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Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten

Theodor Birt: Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1916
publisherQuelle und Meyer
addressLeipzig
titleNovellen und Legenden aus verklungenen Zeiten
pages179
created20120608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achill

Ein Heldenmärchen

Wir saßen am Strand von Phaleron. Salamis, die Insel des Ajax, lag vor uns, dahinter Ägina; vor uns das dunkelblaue Inselmeer. Kleine Boote setzten Segel auf. Der Wind ging stark. Er wehte von Troja her. Alles mahnte an Homer. Wir tranken eine Flasche griechischen Inselwein von märchenhafter Süßigkeit, feurigschwer, als wäre er voll Erinnerungen.

Erinnerungen? sagte die Dame neben mir. Der Wein redet nicht. Himmel und Meer haben für mich keine Sprache. Und doch ist dies Land voll verblichener Sagen, verlöschter Erlebnisse!

Und Sie verlangen, daß ich Ihnen erzähle? Griechisches? griechisches Erinnern? Sie sind – oder Sie waren Mutter, gnädige Frau. Sie haben einen Sohn nach Indien geschickt, daß er sein Glück mache. Sie haben ihn verloren. Er widmete sich als Arzt der Bekämpfung der Pest. Die Bekämpfte hat ihn getötet und mitten in seinen stolzesten Erfolgen dahingerafft. Ich will Ihnen von einer griechischen Mutter erzählen, die hier noch lebt, aber die ihr Schicksal vor vielen tausend Jahren erfuhr. Hören Sie von Thetis, der Göttin, und ihrem Sohn Achill.

Ein Märchen?

Hier werden Sie an das Märchen glauben. Thetis 4 und Achill! Die Sage ist allbekannt, und ich will sie gewiß nicht ganz erzählen. Versuchen wir nur, daß sie unserm Herzen näher tritt.

Glauben Sie an Götter? Wer sollte es nicht, der im Süden lebt? Die Götter sind, ob der Moderne sie denkt oder nicht. Aber sie sind geheimnisvoll und verbergen sich gern. Sie verbergen sich im Licht, nicht im Dunkel. Wer aber das ungeblendete Auge des Griechen hat, wer ins Licht sehen kann und den Glanz ertragen, wem es selbst licht ist im Inneren, der erkennt noch heute den rüstig frohen Helios droben auf seinem Wagen, mit dem Glutblick und Funken im Haar, die tanzenden Stunden wie hüpfende Strahlen um ihn her; der hört noch heute Poseidon im Seesturm brüllen, flatternden Bartes; der sieht noch heute im Frühlingsmorgen Aphrodite aus dem Quell steigen, mit süßem Lachen, daß alle Luft voll ist von Liebeshauch.

Solch eine Göttin ist und war auch Thetis, die schönste der Meerweiber. Sie haben sie sicher schon gesehen, diese Nereïden im Meeresschwall zwischen den Inselküsten. Man sieht sie am besten am heißen Mittag, wo die Sehkraft am schärfsten ist. Da fließen ihre blendenden Leiber im abgrundtiefen Blau unter den wandernden Wogen her, mit spritzenden Fingern und offenem Mund, muschelbehangen, schimmernden Gischt wie Perlen im Haar, und ihre Augen träumen und lachen, und man starrt in diese Augen, als sollte man sich selbst verlieren. Thetis aber, die schönste, lacht nicht. Daran ist sie zu erkennen. Ihr Auge ist Schwermut. Man sagt, das Meeressalz kommt von ihren Tränen. Denn sie hat ihren Sohn verloren; die Göttin ist mit dem Menschenschicksal verwachsen, und das hat sie traurig gemacht in ihrem endlosen Leben.

5 Götter haben kein Schicksal; denn die Ewigen sind dem Tod und dem Schmerz entzogen; und spielend das Gute zu wirken und das Schöne, spielend zu züchtigen, ist ihr Beruf. Nur wenn ein Götterherz sich an den Sterblichen hängt – wehe dem allzu zärtlichen! – da gewinnt das Schicksal, dessen Spielball der Mensch, Macht über den Gott, und er verewigt die Trauer, da er nicht sterben kann.

Der Liebesgott aber war schuld an allem. In unseren Tagen plant Eros nichts ähnliches mehr, und er führt gut bürgerlich nur Menschen mit Menschen zusammen von Hütte zu Hütte, als wäre er dem Kroniden ganz entfremdet. Damals waren Menschen noch gottähnlicher und ragten in die Unsterblichkeit hinein; und Götter und Menschen konnten sich erkennen und mischen.

König Peleus, der Thessalier, war's. Ihm gab sich Thetis zur Gattin. Eine berühmte Hochzeit. Das All staunte. Alle Olympier kamen neugierig zur Feier. Denn sonst stiegen nur Götter zu sterblichen Weibern herab, und ich begreife, daß sie es taten. Hier dagegen war es ein Mann, der sich eine Göttin erwarb. Das befremdete.

Und sie gebar ihm den Achill. Da hängte gleich Neid und Sorge sich an den Knaben. Thetis eilte zur Schicksalshöhle. Hier drehten die Parzen ihre Spindeln, spannen den jungen Lebensfaden und sangen im Takt dazu den Spruch mit düstergrauer Stimme:

Willst du hohen Erdenruhm,
So willst du kurzes Leben.
Nur dem Ruhmlosen allein wird lange Frist gegeben.
Ob er dies, ob er jenes will,
Wähle er selbst. Es wähle Achill.

Da erschrak die Mutter, den bitteren Sinn des 6 Spruches erwägend, nahm ihren Sohn und trug ihn in die Wildnis. Er sollte nicht berühmt werden. Sie wollte ihn retten. Und ihr Kampf mit dem Schicksal begann.

Nur am belebten Strand gedeiht der Ruhm. Die Einsamkeit ist sein Feind. Fern vom Strande aber liegt die einsame Bergwildnis des Pindus. Das ist die Wildnis, in der einst die Kentauren lebten, das vierfüßige Geschlecht mit starken Gliedern und ehrenfestem Sinn. Bei ihnen ward Achill auferzogen. Er beendete eben sein vierzehntes Lebensjahr. Das Herz der Mutter entbrannte, ihn zu sehen.

O Einsamkeit des Pindus! – Sind Sie einmal die thessalische Bahn gefahren? Die Reise ist heute nicht ratsam ohne militärische Bedeckung; denn das Räuberwesen des barbarischen Mittelalters ist dort noch nicht ausgestorben. In den Heldenzeiten aber hausten dort andere Räuber, wilde Bestien, wo das tiefe sonnige Tempetal von schroffen Bergkulissen umstanden wird und der Urwald sich massig auf den Höhen und in die Bergnischen drängt: ein Paradies, eingemauert in Schrecknisse; alles weglos, straßenlos; enge Pässe für den, der wie das Raubtier zu schleichen und in den Ästen zu hängen gelernt hat. Von jenen Wäldern bezieht das kahle Griechenland noch heute sein Brenn- und Bauholz. Aus den Höhen winkt der Pelion und Ossa, zweitausend Meter hoch über dem Meer. Man sieht sie am schönsten vom Hafen von Volo aus. Der Himmel stützt sich auf die Erde. Erhabene Stille, ungeheure Größe! Einsamkeit und Vergessenheit!

Es war Morgen. Da scholl Gesang. Chiron, der alte Kentaur, hatte sich mit seinen Schülern im Sturzbach gekühlt und gebadet. Seine Hufe waren gereinigt, 7 und sein greises scheckiges Fell schimmerte. Jetzt lagerte er munter unter der breiten Esche und gab dem jungen Achill Unterricht, die Leier zu schlagen. Patroklos stand daneben, denn er wurde mit Achill erzogen und wuchs hier zu seinem unzertrennlichen Freunde und Schicksalsgenossen heran. Nun sangen Achill und Patroklos zum Leierspiel ein Morgenlied. Der Lehrmeister führte mit seinem tiefen Baß den Ton und lenkte die hohen Knabenstimmen. Denn des Patroklos Stimme irrte ab; Achill aber fand rasch die Melodie und lachte zu seinem Lehrer auf, indem er sich kindlich an den Bug seines Pferdeleibes schmiegte. Echo aber stand hinter der Felsenkante. Echo hallte es wider, und es lauschten der Abgrund und die Felsenkammern.

»Wir wollen die Echo greifen!« rief Achill und wollte davon. »Seid nicht närrisch, ihr Buben!« herrschte da der Alte. »Geht immerhin nur der Echo nach, die euch foppt. Denn dort am selben Abhang, da findet ihr die Wurzeln und Kräuter in den Felsritzen, die ich euch zu suchen gelehrt habe. Eilt euch und bringt mir die richtigen, die gegen Wunden und Hautriß gut sind und gegen innere Schmerzen. Hurtig!«

Und Chiron scharrte mit dem Hufe im Boden, legte eine Wurzel frei, bückte sich schwerfällig (denn er war alt) und riß sie heraus: »Hier diese mein' ich vor allem; daß ihr mir nicht das Falsche bringt.«

Da sprangen die Knaben und brachten bald, was sie gefunden, und Chiron prüfte alles, braute Säfte davon und begann mit Umständlichkeit seine Lehrstunde vom Gebrauch der Kräuter. Denn er war ein berühmter Arzt.

Achill fragte: »Wozu das alles? und wer soll mich verwunden?«

»Hast du die Narbe an deiner Stirn vergessen?«

8 »Die kam, weil ich vom Baum stürzte. Aber es gibt Bißwunden, nicht wahr? Die kommen vom Bären. Und Schlagwunden gibt es; die kommen, wenn ein Kentaur mit der Keule schlägt. Aber auch von Herakles hast du mir ein Lied gesungen. Ich weiß es auswendig. Herakles war kein Kentaur; er war ein Held und trug die Keule. Könnt ich es auch!«

Chiron strich ihm das Haar: »Du könntest sie nicht tragen, du junges Blut. Vergiß den Herakles. Für dich sind solche Kämpfe nicht.«

»Aber es gibt noch mehr Wunden. Auch Schnitt- und Stechwunden gibt's; so sagtest du, Alter. Woher kommen die?«

»Das sollst du nicht wissen.«

»Warum lehrst du uns die Heilkräuter, und wir kennen die Waffen nicht, die den Schaden tun? Aber ich weiß, man kann sich in den Arm stechen, daß das Blut hochspritzt.«

»Nun denn, es gibt Menschen da drunten am Meer, die kämpfen mit Pfeilen, mit Speer und Dolch; damit kämpfen die Menschen.«

»Auch mein Vater? Zeige mir sie!«

»Wir Waldleute hier oben haben nicht Pfeile noch Lanzen.«

»Aber Steinwaffen hast du doch, womit du schlachtest?«

»Ja, wir schlachten damit. Aber uns ist Gesetz, solche Waffen wider Menschen nicht zu brauchen. Kommt! helft mir!«

Und Chiron holte ein Hirschkalb aus der Höhle; das hatte er am Vortag erlegt; und die Knaben übten sich voll Eifer und zerlegten es nun unter seiner Leitung. Er schalt und lobte und freute sich an der Jugend. 9 Denn er war siebzig Jahre alt und lebte einsam und ohne Weib seit langem, und in seinem leeren Herzen klang jeder Laut der Kindheit doppelt wieder. Als sie das Eingeweide freigelegt, begann er den Lehrton von neuem (er konnte nicht anders als Kluges reden) und zeigte ihnen, wie man aus dem Gekröse, aus Leber und Milz die Zukunft voraussagt; denn es gibt Glück und Unglück, Gelingen und Mißlingen bei jedem irdischen Werk, und nur der Kundige kann es voraussagen.

