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Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten

Theodor Birt: Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1916
publisherQuelle und Meyer
addressLeipzig
titleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
pages179
created20120608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fortuit

Ein römisches Märchen

Polla, die Bauersfrau, saß im Flur ihres Hauses unter dem Binsendach und stillte ihren Jüngsten, der zwei Monate zählte. Der Kleine war inmitten seiner Ernährung eingeschlafen; sie wiegte ihn mit eintönigem Gesang, und ihre rauhe Stimme setzte eben ab; es war ihr, als ob sie selbst einnickte. Der Schatten von den hohen Bergen deckte das Dorf; es dunkelte rasch. Da meinte sie draußen ein Leuchten zu sehen, wie wenn sich die Morgenröte selbst vor ihre Hütte gestellt hätte und schiene, und eine süße Stimme rief dreimal: Polla!

Sie fuhr aus dem Traume auf, fand alles stockdunkel und rief ihren Mann, der hinter dem Herde stand, Knoblauch kaute und langsam das Öllämpchen am Herd entzündete: »Dossénn, mir war im Traum, als ob man mich von draußen riefe. Sieh doch einmal nach, was ist.«

Dossénn biß in eine große Zwiebel und sagte knurrend: »Glaubst du, ich soll deinen Träumen nachlaufen?«

»Gewiß, tu's, tu's!« bat die Frau. »Es hat dreimal gerufen.«

»Ich hab' nichts gehört,« sagte der Mann; aber er schlüpfte in seine schweren Holzschuhe, riß die knarrende Tür auf, die nach innen schlug, und sah auf der 51 Schwelle etwas liegen. Er leuchtete: es war in ein rosenfarbiges Tuch gewickelt. Er hob es auf; da bewegte es sich. Es war ein Kind, kaum zwei Tage alt. »Ein Fallkind auf unserer Schwelle?« Ein Fluch wollte ihm entfahren.

Da stürzte aus dem Stall der Knecht ins Haus und rief ganz außer sich: »Dossénn, Dossénn, in diesem Augenblick haben deine beiden Säue geworfen: zweiunddreißig Ferkelchen auf einmal. Du bist ein reicher Mann geworden.«

Den Bauer durchfuhr es; er wollte zu seinen Säuen und den fremden Balg fortschleudern. »Was sollen wir damit?«

»Bist du unfromm?« rief da Polla energisch. »Siehst du nicht, daß das Glück uns den Eindringling ins Haus gebracht? Im selben Augenblick, als ich den Lichtschein sah, ist im Stall das prächtige Wunder geschehen. Wer weiß, wer das Kind brachte? Vielleicht war es irgendein Gott. Gib her das Kind, ich zieh' es mit auf.«

Eben fing der Findling erbärmlich an zu schreien. »Hör' nur, er brüllt, er brüllt! Das Leben tut weh; das bezeugt jeder rechte Säugling. Aber er lebt, er hat Kraft, zu leben.«

Und sie setzte den eigenen Sohn ab und nahm das fremde Kind an ihre Brust. Ihre Natur war stark genug und freute sich, beide zu nähren. »Die Götter hören jeden Kinderschrei,« sagte sie andächtig und selbstzufrieden. Erst als der Kleine wieder still geworden, wickelte sie ihn in Windeln von oben bis unten, daß nur das Köpfchen heraussah. Es schien gar kein schönes Kind zu sein.

Dossénn aber hatte inzwischen die Glücksbescherung in seinem Stall mit Wonne betrachtet. Zweiunddreißig 52 Ferkel auf einmal! Dafür konnte er sich bald ein ganzes Ackerrind erstehen! Als ihn am anderen Morgen zwei Bälge statt eins aus dem Schlafe schrien, lachte er nur, sah sein Weib gespaßig an und sagte: »Du machst es schon; es bringt dich nicht um. Wenn nur meine Säue an den zweiunddreißig nicht krepieren!«

Kaum hatte er das gesagt und stand auf der Straße, da kam in einer Staubwolke ein reicher Mann aus Verona auf einem feinen zweirädrigen Lustwagen einhergefahren; auch noch ein Lastwagen kam im Gefolge. Der Mann hielt an, winkte mit der Peitsche und fragte: »Wir bauen in Verona einen großen Bau. Habt ihr nicht Ziegel im Dorf?«

»Ziegel! Ziegel! Ei, ihr lieben Götter! Ist's mit den Säuen noch nicht genug?«

Dossénn hatte in den letzten Jahren wirklich Ziegel gestrichen; aber sie standen unterm Verschlag, alle mißmutig und unverkauft. Seine Wirtschaft wollte nicht voran. Jetzt riß er das Maul auf vor Staunen, er hatte auf einmal einen Käufer und half selbst sie aufzuladen, und faßte einen ganz frischen Mut. Denn der reiche Mann sagte, er solle nur immer mehr Steine backen, so Jahr für Jahr; er werde sie ihm alle abnehmen, Fuhre um Fuhre.

»Polla, hast du es gehört?«

Polla stand in der Tür und nickte sprachlos, und ihre Augen gingen ihr über. Sie hielt beide Kinder auf den Armen, in jedem Arm eins; sonst hätte sie vor Überraschung das Gleichgewicht verloren.

Und der Wohlstand mehrte sich gleich, der Kasten schwoll zusehends, und es wurden auch noch ein paar Kinder mehr im Hause geboren. Die gediehen alle ganz wundervoll und strotzten wie die Gurken und Melonen.

53 Nur der kleine Findling – sie hatten ihn Fortuit genannt – war zart und enttäuschte sie. Er lernte laufen und sprechen wie jedes andere Kind und hatte eine liebliche Stimme, wie eine Hirtenflöte, dazu schöne dunkle Locken um die Schläfen, und große blaue Augen von übermenschlichem Glanz standen ihm im Kopf. Aber was nutzten die Stimme und die Augen? Das Bürschchen hatte einen kleinen Höcker, der Kopf war größer als nötig, und die Arme waren gar schwächlich und ohne Kräfte.

Polla hatte Mitleid mit dem Kleinen, und Fortuit hing mit Liebe an ihr. Dossénn aber sah jetzt mißmutig auf den Eindringling, der in der Wirtschaft nie nützen würde. Als der Junge sechs Jahre alt war, noch kein Reisig aus dem Walde schleppen konnte und nicht einmal ein paar Backsteine auf den Wagen hob, gönnte er ihm das Brot nicht. Fortuits große Augen sahen, was der Ziehvater dachte, und er begann auf einmal, ihn zu hassen und zu fürchten und drehte sich um, wie der Vater kam. Der packte ihn derb und schlug ihn. Tags darauf hörte Dossénn, der reiche Mann in Verona sei gestorben. Das Geschäft ging ein. Die Ziegelei stand still. Die Armut stand wieder vor der Tür.

Dossénns üble Laune wuchs; er mußte die Armut einlassen. Und eines Tages war auch Fortuit verschwunden.

