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Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten

Theodor Birt: Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1916
publisherQuelle und Meyer
addressLeipzig
titleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
pages179
created20120608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Besuch bei Cicero

Ein Intermezzo aus der Zeit der römischen Bürgerkriege

Motto:
Vieles, was unwahr, dichten wir Musen,
als wär' es die Wahrheit; doch nach Belieben
verkünden wir auch, was wirklich geschehn ist.
Hesiod.    

Vorbemerkung: Zum Verständnis des Ganzen sei daran erinnert, daß im Jahre 48 vor Chr. Julius Cäsar durch den Tod des Pompejus, den er bei Pharsalos besiegte, Alleinherrscher des Römerreichs geworden war. Mark Anton hieß der junge Feldherr, der ihm dabei die größten Dienste geleistet hatte. Der Bürgerkrieg war damit zwar noch nicht zu Ende, aber an Cäsars endgültigem Sieg, dem Sieg der Monarchie, ließ sich nicht zweifeln. Rom war bisher Freistaat, das großartigste Beispiel einer Republik gewesen, in der Senat und Volksversammlung alles entschieden, der Senat die eigentliche Regierung führte, die Volksversammlung auf Antrag Gesetze gab und die Magistrate wählte. Diesen Freistaat hatte Pompejus zu verteidigen versucht; auch Brutus, der Mörder Cäsars, hing ihm an, sowie jener Cato, der, als Cäsar auch den afrikanischen Feldzug gewann, in Utica Selbstmord beging. Den Winter des Jahres 48 auf 47 verlebte Cäsar mit der jungen Königin Kleopatra in Ägypten. Als er von dort nach Italien zurückkam, war es zweifelhaft, ob er wirklich die absolute Monarchie einführen oder sich begnügen würde, als Präsident des Freistaates dazustehen. Cicero der Redner aber nahm in diesen gewaltigen Konflikten eine abwartende Stellung ein, wie es die folgende Erzählung schildert. Sein voller Name ist Markus Tullius Cicero.

139 »Da kommt die Post aus Rom! Unser Cito ist's. Hol' ihn heran, Modesta!« so rief Dio, der Gärtner, der elastisch und leichten Schritts mit einem Korb voll Trauben aus dem Weinberg herunterstieg und dabei auf die Straße spähte. Er war kaum bekleidet; nur um die Hüften hatte er sein Hemd zusammengerafft. Denn die Vollglut des Mittags lag über dem Vesuv und dem Golf. Es war September. Die Luft zitterte funkelnd in der Hitze, und die Cikaden zirpten laut.

Modesta, das junge Weib, stand in der Pergola und schnitt Kletterrosen in Massen. Ihre zwei Kinder kauerten im Beet neben ihr und spielten mit Blumen. Sie stürzte rufend zur Straße, die den weiten Garten in der Mitte durchschnitt, und Cito, der Schnellläufer, stand unwillig keuchend still, einen Sack auf dem Rücken.

»Seit gestern aus Rom?«

»Was kümmert's euch?«

»Man will doch hören, in dieser großen Zeit, was es Neues in Rom gibt.«

»Königtum gibt's, sagt man. König von Rom, das will der Cäsar werden, sagen sie. Gott ist er schon; den »göttlichen« Julius Cäsar nennen sie ihn, und als König hat er ja schon in Ägypten gehaust. Auch war ich eben im Lager, und seine Söldner sagen: Er bleibt nur neun Tage hier im Land; dann nimmt er sein starkes Heer und schlägt die Widersacher, die Herrn vom hohen Adel, auf die Nase, wo immer er sie findet; in Afrika, glaub' ich. Neue Schlachten gibt's und neues Plündern. Wer nicht umkommt, schwimmt im Geld.«

»Und heut' . . .?

»Es ist mir zu heiß hier, und unser Herr will die Post haben.« Der Läufer griff sich voll Gier ein paar Trauben aus dem Korb und rannte auf das Haus zu.

140 »Ich bin froh, Modesta, daß wir hier so still unsere Reben schneiteln. Arge Zeiten! Auch unser Herr Tullius hat Sorgen.«

»Ja, und traurig ist's,« seufzte Modesta, »wie unser Gemüse verdorrt. Sieh nur! Ich kann nichts tun. Wie oft hab ich's dem Herrn gesagt: die Berieselung versagt. Er läßt nichts reparieren.«

»Geldmangel, Geldmangel! Die Zeitwirren zerrütten alles, und unsere Vornehmen stecken alle in Schulden.«

»Ein so guter Herr! Wie sorgsam hat er uns unser Haus bestellt!«

»Aber er ist alt geworden. Das machen die Sorgen. Und nun soll er den Cäsar empfangen.«

»Wir werden heute Cäsar sehen!« rief Modesta voll Entzücken.

»Du könntest wohl auch für den Cäsar schwärmen? So seid ihr Weiber. Heut in der Frühe streifte ich hinter Pompeji die Straße hinauf. Es ist wie im Krieg. Unsren ganzen Landbesitz haben Cäsars Soldaten umstellt. Nicht nur Neapel und Stabiae liegen von seinen Truppen voll; auch auf dem Felde nach Nola zu ist ein Militärlager errichtet. Ein vornehmes Pack, diese Landsknechte! streuen in den Dörfern mit Geld und greifen sich die Hühner und die Weiber.«

Da fing Modesta an zu lachen: »Schau nur, Dio. Da kommt noch was! Die schöne Reiterin! das Gespenst!«

»Saura, Saura, das ist Saura, die Hexe.« Ein altes, zigeunerhaft dürres Weib trottete daher; spreizbeinig saß sie mit nackten Waden auf dem Esel, eine rote Hahnenfeder wippte in ihrem Haar, das in wirren Strähnen pechschwarz auf die Schultern herabhing, und eine Schlange trug sie als Gürtel.

141 »Saura, das Judenweib, mit den Eulenaugen, die Zauberin aus Neapel, die nur die drei Zähne hat.«

»Sie hält vor dem Haus. Es ist heut ein Tag, um sich aufzuregen. Im feuerroten Rock! das ist ein Anblick! Was will sie nur?«

»Zur Terentia will sie. Alle Jahr einmal kommt sie her; denn ohne Zauberspuk geht es nicht. Vielleicht soll sie Gold machen.«

»Und warum just heute?«

»Frag' sie selber.«

»Und was hat sie im Sack?«

»Zauberkräuter hat sie im Sack, Giftflaschen und Habichtsflügel, Froscheier und Kröten und Bleirollen. Das versteht sich.«

»Sie springt ab. Sieh nur. Fort ist sie.«

Auf demselben Wege wie Cito war das unheimliche Wesen hinter dem Haus verschwunden, das Grautier an der Hand, das sie schimpfend und kreischend in die Stallungen führte.

Eine Pause entstand. Die jungen Leute traten Hand in Hand wieder in den Laubengang zurück, als aus dem Landhaus der Ruf ertönte: »Modesta, die Blumen!« und Terentia, des Cicero Gattin, eine schwere Frauengestalt mit kraftvoller Geiernase, am Fenster erschien. Das junge Weib küßte ihren Dio rasch und zärtlich; dann hob sie die duftigen Rosenmassen mit beiden Händen, Dio nahm die Kinder. So traten sie vereint ins Haus, ein liebreizender Anblick. Terentia hieß Dio gehen, legte ihren Arm um die Dienerin und sagte mit freundlich rauher Stimme: »Alles ist heut verlaunt, nur ihr nicht; nur du nicht, liebes Kind. Ja, hätte ich dich nicht! Du bist unser Sonnenschein.«

Modesta war in Ciceros Haus geboren, sie war im 142 Haus groß geworden und in ihrer Schönheit, Sauberkeit und Pflichttreue unbestritten der Liebling ihrer Herrschaft.

»Du aber hast neuen Kummer?« fragte Modesta forschend. »Kann ich deine Sorgen nicht teilen?«

»O, dein Dio ist anders als mein Cicero!« gab Terentia knurrend zur Antwort und schloß die Türe. Sie sagte nichts weiter.

In dem großen Bibliothekszimmer war indes geheimnisvoll reges Treiben; Cicero wirkte dort mit seinen Schreibern wie ein gurgelnder Gießbach, der ein Mühlrad umtreibt, seit Sonnenaufgang. So ging es täglich. Wer in die Nähe kam, schlich vor Scheu auf den Zehen; es schien, die Wände selber lauschten.

Der gewölbte Raum lag nach Norden und war wonnig kühl; der Fußboden grünes Mosaik. Dämmerlicht herrschte. Die hübsch bemalten Büchergestelle an den Wänden bildeten Nester; darin lagen die größten Kostbarkeiten des Altertums, die Bücher, wie schlummernde Tauben, die den Kopf unter den Flügel gesteckt haben. Eine Demosthenesbüste mit geflickter Nase stand in der Ecke.

Eben hatte das Personal das zweite Frühstück beendet: Brot, Ziegenkäse und Feigen. »Was ist das höchste Gut?« scholl es durch den Raum. Ciceros Stimme hallte herrlich. Er stand gedankenvoll, das Kinn in der linken Hand, und wollte eben fortfahren, sein neues Werk über das höchste Gut zu diktieren. Da hörte er laut husten im Nebenraum. Tiro war's, sein Stenograph und kluger Geschäftsdiener, dem er eine freie, bürgerliche Existenz geschaffen hatte und den er wie einen Freund liebte.

»Huste nicht, lieber, goldiger,« sagte er liebkosend. 143 »Nimm doch die Milch, und hier ist auch Honigwasser. Könntest du reisen, mit deiner schwachen Lunge! Nach Ägypten mußt du. Aber in diesen Kriegszeiten geht es nicht.«

Tiro sah mit seinem alten Gesicht trübe lächelnd und wortlos zu Cicero auf und vergrub dann schon wieder die Nase in staubige Briefpakete. Er ordnete die Riesenkorrespondenzen seines Patrons. Er sollte darin sein Leben verzehren.

Indes harrte das Personal auf das Diktat.

