Straußeneier ausbrüten. . . . Eine künstliche Brüthenne. . . . Er ist sicher, Millionen zu verdienen, und ist glücklicher in diesem Glauben, als wenn er die Millionen hätte. . . . Kurz, dieser Mann ist bezaubernd! Man gebe mir Bompard, ich will keinen andern als Bompard.«

»Ich sehe schon, daß ich auch heute die Wahrheit nicht erfahren werde,« sagte die ältere Schwester zu sich selbst, indem sie hinter diesen Scherzen ein tieferes Gefühl ahnte.

Eines Sonntags fand Rosalie bei ihrer Ankunft Frau Le Quesnoi im Vorzimmer, die ihr in geheimnisvollem Tone zuflüsterte: »Es ist jemand im Salon . . . eine Dame aus dem Süden.«

»Tante Portal?«

»Du wirst schon sehen. . . .«

Es war nicht Madame Portal, sondern eine zierlich 11 geputzte Provençalin, die nach einem unbeholfenen Knix in lautes Lachen ausbrach.

»Hortense!«

Mit dem bis auf die absatzlosen Schuhe reichenden Rocke, dem faltigen Busentuche aus Tüll, das die Büste voller erscheinen ließ, das Gesicht von den tief herabfallenden welligen Scheiteln eingerahmt, die eine kleine Haube zusammenfaßte, welche ein mit Schmetterlingen in Schmelzstickerei verziertes Band von geschornem Samt schmückte, so glich Hortense ganz dem jungen Mädchen aus dem Volke, die man Sonntags auf dem öffentlichen Spaziergange von Arles einherstolzieren oder je zwei und zwei mit niedergeschlagenen Blicken zwischen den kleinen Säulen des Kreuzganges von Saint-Trophyme wandeln sieht, dessen durchbrochene Zieraten so gut zu dem matten, warmen Ton jener orientalischen Gesichtsfarbe passen, die an das alte Elfenbein in Kirchen gemahnt, wenn bei hellem Tage das zitternde Licht einer Kerze darauf fällt.

»Ist sie nicht reizend?« sagte die Mutter, entzückt von dieser lebendigen Verkörperung ihrer Heimat und Jugendzeit. Rosalie hingegen erbebte in unbewußter Traurigkeit, als ob ihre Schwester ihr durch diese Tracht entrissen und in weite Ferne entführt werde.

»Welch sonderbarer Einfall!« . . . sagte sie. »Es steht dir ganz gut, aber mir gefällst du als Pariserin noch besser. . . . Und wer hat dich denn so schön herausstaffiert?«

»Audiberte Valmajour. Sie ist soeben fortgegangen.«

»Sie kommt recht oft,« sagte Rosalie, indem sie nach Hortenses Zimmer ging, um ihren Hut abzulegen – »welch eine Freundschaft! . . . Ich werde bald eifersüchtig werden.«

Hortense verteidigte sich in etwas verlegener Weise. Es freue die Mutter, diese provençalische Haube im Hause zu sehen.

»Ist es nicht so, Mama?« rief sie in das andre Zimmer hinüber. Und dann fühle sich das arme Mädchen so fremd in Paris und sei so interessant mit ihrem blinden Vertrauen in das Genie ihres Bruders.

»Oho, das Genie . . .« bemerkte die ältere Schwester kopfschüttelnd.

12 »Gewiß! Du hast neulich bei eurer Soiree gesehen, welchen Erfolg er hatte . . . und überall geht es ebenso.«

Und als Rosalie antwortete, man müsse Erfolge dieser Art, die teils der Gefälligkeit, teils dem feinen Takte, teils der Laune der Anwesenden ihre Entstehung verdanken, richtig zu würdigen wissen, wandte Hortense ein: »Nun, er ist doch an die Oper gekommen!«

Das Samtband auf der kleinen Haube kam sehr in Aufruhr, als hätte dieselbe in Wirklichkeit einen jener exaltierten Köpfe bedeckt, über deren stolzem Profil sie da unten im Süden zu prangen pflegte. Diese Valmajours seien übrigens gar keine Bauern wie die andern, sondern die letzten Abkömmlinge einer verarmten Adelsfamilie! . . .

