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Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten

Theodor Birt: Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1916
publisherQuelle und Meyer
addressLeipzig
titleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
pages179
created20120608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Marpessa

Eine griechische Legende

Heil dir, großer Gott Apoll! Weh, wehe über den Gestorbenen. Hyakinthos! Hyakinthos!«

»Was ist das für ein Geschrei unten im Tal?« so fragte Idas, der Held. Er stand, auf die Keule gestützt, und der Hohn spielte um seine bärtige Lippe.

»Spotte nicht; laß uns lauschen. Die Andacht beginnt und das Gottesfest.« So beruhigte ihn der Viehhüter, der neben ihm stand und mit ihm zu Tale spähte. Kienfackeln sprühten auf und begannen im Zuge am Fluß entlang zu irren. Denn der Abend senkte sich schon über das Eurotastal; noch flammte aus Westen der letzte Glutstrahl der sinkenden Sonne auf, und linde Kühle folgte auf den heißen Tag.

»Hyakinthos! Hyakinthos!«

»Welch Geheul! Tu mir Wachs in die Ohren, oder gib Wein her; laß uns zechen!«

Sie warfen sich ins Gras; die Knechte holten den Weinschlauch aus Ziegenfell und füllten den tönernen Mischkrug. Das Wehgeschrei steigerte sich; seltsam unheimlich stoßend drang es durch die Nacht. Idas schrie gellend auf; er wollte mit Jauchzen und Johlen die Klage überschreien; seine weißen Zähne lachten unter dem schwarzen lockigen Bart. Aber sein Gastfreund hielt ihn zurück: »Laß uns fromm sein und stille.«

80 Der Jüngling fiel auf, wo immer er sich zeigte, und man kannte ihn in Amyklä schon. Vor etwa zehn Tagen war er gekommen, der einsame junge Wanderer und Held. Zwanzig Sommer zählte er: breit und massiv wie Herkules, mit starkem Nacken und stiermäßig vorgeneigtem Haupt. Ein Wanderleben und Jagdleben, das liebte er und war aus Messeniens Gebirgen gekommen, das Messer im Gürtel, Köcher und Bogen an der Schulter, ein Hirschfell um die Lenden; der Köcher mit Bärenklauen verziert. Was wollte er? was suchte er hier? Ein spartanisches Mädchen wollte er sich fangen; das war die Jagdbeute, nach der er lechzte. Denn er hatte genug Bären und Eber erlegt. Die spartanischen Mädchen sind die stärksten, wie sie ein Held braucht, und sie wachsen hier im Eurotastal, in Amyklä und Sparta, den offenen Städten.

Er kannte niemanden und wußte nicht, wohin mit sich selbst. Er sah, wie die Rosse frei in Herden auf den Wiesen weideten: ein Roß konnte er sich rauben, aber ein Mädchen nicht; denn die Mädchen wurden in den Häusern gehütet von ihren Müttern. Den Viehhüter am Berge, den sprach er an; der nahm ihn in seiner Hütte auf. Menon hieß er. Eine Wiesenstelle war vom Bergwasser überflutet; auch im heißen Sommer wich das Wasser nicht, und häßliche Schlangen gab es da. Darüber klagte Menon. Idas kletterte fröhlich den Bach hinan, wo er sich durch Felsschluchten brach. Eine hängende Felswand riß er auseinander, und der Sturzbach nahm einen anderen Lauf, und der Wiesenwinkel lag trocken. Das wurde bald im Ort bekannt. Die Stadt glich einem weitverstreuten Dorfe. Als er zur Stadt hinunterstieg, spähend wie ein Räuber, da war ein Aufruhr; ein mächtiger Stier war rasend 81 geworden, und keiner konnte ihn bändigen. Idas fing ihn ab, faßte sein Gehörn und zwang den schnaubenden, vor dem Pflug zu gehen, er zwang ihn abends in den Stall, und alles bewunderte ihn. Er durfte das Hyakinthosfest mitfeiern.

»Was soll das Fest?«

Menon erzählte: »Es gilt dem Apoll und seinem Freunde. Hyakinth war ein Knabe aus Amyklä, schön wie der Frühling anzusehen. Apoll liebte ihn und verlor ihn. Er übte mit ihm den Diskuswurf. Aber auch der Sturmwind liebte den Knaben, der böse neidische Zephyr. Apoll warf die eiserne Scheibe, da lenkte der böse Wind sie voll Eifersucht, und sie zerschlug dem Jungen die Stirn, und er war tot.«

»Heil dir, großer Gott Apoll! weh, wehe über den Gestorbenen! Hyakinthos, Hyakinthos!« Die Fackeln taumelten wie im Wahnsinn; in Klagechören scholl der Jammerruf unaufhörlich durchs Tal, zum Gebirge hinan. Man hörte ein Schlagen, im Takt: das Frauenvolk schlug sich die Brüste wie bei einem Leichenfest. »Unser Gott trauert und wir mit ihm. Denn Hyakinth ist erschlagen, das süße Leben stirbt, und der Frühling verdorrt!«

Idas trank und trank fröhlich, am Brunnenrand hingelagert, mit den Knechten und äffte den Klageruf nach, voll Hohn: »Der Wein ist rot wie das Blut des Knaben. Hyakinthos! Wie sie alle närrisch und weibisch sind! Elend der Gott, der da weint um den Toten.«