»Was ist das höchste Gut? Wir müssen die Weisen fragen. Sind die griechischen Texte da? Ist die Tinte frisch? auch der Kleister gerührt?«

Der alte Schreiber Philist nickte eifrig, und Cicero strich ihm freundlich über den Graukopf. Der Kleisterer zückte seinen Pinsel. Die wichtigste Person aber war Proklos, der junge Grieche; der hockte wie eine Hökersfrau, die da Zwiebeln verkauft, am Boden und rollte die griechischen Bücher auseinander, und die Rollen ergossen sich um ihn her wie Bäche der Weisheit. Murmelnd las Proklos daraus einen Textabschnitt vor; Cicero übersetzte das flugs lautstimmig in sein schönes Latein; der Schreiber schrieb nach und füllte die Blätter; der Kleisterer klebte die Blätter sogleich zu einer langen Fahne zusammen. Dann las Cicero selbst noch Korrektur, und das Buch war fertig. So wurde die römische Literatur gemacht.

»Was ist das höchste Gut? Es gibt der Güter viele im Leben. Herrlich ist das Forschen in der Wissenschaft. Habt ihr's geschrieben?« Cicero spielte nervös mit den Händen beim Sprechen, sein Blick flog bei jedem Satz unstet hin und her, dann hob er ihn zu den hoch gelegenen Fenstern suchend empor, als käme ihm die Erleuchtung 144 von oben. Ein melancholischer Schimmer lag in seinen grauen Augen; er sah tief vergrämt, gedrückt und müde aus, und die Gehilfen warfen mitunter sorgenvolle Blicke auf ihn. Selbst seinen Morgenspaziergang hatte er heut' ausgesetzt, weil überall Militär lag; die Soldaten Cäsars waren ihm widerwärtig; und das philosophische Arbeiten strengte ihn an. Sollte das immer so weitergehen?

»Herrlich,« diktierte er, »ist das Forschen und die Wissenschaft, herrlich auch die Schönheit; herrlicher ist der Ruhm, aber die Tugenden . . . Nein, so geht es nicht.«

Da flog die Tür auf.

»Bist du da?«

Der Schnelläufer war's.

»Ich bringe alles.«

»Haben die Soldaten dich durchgelassen?«

Tiro nahm dem Läufer die Pakete ab: »Laß dir zu essen geben, braver Cito. Heut geht's bei uns hoch her. Terentia, unsre Herrin, hat extra zugekocht.«

Ciceros Gesicht leuchtete flüchtig auf; denn da war ein Brief seines Bankiers, der ihm schrieb, daß der Markt sich beruhige und das geborgte Geld wieder billiger werde; die Schulden ließen sich ordnen, und Cicero brauchte nicht zu verkaufen. Geld, Geld! Man sollte stolz sein, einem Cicero Geld zu borgen!

Dann war da von Tulliola ein Brief. Tulliola, seiner heißgeliebten Tochter, ging es nach dem Kindbett nicht gut. Das Fieber wuchs. Cicero las es mit bebender Stimme, und die heißen Tränen stürzten ihm. »Die Götter beneiden mich um dieses Kind! sie werden sie mir nehmen.«

Da war schon ein anderes Schreiben, und rasch wurde 145 sein bewegliches Herz aus einem Gefühl in das andere gerissen. Irgendein Jüngling in Rom schrieb: »Deine Catilinarien sind wundervoll, o großer Mann. In unsrem Jugendklub, da deklamieren wir sie oft. Wir wissen von dir jede Silbe auswendig. Wann wird, o Tullius, wieder in Rom dein Wort ertönen?«

Da stellte sich Cicero hin, und über seine Lippen floß es wie Wohllaut »Quousque tandem, Catilina...« So hatte er einst, vor 16 Jahren, gegen Catilina gedonnert. O große Zeit seines Konsulats! Eine stille Wonne flog über seine gutmütigen Züge.

Da war endlich noch ein großes Paket: was war darin? Ciceros eigene Schrift vom besten Staat; zwanzig vom römischen Verleger hergestellte Reinschriften. »Wie schön sind die Kopien! Ist alles vollständig?«

Der Läufer berichtete: »Ich bin im Feldlager durchsucht worden. Aber sie haben dir nichts weggenommen. Als ich sagte: »Postsachen für den großen Cicero« – Mark Anton, der Feldherr, war gerade da; der nahm die Sachen an sich, flog sie durch, fing laut an zu lachen und rief: »Wertloser Plunder,« und die Sachen flogen in großem Bogen aufs Ackerfeld. Ich hab' sie sorglich wieder aufgesammelt.«

»Geh zum Essen! – Ruhm, Ehre! Wertloser Plunder, meine Schriften! Ha, ha! was ist das Glück?«

Sofort wandte sich Cicero, der unermüdliche, wieder zur Arbeit zurück, und des Schreibers Feder flog: »Also lehren die Weltleute und Praktiker: es gibt unzählige Güter, und alles, was ergötzt, ist wert des Erlebens. Leibesschönheit und Kunst, Reichtum, Allwissenheit des Gelehrten; herrlich vor allem ist der Ruhm! Die 146 Mucker sollen daran nicht rühren. Ausleben soll sich der Mensch in Geist und Körper – so sagen die Praktiker; denn der Körper will blühen, und Geist und Wille fordert Betätigung; jeden Besten treibt ein natürliches Gesetz zum siegreichen Genießen in Herrschbegier und Wissensfülle, treibt ihn zum Ruhm. Darum rede man nicht ängstlich von Tugend und Laster. Alles ist Natur. Das Laster wächst wie die Distel im wogenden Weizenfeld; man muß sie hinnehmen und sich der großen Ernte freuen. Angenehm im Ohr klingen solche Sätze; unser Freund Cato aber spricht anders: der strenge Cato spricht: »ehrenhaft handeln, das ist das einzige Gut, das währt, und wandelloses Glück hat nur der, der sittlich ist. – Hast du es geschrieben, Philist? – Der Sittliche fragt nicht nach Tod und Leben. Nicht nach Tod und Leben?? O Tulliola, meine Tochter!«

Da sprang die Tür von neuem auf, und eine Stimme rief: »Noch immer hier? Buchmacherei und kein Ende!«

Cicero zuckte zusammen. Terentia war's. »Vergißt du deine Gäste?« grollte sie. »Ich soll alles für sie schaffen? Komm und sorge wenigstens für die Weinsorten.«

Cicero trat verwirrt, aber folgsam in den Säulenhof hinaus, wo sein Küfermeister stand.

»Was soll ich viel bestimmen?« sagte er verdrossen. »Wir haben doch nur die zwei Weine, den achtjährigen und den fünfzehnjährigen Campaner!«

»Nicht fünfzehnjährig, er ist jetzt sechzehnjährig geworden,« verbesserte der Küfer grinsend. »Aber, Herr, wir haben auch noch den süßen aus Lesbos.«

»Also auch den! Was ist da viel zu sagen? Heut lassen wir uns nicht lumpen.«

Der Küfer verschwand. Terentia aber zog den Gatten 147 in ihre geräumige Frauenstube und begann mit Heftigkeit ihr Herz zu entladen: »Cäsar, den verhaßten, bringst du mir ins Haus . . .«

»Ich bring' ihn nicht; Cäsar hat sich selbst angemeldet.«

»Jawohl, die alte Feigheit! Von der Schwelle hätt'st du ihn weisen müssen.«

Cicero zuckte wieder zusammen. Sprachlos zog er die arabischen Parfüms ein, die das Zimmer frauenhaft erfüllten; sein Blick irrte auf die Prachtgewänder seiner Gattin, die auf dem Gestell bereit lagen, und auf den in die Wand eingelassenen Spiegel, und ihm schien: es war kein erhebendes Bild, das der Spiegel zurückgab.

»Aber so warst du immer,« fuhr sie fort, »in dem ganzen Streit, damals schon, als man den Pompejus umbrachte. Es ist, um an Gott und Welt zu verzweifeln. Den Pompejus hat dieser Cäsar hinterrücks überfallen, unsren Adel hat er verunehrt. Die reinen Hallunken hat er in den Senat gebracht. Nivellieren will er die ganze Gesellschaft, um allein groß zu sein. Dann saß er in Ägypten fest und praßte mit Kleopatra, der gekrönten Kurtisane, und schiebt jetzt eine Truppenmacht durch Italien, um sie nach Afrika – wer weiß es? – oder nach Spanien, wo unsre Freunde stehen, zu werfen; und nebenbei wirbt er hier katzenfreundlich um Freundschaft, sucht er dich, gerade dich einzufangen, indem er sich gnädigst als Gast von uns bewirten läßt. Und du?«

Cicero hielt wieder das Kinn in der Hand; er rieb sich das Kinn vor Pein, als wäre er schlecht rasiert, und seufzte erbärmlich, als Terentia fortfuhr: »Ja du! Über Pompejus hast du, als er in Not geriet, nur Witze gemacht, vor Cäsar hast du dich verkrochen. Alle 148 Achtung vor Cato, der sagt: Freiheit oder Tod! lieber unter die Räder als unter das Joch dieses Abenteurers.«

Cicero fiel überwältigt in den Armstuhl und schluchzte laut auf vor Erregung. Es war zu viel.

»Ja, Cato ist ein Mann,« trumpfte sie auf. »Gegen ihn wird jetzt Cäsar in Afrika kämpfen müssen. Stündest du da, Cicero, ich würde dich segnen. Du aber, du knochenloses Gebilde, vergräbst dich hier in deine Bücher und schreibst über Tugend. Tugend dein drittes Wort.«

Da fuhr Cicero auf, zitternd vor Wut: »Dumm bist du wie ein Maultier und herzlos wie ein Reptil. Du denkst nicht, verstehst nicht, willst, willst, willst mich nicht verstehen. Es ist wahrhaftig besser, wir gehen auseinander, du verläßt dies Haus, wenn du mich beschimpfst und mir die Achtung versagst, die ich unbedingt verlange. Und Tulliola, unsre Tochter! Denke, daß sie krank ist.«

Er hielt ihr den Brief hin, nachdem er ihn mit Küssen bedeckt hatte.

