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Numa Roumestan

Alphonse Daudet: Numa Roumestan - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleNuma Roumestan
authorAlphonse Daudet
year1889
firstpub1889
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleNuma Roumestan
pages302
created20161119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Soiree beim Minister.

Das Faubourg St. Germain bot an jenem Abend einen ungewohnten Anblick dar. Kleine Straßen, die gewöhnlich sehr still waren und in denen die Nachtruhe beizeiten einzutreten pflegte, wurden durch das Gerassel der Omnibusse, die von ihrem gewöhnlichen Wege abgewichen waren, belebt; andre dagegen, die für die rauschende Flut, für den ununterbrochenen Lärm der großen Pariser Verkehrsadern bestimmt waren, glichen in ihrer öden Stille dem Bette eines abgelenkten Stromes und erschienen dadurch noch größer als sonst, während an ihrem Eingang der hohe Schatten eines Garde de Paris zu Pferd oder – quer über die Straße – die düstern Umrisse einer Reihe Schutzmänner mit der Kapuze ihres Mantels über dem Gesicht, die Hände in die weiten Aermel eingewickelt, Wache standen und den Wagen die Durchfahrt wehrten.

»Ist Feuer ausgebrochen?« fragte jemand erschreckt, indem er sich mit dem Kopf aus dem Wagenfenster beugte.

»Nein, mein Herr, es ist Soiree im Ministerium des öffentlichen Unterrichts.«

Und der Mann nahm seinen Posten wieder ein, während der Kutscher, über den großen Umweg fluchend, den er nun zu machen hatte, am linken Seineufer weiterfuhr, wo die aufs Geratewohl durchgebrochenen Straßen noch etwas von der wirren Unordnung des alten Paris an sich haben.

Aus der Entfernung erschien in der That der Stadtteil durch das an beiden Vorderseiten erleuchtete Ministerium, durch die inmitten der Straße zum Schutz gegen die Kälte angezündeten Feuer und den langsam kreisenden Schimmer der sich auf ein und denselben Punkt zusammendrängenden Laternenreihen in einen feurigen Dunstkreis eingehüllt, der durch die Klarheit und eisige Trockenheit der Luft noch lebhafter zur Geltung kam. Wenn man sich aber näherte, beruhigte man sich schnell angesichts der hübschen Anordnung des Festes und des 127 gleichmäßigen, hellen Lichtscheines, der sich bis zur Höhe der benachbarten Häuser erstreckte, deren Inschriften in Goldlettern »Mairie du VIIe Arrondissement... Ministère des Postes et Télégraphes« wie am hellen Tage zu lesen waren und sich unter den wechselnden bengalischen Feuern in einigen großen, blätterlos und unbeweglich in die Höhe ragenden Bäumen des Platzes wie in einer feenhaften Bühnenbeleuchtung widerspiegelten und verflüchtigten. Unter den Vorübergehenden, die trotz der Kälte ihre Schritte anhielten und vor dem Eingang zum Ministerium ein dichtes Spalier von Neugierigen bildeten, bewegte sich auch ein kleiner, drolliger Schatten mit wackelndem, entenartigem Gange, welcher, von Kopf bis zu Fuß in einen langen Mantel gehüllt, wie ihn die Bäuerinnen tragen, von sich nichts sehen ließ, als zwei kleine, stechende Augen. Ganz zusammengekrümmt und mit klappernden Zähnen ging die Gestalt hin und wieder, ohne jedoch in ihrer fieberhaften Aufregung den Frost zu fühlen. Bald stürzte sie auf die Wagen los, die längs der Rue Grenelle in unabsehbarer Reihe harrten und kaum merkbar vorrückten, indes die prächtigen Pferde ungeduldig schnaubten und in den Zügel knirschten und weiße Toiletten hinter den angelaufenen Fenstern sichtbar wurden. Bald kehrte sie wieder zum Eingang zurück, wo das Privilegium gewisser hoher Staatsbeamten deren Karossen gestattete, die Reihenfolge der harrenden Wagen zu durchbrechen. »Pardon . . .« sagte sie, indem sie die Leute zurückdrängte, »lassen Sie mich ein wenig sehen!« In dem hellen Scheine der auf pyramidenförmigen Holzgestellen geordneten Lampions wurden, unter der gestreiften Leinwand der Marquisen, geräuschvoll die Wagenthüren geöffnet, und duftiger Tüll und Blumenschmuck und lange, rauschende Atlasgewänder fluteten heraus die Teppiche entlang. Der kleine Schatten beugte sich gierig nach vorn und zog sich kaum schnell genug zurück, um nicht von den nachfolgenden Wagen erdrückt zu werden.

Audiberte hatte sich selbst überzeugen, mit eignen Augen sehen wollen, wie all das vor sich ging. Mit welchem Stolz blickte sie auf diese Menge, auf diese Beleuchtung, auf die Soldaten zu Fuß und zu Pferde, auf dieses ganze Stück 128 Paris, das Valmajours Tambourin zuliebe das Unterste zu oberst gekehrt hatte. Denn ihm zu Ehren wurde ja das Fest gegeben, und sicherlich war der Name Valmajours auf den Lippen all dieser schönen Herren und Damen. Von dem Eingang in der Rue Grenelle lief sie nach der Rue Bellechasse, wo die Wagen herausfuhren, näherte sich einer Gruppe von Pariser Stadtgardisten und Kutschern in großen Wintermänteln, die um ein mitten auf der Straße brennendes Kohlenfeuer standen, und war erstaunt, diese Leute nur von der Kälte, von dem so strengen Winter und von erfrorenen Kartoffeln sprechen zu hören, von lauter Dingen, die nicht den geringsten Bezug auf das Fest und ihren Bruder hatten. Besonders aber ärgerte sie sich über die Langsamkeit, mit der sich diese endlose Auffahrt entwickelte; sie hätte gern den letzten Wagen einfahren sehen, um sich sagen zu können: »Nun ist es soweit . . . man fängt an. . . . Diesmal wird es doch etwas werden!« Aber die Nacht rückte vor, die Kälte wurde durchdringender, sie fror an die Füße, daß sie vor Schmerzen weinen mußte, – und zu weinen, wenn man sich im Herzen so fröhlich fühlt, das ist denn doch ein wenig stark. Endlich entschloß sie sich, nach Hause zu gehen, nicht ohne mit einem letzten Blick all diesen Glanz und diese Herrlichkeit in sich aufgenommen zu haben, die sie nun durch die vereinsamten Straßen und die eiskalte Nacht in ihrem armen, wirren Kopf mit sich forttrug, in dem das Fieber des Ehrgeizes an die Schläfen pochte und der von Träumen und Hoffnungen zum Zerspringen voll war; diese Prachtbeleuchtung zum Ruhme der Valmajours hatte ihre Augen für immer geblendet.