Die Fackeln erloschen. Grabesstumm stand die Nacht, und kein Mond wollte sie vergolden. Da trällerte Idas sein Lied und taumelte weinesvoll über die Wiesen hin, zu den Gärten. Duftig schweres Laub wölbte sich über ihm, als er einschlief, einschlief für eine kurze 82 Sommernacht. Es war um die Zeit der kürzesten Nächte. Noch flammte der Morgenstern; da glaubte er im Schlaf Geräusch und Stimmen zu hören, er glaubte, ihm träume von schönen Mädchen. Aber sie waren wirklich da, mit Körben und Sicheln und Messern, an dreißig junge Städterinnen: die sammelten reife Kornähren in den Körben und Lorbeerlaub und Myrthen und Zweige des wilden Granatbaums mit seinen roten Äpfeln. Die Bäume raschelten, ein Rufen und Zulachen ging hin und her, und zwischendurch sangen sie weich und süßstimmig:

«Hyakinth, den wir beweinet hatten,
Nun kehre wieder von den Schatten.
Du hast den Höllenhund gesehn:
Am dritten Tage sollst du auferstehn.
Morgen, ja morgen! Das wird schön.«

Eben sprang die Sonne über den Bergesrand. Idas erhob sich leise auf die Füße und spähte überrascht durch die Zweige, wie ein Raubtier. In seiner Nähe sah er ein lahmes Mädchen; das ordnete den Laubschmuck in den Körben. Die anderen liefen herzu, in kurzen bunten Röcken, mit losem Haar, wie fliegende Schatten. Jetzt nahte Eine ihm selbst, ein schlanke Maid. Sie sah nicht auf und bückte sich tief, um an der Wasserfurche das Schilfrohr zu schneiden. Er konnte sie greifen; sie ahnte seine dichte Nähe nicht. Lilienweiß schimmerten ihr Brust und Schultern aus dem lose flutenden Hemde, um ihr Haupt schwebte alle Lieblichkeit des Himmels, aber elastisch sehnige Kraft und Übermut war in ihrer Bewegung.

Er bezwang sich nicht. »Mädchen, Mädchen,« schrie er auf – da traf ihn, in Angst aufgerissen, ihr wundervolles tiefblaues Kinderauge; nur ein Augenblick, und 83 sie hastete davon, und alle Mädchen flogen wie die Feldtauben, unter die man den Stock geworfen, mit wirbelndem Fuß über Wiesen und Hecken und waren verschwunden. Nur die Lahme konnte Idas greifen. »Wer war das Mädchen?« frug er; »wie hieß das Mädchen, die da schlank ist wie das Schilf, das sie gebrochen?«

»Marpessa meinst du, meine Schwester, des Evênos Tochter.«

»Grüße Marpessa von mir. Ich bin Idas der Messenier.« Und er trug ihr die Körbe voll duftenden Laubes bis dahin, wo die Wohnstätten begannen und Menschen sich sammelten.

»Morgen kannst du Marpessa wiedersehen,« sagte die Lahme noch. »Ich bin Agido, ihre Schwester. Morgen ist der Wettlauf der Spartanerinnen. Das ist unseres Festes Ende. Aber ich laufe nicht mit; denn mich hat ein Gott geschlagen.«

»Wiedersehen? Sehen? Marpessa, junges Blut! was nützt das Sehen? warum griff ich dich nicht? was kann ich tun, und wo find' ich dich?«

Schon erscholl Musik. Die Prozessionen begannen. Menon mußte mit Idas in die dicht gedrängte Hauptgasse der Stadt. Ihm war aller Spott vergangen, und er sprach kein Wort mehr. Heut war der zweite Festtag, und in Laubkränzen, in frischen Ährenkränzen, mit Jubelhymnen und klingenden Gitarren zog zum Tempelhof die endlose Prozession hinan, steif und pagodenhaft. Dann brachten die Knechte die Rosse herbei, und es folgte am Fluß das Wettreiten und der Waffentanz der Jünglinge. Idas stand abgewandt, als wäre er blind und taub geworden. Verlorene Stunden! Marpessa fehlte.

84 Ein weiter, langgestreckter Platz war am Flußufer ausgespart: das war der Fechtplatz und die Laufbahn für das alljährliche Wettspiel zu Apollos Ehren. Mit niedrigen, aufgeschütteten Galerien war die sandige Arena rings umgeben; aber auch auf den flachen Hausdächern, auch auf dem ansteigenden Ufer jenseits des Flusses standen die festesfrohen Zuschauer in dichten Haufen.

Nie war das Menschengedränge größer als am dritten Tage. Denn welch Schauspiel ist schöner als der Wettlauf? Nach schlafloser Nacht eilte Idas in die Gassen der Stadt; Menon konnte ihm kaum folgen. Hoch oben auf der Bergeskuppe über Amyklä sahen sie schon den großen Brandaltar rauchen zu Ehren Apolls. Eine schwarze, qualmende Wolkensäule hob sich dort oben im klaren, windstillen Morgen schwerfällig und breit ins Himmelsblau, als Merkzeichen für die Pilger. Denn auf allen Straßen und Gebirgspfaden, vor allem von Sparta her, auf Saumtieren reitend, zogen die Menschen in südländisch bunter Tracht, die Frauen mit schweren Ohrringen und Ketten, die Tiere mit klingenden Schellen behangen, in langen Zügen durch die Ölberge und Weingehänge heran. Die Straße war voll Klingen und heiterem Zuruf und Gejauchze.

