Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Birt >

Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten

Theodor Birt: Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1916
publisherQuelle und Meyer
addressLeipzig
titleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
pages179
created20120608
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Kamma

Eine vergessene Tragödie

Galatien war ein Land der Kelten, jener Kelten, die einst, hundert Jahre nachdem der berüchtigte Kelte Brennus Rom eroberte, auch nach Griechenland und Delphi vordrangen, dann in Kleinasien sich niederließen und dort, im Innern des Landes, fernab der Küste, zwischen den Flüssen Sangarius und Halys, Wälder genug und fette Weidetriften fanden, um stolz und wohlhabend als ihre eignen Herren zu leben. Ancyra, Gordium, Tavia hießen drei ihrer vornehmsten Städte. Die umwohnenden Griechen in Bithynien und Phrygien staunten über die Leibesgröße dieses Volkes, die weiße Haut und die sonnige Blondheit seiner Männer und Frauen und fürchteten seine Streitlust, sein Kriegsgeschrei und seine langen Schwerter. Es sind dieselben Kelten oder Galater, an die späterhin Paulus, der Apostel, in griechischer Sprache seinen Brief »an die Galater« richtete. Griechische Kultur und Bildung drangen aber bei diesem edlen Naturvolk starker Eigenart nur langsam ein.

Es war wohl anderthalb Jahrhunderte vor der Zeit des Apostels Paulus, um das Jahr 90 vor unserer Zeitrechnung, da lebte dort unter den Kelten in der Stadt Gordium der Fürst Sinatus mit seinem Weib Kamma; denn das Volk stand unter zwölf Fürsten, die 104 gleichberechtigt nebeneinander walteten in den verschiedenen Gauen Galatiens. Sinatus war der letzte seiner Sippe. In den langwierigen Kämpfen mit dem Griechenkönig von Pergamum und mit anderen umwohnenden Stämmen waren ihm erst der Oheim, dann der Bruder gefallen. Das machte ihn ernst und gedankenvoll. Nachdem er seinen Vater beerbt, ging er lange unbeweibt einher. Sein Blick war müde und verschattet und in ihm die Melancholie des Vereinsamten.

Da sah er einst bei einem Umritt durchs Land Kamma, das Mädchen; sie hing in einer Baumkrone und brach Äpfel in das Fruchtnetz. Er hielt an und bat um eine Frucht, und sie kam herab, und eine Wonne fiel ihm ins Herz und ein Junggefühl und Glutverlangen; sie war schön wie ein Märchen, aber scheu und verzagt wie ein junges Reh. Sie sah ihn nur kindlich fragend mit großen flehenden Augen an und rief angstvoll: »ich darf nicht, ich darf nicht,« und rannte zur Hütte fort, wo ihre krächzende Stiefmutter sie mit lauten Scheltworten empfing. Es gibt Worte, die hart sind wie Peitschenschläge.

Sinatus drang ein, und vor dem Fürsten verstummte die böse Frau. Ein süßer, staunender Blick des Kindes dankte ihm; und es drang ihm wie Frühling ins Innerste.

In tiefer Feldeinsamkeit hatte Kamma dahingelebt; sie kannte die Welt nicht, die Männerwelt nicht; ihre Schwester war an einen geringen Mann weggegeben und lebte ferne. Sie war nichts als die Dienerin dieser Mutter und spann und hütete die Tiere und grub die Beete und pflanzte. Und in den Raststunden saß sie am Feldrain oder hoch in den Bäumen und lauschte dem Vogelsang und starrte in die Sternenwelten der 105 Sommernächte und warf sich in die Winterstürme mit fliegendem Haar. Dämmer lag über ihrer Seele; eine große Frage der Sehnsucht war ihr Leben; aber die Natur antwortete nichts auf ihre Fragen, und sie lernte das Sprechen nicht.

Dies Kind war es, das Sinatus zu seiner Gattin erhob und in sein schlichtes Haus führte. Er war 36, sie 16 Jahre. Sie folgte ihm mit Zagen und Jauchzen. Es war ein Halberwachen. Sie sah, wie ernst und gut und tätig und geradgesinnt er war; und er setzte sie über das Gesinde und verschaffte ihr Gehorsam auch bei Amaryllis, der alten Hausdienerin, und sie lernte das Ordnen und Herrschen rasch.

Mit grenzenloser Dankbarkeit und stummer, verklärter Freude hing sie an dem Gatten. Er sprach nicht viel, aber mit gleichmäßiger Güte, und sie erfuhr von seinem Wirken im Land und wie er Gericht hielt auf dem Markt und Händel schlichtete im Land und das Volk ihm huldigte, da er zu den gemeinen Leuten ins Haus trat wie zu seinesgleichen; und so häuslich sie war, drang doch jetzt der Schall des großen städtischen Lebens in ihr Ohr. Das Leben berührte, erfaßte sie, und sie wurde wacher.

Daß er nicht schön war, sah sie nicht. Auch veränderte sich sein Äußeres. Sein hageres Gesicht bekam etwas Blühendes, seine grauen Augen, die tief in den Höhlen standen, hatten festtäglich frischen Glanz, seit Kamma im Hause war. Den struppigen Kinnbart stutzte er, und sein glattes gelbes Haupthaar, das ihm bis auf die Schultern hing und seine Ohren verdeckte, hielt er sorgsam unter der Bürste.

Drei Jahre vergingen. Die Ehe blieb kinderlos. Das beunruhigte, betrübte das Gemüt des Weibes. Sie zog 106 weise Frauen zu Rate; brachte der »Großen Mutter« im Tempel Opfer und Opfergelöbnis. Sie rief endlich sogar die Zauberin aus dem Nachbardorf, die, wie alle wußten, viel Wunder wirkte; die besprach ihren Körper und braute einen schweren Zaubersaft aus Froschblut und Knochenmark und Kräutern und bestrich damit das holzgefügte Bett von allen Seiten. Das Verlangen nach einem Erben des Hauses blieb ungestillt. Kamma forschte in den Mienen des Mannes: Sinatus zeigte sich ihr mild wie immer. Aber ein Schatten lag in seinen Augen, und er war häufiger aushäusig als früher. Das Geschäft, die öffentlichen Pflichten, die Jagd zerstreuten ihn. Das war sein Recht. Ihr Herz hing nur noch demütiger an ihm.

Im Herbst ritt Sinatus zur Fürstenversammlung nach Ancyra. In der großen Stadt Ancyra, die auf schön geschwungenen Bergen lag, versammelten sich einmal im Jahr die zwölf Fürsten zu gemeinsamem Ratschlag und zur Erneuerung der Verträge mit Opfer und Eidschwur und Festgelage. Die ältesten und angesehensten unter ihnen waren Dejotarus und Bitoitus; Sinorix dagegen war der jüngste unter den Fürsten.

Sinatus sah den jungen Sinorix in Ancyra einreiten auf seinem schwarzen ungezäumten Gaul, und Freude erfaßte ihn. Sinorix zählte erst 23 Jahre; er war lange wanderlustig im Ausland, in den Griechenstädten von Pontus und Thrazien gewesen und nach seines Vaters Tod jetzt endlich heimgekehrt, um seines Amtes im engen Vaterland zu walten. Wie ein neu aufgehender Stern erschien er dem Land. Durch seine Mutter und durch die Schwestern des Vaters war er mit mehreren der Mitfürsten verwandtschaftlich eng verbunden, und alles wollte ihm wohl. Griechische Bildung brachte er mit 107 und den weltgewandten Ton, der den Einheimischen so fremd war und der wie Metallschliff blendete.

Wie er vom Pferde sprang, sah ihn Sinatus mit Entzücken und eilte, ihn zu umhalsen: denn alle Herrlichkeit der nordisch-keltischen Rasse sah er in diesem Menschen verkörpert. Der hohe Wuchs, die Wucht der Arme, die breit gewölbte Brust, ein heller Glanz siegreicher Schönheit, lachendes Wangenrot; Lockenfülle in Ringeln über den weißen Nacken; ein keck gestutzter Schnurrbart über den vollen Lippen! Sprudelnde Lustigkeit und rascher Zorn, aber auch Arglist flammte ihm im Auge. Das war Sinorix, des Sinorix Sohn.