Terentia las den Brief und wurde still und ernst; ihre Zornfalten verschwanden. Sie tröstete den Gatten nicht, sie näherte sich ihm mit keinem Schritt; sie sagte nur dumpf: »Unglück über Unglück. Sie ist so zart, unsere Tulliola. Aber ihr Arzt ist gut. Der Arzt ist bei ihr. Mir wirbelt der Kopf. Aber was hilft es, Cicero? wir dürfen, wir müssen hoffen.«

Cicero sprang auf und preßte stürmisch ihre Hand: »Ich bitte dich jetzt nur um eins, sei heute höflich gegen Cäsar. Es muß sein, und du mußt mein Verhalten zu begreifen suchen. Höre mir noch einmal zu. Es gibt Pompejaner, es gibt Cäsarianer. Die einen huldigen dem einen, die andern dem andern Götzen. Ich aber treibe keinen Personenkultus. Ich bin für Pompejus begeistert 149 eingetreten, nur solange er mir nützlich schien. Ob Hinz, ob Kunz, ob Cäsar oder er: die Mächtigen haben für mich nur so lange Wert, als sie dem Staat nützen. Ich will nur Roms Größe allein: die Götter im Himmel wissen es. Wer einmal, wie ich, den Staat geführt hat, der ordnet sich nicht unter; wer einmal die Achse des Rades war, will nicht Speiche sein. Daher; versteh' mich, daher leb' ich im Versteck. Ich warte hier auf meine Zeit. Denn wir haben gesehen, daß auch große Männer sterben können.«

»Auch Cäsar kann sterben!« Es blitzte in Terentias Augen.

»Freiheit oder Tod, das klingt edel und erhaben. Aber was nützt es Rom, wenn ich jetzt für die Freiheit sterbe, da wir die Freiheit nicht mehr brauchen können! Die Freiheit, die Cato will, ist das Chaos; sie ist nichts als der schnöde Egoismus der Vielen. Denn keiner will jetzt mehr selbstlos dem Ganzen dienen. Die Freiheit von heute ist fluchwürdiger als ein Tyrann. Das Riesenweltreich Roms braucht ein kraftvolles Haupt, braucht einen Fürsten.«

»Tarquinius Superbus,« schrie Terentia aufstampfend.

»Nein, einen Fürsten, der klug und voll Billigkeit sich mit dem Bürgertum verständigt. Pompejus war zu schwach; versuchen wir's mit Cäsar, der für den Augenblick allmächtig ist. Du weißt, ich mißtraue ihm, ich fürchte ihn. Will Cäsar ein Fürst sein nach dem Willen des Volkes, unter Aufsicht des Volkes, so ist er mir willkommen. In meinem Verfassungswerk vom Staat, da steht's geschrieben; da hab' ich der Welt mein Programm entworfen: Teilung der Gewalten. Will er es erfüllen, so ist er ein Segen für die Welt.«

150 »Sein Schwert riecht nach Bürgerblut, nach dem Blut unsrer Freunde,« zürnte Terentia, »und er hat sich an den Geruch gewöhnt. Und dem Raufbold Mark Anton spielt er alle Macht in die Hände. Ich hasse ihn; ich hasse sie beide. Ich hasse den Ausgleich. Ich sehne mich, sehne mich nach Männerstolz.«

In Ciceros Auge war ein Ausdruck der Überlegenheit: »Immer trotzig! So warst du schon als Mädchen, Terentia, und es stand dir damals gut. Aber wir sind heute zu alt dafür. Hilf mir. Laß uns den Mann beobachten. Er ist ein Mensch der Überraschungen. Ich versichere dir, höre mich an: wenn Cäsar nicht so denkt, wie ich es von ihm hoffe, wenn in Cäsar der »Superbus« steckt, den du in ihm fürchtest (wir können es heut' noch nicht wissen), dann soll er untergehen; dann soll er seinen Brutus finden . . .«

»Brutus?«

»Und ich will noch einmal selbst versuchen, den Staat zu führen. Denn das Vaterland liebt mich, und ich habe Mut.«

»Aber du fürchtest die Militärs. Aber du fürchtest des Messers Schneide.« Terentia trat dicht an ihn heran. »Cicero, hast du schon einmal getötet?«

Cicero sah sie erschreckt an: »Die Götter wollen mich bewahren!«

»So geh' denn zum Tiro in dein Versteck; du hast noch zwei Stunden, ehe dein hoffnungsvoller Gast erscheint; nütze die Zeit und schreibe noch rasch ein Buch für die Unsterblichkeit.«

Sie rief ihre Zofen und öffnete die Tür: »Verlangst du noch mehr? Ich will mich jetzt schmücken für deinen Fürsten.«

Da stürzte Cicero zu seinem Tiro und sagte: »Nimm 151 Papier und schreibe an Atticus.« Attticus war des Cicero intimster Freund, sein Gewissen und Ratgeber; und er diktierte in fliegender Erregung an Atticus die Zeilen: »Vernichte diesen Brief unbedingt; aber höre, Freund, das Herzeleid deines Cicero. Mein Weib wird mir zur Pein, und das Unglück verfolgt mich. Mein Tiro hustet schwer, Tulliola kränkelt, und mein Ruhm ist dahin und alle Ideale zertrümmert und Cäsar kommt zu Gast, und Terentia höhnt mich, hochfahrend und unerträglich. Sie ist hart wie Kiesel, und ich bin so weich. Sie hat kein Herz für mich. Soll ich sie von mir tun? Scheidung? nach solchem Leben! Nur die Philosophie ist noch mein Trost. Ich wiederhole, vernichte dies. Jeder Wisch von mir wird, ich weiß es, von meinen Freunden für die Ewigkeit aufbewahrt. Aber nur diesen Zettel nicht!«

Tiro suchte Cito, den Läufer, gab ihm reichlich Geld, und der Brief ging ab nach Rom.

Und schon begann die Arbeit von neuem. Die Philosophie! ach, sie reichte zum Trost nicht aus. Proklos, der junge Grieche, las jetzt eintönig und ernst aus einem griechischen Buch die strenge stoische Lehre vom Zweck des Lebens, und Cicero lauschte und seufzte niedergeschlagen; dann gebot er Halt und reproduzierte frei und schön; in glänzenden Perioden und Antithesen, in wunderbar leuchtender Klarheit der Diktion ergossen sich die Sätze, bis er an das Wort »Tugend« kam. Da stockte er, er hörte Terentias Hohn, und ein galliger Geschmack war ihm auf der Zunge.

Der Schreiber sah erstaunt wartend zu ihm empor. Da riß er sich zusammen, und es klang wie Hochgesang: »Nur der Sittliche ist König, und wer von der Tugend schweigt, der kennt sie nicht. Wie Millionen 152 Kerzenflammen lichtlos unter der Himmelssonne verblassen, so verblassen alle Glücksgaben vor ihr. Zwischen Lachen und Weinen wird der Sterbliche hin und hergeworfen. Was aber ist ihm die Freude? Liebliche Täuschung. Denn wie sie kam, so vergeht sie wieder und läßt uns so leer, wie wir gewesen. Was aber ist der Schmerz? Gottgewollt ist er wie jedes Glück; wir sollen lernen, ihn zu ehren. Wonne ist der gerechte Schmerz. Wer wäre sonst tapfer in der Schlacht, der das nicht glaubte? Wer auf seiner Überzeugung beharrt, ist glückselig, ob ihn auch das Eisen zerfleischt. Nicht der Schmerz, nur die Schande ist ein Übel.«

Ciceros Lippen zitterten. Die Lehre war stärker als er. Wir sollen es lernen, den Schmerz zu ehren? Ein unmenschlicher Gedanke! Und ist Schwäche schon Laster? Er fühlte sich schwach und suchte nach einer menschlicheren Predigt.

Da rief im Flurgang der Stundenrufer laut die neunte Stunde (d. i. die dritte Stunde des Nachmittags), und gleich danach scholl ein Getöse von der Straße her, ein Rossestampfen, Rollen, Peitschenknallen und Geschrei, ein Vivatruf. Das Personal schnellte in die Höhe, wie von Sinnen, so daß das große Tintenfaß umstürzte und sein schwarzer Inhalt furchtbar hoch aufspritzte. Cicero aber war schon in der Vorhalle draußen, und da stand Julius Cäsar vor ihm, Julius Cäsar mit Gefolge.

Auch Terentia stand da mit ihren Dienerinnen. Sie hatte den Gast soeben steif und förmlich, aber mit vollkommener Höflichkeit begrüßt. Cicero war zurückgeprallt; sein großer Mund zog sich noch breiter mit dem Ausdruck grenzenloser Verlegenheit; denn er hatte nur die Tunika, seinen leichten Hemdrock an; die Brust 153 stand offen, und ein mächtiger Tintenfleck war an ihm emporgespritzt. Er suchte den Fleck zu verbergen, und ein großes Lachen ging endlich über sein ehrwürdiges Gesicht, als er vorstürzte und Cäsars Hände eifrig schüttelte: »Willkommen! Du siehst, ich bin arg im Rückstand. Aber willkommen, willkommen!«

Da beugte Cäsar sich vor und küßte ihn. Cicero stand auf einmal verdutzt, befremdet. Der Kuß war nicht Sitte in Rom; nur die asiatischen Despoten küßten so ihre Hofleute, denen sie gnädig waren. Cäsar kam als Despot aus Asien. Gepeinigt wandte Cicero sich ab: »ich will mich in meine Toga werfen.«

Aber Cäsar hielt ihn, und seine Gesichtszüge, die zäh wie Leder in harten Falten lagen, wurden weich und gütig leuchtend: »Gestatte noch ein Wort. Gestatte, daß ich dir dafür danke, daß ich kommen durfte. Im Haus eines Tullius darf ich Krieg und Politik vergessen. Du siehst, ich komme ohne Schwert im Friedenskleide. Es ist schön, Freunde wie dich zu haben, wie dich und Brutus; denn ich traf auf der Fahrt mit Brutus, der auch dein Freund ist, zusammen, und habe ihn und die andren Männer, die du kennst, mitgebracht.«

Brutus! Cicero begrüßte freundlich in seiner schnellen Art alle Angekommenen mit Namennennung. Es waren noch sechs Offiziere. Dahinter stand eine Gruppe dienenden Gefolges. Cäsar überragte alle Anwesenden an Größe; sein purpurviolettes Gewand fegte mit breiter Schleppe den Boden. Er trug den Nacken steif und hoch. An Hochwuchs, Willensstärke und Klugheit glich er einem geborenen König. Hinter seiner Schulter stand der jugendliche Brutus in dunklen Locken, mit dem ausdrucksvoll elegisch weichen Gesicht und den tiefbraunen versonnenen Augen. Für Cicero war es ein wahrer 154 Trost, daß Brutus gekommen, und so nahm er die übrigen Gäste willig hin, darunter vor allen Ventidius und Mamurra, die zwei Emporkömmlinge geringster Herkunft, von denen Cäsar sich gern bewundern ließ: Mamurra, ein genialer Artillerieoffizier, aber leichtlebig und allem Luxus maßlos ergeben. Ein seidener Überwurf, leicht wie Gaze, flutete in reicher Stoffmasse an ihm nieder, der regenbogenartig in Gold, Grün und Violett schillerte und frauenhaft mit Troddeln behangen war.