»Was aber ist Unglück?« fragte da Achill erstaunt. »Was ist Mißlingen? Ich kenne es nicht. Und was ist, was du Zukunft nennst?«

»Zukunft?« Der Alte suchte seinen Knabenverstand zu bedeuten. Achill aber lachte glockenhell, daß die Vögel rechts und links auflauschten im Laub, und sprach: »Ich mag nicht denken. Ich will keine Zukunft. Aber wachsen will ich, ja, ja! das eine: ich will größer werden. – Es ist so schön heute. Laß mich aufsitzen!«

Und er sprang dem Kentaur auf den Rücken im Reitersitz und stieß mit den Hacken, als gäbe er seinem Lehrer die Sporen. Da lehnte Chiron seinen Menschenleib zurück, faßte ihm in die hellen Locken und küßte ihn, daß das Kindergesicht sich in seinem wilden Bart vergrub. Dann setzte er sich in Galopp hei, hei! hoiho! durch die nächste Schlucht in wilder Jagd. Das war ein Hasten mit Gejauchze und Geschrei. Die Kiesel flogen. Und mitten im Galopp sprang Achill ab und wieder auf und lief nebenher und ließ Patroklus reiten. Keiner aber war so schnellfüßig wie der Sohn der Thetis. Das machte: die Meeresgöttin ist seine Mutter; auch kein Wasser schießt so schnell übers Gestein wie er.

Chiron keuchte und konnte nicht mehr. Er hielt vor seiner Höhle und peitschte sich die Flanken mit dem 10 Schweif. »Jetzt tost nur alleine. Der Wald ist weit. Wollt ihr meine siebzig Jahre zu Tode reiten? Aber zur Mittagstunde, wenn die Sonne beginnt abzusteigen, seid ihr zurück. Habt acht auf die Sonne; sie ist uns zum Zeitmaß gesetzt. Ich erwart' euch hier.«

Da schlüpften die beiden davon, und Patroklus sprach: »Ich weiß etwas, das du nicht weißt. Dort unter den Felssteinen, da liegen Speer und Schwert verborgen. Die gehören deinem Vater Peleus. In früheren Zeiten kam er oft hierher, um mit Chiron zu jagen, und ließ die Waffen hier zurück. Wenn er einmal wiederkommt, will er sie brauchen.«

Das war etwas Neues! Ohne Besinnen hoben sie die Felssteine auf, und Achill sah den Speer seines Vaters, stellte ihn an seine Schulter und maß steil aufgerichtet voll Gier an ihm die eigene Größe: aber, wie sehr er den Hals dehnte, die Speerspitze überragte ihn weit. »Das Schwert faßt sich gut« – damit eilten sie fort und verschwanden, wo das Dickicht am tiefsten ist.

Chiron aber trat keuchend in seine Höhle, hockte am Herd nieder, blies mächtig ins Feuer, drehte den Spieß, an den er die Keulen des Hirschkalbes getan, und begann das Mahl zu bereiten, das sie zu dreien verzehren wollten. Da kam draußen vom fernen finsteren Walde heller Zauberschein. Die Laubkronen flüsterten und neigten die Äste. Eine Duftwelle flog zu ihm herauf aus der Tiefe: Thetis, die Göttin, schritt durch die Natur. Es war nur ein Schweben; ihre Sohle drückte den Boden nicht. Kein Gras, kein Farn ward geknickt, und die Natur betete an vor ihr. Chiron erkannte sie von weitem, galoppierte ihr entgegen, kniete possierlich mit eingeknickten Vorderläufen vor ihr nieder und küßte ihr voll Verehrung die Hand.

11 Sie lachte: »Beneidenswert mein Sohn. Er kann von dir lernen, wie man die Götter ehrt. Und du bist rüstig geblieben, alter Freund, als wärest du selbst ein Gott: ein Gott auf vier Füßen! Ich werde Zeus bitten, daß der Tod nicht an dich kommt. Er soll dich an den Himmel versetzen. Als Sternbild im Tierkreis der Sonnenbahn sollst du dich in der See spiegeln. Aber wo bleibt er? Wo ist Achill?«

Und Chiron führte sie in die Höhle. Die Höhle ist noch heut vorhanden. Nur ist ein Felsblock von oben vor den Eingang gestürzt, und sie ist wie ein zugeworfener Zauberbrunnen, wie ein geschlossener Kyffhäuser oder Venusberg: eine Grottenhalle, künstlich aufgewölbt, weit, dunkel und kühl und mit engem Lichtschacht. Und während Thetis saß und er das Essen bereitete, erzählte er ihr von ihrem Sohn. Sorglos fröhlich hörte sie alles und zog die Nüstern voll Übermut: »Bei dir gibt's keine Fische. Wie schön riecht dein Braten. Wir wollen uns gütlich tun. Wenn er nur mitspeiste. Wo bleiben die Knaben?«

»Daß ein Donnerwetter!« – Der Alte spähte hinaus und tat einen Lockschrei. Aber die Burschen kamen nicht; sie antworteten nicht. Und er fuhr fort zu erzählen: »Er ist sonst gelehrig und folgsam. Er rennt, er klettert und springt dir wie ein Luchs. Auch singt er und schlägt die Leier voll Verstand. Aber es regt sich in ihm übermenschliches Kraftvermögen.«

»Mag die Kraft sich regen. Aber er weiß vom Ruhme nichts? Was Ruhm ist, hast du ihm nicht gesagt?« warf sie hastig ein. »O, ich hasse das Wort. Wir Unsterblichen brauchen es nicht; nur die Staubgeborenen, die dünken sich Göttern gleich, wenn der Ruhm ihren Namen durch die Welt trägt. Aber so seid 12 ihr nicht. Dein schlichtes Kentaurenvolk ist zwar auch rauflustig, aber es weiß nichts von Ehrgeiz; und du bist friedfertig wie kein zweiter. Darum brachte ich Achill zu dir. Die Welt bleibt ihm hier ein verschlossenes Geheimnis. Mein Plan gelang. Achill kennt bis heut nur dich und deine Sippe, nur Peleus, seinen Vater, nur Patroklus, den Gespielen, und kein Weib, außer seiner Mutter. Ist es nicht so? So soll es bleiben. Er weiß nicht, daß es dort unten Völker rasender Menschen gibt, die morden und sich morden lassen, weil es als herrlich gilt, von ihren vergänglichen Lippen gepriesen zu werden. Denn Menschenlippen blühen wie die Wasserrosen nur einen Tag. Ach! mir graut vor dem Tode . . .«

Chiron sah verlegen zur Seite und sagte zögernd und voll Bedenken: »Soll es wirklich so weitergehn? Ihr Ewigen könnt euch kein Ende denken. Darum soll dieser Knabe, der eine Zier der Menschheit ist, zum Einsiedler werden, vom großen Ringen der Welt nichts erfahren, hier in unsrem Busch eine der dummen Nymphen freien, die mit fangendem Blick schon nach ihm ausschauen, Kinder zeugen, die werden wie er, um endlich tatenlos hinzualtern, bis du, du ewig junge, diesen deinen Sohn als eingeschrumpften Greis auf deine weißen Arme nimmst und auf den Holzstoß legst?«

»Du kränkst mein Mutterherz«, fuhr Thetis auf. »Mein Herz schreit: rette ihn, rette ihn! Der Tod steht auf der Lauer. Er zielt auf die Besten zuerst. Wer müde ist, mag sterben. Jung sterben ist Frevel gegen die Natur. Du wolltest mir helfen ihn zu retten, Freund. Meines Dankes bist du sicher. Also hilf weiter.«

»Ich fürchte . . .«

»Du fürchtest?«

13 »Du bist Mutter mit Leidenschaft. Aber Leidenschaft und Klugheit ist nicht dasselbe.«

»Ich will, daß du ihn hütest.«

»Auch eine Göttin kann das Unmögliche wollen. Er hofft auf Gefahren. Er wird zum Jüngling. Der Trieb ergreift ihn. Er wandert in die Welt. Ich kann ihn nicht halten.«

»Mach', daß er dich über alles liebt. Enge seine Vorstellungen ein, und er wird nicht darauf verfallen.«

»Wer aber kann es ertragen, in ein kluges, horchendes Knabenauge zu sehen und ihm nicht zu erzählen von den Helden der Vorzeit, von der Größe der Welt, von den Burgen der Könige . . .?«

»Das tatest du?«

»Er hing im Baum und starrte suchend in die leere Ferne, stundenlang, dorthin, wo das Meer liegt. Ein Knabe kann starren, wie die Eidechse starrt, zeitlos, regungslos, gedankenlos: eine große lange Frage ohne Antwort! Ich sah, seine Seele hungerte. Da erzählte ich ihm weniges, von den Argonauten und ihrer Schiffahrt . . .«

»Du hast ihm erzählt, daß es Seefahrt gibt? Wehe mir! Jenseits des Meeres harrt sein Grab auf ihn. Er soll es nicht finden.«

Chiron trat mit ihr an das Grottentor:

»Da siehst du das Meer. Fern, fern taucht es auf wie ein Gespenst. Es läßt sich nicht verheimlichen.«

Und er zeigte ihr den Blick in die Ferne. Da schimmerte die duftblaue Fläche der See, mit den gezackten Küsten ins Unendliche winkend: Euböa, dem waldigen Othrys, Pelion und Ossa.

Und bleich und entschlossen trat Thetis zurück. Da erscholl Geschrei aus der Höhe. Auf einem Felsgrat 14 standen die Kinder; wie Dioskuren, so hoben sie sich von der dunklen Kiefernwand leuchtend ab und winkten und jauchzen, und ihre Stirn strahlte, als stünde ein Stern auf ihrem Scheitel. Achill schwang das bluttriefende Fell einer Löwin, die er erlegt, in den Lüften und trug zwei Löwenkätzchen im Arm und reizte sie, daß sie die Krallen zeigten. Patroklus gönnte ihm neidlos den Triumph. Dann nahm er die Kätzchen, und der Sohn sah die Mutter und stürzte frohlockend in ihre Arme.

Mutter und Sohn! Chiron sah es froh bewegt und bemerkte, daß der Knabe schon so groß wie seine Mutter war und wie er ihr ähnlich sah. Und sie küßte ihn lange und achtete nicht des Schweißes und Staubes, der sein Gesicht entstellte.

»Kommt erst zum Quell!« herrschte da Chiron; denn der Zorn erwachte in ihm. Und sie wuschen sich gehorsam und reinigten auch das Haar. Dann pflag man des Mahles. Die Knaben bedienten, und Achilles sprach mit Sanftmut: »Wir haben gefehlt, Meister. Zürne uns nur nicht, der Mutter zuliebe!«

Mehr sprach er nicht und erzählte nichts (das Schwert des Vaters hatte Patroklus wieder verborgen), und schweigend aßen sie am Tisch: die drei auf dem Lager; nur Chiron hockte nach Hundeart und brauchte keinen Sitz. Es war ein großes Schweigen der Erwartung. Ihr Sohn! Die Mutter versenkte ihren Blick in ihn und schwelgte in seinem Gebilde, und Besorgnis und Wonne kämpften in ihrem Herzen. Er fing ihren Blick auf und lachte sie siegreich an und selbstgewiß.