Für Tausende war Platz in der Rennbahn, wo der ehrwürdige Priester schon harrte und auf offener Flamme das Festopfer brachte und auch schon die Sitzreihen sich füllten, ein Gewimmel, als sammelten sich Ameisen in einem Topf voll süßem Honig. Und auf einmal hub ein Summen und Singen an; immer mehr Stimmen fielen ein: »Auferstanden, auferstanden!«, und von allen Berglehnen und Hausdächern in der Ferne und Nähe scholl es wieder, lauter und lauter: »Heil uns, auferstanden!« als sänge das ganze 85 sonnentrunkne Tal selber: »Erstanden ist der Gestorbene, und des Gottes Freude währet in Ewigkeit. Darum sei uns auch gnädig, Päan Apollo, und wende den Hagelschlag, die Ernte laß reifen, und gib uns einen neuen Frühling jedes Jahr.«

Auf einmal wurde es feierlich still. Idas sah da, wo in der Bahn der Priester und der Ephore stand, zwölf Mädchen erscheinen, die zwölf edelsten Töchter der zwei Städte Sparta und Amyklä. Bescheiden traten sie heran, in bunten Kleidchen, die alle frisch vom Webstuhl kamen, und legten in die Hand des hohen Beamten den Eidschwur ab, den er vorsprach, dem Gott zu Ehren ihr Bestes zu tun, keine Kraft zu sparen, aber auch sich aller Hinterlist zu enthalten, wie sie die Begierde nach dem Sieg dem Schnelläufer eingibt.

Dann traten sie ins Zelt, und das Publikum harrte in lautloser Spannung: nackt traten die Mädchen wieder hervor und stellten sich auf die Steinschwelle zum Ablauf, gesenkten Blickes, geschlossenen Auges. Nur dem Gott zu Ehren zeigten sie sich so in ihrer natürlichen Schönheit; nur des Gottes selbst dachten sie im Herzen und wollten nicht sehen, daß man sie sah. Aber der prüfende Blick der Erfahrenen fiel auf sie, und Idas packte in Erregung Menons Arm. Welch rassiger Jungwuchs, sechzehn- bis achtzehnjährig! die vornehmste Edelzucht Griechenlands beisammen. Welch straffe und doch so biegsame Gestalten in eben erblühender aphrodisischer Vollendung. Durch Jahrhunderte berühmt war und blieb dieser Frauenwettlauf der Spartanerinnen. Siebenmal rund um die weite Bahn. Wer zuerst am Ablaufsplatz zurück war, war Siegerin.

Manch einer gab auf Idas acht. Der stiernackige Fremdling, was wollte er? Vorn auf dem granitnen 86 Eckpfeiler der Galerie hockte Idas. Man stieß sich an: »Was will der Fremdling aus Messenien? Bärenklauen hat er am Chiton aufgenäht, und Raubtieraugen hat er im Kopf!« Den Hals vorgestreckt, die Knie hoch, den Kopf über den Knien, so saß Idas und schien mit gierigen Augen die Dahinjagenden zu verzehren. Wo war Marpessa?

Wie auf archaischen Reliefs, so glichen sich die Mädchen in jagendem Profil, als wäre es zwölfmal dieselbe Person: kein Schmuck, kein Abzeichen, keine klirrende Kette am Hals, das schwarze Haar eng zusammengerafft. Sie warfen die Arme und sprangen stöhnend und schreiend, mit offenen Mündern, die Blicke stier nur nach vorwärts, die eine wie die andere; die Waden schlank und sehnig, die Füße elastisch und breit fingernd wie Hände, und als hätte sie nie ein Schuh gepreßt.

Der alte Menon fuhr zusammen. Idas war emporgefahren und wies mit den Fingern weit vorgebeugt, als wollte er in die Arena springen. Er hatte sie erkannt. Die schlanke Maid dort, schlank und biegsam wie ein Weidentrieb, sie war's, mit der Geierfeder im Haar, Marpessa! Warum raubte er sie nicht? Warum nicht? Ein Sprung, ein Griff! Wer wollte es wagen, ihm zu wehren? Aber Menon zog ihn auf seinen Sitz zurück, und er begriff das fromme Gesetz, das am Götterfest die Mädchen vor jeder Begierde schützte.

Staubwolken flogen, die Sonnenglut wuchs. Ein Hetzgeschrei kam von allen Bänken. Da löste sie sich aus dem rennenden, fliegenden Haufen. Sie war voran, sie gewann Vorsprung. Idas schrie auf; ein Massenschrei ging durch die ganze Bahn. Die Läuferinnen selbst riefen hetz hetz! mit keuchender Brust. »Marpessa gewinnt!« Aber keines der Mädchen schaute 87 auf, auch die Siegerin nicht. Die Mädchenseelen blieben tief in ihr Werk versunken, Marionetten des Gottesdienstes, die ihre letzte Kraft hergaben, auf daß der Gott gnädig sei.

Nur einmal, nahe dem Ziel und schon ihres Erfolges gewiß, warf Marpessa den Blick spähend nach hinten zu ihren Gefährtinnen, und ein kindlich seliges Lachen übergoß ihre gespannten Züge. Aber den Idas sah sie nicht. Es war ein Gesicht voll knabenhaftem Trotz, Mut und Willenskraft. Aber wo war ihre Schönheit? Vom dicken Staub der Arena untermischt, rann ihr der Schweiß in Strömen über Nase und Wangen. Die Geierfeder hing ihr lose tief im Nacken, das Haar war glanzlos, grau und wirr, und sie taumelte wie mit gebrochenen Knien, als der Jubel scholl, und man sie, sie und die andern, in das Zelt zurückführte. Als wäre Marpessa Hyakinth selbst, der Götter-Liebling, so scholl ihr Name durch das Tal.

Und da war sie schon wieder, in safranfarbigem Gewand, wie verwandelt! Ein schmales Lorbeerdiadem schwebte ihr im Haar, und man hatte ihr Wein gegeben: die Erschöpfung war gewichen, ihre Augen flammten verklärt. Kleoböa, die Mutter, schritt sorgend neben ihr und Agido, die Schwester, als man sie die Gasse entlang in großem Geleit zum Elternhaus führte. Der Vater Evênos folgte mit erhobenen Händen, als spräche er ein Dankgebet.