Und was würde sie erst gesagt haben, wenn sie ins Innere des Ministeriums getreten wäre und die ganze Flucht der weiß und goldnen Säle mit ihren bogenförmigen Flügelthüren gesehen hätte, welche noch größer erschienen durch die Spiegel, in denen die Flammen der Arm- und Kronleuchter widerstrahlten, sowie der blendende Glanz der Diamanten und der Orden aller Art, die in Form von Palmetten, Nadeln, Sternen, teils groß wie Feuerräder, teils winzig klein zu sehen waren, oder aber an 129 jenen großen roten Bändern, die an blutige Enthauptungen erinnern, um den Hals hingen.

Da erblickte man, in buntem Durcheinander mit den Größen des Faubourg St. Germain, Minister, Generäle, Gesandte, Akademiker und Mitglieder des Oberunterrichtsrates. Ein solches Publikum hatte Valmajour noch nie vor sich gehabt, weder in der Arena zu Aps, noch bei den großen Wettspielen der Tambourinschläger in Marseille. Sein Name spielte allerdings keine besondre Rolle bei diesem Feste, zu dem er den Anlaß gegeben. Das prächtig ausgestattete, mit Federzeichnungen von Dalys verzierte Programm kündigte wohl an: »Lieder mit Variationen auf dem Tambourin«, wobei der Name Valmajours neben dem mehrerer berühmter Künstler prangte; aber niemand achtete auf das Programm. Nur Leute aus dem Vertrautenkreise, Leute, die über alles unterrichtet zu sein pflegten, sagten zu dem am Eingang des ersten Salons stehenden Minister: »Sie haben also einen Tambourinvirtuosen hier?«

Und er erwiderte zerstreut: »Ach ja, das ist ein Einfall meiner Damen.«

Er dachte kaum an den armen Valmajour. Es handelte sich diesen Abend um ein andres, weit wichtigeres Debut. Was wird man sagen? dachte er bei sich. Wird sie Erfolg haben? Hatte ihn die Teilnahme, die er für dieses Mädchen hegte, nicht vielleicht über dessen Talent als Sängerin getäuscht? Bis über die Ohren verliebt, obwohl er es sich noch nicht gestehen wollte, und bis ins innerste ergriffen von einer Leidenschaft, wie sie einen Mann von vierzig Jahren zu erfassen vermag, fühlte er zugleich die Angst des Vaters, des Gatten, des Liebhabers und des Ausstatters der Debutantin, und glich jenen zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Gestalten, wie man sie am Abend einer ersten Theatervorstellung hinter den Kulissen umherschleichen sieht. Dies hinderte ihn indes keineswegs; liebenswürdig und zuvorkommend zu sein und seine Gäste mit offnen Armen zu empfangen – und welche Masse Gäste, boun Diou! – er verstand es trotzdem, mit dem lebhaftesten Mienenspiel zu lächeln, oder laut aufzuwiehern und den Boden zu stampfen, 130 sich mit dem ganzen Körper hintenüber zu werfen, oder tiefe Kratzfüße zu machen, kurz, seinen zwar etwas einförmigen, aber immerhin nüancierten Herzensergießungen freien Lauf zu lassen.

Plötzlich jedoch ließ er den werten Eingeladenen, dem er soeben ganz im Vertrauen eine Masse unschätzbarer Gunstbezeigungen versprechen wollte, stehen, ja stieß denselben nahezu fort, um einer großen, geröteten Dame mit selbstbewußtem Auftreten entgegenzueilen. Und mit einem »Ah! Frau Marschallin!« nahm er einen majestätischen, in einen Handschuh mit zwanzig Knöpfen eingezwängten Arm unter den seinigen und führte die hohe Besucherin von Salon zu Salon zwischen einem doppelten Spalier schwarzgekleideter, sich ehrerbietig verneigender Gäste hindurch bis zu dem Konzertsaal, in welchem Madame Roumestan und ihre Schwester die Honneurs machten. Im Zurückgehen teilte er abermals Händedrücke und herzliche Worte aus: »Zählen Sie darauf . . . es ist abgemacht . . .« oder warf jemand sein: »Wie geht's, guter Freund!« mit Blitzesschnelle entgegen, oder er stellte, um etwas Wärme in den Empfang und eine gemütliche Stimmung in diese ganze weltliche Feierlichkeit zu bringen, die Gäste gegenseitig vor und warf sie einander unvermutet in die Arme: »Wie! Sie kennen sich nicht? . . . Seine Durchlaucht, Fürst von Anhalt . . . Herr Bos, Senator . . .« und er bemerkte nicht, daß die beiden Männer, sobald er ihre Namen ausgesprochen hatte, nach einer barschen, tiefen Verbeugung und dem Austausch der unvermeidlichen Höflichkeitsformel »Monsieur, Monsieur« nur warteten, bis er sich entfernt hatte, um sich mit wütender Miene den Rücken zu kehren.