Stahlblau war sein Auge; es lag groß und drohend in den Höhlen. Weiche Wimpern hingen darüber. Aber die Brauen stiegen mächtig steil an, als wollte er zürnen. 15 Schwer lag ihm die Haarmasse in der niederen Stirn. Das Oval der Wangen war schmal und fest gedrungen, der Mund noch weich wie eines Kindes; aber um die Mundwinkel lag es gespannt wie eiserner Wille.

›Er kam vom Kampfe!‹ dachte Thetis. ›Und die Wunden an seinem Hals? Seh' ich nicht Wunden?‹

»Er ist verwundet!« – rief sie voll Schreck und streifte ihm das Fellkleid vom Nacken.

»So ein Riß heilt von selbst«, lachte Achill. »Es juckt mir. Ich fühle, es heilt schon.«

Patroklus aber fing an zu erzählen: »Wir pirschten durchs Dickicht talab, dorthin, wo die vielen Hirsche gehn, und schlugen mit der Keule an die Baumstämme, daß es hallte. Dann lauschten wir und sahen Scharen von Wildgänsen; die flogen auf mit Geschrei. Auch zwei Adler standen hoch über ihnen; aber wir konnten sie mit keinem Wurf erreichen. Da – wo es am dicksten und ganz finster war, hörten wir ein fauchendes Schnarchen und Gebrüll. Wir stürzten hin, und ein mächtig gelbes Ungetier brach hervor. Die Löwin war's. Wir hatten solch ein Tier noch nie gesehen. Sie glaubte gewiß ihre Jungen bedroht und brüllte furchtbar dumpf, und mit mächtigem Satz faßte sie Achill und schlug ihre Tatzen ihm hier in den Hals. Er aber blieb aufrecht, würgte sie rasch, eh' ihr Gebiß ihn faßte, warf sie flach zur Erde und stieß ihr das Schwert tief ins Gekröse. Dann zogen wir ihr das Fell ab. Hier ist das Fell. Wir haben es. Darauf wollen wir fortan schlafen.«

»Und woher das Schwert?« schrie Thetis. »Chiron, hast du ihnen das Schwert gegeben?«

»Es ist meines Vaters! Wir fanden es unter dem Felsstein!« jubelte Achill. »Es ist mein eigen.«

»Kind des Unheils! Und ist euer Abenteuer hiermit 16 zu Ende? Mit dem Löwenfell eiltet ihr flugs nach Haus?«

»Es ist noch nicht zu Ende. Höre Chiron, weshalb wir uns verspäteten. Ein junger Kentaur – er nennt sich Glaukos, der hütete sein gehörntes Vieh am Berghang des Pelion. Wir hörten schon von fern das Geläut. Die Kentaurin melkte eben die Kühe. Da sprengt Glaukos auf uns her: »Was habt ihr da, ihr Kinder?« so rief er voll Übermut und griff rasch und entriß mir das Löwenfell, als ob es ihm gehörte. Ich forderte: »gib es heraus.« Er lachte nur und höhnte mich, als stünde ein Kind vor ihm. Ich weiß, die Kentauren lieben das Vlies der wilden Katzen um ihre Schultern zu hängen. Wir aber kletterten an ihm empor und erstachen ihn. Sein Weib erhob Wehgeschrei. Morgen werden seine Verwandten hier sein und Rache fordern. Morgen! morgen! Es gibt Krieg, es gibt Krieg! Das ist ein Leben!«

»Sind das die Künste, die Chiron dich lehrte?« schalt Thetis, vor Schrecken außer sich.

»Nein, nein! Chiron hat mich noch andre Künste, er hat mich auch die Musik gelehrt. Willst du ein Lied hören, Mutter? Nach der Mahlzeit ziemt sich wohl Leierklang.«

Und Achill probierte kurz, ob die Saiten unter seinem Griff nicht rissen; und, die Stirn gefaltet, den Kopf gesenkt, wie ein junger Stier, begann er hell, aber eintönig, zu singen, und das hallende Gewölbe verdoppelte den Klang:

Dich, Herakles, Herakles, großer Held,
Dich will ich singen und deinen Ruhm,
Und wie du die Stadt Öchalia nahmst . . .

»Herakles? Woher der Name?« rief da Thetis, wie 17 von Sinnen. »Und Ruhm? Ruhm? Was soll dir der Ruhm des Herakles?«

Und sie entriß ihm die Leier und gebot: »Höre auf. Du singst nicht die Lieder, die mir wohlgefallen. Du bist mir ein Ärgernis. Ich ertrag' es nicht.«

Da stürzten ihm die Tränen. Er barg sein Haupt in der Mutter Schoß und klagte: »Ich wußte nicht, daß es dir mißfalle. Zeige mir, was ich tun soll, Mutter. Aber ich kann nur tun, was ich liebe. Zeige mir, was ich lieben soll.«

Sie blieb ratlos und sagte nichts, und er schlich von dannen, und Thetis versank in Grübeln, und Chiron trottete um sie her und brummte leise und scharrte mit den Hufen und räusperte sich viel und wagte doch nicht sie zu stören. Und die Stunden vergingen. Draußen wurde der Baumschatten länger. Die Täler verdämmerten. Der Abend nahte. Da gingen die Knaben schlafen – denn schwere Müdigkeit war in ihren Gliedern – und legten sich auf das Fell, um von künftigem Ruhme zu träumen.

Thetis erhob sich, führte Chiron ins Freie, wo in der Tiefe unter ihnen das Meer perlgrau schimmerte, und sie sprach: »Er soll mit mir hinweg. Hier kann er nicht bleiben.«

»Du willst ihn mir nehmen?« Chiron senkte das Haupt.

Thetis fuhr fort: »Wüßt' ich nur, wohin ich ihn rette! Gefahr ist überall in der Welt. Auch hier oben droht ihm das Gefecht: morgen droht ihm die Rache für den Totschlag. Seine Kampfeswut ist entzündet. Großer Erzieher, bekenne, daß du ihn schlecht gehütet hast!«

»Ich habe es versucht, die Kräfte des Zöglings zu 18 ertöten statt sie zu wecken. Aber mein Herz lehnte sich auf. Beschneide auch den Eichenstamm, soviel du willst; er wird doch nie gezähmt; er wird dir niemals Feigen tragen. Den angeborenen Trieb zu steigern und zum Guten zu lenken, das ist, was wir können, nicht mehr. Ich rate dir: tu' ein Wunder, mach' den Knaben zum Mädchen. Dann bist du seiner sicher.«

Mach' ihn zum Mädchen! War das Hohn? Das Gemüt der Göttin war zu bewegt, um Acht zu geben. Sie hörte nur: Tu' ein Wunder! tu' ein Wunder! wär' er ein Mädchen! Und sie nahm den schlafenden Sohn in ihren Arm. Der Schlaf des Halberwachsenen ist tief, und Achill erwachte nicht. So schwebte sie schweigsam mit ihrer teuren Last, die sie leicht dahintrug, durch das Nachtdunkel, von der Höhe des Pindus zum tiefen Tempetal und weiter an die Meeresküste hinab. Chiron folgte ihr in tiefer Trauer.

Die Welle des Meeres leuchtete auf, da die Herrin nahte, und die munteren Tritonen kamen, Meermuscheln in den Händen, wölbten ihren Fischleib zum Sitz und erboten sich dienstbereit, sie und den Sohn übers Meer zu fahren. Aber sie lehnte es ab: »Geht nur, ihr Guten. Ihr plätschert zu laut; ihr stoßt in die Hörner, und das Kind könnte mir erwachen. Laßt meine Delphine kommen. Die sind geräuschlos und klug, und sie lieben die Knaben.«

Dann grüßte sie Chiron, den alten: »Leb wohl! und es sei kein Groll zwischen uns. Du hast getan, was du mußtest. Ich mach' es nicht anders.«

Chiron war einsilbig in seinem Kummer und fragte nur noch: »Wohin?«

»Nach Skyros,« antwortete sie geheimnisvoll. »Ich folge deinem Rat.«

19 Da lagerte sie sich schon auf den Delphinen. Die Tiere freuten sich der doppelten Last und schaukelten den Knaben in tieferen Schlummer. Und die nächtliche Fahrt begann, hoch über dem Rücken des warmen, atmenden Meeres, und Thetis hing mit dem Fuß im Wasser, und wo der Fuß die Welle furchte, gab es weithin einen Lichtstreifen im Meer; und Chiron stand einsam am Ufer noch lange, stellte sich voll Sehnsucht auf die Hinterbeine seines Pferdeleibes, um möglichst weit zu schauen, und verfolgte mit Blick und Gedanken den Schimmer auf dem Meere und den Schüler, den er verloren hatte.

*

Sie kennen die griechischen Inseln, verehrte Freundin? Ich weiß, Sie haben Delos und Paros betreten. Wer solche Insel im Meere von außen sieht, dem scheint sie kahl, ein Steingehege, ausgebrannt von der Sonne und unfruchtbar wie die See selbst. Denn weder vom Stein noch von der Salzwelle kann der Erdenmensch leben. Steigt man aber durch die Felsenrüstung ins Innere, da grünt es in den Spalten der Gebirge, und geschwungene Flächen dehnen sich, auf denen der Pflug seine Furchen zieht. Aus den Senkungen schimmern Städte auf, und jede Insel ist wie ein kleines, geheimnisvolles Königreich, zugeschlossen wie eine Festung; inwendig aber walten Friede und Fröhlichkeit. Solcher Inselkönigreiche gab es viele in den Zeiten Homers.

Es war Nacht, als Thetis an Skyros' Küste anschwamm. Skyros ist solche Insel; sie liegt von anderen weit abgetrennt, in der Mitte zwischen Lesbos und Euböa. Auf einem Felsenhang über der sanften Brandung bettete die Mutter ihren Sohn, gebot den 20 auftauchenden Tritonen: »Schafft mir Kleider und Schmuck aus meiner Lade!« und die Tritonen eilten fauchend, den Nereïden den Befehl kund zu tun.

Es war wundervolle Sommernacht, ein tiefes Ausruhen und stilles Schlummern der Kreatur. Nur die Sterne standen noch mit goldenen Augen in der schwarzen unendlichen Höhe und sangen ihr Sphärenlied; aber niemand hörte es. Unter dem Schutze der Felsenbucht ankerten buntbemalte Boote, und die Schiffer lagen darin und schliefen so weich gewiegt unter dem Sternenlicht. Das Murmeln der Welle aber scholl zu Achill empor, und ihr melodisches Spiel und das Kosen des Seewindes stimmten seine Träume weich und weicher.