»Ein Glück, daß wir ihn los sind!« murrte der Mann, machte sein dümmstes Gesicht und kaute an seinem Ärger, als hätte er Knoblauch im Munde.

Polla weinte: »Ich fürchte, das Glück zürnt uns darum, daß wir an dem Knaben nicht recht getan. Ich sah einen Schimmer wie Morgenröte, als er uns ins Haus kam. Du solltest ihn suchen gehen.«

54 Aber Dossénn war trotzig und suchte ihn nicht.

Fortuit faß weinend am Feldrain unter einem Wacholderbusch. Er ängstete sich sehr, aber er wollte doch eben artig wieder nach Hause schleichen. Da sagte ein Wanderer zu ihm: »Du armer Kauz, was gibt's denn zu weinen?« Derselbige Wanderer bemerkte, daß das Kind etwas bucklig war, und dachte: Aufgepaßt! Das gibt einen guten Handel. Bucklige sind besonders klug, und in Rom kauft man gern solche Knaben! Freundlich schmeichelnd nahm er Fortuit an der Hand, und der folgte ihm willig und voll Zutrauen.

»Wie heißt du?« fragte Fortuit.

»Ich heiße Atrox.«

Das gab eine lange Reise – erst zu Fuß, dann auf dem Karren, durch Berge und Tiefland und wieder durch Berge. Wie sonnig ist die Welt und wie groß! dachte Fortuit und sang vor sich hin und sah dankbar auf diesen Atrox, der doch nichts als ein Menschenhändler war. Der aber gab bald das Schmeicheln auf und sperrte den Knaben, um seine Mißgestalt noch zu steigern, in einen niedrigen Kasten, worin er nicht aufrecht sitzen konnte; so würde er noch besser verkäuflich sein.

Und Fortuit saß in sich gekrümmt und sah kläglich mit seinem feinen Gesicht aus dem Gitter hervor, wie ein mißhandelter Amor im Vogelkäfig; durch das Gitter bekam er sein Futter – bis sie endlich an einem Strom anlangten. Es war der Tiber.

Da stand ein schlechtes Wirtshaus, worin die Fuhrleute und Flößer verkehrten. Atrox fing sogleich mächtig zu trinken an, den Kasten aber ließ er in der Sonne auf der Straße stehen.

Zum Glück kam Verus, der Flößer; der entdeckte den Gefangenen, und es erbarmte sein Herz, denn er 55 war ein starker und guter Mann. »Komm heraus, armer Junge!«

Zitternd hängte sich Fortuit an den Befreier und legte sein Haupt ohne Furcht in sein rauhes, struppiges Gesicht. So angeschmiegt, schlief er gleich ein im Arm des Fremden. Der trug ihn sorgsam zu seinem Weibe und trat dann zu Atrox an den Tisch, wo die Würfel lagen; und das Würfelspiel begann und endete erst am Morgen. Und siehe da: Verus gewann, Atrox verlor und verlor, bis er den Würfelbecher krachend auf den Tisch schlug.

»Was hast du noch zu verlieren?«

»Nichts als den Knaben.«

Da verspielte Atrox auch noch den Fortuit.

Der Flößer nahm Fortuit auf sein Floß. »Ich glaube, der Junge war's, er hat mir Glück gebracht!« sagte er abergläubisch. Und so ging nun die Flußfahrt den Tiberstrom hinab, durch die Krümmungen des Gebirges, indes wilde Ölbäume, Bergeschen und Erlen vom Ufer grüßten. Das Floß war bedeckt mit Körben duftender Gemüse und Früchte. Dazwischen hockten des Verus Frau und zwei Töchterlein, und Fortuit lag daneben selig träumend auf dem Rücken und starrte geradeauf in den Himmel. Die Töchter wuschen den Knaben, sie kämmten ihn, sie steckten ihm Früchte in den Mund, sie fragten ihn nach seiner Geschichte, und er erzählte viel; sie neckten ihn und nickten ihm, und er mußte lachen. Er hörte das Wasser unter sich gurgeln und zischen und strudeln und fühlte sich endlich frei und ungepeinigt und glücklich, wie der Fisch im Grund.

Verus aber, der das Steuer zu drehen hatte, zählte inzwischen mit Eifer das gestern gewonnene Geld nach. Er zählte und rechnete, als auf einmal die Balken 56 krachten, der Boden schwankte, das Ruder zerbrach und das schöne Geld ihm aus der Hand stürzte. Er hatte auf die Stromschnelle nicht achtgegeben. »Verloren!« schrie er. »Das Sündengeld bringt uns allen Verderben.«

Aber – o Wunder! – das Floß blieb heil, inmitten der Klippen, und Fortuit kroch herbei und las ihm das Geld auf, Stück für Stück. Sein Kinderauge war dabei voll von fremdartigem Glanz. Die schwimmenden Balken, die sonst auseinanderklafften, schlossen eng und ohne Spalt zusammen wie der Boden einer Tenne. Kein Heller war ins Wasser gefallen.

Verus war bleich vor frommem Schreck. Das geschieht nicht mit rechten Dingen! In dem Kinde steckt etwas! dachte er wundergläubig. Bei mir behalten kann ich es nicht, heimatlos, wie ich bin; aber ich muß sorgen, daß es ihm gut geht, sonst rächt es sich an uns noch nachträglich und aus der Ferne wie ein Gespenst.

Als sie endlich an der schönen Hafentreppe in Rom das Fahrzeug festlegten, da bot die Frau das Gemüse, das sie mitgebracht, er selbst aber bot das Kind zum Kauf aus im Menschengewühl der Großstadt. Den vornehmen Händlern, die ganz ansehnliche Sümmchen zahlen wollten, gab er Fortuit doch nicht heraus; denn er meinte, solche Leute würden das Knäblein am Ende nur peinigen und mißbrauchen. Aber da war ein Schullehrer, der sah spindeldürr und ebenso verhungert wie liebreich aus; der kaufte sich eben fünf Sardellen für sein Mittagbrot; denn sie waren zu Hause fünf Personen bei Tisch. Ihm zeigte Verus seinen Schützling, und der Lehrer blickte in das Knabenauge, nahm ihn gleich an der Hand – denn er war nicht nur mager und liebreich, sondern auch klug –, kaufte am Stand 57 noch rasch eine sechste Sardelle und führte den neuen Mitesser stracks nach Hause. Es war ein Handel ganz ohne Geld. Verus hatte für das Kind keine Bezahlung genommen und dankte den Göttern für die glückliche Fahrt und ihre Gnade.

Der Herr Magister wohnte in der Altstadt im fünften Stock. Fortuit verging auf den endlosen engen Treppen der Atem. Als sie oben waren und in den schlotartigen Lichthof hinabsahen, befiel ihn der Schwindel. Die Magistersfrau und zwei garstige Töchter begrüßten ihn mit freudigem Geschrei. Die dritte Tochter, Megilla, war hübsch, aber traurig und teilnahmslos. Die Sardellen wurden zu Brot und Wasser verzehrt. Da war er! Man teilte sein Brot mit ihm! Er wurde dann auch noch oben aufs Dach des Hauses geführt, denn er sollte gleich ganz Rom sehen. Aber da wurde ihm so schwindlig, daß man ihn zurücktragen mußte.

