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Hermann Harry Schmitz: Nr. 42 - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Ästhet und andere Tragikomödien (Sämtliche Werke Band III)
authorHermann Harry Schmitz
year1988
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20058-5
titleNr. 42
pages95-111
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Abteilung für harmlose Kranke ohne Selbstmordmanie in der von Dr. Schwenkmann geleiteten Irrenanstalt.

Der Vorhang geht auf.

Zochór, Kirsten, Plautz, Nr. 42, Dünkelbold-Mehlen.

Kirsten: (vierschrötige, kräftige Gestalt, Uniformhose, gestreifter Anstaltskittel, steht links im Vordergrund der Bühne und starrt mit vorgebeugtem Oberkörper nach rechts in die Leere.)
Der Nachtzug ist gemeldet. 1205 Uhr Station ab. 1214 Uhr Block I, 1225 Uhr Block III.
(schaut nach oben)
Warum grinst der Mond? Grinse nicht, Hund!

Plautz: (kleine, schmächtige Gestalt, steht bei P × und starrt nach links in die Ecke. Schwarze, verschabte Kammgarnhose. Oberkörper und Kopf in einen karierten Plaid gehüllt.)
In der linken Ecke, dort lassen sich die Steine bewegen. Es macht nicht so viel Arbeit. – Dort graben wir das Loch. – Frau, warum schreit das Kind nicht?

Kirsten: Block I meldet. – Wie der Wind in den Telegrafenmasten heult. Der Güterzug von unten müßte schon vorbei sein.

Zochór: (helle Hose mit einem halben Hosenträger befestigt, weißes Hemd. Unterhalb des Knies am linken Bein Bettuch befestigt, welches wie ein Königsmantel nachschleppt, große majestätische Bewegungen, steht auf der Fußbank bei Z ×.)
Logarithmus vier-fünf-sechs-zwei. Savonarola. Die Welt ist mir ein großer Marmorblock. Ich werde das Werk schaffen. Eine kleine vita nova – Eine glänzende Renaissance will ich der Welt schenken. Versteht ihr – euch – allen – will ich ein neues Leben – ein neues Menschentum – ha – eine Walhalla schenken.

Kirsten: Block III. – Eine furchtbare Nacht. – Wo der Güterzug nur bleibt? – (in die Weite horchend) – Knattert es nicht durch die Nacht heran? – Wer atmet in den Höhen? –

Nr. 42: (erheblich verblödet – unfähig zu sprechen, hält jedoch viel auf sein Äußeres. Eleganter schwarzer Gehrock, hoher weißer Kragen, sitzt eckig auf dem Stuhl 42 ×.)
ääh, ääh, ääh, böh, böh, tülle, tülle, mött, mött, äääh, ääh.

Plautz: 40 Mark? – Was kümmert mich ein fremdes Kind. – Dort, sag ich, Frau – pst – pst – ich sehe zwei Augen aus der Ecke starren. Ich fürchte mich. –

Kirsten: (in die Leere starrend) Da biegt der Güterzug um die Ecke. – Ich lasse ihn noch vorbei – Block III hat schon gemeldet. – Es wird noch gehen. (Macht eine Bewegung, als ob er eine Weiche herumwirft.)

Zochór: Michelangelo redivivus! Wißt ihr, was das für unsere Zeit bedeutet? Einer neuen Kultur – einer großen, immensen Zeit gehen wir entgegen!

Kirsten: Himmel, der Personenzug! –
(schreit) Halt! Halt! (schreit entsetzt auf, gestikuliert wild mit den Armen und fällt in einem gräßlichen Paroxismus auf der Bank zusammen, richtet sich nach einer Weile nochmals auf und stöhnt, nach oben starrend, entsetzlich) Grinse nicht! (Fällt dann zusammen.)

Plautz: Ich fürchte mich – Frau – das Kind stöhnt. – Hinter uns schleicht jemand – pst – pst. – Eine kalte Hand faßt mich an. (Zittert.)