Wie die meisten politischen Kämpfer, wenn sie einmal den Sieg errungen und die Macht in Händen haben, so hatte auch der gute Numa in seinem Eifer nachgelassen. Ohne sich von der Partei der »moralischen Ordnung« abzuwenden, hatte der Sohn der südlichen Vendée doch sein früheres Feuer für die »gute Sache« verloren, ließ die großen Hoffnungen einschlafen und fing an zu finden, daß man mit dem Gange der Dinge eigentlich zufrieden sein könne. Wozu diese 131 rohen Gehässigkeiten unter anständigen Leuten? Er hielt die Besänftigung der Gemüter, allgemeine Duldsamkeit für wünschenswert und zählte auf die Musik, um eine Versöhnung zwischen den Parteien herbeizuführen, indem er hoffte, man würde in seinen »kleinen Konzerten«, die alle vierzehn Tage stattfanden, ein neutrales Gebiet erblicken, auf welchem künstlerischer Genuß und höfliches Entgegenkommen selbst die heftigsten Gegner zusammenführen konnte, so daß dieselben im stande waren, sich außerhalb der politischen Leidenschaften und Wühlereien zu würdigen. Daraus erklärte sich auch die eigentümliche Zusammenwürfelung, die bei den Einladungen zu Tage trat, sowie die unbehagliche, peinliche Stimmung der Eingeladenen und die leise geführten, plötzlich unterbrochenen Gespräche, das lautlose Ab- und Zugehen von schwarzen Anzügen, die absichtlich nach oben gerichteten Blicke, als betrachte man die Vergoldung der Decke und jene Verzierungen aus der Zeit des Direktoriums, halb Louis XVI., halb Empire, die in Kupferapplikation ausgeführt die geraden Linien des Marmors der Kamine unterbrechen. Man hatte warm und kalt zugleich, fast als wäre der schreckliche Frost von außen durch die dichten Mauern und die schweren Vorhänge eingedrungen, um sich hier in moralische Kälte zu verwandeln. Von Zeit zu Zeit unterbrach das stürmische Hin- und Herrennen Rochemaures oder Lapparas, welche beauftragt waren, den Damen Plätze zu verschaffen, dies einförmige Umherwandeln von sich langweilenden Personen; oder die schöne Madame Hubler rauschte in Aufsehen erregender Weise mit ihrem Federschmuck und ihrem ausdruckslosen Profil, das dem einer unzerbrechlichen Puppe glich, vorüber, ein erzwungenes, bis in die Augenbrauen sich verziehendes Lächeln auf den Lippen, wie man es bei den Wachsfiguren im Schaufenster der Friseure sieht. Aber die Kälte griff alsobald wieder Platz.

»Der Teufel soll Wärme und Leben in diese Säle des Kultusministeriums bringen . . . gewiß geht Frayssinous' Geist in der Nacht hier um!«

Diese mit lauter Stimme gemachte Bemerkung ging von einer Gruppe junger Musiker aus, die sich um Cardaillac, 132 den Direktor der Oper, herumdrängten, welcher seinerseits mit philosophischer Gleichmütigkeit auf einer Samtbank mit dem Rücken an den Sockel der Molièrestatue gelehnt, dasaß. Dieser stark beleibte, halb taube Mann mit seinem weißen, borstigen Schnurrbart erinnerte kaum mehr an den gewandten, feurigen Unternehmer der Feste des »Nabob«; man erkannte denselben nicht mehr in dieser großen, stattlichen, aber leblosen Gestalt mit dem aufgedunsenen, nichtssagenden Gesichte, in welchem nur noch das Auge auf den Pariser Blagueur hindeutete; aus ihm sprachen seine stürmischen Lebenserfahrungen und sein im Feuer des Bühnenlebens gestählter Geist. Jetzt aber war er befriedigt und gesättigt und höchstens von der Furcht erfüllt, bei Ablauf seines Vertrages des Direktionspostens verlustig zu gehen; darum zog er die Krallen ein, sprach nur wenig, besonders hier, und begnügte sich, seine Bemerkungen über die Komödie des offiziellen Lebens mit dem geheimnisvollen Lächeln »Lederstrumpfs« zu würzen.

»Boissaric, mein Junge,« fragte er ganz leise einen jungen Mann aus Toulouse, der voller Kniffe und Ränke war und von dem im Opernhaus soeben ein Ballett aufgeführt worden war, das erst zehn Jahre lang in der Mappe gelegen hatte, was ihm niemand glauben wollte, – »Boissaric, du, der alles weiß, nenne mir doch den Namen dieser feierlichen Persönlichkeit mit dem Schnurrbart, die mit aller Welt vertraulich spricht und hinter der eignen Nase mit einer Andacht einhermarschiert, als ginge es zum Leichenbegängnis dieses Anhängsels. . . . Er muß vom Theater sein, denn er sprach mir davon mit einer gewissen Kennermiene.«

»Das glaube ich nicht, Herr Direktor . . . eher ein Diplomat. Ich hörte ihn soeben zum belgischen Gesandten sagen, sie seien lange Zeit Kollegen gewesen.«

»Sie irren sich, Boissaric . . . es muß ein fremder General sein. Soeben erst führte er inmitten einer Gruppe hoher Offiziere das große Wort und sagte mit erhobener Stimme: ›Da müßte man nie ein militärisches Oberkommando geführt haben!‹«

»Seltsam!«

133 Lappara, der im Vorübergehen befragt wurde, lachte laut auf: »Das ist ja Bompard!«

»Quès aco Bompard? – Wer ist Bompard?«

»Der Freund des Ministers. . . . Wie ist es möglich, daß Sie ihn nicht kennen?«

»Ein Südländer?«

»Té! Parbleu, das will ich meinen . . .«

Es war in der That Bompard, der in einen prächtigen neuen Anzug mit Samtaufschlägen eingeschnürt, die Handschuhe in der Westenöffnung bergend, die Soiree seines Freundes durch eine mannigfaltige und unausgesetzte Unterhaltung zu beleben suchte. In der offiziellen Welt, in der er sich zum erstenmal produzierte, noch unbekannt, erregte er denn auch wahrhaftes Aufsehen, indem er von Gruppe zu Gruppe ging und seine Erfindungsgabe leuchten ließ, seine glänzenden Phantasieen, seine Geschichten von königlichen Liebschaften, Abenteuern und Kämpfen, von Triumphen auf eidgenössischen Schützenfesten zum besten gab, – Geschichten, die auf allen Gesichtern rund umher den gleichen Ausdruck des Staunens und einer gewissen peinlichen Unruhe hervorriefen. Hier bot sich nun zwar Stoff genug zur Heiterkeit, aber nur für die paar Eingeweihten, die denselben zu würdigen wußten, und so vermochte selbst Bompard nicht die Langeweile zu verscheuchen, die sich bis in den Konzertsaal erstreckte, einen ungeheuren, äußerst malerischen Raum mit doppelten Galerieen und einem Glasplafond, der den Eindruck machen konnte, als befinde man sich unter freiem Himmel.