Idas drängte nach; mit Wucht spaltete er die Menge. Und wenn ihr Auge ihn nur noch einmal träfe, es wäre ihm für jetzt genug. Allein bei all ihrem kindlichen Triumphgefühl blickte sie doch nicht um sich, sie blickte nur scheu in sich hinein, auf ihre Mutter gestützt. Und da stand schon das Haustor offen, da winkte 88 schon das Gesinde und schwenkte jubelnd Blumenzweige und bunte Tücher.

Da sprang Idas vor und zerrte am Ärmel ihres Chiton. Ein wilder Griff: es war die unzarte Zärtlichkeit des Recken. Er wollte nur ihren Blick, nichts weiter; nur einmal ihr Auge auffangen und auf sich lenken. Aber kein Schrecken, keine Neugier vermochte etwas über sie. Sie sah nicht hin. Sie wußte nichts von ihm. Ihre Sinne waren nur in dem Gott, dem sie diente. Der Zug bog aus. Idas stand in der Gasse allein. Marpessa war schon im Haus verschwunden.

Er lachte, daß es schallte. Er lachte wie der Knabe, der den Schmetterling jagt. Ein Sprung mehr oder weniger – einerlei. Er wird ihn schon erwischen, und dann wird er ihn fest an den Faden binden. »Unmöglich« war ein Wort, das er nicht kannte. Vom Vater Evênos wollte er am Abend die Tochter fordern mit offenem Wort, und weigerte der Vater, so brach er nachts die Wände des Hauses ein. Lehmziegelwände waren es. Sie konnte ihm nicht entgehen.

Aber er irrte sich. Auf der Tenne hinter dem Haus des Evênos standen Tische: da hatten die zwölf Mädchen, nachdem sie sich sorglich gebadet, zusammen gespeist; sie speisten die berühmte schwarze Schüssel, das dampfende kraftvolle spartanische Blutgericht. Dann gingen die andern; Marpessa aber war tief wie in Ohnmacht entschlafen, indes Agido, die ältliche Schwester, bei ihr wachte. Plötzlich fuhr sie aus ihrem Schlaf und griff nach ihrem Kranze. »Ich bin die Siegerin, Schwester,« jauchzte sie, »bist du nicht stolz auf mich?«

Da hörte sie Agido die Worte sprechen: »Ich aber habe heute den Gott selbst geschaut.«

»Den Gott geschaut?«

89 »Mit gehobenen Händen saß ich andächtig in der Menge. Da sah ich Apoll . . .«

»O du Hellsichtige!«

»Leibhaftig riesengroß stand er auf seiner Tempelmauer, Licht im Licht . . .«

»Licht im Licht?«

»Sein Umriß offenbart sich nur dem sehnsüchtigen Auge.«

»Und wohin spähte der Gott?«

»Er sah eurem Laufe zu.«

»Er sah auf mich?«

»Er sah auf dich.«

»O, Rennen und Siegen und die Götter ehren, das ist schön und himmlisch, wundervoll! Nun ist alles vorbei, und ich muß jetzt hier still wieder im Hause hocken, am Herd die endlosen Tage, und im grauen Schatten mit den Mägden am Webstuhl mein junges Leben vertrauern.«

»Das mußt du. Komm in den Garten. Es dämmert schon.«

»Warum?«

»Damit du deine Pflicht nicht verlernst, nimm die neue Wolle, die ich gesponnen, und wasche sie im Fluß.«

»Heute?«

»Zögerst du?«

Marpessa nahm folgsam träge den Korb voll Wolle. Hinten am Hausgarten floß rauschend in seinem steinigen Bett der Eurotas vorüber. Auf einem flachen Stein mitten im stürzenden Wasser kniete sie nieder, um die Wolle zu spülen, und das Gebirgswasser kühlte ihre heißen Pulse, indessen Agido sich niedersetzte unter dem Rebengang. Agido gab nicht acht: auf einmal war Marpessa verschwunden.

90 »Marpessa! Marpessa! Wohin?«

Drüben am Ufer, im dunkelen Erlenwald, war ein Schimmer erschienen. Das Licht fiel von unten in die Baumkronen, als wandelte eine Sonne unter ihnen her. Apoll kam gewandelt; Lichtspuren ließen seine Sohlen im Gras. Er bückte sich, denn er war selbst hoch wie ein Baum. Sein welliges, goldenes Haar hing ihm tief über Stirn und Schläfen. Trauerte er noch? Sein Schritt zauderte; er schien zu suchen. Dachte er noch immer seines Hyakinthos?

Da sah er Marpessa. Sie hatte sich eben im Fluß hoch aufgerichtet und dehnte lässig, sehnsüchtig den knabenhaft schlanken Leib im engen Kleide und streckte in unnennbarem Verlangen die Arme in den sinkenden Abend. So glich sie dem Verlorenen; sie glich dem Hyakinthos. Da schlug des Gottes Glanz ihr ins Auge, und es war wie Sturm. Ihr schwanden die Sinne. Starke Arme hatten sie schmerzlos eng umfangen. Die Luft legte sich tragend unter ihre Füße. Strom und Wald versanken unter ihr. Apoll hatte sie empor in seinen Tempel getragen.

Auch Götter lieben. Wer rein und jung und fromm und schön, den sucht der Gott und wirft sich ihm ins Herz und reißt den Sterblichen wie Zeus den Ganymed in seine Höhen.

Schon kamen die Eltern und riefen nach ihrem Kinde. Sie fanden nur Agido betäubt im Rebengang. Agido war sprachlos und wußte nichts. Am anderen Tag aber wußte es trotzdem die ganze Stadt; denn Kleoböa, die Mutter selbst, erzählte es allen: Apoll war der Räuber ihres Kindes, und Apoll war der Mutter im Traum erschienen und hatte vernehmlich zu ihr gesprochen: »Segen von nun an mit euch, eurem Haus, 91 Vieh und Gesinde. Ich habe Marpessa zu mir erhöht. In Jahresfrist sollt ihr sie wieder sehen in meinem Tempel (merkt es wohl!), wenn ihr nicht trauert und fromm zum Berge wandelt und Opfer bringt.«

O Gottes Gnade! Nicht trauern? und wiedersehen in Jahresfrist? Log der Traum nicht? Aber auch eines Gottes Gnade ist schwer und peinvoll für ein Mutterherz.