Nr. 42: ääh, ääh, ääh, bööh, bööh, tülle, tülle, mött, mött, ääh, ääh. –

Plautz: Du – du – das Loch ist zu klein. – Das Stöhnen, – oh, das furchtbare Stöhnen. – Jetzt – sieh da, wieder die Augen dort in der Ecke – in der Ecke – Augen, die sich langsam schließen und langsam wieder öffnen.

Zochór: Betet mich an! Sklaven, Gesindel, auf die Knie! Ich bin die Gottheit. Ich bin Heliogabal – die Sonne. –

Dr. Schwenkmann und Knochkrach treten im Gespräch ein.

Schwenkmann: (normaler, deutscher Arzttypus – er könnte geradesogut Architekt sein – mit empathischem, offenem Gesicht, welches in bedenklichen Fällen stets beruhigend wirkt; wenn er seinen Beruf nicht ausüben wurde, könnte man ihn gelten lassen. Weißer Arztmantel. – Zu Knochkrach:)
...... wie ich Ihnen schon sagte, müssen Sie trotzdem die einzelnen scharf im Auge behalten, wenn ja auch bei der im allgemeinen ruhigen Veranlagung der Kranken dieser Abteilung ein Zwischenfall wohl als ziemlich ausgeschlossen zu betrachten ist. Das Zivilkabinett hat ausdrücklich betont, daß Seiner Majestät nur solche Kranke vorgeführt werden sollen, die pathologisch von Interesse, jedoch keineswegs aggressiven Anfällen unterworfen sind. Ich halte diese Abteilung für Vorstellungen am allergeeignetsten. – Es muß unbedingt alles klappen – es hängt zuviel für mich von diesem Besuch seiner allerhöchsten Majestät ab. –

(Durch die offen gebliebene Tür schleicht sich auf Fußspitzen Weltle an den Arzt heran und flüstert ihm geheimnisvoll zu:)

Weltle: Ich trage stets Schnürstiefel, stets Schnürstiefel.

(Verschwindet dann auf die gleiche geheimnisvolle Weise.)

Schwenkmann: (zu Knochkrach) Schließen Sie die Tür.

(Knochkrach schließt die Tür.)

Zochór: (zu Dr. Schwenkmann gewandt) Kommst du zur Feier? Hast du dein Haar mit Nardenöl gesalbt? Umhülltest du den Leib mit thyrrhenischen Linnen?

Schwenkmann: Aber, ja natürlich, natürlich (fortfahrend zu Knochkrach) ... ich denke, der ganze Besuch wird in einer Viertelstunde erledigt sein. – Knochkrach, passen Sie um Gottes willen auf. Machen Sie in exakter Form die Honneurs. – (Sieht Kirsten auf der Bank liegen.) Wieder einen Anfall gehabt. Der Mann macht es auch nicht mehr lange. Geben Sie ihm, wenn er wieder zu sich kommt, feste Brom, eine tüchtige Dosis.

Knochkrach: (notiert) Kirsten, Brom.

Plautz: (kommt auf Dr. Schwenkmann zu und flüstert ihm ins Ohr)
Meine Frau hat es allein getan. Versteckt hat sie das Kleine. Man gab mir die 40 Mark. Ein fremder Mann. Warum sollte ich nicht 40 Mark nehmen. (Schrickt zusammen und hält sich die Ohren zu.)
Uh, das Stöhnen, das gräßliche Stöhnen.

Schwenkmann: (Plautz beruhigend)
Sie haben es nicht getan. Wir wissen, daß es Ihre Frau getan hat. Sie haben mit der ganzen Sache nichts zu tun. Keiner behauptet etwas anderes.

Plautz: (starrt entsetzt in die Ecke)
...... die Augen, die gräßlichen Augen dort in der Ecke.

Zochór: (zu Schwenkmann) Das ist die große Tragik in Deinem Leben, Sklave, daß du noch lächeln kannst – verstehe wohl, ich sage lächeln. Oh, könntest du lachen, trotzig lachen – göttliches Getöne!

Schwenkmann: (leise zu Knochkrach) Wir müssen ihn mal wieder einige Tage in nasse Tücher packen.