Cäsar aber wandte sich zu Terentia: »Ich brauche eure Nachsicht. Ich komme von der Heerstraße, und ich komme zu früh.«

»Die Schnelligkeit Cäsars ist berühmt,« rief Cicero sogleich. Er wollte seiner Terentia zu Hilfe kommen.

»Ja, berühmt,« fiel da auch Mamurra ein. »Er kam, er sah, er siegte. Davon wissen nicht nur seine Feinde, auch seine Gastfreunde.«

Ein Schweigen entstand. Cicero kam sich wie nackt vor in all der Kleiderpracht; er sehnte sich nach seiner Toga. Aber er wandte sich noch einmal entschlossen zu Cäsar: »Ich bitte noch um eine Aufklärung. Mein Landsitz ist von Soldaten umstellt. Ist dies mit deinem Willen geschehen?«

»Gewiß, gewiß,« sagte Cäsar, »weil das leidige Volk mir überallhin nachläuft. Mißversteh' mich nicht. Wenn man hört, ich sei bei Cicero, strömt alles, was Beine hat, in deine Gärten, und des Juchhegeschreis und Hallos wird kein Ende. Das ist nichts für eure Ohren. Daher die Absperrung, und wahrhaftig, ich selbst bin froh, dem zu entkommen.«

Welch seine Rücksichtnahme! Cäsar sah sich um, und seine Stimme hob sich: »Ich wünsche ein Bad.« Es 155 klang wie Kommando. Doch milderte er rasch den Ton: »wenn eure Thermen geheizt sind, verehrte Terentia, und es nicht stört . . .«

»Immer geheizt, immer geheizt,« versicherte Cicero, fast kellnerhaft. »Auch unsere Bedienung . . .«

»Ich habe meine vertrauten Diener mitgebracht.« Cäsar winkte einem Araber und einem Neger (in grellem Rot und Gelb standen sie da, ein banditenhafter Anblick, und es war, als hätten sie Waffen im Gürtel). Dann spähte Cäsar wieder umher; sein rascher Blick fiel in die Säulengänge der Halle, und er gewahrte Modesta und Dio, die eben Girlanden an den Säulen befestigt hatten, und nett und sauber gekleidet, mit großen, neugierigen Augen auf den Herrscher schauten.

»Wer ist das junge Weib?« frug Cäsar langsam, mit unterdrückter Neugier.

»Unsere Gärtnersfrau.«

»Eine Gärtnersfrau, die die Blumen begießt? Ich bin zwar keine Blume,« sagte er, »aber sie soll auch mich begießen. Sie kann mich im Bad bedienen.«

Modesta klammerte sich an Dio. Über Cäsars Gesicht ging ein lockendes Etwas, wie ein Grinsen des Wohlgefallens, so daß sein mächtiges Gebiß frei wurde. »Und der Bursche ist wohl ihr Gärtner? Soll auch ein gutes Geschenk haben.«

Dio trat unwillkürlich näher. Terentia aber sagte kurzweg: »Das Bad ist geräumig und für alle Gäste bereit. Modesta aber wird dich nicht bedienen, Cäsar! denn sie hat in meinem Dienst zu tun.«

Cäsar sah sie groß an, mit aufgerissenen Augen. Terentia verschwand mit dem jungen Weib. Breit und schwer schritt sie dahin, junonisch erhobenen Hauptes, in lang wallendem, meergrünem Talar: Rock, 156 Überwurf und Ärmel mit goldener Mäanderkante und glitzernden Sternen durchwirkt, schwere Schlangenreifen am Oberarm, ein reiches Perlenband in den vollen, hochgepufften, seidengrauen Haaren. So ging sie. Cicero führte die Herren in die Thermen.

Solange die Gäste im Bad, war alle Spannung gelöst und verschwunden: ein befreites Aufatmen, wohl für eine Stunde. Cicero konnte sich gemächlich umkleiden, und auch alle fünf Knechte, die er auf seiner Villa hatte, mußten sich fein machen, auch der gute Schreiber Philist, auch Proklos, der Grieche. Denn alles sollte bei der Tafelbedienung helfen. Sie kamen festlich froh und mit wichtiger Miene, in ihren schlichten weißen Leinwandkitteln mit farbigem Gürtel, die Serviette unterm Arm. Aber ihr Stolz verging, als sie die hochmütigen Blicke der Diener sahen, die Cäsars Gesellschaft mitgebracht: die sprachen großartig nur griechisch und hatten gebrannte Locken und trugen nur Trikot mit Gurt oder durchsichtige mattblauseidene Stoffe, die statuenhaft den Wuchs des Körpers zeigten. Ausgesucht ägyptische Aufmachung. »So ist es bei den Königen!«

Cicero hatte beschlossen, sich zurückzuhalten. Wenn nicht der große Mann, in dem sich jetzt Rom verkörperte, von den Staatsangelegenheiten selbst begann, durfte er sie nicht berühren. Mit lautem Zuruf holte er seine Gäste aus dem Bad und zeigte ihnen zunächst trippelnd als sorglicher Wirt seine Villa, die dürftigen Stallungen, den Ententeich und den kleinen Aussichtsturm, endlich die sechs Reliefs im Gartenhof, die Terentia notdürftig hatte reinigen lassen. »Wir lieben die Tauben, aber es ist schwer, wo Tauben sind, die Marmorbilder rein zu halten.« Cäsar beteuerte, diese Bemerkung sei vollkommen richtig; auch seine Tauben 157 seien nicht reinlicher. Die Einstimmigkeit der Männer wuchs. Bald aber zeigte sich eine Meinungsverschiedenheit: Cäsar liebte die Hunde und Cicero nicht. Nirgends in der Villa war ein Hund zu sehen.

Mamurra und die anderen Offiziere schwenkten ab; sie gingen auf Suche: ob es hier keine schönen Weiber gab? Freilich, Cicero und schöne Weiber? Cicero hatte nichts als schöne Worte! Sie drangen noch einmal zu den Ställen vor, zur Äpfelkammer, wo sie sich Früchte stahlen, und zur Küche, wo eben das ganze Dienstpersonal auf Bänken saß und sich an Mehlbrei, Salzfisch und Rüben sättigte: denn die Dienerschaft mußte, ehe die Herrschaft speiste, satt gemacht werden. Auch da gab es nur Mannsbilder und ältliche Weiber. Auch Saura, die Hexe, saß da und schlang mit offenem Rachen. Pfui! die Hyäne! Mamurra spuckte aus. Wo war Modesta? Modesta war verschwunden. Infam!

Cicero aber stand schon mit Cäsar und Brutus in seiner Bibliothek. »Die Bücher da in den Nestern, das ist dein Taubenschlag,« sagte Cäsar gönnerhaft scherzend. Es war mitunter, als ob er mit Kindern spräche.

»Aber diese Tauben brüten nicht, ich brüte hier über den Tauben,« versetzte Cicero ebenso.

Brutus musterte die Titel. »Lauter griechische Weisheit!« rief er begeistert.

Cäsar wurde ernsthafter. »O, ich betrete diesen Raum voll Verehrung. Die Arbeitsstätte eines Cicero ist wie ein Heiligtum, ein Nationalheiligtum Roms.«

Das klang schön. Über Ciceros immer noch vergrämtes Gesicht ging ein verjüngender froher Schimmer. Cäsar aber zog jetzt die Nase; er roch den Kleister. Der ganze Raum war voll Kleistergeruch. Die frisch 158 zusammengeklebten Rollen lagen in langen Streifen offen am Boden, mit ciceronischem Text bedeckt.

Der stille Brutus aber hatte sich gleich flach auf den Boden geworfen und begann neugierig zu lesen, was Cicero am Morgen diktiert hatte. Cicero bückte sich zu ihm nieder; er hätte mit Brutus gar zu gern ein intimeres Wort allein gesprochen. Aber es kam dazu nicht. Denn Cäsar fragte forschend: »Deine Rastlosigkeit, Cicero, ist bewunderungswürdig. Was hast du dir für die nächste Zeit zur Aufgabe gestellt?«

Cicero ärgerte sich. Er mußte sich ausfragen lassen. Wie gern hätte er die Gegenfrage gestellt: und du, du, Cäsar, was wirst du uns in den nächsten Tagen bringen? Aber er durfte nicht. Cäsar war der Undurchsichtige, aber er durchschaute alle anderen.

Gleichwohl sprach Cicero sogleich mit Wichtigkeit von seiner Schriftstellerei: »Denk' an die griechische Literatur; sie hat viele tausende wundervoller Bücher, ein wahres Reich der Geister. Die römische Literatur besteht noch kaum; kaum zwei Dutzend lateinische Bücher gibt's, die man lesen mag. Ich will meinem Vaterland endlich eine Literatur geben.«

»So schreibe nur, schreibe. An Muße soll es dir nicht fehlen.«

Wieder ärgerte sich Cicero: »Er will mir Muße lassen, als wäre er mein Herr, und meine Rolle als Staatsmann ist ausgespielt!«

»Ich kenne deine Schrift vom Staat,« fuhr Cäsar fort.