Thetis schlief nicht. Es galt rasch zu handeln. Darum eilte sie schwebend in den Königspalast des Eilands, wo im innersten Raum Lykomedes mit seiner Königin Klymene ruhte, stellte sich zu Häupten der Königin, und Klymene vernahm in ihrem Traum die Worte: »Ich, die Göttin, bringe dir meine Tochter. Haltet sie verborgen, bei meinem Zorne, als wäre sie euer Kind, und fragt sie nie nach Herkunft und Vergangenheit.«

Als sie zum Gestade kehrte, reckte der Junge sich schon im Erwachen. Denn die Helle des Morgens fuhr rosenfarben über das aufrauschende Meer, und mit großen, irren Augen sah Achill die weite, wunderbare Fläche, die ihm so fremd war, rieb sich die Lider ganz geblendet und fragte: »Was ist es, was ich sehe?«

»Das Meer!«

»Das Meer, auf dem die Argonauten fuhren? Und die hölzernen Wannen auf dem Wasser, darinnen die Männer schlafen?«

»Das sind Boote, die zum Fischfang gehen.«

21 »So war das Schiff Argo! Ich erkenne es. Laß mich hinein!«

Und sein Jauchzen klang so herrlich stark großatmig über das Meer, daß die Schiffer erwachten und in die Knie fielen, weil sie vermeinten einen Gott zu hören. Dann setzten sie die braunen Segel auf und fuhren davon.

Thetis hatte den Sohn zurückgehalten: »Du sollst hinfort mir gehorchen!« Achill aber konnte immer noch nicht begreifen: »Und hier hab' ich geschlafen? Und die Grotte? der Wald? und das Löwenfell?«

»Das suchst du vergeblich.«

»Und Patroklos?«

»Du wirst ihn nie wiedersehen.«

»Chiron! Patroklos!« schrie er auf.

»Vergiß ihn! Vergiß sie beide. So ist es bestimmt. Du beginnst hier ein neues Leben. Ich umschwimme täglich das Ufer und bin dir nah. Du hast mich, deine Mutter, so wie ich dich habe. Das ist genug.«

»Ich will nicht. Laß mich zurück! Ich will zurück! Ich will Patroklos holen und das Schwert meines Vaters.«

»Errege dich nicht. Dies Eiland ist ein Gefängnis für dich, und du wirst mir nicht ausbrechen. Aber das Gefängnis ist schön, und du sollst es lieben. Mein Knabe, siehst du nicht, wie auf der erwachenden See die flimmernden Funken spielen, und wie sie den Himmel in ihrem Schoße wiegt? Verliere dich in die Tiefe der See; das kühlt und beschwichtigt. Und riechst du auch nichts? Unsichtbar auf dürren Felsen, da wuchern Lavendel und bläulicher Thymian. Die hüllen die ganze Insel in Duft. Das ist lieblich und beschwichtigt auch. Und nun tritt hierher auf den Scheitel der Klippe und 22 tu das Auge auf. Da liegt das Inselland offen: auf den Feldern gehen tausend fette Schafe und Ziegen; und dort unten, das sind wohl hundert Gärten, von Mastixhecken umsponnen. Erkennst du die Feigen nicht und die blutroten Trauben? Sie quellen im Laub. Und zwischen braunen Myrten leuchten Rosenbüsche, und tausend Blumen stehen im Beet. Da ist auch ein Flüßchen; das kommt aus dem kühlen Born, der dort unter den Ulmen rinnt. Und daneben stehen die schwarzen Schirme der Pinien in Reihen: da schimmert es weiß; das sind Häuser der Menschen; da haust der König.«

»Aber Patroklos ist nicht hier. Wo ist er? Wir wollen wider die Kentauren kämpfen!« Achill warf sich nieder, hörte nichts, sah nichts, krallte die Finger in die Erde und rief unbändig nach seinem Freund! und als die Mutter ihm streng gebot: »Steh auf. Ich hab' euch getrennt. Mein Wille ist's, und du sollst gehorchen« – da packte ihn die Wut der Ohnmacht und schüttelte seine junge Seele, und ein wildes Schluchzen rang sich los aus seiner Brust.

Da scholl Gesang. Woher kam der Schall? dies liebliche Tönen? Aus der tiefen Schlucht einer Gebirgsfalte stieg Opferrauch steil empor und zerflatterte leicht im Morgenwind. Achill stutzte, gab acht und horchte. Da sah er eine Schar von Mädchen. Ihre Gewänder schimmerten rosig und schwebten wie Wogen um ihre Füße. Ihr Haar war hochgeflochten und mit schmalen Binden festlich bekränzt. Auf einem kreisrunden Platz, da faßten sie sich an den Händen und begannen zwölfstimmig ein helles Lied: das klang so heilig, so selig schön, so liebreizend, und der Schall wuchs und entfaltete sich schwellend im weiten Rund des Felseneilandes. Denn es war heut Festtag der Artemis, der 23 keuschen Göttin, die das Frauenleben hütet, und nur Frauen waren zugegen. So wandelte dort unten der fromme Reigentanz im Kreise, und die Tänzerinnen lächelten friedselig und jauchzten und wiegten sich.

Das waren die zwölf Töchter des Königs Lykomedes. Deïdamia aber gab kundig den Schritt an und sicherte die Regel. Nachtschwarz war ihr Haar und ihr Sammetauge groß und fragend, süß ihr Odem, und ihre Wangen glichen den Pfirsichen, wenn sie reifen wollen. Sie zählte schon fünfzehn Jahre und schimmerte im Reigen wie der Mond im Kranz der Sterne. Aber sie blickte scheu wie ein Reh in die fremde Menge, die den Platz in schaulustiger Andacht umstand.

»Wer sind die?« rief Achill. »Sind das auch Menschen? Wie sie hold sind! Laß mich zu ihnen!« Und er stürzte wie ein Panther vor, der sein Wild erspäht. Denn ein neugieriges Verlangen erfaßte ihn, und sein Auge funkelte in plötzlichem Wohlgefallen.

»Ich führe dich zu ihnen,« gab Thetis fröhlich zurück. »Aber zuvor laß dich kleiden, wie es geziemend ist.« Und sie tat einen Möwenschrei, der über die See drang. Da tauchten mit weißen Armen die freundlichen Nereïden aus der Schaumkrone der Brandung und fingen den Knaben ein und badeten ihn mit weichen Händen. Das gefiel Achill. Dann hüllten sie ihn in ein weites Frauenkleid, das man Peplos nennt, und er duldete auch das voll Staunen und aufgeräumt, drehte sich dreimal lachend um sich selbst, daß der Rock flog, und meinte: »Darin könnten sich drei Männer kleiden! und das Vlies der Schafe Chirons ist nicht so weich.

»Das ist hier die Tracht des Landes,« belehrte die Mutter. »Du sollst hinfort einhergehen wie jene, die dort unten den Reigen schreiten und nach denen dein 24 Herz verlangt.« Und die Nereïden fuhren fort, ihn zu schmücken, flochten sein schweres, wild strähnendes Haar in einen Knoten, der gefügig im Nacken hing, legten breite Spangen um seine Arme und Fußknöchel und holten gar einen Spiegel vom Meeresgrund, der blitzend Achills Bild zurückgab. Er sah es voll Belustigung.

»Wer ist es, den du im Abbild siehst?« frug die Göttin.

»Nicht Achill!« rief er. »Und dies ist nicht der Sohn der Thetis.«

»Du siehst die Tochter der Thetis,« begann sie feierlich. »Vergiß den Namen, den du bisher geführt. Du sollst hinfort Aigle heißen, die Tochter der Thetis!«

»O närrische Mutter! Was ist das, eine Tochter? Was muß ich tun, wenn ich Tochter bin?« Und voll Übermut sprang der Knabe, der den Unterschied der Geschlechter noch nicht ahnte, auf eine Felsenplatte, die in die Höhe ragte, und setzte den Fuß zierlich an, als ob er tanzen wollte wie jene Mädchen. Aber täppisch wie ein Stier trat er auf den schleppenden Saum des Gewandes und stürzte lachend vornüber ins Knie. Vor seinen wilden Riesenschritten spannte sich der Rock, daß er in den Fäden krachte, und das Kleid wäre wie Segeltuch grausam unter dem Messer zerrissen, wäre es nicht dereinst am göttlichen Webstuhl unzerreißbar gewebt worden.

»Nun helft mir aus den Kleidern!« begann er zu flehen. »Die Tochter der Thetis sitzt wie ein Wild in der Schlinge.«

Thetis aber hatte schon neues ersonnen. Jetzt eben brachten die Meerfrauen in Muschelschalen Honig und Milch zum lieblichen Frühmahl. In den Trank aber 25 mischte die Göttin rasch und heimlich einen Tropfen Vergessenheit. Im Reiche der Toten, da fließt die Lethe, der Strom des Vergessens. Als Thetis vorzeiten den Orkus betrat, um die schwarzen Schicksalsfrauen nach dem Los ihres Sohnes zu befragen, hatte sie des Lethestromes wahrgenommen und aus ihm ahnungsvoll das schmerzlich köstliche Naß in ein Alabasterfläschchen geschöpft, ohne doch selbst davon zu kosten. Denn die Götter selbst dürfen die Lethe nicht trinken, da das All zusammenbricht, wenn das Gedächtnis der Götter schwindet.

Jetzt war die Zeit gekommen, den Schicksalstrank zu nutzen. Nur mit einem halben Tröpfchen versetzte Thetis die Milch, schüttete vorsichtig den Rest auf die Flur und zertrümmerte das Fläschchen. Auf der Flur aber stand ein Kraut, das nennt man Absynthkraut. Das erhielt von dem Guß für immer seine todesbleiche Farbe, und wer heute gar vom Saft des Absynthkrautes trinkt, dem gehen auch jetzt noch das Gedächtnis und der Wille verloren.

Da vergaß Achill, da er getrunken, jählings seine ganze Vergangenheit und seinen Namen, und ein Traumdasein umhüllte ihn und trug ihn willenlos auf Schwingen des Märchens, und über den Unbändigen kam die Spiellust des Kindes, das sich freut am Schaukeln des Schmetterlings, am Gezirp der Zikaden und nach allen Blumen greift, um sich zu schmücken.

Und Thetis vollendete ihr Werk, umgoß ihr Kind mit ambrosischem Duft, ließ das Rund seiner Wange und Brust und Arme weicher erscheinen, glättete auch alle Risse der Haut und alle Narben weg, und das Mädchenhafte des Knabenalters, das unter der Rauheit verborgen lag, trat täuschend heraus, in herber Anmut.

26 Inzwischen war schon am Altar der Artemis der Festgesang verklungen, und Thetis brachte Klymenen, der Königin, den verwandelten Sohn und sprach: »Sieh, hier hast du mein Kind Aigle.« Und zum Achill gewandt: »Die hohe Frau ist gut und tugendsam und wird dich zu ihren Töchtern führen. Im Frauenhof des Palastes wirst du mit den fröhlichen Mädchen leben und sittsam und fleißig und ohne Ehrgeiz und glücklich sein wie sie alle. Allabendlich aber wird die Schaffnerin dich an die Uferstelle führen, wo ich deiner harre, daß ich dich sehen und herzen kann. Denn du bist mein Liebling, vergiß es nicht, meine Sinne bangen um dich, und ein Götterleben ist nichtig und leer ohne die Liebe zum sterblich Geborenen.«

Mit solchen Worten umschlang sie den Sohn. Am seligsten Erdenglück weidete, berauschte, sättigte sich das Herz der Göttin, und in ihr frohlockte es: »Gerettet! gerettet! Mein Werk ist geglückt! Kein Krieg schlägt je an diese Ufer, und wie man in der Tiefe des Brunnens vom Sturm nichts hört, der hoch in den Wolken fährt, so hört Achill hier nichts von Männermord und Schwerterklingen.« Und unter dem Stammeln der Liebe zerging Thetis in des Sohnes Armen in Lust und wurde nicht mehr gesehen.