Die Schüler hatten in Rom Sommerferien vom Mai bis September, und der Lehrer hatte also fünf Monde lang nichts zu tun. Wie ein ausgehungerter Tiger stürzte sich des Magisters Lehreifer auf den Ankömmling. Fortuit mußte gleich lesen lernen, und nicht nur Lateinisch, nein, auch gleich Griechisch, und er begriff das herrlich, als hätte er selbst die Sprachen erfunden. Flugs kamen auch Geschichten daran wie vom Pelopidas und vom Epaminondas (denn das Buch des Cornelius Nepos war damals eben erschienen), sowie auch Tiergeschichten vom Löwen und Esel und von der alten Krähe, die sich mit Pfauenfedern schmückt. Die waren vom Äsop. Fortuit strahlte dabei vor Vergnügen, sein Lehrer aber war ganz gerührt; denn das Lerntalent des Jungen war ihm wie ein Leckerbissen und Zuckerbrot. Er strich ihm sanft über den Rücken und sagte mit 58 süßen Tönen: »Auch Äsop war bucklig wie du, und er ist doch berühmt geworden und hat all die Fabeln erdacht, und auf der Promenade steht sein buckliges Sitzbild in Marmor. Das will ich dir zeigen. Und dein Höcker ist nur klein, aber ich glaube, es sitzt Gehirn darin, und er ist dir ein Ehrenschmuck; und du sollst mir wie ein Sohn sein, um den ich die Götter umsonst gebeten.«

Da kamen dem Fortuit die Tränen; denn es war das erstemal, daß jemand so ehrenvoll von seinem Gebrechen sprach.

Aber der Magister sprach noch, da hatte es schon laut an der Flurtür gepocht. Ein Bote überbrachte ihm einen großen gallischen Schinken gratis mit Gruß vom Marktbeamten, dem Ädilen; und gleich darauf kam schon ein anderer Bote, der meldete bei ihm für den Herbst fünf neue Schüler an, fünf reiche Freigelassenensöhne aus dem Haus des großen Hortensius! Das waren glänzende Aussichten. Die zwei garstigen Töchter jubilierten und sprangen umher, der Vater rang die dünnen Hände vor Erregung, daß sie knackten, und auf einmal stürzte er mit einem Stück Schinken im Mund und mit einem zweiten unterm Arm zum Tiberhafen.

Der Flößer, der ihm den Knaben gegeben, war wirklich noch da. »Hier, nimm, nimm, du sollst auch etwas vom Schinken haben!« rief er atemlos und erzählte, was eben vorgefallen, und auch Verus gab nun zum besten, was er an Fortuit beobachtet und was seine Frau von dem Kinde erlauscht hatte; und der Magister zog die Augenbrauen hoch, als hätte er eine Entdeckung gemacht, wichtiger als die Quadratur des Zirkels.

»Aber was nutzt mir der Schinken und alles andere, solange noch meine Megilla traurig ist?« Megilla saß 59 seit Wochen weinend auf einem Schemel. Ihr Verlobter war verzaubert und lief einer andern nach. Als jedoch der Magister nach Hause kam, war auch Megilla froh.

Fortuit war aus Neugier aufs flache Dach des Hauses geklettert. Er wollte noch einmal ganz Rom sehen; denn Rom war ja die Stadt, wo der Kaiser wohnte. Aber der Schwindel hatte ihn wieder gepackt. Er hielt sich an der niedrigen Brüstung und glaubte, es zerrte ihn vornüber jäh in die Tiefe. Er konnte vor Angstbetäubung nicht einmal schreien. Megilla aber hatte auf ihn achtgehabt. Sie fand den Hilflosen und schloß ihn in die Arme, bis ihm wieder wohl wurde. Als sie ihn heruntergetragen, stand ihr Verlobter im Zimmer und stammelte Entschuldigungen. Sie schimpfte den Mann erst gründlich aus in beiden Sprachen (denn sie zeigte gern, daß sie auch Griechisch gelernt) und fiel ihm dann glückselig um den Hals. Denn er war Kuchenbäcker und hatte einen Honigkuchen mitgebracht, der größer war als der Tisch. Schinken und Honigkuchen? Nun ging es hoch her, und Fortuit bekam sein Teil von allem.

So fand er hier für ein ganzes Jahr eine rechte Heimat, wo ihn ohne Trübung nur Güte und wirkliche Zuneigung umgab. Im Oktober begannen die Schulstunden. Da mußten sie beide, der Meister und er, zu den Lauben im untersten Stock hinunter; denn die Stuben zu ebener Erde waren nach der Straße ganz offen. Da wurde Schule gehalten, und zwar schon eine Stunde vor Sonnenaufgang und im Stockdunkeln. Es galt früh aufstehen, während sonst alles noch schlief. Die Hähne der Nachbarschaft wurden wach von dem Singen und Gedichtaufsagen der kleinen Schreihälse, das über die Straße scholl.

60 Mit Wonne half Fortuit seinem Herrn, hielt ihm die Bücher, spitzte die Kreide und stellte jedem Knaben ein Öllämpchen hin, damit ein jeder auch ins Buch sehen konnte. Aber es waren diesmal so viel Schüler herbeigeströmt, fünfzig statt zwanzig, daß der Platz kaum reichte und er eilen mußte, um neue Lampen hinzuzukaufen. Der Lehrstoff schwirrte im rauchigen Zimmer, der Stock fuhr dazwischen, und alle lernten herrlich. Am Schluß des Quartals brachten sämtliche Kinder dem Magister prompt das in Papier gewickelte Schulgeld, das bisher so oft ausblieb; denn die Eltern drückten sich sonst gern darum und sagten, die Kinder müßten es wohl auf der Straße verloren haben, und der Magister war wehrlos und hungerte.

Zur Prüfung endlich kamen die Eltern selbst herbeigeströmt, standen auf der Straße, horchten in die Stuben und hörten zu. Das gab einen wahren Volksaufstand. Aber die Kinder auf den Bänken machten es musterhaft, als hüpfte ihnen vor Freude der Verstand in der Brust. Das war noch nicht dagewesen! Der Magister wurde sofort berühmt; sein grammatisches Lehrbuch, das er vor zehn Jahren abgefaßt und das niemand ansah, war sofort vergriffen, und im hohen römischen Senat selbst trat eine Kommission zusammen, die beriet, ob es nicht an der Zeit sei, diesem berühmten Schulmann ein Marmordenkmal zu setzen. Es kam schon ein Künstler, der seinen Schattenriß aufnahm. Triumphierend saß der Alte Modell. Zu derselbigen Zeit heiratete auch Megilla ihren Kuchenbäcker.