Eine grüne Dekoration von Palmen und Bananenbäumen, deren lange, unbewegliche Blätter unter den Kronleuchtern erglänzten, bildete einen frischen Hintergrund für die Toiletten der Damen, welche in geraden, unzähligen Stuhlreihen dicht aneinandergedrängt saßen. Das war ein Wogen und Wallen von Nacken, die sich hin- und widerbeugten, von Schultern und Armen, die aus den Kleidern hervorstrebten wie aus dem Blätterschmuck einer halbgeöffneten Blume, von reichem, sternbesätem Haarputz, welcher das Funkeln der Diamanten dem blauen Glanz der schwarzen Haare und dem gesponnenen Gold der blonden Locken paarte; 134 da sah man blühende Wangen im Einviertelprofil, Körper, welche von den Hüften bis zum Nacken in gesunder Fülle prangten, oder zarte, magere Gestalten von der schlanken, mit einer Brillantschnalle zusammengehaltenen Taille bis zu dem langen, durch ein Samtband verdeckten Halse. Und über all dem schwirrten die bunten, entfalteten, mit allerlei Flitter ausgestatteten Fächer und einten die Wohlgerüche der »White rose« oder des »Opopanax« dem sanften Dufte des weißen Flieders und der natürlichen Veilchen.

Das auf den Gesichtern sich kundgebende Mißbehagen steigerte sich hier noch durch die Aussicht, zwei Stunden lang unbeweglich vor diese Estrade gebannt zu sein, auf welcher die Choristen in schwarzen Anzügen und die Choristinnen in weißen Musselinkleidern regungslos wie vor einem photographischen Apparate aufgestellt waren und das Orchester sich in den Sträuchern von frischem Grün und Rosen verbarg, aus denen man nur die Hälse der Baßgeigen gleich Folterinstrumenten hervorragen sah. O, sie kannten sie alle, diese Qual des musikalischen Jochs, dieselbe gehörte zu den ermüdenden Widerwärtigkeiten ihrer Wintersaison, zu den Frondiensten, die sie der Gesellschaft leisten mußten. Daher kam es, daß, wenn man danach gesucht hätte, in dem ganzen ungeheuren Saal nur ein einziges zufriedenes, lächelndes Gesicht zu finden gewesen wäre – das der Madame Roumestan, und es war nicht etwa das erzwungene Lächeln mancher Hausfrauen, das sich in unbeobachteten Augenblicken nur allzu leicht in den Ausdruck feindseligen Widerwillens verwandelt, sondern das glückliche Antlitz einer geliebten Frau, die im Begriffe steht, ein neues Lehen zu beginnen. O unerschöpfliche Zärtlichkeit eines edlen Herzens, das nur einmal geliebt hat! Sie begann jetzt wieder an ihren Numa zu glauben, der seit einiger Zeit so gut, so zärtlich war. Es war wie eine Rückkehr zur ersten Liebeszeit, ein Sichwiederfinden zweier Herzen nach langer Trennung. Ohne zu untersuchen, woher dieses Aufleben seiner Zärtlichkeit kommen mochte, sah sie ihn wieder liebevoll und jugendlich wie eines Abends vor ihrem Jagdgemälde, und sie war immer noch die begehrenswerte Diana, zart und geschmeidig 135 in ihrem weißen Brokatkleide, mit ihren kastanienbraunen, glatt über der Stirn gescheitelten Haaren – über dieser reinen, keuschen Stirn, auf welcher ihre dreißig Jahre kaum als fünfundzwanzig erschienen.

Auch Hortense war sehr hübsch, ganz in Blau gekleidet, und der Tüll, der ihren langen, etwas nach vorn gebeugten Oberkörper wie eine Wolke umgab, warf einen milden Dämmerschein auf ihr Gesicht. Aber der Gedanke an das erste Auftreten ihres Musikers beunruhigte sie. Sie fragte sich, ob dies verwöhnte Publikum Geschmack an dieser idyllischen Musik finden würde, ob man nicht, wie es Rosalie geraten hatte, dem Tambourin einen Horizont von grauen Oliven mit einer zackigen Hügelkette hätte geben müssen; und ganz erregt zählte sie schweigsam, unter dem leisen Rauschen der Fächer, inmitten der mit gedämpfter Stimme geführten Unterhaltung, in welche sich die der Reihe nach einfallenden Orchesterstimmen mischten, die vor dem Valmajourschen Debut auf dem Programm angesetzten Stücke.

Jetzt hört man die Violinisten mit ihren Bogen auf die Pulte schlagen, ein Knittern von Noten, während sich die Choristen auf dem Podium von ihren Sitzen erheben; die Opfer senden einen langen Blick nach der von schwarzen Röcken versperrten hohen Thüre, als wünschten sie zu entfliehen – und die ersten Akkorde des Gluckschen Chores;

»In dieses Waldes unheilvollem Dunkel . . .«

steigen zu der Glasdecke empor, über welche die Winternacht ihren blauen Schleier breitet.

Das Konzert hat begonnen. . . .

Der Geschmack für Musik hat sich in Frankreich seit einigen Jahren sehr verbreitet. Besonders in Paris haben die Sonntagskonzerte und die während der Osterwoche stattfindenden geistlichen Aufführungen, sowie eine Unmasse Privatvereine die Sinne des Publikums überreizt, die klassischen Werke der großen Meister popularisiert und die musikalische Gelehrsamkeit zur Modesache erhoben. Aber im Grunde genommen ist Paris viel zu unruhig, viel zu sehr mit dem Kopfe lebend, um ernstliche Liebe zur Musik zu empfinden, zu jener den Menschen völlig absorbierenden Kunst, 136 die uns regungslos, sprach- und gedankenlos in ein Netz wogender Harmonieen einspinnt, uns darin einwiegt und in einen traumähnlichen Zustand versetzt wie das Meer. Und die Opfer, welche der Bewohner der Weltstadt für sie bringt, sind die eines verschwenderischen Stutzers für ein Mädchen à la mode, das Zurschaustellen einer banalen, bis zur Langeweile leeren Modeleidenschaft.

Ja, bis zur Langeweile! Und sie bildete unzweifelhaft auch in diesem Konzerte den Grundton. Unter der gekünstelten Bewunderung, in den affektiert begeisterten Mienen, die in der großen Welt auch bei den aufrichtigsten Frauen zum guten Ton gehören, trat sie mehr und mehr zu Tage, verscheuchte kalt das Lächeln und den Glanz der Augen und senkte sich erdrückend auf jene niedlichen, schmachtenden Körperhaltungen, welche an kleine Waldvögelein gemahnen, wenn sie auf einem Zweige sitzen, oder Tropfen um Tropfen trinken. »Bravo! . . . Göttlich! . . . Köstlich!« hörte man eine nach der andern in den langen Reihen aneinander geketteter Stühle mit verzweifeltem Eifer rufen, als wollten sie sich selbst damit anfeuern, schließlich aber erlagen sie doch der immer mehr um sich greifenden Erstarrung, die wie ein dichter Nebel aus der Hochflut stieg und alle der Reihe nach aufmarschierenden Künstler in weite, teilnahmslose Ferne entrückte.