Da waren schon die Mädchen! Wie drängten sie sich, um den neuen Abkömmling zu begrüßen! Denn Mädchen sind mit Neugier begabt, und sie lebten so eingeschlossen und streng gehütet, daß jeder Gast und neue Hausgenosse ihnen liebwert schien wie ein Festtagsessen. Als aber Achill mit steilem Nacken vor sie trat, erschraken sie, und erbebten unter dem Druck seines Handschlags und voll Verwunderung sahen sie den machtvollen Wuchs seiner Glieder, der abformend sich im 27 Peplos verbarg. Ein junger Habicht mit gestutzten Fängen, dem gab man Einlaß in den Taubenschlag.

Sein kühner, heller Blick flog musternd von einer zur anderen, aber der enge Kreis wich vor ihm zurück, und nur Deïdamias sonst scheue Seele flog ihm entgegen, ihre Blicke fingen sie auf, und voll Zutrauen lachend hub sie an: »Wie groß und stark du bist! Man könnte sich fürchten! So laß es dir denn bei uns heimisch sein.« Mit solchen Worten nahm sie ihn an der Hand und schritt mit ihm im Zuge unter der Mutter Geleite durch die Gartenhecken und unter Rebenlauben hin, die, die steilen Gassen überwölbend, zwischen den Häusern der Stadt von Wand zu Wand sich rankten, bis hinan zum Palast des Vaters Lykomedes.

Von einer Schaffnerin mit vielen Mägden wurde die Frauenwohnung gehütet, die, im Rechteck von allen Seiten ummauert, hart neben dem Herrensaal des Palastes stand und nur durch einen schmalen Gang mit ihm verbunden war. Zwölf schattige Stuben lagen zu ebener Erde um einen weiten Spiel- und Gartenhof; aber auch an größeren Gemächern für die gemeinsame Tagesarbeit der Lykomedestöchter war kein Mangel. Nun teilte Achill Deïdamias Gemach und speiste und spielte mit den Schwestern, schnitt das Futter zurecht für Deïdamias Schoßhündchen und sollte bald auch das Nähen und Spinnen und Weben lernen oder gar stundenlang müßig sitzen, die Hände um das Knie gefaltet, und süßes Geschwätz anhören und selber schwatzen. Allabendlich aber verschwand er, seine Mutter zu sehen, und sie badete ihn in der lauen Flut, solange es Sommer war, indes der Himmel lodernd den Tag begrub und das Meer trunken war vom Gold der untergehenden Sonne. Dann erzählte er der Mutter fröhlich 28 von seinem neuen Leben und von dem Staunen der lieben Mädchen, und in Thetis wuchs die Gewißheit, daß ihr Plan gelungen war: seine Tatkraft war eingelullt, sein Gedächtnis tief entschlummert.

Für die Mädchen aber war in der Tat des Staunens kein Ende. Wie herrlich war es, auf die Schaukel, die am Baum hing, zu steigen, wenn Achill die Schaukel schwang. Stieg er jedoch selbst hinein, so überschlug sie sich wirbelnd, und mit gelösten Zöpfen saß er auf einmal oben auf einer Astgabel im Platanenwipfel. Beim Ballspiel verschwand der goldene Ball, den er geworfen, im leeren Äther, die Mädchen starrten ihm nach mit offenem Mund, und die kleinste weinte schon bitterlich, daß sie den schönen Ball verloren, als er plötzlich heruntergeschossen kam, wie wenn ein Stern vom Himmel fiele.

Zu jedem Neumond fuhren sie alle hinaus, die Wäsche im Fluß zu spülen. Da rieb Achill das derbe, kostbare Linnen am Stein so hart, daß es wie Zunder in Fetzen ging. Dann stand er beschämt – denn die Schaffnerin schalt –, pfiff wie ein Vogel in den Tag hinein, füllte endlich die Körbe wieder und lud sie auf den Karren. Die Maultiere aber erschraken so vor seinem Anruf, daß sie sich rasend in Flucht warfen; da nahm er Karren und Körbe zugleich auf seine Schulter und trug sie trällernd nach Hause.

Der Winter kam und die langen Nächte, und die grauen Stürme gingen über das Meer. Da wurde im Saal gewebt und gesponnen. Aber seine großen Hände zerknickten die zarte Spindel, und wenn er an den Webstuhl trat, wankte das Gebälk, die festesten Fäden rissen, als griffe er in lose Spinnweben hinein, und die gute Schaffnerin schalt wieder voll Grimm: »Aigle! Aigle! 29 du sollst uns hinfort im Stall die Schafe scheren. Nur dazu bist du nütze, daß du uns Wolle schaffst in unsere Körbe. Aber der Schäfer wird dir seine Tiere nicht ausliefern, denn mit der Wolle schneidest du ihnen zugleich den Kopf und die vier Beine ab.«

Da lachten alle, und Aigle lachte mit und küßte die Alte so herzlich, daß ihr die Knie wankten.

Die Stürme sangen über dem Dach des Saales ihre grollenden Weisen. Die Flämmchen in den Lampen hüpften unsicher und in Angst zu verlöschen. Wie soll man die leeren Stunden füllen? Die Leier ging von Hand zu Hand. »Aigle,« hieß es, »sing' uns ein Lied.« Da griff Achill froh in die Saiten, und seine Stimme wollte sich hell erschwingen, aber siehe: alle Worte entfielen ihm; denn selbst den Heraklessang, den ihn Chiron sorgsam gelehrt, hatte er ganz vergessen, und wie ein Kind saß er nun und lernte von seiner Freundin andere Weisen, die Weise vom Kuckuck und von der Schwalbe oder von den Sirenen:

Die da lockend sitzen
Auf Felsenspitzen
Und wie Vögel singen
Und Männer verschlingen.

»Das ist ein langweilig Geklimper! So erzähl' uns etwas!« Und das Geschichtenerzählen ging im Kreise herum, und alle wußten ein Erlebnis oder eine Fabel. Achill aber besann sich lange, und seine Gedanken suchten im Leeren, und er konnte nicht angeben, wo er vordem gewesen, wo er aufgewachsen, was er irgendwann gesehen, erlebt, erfahren. »Aigle ist klug wie ein Gott und doch dumm wie ein Fisch,« kicherten die Mädchen. »So laßt uns denn Rätsel raten.« Und von allen Rätseln, die die Kinder sich aufgaben, fand das 30 Mädchen Aigle jede Lösung zuerst. Danach gab Aigle selbst den Schwestern ein Rätsel auf: »Wer ist fünfzehnjährig ein Neugeborener?« Und sie begriffen es nicht. Er aber dachte in tiefem Befremden: ›Ich! ich! Das Rätsel bin ich mir selber!‹ Denn er hatte wirklich das Gedächtnis des Neugeborenen.

So schien es, daß er in brütenden Tiefsinn versank. Deïdamia aber ließ es nicht zu, durchstach ihm, um ihn zu wecken, erst ein Ohrläppchen und dann das andere und hing ihm die schönsten Ohrgehänge hinein, und ihre herzliche Munterkeit tröstete ihn rasch und ließ ihm nicht Ruhe; und wie einst Achill und Patroklos, so waren jetzt Aigle und Deïdamia Kameraden und Freunde geworden in Unzertrennlichkeit. Denn sie lehrte ihn alles, und indem sie ihn zu beherrschen schien, diente sie ihm mit liebendem Herzen.

Der König Lykomedes sprach zu Klymenen, der Königin: »Deïdamia ist nunmehr zur Ehe reif. Die Zeit ist erschienen, daß sie uns verläßt. Polyphont, des Kresphontes Sohn, der in Messenien haust, der freit um sie; du weißt es; ihm hab' ich die Tochter zugesprochen.«

Klymene versetzte in Sorgen: »Melde Polyphont, daß er wird warten müssen. Denn ich sprach von ihm mit unserer Tochter selbst, und das Kind weigerte sich in Leidenschaft und weinte laut. Warum? Sie will von Aigle, der neuen Freundin, nicht lassen. Auch Aigle selbst war zugegen und rief mit schrecklichem Ton: »Wohin, Königin, deine Tochter geht, dahin folg' ich ihr, und den Polyphont erwürg' ich auf der Stelle, noch eh' er sie angerührt, noch eh' er zu ihr seinen Blick erhoben!«

Da Lykomedes dieses hörte, erfaßte auch ihn ein 31 großes Staunen, und er begann sorgsamer und mit Besorgnis auf Aigle acht zu geben.

Der Frühling kam. Die Schiffe liefen aus. Da ging das Gerücht über das griechische Festland, daß Paris, der Trojaner, die Königin Helena aus Sparta entführt, und schon rief Menelaos die Könige und Königssöhne des Griechenvolkes zum Rachezug gegen Troja auf. Nach dem einsamen Skyros aber drang davon nicht die Kunde; auch hatte Lykomedes keinen Sohn in den Krieg zu senden.

Der Frühling war gekommen. In den schluchzenden, veilchenfarbenen, lichtdurchsponnenen Wogen umspielten die Nereïden mit Thetis, ihrer Königin, aufjauchzend das friedliche Gestade, und Venus selbst kam und streute aus voller Hand süße Frühlingsblumen ins Gefilde; die Bienen schwärmten aus, und auch die lieben Mädchen des Palastes ließen endlich Webstuhl und Wocken stehen und eilten mit den leeren Wollkörben zum Kränzewinden hinaus auf die Flur. Anemonen und blutiger Mohn, Narzissen und Hyazinthen, die blühten zu Tausenden auf den Wiesen; da tummelten sie sich und haschten sich und taumelten ins Gras, in kindlicher Lust. Dann begann die Arbeit. Die einen pflückten, die anderen banden. Achill aber köpfte die Blumen wie ein Wilder und, da er nach Rosen suchte, riß er die ganze Staude gleich mit den Wurzeln aus, daß die Mädchen ihn einfingen und lachend mit geschwungenen Rosenzweigen ihn geißelten, bis er um Gnade flehte.

Aber auch für die Bienen sind die Blumen da, und auch die Bienen zürnten ihm.

Gott Amor flog eben unter den Bienen umher, denn er war mit seiner Mutter Venus gekommen, der winzige Gott, der leicht zürnt, aber immer auf Liebe sinnt 32 und der sich oftmals in eine Biene verwandelt. Sein Liebespfeil wird da zum Stachel, und er hockt lauernd in einem Blumenkelch, bis daß sich eine Pflückerin arglos naht. Nun nahte sich Aigle, und er stach sie voll Zorn, und auffliegend merkte er in Überraschung, daß dies kein Mädchen war, die er gestochen. Sein Stachel war in Heldenblut gedrungen. Triumphierend dachte er da: ›Es war ein Stich des Zornes; doch er soll Liebe wirken!‹

Und er wirkte Liebe. Denn Deïdamia sah Aigles Wunde kaum, als sie schon begann, sie auszusaugen. Aigle sträubte sich zwar; aber es war schon geschehen. Da hatte auch Deïdamia von Amors Gift getrunken, und ein Zittern befiel sie, und in Achills junger Brust erwachte dämmernd die Freude am Weibe, die nicht Freundschaft ist.