»Wie schön, dich so wiederzusehen,« sagte Sinatus, lebhafter als je. »Weißt du noch, vor fünfzehn Jahren, auch hier in Ancyra, da sah ich dich; du warst mir ein feiner Junge, und ich hob dich auf den Arm, damit du den Festzug sehen könntest, die Prozession und das Gottesbild. Wir kennen uns lange.«

Sinorix dankte freundlich, aber nur allzu flüchtig; denn da waren auch die andern. Er war freundlich zu allen, bewegte sich sorglos und siegreich hin und her und versicherte sich der allgemeinen Zuneigung. Denn er war die Liebe der Frauen gewohnt, und auch die Herzen der Männer fielen ihm zu.

Erst am nächsten Tage gab er mehr auf Sinatus acht; denn Sinatus hörte nicht auf, ihn in sein Gespräch zu ziehen. Der herzlich treubiedere, ernsthafte Ton der Freundschaft, der ihm hier entgegenklang, blieb nicht ohne Wirkung auf das Gemüt des jungen verwöhnten Mannes, und, wennschon er nicht Anlaß sah, den Sinatus vor andern zu bevorzugen, war er doch zu gutmütig, um ihn zurückzustoßen. Sie trafen sich öfter, nicht nur beim Würfelbecher und Trunk, sondern auch 108 bei Schwertspiel, Reit- und Fechtübung, und des Sinatus bewundernde Zuneigung zu dem Jüngling wuchs; denn er fand alle Tüchtigkeiten des Leibes und Geistes in ihm in seltener Vereinigung, und er fühlte: »an diesem Menschen kann ich mich verjüngen! Wär' ich wie er!« Ja, er redete sich ein, wie köstlich es sei, auf ihn einzuwirken, daß er im Geiste der Vorväter ein wackerer Volksfürst werde, der seine enge Heimat liebt. »Besuche mich auf meinen Jagden!« sagte er, als sie aus Ancyra ritten und sich trennten. »Es gibt Antilopen und seltenes Wild genug. Wir schießen vom Pferd die Trappen mit dem Pfeil. Die Wälder sind dicht, die Schluchten sind wild am Sangarius, meine Jagdnetze stark, und meine Meute stellt dir den wilden Stier und den Panther.«

Jagen! das lockte Sinorix. Zwar mußte Sinatus ihn durch Boten noch oftmals mahnen; denn wie vieles gab es, das ihn anzog! Aber schließlich geschah es: Sinorix kam, und sie jagten zusammen tagelang in grauer Winterszeit und teilten die Gefahren und Unwetter und die Beute; und er kam wieder und öfter wieder, und sie gewöhnten sich aneinander zu großer Vertrautheit bis zur Verbrüderung. Es war ein köstliches Sichergehen; das Mahl, der Trunk in der Hütte, die schlichte Lagerstatt.

In der Bergstadt Tavia im Gau des Trokmerstammes, da wohnte Sinorix selbst; Sinatus kam hin, ihn dort zu besuchen. In der Halle standen Bildwerke und Tische voll Schmuckwerk aus den Griechenstädten; die zeigte ihm Sinorix mit Stolz und sein Schatzhaus, das er nach Art der Griechenfürsten auf hohem Kastell erbaut hatte. Das Frauengemach aber war leer. »Heirate nicht zu spät!« sagte Sinatus gedankenvoll.

109 Sinorix sah ihn fragend an – aber er fragte nicht mit Worten. Dann lachte er aufgeräumt und zuckte die Achseln. »Die Ehe will mich nicht, weil ich zu unhäuslich in der Liebe war.«

Als der Frühling nahte, kam endlich Sinorix auch nach Gordium. Sinatus wünschte das längst. Aber Sinorix hatte bisher nur wenig Neigung gezeigt. Was konnte auch Gordium, das bescheidene Städtchen, ihm bieten? Keltische Lehmhütten! Das Vieh in den Gassen! »Laß uns lieber zusammen nach Pessinunt gehen oder in die Seestädte! Da ist großes Leben! Rausch des Daseins!« Aber er fand sich endlich gutmütig in die Freundespflicht und sagte fröhlich und rasch erwärmt: »Alle Welt rühmt deine Weisheit, edler Freund, und wie dein Volk dich liebt. Das will ich von dir lernen! Ich will auf dem Markt in Gordium mitten unter den Leuten stehen und zuhören, wenn du Recht sprichst!«

Und er tat es und war in Gordium und spendete dem Freund den Beifall, den er verdiente, spähte beiläufig durch die Gassen nach Abenteuern aus, doch keines fand sich; dann zogen sie in den geschlossenen Turnraum; das war ein glatter Lehmboden, weithin von Holzplanken umfriedet; das Männervolk drängte nach. »Wollt ihr etwas Neues lernen?« rief Sinorix. »Unser keltisches Schwertspiel ist roh und ungeschlacht. Entkleidet euch! Laßt uns heut turnen wie die Griechen!« Und sie begannen nackt erst den Ringkampf; dann auch den Wettlauf; siebenmal die Bahn. Ein leichtes Ballspiel folgte. »Das macht stark und geschmeidig und leicht. Tummelnde Delphine im Luftbad!« Und alle bewunderten die Kunst und die behende Kraft des fremden Jünglings; und ein griechischer Kaufmann, der zufällig zugegen war, sprach: »Ich sah 110 keinen Hellenengott so herrlich an Menschenwuchs wie diesen. Wehe uns, wenn dies blonde Volk sich vermehrt!«

Im bescheidenen Speisesaal des Rathauses gab Sinatus darauf dem Freund ein Gelage. Dann führte er ihn gastlich in sein Haus zur Ruh.

»Und Kamma, dein Weib?« fragte Sinorix, als er sein Lager suchte. »Soll ich sie nicht sehen? Du sprichst kaum von ihr. Du zeigst sie nicht. Ist sie ein Drache, daß du ihrer dich schämen müßtest?«

»Du sollst sie morgen vor dem Abschied sehen,« erwiderte Sinatus lächelnd. »Sie ist lieb und scheu, und ihr Platz ist nicht im Haufen der Menge.«

Kamma harrte schon auf die Begegnung; sie war glücklich, daß ihr Mann den Freund gefunden. Wieviel heiterer war sein Wesen, seit er ihr von Sinorix erzählte! wie elastisch und jung seine Gestalt geworden! Ja, die Jugend wirkt ansteckend auf das Alter wie ein mildes Fieber. Was ihr, der Frau, nicht gelungen war, schien dem Freund gelungen. Und das war recht. Denn sie konnte doch nie sein Jagdgenosse sein.

Am Morgen schmückte sie sich mit Sorgfalt und Munterkeit und trat zu den beiden in die Halle, von zwei Dienerinnen gefolgt, hochgewachsen und schlank und bleich und schön, das nußbraune Haar gewellt, mit gerade gezogenem Scheitel; aber ein schwerer Zopf lag ihr, vom Nacken aufsteigend, bis über die Stirne, wie ein voller Kranz um das wundervolle Haupt.

Als sie den Gast gewahrte, streckte sie in freudiger Erregung die Hand und eilte ihm entgegen: »Sei mir gegrüßt, dreimal gegrüßt und habe Dank für die Freundschaft, die du meinem Gatten schenkst. Es tut 111 ihm wohl, und Sinorix ist ein Name, der guten Klang in diesem Hause hat.«

Sinatus, ihr Gatte, sah voll Überraschung, wie frei und unbefangen ihr Ton, wie offen ihr Blick in Beglücktheit strahlte. Wie schüchtern trat sie sonst den Männern der Stadt entgegen! Die Liebe zu ihm gab ihr den Freimut.

Kamma aber fuhr fort, indem sie ihm die Hand entzog: »sieh nur, hier am offenen Hof, den großen Rosenstock, wie er mit seinen Zweigen ins Zimmer wächst! Man sagt, der Stock ist älter als drei Menschenalter; jetzt aber blüht er, und er trägt prangend hundert berauschende Rosen am Tag. Hier setze dich. Es ist unser Lieblingsplatz. Seit einem Winter kenne ich dich schon, Sinorix, durch die Rede meines Mannes. Der Schall des Wortes aber gibt dem Auge nichts; es ist gut, daß ich dich sehen darf.«

Da faßte er wieder ihre Hand und hielt sie länger; der Moment erlaubte es. Er durfte sie halten. Sinatus schaute so gütig darein. Und wie er sie so neben sich duftumsponnen unter den Rosen sah und den vertraulich weichen Druck ihrer Hand in der seinen fühlte – seine Sinne wurden wach; er merkte, er spürte: sie kam eben in der Morgenfrische aus ihrem Bade und atmete süßes, harrendes, zauberisches Leben. Da durchfuhr ihn die Begier; ein rasendes Verlangen; das Gift der Schönheit; er hatte es nicht gesucht, gewollt! Durch das Blut schlug es ihm auf einmal ins Eingeweide. Mit dem Blick des Weiberkenners merkte er, daß hier Wonnen schlummerten, Schätze der Liebe, noch unvergeben; ein vermähltes Weib, das in all seiner Jugendhuld nichts ahnte vom Rausch jener unermeßlich gesetzlosen Seligkeit, die das tiefste Ich sättigt.