Wem dankte er das alles? Es konnte kein Zweifel sein. Und er setzte sich hin und schrieb rasch ein Buch, betitelt »Fortuit«; darin pries er, was alles der Knabe vollbracht, und dichtete noch etliches hinzu. Denn er 61 glaubte, das Talent des Schriftstellers zeige sich erst da, wo er die Wahrheit verläßt. Fortuit selbst erfuhr nichts vom Inhalt des Werkes. Kaum war das Buch erschienen, da bot man dem Verfasser hunderttausend, zweihunderttausend Sesterze für das Kind. Die kolossalen Summen betäubten ihn. Er gab Fortuit weg an den reichen Lollius und wurde nun auf einmal fett und faul, satt und untätig und verlor die Freude aus seinem Herzen. Seine Schule schlief ein, sein Marmorbild kam nicht zustande, und die Geschichte hat nicht einmal den Namen des Mannes aufbewahrt.

Fortuit brach fast das Herz vor Betrübnis, als er die fünf Stiegen zum letztenmal hinunterstieg. Er hatte noch nicht das achte Jahr vollendet. Auch der Magister weinte ein bißchen – aber es half wenig – und gab dem Leselustigen zum Trost noch ein paar Bücher mit, die er nicht mehr brauchte. Wie schnell trockneten indes die Tränen, als Fortuit im Palast seines neuen Herrn war!

Daß Lollius ein hämischer, ehrgeiziger Mann, daß er seine Reichtümer aus Asien durch Raub erworben, konnte das Kind nicht ahnen. Wie wundervoll war der Marmorpalast, und all die Säulen und Erzfiguren und Malereien! Wie schön war das Bett, das er bekam! Und bei den fürstlichen Mahlzeiten durfte er stehen und vom Silberteller naschen und trug ein himmelblaues linnenes Röckchen: das lag so weich auf seiner Haut! Auch schenkte ihm Lollius gleich, um ihn recht gut zu stimmen, einen Wagen mit zwei schneeweißen Ponys, die kurzgeschorene Mähnen und rote Schleifen hatten; damit fuhr er in dem von Kolonnaden umgebenen Baumpark umher, wo das Wasser aus wundervollen Muschelgrotten sprang – da war es geschützt auch im 62 Winter –, und vornehme Knaben spielten mit ihm, vor allem auch des Lollius kleine Tochter Lolliana. Lolliana zog ihn auf die Bank und küßte ihn, um ihm Mut zu machen. Das machte ihn lachen, und er fragte sie, ob ihr denn sein Höcker nicht mißfiele. Sie aber fand ihn ganz elegant und wunderhübsch und führte ihn gleich zu einem Spiegel; darin beschaute er sich lange von der Seite und dachte heimlich: »Es steckt Gehirn darin, sagte der kluge Mann. Gehirn? was ist das nur?« Und er wurde fast eitel; aber Lolliana liebte er fortan über die Maßen, denn sie war liebreizend und fein.

Lollius war mit dem kaiserlichen Hof zerfallen und saß bärbeißig, verärgert, gedemütigt und schmollend in seinem Reichtum. Jetzt aber ging ihm plötzlich des Kaisers Gnade auf. Niemand begriff, wie das zuging. Der große Kaiser Oktavian erschien in Person bei ihm; Lollius wurde mit allem Glanz zum Konsul erhoben – eine lang ersehnte Ehre –, seine Frau und seine Schwester wurden als Hofdamen bei der Kaiserin zugelassen, und auf einmal strömten ihnen auch die Gunst und die Huldigungen der großen Gesellschaft zu. Er hatte, was er wollte.

Oktavian war übrigens gekommen, um den kleinen Fortuit bei Lollius zu erspähen. Denn auch zu ihm war das märchenhafte Gerücht gedrungen. Er hätte ihn gern mit in den nächsten Krieg geschickt. Wer weiß? der Sieg wäre durch ihn entschieden gewesen. Aber Lollius verbarg den Kleinen wohlweislich, und der Kaiser scheute sich, nach ihm zu fragen.

Seitdem hielt ihn Lollius verborgen. Nur zum Zirkusrennen ließ er ihn einmal gehen; denn Fortuit bat so sehr. Im Zirkus fuhren die Vierspänner der Vornehmen 63 um die Wette, und Lollius und viele andere öffneten ihre Stallungen und sandten ihre schönsten Vierer dorthin. Fortuit war mit im Zirkus. Er schlich voll Neugier zu den Kutschern, die eben mit Geschrei ihre Tiere anschirrten. Niemand kannte ihn. Aber im Gedränge fiel er hin, und ein Kutscher trat auf ihn und stieß ihn roh mit dem Fuß zur Seite, als ein andrer ihn rettete, ihn emporriß und freundlich festhielt und tröstete. Es war ein schöner, feuriger, starker Mann im blauen Rock: das war Fortuits Lieblingsfarbe. Der stellte ihn in seinen Wagenkorb, und die Wettfahrt begann; der Knabe bebte vor Erregung, die Sandwolken flogen, die Achsen krachten, der Schaum der Tiere flog ihm spritzend ins Gesicht. Das Volk schrie von allen Seiten aus tausend Kehlen: »Ein Knabe im Wagen! der Knabe, der Knabe!« – Ein Wirbel, ein Donnern, ein Heulen, ein Stampfen – siebenmal die Bahn! Die Fahrt war zu Ende. Fortuit hing jauchzend und halb von Sinnen in seines Beschützers Armen. Sein Wagen hatte gesiegt. Aber es war nicht des Lollius Wagen, der siegte. Fortuit war mit dem Gegner seines Herrn gefahren. Lollius wütete; seine Niederlage war schwer; die höchsten Wetten standen auf seinen Pferden.

Am andern Tage wurde Fortuit mit Ruten blutig gestrichen, daß ihm das Rückgrat noch lange schmerzte, und er wurde fortan in strengem Gewahrsam gehalten. Niemand sollte etwas von ihm haben. Auch Lolliana sah er jetzt nur noch von weitem; sie blickte nicht mehr nach ihm; er sprach sie nie wieder. Nur mit der Dienerschaft im engsten Hausverbande durfte er noch verkehren.

Da kam ein tiefes Trauern, eine unsägliche Verlassenheit über ihn, schwerer denn je. Denn er war sich keiner 64 Schuld bewußt. Er war so stolz, so glücklich gewesen, und aus all dem Glanz und all der Wonne war er gerissen. Er begriff nicht, warum, weshalb man ihn geliebt hatte und wieder verstieß. Unter den rohen Stalljungen und Waschmädchen verbrachte er die nächsten sieben Jahre. Sein Herr vergaß ihn ganz. Er war für ihn nur Zahl, nichts weiter. Aber sein Körper gedieh in der Stille und wuchs ansehnlich, und seine Natur gesundete. Glück brachte er niemandem. Er liebte nur die Bücher, die er besaß; die las er in der Einsamkeit immer wieder.