Auch Idas vernahm die Kunde gleich, und Menon sah ihn nicht wieder. Er lachte nicht mehr; schwerer Zorn war ihm seitdem ins heiße Blut gemischt. Sein Übermut hüllte sich in Finsternis. Ins Gebirge trug er sein verlorenes, wildes Herz. Auf Waidwerk und Fischfang warf er sich, auf Raub und Beute. Wehe dem Sterblichen, der ihm widerstand! Einen grauen Riesenbären fing er sich und sperrte ihn ein, fütterte ihn und zähmte ihn und übte sich oft mit ihm im Ringen. Eine tiefe eiskalte Felsengrotte, dergleichen es viele im arkadischen Hochland gibt, eine Grotte voll Nacht und Einsamkeit, nahm er sich zur Wohnung und baute einen Herd hinein. An ein Stiergehörn hängte er Schwert und Köcher. Aus Fellen erhöhte er eine breite Lagerstatt. Auch eine Ziegenherde, die er erbeutet, hütete er, als wäre er Menon, und lockte sie jeden Abend zum Melken heim. Eine Rosenhecke pflanzte er vor den Eingang. Für wen das alles? Wollte der Unstete hier dauernd wohnen? Er konnte die Läuferin nicht vergessen, den rassigen Eigensinn in ihren Zügen und ihren süß erschreckten Blick, als er sie zuerst gesehen auf der Wiese in der Morgenfrühe. So lebte Idas stumm und voll Grimm, wie der Höhlenbär, der sein einziger Kamerad war.

Marpessa aber freute sich ihres Gottes. Hoch oben 92 im grellen Himmelslicht lag des Apoll Bezirk. Durch schwarze Pinienalleen schritt man zu ihm nicht allzu steil auf. Rechts und links rastete der Pilger an Heroengräbern. Doch auf dem stumpfen Gipfel stand kein stolzes Tempelhaus; nur eine schwere, von Zyklopen übermenschlich aufgetürmte Umfassungsmauer umgab im weiten Kreis die leere Plattform, auf der nichts als ein Brandaltar, ein kolossalischer Aschenhügel, ragte. Im Hintergrund aber, unter wucherndem Lorbeerdickicht, da öffnete sich die Erde geheimnisvoll, und wer im Felsenspalt Einlaß fand, der fand auch den Gott, und durch wundervolle, in Kristall aufgewölbte Labyrinthe ging man dort ein in das Land der Märchen und der Seligkeit.

Im ewigen Frühling irrte da das Kind der Sterblichen durch Palmenwälder und Paradiese, Narzissen- und Hyazinthenfelder und haschte die Falter und die Kolibris, die beflügelten Blumen, die in Gold, Blau, Violett, in tausend Farben schillerten. Die Gazellen, die auf den Wiesen sprangen, ließen sich von ihr greifen. Am Rand des Sees blühte die Iris, und Schwanenvölker ruderten mit ihren Jungen. Wenn Marpessa nahte, flogen sie im Kreise um das Wasser und sangen mit gestreckten Hälsen ihr süß melancholisches Schwanenlied.

Andächtig sah sie täglich alles wieder mit Trällern und Lachen. Ihr Jubel war Andacht, ihre Andacht Jubel. O Bucht des Friedens! o Pracht! o Versunkenheit! es war zu köstlich. Schon allein die hundert rinnenden Brunnen! Da fand Marpessa unterm Marmortrog eine Katzenbrut. Katzen morden die lieben Vögel: sie wollte die jungen weißen Kätzchen im See ertränken; da aber schlugen die Schwäne sie mit den Flügeln, und 93 die Musen schalten derb. Denn es gab keinen Tod hier im Götterland. Ach, warum nicht ein bißchen Übermut? Da war ein allerliebster goldiger Spitz; mit dem Hund hetzte Marpessa die Gazellen, und wieder schalten die lieben Musen. »O ihr guten,« sagte Marpessa und küßte sie alle neun, »man muß doch ein bißchen toben, auch im Himmel. Kommt heran! laßt uns wettlaufen!« Und die göttlichen Schwestern liefen mit ihr siebenmal um den See; aber sie siegten nicht. Denn Musen können nur tanzen, nicht rennen, und es war ein großes, seliges Gelächter.

Mittags speiste Marpessa die seltensten Früchte, auch Hasenfleisch in goldenen Schalen. Apoll selbst war ja Bogenschütze, und er lieferte Kraniche und Wildenten und manches andere für die Küche, und Marpessa rupfte das Geflügel selbst. »Wie schade, Herr, daß du nur Nektar und Ambrosia nimmst,« seufzte sie zu ihm hin. So war es. Nur sie, die Sterbliche, genoß feste Nahrung. Aber vom Nektar ließ der Gott sie doch leise nippen, täglich nur ein Fingerhütchen voll; dann wurde ihr rasch das Köpfchen schwer, und sie nickte ein, während hoch aus den Zweigen in traumsüßem Andante ein schwellendes Saitenklingen kam, und ihre Ohren schlürften den Wohlklang.