112 Er wollte sie wecken! Eine Glut drang aus seinem Auge; das Blut stieg ihm in die Stirn.

Er war verstummt. Sie aber sah still und unbefangen auf ihn und wußte selbst nicht weiter zu reden. Sie löste die Hand und forderte von den Dienerinnen Wein und Früchte. Da plauderte er schon und kam zur Besinnung und begann von der weiten großen Welt, die er gesehen, zu reden. »Jetzt, Kamma, ist der Frühling im Land; jetzt ist draußen die Seefahrt herrlich! Aber die Fremde, das ist nichts für Frauen, nichts für unsere Frauen. Und doch gibt es Frauen genug in der Fremde. Diese Griechinnen in Heraklea, in Byzanz, in Ephesus! sie sind nicht wie du. Sie gehen mit Ringen und Spangen beschwert und stecken sich das Kleid mit Nadeln zu, statt es zu nähen. Ihre Röcke sind so lang am Fuß, daß sie sie im Arm tragen; sonst strauchelten sie, und mit geschminkten Wangen, den Fächer in der Hand, so kommen sie ins Theater, wo man Musik macht, in großer Zahl und lassen sich bewundern. Bei der Großen Mutter, sie sind nicht wie unsere Frauen.«

»Du liebst nicht die Griechen?«

»Ich liebe ihre Sachen; ich kaufe oder raube ihre Sachen, wo ich kann. Künstler sind sie! Was zum Leben gehört, was das Leben schmückt, das wissen diese Griechen. Ein Narr, wer es nicht von ihnen lernt. Sieh hier den Ring! Ist er nicht schön?«

Und er zeigte ihr den Saphir, den er am Finger trug; ein Tiger war in den dunklen Stein geschnitten, auf dem ein kecker Amor ritt. Sie sah es mit Vergnügen, und seine Locken kamen beim Betrachten ihrem Haupte nah, ihre Hände berührten sich wieder, und jetzt fühlte sie im Tiefsten und mit frohem Staunen die Anmut seiner Nähe und ein inniges Wohlgefallen.

113 »Zeig' mir den Ring!« unterbrach sie Sinatus, und er gab ihn. Kamma aber fragte: »So hübsch sind die Sachen der Fremden, und doch liebst du die Griechen nicht?«

»Ich hasse sie. Denn sie sind stets unseres Landes Feinde gewesen. Was würdest du sagen, wenn es Krieg gäbe? Der große Kampf ist noch nicht zu Ende. Rom hält die griechischen Küsten Asiens in den Händen, und König Mithridates im Pontus rüstet. Der Kampf des Griechentums gegen Rom wird neu und schrecklich beginnen. Wenn die Zeit kommt, und sie ist nah, siegen oder sterben wir auf der Seite der Römer!«

Sinorix war aufgesprungen, und es blitzte und funkelte wild genug in seinen Augen; aber es war ihm eben jetzt angesichts dieser Frau nicht ernst. Wie fern lag ihm der Wunsch, jetzt in den Krieg zu ziehen! Er wußte kaum, was er redete; die Worte schafften seiner grenzenlosen Erregung Luft, und herrlich, wie ein Heros, ein Mann der Leidenschaft, so stand er vor dem Weibe.

Wie ihre Blicke sich fingen, verging sie in Bewunderung. Dann sah Kamma sprachlos zu ihrem Mann hinüber und erkannte: Ungeduld, Unruhe, Befremden stand in seinen Zügen. Da erhob sie sich rasch und wurde plötzlich schüchtern, reichte dem Gastfreund den Becher, nippte auch selbst vom Weine und sprach unsicher und trübe: »Ich verstehe nichts von Rom und von Mithridat. Aber der Friede sei mit uns, so oft du kommst. Auch sei dies nicht der letzte Becher, den ich dir reiche.«

Das war es, was sie gesagt hatte. Dann hatte sie sich gewandt, während sein Blick, ein dreister Blick, sie zu verschlingen schien. Das verwirrte sie, und sie senkte das Haupt. An der Tür lag eine halb aufgeschnittne Frucht am Boden. Sinorix sah das; er gab 114 vor, sie möchte darüber fallen, und las, indes sie weiter ging, kniend die Frucht auf und, da er sich vom Boden erhob, berührte ihre Hand ihm unversehens Wange und Mund. Da war sie schon verschwunden.

Er starrte ihr fassungslos nach; dann wandte er sich rasch zu Sinatus um, legte die Frucht gleichmütig mit den Worten: »sie hätte straucheln können,« auf die Schale und fügte leichten Tones hinzu: »Ich danke dir. Nun kenne ich auch deine Hausfrau. Sie ist eines Fürsten würdig. Aber es ist Zeit, daß ich reite. Ein scharfer Ritt! Gib mir Urlaub. Heute Abend noch muß ich in Tavia sein.«

Sinatus gab ihm bis vor die Stadtmauer das Geleit. Noch einmal drehte Sinorix wie zufällig sein Pferd; aber von Kamma war nichts zu sehen. Dann sprach er eifrig von der Wasserleitung, die er in seiner Stadt anlegen wollte, sobald das starke Frühlingswasser abgelaufen, und wieviel das kosten werde und wie man die Abgaben auf das Volk verteilte. Und Sinatus hörte und gab Rat, und sie schieden mit herzlichem Wort und Handschlag.

In der Nacht warf Sinorix sich schlaflos auf seinem Lager. Kamma! Er sah nur dies Weib in ihrem betörenden, ihrem ahnungslosen Reiz; er fühlte sie körperlich nah, er fühlte ihren Atem. Ahnte es ihm, daß ihn diese Liebe entwurzeln könnte? Er dachte nicht voraus; er dachte nur, wie er sie sehen könnte. Einmal allein mit ihr! ein kurzes, siegreiches Gespräch des Einverständnisses! und alles andere würde die Zukunft geben. Es galt nur den Freund zu betrügen. Was war dabei?

Er ging noch einmal mit Sinatus zur Jagd und zeigte sich harmlos aufgeräumt wie immer; aber es fiel ihm schwer, er ertrug es nicht.

115 Sinatus hatte in Gordium auf Sinorix' Rat und nach den Bauplänen, die er ihm gezeigt, einen neuen Turnraum nach griechischer Art zu errichten begonnen, mit langen Schattengängen, Sitz- und Warteräumen und Wannenbad. Sinorix zeigte dafür jetzt den größten Eifer und erbot sich, in des Sinatus Abwesenheit den Bau, der schon in seinen Anfängen war, zu beaufsichtigen. Die Sommerzeit kam; in der Tat führten den Sinatus seine Pflichten wiederholt aus der Stadt zu den Landleuten von Ort zu Ort. Sobald und so oft Sinatus sich entfernt hatte, war fortan Sinorix sicher in Gordium.

Er wohnte bei einem Griechen des Ortes. Daß er ins Fürstenhaus eintrat, fiel nicht auf. Denn vielerlei gab es mit dem Hausmeister zu verhandeln. Aber er sah Kamma nicht. Es gelang nicht. Er ließ ihr die Bitte sagen, sie zu sehen; sie erschien nicht. Er gab vor, in Geschäften mit ihr reden zu wollen. Sie lehnte ab. Denn so war es ihr von Sinatus vorgeschrieben: sie zeigte sich in seiner Abwesenheit keinem Manne, außer dem Stadtältesten, wenn er es dringend forderte, und einem der Armen der Stadt, der der Großvater ihrer jüngsten Zofe war und der bisweilen kam, seine Enkelin zu sehen. Ihm gab sie reiche Gaben mit. Sinorix sah sich knirschend seinem Ziele fern. Gewalt durfte er nicht brauchen; denn dann war alles verraten.