So ward er fünfzehn Jahre alt. Da merkte er, daß eine wohlhabende griechische Frau – sie hieß Helena –, die bei einer der Schaffnerinnen verkehrte, auf ihn achtgab. Sie hatte längst von Fortuit gehört. Er war ja das Wunderkind, über das der Magister, als er noch hungerte, sein bekanntes Buch geschrieben hatte. »Besuche mich!« sagte sie zu ihm.

»Mein Herr hat verboten, daß ich ausgehe,« gab er zurück. Aber er kam heimlich zu ihr, einmal und oft; es war ein Abenteuer, als wäre er ein Liebhaber, und in ihm erwachte ein verschleiertes Gefühl grenzenloser Hingabe.

Aber Helena war nicht wie andre Frauen. Sie war Witwe und schön wie eine Heilige. Ihre Stimme klang feierlich wie Tempelgesang. Schwarz wie Kohlen glommen ihre Augen in ihrem tiefbleichen Gesicht, und sie hatte den Blick der Seherin.

Sie wollte ihn erziehen und versuchte in heiligen Büchern mit ihm zu lesen. Aber er sah nur sie. Sie erzählte ihm Legenden von frommen Männern, die Wunder taten und verbrannt wurden, und die Welt pries sie selig. Fortuit fand das sehr grausam und fremd, 65 und er hörte nur sie. Sie führte ihn ins Nebengemach: da stand in magischem Licht eine Statue Virgils, des großen Dichters, großmächtig und gedankenvoll.

»Wer aber ist Virgil?« fragte Fortuit.

»Das ist der weiseste unter den Menschen,« antwortete sie; »und er lebt noch. Könntest du ihn suchen!«

»Ich will nur dich!« stammelte er zärtlich.

Da begann Helena: »Sieh nicht auf mich, Kind. Die Götter haben ihre Pläne mit dir. Berühmt wie Virgil und ein Beglücker des Menschengeschlechts, das sollst du werden.«

»Das versteh' ich nicht,« sagte Fortuit und weinte. Sein Herz öffnete sich endlich ganz: »Siehst du denn meinen Höcker nicht? Mein Höcker ist mir ein Zeichen: ich werde wohl Sklave bleiben mein Lebelang. Er ist wie die Last, die den gebückten Knechten im Rücken hängt, während der Freie nichts trägt. Des Freien Nacken steht schlank und gerade!«

Helena sagte sanft: »Die Götter tun nichts Übles. Glaube mir: der Höcker des Buckligen ist wie der Henkel am Krug; Gott will ihn daran fassen zu seiner Zeit, um ihn emporzuheben und anzufüllen mit Glückseligkeit aus dem Born des Himmels bis oben hin.«

»Warum aber verdurste ich denn?« fragte Fortuit traurig. »Und was soll aus mir werden?«

»Du bist ein Glücksbringer! Darum lieben dich die Guten, und die Schlechten fürchten dich. Weißt du es nicht?«

Fortuit wußte es nicht.

»Aber daß du ein Findelkind, das weißt du doch? Findelkinder aber sind Kinder des Glücks, die 66 Glücksgöttin Fortuna selbst ist deine Mutter, und heimlich hat sie dich einst auf die Schwelle gelegt. Deine Mutter selber, die wirkt in dir. Daher hast du der Megilla zur Ehe, ihrem Vater zum Wohlstand, hast du dem Lollius zu des Kaisers Gnade verholfen; daher hast du auf der Rennbahn gesiegt. Du bist ein gefährlicher Mensch und mächtig wie das Schicksal selber. Gib acht, daß du hinfort nicht den Verkehrten beglückst.«

»Und wie soll ich achtgeben?«

»Prüfe die Menschen. Häng' deine Zuneigung nur an die, die es verdienen. Wen du nicht liebst, der hat von dir nichts zu hoffen. Deine Liebe ist deine Macht. Liebe nur, die reines Herzens sind, und du wirst sein wie ein Gott auf Erden; denn alsdann wird durch dich die Tugend schon hinieden ihren Lohn haben.«

So sprach die eifrige Frau. Fortuit aber war tief bestürzt, er erschrak vor sich selber, er war sich selbst ein Gespenst: »Es muß schrecklich sein, ein Gott zu sein! Und wer ist gut? bist du es, Helena? Und warum darf ich dich, dich allein nicht glücklich machen?«

»Weil ich wunschlos bin«, sagte sie herb und gab ihm ein Schriftstück in einer Kapsel, die ganz erfüllt war von Weihrauchduft. »Geh! Ich habe hier ein Wort für dich geschrieben; das lies dereinst, wenn du ein Mann geworden; es wird dir helfen, wenn du es brauchst.«

Am andern Tag war Fortuit an Agatharch in Capua verhandelt. Man schleppte ihn fort aus Rom. Er sollte Helena nie wiedersehen. Denn Lollius, sein Herr, wollte ihn endlich los sein, da er nichts mehr von ihm hoffte, und ließ seine unheimliche Begabung beim Verkauf laut anpreisen, um wenigstens noch ein gutes Geschäft zu machen. Agatharch, der neue Käufer, versprach 67 sich viel von ihm. Von neuem war er unter Fremden. Sollte hier dasselbe Spiel noch einmal beginnen?

Agatharch war Arzt und schliff gerade sein Seziermesser, als Fortuit, ganz ausgehungert von der Reise, in die Halle trat. Fortuit sah in ein Habichtsgesicht mit krummer Nase und in ein paar Augen, die gelb und blank wie Honig waren. »Willkommen, Bürschchen! Du sollst uns Glück bringen!« sagte Agatharch.

»Und bist du auch gut?« fragte Fortuit einfach.

»Ich bin Arzt, und wir Ärzte sind alle gut; denn du weißt, wir helfen den Leidenden.« Und er zeigte ihm gleich seine Bestecke und Zangen und Sägen und Sonden; die lagen alle fein sauber und unbenutzt. Denn Agatharch hatte als Militärarzt im letzten Kriege die Verwundeten arg mißhandelt; in Capua fürchtete man ihn daher wie den Tod und vertraute ihm keinen Esel an.

Fortuit fragte kritisch: »Die Ärzte, die gut sind, brauchen die auch noch Glück?« Als ihn aber Agatharch mit an seinen Herrentisch nahm zu einem herrlichen Empfangsessen und ihm gar in Jahresfrist die Freiheit versprach, die Freiheit und noch Geld dazu, da erwärmte sein Herz sich rasch: »Freiheit! köstliches Wort! Wer mir die Freiheit schenkt, den muß ich lieben.«

Am selben Tage noch brach ein großes Viehsterben in Capua aus, und man schickte in der Not auch zu Agatharch. Er konnte sich jetzt wenigstens an den Eseln bewähren. Ja, auch ein Mensch ließ sich von ihm amputieren und blieb am Leben; Fortuit assistierte bei dem Werk; der abgeschnittene Fuß wurde sorgfältig einbalsamiert und zum Dank in einem Tempel aufgehängt.