Gott Amor flog indes zu seiner Mutter, und beide fanden Thetis, und da die Göttinnen von ihm gehört, was er eben vollbracht hatte, da lachten beide, Venus und Thetis, und die Natur und das All und Himmel und Erde lachten in Liebe auf und in Lenzesseligkeit. Ein Unheil ahnte niemand, und Thetis sprach für sich: »Im Starken erwacht die Sehnsucht früh. Nun ist sein Sinn hier ganz gefangen!«

Ein Paar Turteltauben waren Deïdamiens Lieblingsvögel. Amor öffnete heimlich den Schlag, so daß sie ausbrachen und in freiem Flug feldeinwärts flogen. Das Mädchen rief und haschte ihre Vögel umsonst. Da stürzte sich auch schon ein Falke aus hoher Luft auf sie nieder. Achill aber hob die Schleuder und traf den Falken, daß er ihm tot zu Füßen fiel, und lockte, da der Abend nahte, die Tauben glücklich heim, und Deïdamia bedeckte die lieben Tiere und den, der sie gerettet, mit ihren Küssen, dem Zeichen ihrer Zärtlichkeit.

33 Die Nacht kam. Zum erstenmal vergaß da Achill den gewohnten Abendgang zu seiner Mutter; und mit der Nacht schlich sich Gott Amor in die Behausung der Mädchen ein, die ihm so fremd war. Denn der Arge wollte sein Werk vollenden und löschte die Lampen früh, so daß man ihn und sein Tun nicht sah. Die Schaffnerin horchte auf. Es war wie ein Wunder! Sie hörte in der tiefen Nacht die schlummernden Tauben im Käfig girren.

Es war dies aber dieselbe Nacht, da fremde Kaufleute auf Skyros gelandet waren: ein seltenes Begebnis. Ohne Thetis' Wissen war die Landung geschehen. Denn da die Göttin des Sohnes Kommen vermißte, schwamm sie voll Besorgnis in der Brandung und suchte im Dämmer den Umriß seiner Gestalt. So kam es, daß sie des Schiffes nicht gewahr wurde, das die Kaufleute brachte. Es waren dies aber die Helden Odysseus und Diomedes, die von Aulis kamen, um Achill zu suchen, und sich als Händler verkleidet hatten, die nach Phönizierart Schmuck feilboten, wie ihn die Kunst des Orients erzeugt.

Denn als die Griechenhelden sich in Aulis zur Ausfahrt gen Troja sammelten, wurde der Sohn des Peleus vermißt, und man suchte ihn von Königsburg zu Königsburg. Wie sollte man ohne Achill auf Sieg hoffen? Der König Lykomedes aber nährte im Herzen Argwohn gegen Aigle und hatte einen Boten an den Seher Kalchas nach Aulis gesendet. Der Bote meldete ihm: »Meine Tochter Deïdamia verschmäht Polyphont, den Messenier, der um sie freit. Denn sie hat nur Freundschaft zur Aigle, dem wunderstarken Mädchen, die hier mit meinen Töchtern haust. Eine Göttin brachte uns Aigle entweder zum Fluch ins Haus oder zum 34 großen Heil. Rate mir, weiser Mann, was soll ich tun?«

Als Kalchas das gehört, befiel ihn frohe Ahnung; denn ihm war Seherkraft von Apoll verliehen; er erriet das ganze Geheimnis und erhob selbigen Tags zum Odysseus das Wort: »Macht euch schleunigst auf und geleitet des Lykomedes Boten nach Skyros zurück. Das sei meine Antwort. Begebt euch dort zur Frauenwohnung des Königs, und ihr werdet den Besieger Hektors finden.«

Am Morgen nach jener Nacht, da die Tauben girrten, zogen auf Skyros die Händler mit ihrem Kram zum Palast hinan und baten, den Töchtern ihre Waren zeigen zu dürfen. Käse und Feldfrüchte und Schläuche Weins, auch Kupfer, das man im Bergwerk fand, forderten sie als Zahlung. Und da standen schon die Königstöchter und Mägde und bewunderten im Gedränge mit ah! und oh! all die kostbaren Nadeln und Spangen und Kämme und Schalen und Spiralen gewundenen Golddrahtes, und begehrten hin und her fahrend bald dies und bald das. Deïdamia ergriff einen Halsschmuck und wiegte ihn in der Hand; der bestand aus geschliffenen Edelsteinen voll Wunderkraft, und wer ihn trug, so sagten die Händler, verlor nie die Liebe dessen, der ihm teuer. So stand sie da, an Achill gelehnt, strahlend schön wie nie, von Liebreiz umflossen, in ihrem dunklen Auge schmachtende Verklärung. Achill aber achtete nicht ihrer, nicht der Steine und forschte mit ganzer Seele gespannt in den Mienen der fremden Männer, deren Worte so frei, deren Blick so kühn, deren Wuchs so heldenhaft, und seine Brust hob sich. Und wie ein Kelch mit Zaudern unmerklich sich öffnet, wenn ihn der erste Strahl des Lichts berührt, so stieg ein unsagbares 35 Erinnern aus fernem Hintergrund seiner Seele langsam, langsam in ihm empor.

Da stieß Diomed wild in die Kriegsposaune, daß es hallte. Odysseus rief: »Wer keine Nadeln liebt, der liebt den Speer,« und warf mit dröhnendem Geklirr erzene Waffen in den steinernen Saal, daß die Töchter entsetzt auseinanderstoben und zitternd in ihren Türen standen. Nur Deïdamia blieb, Achill umklammernd, und suchte in Ohnmacht ihn hinwegzuziehen, als schon Odysseus von neuem die Stimme hob: »Wer will das Schwert des Peleus?«

»Es ist mein!« schrie Achill und stieß die Geliebte von sich und stand schon gleißend in Waffen, und Blitze schlugen aus seinem Aug'. »Peleus mein Vater! Ich bin Achill!« Da hatte er sich erkannt und war ganz erwacht, das Vergessen vergessen, die Lethe ausgeschleudert aus dem siedenden Blut, und er bat fortstürmend: »Wo ist Patroklos? Wer immer ihr seid, bringt mich zu ihm und zeigt uns den Feind, daß ich fechten kann!« –

Schon stieß das Schiff vom Ufer; die Ruder griffen schon aus. Hoch wie ein Baum im Feld, strahlend und wonnelachend und jung wie das Morgenrot, so stand Achill am gewölbten Bord und spähte über die fremde, flutende See, die ihn mit ihren Wogen grüßte, berauscht nach Ost in die ahnungsvolle Ferne, endlich frei, frei, um in ungebundenem Willen sich fröhlich hinauszuwerfen auf den Ozean des Lebens und, das Segel hoch, in die Zukunft zu rennen und nach dem Schicksal zu jagen, mit dem es sich zu ringen verlohnte.

Er winkte der Geliebten nicht Abschied und nicht der Mutter, die ihn um sein Heldentum betrogen, und Deïdamias sehnsüchtiger Blick grüßte vergebens vom 36 Felsengestade, und Thetis sah vergebens in Tränen jammernd zu ihm auf. Es geschah der Wille der Parzen.

Thetis' zweiter Rettungsplan war vereitelt. Wie sollte sie ihn jetzt noch seinem Geschick entreißen? Sie bangte scheu vor der Herrlichkeit und vor dem Groll des Sohnes und mußte den Kiel des verhaßten Schiffes nun sorglich durch die Klippen tragen, damit der Sterbliche, den sie geboren, auf seiner Reise in den Heldentod nicht gefährdet sei.

So fand Achill seinen Freund Patroklos und das Griechenheer, das schon nach Asien fuhr. Fünfzig Schiffe der Myrmidonen aber geleiteten ihn; und mit feierlichem Schwur gelobte er dem Oberkönig Agamemnon, von Trojas Mauern nicht eher abzuziehen, als bis sie in Asche lägen.

*

»Aber Sie sind müde vom Hören, verehrte Freundin! Wer hätte noch heute für Märchen Geduld? In zehn Minuten geht der Tram von Phaleron nach Athen zurück. Sie wollen, daß wir fahren?«

»Im Gegenteil,« versetzte meine Zuhörerin in sanftem Ton. »Wer hätte Lust eben jetzt abzubrechen und aufzubrechen? Der Tag sinkt schon. Ein kühlender Hauch kommt vom Meere; und die Fabel rührt und stillt das Herz. Lassen Sie mich so im Halbdunkel das Ende hören, wenn es nicht allzu schmerzlich ist.«

»Dort,« sagte ich, »ragt Ägina vor uns am Rand des Meeres, schon verschattet, und nur um die Gipfel seiner Höhen spielt noch das Abendlicht. Ägina ist die Insel des frommen Äakos, der der Ahne des Achill war. Die Natur, das Land selbst redet hier von diesen Dingen, und die Steine selbst erzählen.«

37 »Und Thetis?« drängte die Dame. »Eine Mutter, die Göttin ist, ist anders als ich gestellt. Sie kann ihrem Sohn überall in der Gefahr nah' sein und helfen und sein Herz trösten, wenn er leidet. Alles das war mir, da mein Sohn im fernen Land sein Leben opferte, nicht beschieden. Nur eins fürchte ich: wird Thetis sich auch in die Schlacht mischen? und werde ich viel von Blut und Gebrüll des Ares hören? Denn Ares, so nennt wohl Homer den schrecklichen Gott des Schlachtengemetzels?«

»Fürchten Sie nichts! Ich handle nicht von Wunden des Leibes, sondern des Herzens. Es ist eine lange Geschichte, wie Thetis zu hoffen nicht aufhörte. Aber ich raffe sie kurz zusammen.

Drüben im Osten, jenseits Suniums, an der trojanischen Küste Kleinasiens wälzt der Skamander seine Wogen im Sande, und über der uralten troischen Burg erhebt sich das jähe Idagebirge wie ein zweiter Olymp. Auf der Höhe des Ida aber, da thronte Zeus im Gewittergewölk, der donnerfrohe Gott, der Vater der Götter und Menschen. Denn alle Berge knien vor ihm, und auf ihre Scheitel stellt er seine Throne. Ein Mantel aus goldenen Wolken umwallt ihn in strahlenden Falten. In der Rechten hält er den flackernden Blitz, und sein schwerer Bart und seines Hauptes schwarze Mähne wogt und schüttert, wenn er hinab in die Tiefe schaut und mit großen, rollenden Augen das Haupt nach rechts und links drehend bewegt. Denn zu ihm aus den Tiefen dringen Jubel und Notschrei und jeder Seufzer des Erdengeschlechts.

Ein Lächeln stand in seinen Mienen, da er Achills Taten vor Troja sah. Denn ein rechter Gott freut sich an werdender Menschengröße. Auch liebte er ihn. Denn 38 Äakos, der den Peleus zeugte, war Sohn des Zeus, und Peleus eben zeugte den Achill.