Rosalie, die vor dem hohen Ankleidespiegel stand, wandte sich lachend um: »Wie? Du glaubst wirklich an dieses Märchen?«

»Versteht sich! . . . Sie stammen direkt von den Fürsten von Baux ab . . . die betreffenden Dokumente sind da, ebenso wie die Wappen über dem Eingange ihres Bauernhauses. Sobald sie wollen . . .«

Rosalie erbebte. Hinter dem flötenspielenden Bauer verbarg sich also ein Prinz. Im Zusammenhang mit einem »Phantasiepreis«, wie ihn Hortense erhalten hatte, konnte das gefährlich werden.

»An all dem ist kein wahres Wort!« sagte sie und jetzt lachte sie nicht mehr – »es gibt in der Umgegend von Aps mehr als zehn Familien mit diesem angeblich fürstlichen Namen. Die, welche dir etwas anders sagten, haben gelogen und zwar aus Eitelkeit, aus . . .«

»Aber Numa, dein Mann, hat es gesagt. . . . Neulich abend im Ministerium führte er alle möglichen Einzelheiten an.«

»O, bei ihm, du weißt. . . . ›Man muß die Dinge ein wenig herausstaffieren,‹ wie er zu sagen pflegt.«

Hortense hörte nicht weiter auf sie, kehrte in den Salon zurück, setzte sich ans Klavier und begann mit lauter Stimme zu singen_

»Mount' as passa ta matinado
      Mourbieu, Marioun...
«

13 Es war das ein altes provençalisches Volkslied, von ernster, an Kirchengesang mahnender Melodie, das Numa seine Schwägerin gelehrt hatte. Es machte ihm Spaß, es von ihr mit ihrem Pariser Accent singen zu hören, der, die breite südliche Aussprache kaum andeutend, an das Italienische im Munde einer Engländerin erinnerte.

Was hast du diesen Morgen gemacht?
                      alle Wetter, Marei!
Ich habe Wasser vom Brunnen gebracht,
                      mein Gott, lieber Schatz!
Wer hat denn am Brunnen gesprochen mit dir –
                      alle Wetter, Marei!
Das war eine gute Kamerädin von mir,
                      mein Gott, lieber Schatz!
Seit wann hat denn Hosen an eine Maid?
                      alle Wetter, Marei!
Sie hatte ja nur verwickelt ihr Kleid –
                      mein Gott, lieber Schatz!
Seit wann tragen Frau'n einen Degen zum Spiel?
                      alle Wetter, Marei!
Das war ja nur ihr Spinnrockenstiel –
                      mein Gott, lieber Schatz!
Seit wann einen Schnauzbart unter der Nas'?
                      alle Wetter, Marei!
Das waren ja Maulbeeren, die sie aß,
                      mein Gott, lieber Schatz!
Im Monat Mai gibt's noch keine Beer –
                      alle Wetter, Marei!
Es war ein Zweig noch vom Herbste her,
                      mein Gott, lieber Schatz!
So hol mir davon einen Teller voll!
                      alle Wetter, Marei!
Die Vöglein pickten drauf los wie toll,
                      mein Gott, lieber Schatz!
Du Falsche! Abhau' ich den Kopf dir nun!
                      alle Wetter, Marei!
Was willst du dann mit dem Reste thun?
                      mein Gott, lieber Schatz!
Den Rest, den werf' ich zum Fenster hinaus,
                      alle Wetter, Marei!
Den Hunden zum Festmahl, den Katzen ein Schmaus,
                      Dann ist's vorbei.

14 Sie brach ab, um mit der Gebärde und der Betonung, die Numa eigen waren, wenn er in Eifer geriet, auszurufen: »So, seht ihr Kinder, das ist schön! . . . So schön, wie von Shakespeare! . . .«

»Ja, ein wahres Sittengemälde,« meinte Rosalie, indem sie näher trat. . . . »Der Mann grob und roh, die Frau katzenartig und lügnerisch . . . die echte Ehe des Südens.«

»O, meine Tochter . . .« sagte Madame Le Quesnoi im Tone sanften Vorwurfes, dem Tone, mit dem man einen alten, zur Gewohnheit gewordenen Streit aufnimmt. Zugleich wurde der Sessel vor dem Piano plötzlich herumgedreht, und Rosalie hatte die Haube der entrüsteten Provençalin vor sich.