»Du billigst sie?« fragte Cicero dringend.

»Das sind Ideale,« sagte Cäsar leichthin.

»Ideale sind Ziele der Zukunft. Gewiß!« rief Cicero feurig. »Ich will der Zukunft ihre Ziele geben. Hörte 159 man nur auf mich! wäre nur nicht die Selbstsucht die Losung aller! Wer weiß heut, was er dem Nebenmenschen, wer weiß, was er dem Staat schuldig ist? Daher will ich nicht nur das Staatsrecht, ich will die Menschenpflichten buchen. Der Römer, dieses Raubtier, soll endlich lernen Mensch zu sein.«

»Glücklich der, der an Ideale glaubt!« Cäsars Stimme klang kühl und frostig.

»Und die Natur der Götter? und das Schicksal? Glaubst du, Cäsar, noch an Götter? soll der Römer an sie glauben? Und sollen wir an viele Götter glauben oder an einen Gott?«

Cäsar pfiff eine Marschmelodie und sagte lachend: »Ich glaube an mich, weiter weiß ich nichts.«

»Aber es gibt auch ein Schicksal,« fuhr der Eiferer in dringendem Tone fort, »und auch danach gilt es zu fragen. Ist der Wille frei? gibt es Willensfreiheit? oder steht alles, was wir tun, vorherbestimmt durch Gottes Ratschluß auf der Tafel der Zukunft?«

»Eine fatale Frage, lieber Freund. Es ist gut, Probleme zu stellen, an denen sich die Geisteskraft übt, Probleme, die alle Zeiten bewegen. Für die lahmen Seelen sind das Angeln und Schlingen; Spinnweben sind es für den Tatkräftigen. Der Mann der Tat sieht sie nicht; er diktiert der Welt seinen Willen und freut sich, wenn die Philosophen ihm sagen, daß sein Wille auch Gottes Wille ist.«

Da hörte man von draußen Mamurras Lachen. Cäsar wandte sich rasch zur Tür. Brutus aber las aus Ciceros neuverfaßtem Buche: »Der Ruhm ist wie die Seifenblasen der Kinder, und alle Freude läßt uns leer, und der gerechte Schmerz ist Wonne, und nur die Schande ist ein Übel. Wundervoll, lieber Cicero!«

160 Cicero beugte sich abermals über ihn und flüsterte: »Du tratest ihm näher. Was hoffst du? Sage rasch. Alles hängt davon ab. Wird er dem Adel, dem Volk sein Recht geben? Er hat den Staatsschatz beschlagnahmt. Gibt er den Staatsschatz heraus?«

»Er tut es,« sagte Brutus ruhig und friedlich. »Ängstige dich nicht. Ich ertrüge die Schande so wenig wie du. Der Erfolg hat ihn berauscht; wenn er nüchtern wird, wird er die Güte seines Herzens ganz entfalten. Meine edle Mutter, du weißt es, war Cäsars Vertraute, er selbst war von früh an mein Abgott, und ich glaube an ihn. Könnte ich das nicht . . .« Er sprang auf die Füße und ballte die Faust. Cäsar winkte. Sie standen draußen.

In der Vorhalle vor dem Speisesaal war es himmlisch zu sitzen. Die Natur strahlte. Der Seewind fächelte. Aus Buchs und Lorbeer und Rosengehängen, aus den Festons und gefüllten Vasen wogten narkotische Düfte. Der Vesuv ragte über dem Hausdach prangend in großartiger Plastik empor, mit Rebenwuchs und Wald bedeckt bis oben, und alles troff von flimmerndem, unermeßlichem Licht, obschon der glühende Sonnenwagen am Himmel sich schon zum blauen Meer zu senken begann.

Da saß man auf Stühlen und begann langsam zu speisen. Etwas Vorkost gab's; die Diener brachten Eier, Salat, Austern, Krebse und Langusten zur Auswahl. Dazu kam der heiße Wein aus Lesbos. Die Schaltiere waren mühsam zu essen, und man war vollauf beschäftigt.

Cäsar, der Verwöhnte, nahm huldvoll vorlieb. Terentia bewahrte auch jetzt ihre höflichen Formen. »Wirst du bei uns nächtigen, Cäsar?« fragte sie. »Wir haben Raum für alle.«

161 Er lehnte dankend ab: »Wenn die Dunkelheit kommt, muß ich zurück.«

»Wirst du reiten oder fahren?«

»Ich fahre; mein Wagen ist in eurem Schuppen eingestellt.«

Sogleich befahl sie, daß Cäsars Leibkutscher reichlich zu beköstigen und mit Wein zu versehen sei; er solle in der Gesindeküche möglichst festgehalten werden.

Cäsar wollte auf diese trotzige Frau doch gern den gebührenden Eindruck machen; es gab kaum eine, ob alt, ob jung, die ihm widerstand, und er versuchte zu plaudern, indem er von Ägypten und den Nilkanälen erzählte, die leider halb versandet sind. Die Neuregulierung würde Unsummen verschlingen. Terentia gähnte: sie interessierte das nicht. Mamurra aber warf gleich dazwischen: »Ägypten, Terentia! feine Welt, großes Leben! Das solltest du sehen: so zwanglos, erzlustig und exotisch. Und alles überlebensgroß! Allein diese Nilpferde. Wer in solch einen Nilpferdrachen hineinschaut, der meint, er könne darin einen Weinkeller anlegen oder unser teurer Cicero könnte darin sitzen, wenn er eine berühmte Rede schreibt.«

Terentia amüsierte sich. Cicero aber sagte gutherzig: »Ich ziehe denn doch den Weinkeller vor.«

»Und die Nilquellen, lieber Cicero,« setzte Cäsar ernsthaft und nicht ohne Wichtigkeit hinzu. »Das ist das große Problem, das mich bewegt. Ich habe eine Stromfahrt nilaufwärts gemacht, weit über die Katarakte hinaus, bis zu den Zwergvölkern. Zwei Ströme sind's, die aus dem Innern . . .«

Der vorlaute Mamurra unterbrach ihn mit Lachen. »Das war nämlich die Fahrt, wo wir in Phile die Schlüssel zur Tempelkasse erbeuteten. Die Priester, die 162 Bonzen, fütterten gerade ihre heiligen Katzen, und sie wissen gar nicht, wieviel ihnen da abhanden gekommen ist.«

Brutus wollte den üblen Eindruck dieser Worte schnell verwischen und sagte treuherzig mit seinem klangvollen Organ: »Afrika, eine unentdeckte Unendlichkeit! Es ist nichts erhabener als die Größe der Welt, und es ist nichts heiliger als die verborgenen Quellen der großen Ströme; denn sie gleichen dem Ursprung der Elemente unseres Lebens.«

Cäsar zerkaute eine Krebsschale, daß es knirschte: »Hätte ich nur einen exakten Naturforscher, einen Eratosthenes zur Hand, der sich auf Erdmessung versteht, ich würde ihm ein Geleit von 10 000 Mann mitgeben, und er sollte mir in das heiße Land und mir die Nilquellen erforschen. Man muß den Erdball kennen, den man verwaltet!«

Er sah über alles bedeutend aus, als er so sprach. Seine schwarzen Augen standen unter der hohen Stirn wie Kohlen und seltsam funkelnd in dem pergamentblassen Gesicht. Nilquellen, Erdmessen, Zeitmessung, Kalenderwesen: sein reger Geist umfaßte, erfaßte alles.

Da kam der Koch und gab mit wehender Serviette das Zeichen. Terentia erhob sich, und man ging in den großen Eßsaal, der noch hell genug war. Gleichwohl waren im Hintergrund an den Kandelabern die Lampen schon entzündet. Ein Paar Pilaster teilten den Saal in zwei Hälften. In beiden Hälften standen Speisebetten.

Cäsar fand seinen Mamurra heute doch etwas zu dreist und unbequem; aber Terentia kam seinen Wünschen zuvor, indem sie über die Tischordnung entschied. Mamurra bekam in der anderen Saalhälfte den 163 Ehrenplatz unter den Offizieren des Gefolges; dazu kam noch Tiro und der inzwischen erschienene Hausarzt, während die eigentlichen Würdenträger für sich blieben. Zwei Speiselager standen sich gegenüber; auf das eine legte sich Cäsar neben Brutus und Ventidius, auf dem andern nahmen Cicero und Terentia Platz. Die Sohlen wurden von den Füßen gelöst, die Hände neu gespült.

Ventidius war der berüchtigte Spediteur und Maultiertreiber, mit den gedunsenen Lippen und dem schlecht ausrasierten Gesicht, den Cäsar unlängst zum Senator gemacht hatte: er war dick; Cäsar begünstigte bekanntlich die Dicken, und auch insofern war Ventidius unschädlich, als er nur mit seinen Knechten und Tieren deutlich zu sprechen verstand. In Gesellschaft grunzte er nur laut in sich hinein, wenn sein Herr und Meister etwas Kluges sagte. Für Terentia war es ein Opfer, mit dieser Kreatur, die nach dem Stall roch, aus derselben Schüssel zu langen.

Da kam eine Wolke von Bratenduft. Ein vollständiger Eber wurde auf einem Tisch säuberlich aufgebaut hereingetragen. Der Vorleger hatte dem Tier die Knochen gebrochen, zerlegte jetzt das Rücken- und Keulenfleisch und häufte die Stückchen sorglich zusammen. Und wieder begann ein fleißiges Schmausen. Man hatte keine Gabeln und Messer und mußte sich die feucht gewordenen Hände immer wieder am weichen Brot abwischen. Cäsar nahm als erster mit langen Fingern ein Stück Rückenfleisch, das er sich von seinem arabischen Leibdiener reichen ließ (denn jeder Gast hatte seinen eigenen Diener hinter sich stehen). »Unser Cicero ist Jäger geworden,« sagte Cäsar dabei erheitert. »Unser Cicero hat einen Eber erlegt.«

»Ich jage ein anderes Wild,« sagte Cicero.