Agamemnon war der Herrscher und Schlachtenordner im Griechenheer. Achills Speer aber brachte Sieg auf Sieg, indem er, um Troja von jeder Hilfe abzusperren, alle umliegenden Festen zerstörte. Mit jedem Sieg aber fuhr Thetis in Sorgen auf. Sie ruhte auch jetzt nicht; denn die Sorge ist stärker im Herzen des Liebenden, als die Klugheit.

Eine Möwe schwang sich vom Meer hoch über das Haupt des Ida. Der Adler, der am Knie des Zeus saß, fuhr auf, um sie zu zerfleischen. Aber die Hand des Gottes drückte den streitbaren Vogel nieder, und Zeus sprach zur Möve: »Thetis, was bringst du?« Da stand schon Thetis, die als Möwe flog, vor dem Gottvater in aller Schönheit der Meerfrau und warf sich ihm zu Füßen: »Hilf mir, Gütiger! Du kennst das Verhängnis, den Spruch der Parzen: Ruhm und früher Tod – oder ruhmloses, langes Leben . . .«

»Wie helfen?« sprach der Gott. »Das Schicksal ist mein Ratschluß. Die Parzen buchten ihn, und er ist unabänderlich.«

»Ändere dennoch! Unterbrich den Gang der Dinge, dafern du allmächtig bist.«

»Der Gang der Dinge läßt sich ändern, aber ihr Ende nicht. Der Fluß, der vom Ida entspringt, mag er träge im Sand sich wälzen oder aus der Höhe über Klippen stürzen: du siehst, er fällt doch immer in dasselbe Meer.«

»Ich suche nicht Weisheit, ich suche Hilfe. Schon droht meinem Knaben der Ruhm. Gib Aufschub! reiß' ihn aus dem Kampfe.«

»Und wenn du sein Herz damit betrübst?«

39 »Es ist mir gleich. Jeder gewonnene Tag seines Lebens ist für mich wie tausend selige Jahre der Ewigkeit.«

Und sie legte die Hand flehend unter sein Kinn, und ihr meertiefes Auge sah beweglich zu ihm empor. Da gab Zeus dem Adler, der ihm diente, den Blitz in seine Klauen und hob Thetis an beiden Händen sanft empor, und aus seinen mächtigen Augen, die tief in der Nacht der Augenhöhlen lagerten, schlug wie Wetterleuchten ein lachender Strahl, und ein Schimmer der Freude ging durch das All. Dann sprach sein Mund:

»Du bist kurzsichtig wie ein Weib. Aber wie kann ich deine Schönheit trauern sehen? Du sollst Aufschub haben. Wie selten sehe ich dich! Ihr Meerfrauen meidet unsere Höh'n zu sehr. Kehre wieder, so oft dich die Sorge drängt, da du des Fliegens so kundig bist.«

»Sag noch dies, Zeus! Und durch wen, durch wen wird er sterben?«

»Drängt dich der Vorwitz? So wisse: durch einen Gott endet Achill oder durch einen Sterblichen, der ihm selbst an Wert gleichwiegt.«

»Memnon! du meinst Memnon?«

»Der Name schläft noch in der Urne des Schicksals.«

Da hüpfte aus der Götterhalle ein girrender, süßer Mädchenschwarm; die riefen, und es klang wie ein silbernes Glockenspiel: »Tireli, lala! Wir haben deine Stimme erkannt, Thetis. Erkennst du uns nicht, die Musen, die dir an deiner Hochzeit das Brautlied sangen? Deine Hochzeit, das war ein seltenes Fest, und wir werden in Ewigkeit davon erzählen.« Und ihr Geplauder ging weiter wie ein gurgelnder Bach in allerliebsten Kadenzen, als auch der Schenk Ganymed mit der goldenen Kanne hervortrat; der tippte dem Vater der 40 Götter vertraulich an die Schulter: »Väterchen, es ist Zeit. Die Welt beginnt ihren Mittagsschlaf, und Hera wartet. Da darfst du endlich des Mahles pflegen.«

Und der Duft der Ambrosia, die ewig das Götterblut verjüngt, strömte aus der hohen schattigen Halle, die wie aus Luft geformt schwebend im Äther stand und farbig in Edelsteinen schimmerte wie der Regenbogen. Und im Mischbecher schäumte und perlte schon der Nektar, der die Unsterblichen selig macht, und man hörte von innen ihr klingendes Gespräch und der Aphrodite Lachen, das jedes Herz mit Überschwang der Wonne füllt.

»So tritt mit uns ein,« baten die Musen verbindlich, »Thetis, du glückliche! und wir wollen vom künftigen Ruhm deines Sohnes plaudern.«

Unseliges Wort! Thetis schrak zusammen und war schon wortlos verschwunden. In die Tiefe, wo am Strand die Gezelte der Myrmidonen standen, schoß die Möwe kreischend hinab. Ganymed aber wandelte fleißig um die blanken Tische zum Gesang der Musen und schenkte den Göttern, bis sie Genüge hatten; dann schlüpfte er zum Adler hinaus, der seiner harrte, streichelte ihm vertraulich das Nackengefieder und tränkte ihn und legte sich schlummern unter seine Schwingen. Und die ganze friedlose Welt ruhte so um die Stunde der Mittagsglut in Frieden wie die olympischen Götter.

Auch Agamemnon schlief. Zeus aber sandte ihm einen Traum und schlug ihn mit dem Wahn der Verblendung.

Achill war eben fröhlich wie einst, als er den Kentauren erschlagen, mit Patroklos, dem unzertrennlichen Gespielen, heimgekehrt zu seinen Zelten, die wie Blockhäuser mit ebenem Dach in langen Reihen standen, und führte reiche Beute, geschirrte Rosse, Waffen und schöne 41 Frauen mit, die er mit freigebiger Hand ohne Verzug zu verteilen begann. Agamemnon sah es, und durch Zeus' Traum verblendet, trat er herrisch hervor und forderte kraft seiner führenden Herrschermacht das Recht der Verteilung und von allem das Beste für sich.

»Der Hund schnappt nach der Beute des Tigers,« fuhr Achilles auf. Aber er gehorchte und gab knirschend das Geforderte und saß nun düster grollend in seinem Zelt. So begann der Zorn des Achill. Und der Zorn wollte nicht enden. Tag um Tag verging, der Mond füllte sich, nahm ab und füllte sich wieder: aber wie sehr die Freunde sein Herz bestürmten, Achill grollte und kämpfte nicht mehr. Thetis hatte ihren Willen: er war der Gefahr entzogen, der Tod war verscheucht. In der Dämmerung kam sie oft zum Sohne und festigte seinen Unwillen mit Fleiß: »Unehre schüfe es dir, einem Agamemnon zu dienen; aber die Götter lieben dich,« so sprach sie in verzeihlicher Arglist. Er aber hatte das Lächeln verloren; er grollte auch der Mutter, Verachtung und Haß wühlten in seiner jungen unberührten Seele; seine Helligkeit wurde finster. Eine Wolke fraß das Sonnenlicht von seiner Stirn. Die Mutter aber hatte des nicht acht, und wie bei Windstille auf dem Spiegel der See keine Welle sich kräuselt, so wiegte sie sich endlich wieder in Ruhe, Frieden, Sicherheit und strahlendem Glück. Sie wußte nicht, daß auch der Zorn zum Ruhme führt. Zeus, der allsehende, wußte es.

Denn schon war die Schmach über Agamemnon gekommen. Die Trojaner drangen mit Siegesgeschrei aus ihren Mauern. Agamemnon floh. Diomedes, Meriones, Menelaos, Odysseus, Helden auf Helden, trug man verwundet aus dem Getümmel. Hektor, der 42 wunderstarke, schwang frohlockend die Brandfackel gegen die Griechenschiffe, und Helena stand höhnend mit Paris auf den Wällen Trojas. Da warf sich Patroklos, der Freund, ohne Achill dem Feind entgegen und löschte den Brand und wehrte der Not. Aber er starb im Sieg hingestreckt unter Hektors Schwert.

Patroklos tot! sein Blick erloschen! seine Lippen bleich! seine blühenden Glieder schlaff, kalt, ohne Odem, staubbedeckt, blutüberströmt – so trug man ihn in das Zelt Achills. Da ächzte Achill auf, ins tiefste Herz getroffen, und schlug zu Boden und umschlang ihn, als müßte seine Glut in ihn überdringen und sein wilder Herzschlag ihn beleben, und rief ihn mit jedem zärtlichsten Wort der Kindheit. Umsonst! Er, der so viele in den Tod gejagt, begriff nicht, was der Tod ist. Denn erst am Verlust des Nächsten lernt der Mensch das Unfaßbare, das Nichtsein in seiner Wirklichkeit. Und das Grauen, das Weh, Verzweiflung und Schrecken und schwarze Wut und rasende Rachgier loderten in ihm auf, und waffenlos, wie er war, sprang er auf das Dach seines Zeltes und schrie, die Arme reckend und heulend wie Sturm, gräßliche Drohungen über das Feld, daß vor seiner bloßen Stimme der Feind zusammenbebte und hinter die bergenden Mauern floh.

Auch Thetis erbebte und kam liebreich, die Leiche durch Bad und Salbungen der Verwesung zu entziehen. Aber ihr Trostwort verstummte. Das Schicksal hatte wieder seinen Lauf. Sie selbst brachte jetzt dem Sohn aus Vulkans Schmiede neue Waffen zu neuem Kampf. So mußte ihr Anschlag endigen. Sie selbst trieb ihn ins Gefecht, und mit gehobenem Speer begann Achill nicht die Schlacht, nein, die Jagd auf den Feind, grausige Mordgier im geröteten Auge. Alle Tapfersten flohen; 43 dem Schnellfüßigen aber entrann keiner, daß von rinnendem Blut der Fluß Skamander dampfte und überschwoll und die Götter selbst in der Höhe es schaudernd sahen: bis Achill Hektor, den edlen, erspähte, ihn, der ihm den Freund getötet. Da brach er los in furchtbarem Frohlocken und hetzte den Verzagten, bis er ins Knie sank, und durchstieß ihm die Kehle und schleifte den Leichnam siebenmal um die Mauern der Stadt. Dann erst ermattete sein Wahnsinn. Er warf sich weinend über Patroklos. Die Rache war gesättigt, aber den Toten weckte es nicht auf. Es war vergebens.

So zerrte die Furie der Hölle sein junges Herz in unlautere, blinde Leidenschaft und in den Schlamm des Argen. Wer rettete ihn? wer heilte ihn? wer gab ihm die Kraft, sich aufzurichten?

Er tat es selbst. Als der Abend kam, da erschien Priamos, der hochbetagte, der Vater Hektors, mit wankenden Knien bittflehend im Zelt des Verfinsterten, warf sich ihm klagend zu Füßen und bat mit zitternden Lippen um den Leichnam seines Sohnes. Und Achill sah die Tränen, und die Ehrwürdigkeit fremden Schmerzes ergriff ihn ganz, und er fühlte die Heiligkeit des Alters, und er hob Priamos lind an den Händen auf und gedachte des eigenen Vaters Peleus, der ohne Sohn fern in Pthia alterte, und mischte seine Tränen mit denen des Feindes, speiste und labte ihn und gewährte ihm alles und suchte mit kindlichem Wort die Wunde des Leides zu lindern, die er selbst nach dem harten Recht des Kriegs ihm gerissen.