Und doch waren es die berühmtesten, die ausgezeichnetsten Virtuosen, welche Paris hier versammelt hatte, und sie trugen die klassische Musik mit aller erforderlichen Meisterschaft vor, die man sich leider erst im Lauf der Jahre erwirbt. So singt nun die Vauters bereits seit dreißig Jahren jene schöne Romanze von Beethoven, »Das Liedchen von der Ruhe«, und nie sang sie es mit mehr Feuer, nie inniger als heute abend; aber die Saiten sind gerissen, man hört den Bogen auf dem Holze kratzen, und von der einstigen großen Sängerin, von der berühmten Schönheit ist nichts übrig geblieben, als wohlberechnete Stellungen, eine untadelhafte Methode und jene schmale, weiße Hand, die bei der letzten Strophe eine Thräne in dem Winkel des durch Kohle vergrößerten Auges zerdrückt, eine Thräne, die den Seufzer ersetzen soll; dessen ihre Stimme nicht mehr fähig ist.

137 Und wer hat es jemals Mayol, dem schönen Mayol gleich gethan, wenn er die Serenade aus »Don Juan« mit jener zephyrartigen Weichheit, mit jener Leidenschaft hingehaucht, die an eine verliebte Libelle erinnert. Nur hört man ihn leider jetzt nicht mehr, so sehr er sich auch mit vorgestrecktem Halse auf den Fußspitzen in die Höhe hebt, so sehr er auch seinen Ton bis aufs letzte ausklingen läßt, indem er ihn mit der feinen Gebärde einer Spinnerin begleitet, die ihre Wolle zwischen den Fingern dreht – es will nichts, gar nichts mehr herauskommen. Paris, das seinen einstigen Freunden ein dankbares Andenken bewahrt, klatscht trotzdem Beifall; aber diese abgenützten Stimmen, diese verblühten allzu bekannten Gesichter – Münzen, die infolge ihrer beständigen Zirkulation ihr Gepräge verloren haben – vermögen die Nebel nicht zu zerstreuen, die über dem Feste schweben, ungeachtet der Anstrengungen, welche Roumestan macht, um Leben in dasselbe zu bringen, trotz der begeisterten Bravos, die er mit lauter Stimme mitten aus dem Knäuel der schwarzen Röcke herausschleudert, trotz der »Scht« und »Pst«, womit er die Leute, die zu plaudern versuchen, zwei Salons weit einschüchtert und die nun stumm und gespenstergleich in der glänzenden Beleuchtung umherwandeln, oder, um sich zu zerstreuen, mit krummem Rücken und schlaff herabhängenden Armen vorsichtig ihren Platz wechseln, oder auch wie vernichtet, den Klapphut zwischen den Beinen schlenkernd, mit stumpfen, ausdruckslosen Zügen auf niedere Sitze sinken.

Mit einemmale wird alles wach und lebendig – Alice Bachellery tritt auf.

An beiden Eingängen des Saales entsteht ein Gedränge von Neugierigen, die gerne die kleine Sängerin im kurzen Röckchen auf der Estrade sehen möchten, wie sie mit halbgeöffnetem Munde und wie vor Ueberraschung über dieses große Publikum mit den Augen blinzelt. »Chaud! chaud! les p'tits pains d'gruau!« summen die jungen Leute aus den Klubs mit der schelmischen Gebärde, womit sie ihren Schlußrefrain zu begleiten pflegte. Alte Universitätsprofessoren nähern sich ganz erregt, ihren Kopf nach der Seite 138 haltend, auf der sie besser hören können, um sich keine von den schlüpfrigen Zweideutigkeiten des beliebten Schwankes entgehen zu lassen. Und man ist ganz enttäuscht, als der kleine Bäckerjunge mit seiner scharfen, schwachen Stimme eine große Arie aus »Alceste« anstimmt, welche ihm von der Vauters, die ihm jetzt hinter den Kulissen hervor Mut einspricht, eingetrichtert worden ist. Die Gesichter ziehen sich in die Länge, die Herren im schwarzen Fracke nehmen Reißaus und beginnen aufs neue umherzuirren, und zwar um so ungezwungener, als der Minister sie jetzt nicht mehr überwacht, sondern sich am Arme des über eine solche Ehre ganz verwirrten Herrn von Boë nach dem Hintergrunde des letzten Saals begeben hat.

O unverwüstliche Kindlichkeit der Liebe! Ihr mögt eine zwanzigjährige Advokatenpraxis, eine fünfzehnjährige parlamentarische Routine hinter euch haben, mögt Selbstbeherrschung genug besitzen, um inmitten der stürmischsten Sitzungen und der zügellosesten Unterbrechungen euer Ziel mit der Kaltblütigkeit einer Seemöwe, die auch im wütendsten Sturm nach Fischen ausgeht, festzuhalten – sobald einmal die Leidenschaft ins Spiel kommt, so seid ihr schwach unter den Schwachen, und klammert euch verzweiflungsvoll, zitternd und feige lieber an den Arm des ersten besten Einfaltspinsels an, als daß ihr den geringsten Tadel eures Idols anhört.

»Entschuldigen Sie, ich muß fort . . . die Pause ist da . . .« Mit diesen Worten stürzt der Minister hinweg und übergibt den jungen Kanzleibeamten wieder dem Dunkel, aus dem er nunmehr nicht mehr auftauchen wird. Man drängt nach dem Büffett, und die befriedigten Mienen all dieser Unglücklichen, denen die Freiheit der Bewegung und der Rede zurückgegeben ist, können Numa glauben machen, daß sein Schützling einen großen Erfolg errungen habe. Man drängt sich um ihn, man beglückwünscht ihn, »göttlich . . . köstlich . . .«, aber niemand spricht ausdrücklich über das, was ihn interessiert, und er hält endlich Cardaillac fest, der soeben seitwärts schreitend an ihm vorübergeht und den Menschenstrom mit seiner riesigen Schulter wie mit einem Hebel zurückstaut.

139 »Nun! . . . Wie hat sie Ihnen gefallen?«

»Wer denn?«

»Die Kleine . . .«, sagt Numa in einem Tone, den er gleichgültig erscheinen zu lassen bemüht ist.

Der andre ist schlau genug, sofort zu verstehen, und antwortet, ohne sich zu besinnen: »Eine Entdeckung. . . . Ein neuer Stern!« worauf der Verliebte wie ein Zwanzigjähriger errötet.