164 »Welches Wild?«

»Ich jage Gedanken.«

»Du jagst Gedanken?«

»Ja; denn ich habe selbst keine und muß doch von ihnen leben, und ich finde sie in den Wäldern der Griechen, an den Quellen der Weisheit des Aristoteles und Plato.«

»Aristoteles und Plato,« sagte Brutus feierlich; »auch das sind heilige Quellen, die man anbeten möchte, heilig wie die Quellen des Nil.«

Ventidius grunzte vernehmlich und aß mit Macht. Cicero aber konnte sich nicht enthalten, auszurufen: »Immer wieder die Bücher der Griechen! Wie erschütternd, daß nun in Alexandria der ganze Bücherschatz, die große griechische Bibliothek verbrannt ist!«

Cäsar zog die Brauen hoch, und seine schwarzen Augen drohten. Cicero hätte das Wort gern zurückgenommen. Denn Cäsar selbst hatte beim Straßengefecht in der Stadt Alexandria den Bibliotheksbrand verursacht. Cicero fühlte: das Gespräch ging wie auf Eiern. Aber der große Mann überwand sich rasch und sagte lachend, indem er den Becher ergriff, im allerverbindlichsten Tone: »Mag die griechische Literatur in Flammen aufgehen. In den Werken unseres Markus Tullius steht sie herrlicher wieder auf. Bleibe uns gesund, Cicero, und bleibe uns gut gesinnt. Ich rechne auf dich, der Staat rechnet auf dein Genie.«

Dem Cicero wurde unbeschreiblich wohl und warm bei diesem Wort, sein Herz war auf einmal wie entlastet, und er gab das Kompliment zurück: »Ein besseres Buch als Cäsars Bellum Gallicum besitzt Rom nicht und wird es nie besitzen.«

Da schrie vom andern Tisch her Mamurra durch den 165 Saal: »Ein berühmtes Buch; aber ich bin darin nicht erwähnt, und ich war es doch, der die Rheinbrücke baute und gegen die Gallier die Geschütze richtete. Und meine Geschütze trugen weit.«

Cäsar war darin geübt, Dreistigkeiten zu überhören, und beharrte bei seinem Thema; sein Ton steigerte sich herzgewinnend: »Cicero und Cäsar sind dazu da, sich zu ergänzen. Wessen Ruhm wird mehr Ewigkeit haben? Über Menschenpflichten, über Götter und Schicksal willst du schreiben. Ich habe bei mir deine Mitteilung wohl erwogen. Es sind die wichtigsten Schätze der Kultur, die du als Schriftsteller verwaltest. Ich bin nur der Praktiker des Lebens; ich organisiere Kolonien und Kohorten, ich schaffe am Staatsrecht und am Kalender und lenke, wenn ich muß, die Schlacht. Du gibst dem Weltreich Roms die geistige Nahrung, du gibst den künftigen Jahrhunderten die Erziehung, und alle Götter sind mit dir. Ich werde in Rom Nachfolger haben, die mich übertreffen, du nicht.«

Ventidius sah erstaunt auf und grunzte schwer. Cäsar hob den Becher, aber er nippte kaum. Wo alles sich berauschte, war er immer der ewig Nüchterne. Cicero dagegen wiegte sich in seligen Gefühlen und trank begeistert seinen Becher leer auf das Wohl seines großen Gastes und aller Freunde, die er mitgebracht.

Terentia wurde rot vor Ärger. Die Eitelkeit ihres Mannes war zu erbärmlich. Sie durfte nichts sagen; aber da war eine Schüssel Endivien, von einem Kranz von Drosseln umgeben. Sie riß dem Diener die Schüssel weg, und Cicero bekam nichts. Da hatte er seine Strafe.

Der glückliche Cicero merkte es kaum. Plötzlich war Lärm, ein Aufruhr. Ein Löffel fiel klirrend auf den Boden, und gleichzeitig stürzte ein Riesenhund in den 166 Saal. Mit drohendem Gebell fiel er den Lakaien an, der die Vögel trug. Cicero fuhr entsetzt zusammen und zog die Hände hoch: »woher kommt das Scheusal in mein Haus?« schrie er kläglich. Ihm waren solche Doggen etwas Schreckliches. Das Tier aber leckte wedelnd Cäsars Hand, dann warf es sich gierig auf die fetten Brotreste, die unter dem Tisch lagen. Dabei kam aber der Tisch ins Wanken. Terentia erhob sich wütend: »Hinaus die Bestie!«

Cäsar pfiff leise. Die Dogge legte sich. »Mamurra, das war höchst ungeschickt. Schaff' ihn hinaus. Wir bitten unsere teure Wirtin tausendmal um Vergebung.«

Mamurra aber hatte schon weidlich getrunken: »Gut, daß es kein Krokodil ist,« rief er höchst fidel. »Ein königlicher Hund! es ist der Hund, den Kleopatra, die holdeste der Königinnen, unserem Cäsar geschenkt hat.« Er schnalzte mit der Zunge: »Und Kleopatra, Kleopatra, das ist ein Weib . . .!«

Damit verschwand er; der Hund desgleichen. Aber ein tötlich strenger Blick des Herrschers hatte dem übermütigen Menschen klar gemacht, daß er sich hinfort ruhiger zu verhalten habe. Und er tat es.

Die Stimmung war gestört. Cicero wollte darüber hinweghelfen. »Ist Kleopatra wirklich so schön, wie sie alle sagen?« fragte er. »Ihre Bilder enttäuschen.«

Cäsars Stimme vibrierte eigentümlich, als schwelgte er in Gedanken. »Was ist schön?« sagte er. »Ich denke an Tuberosenduft. Wenn du die Luft einsaugst, in der die Tuberose blüht, fragst du noch, ob sie schön ist? Sie berauscht. Du wirst sie übrigens selbst sehen, wenn sie nach Rom kommt.«

Brutus, der all die Zeit träumerisch verharrt, horchte auf, und seine Stirne runzelte sich. »Die Königin? 167 Cäsar holt sie nach Rom? Rom Residenz Kleopatras?« Sein Blick fing den zornigen Blick Terentias auf. »Superbus! Er will selbst König in Rom sein,« dachte Terentia. Brutus aber schüttelte die Locken und sank bald wieder in seine Verträumtheit zurück.

Indes wurde ein neues Gericht aufgetragen. Cicero sah mir Erstaunen, was da von den Dienern getragen wurde: es war ein Pfau in einer silbernen Wanne. In einer zweiten trug man die Pfauhenne. Der gemästete Pfau galt damals in den Gastereien der Aristokratie als der neueste Geschmack und vornehmste Leckerbissen, und Terentia wollte heute diesem Gast gegenüber augenscheinlich ihr Bestes tun. Kopf und Hals war in Federn aufgebaut, als lebte das Tier, und auch der Schweif stand prunkvoll als Riesenfächer aufgestützt. Cicero war ganz stolz und lobte seine Hausfrau. Sogar Ventidius brummte »ein nobler Bissen« in sich hinein. Darum glaubte auch Cäsar »Bravo« rufen zu müssen. Es war ja sein Zweck, hier liebenswürdig zu sein, um sich die Ergebenheit dieses Hauses zu sichern. Er sagte darum so verbindlich wie möglich: »Welch prachtvoller Anblick! Aber bei allen Göttern, ihr macht die Bewirtung zu kostbar, werteste Freunde. Ich hatte es anders erhofft; denn man sagt: ein einfaches Essen ist ein Zeichen der Freundschaft.«

Terentia war um die Antwort nicht verlegen: »Wir müssen bitten, fürlieb zu nehmen. Ich dachte, dies Essen sei einfach für den, der aus dem Palast der Kleopatra kommt.«

Cäsar versicherte, Kleopatra sei jung und bescheiden und lebe ganz vernünftig und brav.

»Wir haben das Tier selbst gemästet,« fuhr Terentia fort. »Aber ich hasse den Pfau, und er verdiente zu 168 sterben. Denn sein Kopfschmuck gleicht der Krone. Ich habe ihn getötet, weil er auf seinem Haupt eine Krone trägt

Ein Stillschweigen entstand. Jeder fühlte den Sinn dieser Worte und wollte ihn doch nicht verstehen. Cicero redete rasch etwas über Lukull und lukullische Tafelfreuden. Aber Cäsar konnte den Eindruck nicht loswerden. Als er von dem Pfau essen wollte, wurde ihm plötzlich übel. Ein geschlachteter König – das saß in ihm fest. Er ließ alles liegen und verließ den Saal. Brutus und die Diener stürzten ihm nach. Lautlose Spannung!

Aber er erschien schon wieder: er hatte sich rasch genug erholt, und jetzt forderte er Wein. Zwei große Becher trank er im Sturz leer; dann war er wieder seiner selbst Herr, wie immer. Terentia sah er nicht mehr an. Aber Cicero, Cicero durfte er nicht verloren geben.

»Es lebt sich gut bei dir,«^ sagte er mit erstaunlicher Selbstüberwindung. »Aber ich vermisse eins. Cicero ist der witzigste Mann Roms. Ich habe mir eine Sammlung der besten Schlagworte gemacht, die in Rom von Mund zu Mund gehen. Das schönste darin stammt unfraglich von dir. Ich habe dafür ein scharfes Ohr und erkenne an der Güte des Witzes sehr leicht, ob er von dir herstammt oder nicht.«

Cicero schnellte empor, als wollte er mit einer Verbeugung den Empfang dieses neuen Lobes bescheinigen.