Knochkrach: Sollen wir Zochór während der Anwesenheit Seiner Majestät hier lassen? Ich traue ihm nicht. Er hat seine Mucken.

Schwenkmann: Gerade ihn möchte ich gerne vorführen. Sein Größenwahn wirkt so ulkig.

Nr. 42: ääh, ääh, böh, böh, tülle, tülle, mött, mött.

Knochkrach: Sie verzeihen, Herr Doktor, wenn ich mir erlaube, Sie zu fragen, ob mir jetzt wohl, nach dem Besuch Seiner Majestät die in Aussicht gestellte Medaille für Irrenpflege verliehen wird?

Schwenkmann: Ohne Zweifel. – In einigen Tagen wird die diesbezügliche Urkunde in Ihren Händen sein.

Kirsten: (erwacht aus seiner Starre und singt)
Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden –

Zochór: Tötet diese Milbe, diesen Märtyrer des guten Geschmacks.

Schwenkmann: (Zochór beruhigend) Warum einen Wurm zerstören, Zochór. Gottheiten kümmert der Wurm nicht. Gottheiten spielen mit Sonnen.

Zochór: Mit Sonnen. – Ich verberge die Sonne in meinem Mantel, das Licht starb – nein, es kann nicht sterben – ich bin die Sonne – ich versenke Sonnen ins Meer.

Schwenkmann: Verzeihen Sie, natürlich – ich vergaß: Sie sind das Licht.

Zochór: Hörst du es nicht raunen allenthalben? – Tönt es nicht in allen Winden? – »aetas aurea« – Horche in die Fernen! Du wirst das Dröhnen hören, das Dröhnen der Morgenröte. –
(bricht auf einmal jäh ab und kreischt)
Jetzt geht es zu Maxim!

Kirsten: Alle meine Blumen, meine Georginen waren geknickt – eine tote Frau lag zwischen sterbenden Blumen, rote Astern – roter Feuermohn
(schreit entsetzt)
Blut – Blut – .

Schwenkmann: (beruhigend) Die Blumen meinen Sie, die Blumen sind rot – kein Blut –.

Kirsten: Wer sprach da? Meine Blumen waren rot – die tote Frau war bleich.

Plautz: (flüsternd zu Dr. Schwenkmann, auf Kirsten zeigend) Der hat es getan. Er brachte das Kind in einer Nacht, in einer schauerlichen Nacht hat er es gebracht. Niemand sah ihn kommen – niemand –. Man müßte ihn warnen. –

Zochór: Geschmeiß – was spricht die tiefe Mitternacht? –

Nr. 42: ääh, ääh, böh, böh, tülle, tülle, mött, mött.

Zochór: (auf Nr. 42 zeigend) Er versteht meine Tiefe. Er wird auf hohen Bergen meine Altäre errichten. Er wird mir ein Priester sein....

Nr. 42: (Zochór unterbrechend)
ääh, ääh, böh, böh, tülle, tülle, mött, mött.

Schwenkmann: (schaut auf die Uhr)
Donnerwetter, es wird Zeit. Ich muß mich noch umziehen, in zehn Minuten ist Seine Majestät da. Bleiben Sie hier, Knochkrach – und aufgepaßt! – Ich werde Seine Majestät im Vestibül erwarten.

Dünkelbold-Mehlen: (Kleidung ohne Sinn angezogen, Weste mit Rockknöpfen, verrät Angehörigen besserer Kreise, stand während des Vorausgegangenen in grotesker Haltung, Gesicht zur Wand, unbeweglich bei D ×. In hoher schleimiger Fistel)
Syphilis ist heilbar. (Verfällt sofort wieder in die bisherige Apathie.)

Kirsten: Hi, hi, hi – der Lokomotivführer ohne Kopf!
(Lacht, wird dann plötzlich wieder ernst)
Meine Blumen zertreten.

Zochór: Ich steige, schauet mich an, wie ich steige in die Höhen...
(Steigt von der Fußbank auf den Abfalleimer)
... und alle Welten werden zerbrochen – werden hinabfallen – ich bin die Achse des Alls. Knochkrach: Kinders, seid doch vernünftig. Euer König, euer Landesvater kommt gleich.