»Das ist zu stark . . . was hat der Süden dir denn zuleide gethan? . . . Ich schwärme für ihn! Ich kannte ihn nicht, aber die Reise, die ich mit euch gemacht, hat mir mein wahres Vaterland offenbart . . . . Mag ich immerhin in der Kirche Saint Paul getauft sein, ich stamme doch von dort, von dem »kleinen Platz« von Aps her. Weißt du, Mama. eines schönen Tages werden wir diese kalten Nordländer im Stich lassen und nach unserm schönen Süden ziehen, wo man singt, wo man tanzt, in den Süden mit seinen Stürmen, seinem Sonnenschein, seiner poetischen Verklärung, mit allem, was das Leben reicher macht und ihm höhern Reiz verleiht . . . dahin, dahin möcht ich mit dir. . . .« Ihre flinken, kleinen Hände fielen wieder auf das Piano nieder, und das Ende ihres Traumes verklang in einem Gewirr lärmender Akkorde.

»Und kein Wort vom Tambourin,« dachte Rosalie, »das ist bedenklich!«

Es war noch bedenklicher, als sie es sich vorstellte.

An dem Tage, wo Audiberte das Fräulein eine Blume an das Tambourin ihres Bruders stecken sah, in demselben Augenblicke war ihrer ehrgeizigen Seele ein glänzendes Traumbild der Zukunft erschienen, das keinen geringen Anteil an ihrer Uebersiedelung nach Paris hatte. Die Aufnahme, die sie bei Hortense fand, als sie zu ihr kam, um sich bei ihr zu beklagen, die Bereitwilligkeit, mit welcher das junge Mädchen zu Numa eilte, bestärkten sie in ihrer noch schwankenden Hoffnung. Und seitdem suchte sie, ohne Vater und Bruder mehr als dunkle 15 Andeutungen zu machen, mit der Doppelzüngigkeit der südlichen, fast italienischen Bäuerin, sich langsam Bahn zu brechen. Von der Küche im Hause des Präsidenten auf der Place Royale, wo sie zuerst in einem Winkel, auf dem Rand eines Stuhles sitzend, schüchtern wartete, schlich sie sich in den Salon und nahm dort, immer sauber und nett gekleidet und gekämmt, allmählich den Platz einer armen Verwandten ein.

Hortense war ganz vernarrt in sie und zeigte sie ihren Bekannten wie eine hübsche Nipptischfigur, die sie aus der Provence mitgebracht hatte und von der sie stets mit schwärmerischem Entzücken sprach. Und die Provençalin gebärdete sich über die Maßen naiv und übertrieb ihre Wildheits- und Zornesausbrüche, indem sie ihre geballten Fäuste gegen den schmutzigen Pariser Himmel erhob und ein reizendes »Boudiou« hören ließ, auf dessen Effekt sie nicht minder bedacht war, als eine Darstellerin naiver Rollen auf dem Theater. Der Präsident sogar lachte über dieses »Boudiou« und es gehörte etwas dazu, dem Präsidenten ein Lächeln abzulocken.

Ganz besonders aber setzte sie bei dem jungen Mädchen, wenn sie mit demselben allein war, alle ihre Schmeichelkünste in Bewegung. Unversehens warf sie sich vor ihr auf die Kniee nieder, ergriff ihre Hände, geriet außer sich über die geringsten Vorzüge ihrer Toilette, über ihre Art ein Band zu binden oder ihr Haar zu ordnen und sagte ihr jene plumpen Schmeicheleien ins Gesicht, die man trotz alledem gern hört, weil sie so naiv und aufrichtig klingen. Ja, als das Fräulein damals vor dem Bauernhofe aus dem Wagen gestiegen war, da hatte sie geglaubt, die Engelskönigin in Person zu sehen, so daß sie vor Erschütterung kein Wort herausbringen konnte. Und als ihr Bruder, pécaïré, die Karosse, in welcher die Pariserin wieder wegfuhr, über die Steine den Berg hinabrasseln hörte, da sagte er, es sei ihm, als fielen ihm diese Steine einer nach dem andern aufs Herz. Sie brachte diesen Bruder mit seinen stolzen Plänen und seinen Sorgen fortwährend aufs Tapet. »Und weshalb sorgt er sich? Ich frage Sie . . .« Seit der Soiree des »Menisters« sprach man von ihm in allen Zeitungen, überall 16 war sein Bild zu sehen. Und Einladungen in das »Faubourg de Saint-Germéïn« erhielt er so massenhaft, daß er ihnen gar nicht allen Folge leisten konnte. Herzoginnen, Gräfinnen schrieben ihm wohlriechende Billets mit Kronen auf dem Papier, wie auf den Wagen, die sie schickten, um ihn abzuholen . . . Nun, und trotzdem sei er nicht glücklich, der Arme!