Die Frauenwohnung war verschlossen und treu bewacht. Er umschlich nachts die Mauern des Hauses und Gartens; ein Eindringen war unausführbar. Wachend stand er stundenlang im Dunkeln unter den Fenstern; die Fenster waren klein und hoch gelegen und zeigten kein Licht. Nicht einmal ihren Schatten sah er an der Wand gleiten. Eines Morgens hörte er Gesang 116 aus dem Garten schallen. Er klang schwermütig weich und blumenhaft süß. Sinorix regte sich nicht und sog den Schall ein. Da behielt er die Liedweise, und am nächsten Abend sang er sie selbst, als Feldarbeiter verkleidet, auf- und abgehend unter ihrem Fenster. Eitle Müh' der Liebe! Das Fenster blieb tot und leer; sie ahnte schwerlich, wer da unten sang, und aus dem Garten tönte ihre Stimme nie wieder.

Das Erntefest kam. Da endlich zeigte sich Kamma. Den gnädigen Göttern des Fruchtsegens brachte man zur Ernte Opfer und Lobgesang und wandelte in langer Prozession vom Tempel aus um die Stadt. Vor dem Tor standen uralte Steineichen und Ulmen, die ihre Wipfel ins Unendliche dehnten. In ihrem Schatten war für das jauchzende junge Volk, das von der Sommerarbeit ruhte, ein Tanzplatz ausgespart und mit Buden umgeben, und im Rasen am Weiher lagerte sich jung und alt, Männer und Weiber, in ihrem schönsten Putz. Der Fürst Sinatus aber wandelte mit Kamma mitten dazwischen; heiter und festesfroh saßen sie nieder in den Reihen des Volkes und tauschten Gruß und Gespräch und sangen die Volksweisen mit, die nicht endeten.

Auch Sinorix war da. Er war gekommen, wie er sagte, um das Fest zu sehen. Was er sah, war Kamma, nur sie allein. Aber sie ließ nicht von ihrem Gatten. Oder war es Sinatus, der sie so ängstlich hütete? In der Prozession schritten sie zu dreien durch die Tempelstraße: Kamma zwischen dem Gatten und dem Freund des Gatten. Das Volk sah es und sprach: »Der Freund ist schön und jung, und die Fürstin auch. Sinatus soll sich vorsehen!« Sinatus tat es. Sinorix fühlte nur Pein und Wut; er verlor die Unbefangenheit der Rede, und 117 als Kamma enttäuscht ihn frug, warum er die Lieder nicht mitsinge, war er um die Antwort verlegen.

Da kam ein reitender Bote aus Ancyra. Sinatus wurde abgerufen; Sinorix stand mit Kamma am Weiher allein! Endlich allein! Was sollte er sagen? Es galt zu erfahren, ob sie ihn liebe. Er zauderte und fand das Wort nicht. Kamma brach das Schweigen und versicherte wieder, wie beglückt ihr Mann durch seine Freundschaft sei.

»Und du selbst, Kamma, bist du glücklich?« fragte Sinorix schnell.

Sie sah ihn überrascht an und antwortete offen und ernst: »Glücklich? Bist du nicht fromm und weißt du nicht? Das reine Glück gehört den Göttern, die überirdisch sind. Wir Irdischen haben nur dürftigen Teil daran, nur in den guten Stunden; das Glück wird zu Scherben in des Menschen Hand. Ich bin kinderlos. Das betrübt meinen Gatten.«

»Wie kann es ihn betrüben, Kamma, wenn er dich liebt? wenn er die Wonne fühlt, ein Weib zu haben, ein Weib wie dich, was fragt er nach Töchtern und Söhnen, die dich ihm rauben!«

»Ich glaube,« sagte sie, »du sprichst nicht von Liebe. Kennst du die Stromschnellen des Halysflusses? Sie sind wild wie ein Sturzbach und reißen im rasenden Strom alles fort. So ist die Leidenschaft; ich fürchte mich vor ihr. Die Liebe ist nicht so, sie ist anders. Sie ist tief und ruhig und trägt uns alle . . .«

»Was du da redest, das hat dich dein Mann gelehrt. Ich kenne es von ihm selber! Aber du fragst nicht nach mir, Kamma, und ob ich, ich, ob ich glücklich bin!«

Sie verstummte.

»Ich lebe einsam in meinem Haus. Mein Haus ist 118 reich an Schmuck und goldenem Zierrat, der eine Frau erfreut. Aber du kommst nie, es zu sehen. Darf ich dir ein Geschenk senden und wirst du es hüten und in Ehren halten?«

Sie blickte freudig überrascht und doch ratlos verlegen; was würde Sinatus sagen? Da trat Sinatus schon wieder zu ihnen und gebot: »Komm ins Haus, Kamma. Dringende Botschaften von Dejotarus sind da; er verlangt Antwort, und ich kann hier nicht bleiben.«

So mußte sie gehen. Sie tat es in Sanftmut und grüßte Sinorix mit einem warmen Blick, in dem sich Dank und Mitleid mischten und ein Bedauern, hinweg zu müssen.

»Aber du bleibst doch, bis ich wiederkehre, mein Teurer?« sagte Sinatus zu Sinorix. »Zur Nachtstunde kehr ich hierher zurück, und der Festjubel währt bis in die Morgenfrühe.«

»Ich reite,« antwortete Sinorix kurz und rief schon nach seinen Knechten und ritt davon.

Wenige Tage vergingen; da kam schon eine verschwiegene Frau in Kammas Frauenwohnung und brachte ihr in einem Korb Geschenke von Sinorix, dem Fürsten. Verstohlen verschwand sie, wie sie gekommen. Das war ein schlichter Spiegel; dazu eine Halskette aus blauen Steinen, in Gold zusammengehalten, und breite und schwere Armspangen mit schönster Ziselierung von Weinreben und Akanthus. Sie legte den Schmuck bewundernd an, als sie einsam war; keine Dienerin half; der Spiegel zeigte ihr, wie schön es sie kleidete; Ariadne, die Freundin des Dionys, oder Helena, die Paris entführt, konnte nicht holdseliger, nicht betörender sein. Dabei lag noch ein griechisches Buch, das sie zuletzt aus 119 dem Korb nahm; sie beachtete es kaum. Denn sie las nicht gern, und die griechische Sprache war nicht leicht.

Sollte sie nicht alles dem Sinatus zeigen? Aber sie scheute sich; sie fühlte, es sei nicht gut, und sie verbarg die Sachen. Auch die Dienerinnen sollten es nicht sehen; sie könnten plaudern. Sinatus war streng; es könnte die Freundschaft der Männer stören. Aber auch zurücksenden mochte sie die Gaben nicht. Ein törichtes Wohlgefallen knüpfte sich daran und Nachsicht für den Spender. Wenn sie ihn wiedersah, wollte sie ihm danken und ihn bitten, den Schmuck zurückzunehmen, so heimlich, wie er gekommen war.

Eine Frau wie sie hat viel Zeit und viele leere Stunden. Sie holte endlich das Buch hervor und begann es mühevoll und langsam wie ein Gebet zu lesen, in der frühesten Morgenstunde, wenn der Tag sie weckte. Anmutig und leicht war das Buch geschrieben und erzählte die Mär von jener Helena, die so schön war, und von Menelaus, ihrem Gatten, der trübe und ernst und ehrenfest. Und ein junger heldenhafter Mann kam ins Haus, der hieß Paris; der wagte der Frau nicht zu sagen, daß er sie liebe. Sie aber verstand ihn und erbarmte sich und küßte ihn heimlich, und die Göttin Venus selber, da Helena in Reue verzagte, sprach ihr Mut zu mit göttlichem Wort, und sie entfloh kühn mit dem schönen Mann, und hunderte von Helden standen auf und fochten für das Weib, das ihren Mann verlassen und groß und frei der Stimme des Herzens gefolgt war.

Kamma las und las und verstand es langsam und starrte stundenlang ins Leere, und eine Sehnsucht und schmachtend fiebernde Erregung faßte sie. Die Ernte war zu Ende. Sinatus blieb in diesen Zeiten viel 120 daheim und sah sein Weib oft, und er bemerkte an ihr eine Hingebung und stille fromme Ergebenheit und einen Blick angstvoller Zärtlichkeit, der ihm auffiel und ihn rührte. War das nicht Treuversicherung? Er redete jetzt oft mit ihr, und sein Herz erschloß sich ihr inniger, und sie hörte ihm zu, versunken und doch erregt hinhorchend, als harrte sie im Tiefsten auf etwas Großes, Unerhörtes, das sie ergreifen sollte, und als er sagte, daß er nach Ancyra reiten müsse und er werde dort Sinorix wiedersehen, umklammerte sie ihn in Schreck aufstöhnend, als befiele sie ein Entsetzen, und er konnte sie kaum beruhigen, als er schied.