Zochór: Ich bin der König, ich bin der König.

Knochkrach: Du bist verrückt! – Ich sage dir, benimm dich!

Zochór: Schuft! Ich bin der König!

Knochkrach: Wenn der König eintritt, habt ihr Hurrah zu brüllen, versteht ihr, Hurrah. –

Zochór: Ich zermalme dich, Elender! –

Knochkrach: Na warte – dir sind nasse Einwicklungen verordnet. – Stellt euch mal in einer Reihe auf, los! (Alle bleiben apathisch auf ihren Plätzen. Knochkrach bemüht sich den auf der Bank sitzenden Kirsten aufzurütteln. Letzterer hebt nur den Kopf und fragt:)

Kirsten: Ist der Güterzug gemeldet?

Knochkrach: (läßt von Kirsten ab und geht auf Dünkelbold-Mehlen zu, zerrt ihn in die Mitte)
Blödsinniges Gesindel! Mit euch kann man Ehre einlegen.

Dünkelbold-Mehlen: (wie vorher, in gleichem Tonfall)
Syphilis ist heilbar.
(Bleibt in einer verzerrten Stellung da stehen, wohin ihn K. geführt.)

Knochkrach: (Zu Nr. 42) Na, mal ran. – Front machen. – Heute ist eure Parade.

Nr. 42: (kommt schleppend herbei und stellt sich von selbst neben D.-M.)
ääh, böh, böh, tülle, tülle.

(D.-M. geht schleppend wieder an seinen alten Platz bei D × und nimmt seine frühere Stellung wieder ein.)

Zochór: (drohend zu Knochkrach) Ich bin der König! – Willst du als Fackel meinem Feste leuchten? –

(Man hört draußen Hurrahrufe.)

Knochkrach: (klettert auf einen Stuhl und schaut zum Fenster hinaus)
So, jetzt haben wir es! Da ist der König schon, verdammte Blase. Da fährt der Wagen vor. Der Herr mit dem Stern ist wohl der König. – Der König aller Könige. –

Plautz: Die gräßlichen Augen dort in der Ecke. –

Dünkelbold-M.: (wie zuvor) Syphilis ist heilbar.

Nr. 42: ääh, ääh, ääh. –

Knochkrach: Die Schnauze sollt ihr halten. – Nein, jetzt wenn der König eintritt, sollt ihr Hurrah brüllen. –
(Stellt vor Aufregung Stühle zurecht, geht zu D.-M., dreht ihn mit dem Gesicht dem Zimmer zu, droht Zochór, der wieder auf die Fußbank zurückgeklettert ist.)
Benimm Dich! –

(Man hört Geräusche an der Tür, Dr. Sch. öffnet die Tür, tritt zuerst ein, dann der König und Mell-Tronningen. Dr. Sch. im Gehrock. Der König, ebenfalls im Gehrock mit Ordensstern auf der rechten Brustseite, hoher Stehkragen, Tabes-Gang, stiert blöde mit herunterhängender Unterlippe; verblüffende Ähnlichkeit mit Nr. 42. Mell-Tronningen, elegante Hoftype.50 Jahre alt. Orden. – Bei Eintritt des Königs macht Knochkrach Front und brüllt)

Knochkrach: Hurrah!

(Die Irren bleiben apathisch; nur Zochór wendet sich um und blickt den König haßerfüllt an. Nr. 42 grinst und liebäugelt mit dem Ordensstern des Königs.)

Schwenkmann: Majestät finden hier einige sehr interessante Fälle. – Dieser Mann (auf Kirsten zeigend) wurde bei einem Eisenbahnzusammenstoß irrsinnig.

Cheviot: ääh, ääh, ääh.

M.-Tronningen: Herr Doktor, Majestät meinen, es wäre sehr interessant.

(Durch die offengebliebene Tür schleicht sich Weltle auf den Fußspitzen an den Arzt heran und flüstert ihm geheimnisvoll zu)

Weltle: Haben Sie auch Ihr Rad mitgebracht?