»Also glauben Sie, daß sie an der Oper? . . .«

»Ohne Zweifel . . . aber es bedarf eines guten ›montreur‹,« sagte Cardaillac mit seinem stummen Lächeln, und während der Minister sich beeilt, Fräulein Alice zu beglückwünschen, setzt der »montreur« seinen Marsch in der Richtung des Büffetts fort, das sich im Hintergrunde eines braungetäfelten, goldverzierten Saales von einer großen Spiegelscheibe abhebt. Ungeachtet der schweren, dunklen Vorhänge und des hochmütigen, pedantischen Wesens der Haushofmeister – unstreitig Universitätsangehörige von verfehltem Berufe – verschwindet hier die schlechte Laune und die Langeweile vor der ungeheuren Niederlage von feinem geschliffenem Krystall, von Früchten und vor den Pyramiden von belegten Brötchen; die Menschlichkeit tritt wieder in ihre Rechte ein, und überall sieht man jetzt begehrliche Mienen, heißhungrige Stellungen und Gebärden. Wo nur der geringste Raum zwischen zwei Miedern oder zwei über die Lachs- oder Geflügelteller gebeugten Köpfen frei ist, sieht man sofort einen Arm zum Vorschein kommen, der nach einem Glas, einer Gabel oder einem Brötchen greift und dabei mit seinem schwarzen Rockärmel oder dem rauhen Stoff einer glänzenden Uniform den Reispuder von den entblößten Schultern streift. Man plaudert belebt und mit funkelnden Augen, während unter dem Einfluß der moussierenden Weine lautes Lachen ertönt. Hunderterlei Gespräche, unterbrochene Aeußerungen, Antworten auf bereits vergessene Fragen kreuzen sich. In einer Ecke hört man aus der Umgebung des gelehrten Béchut, des Weiberfeindes, welcher fortfährt das schwache Geschlecht zu beschimpfen, heftige, halb unterdrückte Rufe der Entrüstung, während anderwärts ein Streit unter Musikern entbrennt.

140 »Ah! Mein Lieber, nehmen Sie sich in acht . . . Sie leugnen die übervolle Quinte.«

»Ist es wahr, daß sie erst sechzehn Jahre alt ist?«

»Sechzehn Jahre im Faß und noch einige auf der Flasche.«

»Mayol! . . . Geht mir doch weg mit Mayol . . . abgenützt, ausgequetscht. Es ist kaum glaublich, daß die Direktion der Oper jeden Abend zweitausend Franken für dergleichen ausgibt!«

»Allerdings, aber tausend Franken braucht er für die Claque und den Rest jagt ihm Cardaillac beim Ecarté ab.«

»Bordeaux . . . Chokolade . . . Champagner . . .«

»Wenn es gilt, in der Ausschußsitzung Erklärungen abzugeben . . .«

». . . wenn Sie das Kleid mit weißen Atlasschleifen aufputzen.«

Hier empfiehlt das sehr umworbene Fräulein Le Quesnoi ihren Tambourinkünstler einem auswärtigen Berichterstatter, einem unverschämten, geistlosen Schuhmachergesichte, und beschwört ihn, nicht vor Beendigung des Konzerts fortzugehen, indes sie mit Méjean schmollt, weil er sie nicht unterstützt, ihn einen Abtrünnigen, einen »Franciot« heißt. Dort finden politische Auseinandersetzungen statt. Ein gehässiger Mund drängt sich schäumend vor Wut in den Vordergrund und sagt, die Worte wie Kugeln zerkauend, um sie gleichsam zu vergiften: »Alles was nur die radikalste Demagogie . . .«

»Ein konservativer Marat!« ruft eine Stimme, aber das Wort verliert sich in dem lärmenden Durcheinander der Gespräche und dem Klappern von Tellern und Gläsern, welches plötzlich von Roumestans klangreicher Stimme übertönt wird: »Schnell, meine Damen, schnell . . . Sie versäumen sonst die Sonate in F-dur.«

Hierauf Totenstille. Und die lange Prozession der entfalteten Schleppen beginnt abermals die Säle zu durchziehen und sich zwischen den Stuhlreihen hindurchzuzwängen. Die Damen machen verzweifelte Gesichter wie Gefangene, die man nach einstündigem Spaziergang im Gefängnishof wieder in ihre Zellen zurückführt. Und nun folgen Noten auf 141 Noten, die Konzertstücke, die Symphonieen. Der schöne Mayol beginnt aufs neue den unerfaßbaren Faden seiner Töne fortzuspinnen, die Vauters die abgenützten Saiten ihrer Stimme zu probieren. Dann plötzlich wieder ein Aufleben, ein Erwachen der Neugierde, wie vorhin beim Auftreten der kleinen Bachellery. Es ist Valmajours Tambourin, das Erscheinen des prächtigen Bauernburschen mit dem weichen Filzhute auf einem Ohre, der roten Schärpe um die Lenden und seinem Bauernwamms über der Schulter . . . Eine glückliche Idee Audibertes, eine Eingebung ihres Frauengeschmackes, ihn so zu kleiden, um mehr Effekt unter den schwarzen Röcken zu erzielen. Alles dies ist wenigstens neu und überraschend, diese längliche Trommel, die am Arme des Musikers hin und her schaukelt, die kleine Flöte, auf der seine Finger kunstfertig auf und ab gleiten, und die hübschen Stückchen mit doppelter Musik, deren lebhafter Rhythmus den zarten Glanz der schönen Schultern in freudiger Bewegung erschimmern läßt. Das blasierte Publikum unterhält sich bei diesen einfachen, frischen Liedern Altfrankreichs, die nach Rosmarin duften.

»Bravo! . . . Bravo! . . . Dacapo! . . .«

Und wie er nun den Turennemarsch mit dem vollen, wuchtigen Rhythmus eines Siegesmarsches anstimmt, während das Orchester gedämpften Klanges den etwas dünnen Ton seines Instrumentes begleitet, da kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Er wird zweimal, zehnmal hervorgerufen, und zwar in erster Linie von Numa, dessen Eifer durch diesen Erfolg aufs neue angefeuert ist, und der jetzt »den Einfall seiner Damen« auf seine Rechnung nimmt. Er erzählt, wie er dieses Genie entdeckt hat, beschreibt die Wunder der dreilöchrigen Flöte und teilt Näheres über das alte Schloß der Valmajours mit.