Sinatus zog nach Ancyra, wie in jedem Herbst, zur Fürstenversammlung, in der Dejotarus, der Alte, seit vielen Jahren den Vorsitz führte.

Dejotarus begrüßte den Ankömmling mit den spöttischen Worten: »Du kommst allein, Sinatus, und ohne deinen Sinorix? Man nennt euch die Unzertrennlichen. Oder macht Sinorix sich in deiner Stadt Gordium zu tun, während du fort bist?«

Sinatus empfand, daß in der Anrede etwas Böses lag, aber er sagte nur, und nicht ohne schmerzlichen Ton: »Er scheint mich zu fliehen. Ich sah ihn seit einem Monat nicht.«

Da erschien auch Sinorix, in seinen Mienen übermütige Entschlossenheit. Er hatte die Sache zu Ende gedacht. Was gab dem Sinatus das Recht auf sein Weib? Daß er älter war und sie darum früher erspäht hatte? Im Keltenlande das schönste Weib gehörte ihm. Er hatte sich schon zu lange bezähmt. Und es gab nur einen Weg, um zum Ziele zu kommen.

»Freund meiner Seele,« rief Sinatus ihm zu, da sie im Säulengange des Marktplatzes zusammenstießen, 121 »sage, was dich ferngehalten? So lange! Ich bin dir nichts. Wahrhaftig, ich könnte sterben, und dich würde es nicht kümmern.«

»Du könntest sterben?« lachte Sinorix auf.

»Was hielt dich fern?«

Sinorix wandte sich ab: »Frage mich nicht. Es führt zu nichts.«

»Rede!«

»Es führt zum Unheil!«

»Ich ertrage alles, nur die Unklarheit nicht und nicht das Verhehlen.«

»Ertrag' es, wenn du kannst! Ich liebe dein Weib. Ich liebe Kamma! Mensch, begreifst du nun, weshalb ich deinem Haus ferne blieb?«

Sinatus stand vom Donner gerührt. Aber die Freundschaft war stark in ihm, und er griff sprachlos nach Sinorix' Hand.

»Ich will deine Hand nicht,« schrie Sinorix. »Gib mir Kamma, laß mir Kamma; du siehst, daß ich offen bin.«

Sinatus sank wie betäubt an eine Säule. »So sind wir Feinde. Knabe! Das ist zu viel! Heilige Götter. Es ist mir schwer, dich zu verlieren.«

Sinorix aber sagte erpicht: »Und du wußtest es nicht? ahntest es nicht? Hat sie dir nicht von mir gesprochen? nicht, daß ich in sie drang, sie allein zu sehen?«

»Sie sagte mir nichts . . .«

»Nicht, daß ich Geschenke sandte? . . .«

»Auch das nicht.«

»Das Geschmeide! Sie hat es noch! Und sie sagte dir's nicht?«

»Nein, nichts davon!«

»Sie sagte dir's nicht?« Da überkam Sinorix ein 122 Jubelrausch, ein Taumel wahnsinniger Freude. Er hätte Sinatus umarmen, er hätte ihn in der Umarmung erdrosseln mögen. »Sie hat geschwiegen, sie liebt mich. Alles ist gut,« schrie es in ihm.

Die Menge schob sich zwischen die zwei. Man begab sich zum Tempelhof. Die Opferhandlung folgte und das Treugelöbnis der Fürsten, am heiligsten Altar. Es folgte die Ratsversammlung in der geschlossenen Halle, in der nach dem Herkommen die Ältesten das Wort führten. Sinorix war entgeistert und nur sein Leib zugegen. Wie eine Maschine sprach er die Eide nach und hob die Hände und gab bei der Umfrage im Rat seine Stimme. Aber in ihm klang es und sang es: »Sie hat geschwiegen, sie liebt mich!« Und er sah ihre einzige Gestalt vor sich in ihrer schwellenden, schmachtenden, jungfräulich-frauenhaften Blüte, und sein Begehren wuchs mit der Hoffnung ins Unbezwingliche.

Er wußte nicht, wie es kam: er mußte auf Sinatus immerwährend das Auge heften. Seine Augen ruhten suchend auf seiner Figur, und er beobachtete, wie dünn und hager sein Hals, wie schmal seine Lenden, wie knorpelig mißgestaltet seine Nase unter der flachen Stirn stand, wie kahl und blank bis zum Hinterkopf sein schmaler Schädel verlief. Nur im Nacken und um die großen Ohren lagen die langen gelben Strähnen. Und diesen Mann hätte sie je geliebt? Er ist brav, brav! Aber was ist Bravheit in der Liebe? In diesen Armen hat sie gelegen? An dieser Brust geatmet? Diese dünnen Lippen hat ihr Mund, ihr wonniger Mund gesucht?

Es war ein merkwürdiges Ziehen, ein geheimnisvolles Band, das die Männer an diesem Tag, da sie die Freundschaft verloren, zueinander zog. Auch der besonnene Sinatus gab auf Sinorix acht. Er überdachte 123 in Ruhe alles und zweifelte an Kammas Treue nicht, und seine Achtung vor Sinorix wuchs; wie ehrlich und ohne Hinterhalt war sein Bekenntnis gewesen! Und weil er Kamma liebte, hatte er Gordium so lange gemieden; wie achtungswert und löblich auch das! Er empfand nicht Zorn, nur Mitleid mit dem Jüngling, der hoffnungslos liebte. Eine Verirrung des Herzens war ja keine Sünde. Die Trennung mußte fortbestehen; Sinorix würde die Leidenschaft schon endlich bezwingen. Denn die Zeit heilt alles, und die Wunden der Jugend vernarben schnell.

Als beim Gelage Sinorix dem Sinatus zutrank (die Männer waren sich gegenüber gelagert) und mit gewaltsam lachender Gebärde und mit brennendem Blick ihm die Worte zurief: »Es lebe, wer das Weib hat! Trinke noch einmal mit mir und hasse mich, aber gib acht auf mich!« – da neigte sich Sinatus gütig zu Sinorix hinüber, erwiderte den Zutrunk und sagte mit schlecht verhüllter Innigkeit: »Ich verschiebe die Feindschaft und wollte, ich könnte auch dich bald so glücklich sehen, wie ich dich jetzt beklagen muß.«

»Bald?« lachte Sinorix. »Du sollst mir dazu helfen!« Und er lachte wieder. Er schien zu viel getrunken zu haben.

Als die Sonne sank, brach Sinatus auf. Denn obschon die Fürsten in Ancyra mehrere Tage beisammen blieben, zog es ihn diesmal ungestüm heim, zu seinem Weib. Aber auch Sinorix hielt es nicht, und beide Männer hatten eine Strecke denselben Weg zu reiten. Erst nach einer Stunde teilten sich die Straßen nach Tavia und Gordium. Sinatus wunderte sich über seinen Gefährten und prüfte seine Mienen scharf. War es die alte Freundschaft, die ihn zog, auch heute mit ihm zu 124 reiten? Hatte er ihm noch mehr zu sagen? Aber Sinorix schien befangen, verlegen, unterwürfig freundlich und sagte nichts. Was fruchteten auch Worte in dem Handel? Kammas Name blieb ungenannt.

Die Zeit verging. Sinorix wurde unruhig und unstät. Sein Gaul strauchelte, schlecht geführt. Er hieb ihn in Wut, daß er im Galopp ging, und schrie wüst und brachte ihn mit einem Riß ins Gebiß zum Stehen. Die Diener beider Fürsten ritten auf Maultieren hinter ihnen, wohl zwanzig Leute, und die Gesellschaft vermischte sich fröhlich und trällerte weinselig Lieder im Chor; denn es war ein schöner Tag gewesen.

Der Mond kam. Es dunkelte rasch. Tief unten neben der Straße rauschte der Strom Halys, der seine Wogenmassen nordwärts dem Schwarzen Meer zuwälzt. Am steilen Ufer reckten sich schwarze Pinien und Kiefern auf und düstergraue, sturmzerschlagene Pappeln. Die Finsternis lag wie lauernd in der Tiefe und stieg höher, um alles zu verschlingen. Schon verstummten die Lieder. Man hörte im Laub den Kauz schreien. Große Fledermäuse fuhren schreckhaft huschend wie böse Gedanken um die Stirnen der Reiter.