Wie herrlich war es gar, wenn der schönste der Götter abends heimkam und schon von weitem »Marpessa« rief! Er legte zuvor hinter dem Felsen die Strahlen ab, um sie nicht zu blenden, und dann sah sie oft, daß er traurig war, und drängte sich an ihn: »Herr, Herr, was betrübt dich nur?«

»Der Morgen liebt mich, da bin ich heiter,« sagte Apoll; »am Abend, da ist mir's wie der Sonne zu Mut, die untergeht.« Er setzte sich. »Und es gibt auch 94 viel Irrung unter den Erdenmenschen (deine junge Seele ahnt es nicht), Bosheit und Zorn und häßlichen Neid, und es gibt viel Hunger und Herzweh und Krankheit bei Vieh und Mensch, und wir Götter sehen alles und können nicht jedem helfen.« Und der Sanfte versank vollends in Traurigkeit; denn er hatte die weiche Seele eines Künstlers und Musikers.

Da holte das Mädchen seine goldene Leier und bestürmte ihn: »Spiele doch!« und er tröstete sein Götterherz mit den eigenen himmlischen Phantasien, und Terpsichore tanzte dazu mit ihren Schwestern unsäglich schön, bis er Marpessas Hand nahm und sie schwärmend über Wolkenschatten und Bergesstirnen höher und höher führte ins unendliche Abendblau. Sie begriff nicht, woher die Lichtfülle kam in der Nacht; sie begriff nicht, wie man auf weich wiegenden Wolken wandeln konnte ohne einzusinken. Sterne deutend, trug er sie die Sphären entlang, und ihre Seele war weit offen, ihr Kinderherz berauschte ein weltdurchschauendes Gefühl.

Aber der ganze Himmel mit seinen Wundern, er war doch nur ein sternbestickter Vorhang für sie, unter dem sie ruhte, als er im Nachtduft des Violenfeldes sich über sie neigte, seine Hand unter ihren Nacken legte und sein Göttermund ihre aufblühenden Lippen fand.

Sie staunte nicht. Ihre Angst war längst geschwunden. Sie war eine Götterbraut. Tausend Tage waren für sie wie ein Augenblick, und jeder Augenblick war Ewigkeit.

Da kam der Winter, und die Schwäne hoben sich unruhig, und Apoll sprach: »Ich gehe jetzt ins Hyperboräerland, fern, jenseits der Meere, wo die Heimat der Schwäne ist. Mit dem ersten Frühlingstag bin ich 95 zurück.« Sein klares, goldbraunes Auge sah sie dringend an: »Harre mein, Marpessa, und sei geduldig.«

Er schüttelte den Bogen, die Vögel schwangen sich hoch im Sturm, und im Schwanenzug flog der Gott davon ins Unsichtbare. Wirr flammten seine Locken. Sie hörte aus der Ferne ein wonniges Lied verklingen. Was sangen die Schwäne? Sie sangen: »Schwäne sterben wie Frühlinge. Leben und Sterben ist nur ein Lied, das verklingt. Schön, wenn es schön war, das Lied und das Leben!«

Schön, wenn es schön war? Nun begann Marpessas schwerste Zeit.

Draußen – sie wußte es – fegte der Wintersturm schaurig über Wälder und Bergeskuppen. Aber sie merkte nichts davon; sie lebte wie in einem Treibhaus der Wonne. Wenn sie hinaus könnte, nur einen Augenblick! nur etwas Sturm, freier Odem, rauhe Kraft! Was sollten die lieben Musen ihr jetzt, die Narzissen und Gazellen? Das Gazellchen, ihr Lieblingstier, kam nachts und legte sich vor ihr Bett, das Köpfchen auf ihr Kissen. Sie jagte es von sich. Ohne Eltern, ohne Freund, einsam mit ihrem schlagenden Herzen! Ihre Angst wuchs.

Wenn sie den Grottenausgang fände? Die Musen warnten sie. Umsonst. Sie wagte sich ins Labyrinth, das zum Ausgang führte, und lief sich müde und fand ihn nicht, bis eines Tages ihre Neugier siegte. Ein heftiger Windstoß blies herein: da war der Ausgang, und die Erdenwelt lag offen.

Der Schneesturm peitschte sie; er zerriß ihr das Haar. Unter dem Brandaltar suchte sie zitternd Schutz und spähte empor: die Wolken jagten, die Raben krächzten grausig über ihr. Wie Raben und Wolken, so flatterte 96 auch ihr Traum hinaus und zerflatterte im Winde. »Göttlicher Freund, o wärst du nie gegangen!«

Sie wollte zurück in ihren Märchengarten, aber nein! erst einmal noch die hohe Mauer erklettern, die neidische Grenze des Gottesbezirks. Da waren Stufen. Sie stand schon oben. Da sah sie entzückt das Schneegebirge, das unendliche, offen, Arkadien, das himmelhohe, das wilde Bärenland. Die Wolken zerrissen in Fetzen an den eisigen Felskanten. Angsttaumel faßte sie; sie glaubte, sie müsse von der Mauer stürzen wie ein verwehtes Blatt und rief nach den Tempeldienern, daß sie ihr hülfen.

Da fühlte sie sich von hinten umschlungen. Ein wilder Mensch riß sie nach außen hinab in die Tiefe. Sie schrie, sie biß um sich. Aber er hielt sie mit eisernem Griff. Bergab gings. Er setzte sie vor sich auf seinen Gaul und jagte mit ihr weit, weit hinaus in das einsame Land. »Marpessa, sei ruhig,« raunte er, »das Tier rennt gut.«

Sie bebte in allen Gliedern. Er deckte sie mit seinem Fell und versuchte sie zu streicheln; da kratzte und biß sie ihn wieder.

»Wer bist du, Unhold?«

»Ich bin Idas.«

»Ich kenne dich nicht.«

»Hundertmal war ich hier oben; jetzt endlich sah ich dich, fand ich dich!«

Umsonst ihr Schreien, ihr Entsetzen. Halb ohnmächtig brachte er sie in seine Höhle.