»Heißt er wirklich Valmajour?«

»Gewiß . . . von den Fürsten von Baux . . . er ist der letzte seines Stammes.«

Und die Sage macht die Runde, verbreitet sich und wird ausgeschmückt – ein wahrer Roman von George Sand.

»Ich habe die ›parcheméïns‹ – die Adelsbriefe zu 142 Hause,« versichert Bompard in einem Tone, der keinen Widerspruch zuläßt. Aber inmitten dieses allgemeinen, wenn auch mehr oder weniger erkünstelten Enthusiasmus gerät ein armes, kleines Herz in wilden Aufruhr, läßt sich ein jugendliches Köpfchen von diesem Beifall, diesen Märchen, die es ernst nimmt, völlig berauschen.

Ohne ein Wort zu sagen, ja ohne ein Zeichen des Beifalls, folgt Hortense mit starrem Blick, mit einem traumhaften Wiegen ihres schlanken, geschmeidigen Oberkörpers dem Rhythmus der marche héroique und sieht sich wieder in der Provence, dort auf dem hohen, die sonnige Landschaft beherrschenden Söller des alten Schlosses, während ihr Sänger wie im Minnegesang ihr sein Ständchen bringt und die rote Granatblüte mit derber Anmut an seinem Tambourin befestigt. Diese Erinnerung durchschauert sie wonnig, sie lehnt ihr Haupt an die Schulter ihrer Schwester und: »O wie wohl ist mir! . . .« murmelt sie mit einem tiefen, innigen Ausdruck vor sich hin, welcher Rosalie nicht sogleich auffällt, der ihr aber nur allzubald klar werden und sie wie die gestammelte Wahrsagung eines nahenden Unglücks verfolgen wird.

»Nun, mein wackerer Valmajour, habe ich es Euch nicht gesagt? . . . Welcher Erfolg! . . . Nicht wahr?« rief Roumestan in dem kleinen Saal, wo man ein Souper für die Künstler aufgetragen hatte, das diese stehend verzehrten. Freilich wurde dieser Erfolg von den übrigen musikalischen Größen als ein wenig übertrieben empfunden. Die Vauters, welche schon zum Fortgehen gerüstet auf einem Stuhle saß und auf ihren Wagen wartete, verhüllte ihren Aerger in einem großen, nach durchdringendem Parfüm duftenden Spitzencapuchon, während der schöne Mayol in müder Haltung und mit nervösem Achselzucken vor dem Büffett stand und in voller Wut eine Lerche zerstückelte, als hätte er den Tambourinkünstler unter den Händen. Die kleine Bachellery hingegen hatte keine derartigen Zornesausbrüche; sie spielte mitten in einer Gruppe junger Stutzer das Kind, lachte, schwirrte umher wie ein Schmetterling und biß mit ihren weißen Zähnen, wie ein von Hunger geplagter 143 Schuljunge, in ein Schinkenbrötchen. Dazwischen versuchte sie sich auf Valmajours Flöte: »Sehen Sie doch, Herr Minister! . . .«

Dann, als sie Cardaillac hinter Seiner Excellenz erblickte, bot sie diesem mit einer plötzlichen Wendung ihre kleine Mädchenstirne zum Kusse.

»Guten Tag, Onkelchen,« – »B'jou, m'n oncle...«

Natürlich war dies eine Verwandtschaft ihrer Phantasie, eine Kulissenadoption.

»Die leichtsinnige Heuchlerin!« brummte der »montreur« in seinen weißen Schnurrbart, aber nicht allzu laut, denn er hatte in ihr ein neues Mitglied der Oper zu erwarten und noch dazu ein einflußreiches.

Valmajour seinerseits stand, ganz umringt von Frauen und Journalisten, vor dem Kamin. Der fremde Berichterstatter fragte ihn barsch aus und man merkte nichts mehr von dem einschmeichelnden Tone, in welchem er die Minister in den Privataudienzen auszuforschen pflegte; aber der Bauernbursche antwortete, ohne sich irre machen zu lassen, mit der stereotypen Rede: »Es ist mir in der Nacht gekommen, wie ich die Nachtigall singen hörte . . .« Fräulein Le Quesnoi unterbrach ihn, um ihm einen besonders für ihn angefüllten Teller mit einem Glase Wein zu überreichen.

»Guten Tag, mein Herr . . . nun überreiche auch ich Ihnen das grand-boire.« Sie hatte ihm den Effekt verdorben und er antwortete ihr nur mit einer leichten Kopfbewegung, indem er nach dem Kaminsims wies: »Schon gut, . . . schon gut, . . . setzen Sie das hierher.« Dann fuhr er fort, seine Geschichte zu erzählen. »Was die kleine Gotteskreatur mit einem Loch zuwege bringt . . .« Hortense hörte geduldig und ohne sich abschrecken zu lassen, bis ans Ende zu, dann sprach sie mit ihm von seinem Vater und seiner Schwester . . .

»Sie wird sich gewiß recht freuen!«

»O ja, es ist nicht übel ausgefallen.«

Mit selbstzufriedenem Lächeln strich er sich den Schnurrbart, während er zugleich unruhig umherblickte. Man hatte ihm gesagt, der Direktor der Oper wolle ihm ein Anerbieten machen. Er spähte daher von weitem nach demselben und 144 legte dabei schon einen gewissen Kunstneid an den Tag, indem er sich wunderte, daß man sich so lange für nichts und wieder nichts mit dieser kleinen Sängerin beschäftigen konnte, und ganz in seine Gedanken versunken, hielt er es nicht der Mühe wert, dem schönen jungen Mädchen zu antworten, das mit dem Fächer in der Hand, in jener hübschen, beinahe kecken Haltung vor ihm stand, wie die Gewohnheit des gesellschaftlichen Umganges sie mit sich bringt. Sie aber liebte ihn gerade so, kalt und alles übersehend, was nicht seine Kunst betraf; ja sie bewunderte die Art und Weise, wie er die Komplimente, womit Cardaillac ihn in seiner derben Ungezwungenheit überschüttete, von oben herab entgegennahm.