»Die Straße steigt!« sagte Sinorix, wie aus einem scheuen Traum erwachend; »laß uns zu Fuß gehen.« Er saß ab und gab schon den Dienern sein Tier. Sinatus gehorchte. Die Tiere sträubten sich, wurden plötzlich unbändig, standen hoch und wollten nicht weiter, und die Diener blieben weit mit ihnen zurück. Sinorix hielt sich dicht an Sinatus; doch dieser wich seitwärts, und Sinorix begann auf einmal lebhaft zu plaudern: »Das war mein Leibpferd! Ich will es dir lassen. Du kennst es und nimmst es an von mir. Kappadozisches Blut! Es läuft dir herrlich zur Trappenjagd. Wer weiß, 125 was folgt, Sinatus? Noch können wir uns Geschenke geben.«

Eine Wolke trat vor den Mond. Der Kauzruf tönte von neuem siebenmal. Sinatus horchte hin und zählte und vergaß Antwort zu geben. Den anderen befiel eine Hast, er ging schneller und sprach von Trappenjagd und Bärenjagd und lachte plötzlich und sagte: »Hast du heut an der Tempeltreppe, eh' wir ritten, die Sagana gesehen, die alte Kupplerin? Sie trank Wein und bot mir ein süßes Mädchen . . .«

»Und du gabst dich mit dem Mädchen ab?«

»Du irrst, Mensch. Ich hielt der Alten nur ein Goldstück hin und sagte: Sagana, stell' dich auf den Kopf, und dies Geld ist dein. Da band sie den Rock zusammen und stellte sich wirklich auf den Kopf. An ihren dünnen Beinen aber krochen zwei Schlangen hinauf, die sie unter ihrem Gewand getragen. Die ringelten sich um ihre Füße und wiegten züngelnd die Köpfe. Ich sagte: »Trink', Alte, so wie du da bist, dann kriegst du ein Goldstück mehr . . .«

»Und sie trank?«

»Wahrhaftig, sie griff gleich nach einer engen Flasche und soff, daß ihr der Krätzer in die Nase lief. Sie bekam das Niesen, aber stand wie ein Fels, und ich legte ihr die zwei Goldstücke auf die Fußsohlen. In einer Pfütze Wein stand die Hexe so auf dem Kopfe.«

Sinatus wollte schelten: »Wie garstig, mir ekelt,« aber er mußte übermäßig lachen bei dem Bericht. Ihm war grausig seltsam abenteuerlich zumute. Sein Lachen steigerte sich unheimlich, und er merkte nicht, daß Sinorix nicht lachte, sondern ihm wieder nahe kam. Der Mond trat just wieder hervor; Sinorix erkannte von weitem den Baum, der die Wegscheide anzeigte, wo 126 die Männer sich trennen mußten. Da umschlang er blitzschnell den Sinatus von hinten, warf ihn rücklings zu Boden und stieß ihm sein langes persisches Messer bis ans Heft in die Brust; er stieß zweimal und bohrte nach. Ein kurzer Aufschrei, ein Ächzen, ein Röcheln, ein kollerndes Fallen: er hatte den Toten in den Fluß gestoßen und stand nun aufrecht, das triefende Messer hoch in der Hand, und rief: »Kamma! durch Blut! aber du wirst mein!« »Kamma!« rief er. Seine Knie zitterten, der Schreck schüttelte ihn. Er lauschte. Regte sich der Tote nicht? Starrte da nicht sein bleiches Haupt, die Augen offen? Stieg er nicht blutend aus der Tiefe?

Da belebte sich die grausige Stille. Die Diener kamen. Er verbarg rasch seine Waffe und sagte zu dem Nächsten: »Euer Herr Sinatus ist abgestürzt. Ich ziehe meines Weges« – und ritt mit den Seinen davon. Die anderen suchten und fanden die Leiche, die im Mastix-Gestrüpp hing. Das schwarze Blut verriet den Mord. Auch hatten sie den Aufschrei gehört. Die Tat war offenkundig.

Sinorix leugnete die Tat nicht. Seine tigerhafte Natur, kraftvoll und geschmeidig, überwand das Grauen rasch, das er in jener Schreckensnacht vor sich selbst empfunden. Er fühlte die Schändlichkeit tief, die er begangen, aber ließ nicht von seinem Ziel. Er setzte seine Stadt und sein Kastell in Verteidigungszustand und schrieb ausführlich an alle Fürsten über das, was er getan; er sprach von dem Hader, den er um Kamma mit Sinatus geführt; der Hader sei losgebrochen auf dem Ritt; Sinatus habe ihn töten wollen (das war begreiflich!), er selbst habe nur in Notwehr gehandelt, um nicht selbst erschlagen zu werden. So auch erhielt Kamma von ihm schriftlichen Bericht.

127 Die Fürsten erkannten diese Darstellung an. Der Kampf war ohne Zeugen in der Nacht geschehen; und was vermochten die Aussagen von unfreien Dienern gegen das Wort eines solchen Herrn wie Sinorix? Sinorix brachte die Sühneopfer dar, die der Ritus vorschrieb, zahlte auch eine große Summe Geldes zur Pön an den Haupttempel des Landes in Ancyra, und er galt nunmehr als entsündigt. Niemand dachte daran, ihn anzutasten; er war gefürchtet, und die ihn verehrt hatten, ließen auch jetzt nicht von ihm. Man wollte ihm sogar das Fürstentum Gordium selbst, das jetzt herrenlos war, übergeben. Aber er lehnte es ab und beantragte, daß Dejotarus, der Älteste, die Erbschaft des Sinatus antrete. Dies geschah; hinfort gab es nur noch elf Fürsten, und des Dejotarus Freundschaft zu ihm wuchs.

Kamma aber? Bewußtlos war sie hingeschlagen, als man ihren Gatten tot in das Haus trug. Die Diener erzählten, was sie wußten, aber ihr selbst ahnte gleich, wer der Täter sei. Böse Träume hatten ihr Unheil, das doch keiner wenden konnte, vorausgesagt. Sinorix! Er hatte sie geliebt, so war es! und Sinatus mußte sterben. Zwei Diener behaupteten den Mord bestimmt: das Mondlicht war scharf gewesen; sie hatten den Vorgang ganz deutlich gesehen. Kamma öffnete das Hemd des Toten und wusch die Wunde, aus der das Leben entflohen, betastete sie und prüfte sie lange. Sie ließ Waffen kommen, wählte ein langes Messer aus, legte es in die Wunde und erkannte, daß die Klinge von oben her in die Brust gefahren. Der Leichnam wurde durch Balsam der Verwesung entzogen. Nächtelang saß sie wach bei ihm. Was wollte sie? Wollte sie sich töten? Wozu sonst die Waffen? Der Selbstmord der Witwen war nichts Fremdes. Aber sie tat es nicht. Sie ließ 128 sich nicht einmal das Haupthaar scheren und ging in langen schwarzen Gewändern einher, ruhelos, schlaflos, sprachlos, Tag und Nacht.

Nach neun Tagen erst fand sie Worte und gebot die Bestattung. Die Flamme verzehrte den Leichnam. Sie setzte die Asche ihres Gatten unter Kränzen in der Gruft seiner Ahnen bei. Unter dem Schleier flossen ihre Tränen. Niemand sah sie. Sie verschleierte ihr Herz vor jedem; niemand ahnte, was sie empfand. Aber ihr Geist wuchs jählings; das spürte jeder. Das Mädchenhaft-zagende fiel von ihr ab. Sie war fortan Wille und Entschlossenheit.

Die Grabesehren waren erwiesen; auch beim Totenmahl durfte sie auf der Grabesstätte nicht fehlen. Jedes Wort aber, das gegen Sinorix fiel, untersagte sie streng und gebot hoheitsvoll, in ihm den Fürsten zu ehren. Dann kehrte sie ins Haus zurück, wo alles leise schlich und niemand sprach. Denn die Stummheit der Herrin wirkte ansteckend. In dieser Totenstille rüstete sie sich, das Haus zu räumen.