(Verschwindet dann auf die gleiche geheimnisvolle Weise. Cheviot und Mell-Tronningen schauen ihm verwundert nach. Dr. Sch. beachtet ihn nicht weiter, sagt nur zu Knochkrach:)

Schwenkmann: Schließen Sie die Tür! (K. tut es. Sch. in der Erklärung fortfahrend, auf Zochór zeigend)

Schwenkmann: Ein Fall von Größenwahn, der bei dieser Psychose in einer solchen, absolut logischen Weise äußerst selten vorkommt.

Cheviot: ääh, ääh, ääh.

M.-Tronningen: Majestät wünscht zu wissen, ob dieser Patient heilbar ist.

Schwenkmann: Wenn die Diagnose des Herrn Hofrat Professor Hirnbauch, aus dessen Anstalt ich den Patienten vor drei Wochen übernommen habe, richtig ist, ist leider eine Heilung völlig ausgeschlossen.

Zochór: (merkt, daß von ihm die Rede ist und blickt wütend; brüllt plötzlich los)
Was glotzt ihr – Sklaven – Wichte – auf die Knie! Nur knieend darf sich der Sklave meinem Throne nahen.

Cheviot: (indigniert) ääh, ääh, ääh. –

M.-Tronningen: Majestät möchte wissen, ob der Mann nicht gefährlich ist? Ob er das alles ernst meint?

Schwenkmann: Keine Sorge. Er macht große Worte, ist aber überaus harmlos und ungefährlich.

Zochór: (brüllt los, indem er auf den König zugeht und ihn fest anstarrt)
Ich bin der König, der Kaiser, Caesar, nicht allein über euch armseliges Pack, über das Leben, über den Tod, über Welten, über Ewigkeiten. Wer maßt sich an, ein König hier zu sein?

Cheviot: ääh, ääh, ääh.

M.-Tronningen: (zu Dr. Sch.) Die Sache ist im höchsten Grade peinlich. Majestät wollen diesen Saal sofort verlassen.

(Zochór springt plötzlich auf den König zu, packt ihn bei den Schultern und schüttelt ihn. Der Ordensstern fällt zu Boden. Allgemeine Verwirrung. Dr. Sch., Knochkrach, M.-Tronningen suchen den König zu befreien.)

Plautz: (brüllt) Die gräßlichen Augen!

Kirsten: (bekommt einen Anfall und schreit) Blut – Blut – zu spät. (Bricht auf der Bank zusammen.)

Zochór: (ringt mit dem König) Ich bin der König! Stirb, Sklave! Heilige Hände werden dich erdrosseln.

Nr. 42: (war bisher im Hintergrund geblieben, sieht plötzlich den Ordensstern auf dem Boden, den er im allgemeinen Durcheinander aufhebt und sich anheftet. Er gerät in das Menschenknäuel um Zochór. Dem König ist es gelungen, sich von Zochór zu befreien und sich unter die Bank zu flüchten. – Nr. 42 wird von Dr. Sch., Knochkrach und M.-Tronningen in der Aufregung für den König gehalten und zur Tür hinausgezogen. Die Tür wird fest verriegelt.)

Plautz: Die Augen dort in der Ecke. Langsam schließen sie sich, langsam öffnen sie sich wieder.

Zochór: Ich bin der König. – Zu Paaren trieb das Gesindel meine Größe.

Cheviot: (unter der Bank kläglich) ääh, ääh, ääh, Mell-Tronningen, ääh, ääh.

Dünkelbold-Mehlen: (wie zuvor) Syphilis ist heilbar.

(Man hört draußen Hurrahrufe.)

Cheviot: (schaut unter der Bank hervor) ääh, ääh, ääh, Mell-Tronningen, ääh, ääh.

Zochór: (sieht sich verwundert nach Cheviot um)
Wicht – so ist es geziemend! Vor Königen muß man kriechen. Küsse meinen Fuß! So nahet sich der Sklave seinem König.

Cheviot: (kläglich) ääh, ääh, ääh... König... ääh.

Zochór: (lachend) König, du – ich verstehe König.
(Bestimmt) Könige haben ein Organ. Könige schreiten aufrecht. Falscher Demetrius-Betrüger!