»Jawohl, gewiß . . . ich sage Ihnen nur, was ich denke . . . viel Talent . . . sehr originell, sehr neu. . . . Keinem andern Theater als der Oper soll dies zuerst zu gute kommen . . . ich werde eine Gelegenheit suchen, Sie dem Publikum vorzuführen. Sie können sich von heute ab als zur Oper gehörig betrachten.«

Valmajour dachte an das Stempelpapier, das er in der Tasche seines Wammses trug; jener aber reichte ihm, als ahnte er diesen Gedanken, seine geschmeidige Hand mit den Worten: »Dies bindet uns beide, mein Lieber . . .« Und indem er auf Mayol und die Vauters hinzeigte, die glücklicherweise anderweitig in Anspruch genommen waren – sie hätten sonst zu sehr gelacht – fügte er hinzu: »Fragen Sie Ihre Kameraden, was Cardaillacs Wort zu bedeuten hat.«

Hiermit drehte er ihm den Rücken und kehrte zu der Ballgesellschaft zurück. Der Tanz wogte jetzt in den weniger vollen, aber nur desto belebteren Sälen, und das vortreffliche Orchester rächte sich für drei Stunden klassischer Musik durch eine Reihe echter Wiener Vollblutwalzer. Die hervorragenden Persönlichkeiten, die feierlichen Würdenträger hatten nunmehr der Jugend den Platz geräumt, jener vergnügungstollen Jugend, welche tanzt, um zu tanzen, um sich an den im tollen Wirbeltanz flatternden Löckchen zu berauschen, an den verschleierten Blicken und an den langen Schleppen, in die sich die Füße verstricken. Aber auch da noch 145 behauptete die Politik ihre Rechte und die von Roumestan geträumte Verschmelzung fand nicht statt. Vielmehr blieb von den zwei Sälen, in denen getanzt wurde, der eine linkes Zentrum, der andre von tadellos lilienweißer Färbung, so sehr auch Hortense sich bemühte, die beiden Lager zu vereinigen. Diese war als Schwägerin des Ministers und als Tochter des Präsidenten Le Quesnoi sehr begehrt und sah ihre Mitgift und ihren Einfluß von zahlreichen Freiern umschwärmt.

Lappara erklärte ihr in großer Erregung während des Tanzens, Seine Excellenz habe ihm erlaubt. . . . Aber der Walzer ging eben zu Ende und sie verließ ihn, ohne die Vollendung des Satzes abzuwarten, um sich zu Méjean zu begeben, der nicht tanzte und doch sich nicht entschließen konnte, fortzugehen: »Was machen Sie denn für ein Gesicht, Mann des Ernstes, Mann der Vernunft!«

Er ergriff ihre Hand: »Setzen Sie sich ein wenig hierher, ich habe Ihnen etwas zu sagen. . . . Mit Zustimmung meines Ministers . . .« Er lächelte bewegt und Hortense, welche das Zittern seiner Lippen bemerkte, verstand, was er sagen wollte, und erwiderte, sich schnell erhebend: »Nein, nein . . . nicht heute abend . . . ich kann nichts hören, ich tanze . . .«

Damit flüchtete sie sich an Herrn von Rochemaures Arm, der sie soeben zum Kotillon abholen kam. Der gute junge Mann war gleichfalls sehr verliebt und wagte es, ganz im Tone Lapparas ein Wort anzubringen, worauf eine unbändige Heiterkeit sich ihrer bemächtigte und mit ihr im ganzen Saale herumwirbelte, bis sie nach Beendigung der Schärpentour zu ihrer Schwester kam und ganz leise zu ihr sagte: »Da haben wir es . . . Numa hat mich seinen gesamten drei Sekretären versprochen!«

»Und welchen nimmst du?«

Ihre Antwort wurde in einem Trommelwirbel erstickt.

»Die Farandole! . . . Die Farandole! . . .«

Eine Ueberraschung, die der Minister seinen Gästen bereitet hatte. Die Farandole, der tollste Süden, wie er leibt und lebt, als Schluß des Kotillons. Aber wie wird 146 das getanzt? . . . Die Hände der Tanzenden vereinigen sich, ziehen einander an. Und diesmal mischen sich auch die Säle, indes Bompard mit wichtiger Miene unterweist: »So, meine Damen,« und dabei einen Kreuzsprung macht. Mit Hortense an der Spitze, entfaltet sich nun die Farandole die lange Reihe der Säle entlang, gefolgt von Valmajour, der mit prächtiger Würde und stolz auf die Blicke, die ihm seine feste männliche Haltung und sein originelles Kostüm zuziehen, den Marsch dazu spielt.

»Wie schön er ist!« sagte Roumestan, »wie schön! . . . Ein wahrer griechischer Hirte!«

So zieht der ländliche Tanz in immer größerem Aufschwung von Saal zu Saal, reißt immer mehr Gäste mit sich fort, verfolgt und verjagt den Schatten des weiland Bischofs und Kultusministers Frayssinous. Durch die alten Weisen aus dem Schlaf geweckt, beleben sich die Figuren auf den großen, nach Boucher und Lancret gewirkten Tapeten, und die nackten Amoretten an den Friesen erscheinen den Augen der Tänzer in demselben tollen, zügellosen Laufe, wie sie selbst.

Dort, ganz im Hintergrunde steht Cardaillac, an das Büffett gelehnt, mit einem Teller und einem Glase in den Händen; er hört zu und ißt und trinkt, bis ins Innerste seines skeptischen Naturells von jener behaglichen Wärme durchdrungen, die das Vergnügen gewährt. »Merke dir's, Kleiner,« sagte er zu Boissaric . . . »einen Ball muß man niemals verlassen, bevor er zu Ende ist. Die Frauen sind dann noch einmal so hübsch in ihrer matten Blässe, die noch keineswegs Abspannung ist, so wenig jene schmalen weißen Streifen an den Fenstern schon den Tag bedeuten. . . . Die Musik, der wohlriechende Staub um uns her, versetzt uns in eine Art Halbrausch, der alle Sinne schärft, und den man bei kaltem Ragout mit frappiertem Champagner auskosten muß. . . . Da! Sieh einmal . . .«

Hinter der großen Spiegelscheibe sah man die Tanzenden mit ausgebreiteten Armen vorüberziehen – eine bunte Kette, welche infolge der durch zweistündiges Tanzen mitgenommenen Toiletten und Coiffüren allen Zwang abgestreift hatte.

147 »Ist das nicht hübsch, he? . . .«

»Wie hübsch das ist, nicht wahr? . . . Und der Prachtbursche am Ende des Zuges, welch schöne Figur! . . .«

»Und doch,« – fügte er kalt hinzu, indem er sein Glas wegstellte, – »und doch wird er keinen roten Heller damit verdienen! . . .«

 

Ende des ersten Bandes.

 

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