»Daß doch die Seuche endlich auch in die Menschen 68 führe!« zischelte Agatharch zu Rufa, seiner Frau, und kniff vor Gier die blanken Augen zu, als ob sie klebten. Fortuit hörte es, und er stutzte. Das schien ihm nicht gut zu sein. An seinen Haustürpfosten schrieb Agatharch die Anpreisung: »Hier findet man Heilung gegen Schlangenbiß«; in seinem Hofe aber züchtete er giftige Nattern und setzte sie dann heimlich in die Gärten und Häuser der Nachbarschaft aus. Fortuit sah mit Angst die züngelnden Tiere. Ein Widerwille faßte ihn.

Im Hause saß ein altes Männchen mit wackelndem Kopf auf einer Kiste. Das war Agatharchs reicher Vater. Der sah aus, als wäre er wie Tantalus am Verhungern; man wusch ihn nicht, man kämmte ihn nicht, und er warf täglich lechzende Blicke herüber, wenn Fortuit mit seiner Herrschaft Krebse und Masthuhn aß. Fortuit sprang auf, um dem Tantalus seinen Teil zu bringen, aber man riß ihn zurück: »Das Huhn ist für uns; er verträgt es nicht.«

»Es ist Zeit, daß er stirbt,« hörte er Agatharch zu seinem Weibe raunen. »Weiß er denn nicht, daß wir sein Geld brauchen, und ist er nicht alt genug geworden?«

Den anderen Tag brachte das Paar dem großen guten Gott Jupiter ein reiches Brandopfer im Tempel. Fortuit aber wußte, weshalb sie beteten. Er haßte, haßte jetzt seinen Herrn. Wehe, wenn er ihm auch nur einen seiner Wünsche erfüllte! Sein Herr aber merkte den Wandel und verging vor Wut – denn auch der Tantalus verjüngte sich wunderbar und saß fester als je auf seiner Geldkiste.

Das Jahr war verstrichen, aber die versprochene Freiheit blieb aus. »Was, Freiheit?« kreischte Agatharch, und seine Honigaugen wurden giftig wie die Nattern. 69 »Wenn du mir nicht Glück bringst, Betrüger, mir nicht gleich morgen einen Haufen von Kranken schaffst – und ob die Pest unter die Menschen fährt! – so schneide ich dir den Höcker weg, daß du merken sollst, wozu ich meine Messer schleife. Du hast Bedenkzeit bis morgen.«

Da befiel den Fortuit Todesangst. Er liebte doch jetzt seinen Höcker, und er dachte, der Krug könnte zerbrechen, wenn man ihm seinen Henkel nähme; und der Krug war immer noch so leer an Glück.

In stockdunkler Nacht floh er davon, irrte im Wintersturm durch die Gassen und fand erst am Morgen einen Bauersmann, der mit einem Karren voll Säcken ins Gebirge fuhr. Tief in den Säcken verkroch er sich, ohne daß der Fuhrmann es merkte; nur sein Höcker ragte ein wenig heraus. Die Maultiere zogen an. Agatharch verfolgte sein Opfer umsonst. Er war gerettet.

Der Fuhrmann machte große Augen, als er am Ziel war und den Eindringling fand. Er wollte die Hunde auf ihn hetzen. Aber es stellte sich heraus, daß die Säcke auf der Fahrt sich wunderbar vermehrt hatten: zwanzig hatte der Mann aufgeladen, und dreißig lud er wieder ab. Auch fand sich im ersten Sack gleich noch ein goldener Ring, der für eine Prinzessin getaugt hätte. Das ist mir ein kostbarer Junge! dachte der Fuhrmann und sagte grunzend: »Du darfst bei uns bleiben.«

Fortuit hätte ihn küssen mögen vor Dankbarkeit; denn er war nun endlich frei und geborgen. Aber der Kerl war borstig und wild wie ein Waldteufel.

Da saß er nun unter rauhen Hirten, eingeschneit im engen Hochgebirge des Apennins. Die einfältigen Leute sahen mit scheuer Verehrung auf ihn und brachten ihm Hirse und Käse und Haferbrot gegen den Hunger. Das 70 schmeckte ihm freilich wenig, denn er war durch die städtische Küche arg verwöhnt. Und er war nun ganz vereinsamt. Denn wer sollte ihn hier verstehen?

Der Himmel zog seine schweren Winterwolken durchs Tal; dann kam der Frühling und legte seinen Glanz um sein junges Herz. Aber er trauerte und war wie ein junger Baum ohne Trieb, als sollte er eingehen. Er hatte die Menschenverachtung gelernt. Er glaubte nicht mehr an das Gute. Wozu leben die Menschen? Sie sündigen, um reich zu werden; sie werden reich, um zu sündigen; sie schwelgen, um zu sterben – und hätten sie nicht gelebt, die Welt wäre besser.

Und Fortuit selbst? Wozu seine Begabung, an die alle glaubten? Auch er trug ja tausend Wünsche in der jungen Brust, aber er konnte sich keinen erfüllen. Er konnte nur andre glücklich machen. Er hatte Heimweh nach Polla, die seine erste Mutter gewesen. Er hatte Heimweh nach dem Floß, auf dem er den Tiber hinabgeglitten wie in die Gefilde der Seligen. Er hatte Heimweh nach der Schulklasse mit den Öllämpchen, wo er mit Myrtenbesen den Boden gereinigt, wo er dem Magister das Buch gehalten und wo er wirklich gefühlt, daß er etwas galt. Er hatte Heimweh endlich nach Lolliana, die wie ein Morgenstern, und nach Helena, die wie ein Abendstern ihm vor der Seele stand. Alle, die er liebte, waren ihm entrissen worden, und keiner hatte ihm mit gleicher Liebe gelohnt. Da fraß der Neid in ihm. Einsam wie die Eule saß er in einem Baum und ließ sich keinen nahekommen, aus Angst, er könne ihm Gutes tun, indes sein Herz aus Mangel an Liebe verschmachtete.

Die Hirten aber hatten ganz andres von ihm gehofft; sie gönnten dem Nichtsnutz keine Nahrung mehr 71 und verlangten, daß er ihr Tal verlasse. Vereinsamung ist der Hungertod der Seele. Aber er wollte auch sonst nicht verhungern. Das gab ihm einen gesunden Stoß. Er brauchte die Menschen doch! Sein Leben mußte sich entscheiden. Wohin sollte er sich wenden?

Er stürzte sich in den sprudelnden Bergbach, badete sich Leib und Seele rein, und ein kräftiges Wollen kam über ihn. Jetzt endlich griff er nach der Kapsel, die ihm Helena gegeben, und die von heiligem Weihrauch noch immer duftete. Da las er die strengen Worte, die ihm Helena für diese Stunde geschrieben hatte.