Alles das, was die Bäuerin Hortense im Flüsterton erzählte, teilte dieser etwas von der fieberhaften Aufregung und der magnetischen Kraft ihres Wollens mit. Dann fragte das junge Mädchen, ohne sie anzusehen, ob Valmajour nicht vielleicht eine Braut habe, die dort in seiner Heimat auf ihn warte.

»Er eine Braut! . . . Avaï, da kennen Sie ihn schlecht. . . . Er hält sich für viel zu gut, um eine Bäuerin zu wollen. Die Reichsten sind ihm nachgelaufen, die von Combettes, dann noch eine andre . . . und zwar Staatsmädchen, sage ich Ihnen! . . . Er hat sie nicht 'mal angeseh'n. . . . Wer weiß, was er im Sinne hat! . . . O, diese Künstler! . . .«

Und dieses, ihr ganz neue Wort klang, von ihren ungebildeten Lippen mit einer unbeschreiblichen Betonung ausgesprochen, wie Kirchenlatein oder eine aus den Werken des Albertus Magnus aufgelesene, kabbalistische Beschwörungsformel. Auch die Erbschaft des Vetters Puyfourcat kam im Laufe dieses schlau berechneten Geplauders sehr oft zur Sprache. Es gibt im Süden wenige Handwerker oder andre kleinbürgerliche Familien, die nicht ihren Vetter Puyfourcat haben, der in seiner Jugend auf Abenteuer ausgezogen ist und nie mehr geschrieben hat, und den man sich gewöhnlich als steinreich vorzustellen liebt. Es ist dies das große Los in weiter Sicht, die trügerische Hoffnung auf ein fernes Glück, an das man schließlich fest glaubt. Audiberte glaubte unbedingt an die vetterliche Erbschaft, und sie sprach mit dem jungen Mädchen davon weniger, um sie damit zu blenden, als um die soziale Kluft, die sie beide trennte, geringer erscheinen zu lassen. Nach dem Tode Puyfourcats würde ihr Bruder ihr Familiengut zurückkaufen, das Schloß wieder herstellen lassen und seinen Adel geltend machen, 17 da ja alle sagten, daß die betreffenden Urkunden vorhanden seien.

Am Schlusse solcher Plaudereien, die manchmal bis gegen Abend dauerten, stand Hortense lange Zeit schweigend, die Stirn gegen die Fensterscheiben gepreßt, und sah im winterlichen Abendrot die hohen Türme des wieder aufgebauten Schlosses und den glänzend erleuchteten Söller, auf welchem die Schloßherrin den ihr dargebrachten Ständchen lauschte, vor ihrem Geiste auftauchen.

»Boudiou, wie spät es geworden ist! . . .« rief die Bäuerin, wenn sie das Mädchen da angelangt sah, wo sie dasselbe haben wollte. . . . »Und das Essen für meine Mannsleute ist noch nicht bereit! Ich mache, daß ich fortkomme.«

Oft kam Valmajour, um sie unten zu erwarten; aber sie ließ ihn nie heraufkommen. Sie empfand, wie linkisch und ungeschliffen er war, und wußte außerdem, daß ihm jeder Gedanke einer Verführung fern lag. Sie bedurfte seiner noch nicht.