Dann erhob er sich. Das Trauern fiel hinter ihn. Seine Seele war gereinigt, und er war reif zum größeren Kampf. Denn Memnon, der dunkle, der schöne, zog aus Assur mit mächtigen Scharen Troja zu Hilfe, 44 Memnon, der Sohn der Eos, der holden Göttin des Morgenrots.

Mit Bewunderung und Staunen grüßten sich die jungen Helden auf dem Felde, Memnon und Achill, jeder der Sohn einer Göttin, jeder unüberwindlich, jeder klirrend in Waffen, die ein Gott geschmiedet; dann schwangen sie im Zweikampfe die Riesenschilde und streckten die eschenen Lanzen zum gewohnten Sieg. Es war, wie wenn im Weltall zwei Sterne auf ihren Bahnen zusammenrennen. Der Sonnenaufgang stand wider den Sonnenuntergang, und die Götter selber spalteten sich, und der Himmel begann zu zweifeln. Thetis und Eos, beide göttliche Mütter, knieten vor Zeus, wettflehend um Sieg, und auf des Erhabenen nachtender Stirne woben Gedanken unergründlichen Ratschlusses. Er stand auf, ergriff die Wage der Gerechtigkeit und warf das Los beider Helden in die ehernen Schalen und hielt sie so stehend hoch über der Schlacht. Aber siehe: keine Schale sank; sie schwebten nur zaudernd auf und nieder, und ein atemloses Harren ging durch die Welt. Die Speere der Fechter zerschellten an ihren Schilden, und der Mut beider Helden wuchs.

Jetzt aber zersprang das Schwert Memnons; Memnon stand ratlos ohne Wehr. Achill jedoch gab ihm bewundernd das seine und ließ sich selbst ein schlechteres reichen und holte erst danach zum neuen Schlage aus. Da senkte sich in des Gottes Hand langsam und traurig Memnons Schale herab, und sein Harnisch brach, und er stürzte nieder, ins Herz getroffen. Als die Nacht kam, entschwebte Eos mit Memnons Leiche und setzte eine Säule auf sein Grab im fernen Ost. Und die Säule erklang und erklingt an jedem Morgen, wenn Eos am 45 Himmel aufgeht und ihr erster Strahl zärtlich den Stein berührt.

Frühen Tod, aber auch Ruhm zugleich, das hatten die Parzen dem Achill verheißen. Erst jetzt war sein Ruhm vollendet, fleckenlos und untadelig.

Und Achills Ruhm wurde laut. Jetzt stand Homer auf, der Dichter, und in den Städten und von Meer zu Meer und bis zum Himmel scholl das Wunderlied von Ilion und vom Heldensohn der Thetis. Thetis hörte es, und Todesentsetzen befiel sie, und sie flehte heftiger: »Zeus, Zeus! hilf noch einmal! mach' sie alle blind! Es soll fortan kein Ruhm mehr sein. Mach sie blind, diese Sänger, daß sie verstummen.« Zeus lächelte ihres Unverstandes und machte an einem Tage den Homeros blind und alle Sänger der Heldenzeit. Aber siehe: sie sangen fortan nur noch herrlicher, so wie das Lied der Nachtigall, die man blendet, unermüdlich und doppelt süß ertönt. Apoll aber, der der Spender des Liedes und der Schützer der Sänger ist, Apoll warf seinen Haß auf Thetis und Achill, und er rief dem Tode, daß er komme.

Da erscholl zum letztenmal der Möwenschrei über dem Ida. Mit zerrauftem Haar warf sich Thetis angstgepeitscht vor des Gottes Thron, und aller Glanz fiel aus ihrem Angesicht. »O daß ich stürbe! ich! ich! Soll er schon jetzt, kaum zwanzigjährig, von hinnen fahren? Mir, mir gib die Vernichtung und rette ihn, Herr. Meine Gottheit ist mir ein Fluch, und ich kranke am ewigen Leben. Die Abgründe der Erde reiß auf und stoß mich hinunter in die gähnende Tiefe des Tartarus, und ob ich verlechze am Kozyt, und ob ich in ewiger Qual vergehe, und ob ich ersticke am Pechqualm der grausigen Finsternis: aber ich werde dann dort einst 46 mein Kind, mein Kind haben und Achill, den ich geboren, wiedersehen, und sein Tod wird mein Tod sein und seine Seligkeit meine Seligkeit und die Erinnerung seiner Vollendung ein Labequell der Verdurstenden, der nie verrinnt!«

So weinte Thetis, wie noch kein Gott geweint. Da zuckten die schweren Wimpern in Gottes Auge, und ein Tau der Rührung schimmerte darin, aber er verbarg seine Gnade in Tadel: »Deine wilde Torheit endet nicht, du Allzuzärtliche! Glaube mir: in der Jugend vollendet sterben ist schönstes Erdenlos. Gönne ihm sein Schicksal. Aber ich verhieß dir Hilfe, selbst wo du irrst. Ein letztes Mittel ist da. Achill wähle selber. Denn sein Wille ist frei.«

Und Zeus winkte Hermes, dem hellen Gott der Klugheit, und gab ihm Auftrag, und auf geflügelten Schuhen trat Hermes, da es Nacht war, hinaus in die leere Luft, ließ sich lotrecht fallend zum Griechenlager hinab, und eine Lichtlinie zuckte durch den Himmel, wie wenn ein Stern fiele. Achill saß einsam wach. Einen Löwen hatte er im Gebirge gefangen; mit dem spielte er aufgeräumt und harrte auf den Anbruch des neuen Tages, da er versuchen wollte, die Tore Trojas aus ihren Angeln zu heben.

Da sprang er geblendet auf. Sein Zelt war voll Helligkeit, und in einer Glanzwolke sah er den Gott und schwieg in Ehrfurcht, und der Löwe senkte die Mähne und legte das schwere Haupt andächtig auf seine Tatzen.

»Sinnst du immer noch Schlachten, Achill?« hub Hermes an, »und gedenkst nicht des Endes? Zeus sendet mich, und er spricht zu dir: zieh heim! Dein greiser Vater Peleus in Pthia trauert: geh hin und tröste ihn. 47 Deïdamia, deine Freundin und dein Weib, die du auf Skyros verlassen, sie trauert auch: geh hin und führe sie in das Haus deines Vaters, wie es dir zukommt. Auch gebar Deïdamia einen Knaben, Neoptolem. Er lebt vaterlos. Erziehe den Knaben nach deiner Pflicht zur Tapferkeit, daß er dir gleich werde. Lerne in der Heimat den Segen der Stille, die Kunst des Friedens; rüste Gelage und koste die Erdenwonnen, die weiche Muße und das Ausruhen, wie die Götter es jedem Tapferen gönnen, und der Tod wird fliehen vor dir, der schon zum Schlag ausholt.«

»Sage Zeus,« begann Achill, »daß ich ausharre vor Troja, bis es in Asche liegt. Das hab' ich den Königen der Griechen zugeschworen.«

»Wir lösen den Eid!«

»Das kann kein Gott, wenn ich selbst mich des Eides nicht entbinde.«

Hermes aber fuhr fort: »So freue dich der Erkenntnis wie wir; denn die Götter wollen dich des Höchsten würdigen. Fragst du nicht nach dem Sternenlauf? Ich will dich lehren, ihn zu ergründen. Fragst du nicht, woher die Winde kommen? und Winter und Sommer und Tag und Nacht? und die Quellen des Meeres? und was dem Adler seine Kraft gibt und dem Erz seine Schwere?« Und Achills heller Geist begann zu lauschen. »Erhebe dich! Ich will dir das All erschließen. Du sollst sehend werden wie wir.«

Und Hermes führte Achill einsam in grauer Morgenfrühe auf eine Klippe des Hochgebirgs, als noch die Heere schliefen, schwang dreimal seinen schlangenumwundenen Zauberstab in die Sphären, und der Himmel stand offen, und Achills Augen gingen über vor Glanz, und er lachte hell wie ein Knabe und schaute alles, den 48 Olymp und die Schlünde der Unterwelt und die Wurzeln der Erde selbst. Ein Eichenbaum, von Flügeln getragen, der stand frei im leeren All, auf seiner Krone aber hing das Gewand der Welt, in das Zeus Himmel, Länder und Meere gewoben.

Da erlahmte im Jüngling aller Wille, und sein Denken verlor sich im Nicht-Ich, und er entschwebte im Schauen, und er bemerkte nicht, daß auf der Erde der Tag begann. Und schon rüsteten die Götter, den tief Träumenden zu entrücken und durch die Luft hinwegzutragen nach Leuke, dem Märchenland, wo er nach Art der Olympier zu seiner Mutter Freude überirdisch und unvergänglich leben sollte – als von den Mauern Trojas zum Ida empor das Feldgeschrei scholl: »Achill ist fort. Der Schreckliche feiert. Zur Schlacht, zum Sieg!« So riefen die Trojaner, und das Wehklagen der Myrmidonen scholl: Laßt uns fliehen. Sein Zelt ist leer. Er hat uns nicht Treue gehalten, und wir sind wehrlos vor dem Feinde!«

Da erwachte das Ich in der Seele des Helden und schlug in Flammen auf: »Schließet den Himmel! Was soll mir Erkenntnis, Allwissenheit, wenn man an meines Namens Ehre rührt? Die mir vertraut sind, die brauchen mich. Ich renne gegen Trojas Mauern.«

Aber Apoll – schon stand hochgereckt Apoll über dem Skäischen Tor mit gespanntem Bogen, Mißgunst im Feuerauge, und sprang herab ins Gefilde und schoß von hinten den Pfeil in Achills Ferse. Der junge Held fühlte es erstaunt und wollte rennen, den Pfeil im Fuße. Aber Götterpfeile sind tötlich wie die Pest, und er verblich mit Weheschrei und schlug nieder auf sein Angesicht.

Und sein Grabmahl wurde hoch erhöht am Strand, 49 daß Thetis, die Mutter, es schauen konnte. Die Sonne erlosch, und Himmel und Erde trauerten. Die Nereïden aber sangen das Meer entlang: »Wer herrlich im Gedächtnis der Zukunft lebt, ist selig zu preisen. Seliger noch das Gedächtnis derer, in denen der Herrliche weiterlebt! Denn wie die Wogen, so sind die Geschlechter der Sterblichen; sie rollen und heben sich und sind gewesen.«

Das sangen die Meerfrauen und singen es noch heute.

Sehen Sie, teure Freundin: das Ägäische Meer liegt vor uns in schwarzer Nacht, die Schleier des Grams wehen auf und ab, und weiße flehende Hände strecken sich aus dem feuchten Abgrund in die bleichen Wolken. Und aus der tiefsten Brust der Natur kommt ein Stöhnen herauf und leises Wimmern unermeßlich süßer Schwermut, die das Herz auflöst: das unendliche Herzeleid einer Gottheit, die einen Menschen liebte. Der Mutterschmerz ist ewig wie das All. Wohl der Mutter, die ihrem hochstrebenden Sohne sein kurzes, leuchtendes Leben durch engherzige Sorge nicht verdüstert! Und wohl dem Sterblichen, der da Schmerzen leidet; denn seine Schmerzen sterben mit ihm. 50

 

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