Da kam der Bote, der ihr mit reichen Totenspenden für des Sinatus Grab des Sinorix Sendschreiben brachte. Es war jenes Schreiben, darin er von Notwehr sprach. Er mußte selbst Kamma gegenüber seine Aussage aufrechterhalten: »Die Liebe ist grausam,« so schrieb er weiter: »die Liebe tötet die Freundschaft. Ich habe aus Liebe zu dir und durch mich selbst den Freund verloren. Wie groß auch immer meine Schuld, entzieh' dem Grab die Spenden nicht, die ich durch den Boten sende. Gib mir, Kamma, ein Wort der Vergebung, und wisse, daß ich trostlos dahinlebe ohne dich. So wahr ein Gott über mir ist, der mich mit seinem Donner rühren kann, so wahr wird mein Leben sich 129 verzehren in deinem Dienst und im Dienst des Vaterlandes.«

So schrieb er. Ob es sie rührte? Sie gestattete dem Boten, das Grab des Ermordeten mit den Spenden des Mörders zu schmücken. Ja, sie zögerte nicht und schrieb zurück: »Ich habe dem Sinatus keinen Sohn gegeben, der ihn rächen könnte. Mein Fluch jage dich durch Leben und Tod, wenn du ihn mordetest. Tatest du es nicht und ist es wahr, was du mir meldest, so weißt du, daß das Land und seine Fürsten dir verzeihen; ich aber bin ein Kind des Landes und kann nur dich und mich beklagen.«

Sinorix hoffte kaum auf Antwort. Wie froh empfing er dies Schreiben! Als er es aber näher betrachtete, erkannte er, daß es ein Blatt aus einem gerollten Buch, aus eben jenem Buch war, das er ihr einst geschenkt und das von Paris handelte und von Helena. Auf die leere Rückseite des ausgerissenen Blattes hatte sie ihre Schrift gestellt. Also sie hatte sein Buch bewahrt! Aber sie hatte es in Stücke gerissen! War das ein gutes, ein übles Zeichen? Da wandte er die Seite um und las aus der Geschichte von Helena die Textzeilen: . . . Und Paris wagte ihr nicht zu sagen, daß er sie liebe; Helena aber flüsterte ihm zu: »Du bist schön und stark und hast mein Herz besiegt, und du darfst kommen . . .« Sinorix fuhr auf. War es Zufall? Just dies Blatt hatte sie gewählt, und diese Worte sandte sie ihm?»Und du darfst kommen!« Ein frauenhafter Wohlgeruch haftete an dem Papier. Es hatte so lange in Kammas Schrein gelegen! Er hob es sorglich auf, ein Denkmal ihrer Nähe und seiner scheuen Hoffnung, einer Hoffnung, die so trügen konnte! Aufs Land in ein kleines Anwesen zog sich Kamma 130 während des Trauerjahres zurück. Ihre Mägde vergaßen das Entsetzen bald und umgaben sie mit munterem Geplauder; man sprach sogar von Sinorix oft und daß er im Land umziehe, um für den Krieg zu werben. Denn es gab Krieg gegen Mithridat. Da hörte Kamma eifrig hin und fragte viel, und als es hieß, er käme in der Nähe vorbeigeritten, fand man sie auf dem Dach ihres Hauses, und sie spähte regungslos in der Richtung seiner Straße; sie spähte mit weit offenen Augen stundenlang nach Sinorix.

Mithridates, der König, begann eben den Krieg; er bedrohte Galatien und die benachbarte Provinz der Römer zugleich. Das galatische Land mußte sich wehren. Da hoffte alles auf Sinorix' Schwert, und die beste Mannschaft sammelte sich um ihn. Er atmete auf. Aus dem lastenden Gefühl der Blutschuld, die er nie bekennen durfte, wollte er sich durch Blut und Eisen und wilden Kriegsgang befreien, und koste es sein Leben.

Kamma aber trat, als das Jahr der Trauer abgelaufen, tatkräftig hinaus in die Welt. Sie schien größer geworden. Etwas Mächtiges lag in ihrem Gang, im Ton ihrer Rede. Sie war sehr bleich und ihr Ausdruck, wenn sie in sich versank, sibyllinisch-schicksalsvoll, jung und düster. Aber sie mied die Stille; sie wollte nicht einsam sein. Ein paar Kinder erbat sie sich von armen Leuten des Landes; die zog sie auf und verlor ihr Herz an sie und übte sich, mit ihnen zu spielen, und ließ sich verklären von ihrer Holdseligkeit und lernte das Lachen, das Kindeslachen neu, als könnte sie so den Mädchenzauber ihrer eigenen Kindheit erwecken. Sie lernte es wirklich. Es war etwas Dämonisch-Sirenenhaftes, dies Weib auch nur lächeln zu sehen, wie wenn ein schwarzer Diamant leuchtet.

131 In Ancyra stand das verehrteste Heiligtum des Landes, der Tempel der »Großen Mutter«, der Mutter alles Werdens und der Weltbefruchterin, die da Himmel und Erde und alle Kreatur nährt und trägt. Die Priesterin der großen Mutter, Chiomara, war gestorben, und Kamma trat an ihre Stelle. Kamma selbst wünschte das, und die Fürsten sahen es gern und umgaben sie mit Verehrung. Sie lernte ihre frommen Pflichten schnell, brachte im Angesicht des Volkes und des Heeres Gebet und Opfer und wachte über die Reinheit der Altartische und Gefäße, verwaltete den Opferstock, und bei den heiligen Handlungen wirkte ihre hohe gedankenvolle Gestalt, in der Fülle erblühter Schönheit, wie ein Wunder. Ihr großes braunes Auge wanderte langsam wie suchend im Kreis der Gemeinde, und wer dies rätselvolle Auge sah, fühlte den andächtigen Schauer der höheren Macht und die Nähe des Schicksals. Ihr Haus aber, das am Tempel lag, wurde von des Dejotarus bester Mannschaft gehütet.

Allein sie hatte nicht nur priesterliche Gedanken. Sie verfolgte die Kriegsläufte mit gespannter Seele. Nicht nur das. Von einer Magierin erwarb sie ein Amulett, das man am Halse trug – denn sie war wundergläubig wie ihre Zeit –, ließ es mit Zaubersäften besprengen, vergrub es für kurze Zeit unter dem Altar der Großen Göttin, dann sandte sie es ins Heerlager. Sinorix stand mit seinem Geschwader bei der Stadt Drepanum. Da erhielt er von Kamma ein Amulett überbracht, dazu die kurzen Worte: »Sinorix, dir droht Gefahr; trage dies, und du bist fest gegen den Hieb des Feindes.« Ihr Name, ihr Name stand dabei. Es war sicher: sie sandte ihm das! Sie bangte um sein Leben. Sie wollte ihn wiedersehen.

132 Und der Zauber half: er kehrte heim, als Sieger heim! Den Feind hatte er von der Grenze gejagt. Die Römer selbst hatten Sinorix wie einen König behandelt. In Ancyras Straßen jubelte das Volk seinem Einzug entgegen. Er brachte reiche Beute mit. Die Fürsten beschenkten ihn, bekränzten ihn. Er selbst schien verändert; älter schien er und edler geworden. Die Hast, der Übermut, das lauernd Ehrgeizige war aus seinem Gesicht verschwunden. Wie er dankte und grüßte, glich er den verklärten Sonnenhelden der Sage, und es war, als schimmerte in seinem tiefblauen Auge echte Treue, die Sehnsucht nach Reinheit und die Freude, von Schuld und Reue erlöst zu sein.

So sah sie ihn. Und er sie. Beim Gottesdienst fanden ihn endlich ihre immer suchenden Augen. Und sie wurde blaß wie der Tod. Ein Schwindel faßte sie. Die Schale entfiel ihr. Der heilige Opferwein ward verschüttet. Was war es? Sie hatte Todesangst vor ihm und war doch verkettet mit ihm für immer.

Nach der Handlung schritt sie durch den Tempelhain. Da erst faßte sie sich. Er folgte ihr. Sollte sie seine Anrede erwarten? Sie ertrug es nicht. Aber sie hob ein Kind auf, das im Hain spielte, und herzte es zärtlich, und das Lachen kehrte wieder, ihr süßes Lachen, und so lächelnd sah sie auf ihn und erwiderte seinen fragenden, flehenden Blick.

Sein Herz ward froh und hell. Sie hatte vergessen, vergeben! Warum zweifelte er noch? Aber er wagte kein entscheidendes Wort. Nur einen kostbaren Teppich sandte er ihr, als Gabe für den Tempel: beim nächsten Gottesdienst stand sie mit ihren Füßen darauf. Er sandte ihr ein priesterliches Prachtgewand; sie verschmähte nicht, es zu tragen. Er staunte und jauchzte: »Was 133 will ich mehr?« Sein Vertrauen wuchs. Er wich nicht aus Ancyra.