»Aber warum höre ich heute keine Witze Ciceros?«

»Ich mache sie nur, wenn ich gereizt, ich mache sie nur, wenn ich böse bin,« sagte Cicero. »Witze sind wie Blitze: sie entstehen nur in Gewitterstimmung.«

»Vortrefflich, und heute ist klarster Himmel. Das höre ich gern, und so soll es bleiben. Ich wiederhole, 169 es ist gut, wenn die Verständigen zusammenstehen, wie wir es tun. Auch mein Freund Brutus! Du kennst unsren Brutus. Ich liebte ihn schon, als er Knabe war. Alles was er ist, ist er aus vollem Herzen. Er entschließt sich langsam, aber was er tut, tut er voll und ganz.«

In Brutus' Augen stand ein mildes Feuer. Terentia sah ihn erwartungsvoll an. Aber er schwieg, und Cäsar begann jetzt wirklich seine verborgenen Gedanken etwas zu enthüllen: »Wenn ich jetzt übers Meer gehe, lasse ich Brutus als den Mann meines Vertrauens in Italien zurück. Ich setz' ihn nach Mailand als meinen Statthalter. Er hat mir's schon zugesagt. Und wenn ich einmal nicht mehr bin . . .« (es war eine Art Neugier in Cäsars Ausdruck, als sähe er im Geist seine eigene Leiche prunkvoll aufgebahrt; er schlug das Kleid zurück und befühlte seinen sehnigen Arm). »Ich bin immer noch wie ein Jüngling, meine Muskeln straff in Zucht und Übung; ich fühle, daß ich sehr alt werde – aber wenn . . .: soll dann Mark Anton mein Nachfolger, mein politischer Erbe sein? Mark Anton, der Raufer, oder du, Brutus? Ich wünsche mir dich.«

Da rief Brutus inbrünstig warm: »So sag' ich denn aus vollem Herzen: es lebe die Freiheit!«

»Die Freiheit?«

»Die Freiheit, die Rom groß gemacht.«

»Mein Sohn,« versetzte Cäsar kühl, »Freiheit ist ein gefährliches Wort. Gefährlich, weil vieldeutig. Ich sage, es lebe das Recht.«

»Welches Recht?«

»Das Recht der Intelligenz und des Willens.

»Das Recht der Menschenliebe,« warf Cicero ein.

Brutus griff sich an den Kopf. »Das Recht der Selbstbestimmung,« hatte er sagen wollen. Hier waltete 170 eine Unklarheit. Aber er schwieg. So machte er es immer. Er kam mit seinen Gedanken nicht weiter. Er mußte sich bemühen, Cäsar, diesen besten und klügsten Mann, ganz verstehen zu lernen.

Er starrte in seinen Becher, Terentia sah es und rief über den Tisch: »Brutus, schläfst du?« Da schrak er zusammen. Aber Brutus verstand nicht, was sie meinte. Erst drei Jahre später hat er es verstanden.

Die Schüsseln waren längst weggetragen. Am Nebentisch sang Mamurra ein keckes alexandrinisches Liebeslied, im Walzertakt, und Cäsar wiegte dazu den Kopf und summte mit. Es gab noch feines süßes Gebäck, auch Lattich und Obst; die Trinkschalen wurden noch einmal gefüllt. Dann folgte das Handspülen in verdünntem Rosenwasser; die Sandalen wurden angelegt, und man stand draußen im Garten, wo schon alles hell war von Lampen und Kerzen und flackerndem Fackellicht. Auf Setztischen standen hübsche Gefäße mit Naschwerk und Früchten; das waren Geschenke für die Gäste. Cicero und Terentia boten – denn so war es Sitte – jedem Gast mit einem Geleitwort ein Gastgeschenk, das dann der Diener in der Serviette nach Hause trug.

Die Gruppen zerstreuten sich. Cäsar stand mit Terentia unversehens an einem Tische. Er hatte den Trieb, ihr sogleich den Rücken zuzudrehen. Aber das verhinderte sie; sie zwang sich noch einmal zur Freundlichkeit. »Magst du diese Schale nehmen?« sagte sie; »es ist keine Kostbarkeit, aber doch ein Andenken aus dem Hause des Cicero.« Es war eine Bronceschale nicht ohne Kunstwert, mit vergoldeten Laubranken geschmackvoll verziert.

»Eure Gaben sind mir wert,« gab er zurück. »Aber darf ich wählen?«

171 »Bitte.«

»So bitte ich um dies andre Stück.«

Er griff nach einem stattlichen Teller aus Terra sigillata, auf dem man Rom im Relief, die sitzende Göttin Roma selbst im Panzer und Helm abgebildet sah.

Als Cäsar den Teller aufhob, brach er mitten entzwei. »Wie schade!« Die eine Hälfte fiel zu Boden.

»Es ist ein altes, geflicktes Stück und war längst geborsten,« erklärte Terentia gelassen, nahm auch die andre Hälfte und warf sie achtlos zu der vorigen. Das Kunstwerk war nun ganz zerstört. Dann blitzte es in ihren stahlblauen Augen: »So liegt Rom dir gebrochen zu Füßen, Julius Cäsar, großer Mann. Ja, Rom! Ist es nicht wie ein Gleichnis?«

Sie wartete abergläubisch, ob Cäsar die Scherben aufheben würde. Ließ er das zerbrochene Rom zu seinen Füßen liegen? Auch das wäre wie ein Gleichnis. Aber Cäsar war nicht gewohnt, sich nach Scherben zu bücken; er winkte nur seinem Neger. Da bückte sich Terentia selbst. Cäsar stand verwirrt, verlegen. Ihr Blick voll Haß, Wut und Verachtung schien ihn zu durchbohren. Mit nachlässiger Verbeugung wandte sie sich und trug »das zerbrochene Rom« mit fort. Sie ging, und er sah sie nicht wieder.

Erstaunt blickte Cäsar ihr nach und lachte auf: »Der arme Tullius! Zwanzig Jahre an diese Frau geschmiedet!« Terentia aber war entschlossen. Sie allein, sie hatte den Bezwinger Roms ganz durchschaut. »Brutus schläft,« murmelte sie vor sich hin; »mein Mann ist ein Schwächling, und ich bin wehrlos. Aber ich hab' noch eine Waffe, und ich muß handeln.« Sie warf ihr Prunkgewand ab, löste sich das Haar, holte 172 Saura, die Zauberin, aus der Dachkammer, in die sie sich verkrochen, und schlich mit ihr und einer alten Magd in den dunklen Schuppen, wo Cäsars Reisewagen stand.

Der Schuppen war vollständig verlassen, dunkel und fensterlos. Kutscher und Diener tranken in der Gesindeküche. Terentia verriegelte die Tür fest, als sie eingetreten; die Magd entzündete Fackellicht, und Saura trat in Wirksamkeit; sie stellte sich hin wie eine Furie, die Arme mit Nattern umwickelt, verfluchte Cäsars Namen, rief Hekate, die dreiköpfige Göttin des Orkus, zu Hilfe, riß ein Paar Steine aus dem Fußboden und stellte sie als Altar auf; eine Grube entstand daneben, und es begann die gefährliche Handlung. Die vornehmen Römerinnen glaubten alle an Zauberei, Terentia nicht ausgenommen, und der Zauber war jetzt ihre einzige Waffe. Mochte ihr Cicero sie darum verlachen; sie wußte: es gab höllische Geister, die dem halfen, der sie richtig rief.

Eine Flamme schlug auf. Schwefelmassen hatte die Hexe entzündet, und der Schuppen füllte sich mit bläulich erstickendem Qualm. Übelriechende Kräuter, bittere Baumrinde warf Saura fluchend in den Brand, dann ein Rad, aus Wachs geformt, endlich Uhufedern, einen lebendigen Molch, einen kralligen Hahnenfuß. Die Flamme schlug greller auf. Terentia erschauerte; ihr verging der Atem. Dann nahmen alle drei Weiber einen Stab, sengten ihn erst, zerbrachen ihn dann in der Mitte, daß es krachte, und Saura begann mit erhobenen Händen und in heulendem Ton dem tötlichen Zauberspruch; die beiden andern sprachen ihn nach. Es war schwer, die unheimlichen Namen richtig zu sprechen:

»Sabaôth, Sabaôth, Eicharoplex, Orebazarga, ich rufe euch, ihr Höllengeister, wir rufen euch dreimal 173 mit rechtem Namen. So wahr dieser Stab von Holz gebrochen ist in meiner Hand, so wahr soll noch heute Abend an der Wolfsbrücke, da, wo der Absturz ist, dieser Wagen hier in Stücke zerbrechen, und der umkommen, der darin fährt, so daß ihm das Herz erstarrt und er den Odem verliert. Macht, daß das wahr werde. Iâo, Iâo, Iasdâo Bei dem Höchsten, der in Wassern und Lüften allmächtig herrscht, beschwör' ich euch.«

Dreimal ging die Beschwörung; das Raunen wurde zum Kreischen und zum Geheul. Die gierig aufschlagende Flamme erlosch mit Gestank. Da schrieb Saura die Zauberformel auch noch auf Blei und nagelte das biegsame Plättchen unter dem Wagen fest. Terentia wollte gehen; sie erstickte vor Angst und Grauen. »Spuck' aus,« schrie da die Jüdin; »spucke dreimal aus, damit uns drei hier die bösen Geister nicht anfassen.« Und die drei spuckten sich dreimal in ihren Gewandbausch.

Cicero aber genoß mit seinen Gästen indes den Abend im Garten mit leichtem Herzen. Die Nacht war überirdisch, balsamisch schön; der Mond hing in seiner goldenen Pracht am Himmel, die Sterne funkelten. Cäsar dachte zwar längst an Heimfahrt; aber Cicero zog ihn neben sich auf die weichen Polster zwischen den Malvenbeeten. Der Blumenduft, die Lichter waren so schön, der Brunnen plätscherte; Nachtfalter flogen; in der Ferne klimperte Musik. Alles so bedeutungslos friedlich und ausruhend. Cicero schmunzelte, seit seine Terentia fern war, vor Behagen; er fühlte sich wieder philosophisch angehaucht und lehnte den Kopf weinselig weit zurück: »Was denkt Cäsar? Sind die Millionen Sterne Götter? sind sie beseelt? mit Willen begabte 174 Wesen? Mich dünkt, ich fühle wirklich, wie sie atmen, und der Odem der Sterne ist der Abendwind.«

Cäsar, der nüchterne, ließ es an Antwort nicht fehlen: »Ob sie nun Willen haben oder nur ein Klumpen Erde sind, die Sterne gehorchen sklavisch dem Gesetz. Der Kosmos ist eine absolute Monarchie, und es herrscht im All unerbittlicher Zwang und ein einziger Wille.«

»Gottlob, daß wir keine Sterne sind,« rief Brutus, der zugehört, fröhlich und voll Zuversicht. Und Cicero fiel ein: »Ja, wir sind Menschen! Horch, wie sie lachen . . .«

Mamurra hatte sich mit Ventidius und den andern zechend ins Gras geworfen. Die Diener sprangen um sie her und füllten den Wein nach. War noch ein Weinrest in ihrem Becher, so schleuderten die Zecher den Rest in die Luft und zielten damit nach den hängenden Lampen, und ab und zu erlosch im Wein eine Flamme. Das gab ein Lachen und Wetten und Vergnügen.