Jemand, der ihr sehr im Wege stand, den sie aber schwer vermeiden konnte, war Rosalie, bei der die Schmeicheleien und affektierten Naivitäten nicht verfingen. Wenn sie zugegen war, runzelte Audiberte ihre schrecklichen Augenbrauen und sprach kein Wort; und während sie so stumm dasaß, stieg neben dem Rassenhaß ein tückischer, rachgieriger Groll in ihr auf, der Groll des Schwachen, gegen das größte Hindernis, das seinen Plänen im Wege steht. Das war der wahre Grund der Abneigung, die sie gegen Rosalie hatte; aber der jüngern Schwester gegenüber gab sie andre Gründe dafür an. »Rosalie liebte das Tambourin nicht, und dann war sie auch keine fromme Katholikin . . . und eine Frau, die nicht in die Messe geht, sehen Sie . . .«

Audiberte war fromm, gewaltig fromm; sie fehlte bei keinem Gottesdienste und beichtete an den dazu bestimmten Tagen. Das hinderte sie jedoch keineswegs, charakterlos, lügnerisch, heuchlerisch und heftig bis zum Verbrechen zu sein, da sie aus den Worten der heiligen Schrift nur Gebote der Rachsucht und des Hasses schöpfte. Das Einzige war, daß sie ehrbar blieb, in dem Sinne, wie man das Wort bei einer Frau versteht. Ihrer fünfundzwanzig Jahre und ihres hübschen 18 Gesichtes ungeachtet, bewahrte sie auch in der gemeinen Umgebung, in der sie sich jetzt befand, die strenge Keuschheit der Bäuerin, unter deren grobem Busentuch ein Herz schlug, das nie ein zärtlicheres Gefühl gekannt hatte, als das des schwesterlichen Ehrgeizes.

»Hortense macht mir Sorge. . . . Sieh sie dir einmal an.«

Rosalie, an welche ihre Mutter diese vertrauliche Bemerkung in der Ecke eines Salons des Ministeriums richtete, glaubte schon, daß Frau Le Quesnoi ihre eignen Befürchtungen teile. Aber die Bemerkung der Mutter bezog sich nur auf einen starken und andauernden Schnupfen, an dem Hortense litt. Rosalie betrachtete ihre Schwester. Sie hatte nach wie vor ihren blendenden Teint, ihre Lebhaftigkeit und ihren frohen Sinn. Sie hustete ein wenig wie alle Pariserinnen nach der Ballsaison. Das schöne Wetter würde sie bald wieder herstellen.

»Hast du mit Jarras darüber gesprochen?«

Jarras war ein Freund Roumestans, ein alter Kamerad aus dem Café Malmus. Er meinte, es habe nichts zu bedeuten, und riet den Besuch des Bades Arvillard an.

»Nun gut, dann muß sie hingehen . . .« sagte Rosalie lebhaft, hoch erfreut, einen Vorwand zu finden, um Hortense aus Paris zu entfernen.

»Jawohl, aber dein Vater bleibt dann ganz allein. . . .«

»Ich werde ihn täglich besuchen. . . .«

Da gestand die arme Mutter schluchzend, wie sehr sie diese Reise mit ihrer Tochter erschrecke. Sie sei schon einmal des Kindes wegen, das sie verloren, ein ganzes Jahr lang von einem Badeort zum andern gezogen. Sollte sie aufs neue dieselbe Wallfahrt antreten mit der Aussicht auf dasselbe schreckliche Ende? Auch ihren Sohn habe die Krankheit im zwanzigsten Jahre ergriffen, in voller Kraft und Gesundheit. . . .

»Oh, Mama, Mama, sei doch still . . .« rief Rosalie, und schalt dann ihre Mutter sanft aus. Hortense wäre doch nicht krank; der Arzt versichere es ja. Diese Reise sei nichts als eine Zerstreuung. Arvillard, die Dauphiné-Alpen, das sei eine wundervolle Gegend. Sie würde gerne 19 Hortense an Stelle der Mutter begleitet haben. Leider könne sie nicht. Wichtige Gründe . . .

»Ja, ich begreife . . . dein Mann, das Ministerium . . .«

»O nein, das ist es nicht.«

Und in diesem Momente inniger Herzlichkeit, wie er selten zwischen ihnen vorkam, sagte sie, sich an ihre Mutter schmiegend: »Höre, behalte es aber für dich, denn niemand weiß es, selbst Numa nicht.« Und sie vertraute ihr die noch ganz schwache Hoffnung eines großen Glückes, auf das sie schon verzichtet hatte und das sie jetzt mit wahnsinniger Freude und Furcht erfülle, die völlig neue Hoffnung auf ein Kind, das sie vielleicht zu erwarten habe.

 


 

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