»Lebe für andre,« hieß es, »und vergiß dich selbst! Liebe, aber hoffe nichts! und du wirst nicht nur in dieser Welt, sondern auch vor Gott groß werden. Geh hinaus zu den Guten und Bedürftigen und gib ihnen das Glück, das du nicht hast! Ich weiß,« schrieb Helena, »diese Lehre ist herb und schwer. Laß sie groß werden in deinem Herzen und mache mir Ehre als mein rechter Schüler. Wenn du aber verzagst, so geh zum Virgil! Virgil wird dir Trost wissen. Denn er ist weiser als wir alle.«

Fortuit las mit Andacht; er dachte an Helena, und es gab ihm Kraft. Der überirdische Glanz war wieder in seinen Augen. Er griff zum Stecken, gürtete sich in ein Fell, schlug um seinen Rücken den blauen Mantelstreifen und schritt rüstig hinab ins Tal des Volturnus. Hätte er sich selber sehen können, er hätte bemerkt, wie er gewachsen; seine Züge waren fein und gedankenvoll, seine Wange blühte, und der Schatten eines Bartes stand keck auf seiner Lippe.

Da tat sich die Tiefe vor ihm auf, und er sah dort unten im rotgelben Dunst das Volk in langem Zuge um einen Acker gehen. Es war große Dürre im Land, 72 die Luft glühte, die Saat versengte, das Vieh lag verlechzend am Wege, und das Volk flehte in Prozession mit lauten Litaneien um Rettung der Ernte. Das traf gleich sein Herz: es war die Not der Kreatur! Er stellte sich mit in den Zug und betete mit.

Man warf erstaunte Blicke auf ihn. Wer war der Pilger, so fromm und jung? Da begann es schon zu dunkeln. Im Donnergewölk kam das Gewitter. Es kam, es kam! Der Regen ergoß sich. Er währte drei Tage. Der Halm stand auf. Die Flüsse rauschten. Der Segen war wieder im Lande. Das Volk warf die Götterbilder aus den Händen und schrie nach dem jungen Wundermann: »Wo ist er? Wir wollen ihn speisen und wie einen Himmlischen verehren!« Fortuit aber war geflohen, noch ehe man auf ihn achten konnte.

Freute er sich nicht? Er hatte eine Gemeinde beglückt! Es war das erstemal, daß er mit bewußtem Willen Unglück in Glück verwandelte. Er kannte jetzt seine Macht. Wie ein Heiland und Segenbringer schritt er durchs Land. Aber sein Herz blieb tot: »Und wann wird mir der Segen? wann fällt Regen in mein Herz? Einsam, verlassen, verstoßen unter den Fröhlichen – wo soll ich hin?« Und er schluchzte vor Weh. »Ich bin kein Gott, ich bin ein Mensch und habe Sehnsucht wie andre Menschen. Wer nimmt diese Begabung von mir, die ich nicht tragen kann?«

Da fiel ihm Virgil ein. Virgil sollte ihm Rat geben. Er wohnte am Posilipp bei Neapel in einem Landhaus über dem Meer. Das Haus war ein Palast, denn Virgil war reich wie ein Fürst und Herr, und drei Tage lang stand Fortuit zaudernd und wagte nicht, an das Tor zu pochen, als könne er die Majestät des Hauses beleidigen.

73 In der Nähe wohnte eine Fischersfrau; bei der trat er ein. Sie hieß Polla, geradeso, wie einst auch seine Ziehmutter geheißen. Der Name schlug ihm mächtig ins Herz, und mit der Sehnsucht des Kindes fing er an, diese Polla heiß zu lieben; denn sie schien ihm so schlicht und so mütterlich edel. Und er sagte ihr in beweglichem Ton: »Ich bin elternlos, Frau. Oh, könnte ich hier mein Heimweh stillen! Könnte ich nicht bei dir bleiben, und wolltest du nicht meine Mutter sein?«

»Ich habe drei Söhne,« sagte Polla stolz und mild. »Sie sind draußen auf dem Meer. Die Götter legen jedem das Seine auf; sie werden dir auch helfen. Geh nur zum Virgil, wie du es wolltest.«

Virgil hauste wie ein Geheimnis in seinem Schloß; seit zehn Jahren hatte die Welt ihn nicht gesehen. Er dichtete ein großes Werk über Götter und Helden zum Ruhm der ewigen Stadt Rom, und die Menschheit wartete darauf und harrte seit langem. Besucher ließ er ungern zu sich ein. Als aber Fortuit sich meldete, da befahl er, sogleich das verrostete Tor zu öffnen; denn er wußte längst von diesem Wunderkind. Er war fast wie ein Allwissender.

Fortuit schritt gedrückt und scheu durch all die Säle. Der eine Saal hing voll von Heldenwaffen; denn der große Dichter hatte ein gar zu friedliches Herz und eine zu weiche Hand und mußte erst Speere sehen, wenn er von Schlachten dichten wollte. In einem andern Saale stand ein Kranz edler Götterbilder auf hohen Säulen, die waren wie lebendig, und der Meister starrte sie an, tagelang, bis sie ihm vernehmlich zu reden schienen, und er sang himmlisch von den himmlischen Dingen. Dann war da noch ein Turm, der war drehbar und von Glas, und Virgil sah, wenn er ihn erstieg 74 und der Turm sich drehte, ringsum in alle vier Teile der Welt, und nichts entging seiner Kunde. Unter dem Palast aber ging es tief in den Erdenschoß. In diese Unterwelt der schwarzen Grotten stieg der Dichter mit Fackellicht gedankenvoll, wenn er vom Jenseits dichten wollte und von den Strafen der Hölle.

Virgil kam eben aus der Unterwelt. Er war bleich wie der Tod, aber ein Riese von Wuchs. Mit stumpfem Blick sah er auf den jungen Pilger und sagte mit müden Mienen und einer dünnen, weichen Stimme: »Senke deine Augen, Knabe! Ich komme aus der Nacht, und deine Augen strahlen und blenden mich. Ich weiß, du bist der Glücksbringer, der jetzt durch die Welt geht. Ich hoffe aber, du überhebst dich nicht. Denn ein Mensch wie du ist nicht mehr als ein Amulett; man wirft es fort, wenn es kein Glück bringt. Sieh hier, ich selbst trage solch Amulett am Halse. Es ist ein Beryll, und es hat sich bewährt. Wenn ich den Stein berühre, da gestalten sich plötzlich meine Gedanken, mein Werk gelingt, und ich bin mit Glück versorgt. Womit kann ich dir nützen?«

Fortuit sagte bitter: »Ich will mein Los nicht mehr tragen. Ich will kein Amulett sein. Ich bin ein Mensch. Die gräßliche Wunderkraft bringt mich um. Sage mir, wie kann ich ihr entrinnen?«

Da faßte Virgil weich das Haupt des Knaben und sagte: »Deine Augen strahlen nicht mehr und sind voll Tränen. Jetzt sieh mich an. Es gibt drei Klassen von vernünftigen Wesen: es gibt Götter, es gibt Dichter und es gibt Menschen, die im Haufen leben. Die Götter brauchen kein irdisches Glück; der Dichter braucht es, aber er findet es nicht, weil sein Verlangen in die Wolken greift, wo die Ideale schweben, und er lernt 75 zu entsagen, um so zu seinem Werk heranzureifen. Mein Werk lebt, nicht ich. Das ist mein schweres, dumpfes Los. Du aber taugst weder zum Gott noch zum Dichter. Du brauchst Liebe, armes Kind. Ich beklage dich. Suche jemanden, der dich liebt wie du ihn, und der Zauber wird von dir fallen, der dich vernichtet, und du hörst auf, ein elender Sohn des Glücks zu sein.«