Wütend wie die eingefangene Eule starrte sie ihn an, als er sie ansprach. »Wer bist du? Ein Bergesteufel? oder Gott Pan? Unglücklicher, weißt du nicht? ich bin des Apoll. Er wird dich furchtbar strafen.«

Er lachte überselig: »Liebe mich nur!« Sie wandte 97 sich weg: »Berühre mich nicht. Apoll ist mein Gemahl. Mein Leib ist gesegnet.«

Scheu wich er zurück. Er fühlte das Wort wie einen Peitschenhieb. Aber seine Mildigkeit wich nicht. Er pflegte sie, ließ, damit sie nicht friere, das Feuer lustig brennen, brachte ihr Milch, Rüben, Kürbis und den Schinken des Wildschweines (wozu hatte er seine Vorräte gesammelt?) und sagte immer wieder: »Ist es nicht traulich und wohnlich hier?«

Dann holte er seinen Bären, rang mit ihm, ohrfeigte das Tier und schüttelte sich vor Lachen. Marpessa aber verkroch sich zitternd hinter das Bett und bedeckte die Augen, um nicht hinzusehen.

Die Grotte war von Wacholder umbuscht und einem Rosendickicht und mit Epheu und Erdbeerstauden überwuchert. Über ihr aber drohten rissige Baumstämme und wilder Fichtenwald und schroffe Felsenriesen. Wildbäche stürzten. Düstergrau hing der Nebel herein, und ringsum in Tagesweite keine Menschenspuren. Nur die Glocken der Ziegen hörte sie und das Krachen des Wasserfalls.

So blieb sie angstvoll und in Schreck erstarrt. Was sollte nun werden? Was sollte ihr dieser Räuber Idas, der wilde Jüngling? Im Knoten trug er das lange schwarze Haar; braun wie Kienholz sein Nacken, zottig seine Brust wie eines Waldmenschen.

Er hütete sie wie ein anvertrautes Heiligtum, wie ein Geschenk der Gnade. Wenn er aber vom Jagdgang heimkam und sie grüßte ihn nicht, da stürzten ihm die Tränen, und sein schwarzes Auge hing wie flehend an ihr; seine grobharten Züge wurden weich und zärtlich wie die eines abbittenden Kindes. Das rührte sie, und sie wurde endlich freundlicher. Die Wölfe bellten des 98 Nachts; da rief sie in Angst seinen Namen, und er hielt brüderlich ihre Hand, als wäre sie seine Schwester. Er hatte Geduld gelernt und erstickte seine Flammen.

»Willst du nicht mit?« sprach er eines Tags.

»Wohin?«

»Gürte dich. Der Winterregen ist heut gelinder. Komm zum Adlerhorst . . .«

Sie folgte ihm, aber sie erlahmte bald, und er mußte sie heimwärts tragen.

Aber ihr Kraftgefühl, ihr Eifer war angeregt. Nach etlichen Tagen sagte sie selbst: »Ich geh' mit dir.«

Und sie fanden wirklich unter einem Felsenjoch den Horst eines jungen Adlers.

»Merk' dir die Stelle. Im Frühling wollen wir die Jungen rauben!«

Sie zuckte die Achseln. »Im Frühling? wir?«

Schon ließen die Winterregen nach; es sollte bald Frühling werden. Da wurde ihr Körper schwerfälliger; sie brauchte Ruhe und wurde bang beklommen. Denn sie merkte zugleich, daß sie langsam das Augenlicht verlor. Sie sah nur noch ungewisse, matte Lichtflächen, und ihr Fuß trat oft fehl. Marpessa! War es möglich? sollte dies junge Weib fast noch im Kindesalter erblinden?

Da beugte Idas seinen Starrsinn, er baute einen Altar und brachte ein reiches Opfer und flehte mit heißem, inbrünstigem Wort: »Vergib mir, erhabener Gott, dem ich das Weib entrissen, und willst du unerbittlich strafen, Apollo, so triff nicht sie, triff mich, und müßte ich siech und blind sein mein Leben lang; ich will es dankbar tragen und dich ehren, wie ich jetzt dich ehre!«

Ob der Gott seinen Ruf vernahm?

99 Der Schnee schmolz. Die Bäche schäumten. Wonnig erscholl der erste Vogelsang. »Idas, hörst du? der Frühling will kommen.« Idas brachte ihr die erste Blume, die schüchtern im Gras wuchs.

Es war der erste Frühlingstag.

»Wehe dir, Idas! der Gott mit seinen Schwänen kehrt heim.«

»Er wird mich nicht finden.«

Da stand der, den sie meinten, schon hoch über dem Felsen, ein blendendes Gespenst, in drohender Schönheit vor ihm. Apoll stand und schüttelte seinen Bogen, der funkelte wie ein Mondstrahl, und rief: »Idas, Idas!«

»Was soll ich, Herr?«

»Marpessa will ich.«

»Schone uns, Herr.«

»Marpessa gib.«

»Nimmermehr!«

»So sollst du sterben.«

Marpessa stürzte tastend vor; aber Idas stellte sich breit vor sie hin. »Und ob du mich tötest,« schrie er, »ich geb sie nicht.«

Da wurde es Nacht. Eine steile, schwarz aufqualmende Wolkenwand verschlang grauenvoll auf einmal von oben bis unten Himmel und Erde. In der Nacht stand der Gott, schlank und hoch, ein tötlicher Blitz in Menschengestalt, und gegen ihn stand da der Sterbliche: Idas stand da, sich aufbäumend, wie ein atmender Fels.

Was ist der Mensch? Denkende Kraft, die sich über sich selbst erhebt. Will der Mensch mit Gott ringen? Ja, der Mensch will ringen mit Gott. Das ist der Gipfel seines Seins. Der Gott, der ein irdisches Weib liebt, den Gott kann auch ein Erdgeborener zwingen. Wie ein 100 Gigant wuchs Idas empor, und Eros selbst, der unüberwindliche Liebesgott, Eros selbst erhob sich in Idas und füllte ihm die Glieder mit schwellender Kraft.