An Kammas alte Dienerin Amaryllis wandte er sich mit seiner ersten Frage. Und Amaryllis war ihm gefällig und sagte zu Kamma: »Sinorix will dich zum Weibe, mein Kind. Wir wissen es alle. Gib ihm ein Wort der Entscheidung. Er fürchtet noch immer, daß du ihn verkennst.«

»Ein Mann, der sich fürchtet?« sagte sie. »Es ziemt sich, daß eine Priesterin vermählt sei. Die Göttin, der ich diene, ist Schützerin und Hort der Ehe. Sinorix ist mein Schicksal. Bringe ihm dies, zum Zeichen.«

Und Amaryllis brachte dem Hoffenden einen geschnittenen Stein; darauf war Kammas Haupt im Rundbild zu sehen. Und als Sinorix den Stein im Jubel geküßt hatte und ihn näher betrachtete, gewahrte er am Rand des Bildes einen Flügelknaben, winzig klein, Amor, den Liebesgott, der dalag wie im Todesschlummer.

»Wir wollen den Amor wecken!« frohlockte er und ging entschlossen zu Dejotarus, dem Alten, und bat ihn, als Brautwerber für ihn bei Kamma das Wort zu führen.

Dejotarus kam zur Priesterin, die er verehrte, und sprach fröhlich die Brautbitte:

»Willst du das Weib sein des Sinorix?« Da blitzte es triumphierend in ihr auf. Aber sie fragte vorsichtig: »Ihr kennt ihn alle und kennt mich. Ratet ihr mir zu diesem Manne, vor dem ich Sinatus nicht nennen darf?«

»Er ist entsühnt für dich und unser Volk,« gab der Greis zurück. »Seine ungestüme Liebe zu dir war sein 134 Verschulden. Alles verehrt, alles liebt ihn, und wir Fürsten sind einig. Er ist der hoffnungsvollste, der beste Name, den Galatien nennt; unser Retter und Held, der den Mithridat geschlagen, den Rom selbst geehrt hat und der mit einem Sulla und Pompejus getafelt. Wir wollen, daß sein Herz endlich Rast finde und er sich ein Haus gründe, wie er es wert ist. Leugnest du, Kamma, daß dein Herz ihn liebt? Du brauchst dich deiner Liebe nicht zu schämen.«

Mit Gier hörte sie zu, und siegreich rief sie, aufspringend mit fieberndem Angesicht: »Endlich! endlich! Die Zeit ist reif. Sagt ihm, daß er morgen zu mir in den Tempel komme. Ihr geleitet ihn. Setze heute noch, ich bitte dich, die schriftliche Formel auf. Rast! Rast für sein Herz und für meines!«

Als Dejotarus fort war, fiel sie platt zu Boden. Niemand kam. So lag sie, wie eine Abgeschiedene, leichenhaft, wohl eine Stunde. Erst als Amaryllis sie suchte, schreckte sie auf, als führe sie aus dem Grab, und lachte krampfhaft: »Hast du es noch nicht gehört? Eure Herrin wird Braut, Braut des herrlichsten Mannes! Laß uns das Festkleid bereiten, und reinige zwei goldne Becher aus dem Tempelschatz für den Trank des Verlöbnisses.«

Es war Sitte, das Eheversprechen schriftlich aufsetzen zu lassen. Das Verlöbnis fand morgens im Tempel statt. Beim Opfer wurde das Schriftliche verlesen. Dann leerten beide Verlobten einen Becher geweihten Weines und trennten sich, um zum Festmahl sich wieder zu finden. Am Schluß des Mahles erklang dann das Hochzeitslied, von der Jugend angestimmt, bis die Nacht kam und die Neuvermählten aus dem Kreise verschwunden waren.

135 Sinorix kam am Morgen in den Tempel, von Dejotarus geleitet. Weitere Zeugen füllten den feierlichen Kreis. Dann erschien auch Kamma, von älteren Frauen umgeben. An den hohen Kandelabern hingen flackernde Lampen. Eine Gehilfin im Priesteramt verrichtete das Opfer. Der Duft der Spezereien stieg auf. Der Text wurde verlesen und von Sinorix und Kamma und fünf Zeugen gezeichnet. Sie hatte gezeichnet! Ihr Name stand neben seinem! Alles schwieg. Alles harrte. Kamma stand in der Glorie ihrer unaussprechlichen Schönheit, aber starr und aschfahl, als wäre sie ihr eigener Schatten. Ein eiserner Wille hielt ihren Mund fest geschlossen, und ihr Haupt sank tief herab, als erwartete sie einen Schlag in den Nacken und wollte ihn willig tragen.

Sinorix sah es mit Betrübnis. Im goldgestickten Kriegermantel, stürmenden Schritts, strahlenden Hauptes, Freudenglanz im Auge, war er erschienen; der tiefinnige Dank des endlich Begnadeten, Jugendrausch, die Wonne der Hoffnung leuchteten sonnenhaft aus ihm.

Die Stille dauerte an. Dejotarus rief laut Kammas Namen. Da endlich erwachte sie und ergriff einen der Becher. Sinorix nahm den Becher aus ihrer Hand (es war das zweite Mal, daß ihm so Kamma den Becher reichte!), und mit den Worten: »Kamma mein eigen! Sinatus versöhnt! Gesegnet sei diese Stunde!« setzte er an und trank selig aus. Gleichzeitig trank auch sie selber. Er wollte sie hinausführen. Sie schreckte zurück: »Berühre mich nicht. Die Ehe hat noch nicht begonnen.«

Wie von Sinnen stürzte sie ins Freie, in den Tempelhain. Unter einer Platane auf einer Erhöhung, da blieb sie stehen, mit fliegendem Atem, an den Baum gelehnt, und rief: »Heilige Götter, betrügt mich nicht! Die 136 Pflicht ist getan. Laßt mich den Sieg erleben, bevor ich dahin bin.«

Da stürzte, die Tempeltreppe hinab, Sinorix ihr nach und stand flehend vor ihr: »Ehern ist deine Lippe geworden und wie ein Dolch dein Auge, und ich hoffte doch auf deine Liebe und Mildigkeit. Liebe zu dir hat mich zerrüttet. Sage mir, laß es mich endlich hören, Kamma, Kamma, daß du mich liebst!«

Da – wie er ihr näher kam, taumelte er jählings hin. Ein Riesenschmerz durchzuckte seinen Leib. »Was ist mir?« schrie er.

»Gift!« jauchzte das Weib. »Ich habe dich in der Ehe gefangen, auf daß ich dich tötete. Mörder, Mörder, leugnest du den Mord? Endlich gefangen! Aus den Kriegen kehrtest du lebend heim, damit du meiner Rache erhalten bliebest. Sinatus ist gerächt. Darum nur lebte ich. Mein Werk ist vollbracht.«

Man suchte Sinorix aufzurichten. Er hatte die Worte noch vernommen und mit der Faust sich stöhnend vors Gesicht geschlagen. Dann wurden seine Lippen blau, seine Züge verzerrt; seine Augen standen tot und gläsern in den Höhlen. Er hatte den Gifttrank mit Hast und Wollust tief bis zum Grunde geleert, und der Tod zerstörte sein junges Leben rasch.

Kamma führten die Frauen bestürzt ins Haus. Denn auch ihre Kräfte schienen zu schwinden. Ein stilles Weinen hatte sie befallen. Die grause Pflicht des Hasses war endlich, endlich von ihr genommen, und die gewaltsame Härte ihres Wesens löste sich und zerschmolz endlich lind in weichen Tränen. Nun durfte sie um ihn weinen, den sie sterben sah. Sie weinte um ihn und um sich und um die Liebe, die nicht Seligkeit, sondern den Tod wirkt, und fühlte trostlos, die Hände reckend, 137 die Ohnmacht der Menschenseele vor dem Schicksal und ihre Verlassenheit im All. »Das Glück wird zu Scherben in des Menschen Hand!« So weinte sie, bis langsam der Krampf sich in ihrem Innern beschwichtigte und das Trauern versiegte. Da ward es stille. Sie winkte mit den Händen in die Ferne und hauchte lallend: »Sinatus, ich sehe dich! ich komme!«

Ein tötliches Schmerzgefühl durchzuckte sie. Sie bäumte sich auf und stürzte nieder und streckte sich lautlos auf das flache Lager, die schlanken Hände am weißen Kleide, sie selbst marmorweiß, als läge sie auf dem Sarkophage, und öffnete die großen Augen, schmerzverklärt und in Tränen suchend, noch einmal: da war sie verschieden. Auch sie hatte Gift getrunken. Mit Gift war diese Ehe geschlossen, durch Gift war sie gelöst. Und ihre geliebte Seele entflog auf den Schwingen der Sehnsucht in die Traumgefilde der seligen Schatten, wo alle Wunden sich stillen und keine Klage tönt und wo das Nichtbegehren und der ewige Friede ist. 138

 

*   *

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.