Virgil stieg müde auf seinen Turm. Der fing schon an, sich zu drehen. Fortuit sah ihm voll Ehrfurcht und Mitleid nach, in seinem Ohr aber tönte es: Suche jemanden, der dich liebt, wie du ihn! Und er stürzte zu Polla: sie sollte ihm Mutter sein, sie sollte es; er wollte ihr Herz erweichen. Aber – er fand sie nicht zu Hause. Vom Hafen kam ein Geschrei. Da fand er Polla. Ihre Söhne waren in der Frühe beim Fischfang ertrunken. Wie wahnsinnig lag sie über den drei Leichen. Fortuit umfaßte sie. »Polla! Mutter!« rief er. »Ich wollte dein Sohn sein! Warum hast du mich fortgeschickt? Ich hätte dir Glück gebracht, und die Söhne wären dir nie gestorben.« Sie hörte nicht. »Mutter,« rief er wieder, »tröste dich nur und sieh mich an! Ich bringe ja Glück, und mit allem, was ich bin, will ich dir dienen.« Sie hörte noch immer nicht. Gewaltsam zog er sie empor. Da stöhnte sie in ihrem Jammer: »Ich will sterben! Kinder, Kinder, nehmt mich mit in den bleichen Tod!«

Das sprach sie noch; da war sie zurückgesunken. Ihre Augen standen gläsern. Ihre Hand war starr und kalt. Ihr Wunsch war erfüllt. Er, er hatte sie getötet. Das graue Entsetzen faßte Fortuit; er war imstande, auch Menschen umzubringen, Menschen, die er liebte.

Er rannte hinweg – man konnte ihn für den Mörder 76 halten – und warf sich mit einem Sprung auf ein Schiff, das eben nach Ägypten abfuhr.

Das blaue Meer lag lauernd da wie ein schönes Raubtier. Die Segel blähten sich, die Wogen stießen das Schiff. Auf Deck drängten sich fahrende Spielleute, Weiber und Gesellen, bei süßem Saitengeklimper und Liederklang. Bunte Tücher wehten vom Mast. War es nicht eine Jubelfahrt? Fortuit aber glaubte, die blauen Wogen leckten nach ihm, und er müßte in die endlose Tiefe versinken. Dort unten war es still. Da waren auch Pollas Söhne still geworden.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Ein hochgewachsener Mann mit langem weißem Bart trat zu ihm und sagte: »So jung, mein Freund, und so betrübt?«

»Ich bin verflucht und ein Sohn des Glücks,« ächzte Fortuit.

Der Alte aber nahm ihn lächelnd an der Hand: »Komm mit! Dort hinter den Fruchtkörben sitzt Manto, meine Enkelin. Ich bin zu alt für sie; sei du ihr ein Gefährte.«

Manto hielt gegen die Sonne über ihrem Haupt ein großes Palmenblatt, und Fortuit konnte ihr Gesicht nicht sehen; er sah nur ihre langhängenden schwarzen Zöpfe, darin goldene Bänder geflochten waren, bis sie das Blatt senkte. Da sah er sie; sie war schön und träumerisch wie das Meer. Er meinte Lolliana, er meinte Helena zu sehen; aber er sah mehr als sie beide. Manto hob die schweren Lider, und ihr dunkles Auge ruhte warm und fest auf ihm, wie ein aufrichtiger Gruß des Willkommens, und als früge sie ihn nach seinem Kummer. Wie zwei Ringe sich verschlingen, so fingen ihre Blicke sich da ineinander und konnten sich nicht 77 trennen. Da beschlich es Fortuit wie ungläubige Hoffnung, wie Knospenspringen, wie Vogelsang. Er atmete tief, als zöge er mit diesem Odem den Himmel ein. Es wurde licht. Er war Mann geworden. Er liebte! Er liebte von neuem, aber er liebte ein junges Weib.

Der Greis fuhr mit seiner Enkelin nach Lipara. Lipara, das dürre Felseneiland, das weltverloren und steil und eng im Meere lag, war ihre Heimat. Sie baten ihn, dort ihr Gast zu sein. Und er war ihr Gast und nächtete in dem stillen Haus, das unter Felsenhängen hoch über der Brandung stand, und erzählte ihnen das seltsame Märchen seines Lebens. Am Morgen aber trat der Greis zu ihm und sprach: »Bleibe hier und suche dir ein Weib. Du wirst nicht weit suchen, und Manto liebt dich, und du bist mir teuer.«

Fortuit brach zusammen. Ihm wurde zumute wie damals, als er auf hohem Dach gestanden und ganz Rom in seiner Herrlichkeit zu seinen Füßen lag: der Schwindel faßte ihn; die Sinne vergingen ihm. Manto war es, die ihn in ihren Armen hielt, als er die Augen aufschlug. Da fiel er in die Knie und dankte mit gestreckten Händen dem Schicksal hoch über ihm, das ihn in dies Leben geworfen und ausgesetzt. Er hatte das Glück gefunden und hatte das Glück gebracht. Es war das Glück, das jenem weisesten der Dichter nie erschienen, das Glück, um das selbst die Ewigen in ihrer Seligkeit den armen Staubgeborenen beneiden. Er brachte es seinem Weibe und keinem anderen mehr. –

Agatharch war am Natterbiß gestorben. Der große Lollius fiel längst aus des Kaisers Gunst. Dossénn, der Bauer, lebte mit den Seinen in grauer Armut und Plage. Der Flößer Verus dagegen trank allabendlich lachend seinen würzigen Landwein und gedachte des 78 fremden Kindes, das ihm dereinst seinen Wohlstand begründet, mit Dankbarkeit. Der Magister hatte sich von seinem Marmorbilde, das nie zustande kam, zum wenigsten den Sockel erworben; darauf saß er nun täglich als sein eignes Monument vor seinem Hause und horchte, ob er nicht wieder etwas vom Fortuit höre; denn er hätte gar zu gern über ihn auch noch ein zweites Buch geschrieben. Fortuit aber blieb verschollen für immer.

Er lebte mit Manto weltenfern, wie auf einem stillen Sterne. Auch geschahen keine Wunder mehr. Das Haus gedieh, die Felsen begrünten sich; aber das war ihrer Hände Werk und der Lohn ihres Fleißes, den die Natur dem Redlichen selten versagt. Der Höcker, der dem Griff des Kruges glich, vererbte sich nicht auf seine Kinder. Der Krug selbst aber füllte sich von Tag zu Tag mit Glück bis zum Rande. Dann ging er in Scherben, wie einst alle Krüge, wenn ihre Zeit gekommen, in Scherben gehen. 79

 

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