Cheviot: ääh, ääh, Mell-Tronningen, ääh, ääh. –

Plautz: Grauenhafte Augen dort in der Ecke.

Zochór: (schreitet würdevoll zur Fußbank, klettert langsam erst auf die Fußbank, dann auf den Eimer, wo er eine königliche Pose einnimmt.)
An den Stufen meines Thrones magst du kauern. Eine Null magst du sein unter allen anderen Nullen. – Ich vergesse dich – pah, vergessen – ich habe dich nie empfunden. –

Cheviot: (hat sich mit Mühe und Not aufgerichtet, überzeugend) ääh, ääh, ääh, ich bin doch, ääh, der König, ääh... mein Vater... ääh, war König... ääh, auch mein Großvater, ääh, ääh, dann nächster Vater ääh, ääh, alle Väter, alle Väter, ääh, ääh, ääh, waren, ääh, ääh immer ääh, ääh immer Könige, immer ääh, ääh, immer.

Zochór: (beachtet ihn nicht) Mit Dionysos schreite ich durch Marmorhallen, wo Säulen aus dem All empor in Ewigkeiten streben und Sterne, Sonnen, Kapitäler sind. – – – – Immer, immer – – – immer? Wer sprach so? Es winselte ein Atom »immer«. Immer – solange Welten kreisen, Äonen sanken in ein Meer von Ewigkeiten – war nur ein Herr, ein Fürst, ein König – die Gottheit aller Gottheiten, die Gottheit, der die Welt ein Knopf an ihrer Hose – – Ich bin die Gottheit, ich, ich!! –

Cheviot: ääh, ääh, Mell-Tronningen, ääh, ääh, ich will nicht, ääh, will nicht, ääh, (schreiend) will nicht, ääh, daß jemand, ääh, König, ääh, König, außer mir, ääh, ääh.

(Inzwischen ist Dr. Sch. mit Knochkrach ziemlich erregt – von niemandem bemerkt – eingetreten; bleiben einen Augenblick vor der Tür stehen.)

Dr. Schwenkmann: Eine nette Sache, verflucht. Ich habe mich absolut unmöglich gemacht. Wir müssen Zochór isolieren. –

Knochkrach: Ich habe es ja gesagt, dem ist nicht zu trauen, wir müssen...

Dr. Schwenkmann: (erregt) Was wir müssen respective ich muß, weiß ich selbst. Keine Unverschämtheiten. – Dem König war die Sache so in die Glieder gefahren, daß er kein Wort herausbringen konnte. – – – Wenn auch Exzellenz Mell-Tronningen beruhigend versicherte – ich könne für den Vorfall nicht verantwortlich gemacht werden, und es würde mir weiter nicht schaden.

Cheviot: ääh, ääh, ich bin der König, ääh, ein Mißverständnis, ääh.

Dr. Schwenkmann: (unwillig abwehrend) Ha, ja. –

Knochkrach: (erstaunt) Jetzt kann Nr. 42 auf einmal reden, nachdem er seit sechs Monaten kein Wort hervorbringen konnte. Den hat Zochór angesteckt.

Dr. Schwenkmann: (sachlich) Eine bekannte Erscheinung bei dieser Psychose. Unterbrochene Funktionen kehren für kurze Zeit zurück. Jetzt ist bald die absolute Verblödung und Auflösung zu erwarten.

Cheviot: (jammernd) ääh, ääh, Mißverständnis, ääh, ääh, ich bin der König, ääh, ääh, ich, ich, ääh. –

Zochór: (Zochór, der bisher unbeweglich in seiner Pose verharrte, schaut bei dem Wort »König« Cheviot groß an.)

Dr. Schwenkmann: Zochór wollen wir gleich ins Bad packen.

Knochkrach: (zu Zochór) Runter, runter da!

(Zochór verharrt in seiner Pose.)

Dr. Schwenkmann: Zochór, kommen Sie – los – oder wir müssen Gewalt anwenden! –

Knochkrach: (zerrt an Zochór) Runter, – – runter, runter. –

(Zochór rührt sich nicht.)