Jetzt aber rottete sich die ganze Dienerschaft zusammen: Köche, Küfer, Küchenjungen, Kutscher und Reitknechte, die Ackerknechte mit ihren Weibern; auch aus der Nachbarschaft hatte sich das Volk eingedrängt, auch Legionssoldaten, die ihren Posten verlassen hatten, und alles wollte auf einmal Cäsar sehen, Cäsar, Cäsar, den König der Welt. »Er ist hier bei Tullius im Garten,« rief man, »und man muß ihn sehen; denn er hat die Welt besiegt.« Und alles schrie: »Da sitzt er, der einzige, der göttliche, unser allmächtiger Herr; sei er ewig glücklich und den Unsterblichen gleich!«

Cäsar wandte sich achselzuckend zu Cicero und Brutus mit den Worten: »Seht ihr? so ist die blöde Menge,« dann stand er auf und trat näher in seiner ganzen majestätischen Größe und dankte mit Nicken und 175 wedelnden Händen, und das Huldigungsgeschrei verzehnfachte sich: »sei ewig glücklich!«

Auf einmal kam wieder ein lockender Zug in sein felsenhartes Gesicht; es war jener fangende Blick, dem noch keine Römerin widerstand; seine Mundwinkel dehnten sich langsam zu einem wohlgefälligen Lächeln, und seine mächtigen Zähne wurden frei. Er hatte Modesta erspäht. Das Gärtnerweib, die wunderschöne Person! Er hatte Modesta ganz vergessen. In der Tat hatte sich in dem Haufen auch Modesta mit ihrem Dio, von Neugier gepackt, herangewagt, herangedrängt, und sie verging wie alle anderen in Bewunderung vor dem herrlichen Mann, der nun der Herr der Welt ist.

Cäsar sagte sich: er hätte die Person gern irgendwie mitgenommen, mit oder ohne ihren Dio. Er hätte sie dem Cicero gern abgehandelt. Denn er besaß selbst große Gärten in Rom und konnte da eine schöne Gärtnersfrau immer gut gebrauchen. Aber es ging nicht. Er mußte sich das versagen. Also rief er nur jovial in die Masse: »Ich danke euch allen, ihr braven Leute, und ich danke auch der schönen Gärtnersfrau.«

Das war aber noch nicht das Ende. Auch Mamurra hatte das hübsche Geschöpf längst festgestellt; er verstand seinen Gebieter, gebot der Modesta, auf eine der Gartenbänke zu steigen, hängte ihr sein eigenes grünviolett schillerndes Seidenkleid um, brach einen Lorbeerzweig aus dem Gebüsch, gab ihn ihr in die Hand und deklamierte: »Hier ist eine Viktoria, eine Viktoria ohne Flügel. Es ist die schönste der Viktorien. Tritt heran, Julius Cäsar. Die süße Siegesgöttin soll dich krönen.«

Cäsar, der Gewaltige, trat wirklich näher. Es war, als tauchte ein Königstiger vor ihr auf, und sie sollte ihn streicheln. Da taumelte Modesta vor Angst; ihre 176 Knie versagten. Zitternd, mit scheuer Andacht, legte sie den eingebogenen Zweig wie eine Krone lose über die große Stirn und rings um das kahle, breite Haupt. »Fester!« flüsterte er. Da preßte sie den Kranz fester. Und ihre weichen Finger drückten ihm die Haut, die Schläfen. Ihr war, als schmückte sie einen Gott im Tempel, und der Gott atmete, und er umfing Modesta und hob sie hoch, daß alles Volk es sah, stellte sie dann langsam auf die Erde nieder und küßte sie.

Der Kuß ist das Gnadenzeichen der Könige, weiter nichts! Cäsar hörte noch, wie man im Garten rief: »Heil dir, Dio; dein Weib hat ein Gott geküßt!«

Cäsar war schon ins Haus getreten, Cäsar mit dem Lorbeerkranz: der Pfau mit der Krone! Er war mit diesem Tag zufrieden. Er konnte jetzt ruhig in den blutigen Kampf gegen Cato und die Söhne des Pompejus ziehen; er wußte, Cicero würde indessen die Stimmung in Rom gegen ihn nicht verderben. Der große Redner machte die Stimmung seit Jahrzehnten in Rom. Er hatte ihn jetzt für sich eingefangen. Und Brutus, der Träumer war so zahm! Cäsar verteilte Geldgeschenke an die Dienerschaft, bedachte den Dio, der herantrat, besonders reichlich, bestellte den Wagen, und das Abschiednehmen begann. Aber Terentia fehlte. Dio lief, sie zu suchen. Cicero stammelte Entschuldigungen. Terentias Abwesenheit war indes leicht zu verschmerzen.

Als nun Mamurra, Ventidius, alle Offiziere lachend und schwatzend davonritten und in der Nacht verschwanden (die große Dogge schoß hinterdrein), atmete Cicero erleichtert auf. Er sagte nicht: »auf Wiedersehn.« In Reihen standen die Diener mit wehenden Fackeln an der Straße.

Cäsar raffte schon sein Kleid, um seinen Wagen zu 177 besteigen. Der Wagen hielt schon vor dem Haus, und die Rosse stampften. Da flehte sein Kutscher: »Herr, fahre nicht.«

»Warum nicht?«

»Herr, ich warne dich. Hier ist ein Reitpferd.«

»Albernheit.«

»Wir haben gehört, Herr, dein Wagen ist verzaubert. Teufelsspuk, unheimlich, gräßlich war's im Schuppen, wo der Wagen stand. Ein Geheul. Mir sträubten sich die Haare, und als ich die Rosse anschirrte, stank es in dem Raum nach dem Höllenbrand. Der Wagen bricht, Herr!«

»Bist du besoffen, Bursche?« Cäsar war der kaltblütigste Verächter alles Aberglaubens. Sein Wagen war ganz neu. Er ließ ihn untersuchen: alles war solid und heil. Man fand das festgenagelte Bleiplättchen. Der Kutscher riß daran: »ein Zauber, Herr!« Cäsar verbot, es abzureißen.

Die Nacht war lind, windlos und verlockend. Cäsar lud Cicero ein, bis zur Flurgrenze mitzufahren. Die Sitze waren weich, Cicero fuhr mit Cäsar, und die Villa lag auf einmal leer von Gästen, lautlos und traumverloren. Die Lampen erloschen. Terentia erschien. Sie sah sich mit Brutus allein. Heftig erschrak sie, als sie hörte, daß Cicero, daß ihr Gatte den verhängnisvollen Wagen bestiegen. Sie erzählte dem Brutus alles und suchte zugleich seine gutmütige Natur gegen den verhaßten Cäsar aufzuregen.

Eine Stunde danach kam Cicero hinkend nach Haus. Hatte der böse Zauber gewirkt? Cäsars Wagen war wirklich zerbrochen: zum Glück nicht bei der Wolfsbrücke, wo der Absturz in die Tiefe drohte, sondern schon eine Strecke vorher. Der Kutscher hatte zu viel 178 getrunken; die Pferde scheuten vor einem Baumstrunk: ein Prellstein kam zu nah; das Rad zerbrach; das Gestell kippte. Cäsar selbst sprang unverletzt ab und ritt ohne Aufenthalt von dannen. Cicero war nicht so geschickt; er fiel hart aufs Knie; zwei Diener Cäsars mußten ihn nach Hause führen. Die Haut war arg zerschunden, und die Kniescheibe schmerzte sehr.

»Der Schmerz ist kein Übel,« das hatte er heute selbst seinem Schreiber Philistos diktiert. Jetzt zweifelte er auf das heftigste an der Richtigkeit dieses Satzes; aber er dachte, »o gäbe es nicht noch andere Schmerzen!«

Kaum ein Jahr verging, und Cicero hatte seine Tochter Tulliola verloren, und er war von seiner Frau Terentia geschieden. Als Cäsar in Afrika von der Scheidung hörte, wunderte er sich nicht. Vier weitere Jahre, und die drei großen Römer, die an jenem Abend friedlich-gesellig Freundschaftsversicherungen ausgetauscht hatten, lagen erschlagen in ihrem Blut, ein Schlachtopfer der Weltgeschichte: Brutus hatte zu schlafen aufgehört und Cäsar war erdolcht, Cicero enthauptet; Brutus, Cäsars Mörder, hatte sich schwermütig selbst in sein Schwert gestürzt. Die Erde dampfte von Bürgerblut, das Weltreich lag sonnenlos tot und wie erfroren und harrte umsonst auf einen neuen Frühling, einen Männerfrühling, der nicht kommen wollte. Wo war der alte Freimut? Hoffnung, Vertrauen, Freiheit und Freudigkeit, wo waren sie? wie der Duft der Fluren verweht, wie der Lichtschimmer des Mondstrahls, der über das Meer huscht, verglommen und in Nacht versunken. Nur Dio und Modesta lebten in Ciceros leerem Garten noch lange ein sonniges Leben. Denn sie waren zu niedrig; der Sturm der Ereignisse traf nur die Höhen, und bei 179 ihnen war der Friede heimisch und eine bescheidene Glückseligkeit. Cicero hatte den beiden ein Stück Feld und einen schönen Rebengarten, er hatte ihnen auch die bürgerliche Freiheit gesichert, und sie pflegten im Kreis ihrer Kinder sein teures Gedächtnis bei jeder frohen Ernte und in jeder süßen Stunde des Ausruhens. Denn er war nicht nur ein Wortführer der Tugend, er war ein rastloser Menschenfreund, ein Tröster der Schwachen und wie ein Vater seiner Untergebenen gewesen.

 

Ende

 

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