Apoll schoß seinen Pfeil; aber zum erstenmal fehlte sein Geschoß; denn er hatte auf Marpessa gesehen und nicht auf den Gegner. In die Fichte drang der Pfeil, und der Baum stand gleich in Flammen, und den ganzen Wald erfaßte die Feuersbrunst.

Idas aber sprang vor und schlug aus des Gottes Hand den goldenen Bogen. Da umschlangen sich Gott und Mensch, und es begann ein entsetzliches Ringen.

Einen solchen Kampf sah noch nicht die Götter- und Menschengeschichte. Einen solchen Kampf wird sie nie wieder sehen. Wehe dir, Idas! Wie lange wirst du mit deinem Tode kämpfen? Denn alle Götter töten, die einen mit raschem, die anderen mit langsamem Tod.

Marpessa sah nichts, und doch, sie sah um Apoll den wundervollen Glanz. Der Sieg lachte auf des Gottes Stirn, und sie flüchtete sich zu ihm und barg sich vertrauensvoll in seiner Nähe.

Da donnerte es. Der Donner des Zeus fuhr rollend durch die Berge. Dreimal dröhnte der Schlag, und in die angstvolle Stille hallte vernehmlich die Stimme des Zeus: »Hört auf, hört auf!«

Das war Zeus' Gebot. Auch des Gottvaters Herz bangte um Idas; denn der Göttervater ist auch ein Vater der Sterblichen, und er schont gern die edlen Menschengeschlechter.

»Hört auf!«

Die Arme der Kämpfenden fielen herab. Apoll stand ruhig. Des Idas Brust keuchte schwer.

»Marpessa wähle!« erscholl wieder des Zeus 101 Stimme. »Gott oder Mensch, sie wähle selbst, wem sie folgen will.«

Marpessa hörte es: »wähle selbst«. Sollte Kampf sein, so sollte sie selbst ihn kämpfen in ihrem Herzen.

Aber da war kein Kampf. Andächtig kniete sie zu Apollos Füßen und umfaßte seine Knie. Des Gottes Hand streichelte ihr Haar: da war süßester, überirdischer Friede in ihr. Sie fühlte sich ganz geborgen in seinem Zauber. Des Paradieses lachende Wonnen trieben wieder Knospen in ihrem Herzen.

Da hörte sie Idas. Sie hörte Idas aufschluchzen im Weh. In namenloser Erschütterung stammelte er ihren Namen; schreiend warf er sich auf sein Angesicht und weinte bitterlich und fand kein Wort mehr in zerschmettertem Stolz, und sie stürzte zu ihm und umfing ihn und küßte ihn und hängte sich an ihn, und ein Riß ging durch ihr Herz, und sie rief laut zum Himmel empor: »Idas braucht mich. Ich bleibe bei ihm

Der Gottvater im Himmel hörte es und donnerte Bejahung. Ein Regen löschte den brennenden Wald. Die Wolkenwand wich. Apoll war verschwunden. Idas war mit Marpessa im Frühling allein.

»Was hast du gewagt?« stammelte der Jüngling.

»Ich wähle den, der verlassen ist. Ich wähle ihn, der Mühe und Arbeit hat. Ich wähle ihn, der ein Schicksal hat, das ich teilen kann. Ich wähle ihn, dessen Los ist, zu kämpfen und zu sterben zur rechten Stunde. Ich habe Mut und will wagen; ich habe Kräfte und will sie brauchen. Meine Pulse fiebern, und ich bin kein Gott. Das Paradies ist für die Toten, die Ewigkeit ist ein Gespenst und selig das Sterben, wo die Liebe ist.«

»Aber Apoll wird sich an uns rächen!«

»Nein, nein!« rief sie kühn. »Er kann es nicht. Der 102 große Zeus selbst hat der Stimme des Herzens ihr freies Recht gegeben. Zeus schützt uns. Und Apoll ist gut. Ich kenne ihn.«

Bald genas Marpessa eines Knaben. Es war ein schöner Knabe, aber totgeboren, und die junge Mutter weinte sehr. Als aber Idas nach frommer Sitte die Scheiter entzündete und den Toten auf den Holzstoß legte, flog er lebendig und in Anmut strahlend, wie in einer Feuergarbe davon. Zur selben Stunde wurde Marpessa sehend: sie hatte das Kind, das sie verlieren mußte, nicht sehen sollen.

Fortan lebte sie mit Idas, schnellfüßig und frisch, ein irdisch Leben. Bald war sie seine Jagdgenossin, und sie holten sich die jungen Adler aus dem Adlerhorst und erzogen sie zu Jagdtieren, als wären es Falken. Dann ritten sie nach Amyklä. Marpessa sah ihre Mutter, ihren Vater, sie sah ihre Schwester Agido wieder und holte sich der Eltern Segen und zog mit ihrem kühnen Gatten nach dem schönen Land Messenien in die Felsenburg, wo seiner Kindheit Heimat war. Da führte Idas als Seefahrer und Bogenschütze zum Nutzen des Vaterlandes ein Heldenleben voll Sieg und Gefahr, Marpessa hütete seinen Herd, und ein Heldengeschlecht erwuchs ihm in Söhnen und Enkeln.

Apolls Zorn schien verflogen. Aber Apoll rächte sich doch. Er gönnte dem Idas die Liebe, aber er gönnte ihm nicht den Ruhm. Auf des Gottes Geheiß schwiegen die Musen; kein apollinisches Lied hat jemals des Idas Taten verherrlicht, und auch die Namen seiner Söhne blieben verschollen und unbekannt bis auf den heutigen Tag. 103

 

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