Dr. Schwenkmann: (nach kurzem Besinnen) Ach, lassen Sie ihn. Für heute mag er noch mal hier bleiben. (Wendet sich zur Tür.)

Knochkrach: (läßt unwillig von Zochór ab. Leise:)
Das ist Dein Glück!

Cheviot: (Dr. Schwenkmann verfolgend) ääh, ääh, Mißverständnis, ääh, ääh, dummes Mißverständnis, ääh. –

Knochkrach: (schiebt Cheviot beiseite) Schon gut. Werde nicht lästig.

(Dr. Sch. und K. ab. Die Tür fällt schwer ins Schloß und wird geräuschvoll verriegelt.)

Cheviot: (jammernd) ääh, ääh, ääh, ich bin, ääh, der König. –

Plautz: Die gräßlichen Augen in der Ecke. –

Kirsten: Block III meldet. – Eine schauerliche Nacht. –

(Zochór bleibt unbeweglich in seiner Pose.)

Cheviot: ääh, ääh, ich........... ääh, bin..... König.... ääh. –

(Während der letzten Worte fällt langsam der Vorhang. Man hört noch Plautz, Kirsten und Cheviot durcheinanderreden.)

(1 Minute Pause)

Epilog

(Bevor sich der Vorhang hebt, hört man die Stimme eines begeisterten Festredners)

Männer, Patrioten – (die Menge) Bravo, bravo –

(Der Vorhang geht auf. Man sieht auf einem Podium zur Seite sprechend, wo das Auditorium gedacht ist, Friedel Klotz im Sonntagsanzug, schlechtsitzender Gehrock, Litzen eingefaßt mit Kriegervereinsabzeichen. Unter monumentalem Armeschwingen spricht er begeistert zum Volke. Er hat bereits zwei Stunden gesprochen und ist am Schluß seiner Rede angelangt.)

Klotz: Ein Schuft, der nicht zum Herrscherhause hält, ein Schuft, sage ich, ich sage Schuft, ich (schlägt sich auf die Brust)

Die Menge: Bravo, bravo. –

Klotz: Seht unseren Landesvater, jene hehre Heldengestalt, ich sage hehre Heldengestalt – Heldengestalt. (schlägt sich wieder auf die Brust; eine Rippe kracht vernehmlich.)

Die Menge: Bravo, bravo!!

Klotz: Einem alten Geschlecht entsprossen, einem alten, sehr alten, ungemein alten Geschlechte. (er schlägt sich furchtbar auf die Brust; es kracht gräßlich.)

Die Menge: (tumultuarisch) Bravo, bravo!!

Klotz: Einem Geschlecht, das eine gewaltige Reihe von Heldengestalten hervorbrachte.
(wischt sich den Schweiß ab.)
... ein Geschlecht, das Bodo den Zornigen –
(ein Röllchen fliegt in den Saal.)

Die Menge: (rasend) Bravo, bravo!!

Klotz: Bodo den Zornigen, der um 800 – ich sage 800 – eine hehre Zahl – eine schöne, runde Zahl – eine prächtige Zahl –
(das Vorhemdchen fliegt in den Saal.)

Die Menge: (tobend) Bravo, bravo!!

Klotz: ... um 8oo jene denkwürdige Schlacht schlug, jene Schlacht, Bodo, dessen Taten unvergeßlich bleiben werden.

Die Menge: (ist vor Begeisterung nicht mehr zu halten) Bravo, bravo!!

Klotz: ... darum müssen wir stolz sein auf unseren großen Landesvater, unseren großen König Cheviot IV.

Die Menge: (sinnlos) Bravo, bravo!!

Klotz: Cheviot IV., um den uns die hämischen Nachbarn in Nord und Süd, in Ost und West beneiden, Cheviot IV., der Denker auf dem Throne Bodos – darum fordere ich euch auf, Bürger, Männer, Patrioten, mit mir einzustimmen in den Ruf. Cheviot IV. unser großer König, er lebe hoch, hoch, hoch!!!

Die Menge: (tobend, brüllend, rasend) Hoch! Hoch! Hoch!

Der Vorhang fällt.

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